ein Duft , eben Nichts ! - doch wenn die Früchte zwölf Stunden im Zimmer gestanden , so ist dies liebliche Nichts verschwunden , und dann , wenn man es vermißt , wird es erst erkannt . Trotz ernster Lebenserfahrung , die oft muthlos - trotz herben Kummers , der oft trübe macht - trotz der Verhältnisse , die sie beengten - war Faustine an Körper und Geist , an Sinn und Seele jung und frisch , als hätte sie nichts erfahren , nichts gelitten ; und fremd in den Verhältnissen des Lebens , als bewohne sie den Regenbogen etwa , oder den Orion , und komme nur zufällig bisweilen auf die Erde herab . Sie war ganz und ungetheilt Eins , nicht zerstückelt , nicht zersplittert ; das gab ihr Klarheit . Sie blickte weder rechts noch links auf Wege , wo Andere gingen ; sie wandelte unbekümmert auf dem ihren : das gab ihr Sicherheit . Sie griff nicht hier und dort nach Haltung umher , nach Liebe und Freundschaft suchend : sie war begnügt im tiefsten Wesen ; doch wenn man ihr entgegentrat und ihr die Hand bot , oder wenn sie erkannte , daß sie die Hand bieten durfte , so that sie es gern , nahm und gab dem fremden wie dem eignen Bedürfniß und Wunsch . Aber wer nicht mit ihr Schritt hielt , wer ihr kein Stab war , woran sie sich heraufranken konnte ans Licht , kein Fels , woran sie empor klettern konnte zur Luft - den ließ sie los , gleichgültig , unbefangen , wie man eine welke Blume nicht wegwirft , aber fallen läßt . Menschen , Zustände , Welterscheinungen , eigene Fehltritte - Alles war ihr Mittel , um sich daran fort- und auszubilden . Sie sagte oft : » Helden , Künstler , große Herrscher , was thun sie Anderes , als daß sie in ihrem Wirkungskreise , der freilich nicht kleiner als die Welt ist , sich selbst zur Vollkommenheit durchzuarbeiten suchen . Das ungemessene Streben , Dursten und Ringen nach Vollendung kennt Jeder , aber nicht Jeder kann zu seiner Bildung in die Zeit hineingreifen und sich einen Thron in ihr errichten , oder in den Stein hauen und sich ein Monument daraus bauen . Es ist eine große Erleichterung für den Menschen , ein Genie in irgend einer Kunst , d.h. in irgend einem Zweige des geistigen Lebens zu sein : er hat , woran er sich üben kann . In seine Schöpfungen legt er den Ueberfluß des Daseins nieder und taucht frischgewaschen aus diesem Bade hervor , wie die großen Bergströme erst dann klares Wasser bekommen , wenn sie durch einen See geflossen sind . Wir Nicht-Genies müssen uns helfen , wie wir eben können , und ich bilde mir ein : Alles kann uns dienen , ohne daß wir deshalb geistige Blutsauger werden müßten . « Aber unter dienen verstand sie eine Behülflichkeit zur Erlangung kleiner Absichten und Zwecke . Niemand besaß weniger Geschick als sie , die Menschen zu gewinnen und zu lenken für ihre Plane ; schon deshalb , weil sie schwerlich je einen andern Plan als den einer Reise oder einer Spazierfahrt gehabt . Die Menschen dienten ihr wie anatomische Präparate oder wie seltene Pflanzen - als Studien , nicht einer Wissenschaft oder einer Kunst , sondern des Lebens , das sie nach allen Richtungen , in allen Aeußerungen verfolgen und verstehen wollte . » Ein Vogel singt , der andere fängt Mücken , jedes Ding hat seine Art , « sagte sie , und jede Art war ihr interessant : mitunter freilich nur auf zwei Minuten . » Ist das meine Schuld ? « fragte sie unbefangen , wenn Andlau oder andere Freunde ihr vorwarfen , daß sie leicht der Dinge überdrüssig werde , und heute gähne , wo sie gestern Beifall geklatscht : - » ich habe wirklich noch nie Ueberdruß an meinem Gott und meiner Liebe empfunden . « Fast alle Frauen ohne Ausnahme hatten Faustine lieb , denn in keinem Stück rivalisirte sie mit ihnen . Sie gönnte ihnen ihre Triumphe , ihre schönen Kleider , ihre Anbeter , ihre Verdienste , und begnügte sich - das Alles nicht zu haben . Zwar stellte sie die schönsten und glänzendsten Frauen in Schatten , doch so , daß beide Theile keine Ahnung davon hatten . Die schönen sagten : » Sie hat sehr viel Verstand , aber schön ist sie durchaus nicht . « Die klugen : » Verstand hat sie nicht viel , aber sie ist allerliebst . « Keine verglich sich mit ihr , so wie prächtige Gartenblumen sich vielleicht nicht mit einer Alpenpflanze vergleichen möchten . Ein Wilder sagte einst , als er das Gemälde eines Engels sah . » Er ist meines Geschlechts . « Civilisirte Leute haben nicht mehr diesen sublimen Instinct . Männer interessirten sich im Allgemeinen weniger für Faustine , sie war zu unduldsam gegen Fadaisen , und , Gott sei es geklagt ! sie machen den Lichtpunkt in der Unterhaltung der Männer aus . Damit hatte sie gar keine Nachsicht , d.h. die Langeweile malte sich unwillkürlich , aber so deutlich auf ihr durchsichtiges Antlitz , daß mehr als Verwegenheit dazu gehört hätte , eine Unterhaltung fortzusetzen , die solche Wirkung hervorbrachte . Folglich hatte die Masse der Männer ihr nichts zu sagen , und nichts drückt einen Mann mehr , als sich einer Frau gegenüber unwichtig zu fühlen . Daher kommt es , daß das eigene Geschlecht ziemlich willig einer eminenten Frau geistige Bedeutung und Uebergewicht verzeiht ; das fremde hingegen nur dann , wenn sie von den Grazien in höchst eigener Person zur Gefährtin geweiht ist - was natürlich nie der Fall . - Aeltern Leuten gefiel sie besser , als jungen ; vermuthlich deshalb , weil sie freundlicher gegen jene war , theils aus Achtung für das Alter , theils weil sie behauptete , man liefe bei ihnen keine Gefahr , nicht - sich zu verlieben , sondern - in diesen Verdacht zu kommen : was sehr unbequem und störend sei . - Ohne Vermögen , ohne Ansehen , ohne Verbindungen , ohne Intriguen , nur durch die Macht ihrer Persönlichkeit hatte sie es dahin gebracht , daß die Welt ihr Verhältniß zum Baron Andlau stillschweigend als ein legales anerkannte und , um sich gleichsam für diese Nachsicht zu entschuldigen , eine heimliche Ehe voraussetzte . Faustine und ihre Schwester Adele , als Kinder schon verwaist und ganz arm , wurden von einer Schwester ihres verstorbenen Vaters erzogen , d.h. diese bezahlte die Pension beider Mädchen für ihre Erziehung in einer großen Kostschule , und bekümmerte sich nicht eher um sie , als bis sie erwachsen waren . Da nahm sie sie in ihr Haus , und hatte keinen sehnlicheren Wunsch , als sie so bald wie möglich zu verheirathen - nicht aus Interesse für die hülflose Lage der Mädchen , sondern weil sie selbst noch sehr gern Huldigungen entgegennahm , und ihrer vierzigjährigen Schönheit nicht mehr die Kraft zutraute , siegreich neben siebzehnjähriger zu bestehen . Zwei junge Männer , die öfters ihr Haus besuchten , schienen ihr so wünschenswerthe Neffen , daß sie beschloß : sie müßten es werden . Und sie wurden es . Graf Obernau , ein wilder , brutaler Militär , dem nichts über sein Pferd , seinen Schoppen Wein und seine Pfeife ging , war der eine ; Maximilian von Walldorf , Gutsbesitzer , derb und vierschrötig , ohne Manieren , aber brav und ehrlich , war der andere ; dieser von geringem , jener von bedeutendem Vermögen , was aber ziemlich auf eins herauskam , da Walldorf sehr guter Wirth » ein äußerst solider Mensch « war , - wie die Tante zu Adele sagte , und Obernau ein Tollkopf und Verschwender » den Du zum schönen und nützlichen Gebrauch seines Vermögens anleiten wirst « - wie sie zu Faustine sprach . Adele , emsig und thätig , von Kindheit auf mit hausmütterlichen Neigungen , froh der Kostschule entronnen zu sein , dachte sich keine lieblichere Zukunft , als ein eigenes Haus zu haben , und darin vom Morgen bis in die Nacht wirthschaftliche Geschäfte zu treiben . Ein Mann mußte sie freilich in dies Eldorado führen , denn auf dem Schloß der Tante hatte sie nicht so freie Hand , wie sie es wünschte , weil die Tante der Meinung war , Wirthschaftlichkeit und Fleiß sei ein Netz wie jedes andere , um den Mann darin zu fangen , welcher diese Eigenschaften suche ; übrigens aber brauche man sie nicht gründlich zu treiben , nicht die Hände am Feuer zu verderben , und nicht die Haut in der Sonnenhitze auf dem Bleichplatz , oder an der Ofenglut beim Plätten . Adele aber kannte kein größeres Vergnügen , als die schöne , reinliche , weiße , feine Wäsche durch das Plätten zu ihrer Vollkommenheit zu bringen ; und kein Blick auf ein Gemälde von Rafael oder auf eine italienische Gegend hätte sie so innerlich befriedigt , als der in einen großen , weitgeöffneten Schrank voll glatter , silberweißer Leinwand . » Das Mädchen ist wirklich gar nicht im Salon zu brauchen , « sagte die Tante einst verdrießlich zu Walldorf , als Adele Abends dunkelroth im Gesicht und ganz schläfrig erschien . » Wenn ich sie wollte gewähren lassen , könnte ich zwei Mägde abschaffen und sie ersetzte deren Stelle . Heute früh um vier Uhr ist sie aufgestanden und hat Käse gemacht .... - essen Sie gern Käse ? « » Wenn er gut ist - mein Leibessen ! aber die Butter muß auch gut sein . « » O die Butter ! das versteht Adele gründlich ! - Dann hat sie beim Buttern die Oberaufsicht geführt .... - « » Bei mir wird früher gebuttert , als Käse gemacht . « » Das ist ja einerlei , wenn es nur tüchtig gemacht wird . « » Nicht so ganz , freilich ! doch Fräulein Adele ist noch so jung , kann lernen . « » Ach , mein guter Walldorf , Sie müssen es nicht so genau mit mir nehmen ; ich erzähle nur , was Adele heut Alles gethan hat : die Reihenfolge weiß ich nicht ; aber gelungen ist Alles - das weiß ich . « » Nun , was hat sie noch weiter gethan ? « » Sie hat Kirschen mit Zucker eingekocht ; sie hat sich ein Kleid zugeschnitten , und zuletzt hat sie geplättet - darum ist sie so erhitzt . « » Ein capitales Mädchen , das ! wenn ich mir erlauben darf , es zu sagen . « » Und so anspruchlos , so einfach , so genügsam , so freundlich - das wäre eine Frau für jeden verständigen Mann . « » Gnädige Frau - auf Ehre , das hab ' ich auch eben gedacht . « Und mit großen Schritten ging er durch den Saal zu Adele , die im letzten Fenster bei ihrer Arbeit saß , während Faustine und einige andere Personen um den Flügel versammelt waren . » Was nähen Sie so emsig , gnädiges Fräulein ? « fragte er , um die Unterhaltung anzuknüpfen , was ihm stets sehr schwierig vorkam . » Taschentücher , « - entgegnete sie ohne aufzusehen . Daran ließ sich nicht fortweben . Er nahm einen neuen Anlauf : » Essen Sie gern Kirschen , gnädiges Fräulein ? « » Außerordentlich gern « - antwortete sie und sah ihn freundlich an . » In Oberwalldorf sind herrliche Kirschen , alle mögliche Arten . « » Das hat mir meine Tante erzählt . « » Hat sie das ? das freut mich . Sagen Sie - möchten Sie die Kirschen essen ? « » Hier sind auch recht gute Sorten « - sprach sie ausweichend nach Mädchenart . Er dachte im Stillen : Blitz und Donner ! das Mädchen hat gute Qualitäten , ist aber etwas schwer von Begriff . Mit den verblümten Redensarten kommt man nicht vom Fleck bei ihr . Ich muß nur von der Leber weg reden . » Gnädiges Fräulein , wenn Sie die Kirschen von Oberwalldorf essen oder einkochen oder was weiß ich ! wollten , so würde es mir eine große Freude sein , vorausgesetzt , daß Sie mir gut genug sein könnten , um mich zu heirathen . « Adele bückte sich tief auf ihre Arbeit und sagte : » Wenn die Tante erlaubt . « » O , die erlaubt es sehr gern ! « rief Walldorf herzensfroh und überlaut . » Nicht wahr , gnädige Frau , Sie haben nichts dawider , daß Fräulein Adele mich heirathet ? « Alles gerieth in tumultuarische Bewegung . Adele lief verlegen aus dem Saal , Faustine lief ihrer Schwester nach , Walldorf machte Miene , ihnen zu folgen ; doch ein befehlender Blick der Tante hielt ihn fest . Man machte einen Spaziergang , man verständigte sich , man machte Alles sicher und fest , und beim Souper stellte die Tante Walldorf und Adele als Verlobte ihren Gästen vor , und lud sie in sechs Wochen zur Vermählung ein . » Bist Du denn recht glücklich , Adelchen ? « fragte Faustine zärtlich , als sie ihr am Hochzeittage den Myrthenkranz aufgesetzt . » O , so sehr ! « rief Adele und faltete die Hände . » Und worüber wol am meisten ? « » Eigentlich über Alles - so im Ganzen - daß ich ein Haus und eine Wirthschaft bekomme .... « - » Aber das wird Dir viel Plage machen . « » Doch viel mehr Vergnügen noch ! - daß ich die Tante verlasse ... « - » Das ist freilich ein großes Glück . « » Daß ich Frau werde und in Gesellschaften sitze , wenn die Mädchen haufenweise zusammen stehen . « » Es mag sein Angenehmes haben . « » Am meisten aber doch , daß Walldorf mein Mann wird . Keinem Andern würd ' ich so gut sein können ! Er spricht zwar etwas laut und macht nicht viel Complimente - doch Niemand kann ' s ehrlicher meinen , als er , und warum soll er das nicht so laut und offen wie möglich sagen , liebe Ini ? - « » Nun , sobald es Dir nicht unbehaglich ist , daß die Wände dröhnen , wenn er lacht , und daß es einen rothen Fleck giebt , wo er küßt .... « - » Einen rothen Fleck ? ! « rief Adele erschrocken und sah in den Spiegel . Als sie aber ihr hübsches blühendes Gesichtchen makellos fand , setzte sie tröstend hinzu : » Der vergeht wieder , Ini . « Walldorf und Adele wurden und blieben ein glückliches Paar , d.h. glücklich auf ihre Weise ; denn Jeder hat seine eigene . Und zu ihnen wollte Faustine jetzt . Andlau sagte : » Wie seltsam , daß Dein unceremoniöser Schwager solche steife , förmliche Briefe schreibt , die doch gar nicht in seiner Natur liegen . « » Er hat so wenig Form , daß er gleich gezwungen wird , sobald er artig sein will , und was diesen Brief betrifft , so mag er ihn wol aus einem uralten Briefsteller aus der Bibliothek von Oberwalldorf abgeschrieben haben , denn das Briefschreiben und Bücherlesen ist seine Sache nicht . Nur die Bücher studirt er mit wahrer Wonne , die er selbst schreibt , und wovon er schon eine recht hübsche Sammlung besitzt . « » Also schreibt er seine landwirthschaftlichen Beobachtungen nieder ? « » Keinesweges ! seine Gutsrechnungen schreibt er nieder , aber auf eine Weise , die seine Zeit und sein Interesse gleich sehr in Anspruch nimmt . Erst wird mit der ausgesuchtesten Pünktlichkeit , bei Batzen und Kreuzer , die Rechnung geführt : das ist aber nur der Brouillon . Dann macht er eigenhändig Abschriften dieses wichtigen Werkes , in Sedez , in Duodez , in Octav , in Quart , in Folio und in Royal-Folio , auf dem schönsten Papier , elegant gebunden , das Royal-Folio gar prächtig in Maroquin mit goldenem Schnitt , und dann ordnet er die verschiedenen Ausgaben dieses Werkes nach ihrer Größe in den Bücherschränken seines Arbeitszimmers , worin schwerlich ein anderes Buch Zutritt findet . Das ist sein unschuldiges Steckenpferd . « » Ich wundere mich nur , daß dies Steckenpferd gleichsam in einem Gespann mit seinem Arbeitspferde läuft ; daß etwas , das am Morgen seine Arbeit war , am Abend seine Erholung wird ; daß er nicht lieber etwas Andres abschreibt , meinetwegen gewisse Zeitungsannoncen oder Wetterbeobachtungen , kurz , daß er in nützlicher und angenehmer Beschäftigung so gar keines Wechsels bedarf . Seine Einseitigkeit muß ihn für Jeden , der nicht Landwirth ist , erdrückend langweilig machen . « » Gehört nicht eine gewisse Einseitigkeit dazu , um etwas Großes in irgend einem Fache zu leisten oder zu werden ? Kann man zugleich tüchtig als König und Dichter und Minister und Kunstkenner und Baumeister sein ? mehr liefern als mittelmäßige Proben von mittelmäßigen Fähigkeiten in diesen verschiedenen Richtungen ? « » Das Genie ist seiner Essenz , seinem innersten Wesen nach vielseitig ; denn was ist es anders , als die göttliche Kraft des Geistes , das Homogene aufzufassen , zu entdecken , zu schaffen , zu wirken , zu bilden , je nach dem Material , das man gerade unter der Hand hat . Das Genie findet es immer unter der Hand , es sucht nie . Es fragt nicht : soll ich lieber ein Held werden oder ein Künstler ? sondern es greift nach Schwert oder Pinsel , und hat , ohne sich zu besinnen , die Welt erobert oder entzückt . Daß das Genie zuweilen mehre Talente hat , verschiedene Materiale behandelt , gleichsam in drei oder vier Sprachen spricht , daß da Vinci Maler , Baumeister und Dichter war , daß Peter der Große ein Reich aus der Versunkenheit emporzog und Schiffe baute , daß Julius Cäsar der erste der Imperatoren war , und nach ein Paar tausend Jahren noch der Schriftsteller der Jugend ist - : das blendet und verführt die Leute . Sie meinen , mit der Vielseitigkeit sei auch das Genie da , und vergessen nur , daß man viel Fähigkeiten in sich ausbilden , viel Fertigkeiten sich aneignen , aber nimmermehr ein Genie werden könne . Man muß es von Natur sein . Es liegt in einer dem Menschenwitz unerreichbaren Region . Der liebe Gott hat es sich vorbehalten , seinen Lieblingen damit ein Geschenk zu machen , das , gleich allen bedeutenden Geschenken , schwere Verbindlichkeiten auf den Empfänger wälzt , obgleich es ihn beglückt . - - Aber weil der Mensch doch einen bewegbaren Kopf hat , der sich rechts und links , vor- und rückwärts wenden kann , so meine ich , er solle nicht muthwillig Stupidität , Vorurtheile , Launen und Eigensinn als Scheuklappen sich vorbinden , die ihn hindern , irgend etwas zu sehen , das nicht in seinen Kram passen könnte . Selbst ausgezeichnete Talente werden , zwischen Scheuklappen ausgebildet , zur Manie . Ich hörte einen berühmten Pianisten ; er übte täglich vierzehn Stunden ; er dachte , er wußte , er kannte , er sprach nichts , als seine Kunst - nun , er spielte wie eine vom Dämon der Musik gefertigte und besessene Maschine . Stelle ich mir nun Deinen Schwager als einen vom Dämon der Erdscholle Besessenen , aber ohne in sein Fach einschlagende besondere Talente vor , so wünsch ' ich ihm der Abwechselung wegen doch Liebhabereien aus einem andern Gebiet - etwa Mongolfieren oder dergl. - « » Ich mache es , so wie Du meinst , daß man es machen müsse , « sagte Faustine ; » ich sehe mir die Dinge an , und assimilire davon , was ich brauchbar finde , mit meiner Eigenthümlichkeit . So bleibe ich doch Eins und werde nicht allzu sehr einseitig . - Aber nun hör ' weiter ! Die Liebhaberei meiner Schwester ist auch aus ihrem Fach : es ist das Anschaffen und der Besitz von Leinwand . Spinnen , weben , bleichen zu lassen , ist ihr Element . Nach jeder Niederkunft erhält sie von ihrem Manne als Wochengeschenk ein Stück Land - bei der Geburt eines Knaben noch einmal so groß als bei der eines Mädchens - womit sie machen kann , was sie will . Sie läßt darauf Lein säen , und ihn dann verarbeiten zur Aussteuer für ihre Töchter , von denen die älteste sieben , die jüngste ein Jahr alt ist . Da sie außerdem noch fünf Söhne hat , so ist ihr Leinwandschatz und ihr Grundbesitz schon ziemlich bedeutend , und wir können es vielleicht erleben , daß mein Schwager nur noch Oberlehnsherr seines Gutes sein wird . « » Aber sie sammelt für ihre Töchter ; das ist doch ein würdiger Zweck . « » Und mein Schwager gedenkt seine Werke den Söhnen zu hinterlassen . Der älteste bekommt die Ausgabe in Royal-Folio und so abwärts der Reihe nach . Für die Zukunft arbeiten wir Alle - außer uns , in uns . « » Kennst Du den Bruder Deines Schwagers ? « » Den kleinen Clemens ? ja . Vor vier Jahren fand ich ihn einmal in Oberwalldorf . Ein Mensch , damals schon wie ein Riese , aber so kindisch , daß ich ihn immer den kleinen Clemens nannte . Gut , daß er da ist ! er wird doch ein wenig menschlicher und dann vielleicht recht angenehm geworden sein , und so etwas ist immer brauchbar - dort am meisten . « » Sprich nicht so leichtsinnig , Ini ! « sagte Andlau ernst . » O Gott , gar nicht ! « rief sie ; » ich freue mich wirklich , den Clemens dort zu sehen . Thue mir den Gefallen , « setzte sie scherzend hinzu , » und werde ein wenig eifersüchtig ; Du hast jetzt die beste Gelegenheit . Ich möchte gern wissen , wie Du Dich in eifersüchtiger Stimmung , und ich mich ihr gegenüber benehmen würde . « » Du weißt , Faustine , bei mir kann darum nie von Eifersucht die Rede sein , weil ich keinen Rival anerkenne . Ein Gut , wonach ein Andrer die Hand ausstreckt , überlasse ich ihm gern . « » Ich weiß , daß Du ein schroffer Mann bist . « » Aber nicht für Dich . « » O doch ! auch für mich ! Du bist wie ein Felsen ; daran rank ' ich mich als Epheu mit geschmeidigen Armen empor und schmücke ihn so gut ich kann . Aber der Felsen bleibt ernst und unbewegt , und ich weiß nicht einmal , ob es ihm eine Freude ist . « - Ihre Augen standen voll Thränen . » Du kränkst mich , Ini , « sagte Andlau mit tiefer Zärtlichkeit ; » Du weißt recht wohl , daß Du meine einzige Freude , mein ganzes Glück auf der Welt bist . Es wäre eben so kindisch , wenn Du daran zweifeln könntest , als wenn ich es Dir alle zehn Minuten wiederholen wollte . « » Ich verstehe nur nicht zu zweifeln , wenn ich liebe ; sonst , Anastas , würd ' ich mir wol bisweilen Gedanken machen . « » Und was für Gedanken ? böse oder gute ? « » Ich würde mir vorkommen wie die Eidergans . « » Das ist nicht sehr schmeichelhaft « - sagte er lachend . » Nein , gewiß nicht für die Menschen ! denn die schieben dem armen Vogel Kreideeier statt der wirklichen ins Nest , weil er die Gewohnheit hat , sich die Federn auszurupfen , um die Eier damit zu erwärmen . Unermüdlich rauben die Menschen den weichen Flaum und machen sich bequeme Kissen daraus , und unermüdlich rupft sich der Vogel kahl für die unerwärmbaren Kreideeier . « » Und die Nutzanwendung ? « fragte Andlau etwas erstaunt . » Was ich an Liebe und Zärtlichkeit im Herzen habe , streue ich , ohne mich zu besinnen , vor Dir aus , und bin gewiß glücklich genug , daß Du es mir gestattest , denn wo sollte ich sonst damit bleiben ? Aber Du , Du nimmst absichtlich den weichen Flaum fort , damit ich mir immer etwas Neues und Frisches , immer eine andere Weise aufdenken möge , um Dir zu sagen , wie ich Dich liebe . « » Wenn Du das von mir glaubst , so bestrafe mich und denke Dir nichts Neues auf . « » Das würde mir aber ein großer Zwang sein . « » Du siehst , liebe Faustine , unsre Natur ändern wir nicht . Du mußt die Fülle , die Glut , die Pracht der Deinigen aushauchen durch Wort und Bild und Ausdruck . Ich , der ich ohnehin nicht Deinen Reichthum habe , muß stumm und anbetend zu Dir emporsehen . Nennst Du das Mangel an Theilnahme und Liebe ? « » Nein , nein , Anastas ! ich sagte Dir ja , daß ich die Gedanken nicht dazu kommen lasse , sich wirklich auszubilden . « » Es wäre auch schade um Dich , wenn in Deine lichte reine Seele Zweifel und Zwiespalt verfinsternd fielen . Du bist ein Kind des Lichts , meine Ini . « » Die Kinder der Welt sind klüger als die Kinder des Lichts - steht in der Bibel . « » Ich dachte auch so eben nicht daran , Deine Klugheit zu preisen « - sagte Andlau lachend . » Du bist mein Verstand , ich brauche keinen besondern ; « antwortete sie , und drückte die Stirne an seine Wange . Die Locken fielen graziös über ihr Gesicht herab ; die schlanke weiße Gestalt ruhte friedlich in seinem Arm . Sie sah aus wie eine junge Birke mit frühlingsgrünem , wehendem Gezweig an einen Felsen gelehnt . Diese beiden Menschen lebten in und mit der Welt , wie auf einer goldenen Klippe , die mitten im Meer für sie emporgestiegen . Sie liebten sich so , daß sie zwar den Stürmen ausgesetzt , doch nicht vor ihnen zu beugen sich glaubten . Denn mochte Faustine auch zuweilen klagen über Andlau ' s immer gehaltenes Wesen , so war das doch nur so wie die Nachtigall Töne in ihrem Gesang hat , die gleich herzzerschmelzender Klage klingen , weil übermächtige Sehnsucht in ihnen widerhallt . Faustine war eine von den flammendurstigen Seelen , die in jedem Moment des Lebens die Nektarschaale des Glücks verlangen und leeren , ohne Rausch , ohne Taumel , ohne Uebermuth ; mit dem Bewußtsein , daß sie ihnen zukomme , und darum nicht trunken wie die Sterblichen , sondern wie die Ueberirdischen , beseligt ! Aber nur an großen Jubelfesten und nicht an Wochentagen wird sie den Menschen gereicht , und Trost und Beschwichtigung dafür fand Faustine immer bei Andlau . War er nicht von der Glut , so war er doch stets von der Höhe ihrer Empfindungen und wie ein Fixstern von unwandelbarem Licht . An diesem Abend , als sie mit Andlau von dem Spaziergang nach der Neustadt heimkehrte , wo sie künstlerische Beobachtungen über Mondscheinbeleuchtung angestellt , verweilte sie auf der Brücke und sprach : » Anastas ! ich muß mir einen Zaubergesang aufdenken , womit ich , wie die alten thessalischen Zauberinnen , den Mond vom Himmel herabziehe . Er hat Geheimnisse , die ich ergründen möchte . Sein Strahl berührt mich so kalt , daß ich schaudere , wie von einem Leichenfinger berührt , und sein Glanz ist doch so magisch , wie der eines geliebten Auges , in das man immer hineinblicken möchte . « » Laß den Mond in seiner Sphäre , und nimm Deinen Shawl zusammen , Ini . « » Und ich denke , wenn ich ihn ganz nahe bei mir hätte , ihm gleichsam Aug ' in Auge schauete , so würd ' er nicht so leichenkalt sein . Um seiner Schönheit willen thut mir seine Kälte leid , die gewiß ein großer Fehler ist . « » Besonders hier auf der Brücke . Nimm Deinen Shawl zusammen ; die Luft weht kalt über die Elbe . « » Ich thu ' es , lieber Anastas ! - Aber ich möchte wissen , ob die Gestirne nicht einen wesentlichen und räthselhaften Einfluß auf den Menschen und seine Schicksale haben ; ob der Stern , welcher in dem Augenblick unsrer Geburt uns begrüßt , für immer unser Freund und mit uns in Verbindung bleibt . « » Dies zu beweisen und zu berechnen , mühten sich in frühern Zeiten die Astrologen ab . Unsre Tage der scharfen Analyse und der materiellen Industrie sind dieser nebulösen Wissenschaft abhold , und ich meine , die Ueberzeugung sei uns heilsamer und förderlicher , daß wir selbst mehr Einfluß auf unser Schicksal haben , als Sonne , Mond und der ganze gestirnte Himmel . « » Es kann wol Irrthum sein - dennoch bild ' ich mir ein , daß die Sonne mich lieb hat , weil ich an ihrem Herrschertage geboren bin , am 22. Junius . Das ist der längste Tag des Jahres , da steht sie am höchsten über unserm Haupt , da tritt sie das mächtige Reich des Sommers an . Und nur wenn die Sonne hoch über mir steht , ist mir das Leben eine Lust , weil ich dann nicht abgesperrt von Erde , Licht und Luft bin , sondern ihr frisches , schaffendes Regen theile und genieße . Im Sommer , mein ' ich , könne mir kein Unglück , nichts Böses widerfahren : die Sonne lächelt mich an ! ist sie nicht das Auge Gottes ? - O Anastas , ich habe wol Recht , die himmlische Sonne zu lieben , die mir Freuden bereitet , wie