welche wie ein guter Geist den Frieden erhielt , bei welchem Gottes Segen ist und welcher den Kindern Häuser baut : wer zuletzt zu Bette kam , Mann oder Weib , betete dem Andern hörbar das Vaterunser , und schwer mußte der Schlaf sein , wenn das Erste nicht erwachte und nachbetete mit Andacht und aus Herzensgrund . Wenn dann die Bitte kam : » Vergib mir meine Schulden , wie ich vergebe meinen Schuldnern « , und es war Streit oder vielmehr Spaltung zwischen Mann und Weib , so klang sie wie eine Stimme Gottes in den Herzen , und die Worte zitterten im Munde . Und wenn dann die andere noch kam : » Und führe mich nicht in Versuchung , sondern erlöse mich von allem Bösen « , so versenkte und tilgte schamrot vor Gott Jegliches , was es dem Andern nachgetragen , und es schlossen sich die Herzen auf , und jedes nahm seine Schuld auf sich , und jedes bat dem Andern ab , und jedes bekannte sein Glück und seine Liebe und wie nur im Frieden ihm wohl sei , aber wie der böse Geist an ihns komme , er wisse nicht wie , ihm schwarz mache vor den Augen des Geistes und ihns treibe in die Trübnis des Zornes und der Unzufriedenheit . Wie dann , wenn das Gebet komme , es ihm wäre , als komme eine höhere Macht hinter den bösen Geist im Herzen , setze mit scharfer Geißel ihm zu , daß er , wie er sich auch winde , dahinfahren müsse , und dann sei ihm , als erwache es aus einer Betäubung , als gehe eine Tür ihm auf , als sehe es aus wilder Nacht in einen schönen sonnigen Garten , so daß ihm sei , als müßte es den ersten Eltern so gewesen sein , als sie aus der Wildnis noch den letzten Blick ins verlassene Paradies getan . Dann treibe es ihns mit aller Gewalt diesem Garten zu , in aller Angst , es möchte ihm gehen wie den ersten Eltern , die immer weiter davon wegkamen , und Ruhe habe es nicht , bis es wieder drinnen sei , und dieser sonnige Garten sei der Friede und das trauliche Verhältnis , und wenn es die ganze Welt gewinnen könnte , an diesen Garten des Friedens tauschte es sie nicht . So blühte ihnen neu ihr Gluck wieder auf , und in freudiger Demut bekannte jedes seine Fehler , bat ab seine Schuld , versprach , recht rittermäßig zu kriegen gegen diesen bösen Feind , der unabtreiblich immer wieder komme . In süßem Frieden schliefen sie ein , und wenn dann ein junger Tag auf blühte am Himmel , so erwachten sie mit neugestärkten Herzen Es war ihnen , als hätten sie sich neu gefunden wie in den ersten Tagen ihrer Ehe ; sie sehnten sich nach einander , in geheimem Verständnis suchten sich ihre Augen , und Christen trappete unvermerkt dem Änneli nach und Änneli trat alle Augenblicke unter die Türe , zu sehen , wo doch Christen sei . So verstrichen Jahre , und die gute Mutter starb . Es war ein harter Schlag für die Leute im Hause , ein guter Geist schied mit ihr , sie mißten sie alle und lang . Christen sagte oft , eine solche Schwiegermutter gebe es nicht mehr auf der Welt , er glaube es nicht , und kein Tag verging , daß er nicht sagte : » D ' Muetter het allbets gseit - - « Der andere gute Hausgeist aber , der starb nicht , sondern blieb bei ihnen und einigte ihre Herzen immerfort und half ihnen auch tragen , was das Leben sonst noch Schweres ihnen brachte . Denn es gibt in jeglichem Leben harte Schläge , wie es in jeglichem Sommer Gewitter gibt , und je schöner der Sommer ist , um so mächtiger donnern die einzelnen Gewitter über die Erde . Gott hatte sie mit Kindern gesegnet , ihre innigste Freude hatten sie an ihren . Da kam die Hand des Herrn über sie , und hinter einander nahm er ihnen die schönsten und liebsten , und es war ihnen , als sollte keines mehr übrig bleiben , als sollten sie alleine bleiben in der Welt . Es kam ihnen schwer an , sich zu fassen , und lange , lange ging es , bis sie recht aufrichtig sagen konnten : » Der Herr hat es gegeben , der Herr hat es genommen , der Name des Herrn sei gelobt ! « Sie versuchten es oft , aber sie schämten sich und schwiegen , denn sie fühlten , daß das Herz ganz anders redete , und sie wußten wohl , was Gott von solcher Zwietracht zwischen Mund und Herzen halte . Aber sie trugen mit einander , und wenn sie des Abends mit einander beteten und eins fing an : » Unser Vater « , so stockte wohl die Stimme , und das Weinen kam , und das Andere weinte mit , und lange konnte Keines wieder beten . Und doch ließen sie nicht nach , bis es eins vermochte , und wenn auch jede Bitte neues Weinen brachte und hinter jeglicher die verlornen Kinder standen und das Reich und der Wille und das Brot , kurz alles , alles an sie mahnte und bei den Schulden die Angst kam , ob sie nicht etwas an ihnen versäumt , an ihnen sich versündigt hätten . Konnten sie aber alles begwältigen , konnten sie sich durchringen , wie Wanderer durch Klippen und Schlünde , bis zu dem Ende , konnten sie mit einander beten : » Denn dein ist das Reich , dein die Kraft , dein die Herrlichkeit « - dann kam Ruhe über sie , die Wellen der Schmerzen sänftigten sich . Sie konnten sich denken die Kinder in der Herrlichkeit des Vaters , bei der Großmutter , konnten sich denken die Zeit , wo auch sie durch die Kraft des Vaters auferweckt bei ihnen sein würden in des Vaters Reich in alle Ewigkeit . Dann konnten sie mit einander reden von den gestorbenen Kindern und wie sie so gut und lieb gewesen und was sie alles gesagt und wie es gewesen wäre , als hätten sie ihren Tod geahnt . Von den toten kamen sie auf die lebendigen , redeten von ihren Freuden und Hoffnungen und wie sie den gestorbenen glichen und jeden Tag ihnen ähnlicher würden und wie es ihnen wäre , als hätten die Kinder sie viel lieber und mühten sich nach Kräften , die Lücke auszufüllen . Allmählig wuchsen die lebendigen an die Stelle der toten , wurden gleichsam die Blumen , welche der Toten Gräber deckten , den Augen der Eltern verbargen . Drei Kinder , wie gesagt , waren ihnen übrig geblieben , zwei Buben und ein Mädchen . Der Jüngste war der Mutter Liebling , das Mädchen des Vaters Herzkäfer , der Älteste allen lieb . Die Kinder hatten überhaupt der Eltern Art und wuchsen in der Sitte des Hauses auf in adelicher Ehrbarkeit . Mit gar vielem Lernen brauchten sie den Kopf sich nicht zu zerbrechen , aber fest in der Bibel wurden sie ; das sei die Hauptsache , meinen Vater und Mutter , die hätte sie ohne große Künste im Rechnen und Schreiben hieher gebracht . Allerdings waren auch Beide in beiden Dingen keine Hexenmeister , und wenn Christen seinen Namen schreiben sollte , so nahm er einen Anlauf , als wenn er über einen zwölf Schuh breiten Graben springen sollte , und wenn Änneli mit dem Ankenträger uneins war in ihren Rechnungen , so wurde sie plötzlich einig mit ihm , sobald er die Kreide nahm , und was er aufmachte , war ihr recht , sie wußte wohl warum . Etwas anders war es mit dem Arbeiten . Änneli musterte sie dazu und meinte , sie lernten es nie zu früh und etwas Nützliches machen sei besser als etwas Ungattliches , und etwas müsse gehen bei Kindern . Christen aber meinte , so früh trage Arbeiten nichts ab , es erleide nur den Kindern , und wenn sie später sollten , so möchten sie nicht ; wenn ihnen einmal der Verstand komme , so griffen sie von selbst an . Einmal er habe es so gehabt , und es werde niemand sagen , daß er nicht arbeiten könne und möge . Diese Verschiedenheit gab auch hie und da einen Anlaß , daß sie einander vergeben und vergessen konnten . Denn wenn Änneli musterte , so entrann Christen wohl zuweilen ein : » He , ich wollte sie nicht zwängen ; wenn sie möchten , sie täten es schon . « Und wenn Christen mit Wohlgefallen dem Nichtstun der Kinder zusah , so sagte wohl zuweilen Änneli : Es dünke ihr , es sollte doch dem Einen oder dem Andern in Sinn kommen , etwas Wichtigeres zu machen . Aber alles dieses tilgte der gute Hausgeist wieder aus , tilgte alle Abende die Säure , die sich zuweilen in den alternden Herzen ansetzen mochte . Etwas ging auf die Kinder über , denn Kinder sind eine weiße Wand ; so weiß die Hände sind , welche über sie fahren , zuletzt werden doch die Spuren derselben sichtbar . Christen , der Älteste , der sich niemand besonders anschloß , war ein stilles Gemüt , ihn ließ man am meisten gewähren ; er sagte wenig , aber empfand viel , lebte mehr in einem innern Leben als im äußern und schien daher untätig und gleichgültig . Annelise war ein liebliches Mädchen , aber es konnte tagelang von einer Arbeit sprechen , ehe es daran ging ; war es einmal daran , dann konnte es die beste Jungfrau beschämen , es geschah aber selten . Die armen Leute hatten es nicht gerne , sie hielten es für hochmütig und wüst , wenn es aber darum zu tun war , einer armen Frau etwas zu bringen oder ihr zu wachen , so war Annelise immer parat ; auch die jungen Bursche hielten es für hochmütig , weil es nicht anlässig war wie Andere , hielten es für hoffärtig , weil ihm alles wohl stand und es immer zweg war , als käme es aus einem Druckli . Resli , der Jüngste , war ein schöner Bursche , rasch , tätig , gwirbig wie die Mutter ; wie sie , wurde auch er etwas ängstlich in der Arbeit , und während sein Vater einmal handelte in seinem Stall , hatte er mit Täubchen , Kaninchen , Schafen siebenmal schon gewechselt . In allen war etwas Schweigsames , Keines redete viel , aber wenn sie redeten , so wollten sie in jedes Wort viel legen . Und allerdings war jedes Wort , das eins zum Andern fallen ließ , gerade wie ein Lichtstrahl , der hundertfältig splittern kann . Nur der Älteste konnte viel reden , wenn irgend ein Schlüssel , zum Beispiel ein gutes Glas Wein , ihm den Mund auftat ; dann zeigte er , daß vieles in ihm war , an das man nicht dachte . Je mehr Eigentümlichkeiten in einen Haushalt treten , desto bewegter wird das Leben , wenn auch nicht von außen sichtbar , so doch im Innern fühlbar . Wie lieb man einander auch hat , etwas stößt doch auseinander , etwas hat jedes an sich , das am Andern mehr oder weniger empfindlich sich reibt . Ein jedes hat sein eigentümliches Gebiet , welches es wahren zu müssen glaubt vor jeglichem Eingriff , ein jedes macht seine bestimmten Ansprüche , welche sich scheinbar zufällig und bewußtlos ausbilden und deren Nichtbeachtung , auch wenn es mit keinem Wort , keinem Blick verraten wird , tief kränkt . Bei solchen Ansprüchen , je bewußt , loser sie entstanden sind , um so mehr meint man , ihre Gewährung verstehe sich von selbst . So hatte jedes dieser Kinder wie sein eigentümliches Wesen , so auch seine eigenen Ansprüche , sowohl an die Eltern als an die Geschwister , und ihre Nichtbeachtung trieb einen Splitter in sein Herz , und je schweigsamer man nach der Haussitte über solche Dinge war , um so leichter hatten solche Splitter geeitert . So zum Beispiel war Christen kränklicher Art , zu entzündlichen Krankheiten geneigt , die zuweilen Folgen hinterließen , welche einer Auszehrung glichen . Christen forderte nun Rücksichten für diese Schwäche , in der Arbeit , in der Speise , in der Pflege , in der Benutzung des Arztes usw. Man tat alles Mögliche , aber da sein Aussehen die Krankheiten nicht immer verriet , da er meinte , was er innerlich empfand , sollte man ihm auch äußerlich ansehen , so konnte es nicht fehlen , daß er sich zuweilen vernachlässigt glaubte , meinte , man achte sich seiner nicht und wäre froh , wenn er weg wäre . Annelisi machte Ansprüche an die Welt , war ein lustig Ding , und wer weiß , ob nicht im Hintergrund ihrer Seele der Wunsch schlummerte , nicht schön Annelisi zu bleiben , sondern auch eine Bäuerin , wie die Mutter eine war , zu werden . Sie war daher gerne in aller Ehrbarkeit bei dieser , bei jener Lustbarkeit , und natürlich nicht gerne wie ein Aschenbrödel , sondern so aufgestrübelt und aufgedonnert wie jede Andere . Nun aber waren die Brüder nicht immer bereit zu ihrem Begleit , und alleine mochte sie nicht gehen , und der Vater wollte nicht immer Geld zu allem geben , was Annelisi nötig glaubte , und die Mutter war gewöhnlich auf des Vaters Seite und sagte , sie sei auch nicht Hudilump gewesen und hätte nirgends hintenab nehmen müssen , aber solches hätte sie nie gehabt , ja nicht einmal davon gehört . Sie hätte ihrer Mutter mit so was kommen sollen , jawolle ! So was tat dann Annelisi weh , und sie meinte manchmal , sie sollte nur der Brüder wegen da sein und an ihr sei niemand etwas gelegen . Nur z ' arbeiten sei sie gut genug , wenn sie aber auch etwas wolle , da sei niemand daheim . Resli , der natürlich wohl wußte , daß er einmal den Hof erben werde , der hätte gerne mehr gehandelt mit der Arbeit , mehr gehandelt , mehr benutzt , und es schien ihm oft , als wenn niemand an ihn dächte , ja als ob alle so viel brauchten und so wenig täten als möglich , nur damit ihm nichts überbleibe . Er war gar nicht geizig , aber er war ängstlich , und in dieser stillen Ängstlichkeit , welche er nicht einmal zeigen durfte , kam er Vielen hochmütig vor , und Andere hielten ihn für geizig , weil er sehr oft zu Hause war , um zu der Sache zu sehen , während Andere herumhürscheten unnützerweise und Geld brauchten . Weder Vater noch Mutter kannten dieses innere Wesen ; man lauscht es sich selten ab , darum denkt man auch nicht daran , daß es in Andern sei ; aber die Mutter hatte von früher Jugend an die Kinder mit ihrem versöhnenden Hausgeist bekannt gemacht , hatte sie das Unser Vater so recht gelehrt , daß sie es nicht gedankenlos beteten , daß es ihnen auch war erst wie ein tiefer See , in den sie allen Groll versenkten , und dann wie eine hohe Leiter , auf welcher sie ins Land des Friedens , in den Himmel stiegen . Besonders bei den Brüdern , welche bei einander schliefen und meist zusammen beteten , hatte dieses die Frucht , daß sehr selten die Sonne des Morgens den Schatten noch sah , der bei ihrem Untergang das Herz des Einen oder des Andern verdunkelt hatte . Bei Annelisi hielt es etwas härter , weil keine bestimmte Gelegenheit ihr gegeben war , ihr Herz des Grolles zu entleeren ; wenn das Gebet sie allerdings versöhnlich gestimmt hatte , so konnte sie ihre Gesinnung nicht ausdrücken , nicht Frieden schließen , nicht durch ein Bekenntnis sich entlasten . Gewöhnlich kam dann die Gutmütigkeit der Brüder zu Hülfe , die , wenn sie einmal etwas abgeschlagen hatten , hintendrein reuig wurden und eine Zeitlang um so gefälliger waren , oder die Schwäche des Vaters , der gar gerne seinem lieben Meitschi hintendrein etwas kramete , welches noch mehr kostete , als was Annelisi gern gehabt , aber nicht bekommen hatte . So lebte die Familie berühmt und im Wohlsein , bis ein Schlag , äußerlich nicht von großer Bedeutung , ihr ganzes Glück zu zertrümmern drohte . Christen mußte nicht nur sächlich die Gemeindelasten tragen helfen , sondern auch persönlich , das heißt er mußte Vogt werden , öffentliche Verwaltungen übernehmen , sich auch in Behörden wählen lassen . Dieses ist an sich selbst eine Last , es ist aber auch bedeutende persönliche Verantwortlichkeit dabei , und seltsamerweise ist an manchem Orte diese persönliche Verantwortlichkeit unbezahlter Gemeindsbeamteten sehr groß , während den wohlbezahlten Regierungsbeamteten gar keine auferlegt ist . Wo das System herrscht , jeder Korporation dem Individuum gegenüber unrecht zu geben , aus dem übel verstandenen Grundsatz persönlicher Freiheit , und jeden Halunken zu begünstigen gegenüber dem rechtlichen Manne , aus übel verstandener Humanität , da wird diese Verantwortlichkeit zu einer förmlichen Gefahr zu einem Schwerte , das an einem Pferdehaar über des Gemeindebeamteten Haupte hängt . Christen , bei seiner Unkenntnis aller Gesetze , bei seiner Unfähigkeit , selbst zu schreiben , wurde dies sehr beschwerlich und kostbar . Aus eigenem Sacke mußte er nicht nur fremde Hülfe bezahlen , sondern hing auch ganz von fremdem Rate ab und mußte diesem folgen , wie ein Blinder dem Hündchen , welches ihn leitet . Die eigentliche Gefahr jedoch fühlte er weniger als Änneli , wie dann Weiber immer mehr Ängstlichkeit besitzen vor dem Kommenden aus der dunkeln Zukunft als Männer . Alle diese Geschäfte , welche Christen von seinem Geschäfte und von seiner Arbeit weg , zogen , waren Änneli überhaupt zuwider , jedoch ließ sie dieses den Mann nicht entgelten , wie Weiber oft tun , die dem Manne noch mehr verbittern , wessen er sich nur gezwungen unterziehen muß . Insbesondere aber war ihr der verdächtig , welcher dem Mann am meisten mit seinem Rat beistand , sie warnte ihn oft vor demselbigen . Es komme ihr immer vor , sagte sie , als sei er falsch an ihnen ; er sei viel zu schmeichlerisch und rühmerisch und dazu immer nötig ; so einer mache oft für zehn Batzen , was ein Anderer nicht für tausend Pfund . Aber Christen konnte ihn nicht entbehren , guter Rat ist immer teuer und in mancher Gemeinde auch um Geld fast nicht zu haben ; Änneli wußte selbst niemand , der bessern geben konnte , und damit er nicht etwa aus Not sie verrate , spendierte sie demselben , so viel sie konnte , und wenn er kam , so mußte er allemal im Hinterstübli , wo ihm etwas zwegstand , welches er daheim nicht hatte . Es gibt aber Leute , welche , je mehr man ihnen gibt , nicht nur um so ungenügsamer werden , sondern auch in den Wahn geraten , als sei man völlig in ihrer Gewalt und als könnten sie einen ungemerkt und ungestraft mißbrauchen , wie sie nur wollten . Sind sie einmal auf diesen Punkt geraten , so treiben sie gerne ein doppelt Spiel , lassen sich von uns bezahlen und von Andern bestechen , um uns zu foppen und zu betrugen . Sie rechnen , wenn man aus zwei Händen zu nehmen wisse , so gebe es akkurat doppelt so viel als nur aus einer . Es gibt mehr Leute , welche von solchem Schmaus leben , als man glaubt . Christen war Vormund , hatte fremdes Vermögen hinter sich , ob Geld oder Schriften , weiß ich nicht , kann beides gewesen sein , denn daß die Titel immer da seien , wo sie dem Gesetz nach liegen sollten , ist nicht gesagt ; wo ein Regierungsbeamteter und ein Gemeindsbeamteter , ein Gemeindschreiber zum Beispiel , unter einer Decke liegen und unter einem Hütlein spielen , da können noch heutzutage ganze Vermögen verschwinden , und wo ist das Verantwortlichkeitsgesetz gegen den Regierungsbeamteten ? Über die unschuldigen Gemeindräte oder die noch unschuldigern Gemeinden geht es aus . Später muß es die Gemeinde ersetzen ; kleine Diebe hängt man vielleicht , große aber läßt man laufen . Christen dachte nun von ferne nicht ans Betrugen , aber er sollte beschummelt werden . Es waren Leute , welche Geld nötig hatten . Christens Ratgeber wurde ins Interesse gezogen , und dieser bewog den guten Mann , das Geld aus den Händen zu geben oder anzuwenden , die Titel zu versilbern oder abzutreten . Er sagte Christen , der Gemeinde sei es ganz recht , er habe mit ihr geredet , und sie habe ihn autorisiert , er solle es also nur unbesorgt machen , ihm könne es auf keinen Fall etwas tun . Wenn ihm die Sache einmal aus den Händen sei , so sei er aus aller Verantwortlichkeit , brauche sie nicht zu hüten , und er wolle alles schon so schreiben , daß er zu allen Zeiten , es möge gehen , was da wolle , drus und dänne sei . Dem Christen leuchtete das ein , und er hatte durchaus kein Arg . Änneli aber traute nicht und sagte : Sie könne nicht helfen , aber sie traue der Sache nur halb , es treffe fünftausend Pfund an , und mit dem sei nicht zu spaßen ; sie hülfe noch zu einem rechten Mann zu Rat zu gehen , man sei nie z ' vorsichtig . Aber Christen redete ohnehin nicht mehr , als er mußte , und von Geschäften so ungern als möglich , weil er nicht gerne verriet , daß er gar nichts kannte , denn er schämte sich seiner Unwissenheit doch , wenn er schon seine Kinder nicht begehrte geschickter zu machen . Zudem wußte er nicht , wem er trauen sollte , wenn er sich auf seinen Ratgeber nicht verlassen konnte . Wenn der ein Schelm an ihm sei , so glaube er denn gewiß , es sei kein braver Mensch mehr in der Welt , und was es ihm dann nütze , Mühe zu haben und herumzulaufen , wo man ohnehin alle Hände voll zu tun hatte ; so redete et . Christen war allerdings auch mißtrauisch , aber eben deswegen suchte er nicht neue Vertraute , sondern hielt am Glauben fest , wenn der alte Ratgeber treulos sei , so sei keine Treue mehr auf Erden ; den habe er doch probiert auf alle Wege , es dünke ihn , er sollte es mögen halten . Da Änneli das Wüstest alles nicht machen wollte , so ging richtig die Sache vor sich , und alles schien gut , denn lange Zeit sagte kein Mensch , daß es nicht gut sei . Nach mehreren Jahren erst fing die Sache an sich zu rühren ; allerlei unter der Hand wurde geredet , und aus der Gemeindratstube heraus schlich , man wußte nicht wie , das Gerücht , Christen hätte sich gröblich verfehlt mit Vogtsgeld , es werde ihm an die Beine gehen um viel tausend Pfund . Änneli , die zwar selten von Haus kam , aber doch alles vernahm , nicht nur was ging , nicht nur was geredet wurde , sondern noch ds Halbe mehr , vernahm also bald : Es heiße , es ginge Christen grusam an die Beine , und wenn er nicht so reich wäre , so möchte es ihn lüpfen . Änneli erschrak gewaltig , obgleich sie wußte , daß es so übel nicht gehen konnte , und Christen mußte auf der Stelle zu seinem Faktotum und ernstlich fragen , was an der Sache und ob da etwas zu fürchten sei , von wegen , er möchte lieber zu der Sache tun , ehe es zu spät sei . Der nun lachte ihn aus , daß er doch auf solches Weiberdamp hören möge , es wäre gut , wenn alles so sicher wäre wie das . Da sei er ihm gut dafür , daß es ihm keinen Liar kosten werde , und wenn noch jemand etwas sage , so solle er sie zu ihm schicken , er wolle sie dann brichten . Nein , da möchte er doch dann nicht so jemand hineinsprengen , dafür sei er noch lange zu gut . Er hätte schon manchmal können , wann er gewollt , aber o Jere , wenn er schon ein arm Mannli sei , so hätte er doch noch ein Gewissen und wohl noch ein besseres als mancher Reiche . Da solle er nur nicht mehr Kummer haben und ruhig schlafen ; was er gemacht habe , sei gut gemacht , und wie gesagt , er wolle ihm gut sein für jeglichen Kreuzer , den er deretwegen sollte zu Schaden kommen . Christen ging getröstet heim , tröstete sein Änneli , und einige Zeit lang blieb alles wieder still . Aber die Sache tauchte wieder auf und zwar ernster als früher , und neue Angst kam über die Eheleute . Nun ruhte Änneli nicht , bis Christen zu einem rechten Manne ging . Der wollte lange mit der Sprache nicht heraus , sagte , er verstehe sich nicht darauf , hätte Die Schriften nicht gesehen , und fragte endlich Christen , er werde eine schriftliche Bevollmächtigung von der Gemeinde erhalten haben zu seinem Verfahren ? » He nein « , sagte Christen , » man hat mir gesagt , das sei nicht nötig , es werde alles eingeschrieben in den Gemeindbüchern , da könne man alles finden , und die Sache doppelt zu machen , trage nichts ab . « » He nun « sagte der Mann , » wenn die Sache im Gemeindsbuch eingeschrieben ist , so kann es dir allweg nichts tun . « Nun war Christen wieder getröstet , denn daß es eingeschrieben sei , zweifelte er gar nicht . Aber Änneli traute nicht so recht ; er solle doch gehen und nachsehen , ob es denn wirklich drin sei , sagte sie . Brummend ging Christen und brachte Die Antwort heim , der Gemeindschreiber hätte gesagt , er hätte jetzt nicht Zeit nachzuschlagen , das gebe mehr zu tun , als so eine Frau glaube ; aber er könne darauf zählen , daß alles , was erkannt worden sei , darin geschrieben stehe , er wisse wohl , was er schreiben solle oder nicht . Nun schien Die Sache wieder abgetan , und Christen sagte : Die Leute könnten seinethalben stürmen , was sie wollten , wenn einer das Gemeindebuch im Rücken habe , so könne einem niemand etwas tun , und sollte es der Teufel selber sein . Da schlich sich einer , welcher gerne insgeheim den Leuten die Haare zusammenband , aber dabei nie genannt sein wollte , an Änneli und vertraute ihm : Das sei gewiß nicht im Gemeindbuch , und es sei eine abgekartete Sache gewesen , Christen hineinzusprengen , und der Gemeindschreiber suche die Sache geheim zu halten und zu verdrehen so lange als möglich . Aber einmal müsse Christen doch zahlen , das sei fertig . Und es wäre besser , er wüßte das so bald als möglich , vielleicht daß er noch etwas aus dem Feuer ziehen könnte , wenn er zu rechter Zeit daran hingehe . Das waren alles lauter Donnerschläge für das arme Änneli , und um so härter trafen sie , weil sie nicht begriff , wie man da helfen könnte , als daß Christen vor den Gemeindrat gehe und ihm alle Schand sage und vor allem aus dem Gemeindschreiber , daß er ein Schelm sei und ein verlogener Kerli , und daß er von allem nichts wolle ; sie könnten seinethalben sehen , was sie machen . Das würde wenig helfen , sagte da neue Ratgeber , aber Christen solle einen Auszug aus dem Gemeindbuch fordern , und wenn man ihn nicht freiwillig geben wolle , so solle er ihn richterlich fordern lassen , da werde sichs schon finden , was im Gemeindbuch stehe und nicht stehe . So ging es auch , und nach vielen Umtrieben kam endlich Christen zu da Erklärung , daß vom ganzen Handel im Gemeindbuch kein einzig Wort stehe ; von der Sache sei wohl geredet worden , aber Erkanntnis sei keine gegangen , man werde gedacht haben , es sei am besten , wenn man das dem Vogt überlasse , was er mache , sei ihnen recht . Somit war es entschieden , daß Christen fünftausend Pfund zahlen mußte ; erholen konnte er sich nirgends , und der , welcher ihn hineingesprengt , hatte die schönsten Ausreden und schob die Schuld auf Andere . Ich weiß nicht , soll ich sagen : dieser Verlust traf die Familie wie ein Donnerschlag , der ihr Glück zerschmetterte , oder : dieser Verlust ward zum giftigen Wurme , der ihren Frieden nach und nach zerstörte . Es wäre nicht das Eine , nicht das Andere ganz richtig , denn es traf sie wohl der Schlag heftig , gewaltig , aber nach dem Schlage war der Wurm da und lebte giftig fort . Fünftausend Pfund sind nichts für einen Kaufmann , er sieht derhalben nicht nebeume , wie der Bernerbauer sagt . Fünftausend Pfund ließen sich bei ihrem Vermögen leicht verschmerzen , setzten sie nicht einmal in augenblickliche Verlegenheit , wenn sie einige Zinsschriften wagten ; ja wenn sie nur das vorrätige Geld zusammenmachten , den Spycher zur Hälfte leerten , so war alles abgemacht . Aber beim Landmann geht es nicht zu wie beim Kaufmann . Bei dem Letztern ist lauter Spiel : heute wird er getrümpft , morgen trümpft er wieder ; eines Tages kann er Zehntausend verlieren , morgen Zwanzigtausend gewinnen , und bei jedem Verlust ist eben dieser Wechsel der Trost