, den Bewerbungen , mit denen man mich ehrte , Folge zu leisten , besonders da die Mehrzahl jener Bewerber mir vollkommen gleichgültig , und ich ihnen fast ganz fremd war . Sie kennen mich lange und gut , und ich gestehe Ihnen gern , daß Ihre Freundschaft mir werth , daß mir an Ihrer Achtung gelegen ist ; aber niemals die Ihre zu werden , war noch vor wenig Tagen mein fester Entschluß . Ich wollte mich nicht verheirathen . Nicht das Zureden meiner Schwester macht mich in meiner Gesinnung schwanken , sondern die ernsten Vorstellungen meiner Tante , die mich sehr ergriffen haben . Ich habe schwer mit mir gekämpft , und ich will die Ihre werden , wenn ich Ihnen nach diesen Geständnissen genüge . Ich erkenne vollkommen und freudig Ihren Werth an , darum aber zweifle ich , daß ein gebrochenes Herz Ihrer würdig sei . Glauben Sie dennoch , daß ich zu Ihrem Glücke beitragen könne , so thue ich es von Herzen , und will streng über mich wachen , das Glück zu verdienen , das einer Frau an Ihrer Seite werden kann . Mit innigster Achtung . Clementine . Der Geheimrath v. Meining an Clementine . Haben Sie Dank ! wir werden glücklich sein . Theure , holde Geliebte ! Ist es denn nicht die Pflicht des Arztes , zu heilen und zu lindern ? Wie gern will ich Dich schonen , meine Clementine ! wie sorgsam werde ich die wunde Seele meines kranken Weibes hüten und heilen ! Wirf die Vergangenheit von Dir , insofern sie Dich schmerzt , bewahre jedes Andenken , das Dir werth ist ; nur Eines versprich mir und nimm es als Beweis meines vollen Vertrauens - nenne mir nie den Namen des Mannes , der Dich leiden machte , niemals , Geliebte ! Ich kenne Dich und traue Dir unbedingt . In drei Tagen kehre ich zurück ; möge die Hoffnung auf dies Wiedersehen , meine holde , meine theure Braut ! Dich so beglücken , als mich . Auf Wiedersehen denn , Geliebte ! Der Deine . Meining . Drittes Capitel Die Tage bis zur Rückkehr des Geheimraths vergingen Clementinen in der heftigsten Aufregung . Der Brief ihrer Tante , die Bitten und Vorstellungen Reich ' s und ihrer Schwester , hatten sie zu einem Entschlusse gebracht , dessen sie sich nie fähig gehalten hätte . Meining war ihr mit so edlem Vertrauen entgegengekommen ; es hob sie in ihren eigenen Augen , daß sie , deren Herz seine Jugend eingebüßt hatte , noch einen so bedeutenden Mann , als Meining , fesseln und beglücken könne ; sie wollte ein neues Leben beginnen , weil sie es nun einmal gelobt , ihre Vergangenheit zu opfern ; und bei all ' diesen Entwürfen zitterte sie vor dem Gedanken an Meining ' s Ankunft . Während der letzten Nacht , die sie schlaflos verbrachte , fiel ihr plötzlich ein , sie müsse eigentlich noch einmal an Robert schreiben , ihm ihre Verlobung anzeigen und ihm befehlen , sie ganz wie eine Fremde zu betrachten , wenn sie jemals sich begegnen sollten . Aber Robert schreiben ? durfte das Meining ' s Braut ! - ihm befehlen , sie zu meiden , hieße ja , ihm bekennen , daß er ihr theuer und gefährlich sei , und befehlen ? - ihm befehlen , dessen Auge ihr Leitstern , dessen leisester Wunsch ihr unumstößlichstes Gesetz gewesen war ? - Alle ihre alten Qualen , alle ihre Gewissensbisse bestürmten sie aufs Neue , sie wollte für Meining leben und dachte nur an Robert . In wirren Fieberträumen verging der letzte Theil der Nacht , der Morgen sah hell und klar in ihr Fenster , als sie die schweren , müden Augenlider aufschlug . Sie war vollkommen ermattet , ließ sich theilnahmlos ankleiden und sah kalt wie eine Fremde den Anstalten zu , die Marie mit unruhiger Freude für die Ankunft des Geheimraths traf . Endlich erschien er . Clementine , die in entscheidenden Momenten eine große Gewalt über sich besaß , ging ihm bis zur Thüre entgegen und bot ihm ihre Hand zum Willkomm ; er schloß sie herzlich in seine Arme , küßte ihre Stirne und der Bund war geschlossen . Es liegt im Charakter der Frauen , sich in unabwendbare Verhältnisse leichter zu fügen , als man es nach der Unruhe , die sie vor der Entscheidung peinigt , für möglich halten sollte . So war denn auch die neue Braut plötzlich zu einer Ruhe und Klarheit gekommen , die Meining entzückte , und ihrer Familie die Ueberzeugung gab , daß sie Recht gethan hätte , auf diese Verbindung zu dringen . Es war im Beginne des Frühjahres , und schon im Juni sollte die Hochzeit gefeiert werden . Clementine traf selbst die nöthigen Anstalten für den neuen Haushalt , hatte eine Menge Meldungsbriefe an entfernte Freunde zu schreiben , Glückwünsche zu beantworten und blieb dadurch in einer fortwährenden Thätigkeit , die ihr wenig Zeit zum Nachdenken übrig ließ . Ihr Bräutigam brachte jeden Abend und jede Stunde , die sein Beruf ihm frei ließ , in ihrer Gesellschaft zu und hatte , aufgeregt durch die neuen Verhältnisse , eine Jugendlichkeit wieder gewonnen , die er längst verloren , und deren er sich nicht mehr fähig geglaubt hatte . So war sie ihm von Herzen gut geworden , da sie mit jedem Tage seinen gebildeten , klaren Geist und seinen liebenswürdigen Charakter mehr kennen lernte , der sich freilich grade jetzt in seinem günstigsten Lichte zeigte , und darum Clementine die Hoffnung auf eine beglückende Zukunft gab . Indessen rückte endlich der Hochzeitstag heran , dessen Vorabend in einer befreundeten Familie , nach alter , deutscher Art , mit Poltern zugebracht werden sollte . Dem Brautpaare selbst war das nichts weniger als angenehm ; man konnte sich aber dem wohlgemeinten Anerbieten der Freunde nicht füglich entziehen , und Meining äußerte lachend , am Ende sei auch eine ganze glückliche Zukunft mit ein paar lästigen Stunden nicht zu schwer erkauft . Sie fuhren zum Polterabende hin und Clementine fühlte sich auf das Unangenehmste berührt von dem widrigen Wechsel possenhafter Scherze und ganz ernsthafter Gedanken , weil sie selbst so ernst , so feierlich gestimmt war , daß jeder Scherz sie verletzen mußte . Meining hingegen nannte das Ganze nur eine langweilige Einrichtung , die man aber leicht aushalten könne , und mußte über manchen Einfall von Herzen lachen , obgleich er eben so froh war als seine Braut , als die Gesellschaft sich endlich trennte , da die Mitternacht lange vorüber war . Nachdem er Clementine vor ihrem Hause aus dem Wagen gehoben hatte , und sie , einen Augenblick vor der Thür weilend , sich nach dem Schlosse wendete , fielen die letzten matten Strahlen des Mondes zitternd darüber hin , und es schien ihr unmöglich , sich jetzt , mit dem übervollen Herzen , in die engen Räume eines Zimmers zu sperren . Lieber Freund ! bat sie , wenn Sie nicht zu müde sind , geben Sie heute noch einem , vielleicht überspannten Einfalle nach ; ich will dafür auch von morgen ab eine grundvernünftige Frau werden . Lassen Sie uns hinauf gehen auf ' s Schloß , es ist kaum eine Stunde bis Sonnenaufgang ; wir wollen heute , an dem Tage , an dem uns Beiden ein neues Leben beginnt , auch den Tag beginnen sehen . Der Geheimrath war es gern zufrieden ; die Nacht war schön und mild . Schweigend stiegen sie den Weg hinan , der von der Hirschgasse aufwärts führt . Eine Reihe wechselnder Gedanken zogen durch Clementinens Brust , sie sah Meining an , und auch vor seinem geistigen Auge schien sein früheres Leben , schien ihre Zukunft vorüberzugehen . Es war ein feierlicher Gottesdienst in ihrem Herzen . Oben auf der Höhe angelangt , sah man nichts , als einen dichten , weißen Nebel , der die ganze Gegend verdeckte ; die Luft wehte kühl und Meining zog besorgt die wärmende Hülle um die schlanke Gestalt seiner Braut . Gedankenvoll ließen sie sich auf der Bank vor dem Weingärtchen nieder . Da plötzlich schmettert ein tausendstimmiger Lerchenchor gen Himmel , der Nebel zerreißt vor dem ersten Lichtblick der Sonne , und wie von unsichtbaren Geisterhänden fortgezogen , schwindet der dichte , weiße Schleier und das Neckarthal liegt vor den trunkenen Augen der Entzückten . Drüben das kleine Weinheim mit seinen in Laub versteckten , weißen Häusern ; vor ihnen der lachende , jugendmuthige Strom mit Kähnen , die von Neckargemünd daherzogen , um sie her die Wipfel der Bäume , die am Fuße des Berges wurzeln , mit dem berauschenden Dufte der ganzen reichen Vegetation , und zu ihren Füßen das kleine schlummernde Heidelberg . Clementine war sehr ergriffen von der Herrlichkeit des Augenblicks . Das reinste , heiligste Gefühl zog ihr Herz zu den Menschen , die Gott einer solchen Welt werth gehalten , und mit Thränen der Begeisterung warf sie sich an Meining ' s Brust und sprach : Ach , laß uns schön sein , wie diese Welt , wahr und rein , wie dies Licht . Jetzt , jetzt bin ich Dein und mehr als irgend ein Eid morgen am Altare , bindet mich diese Stunde an Dich . Ja , wir wollen glücklich , wir wollen dieser Welt werth sein ! Sieh , Guter ! ich habe jetzt nichts , nichts mehr auf der Welt als Dich . Sei Du meine Welt , stehe mir bei , wenn ich wanke , und verlasse mich nie ! Sie war während des Sonnenaufgangs plötzlich aufgestanden , in heftiger Bewegung vor Meining auf die Kniee hingesunken und badete seine Hände in Thränen . Er zog sie , gerührt und erschreckt durch ihre Leidenschaftlichkeit , empor , preßte sie fest an seine Brust , und der innige Druck seiner Hand , der Ton seiner Stimme hatten noch mehr Beruhigendes , als die Worte : Mein theures , theures Weib ! ich werde Dir nie fehlen , Du bist mein und nichts soll uns jemals trennen . - Eine Weile hielt er sie noch schweigend in den Armen , dann trieb er zum Aufbruch , denn Clementine schauerte in der leichten Kleidung ; und um sie allmälig zu beruhigen , sagte er scherzend : komm , komm , mein Herz ! daß uns die guten Heidelberger nicht zurückkehren sehen ; was würden die von ihrem Arzte denken , wenn sie wüßten , daß er seine Braut dem ungesunden Morgennebel preis gibt . - So , unter freundlichen Gesprächen , führte er die leidenschaftlich Bewegte den Berg hinab zu ihrem Hause . Viertes Capitel Der Hochzeitstag , die Feste nach demselben waren schon eine geraume Zeit vorüber , das Beisammensein war für die beiden Eheleute zu einer ruhigen Gewohnheit geworden . Meining war ungemein beschäftigt , seine Kranken , seine Collegia , ein größeres Werk , das er zu schreiben begonnen , und das während des Brautstandes liegen geblieben war , nahmen seine ganze Zeit in Anspruch ; während Clementine eigentlich ohne alle wirkliche Beschäftigung war und es ihr selbst an jenen wohlthätigen Zerstreuungen fehlte , die der Umgang mit Freunden sonst zu bieten pflegte . Ihre Haushaltsangelegenheiten ließen sich in einer Stunde abthun ; Meining war den ganzen Morgen außer dem Hause in Anspruch genommen ; kehrte er Mittags zurück , so hatte ihn die große , angreifende Praxis müde gemacht , er mußte nothwendig eine Stunde der Ruhe haben , um sich für die Geschäfte des Nachmittages zu stärken , und waren auch diese endlich beendet , dann ging es an ein so eifriges Arbeiten und Studiren , daß sogar Clementinens Vorschläge zu kleinen Ausflügen , zu denen die reizende Lage Heidelbergs so sehr verlockt , fast immer abgewiesen werden mußten . Führte das Abendessen sie endlich doch zusammen , so war Meining so zerstreut , innerlich so sehr beschäftigt und so abgespannt , daß er oft um Entschuldigung bat und seinen Beruf verwünschte , der ihn ganz und gar verlange , und ihm den ruhigen Genuß seiner Häuslichkeit unmöglich mache . Vor seiner Verheirathung hatte der Geheimrath oft mit Clementinen den Plan besprochen , sich von den größeren Gesellschaften fern zu halten , in denen er bisher fast jeden Abend zugebracht und deren er überdrüssig geworden war , und sie war das gern zufrieden gewesen . Statt dessen wollten sie einen kleinen Kreis gewählter Freunde , wenigstens einmal in der Woche , bei sich versammeln , von deren traulichem Umgange sich beide Eheleute viel Genuß versprachen , und den sie am Anfange des Winters wirklich mehrmals eingeladen hatten . Grade an solchen Abenden war dann Meining aber zufällig abgerufen worden , nach einer Stunde zerstreut von dem Bette eines schwer Erkrankten wiedergekehrt , und eine nicht zu beschreibende Mißstimmung hatte sich dadurch der kleinen Gesellschaft bemächtigt , die der Wirthin freundlichste Aufmerksamkeit kaum zu bannen vermochte . Es wurde also auch dieser Versuch bald aufgegeben , denn Meining selbst schien keine Lust daran zu finden . Er erklärte offen , diese Art von Geselligkeit dünke ihn noch viel unbequemer , als die großen Zirkel , in denen man ungestört plaudern und unbeachtet schweigen könne ; ja er fühle entschieden , daß er jetzt , wo er seine Clementine bei sich habe , erst die Sphäre gefunden , in der ihm nach der Arbeit wohl und behaglich werde . Glaube mir , pflegte er zu seiner Frau zu sagen , für mich beginnt in Dir ein neues Leben ; ich arbeite zehnmal mehr und besser als früher , denn ich arbeite nicht für mich allein ; und ich finde nach der Arbeit hier bei Dir mehr Freude und Genuß , als mir jemals die Gesellschaften geboten haben , in denen ich stundenlang im Frack , den Hut in der Hand , Conversation machen und wahre Thorheiten anhören mußte . Wenn Du mir beistimmst , leben wir Beide nur für uns allein . Clementine willigte ein . Ihre geselligen Verbindungen lösten sich fast ganz auf , sie sah es ziemlich gleichgültig an , weil Meining ' s Zufriedenheit ihr letztes Ziel war , und sie selbst in der Ehe mehr und Anderes gesucht hatte , als ein glänzendes Leben in der Gesellschaft . Ihre ungewöhnliche geistige Regsamkeit , die Meining an dem Mädchen so interessant gefunden , war in der Zurückgezogenheit , in der sie lebten , doppelt groß geworden ; der Kreis ihrer Gedanken hatte sich in den neuen Verhältnissen erweitert ; sie fühlte sich berechtigt und werth , auch das geistige Leben ihres Mannes zu theilen und zu verschönen , und sehnte oft den Abend herbei , um mit Meining ein paar Stunden plaudern zu können , weil sie hoffte , er würde , wie als Bräutigam , Lust daran finden , er würde ihr die Ereignisse des Tages mit jener sicheren Klarheit , die ihm so eigenthümlich war , erzählen , ihr seine Gedanken darüber mittheilen , ihre Ansichten hören und berichtigen - mit einem Worte , er würde sie wie einen Freund betrachten , wie den vertrautesten Freund , dem jeder Gedanke enthüllt werden muß , weil er ihn versteht , weil er ihn liebt , um des Freundes willen , der ihn gedacht hat . Dazu kam es aber nur sehr selten . Clementine schmerzte das . Sie konnte sich des Gedankens nicht entschlagen , daß Meining ihre geistigen Eigenschaften jetzt weit weniger als früher schätze , daß er diese an seiner Gattin leicht entbehren , vielleicht gar nicht einmal vermissen würde . Er bedurfte nur einer sorglichen Frau , einer freundlichen Gesellschafterin , mit der er sich , wenn er nicht zu müde war , über unbedeutende Dinge heiter unterhielt , die er wirklich sehr lieb hatte und der er gern viel Freude bereitet haben würde , hätte er vor übergroßer Beschäftigung nur die Zeit gefunden , an Das zu denken , was sie freuen könnte . Vor Allem aber fühlte er sich sehr froh , ein so behagliches Haus und eine Frau zu besitzen , die jedem seiner Wünsche mit der größten Bereitwilligkeit zuvorkam . Er pries sich glücklich , grade diese Frau gewählt zu haben , er zweifelte nicht , daß sie sich zufrieden fühlte , weil er es war und es noch immer mehr wurde , je länger sie mit einander lebten . Ganz anders sah es aber nach Jahresfrist in der Seele seiner Frau aus . Sie konnte nie jenen Sonnenaufgang an ihrem Hochzeitstage vergessen ; und es schmerzte sie tief , daß trotz der Treue , mit welcher sie das Versprechen jener Stunde gehalten , ihr das Glück nicht zu Theil geworden war , das sie sich damals erhofft . Es schmerzte sie , daß das Leben , ohne unsre Schuld , so weit zurückbleibt hinter Dem , was es sein könnte , daß es uns nicht vergönnt ist , Das zu werden , wozu die Fähigkeit in uns liegt . Sie konnte den Wunsch nicht aufgeben , mehr von der Seele und dem Herzen ihres Mannes zu besitzen , als jene ruhige Neigung , die er für sie hegte . Es war zuerst ihr Aeußeres gewesen , das ihn angezogen ; er hatte dann ihren guten Willen , ihr wohlwollendes Herz und einen sittlichen , zuverlässigen Charakter in ihr erkannt , und diese Eigenschaften schätzte er an ihr . Aber jener Schätze von Liebe und Hingebung , deren sie sich bewußt war , bedurfte der ruhige , ältere Mann nicht . Er war kein leidenschaftlicher Liebhaber , wie Robert , der heute die Geliebte kränkte und ihre Nachsicht erforderte , während seine Liebe morgen ihre Thränen trocknete und eine Versöhnung herbeiführte , die durch den gehabten Schmerz nicht zu theuer erkauft wird . Es verstimmte sie , daß Meining ihre Theilnahme an seinem geistigen Leben kaum zu begehren schien , und obgleich sie sich ihm aus Ueberzeugung freudig unterordnete , hätte sie es doch gern gesehen , daß er , der sich sonst an ihrem Geiste stets erfreut , sie auch in der Beziehung neben sich mehr hätte gelten lassen . Sie vermißte es oft auch schmerzlich , daß er sie in ihrem Enthusiasmus für das Schöne und Große zwar gewähren ließ , daß er ihn aber nicht mit ihr zu theilen schien ; und sie bedachte nicht , daß sie von dem bejahrten Manne nicht die Leidenschaftlichkeit fordern könne , die ihr angeboren und durch ihre Liebe zu dem enthusiastischen Robert nur gesteigert worden war . Mag immerhin Selbstsucht in dem Gefühle liegen , Andere auf die Art und Weise beglücken zu wollen , die uns die beglückendste scheint , ohne zu fragen , ob es eben auch die Weise ist , die man von uns begehrt , es ist eine Selbstsucht , von welcher nur wenige Menschen ganz frei sein möchten , und sie quälte Clementine um so mehr , weil sie sich nicht zufriedengestellt fühlte und weil sie nicht so glücklich zu machen glaubte , als sie es gewünscht hatte . Sie wollte ihrem Manne einen wahren Himmel bereiten , und er begehrte nur ein ganz gewöhnliches Erdenglück , und in besonders traurigen Stunden war ihr eben deshalb häufig der demüthigende Gedanke gekommen , daß jede tüchtige , gutmüthige Haushälterin sie ihrem Manne ersetzen , ihm das Glück gewähren könne , das er in ihr finde . Sie that ihm und sich damit zu nahe , und dennoch lag etwas Wahres auch darin . Sie hatte an sich die Erfahrung zu machen , die sich täglich im Leben wiederholt , daß Altersverschiedenheit für das Glück der Ehe gefährlicher wird , als man gewöhnlich glaubt ; auch selbst in dem Falle , wenn der Mann der bedeutend Aeltere ist . Das Mädchen , wenngleich nicht mehr jung , bekommt durch die Ehe eine zweite Jugend , während der ältere Mann , den man bis dahin noch immer einen Mann in den besten Jahren , einen Heirathscandidaten nannte , plötzlich vom geselligen Schauplatz abgetreten , durch die Ehe zu einem alten Manne wird , sobald die ruhige Häuslichkeit ihn von der Mühe , jung und glänzend zu scheinen , befreit . Der ältere Mann , der sich verheirathet , will gewöhnlich ausruhen vom Leben ; das ältere Mädchen , deren Gefühl nicht so durch das Leben verbraucht ist , wie das der Männer , will nun erst zu leben beginnen , und es kann dabei an Täuschungen und Enttäuschungen nicht fehlen . So gewöhnte sich auch Clementine in einer Art stummer Entsagung allmählich neben ihrem Manne wieder an das stille Innenleben , zu dem sie sehr geneigt war und das sie Jahre hindurch als Mädchen geführt hatte . Sie erfüllte auf ' s Strengste ihre Pflichten , suchte nach Beschäftigung umher , ergriff , der Billigung Meining ' s gewiß , bald dies bald jenes und fühlte sich immer unglücklicher , je länger dieses Suchen währte . Gar oft sehnte sie sich in jene Zeit zurück , in der sie einsam da gestanden und ungestört das Recht besessen hatte zu leiden , weil Niemand da war , der mit ihr und durch sie litt . Jetzt war das vorüber . Was sollte Meining denken , wenn er sie traurig , oder gar wenn er sie weinend fände ? Hieße es nicht mit Undank seine ruhige , immer gleiche Güte lohnen , wenn er sie nicht zufrieden sähe ? Sie zwang sich zufrieden und glücklich zu scheinen , weil die Vernunft es forderte , aber ihr Herz wußte nichts davon , und ihr Körper litt unter dem Zwang , den sie sich auferlegte . Eine krankhafte Abspannung bemächtigte sich ihrer , und wurde dem Auge ihres Gatten endlich sichtbar . Auf sein ängstliches Befragen erklärte sie aber , sie sei durchaus gesund , er sähe ja selbst , daß sie keine Schmerzen habe ; es müsse ein zufälliges Unbehagen sein , das sich gewiß bald geben würde . Seinen Vorschlag , mit ihrer Schwester und mit deren Kindern das nahe Baden zu besuchen , schlug sie ab , weil sie sich weder Heilung noch eine Zerstreuung davon versprach , und vor Allem weil sie Meining , der sich schnell an sie gewöhnt hatte und sie nur ungern vermißte , nicht verlassen wollte . Er wenigstens sollte Nichts entbehren . Sie nahm sich vor , mehr als je über sich zu wachen , sie schien auch wieder heiterer zu werden und neue Kraft zu gewinnen , Meining beruhigte sich über ihren Zustand , und es blieb Alles so , wie es gewesen war . Wie konnte es auch anders sein ! Clementine , aufgewachsen unter der warmen Sonne der Liebe , hatte sich plötzlich in die gemäßigte , wenn auch noch milde Zone ruhiger Vernunft verpflanzt gefunden , in welcher ihr Herz nicht die Nahrung fand , wie sie dieselbe bedurfte , und nicht freudig leben und treiben , sondern nur kränkelnd fortvegetiren konnte , ohne Farbe , ohne Blüthe , durch die eigene angeborne Kraft . Fünftes Capitel Es war im Sommer am zweiten Jahrestage ihrer Hochzeit , als Clementine arbeitend in ihrem Zimmer saß , in einer jener Stimmungen , in denen alles Leid der Welt auf uns zu drücken scheint . Sie hatte am Morgen ihren Mann aufgesucht , ihn beschäftigt gefunden und ihn nicht sprechen können ; dann hatte sie , weil ihr das Herz so voll war , ihrer Tante schreiben wollen ; aber was konnte sie ihr sagen ? Der Briefwechsel zwischen ihnen war sehr selten geworden . Unwahr gegen diese treue , mütterliche Freundin zu sein , hätte sie nicht vermocht , und ein Wort der Klage , des Mißmuthes laut werden zu lassen , wäre ihr wie ein Unrecht gegen Meining vorgekommen , das dieser nicht um sie verdient hatte . So war es kein bestimmter Schmerz , der sie drückte , aber eine Traurigkeit , eine Müdigkeit , die schlimmer waren als Schmerz . Trübe Ahnungen einer freudlosen Zukunft wechselten mit wehmüthigen Erinnerungen an eine längst entschwundene Zeit . Sie dachte der Zuversicht , mit welcher sie vor zwei Jahren in dies Haus getreten war , und wie wenig sie das Glück gefunden , das sie gehofft ; freilich war es nur ihre Schuld , denn ihr Mann war sich gleich geblieben , immer gut und freundlich gegen sie . Es sei eine Schwärmerei , sagte sie sich , daß sie nicht glücklich zu sein vermochte mit einem Loose , das hundert Frauen ihr beneidet hätten . Wie durfte sie auch von dem bejahrten Manne eine Leidenschaft fordern , die sie selbst nicht für ihn fühlte ? Ihre auf Achtung gegründete Neigung erwiderte er herzlich , aber Liebe , wie sie derselben bedurfte , konnte er nicht mehr empfinden , seine Frau konnte nicht sein ausschließlicher Gedanke sein , da er durch seinen Ruf und seine Berühmtheit der Welt gehörte . Er hatte eine Frau genommen , um an ihrer Seite Ruhe zu finden nach der Arbeit des Tages . Dafür hatte sie Theil an seiner Ehre , trug seinen berühmten Namen und hatte ja selbst nur ein ruhiges Glück erwarten können , als sie die Seine geworden war . Wie durfte sie mehr verlangen ? Wie sich zurücksehnen nach den lebhaften , stürmischen Eindrücken ihrer Jugend ? Sie klagte sich an , ungerecht gegen Meining zu sein ; sie war unzufrieden mit sich selbst und versank zuletzt in ein dumpfes Hinbrüten , aus dem ihres Gatten Tritte , die sie auf der Treppe hörte , sie aufschreckten . In der besten Laune trat er in das Zimmer . Er hielt einen großen Brief in seiner Hand . Rathe , liebe Frau ! sagte er , was ich Dir hier bringe ? Aber rathe etwas Großes , Gutes , denn es übertrifft meine Erwartungen und wird auch Dich sicher sehr erfreuen ! Clementine rieth mehrmals vergebens , bis der Geheimrath ihr den Brief zu lesen gab , der die Anfrage des preußischen Ministeriums enthielt , ob er sich entschließen könne , seine Heidelberger Verhältnisse mit einer Anstellung in Berlin zu vertauschen , die ihm unter den glänzendsten Bedingungen angetragen wurde . Diesen Brief habe ich vor vierzehn Tagen erhalten , fügte er hinzu , habe mir nun Alles reiflich überlegt und denke , heute an die preußischen Behörden zu schreiben , daß ich ihre Bedingungen annehme . Ich werde dort eine freiere und bedeutendere Stellung haben als hier , und Du wirst in Deiner Vaterstadt Dich gewiß viel behaglicher fühlen , als in dem kleinen Heidelberg . Und das bescheerst Du , Lieber , mir heute zu unserm Hochzeitstage ? fragte Clementine , sehr erfreut durch diese Aufmerksamkeit ihres Mannes und durch die Hoffnung einer Veränderung , die ihr augenblicklich erwünscht schien , weil es eben eine Veränderung war . Unser Hochzeitstag ist heute ? Sieh , Clementine ! das hatte ich bis in den Tod vergessen . Deshalb kamst Du wol auch heute so früh in mein Arbeitszimmer ? Aber ich konnte Dich nicht sprechen , weil ich einen Kranken bei mir hatte . Nachher kamen gleich meine Studenten ; dann wartete schon mein Wagen , ich mußte zu einem Consilium und konnte nicht mehr zu Dir kommen . Ach , armes Kind ! und ich glaube gar , heute Morgen bin ich heftig gegen Dich gewesen ! Sage mir selbst , war es nicht so ? Clementine hatte es allerdings wehe gethan , daß ihr Mann sie mit einem recht unfreundlichen : » störe mich nicht , ich habe keine Zeit ! « fortgeschickt hatte , als sie zu ihm ging , um ihn einen Augenblick zu sprechen , daß er auch den ganzen Vormittag nicht zu ihr gekommen war , was freilich öfter geschah ; aber sie dachte , am Hochzeitstage hätte er kommen müssen , den hätte er nicht vergessen dürfen . Immer geneigt , die Schuld sich beizumessen und das Beste zu glauben , hatte sie Meining , als er ihr den Brief brachte , beschämt bekennen wollen , wie sie geglaubt , er hätte ihres Hochzeitstages nicht gedacht , ein Unrecht , das keine Frau so leicht vergiebt ; aber nun hörte sie es , es war ihm wirklich ganz und gar entfallen , und nur zufällig hatte er ihr heute den Brief gegeben . Seine Freundlichkeit vertrieb indeß sofort den innern Verdruß , und sie setzten sich Beide so fröhlich an die kleine Tafel , wie Clementine es lange nicht gewesen war . Meining war lebhaft wie in der ersten Zeit ihrer Bekanntschaft ; er machte die prächtigsten Plane für die Zukunft ; er klagte sich an , daß er seine arme Clementine über die Gebühr vernachlässigt , daß er und sie ihr Leben gar nicht recht genossen hätten . Nun soll es anders werden , sagte er ; mein Werk liegt gedruckt vor uns , und hat schon seine erste Frucht , meine Berufung nach Berlin , getragen ; aber nicht mir allein , der leidenden Menschheit muß und wird es nützen . Ich darf mir nun schon etwas mehr Ruhe gönnen . Die Praxis gebe ich auf und beschäftige mich in Berlin nur mit theoretischen Arbeiten und mit der Klinik . Mögen meine Schüler den Weg verfolgen , den ich ihnen gebahnt ; ich will anfangen auszuruhen . Nur eine praktische Erfahrung will ich machen , daß Du , meine Beste ! eben so vortrefflich die Honneurs eines großen Hauses , als das Glück der engsten Häuslichkeit zu machen verstehst , daß Du überall gleich liebenswürdig , überall dieselbe bist . Bist Du der Einsamkeit denn müde , lieber Meining ? Und wird Dir in Berlin das Leben in der Gesellschaft behagen , da es Dir hier kein Vergnügen machte ? fragte sie . Ganz gewiß ! Denn ich bedarf von Zeit zu Zeit gänzlicher Veränderung der Lebensweise ; und wie ich vor zwei Jahren mich nach vollkommener Zurückgezogenheit sehnte und großes Glück darin fand , so freue ich mich