der Gräfin durch die nun völlig in Dunkel gehüllten Wege des Waldes dem Schlosse zu . Die Thorwächter öffneten die eisernen Gitter , die den Hofraum umschlossen , und der Wagen fuhr in den Portikus des Hauses . » Ist die Frau Gräfin noch zu sprechen ? « fragte St. Blace , der alte Kammerdiener derselben , und hob sich langsam aus dem bequemen Bocksitze . » Sie haben befohlen , sogleich die junge Herrschaft einzuführen , « antwortete Mr. Lorint , der Haushofmeister , » und sind besorgt um ihr langes Ausbleiben . « » Nicht meine Schuld , nicht meine Schuld , Mr. Lorint ! « rief St. Blace , » wir haben keinen Mondschein , und die Wege im Walde sind noch feucht und aufgeweicht von der Regenzeit - wir konnten nur langsam vordringen . « Indem nahten sich Beide dem Wagenschlage , und ihn öffnend , hob sich ihnen zuerst die alte Kammerfrau der Gräfin , Madame Sulpice , entgegen und ließ sich , in ihre Pelze und Mäntel gewickelt , von ihren beiden Kameraden über den Tritt der Kutsche ziehen . » Ah , Mr. Lorint ! « rief sie freundlich - » ich hoffe , wir finden Alles wohl auf in Ardoise und kommen zur gesegneten Stunde . « » Ihro Gnaden wenigstens führten ein leidliches Wohlbefinden , und sonst fiel seit zwei Tagen nichts zu vermelden vor . « » Desto besser , Mr. Lorint - keine Neuigkeiten besser als trübe , « erwiederte Mad . Sulpice . - » Darf man Euer Gnaden ersuchen , auszusteigen ? « fuhr sie , gegen den Wagen zurückgewandt , fort . Voll Neugierde beeilte sich jetzt Mr. Lorint der Angekommenen Hülfe zu leisten . Alle Bewohner Ardoise ' s sahen auf die Veränderung in dem Leben ihrer Gebieterin , die ihr nach so langer Einsamkeit eine stete Begleitung , eine Lebensgefährtin , wie sie sich selbst darüber ausdrückte , geben sollte , mit einem Erstaunen und einer Erwartung , die man wenigstens durch die Erscheinung des Gegenstandes selbst gerechtfertigt zu sehen hoffte . Mit der Leichtigkeit der Jugend betrat jetzt den Kutschentritt eine schlanke feine Gestalt , welche den Flor der Haube so über die Stirn gezogen trug , daß nur das blendend weiße Kinn und der schöne Mund sichtbar waren . So getäuscht sich Mr. Lorint hierdurch fand , schloß er doch gleich mit sich ab - hier eine junge Schönheit zu sehen , und als sie den Boden betrat und mit dem reinsten französischen Accent ihn anredete , beschloß er , sie des Vorzugs , den sie eben einzunehmen im Begriff war , würdig zu erklären . » Und werde ich die Gräfin d ' Aubaine diesen Abend noch sehen ? « frug die junge Dame mit einem sanften Tone der Sprache . » Ich eile , Euer Gnaden zu melden , « erwiederte Lorint , » und bitte unterthänigst mir zu folgen . « Die Fremde nahm mit einigen dankbaren Worten von ihren beiden Reisegefährten Abschied und stieg hinter Lorint die heitere breite Treppe hinan , die , gastlich erhellt , den schönen Marmor der Wände mit seinen kunstreichen Verzierungen zeigte . - Lorint öffnete einen Vorsaal und beurlaubte sich dann , in eine Nebenthüre verschwindend . Kaum sah sich die Fremde allein , als ihr Herz von der tiefen Bewegung überfloß , welche sie zu beherrschen getrachtet hatte . Die heißesten Thränen stürzten aus ihren Augen , und sie verhüllte das Gesicht , dem Schmerze ihres Herzens sich hingebend . Einige Augenblicke hatte sie so den Tribut gezahlt , den eine plötzliche und vollständige Umänderung aller bisher gekannten und lieb gewesenen Verhältnisse dem jungen Herzen abnöthigten , als sie durch den Gedanken , im nächsten Augenblicke derjenigen gegenüber zu stehen , die sich mit allen Beweisen von Liebe und Theilnahme ihr schon in weiter Ferne bis zum gegenwärtigen Tage genaht hatte - ihre Thränen versiegen machte und ein neues Bemühen herauf rief , ihre schmerzliche Aufregung zu beherrschen . Sie trocknete ihre Augen , und ihren Mantel ablegend , gewahrte sie nun erst die Schönheit des Raumes , in dem sie sich befand , der von zwei Kaminen und vielen geschickt vertheilten Kerzen , die ihr Licht von hell polirten Wänden und Fußböden wiedergaben , erleuchtet wurde . Ihre Aufmerksamkeit ward sogleich durch einige lebensgroße Bilder in Anspruch genommen , Personen aus der Familie darstellend , welche die Fremde in den Kreis einzuführen schienen , dem sie künftig angehören sollte . Es waren schöne , edle Gestalten , und ihr Auge blieb mit besonderer Theilnahme an den Zügen einer Dame hängen , welche , im Brautschmucke gemalt , mit so unbeschreiblich anziehenden Mienen auf die junge Beschauerin niedersah , als wolle sie ihr Muth und Lebenshoffnung einreden . » Ach , « seufzte sie leise , » wären das die Züge der Gräfin d ' Aubaine , wenn auch von der Zeit der jugendlichen Schönheit beraubt ! - Wie unbeschreiblich wohl wird mir in Deinem Lächeln - als hätte ich Dich längst gekannt , als wüßtest Du Alles , was in meinem Herzen vorgeht ! « Indem öffnete Lorint die Flügelthüren und lud das Fräulein zum Nähertreten ein . Durch mehrere Gemächer , welche alle , erhellt und vom Kaminfeuer belebt , den Hauch des Geistes trugen , der nur im steten Gebrauche ihnen ihr ansprechendes Dasein einflößt - erreichte die Fremde ein Kabinet , das die Zimmerreihe schloß , und , mit grünen , seidenen Vorhängen rings umhängt , wie Waldeinsamkeit und Stille den Wohnenden umfing . An der Schwelle stand plötzlich die hohe Gestalt der Gräfin d ' Aubaine . Es waren zwar nicht die Züge , die aus jenem Bilde lächelten , aber wer hätte der sanft verklärten Dulderin in die milden blassen Züge blicken können , ohne zu glauben , er habe gefunden , was er suche . » O Elmerice , « rief die Gräfin , das schnell zu ihren Füßen gesunkene Mädchen mit beiden Armen umfassend , » suchst Du keinen andern Platz bei Deiner zweiten Mutter ? « Unfähig zu sprechen , sank Elmerice an ihren Busen . Die Gräfin , welche jede allzugroße Erweichung scheute , rang sichtlich mit ihren Gefühlen , das liebe Wesen , welches sie innig an sich gedrückt hielt , in der natürlich großen Bewegung zu stützen . » Blicke auf , mein Kind , und sei getrost ! Du hast eine Mutter , ich die Freundin meiner Seele verloren ! Ach , glaube mir : Du bist mir ein heiliges , über Alles theures Vermächtniß , und daß sie mit dieser letzten Gabe ihres Lebens mich noch beglücken und ehren wollte , das ist ein Zeugniß ihrer Liebe , woran ich Dich erinnere , daß Du fühlst , wie sie mich hochhielt , und daran Dein Vertrauen zu mir knüpfest . « » Ach , Frau Gräfin , « rief Elmerice , » wie könnte ich jetzt erst Gefühle anknüpfen wollen , bei denen ich groß gezogen ward - meine Aeltern , so lang ich sie beide besaß , wetteiferten , Euch zu lieben ! « Elmerice zärtlich umschlingend und sie zu sich in das Ruhebette niederziehend , sagte die Gräfin : » wie rührt mich so viel Liebe , wenn sie , auch unverdient , nur den Geber ziert . Wie rührt es mich , daß Deine Mutter so das Herz Deines Vaters bestimmte , ihm für die nie Gesehene , Ungekannte , eine so warme Theilnahme einzuflößen ! « » Mein Vater kannte Euch nicht ? « rief hier Elmerice überrascht , - » wie ist dies möglich ? Er muß Euch gekannt haben , denn von ihm erbat ich es oft mir , Euch und Ardoise zu schildern . « » Und that er das ? « frug lächelnd und überrascht die Gräfin . » O hättet Ihr es gehört ! Wie ich die Treppe hinauf stieg , erkannte ich Ardoise nach dieser Beschreibung sogleich wieder - und je länger ich Euch betrachte , jemehr erkenne ich das Bild , das er von Euch entwarf , tragt Ihr freilich auch nicht mehr Eure Lieblingsfarbe , das schöne Himmelblau , die weißen Rosen im Haare , worin Ihr den Engeln glichet . « » Seltsam ! « sagte die Gräfin , leicht erröthend vor sich niederblickend - » doch glaube mir , ich sah ihn nie , aus den Erzählungen Deiner Mutter kannte er dies ; sie schmückte mich zuerst bei ihrem Aufenthalte in Ardoise an dem Namenstage meiner Mutter , so wie Dir gesagt ward . Viele Jahre trug ich so am liebsten mich , schwere verhängnißvolle Erinnerungen sind an dies Kleid geknüpft , und da man es oft als zu meinem Leben gehörend erwähnt hat , wird es auch so Dein Vater erfahren haben . « Elmerice schwieg , aber das gesenkte Angesicht zeigte , wie unbegreiflich ihr diese Annahme schien . - » Mein Vater war aber in Frankreich , er ist in Paris erzogen , « fuhr sie endlich fort , fragend in das Antlitz der Gräfin blickend , denn ihr schien jetzt nichts mehr recht sicher , da dies Eine , woran sie so bestimmt geglaubt , ihr in Abrede gestellt ward . » So hörte ich von Deiner Mutter , liebste Elmerice . Herr Eton , Dein Großvater , gehörte zu den selten gebildeten englischen Geistlichen , die ihren Kindern keinen größern Vorzug mitzugeben trachten , als eine ausgezeichnete Erziehung . Dein Vater muß eine vollendete Bildung erhalten haben . « » Wie könnt ' ich bestimmen , « rief Elmerice mit Enthusiasmus , » auf welcher Höhe der stand , welcher um sich her die Hoheit und die Würde jeder menschlichen Tugend verbreitete ? Er war selten heiter , und ich habe Menschen gekannt , die dies zu tadeln suchten - aber wie hätten wir uns ihn anders denken können , wie glauben , er könne die gewöhnliche Gabe des Frohsinns besitzen , so erhaben wie er vor uns stand ! O , er war ja nie finster , nie unfreundlich - und gab es etwas , was sich mit seiner Freundlichkeit hätte vergleichen können ? Ich , sein glückliches Kind , an das er seine ernstesten Blicke in Huld und Güte umwandelte , wie war ich bezaubert von diesem Lächeln ! - Wenn er plötzlich eintrat , wo ich mich befand , und nur mein Arm , meine Hand nachläßig danieder hing - ich fühlte es als einen Vorwurf und rückte mich beschämt zurecht , und wagte nicht , kühn zu ihm aufzublicken , nicht laut zu sprechen , wenn er still und sinnend in langen , stummen , innern Anschauungen da saß und seine bloße geräuschlose Gegenwart uns beherrschte , als ob ein König unter uns wäre . Man spricht von Menschen wie von Fabeln , die durch die Gewalt ihrer Augen ihre Mitgeschöpfe beherrschten ; so war mein Vater ! Ich habe ihn , statt Worte zu sagen , anblicken sehn , und die Macht der erschütterndsten Rede hätte nicht siegender wirken können - der ausgelassenste Uebermuth sank vor diesen Augen zusammen . - Zu ihm kamen die ausgezeichnetsten Menschen und forderten Rath ; seine Gesellschaft , seine gelegentliche Unterhaltung mit Einem oder dem Andern war eine hohe Ehre , dessen sich die Besten rühmten und stolz darauf waren . Sein Tod brachte die Grafschaft in Bewegung , ein Jeder eilte herbei , ihn noch ein Mal zu sehen . « - Hier schwieg Elmerice plötzlich - ihr kindlicher Enthusiasmus hatte sie so nach Außen gedrängt , daß sie sich selbst ganz aus den Augen verloren ; die Erwähnung seines Todes aber weckte ihr eigenes Gefühl ; der Schmerz , belebt durch das Bild seiner Vorzüge , das sie in Liebe glühend heraufgerufen , durchzuckte sie jetzt mit dem Gefühle seines Verlustes - große Thränen fielen wie Perlen aus den Augen - sie vermochte nicht weiter zu sprechen . Die Gräfin d ' Aubaine hatte dies fast vorausgesehen - freundlich war sie beeilt , sie zu unterbrechen : » Ich wollte , Du hättest Recht , Elmerice , und ich hätte Deinen Vater gekannt , den Du so lebhaft vor meine Seele führst . Wohl hatte mir Deine Mutter stets seinen hohen Werth gerühmt , und ich hielt ihn so in meinen Gedanken fest ; doch hast Du mit Deiner kindlichen Liebe ihn noch schöner , bedeutender gezeichnet , als die stets bescheidene Freundin , die sich eines solchen Glücks kaum zu rühmen wagte und mich über tausend Dinge , die mir wichtig schienen , zu erfahren , und eben Deinen Vater angingen , in Ungewißheit erhielt . Die Liebe eines solchen Mannes gewonnen zu haben , wollte sie nie einräumen , so daß es demjenigen , welcher nicht , wie ich , ihr bescheidenes Herz kannte , fast hätte scheinen können , sie nur sei die Liebende gewesen , unberechtigt , von solchem Mann eine Erwiederung zu erwarten . « » Ja , « rief Elmerice lebhaft , » Ihr sprecht es aus , wie es auch mir oft , doch nicht so klar ausgedacht , erschien - ich glaube selbst , meine Mutter hielt es für unmöglich , von solchem Manne geliebt zu sein ! So wunderbar schön stand sie ihm zur Seite , als wolle sie ihm blos abwehren , was ihn verletzen könne . Ach , Frau Gräfin , Ihr werdet das Alles besser wissen , als ich Euch sagen könnte - aber große Leiden muß mein Vater erlebt haben , bevor er sich in die Einsamkeit begrub , wohin ihm meine Mutter folgte . Oft machte sie Andeutungen , die mich ahnen ließen , daß seltene und ungemein harte Verfolgungen ihn trafen . « » Nein , mein theures Kind , « antwortete die Gräfin , » ich bin davon nicht unterrichtet . Wie ich Dir sagte , beobachtete Deine Mutter die größte Schüchternheit in Mittheilungen hinsichtlich ihres häuslichen Lebens , so innig auch sonst der Austausch unserer Seelen war . Von ihrer Liebe zu Deinem Vater erfuhr ich nur , als sie ihm bereits ihre Hand zugesagt . Diese Zurückhaltung überstieg fast das Maaß eines liebenden Mädchens , es trug etwas Geheimnißvolles an sich , und ich gestehe Dir aufrichtig , daß sie sich bemüht , mich glauben zu machen , nur sie liebe ihren Gemahl , sie genieße blos seine Achtung , seine Freundschaft . Du weißt , daß Deine Mutter die Cousine Deines Vaters war - er lernte sie bei seinem Vater kennen , sie verließ mit ihm gleich nach ihrer Vermählung Yorkshire , und Herr Eton , Dein Vater , kaufte sich in Schottland an , wo Du geboren und erzogen wurdest . Wenn ich nicht irre , grenzte dies Besitzthum an das Schloß Leithmorin , das dem intimsten Freunde Deines Vaters , dem Lord Duncan , gehörte . « - » Ja , « sprach Elmerice , sich schnell entfärbend , » der kleine Garten unseres Hauses stieß mit dem Parke des Lord Duncan zusammen ; wir haben wie Eine Familie gelebt - nur getrennt , wenn auf dem Schlosse Besuch einkehrte , denn hieran Theil zu nehmen , konnte meinen Vater selbst seine Liebe zu Lord Duncan nicht bewegen ; doch sah er es gern , wenn ich unter der Aufsicht der ehrwürdigen Lady Duncan die Freuden der Geselligkeit kennen lernte . « » Lord Duncan war jedoch bedeutend älter , als Dein Vater , « hob die Gräfin wieder an , der die schnelle Verlegenheit des jungen Mädchens nicht entgangen war ; » er mußte erwachsene Kinder haben . « » Der älteste Sohn von Mylord , « erwiederte Elmerice , » ist bereits seit zwei Jahren vermählt - er hatte noch einen erwachsenen Sohn , Lord Astolf , und Lady Marie , meine liebe Freundin , zwei Jahre älter als ich . « » Mein armes Kind , « rief die Gräfin , vvn einer plötzlichen Ahnung berührt - » so viel liebe Freunde , eine so glückliche Lage mußtest Du in Deinem Vaterlande verlassen , um zu einer alten melankolischen Frau zu gehen , die keine andere Anziehungskraft für Dich haben kann , als die Liebe Deiner Aeltern ? Kaum begreife ich Lady Duncan , daß sie Dich zu mir entließ , kaum das grenzenlose Vertrauen Deiner Mutter , Dich dem gewohnten Kreise zu entziehen , und einem Dir sogar bis auf Land und Sprache fremden hinzugeben . « Elmerice schwieg - ihr Köpfchen hing bewegt auf ihrer Brust , unverkennbar lag auf diesen weichen jugendlichen Zügen das feine Lineament des ersten Kummers . - Die Gräfin glaubte sich nach diesem stummen Augenblicke in das Geheimniß ihres Schützlings eingeweiht , und von tiefer Theilnahme ergriffen , drückte sie sanft ihre Hand zwischen den ihrigen . - Elmerice blickte auf - und ihr Schweigen mit dem bittenden Lächeln der Unschuld vertretend , drückte sie schnell die lieben Hände an ihre Lippen . » O , scheltet mich nicht undankbar , « hob sie schüchtern an , » wenn ich nicht schnell Eure Zweifel beantwortete . Nicht verlegen war ich , Euch meine Meinung zu verbergen , nur wie ich sie Euch verständlich ausdrücken sollte , machte mich verstummen . - Nicht unerwartet , « fuhr sie fort , » kam mir diese liebe Bestimmung meiner Aeltern . Mein Vater , der Euch und Ardoise immer im Sinne trug , hatte meiner Mutter das Versprechen abgenommen , mit mir nach Frankreich und in Eure Nähe zurückzukehren , sobald der Tod , den er sich immer nahe glaubte , ihn abgerufen haben würde . Meine ganze Erziehung war darauf eingerichtet , in einem Lande nicht fremd mich zu fühlen , worin er mich später lebend wünschte . Er war der Sprache vollkommen mächtig , die ich durch ihn lernte ; seine Erzählungen beabsichtigten , mich mit Sitten und Gebräuchen dieses von ihm so geliebten Frankreichs , wie mit dessen Geschichte mich so vertraut zu machen , als mit der meines Vaterlandes . Meine Mutter , die seinen Willen in allen Dingen heilig hielt , hätte ihm unfehlbar diesen Wunsch erfüllt , hätte sie es vermocht . Ihr wißt es , « fuhr sie mit bebender Stimme fort , » wie schnell sich ihre körperliche Hülle auflöste , der Sehnsucht folgend , die sie meinem Vater nachzog . Da hatte sie nur Einen Gedanken , nur Eine Sorge , die , mich Euch zu übergeben - und auch ich theilte nur das Verlangen , diesen ihren letzten Wunsch erfüllt zu sehen , und fühlte bei Euren günstigen Antworten die Beruhigung , die sie selbst empfand , wenn mich auch der Schmerz ihres nahen Verlustes ziemlich gleichgültig gegen meine Zukunft machte - was Ihr wohl natürlich finden werdet . « » O mein theures Kind , wie vermöchte ich es anders ! « rief die Gräfin - » aber dennoch , selbst so vorbereitet , ward es Dir sicher nur zu schwer , Leithmorin zu verlassen - und Deine arme junge Freundin Marie . - Was habe ich damals gelitten , als ich mich von Deiner Mutter trennen mußte , die über zwei Jahre in unserer Familie lebte , und deren Platz nie mehr in meinem Herzen ersetzt werden konnte ! - Aber obwohl sie sich so glücklich bei uns fühlte , sie sehnte sich doch zurück , und außerdem war ihre Schönheit und Liebenswürdigkeit so groß , daß mein Bruder , der damals in das älterliche Haus zurückgekehrt war , sie nicht sehen konnte , ohne eine Neigung für sie zu fassen , der sie durch Entfernung zu entgehen dachte . Deine Mutter gehörte einer jüngern Linie eines sehr geachteten Hauses in England an - aber mein Bruder durfte sich nur mit einem ebenbürtigen Fräulein vermählen , wenn er Ansprüche auf die Titel des Namens d ' Aubaine und auf die damit zusammenhängenden reichen Besitzungen behalten wollte . Seine Leidenschaft beherrschte ihn jedoch so , daß es ihm möglich schien , dem zu entsagen , und er mit allen Ueberredungsmitteln in unsere Aeltern drang , ihm die Bewerbung um Miß Eton zu gestatten . Da erfuhr das edle Mädchen durch meine Mutter selbst die peinliche Lage meiner Aeltern , und ihr Entschluß war sogleich gefaßt . Mein Vater entfernte meinen Bruder auf einige Tage , und unterdessen reiste Deine Mutter unter sicherer Begleitung durch Frankreich bis nach Calais , wo sie von Deinem Oheim , ihrem Bruder , empfangen ward und so nach England zurückkehrte . Ich habe sie nie mehr gesehen , obwohl wir uns nur mit der Hoffnung des Wiedersehens beim Abschiede trösteten ; sie aber hatte durch ihre edle Aufopferung eine ganze Familie gegen die traurigsten Verwirrungen geschützt - freilich « - setzte die Gräfin nachdenklich hinzu , » sie liebte meinen Bruder nicht . « » Ach , « rief Elmerice - » so war ihr das Härteste nicht auferlegt ! O , wie beruhigt mich diese Versicherung ! Wie könnte es mich noch heute , obwohl alle Leiden der Welt längst hinter ihr liegen , schmerzen , wenn sie die hätte durchkämpfen müssen , die das Herz erleiden mag , so im Gedränge zwischen ernsten Pflichten und einer reinen Liebe , der heiligsten Empfindung des Herzens ! - Doch , « fuhr sie nach einer Pause fort , da die Gräfin im Nachdenken verblieb , - » es geschieht wohl oft , daß auf diese Weise Menschen getrennt werden , die von der Natur bestimmt schienen , einander anzugehören , und Frankreich vor Allen scheint mir durch seine alten Familienverträge in dem Falle , so harte Verhältnisse herbei zu führen . Mein Vater sagte mir oft davon - es war während seiner Anwesenheit daselbst , denke ich , Mehreres geschehen , was ihn darauf hinwies . « » Allerdings ; « sagte die Gräfin , - » dies Land hat ganz die Formen behalten , die zu einer Zeit herrschen mußten , wo es nöthig schien , die entstehenden Familien durch solche Verträge gegen Verbindungen mit dem roheren Theile des Volkes zu schützen . Nicht , wie jetzt , war Bildung und Sitte ein Gemeingut der Nation , sie fing erst in den Kreisen sich zu entwickeln an , die durch größeres Grundeigenthum eine gesicherte , ruhigere Existenz gewonnen , und , über die Anstrengungen für den Erwerb des Lebens hinaus , Zeit und Gedanken für eine höhere geistige Entwickelung behielten . Die Geistlichkeit , als Hüter des schon vorhandenen Bildungsschatzes , wußte die Kreise , die so der höhern Sitte empfänglicher wurden , bald zu erkennen , und sie selbst half Verträge erdenken und stiften , welche die nöthige Absicht beförderten , solche Familien unter einander zu verbinden und durch Gesetze von dem roheren Haufen der noch unter dieser Bildung Stehenden abzusondern . Hierdurch ward der erste zarte Keim der Volksentwickelung geschützt und genährt ; in diesen Kreisen wuchs sie auf und erstarkte , bis sie , dieselben überschreitend , in einer rechtmäßig organischen Entwickelung sich über die entgegen reifenden niederen Klassen ausbreitete , und die Idee einer Bevorrechtung des Individuums nach gerade in leere Einbildung zerfallen machte . « » Und dennoch hält man diese Formen fest , « sprach Elmerice , » die ihrer früheren Bedeutung leer geworden sind ; und so viel gebrochene Herzen , so viel zerstörtes Lebensglück machte noch Niemand aufmerksam auf den wahren Inhalt dieser alt gewordenen Verträge ? « » Mein theures Kind , « sagte die Gräfin sanft , » wir können hier , wie überall , den Gang beobachten , den in ihrer Entstehung wohlthätige und nöthige Einrichtungen durch den Wechsel der Zeit , den sie mit bewirken halfen , erleiden . Vielleicht sind in diesem Augenblicke nur noch Wenige in Frankreich , die im Stande wären , unsere Unterhaltung nicht mit Staunen , vielleicht mit Unwillen zu hören - ja , es ist noch nicht lange , daß ich selbst mich von diesen Ansichten , mit denen ich auferzogen , beherrscht fühlte und ohne Widerrede geneigt war , ihnen jedes Opfer zu bringen . Erfahrungen , Einsamkeit und Lectüre , gewiß aber und vor Allem , daß ich mit vielen und ausgezeichneten Menschen lebte , die , wenigstens nicht erstarrt in dieser Form , schon die Zeit ahnend herauf dämmern sahen , die sich den gewohnten Ansichten entgegenstämmen wird , machte mich zu einer Entwickelung bereiter , der ich mich jetzt nicht mehr entziehen kann . Je mehr aber ein innerer Verfall , um sich greifend , das lang Bestandene zu bedrohen scheint , je mehr werden wir finden , daß die Form festgehalten und der Irrthum genährt wird ; daß sie es ist , um deren Behauptung es sich handelt , das sinkende Ansehn vor der sich auflehnenden Weltordnung zu schützen . Auch gehört sicher eine große Selbstüberwindung dazu , der schwächsten Seite dieser Sache , eben ihres lang behaupteten Rechts , nicht zugleich als eines Vorzugs gedenken zu sollen , da allerdings etwas Schmeichelhaftes darin liegt , sich der Kaste angehörend zu wissen , die am längsten sich des Besitzes geistiger und sittlicher Vorzüge rühmen darf , und auf eine dadurch mit sich geführte Veredlung des Blutes des ganzen Individuums bauen durfte . - Du denkst mit Stolz und Enthusiasmus Deines vortrefflichen Vaters ! Das schönste Gefühl der menschlichen Brust , das Gefühl kindlicher Liebe , wird vielleicht , wenn Dich das Leben versuchen sollte , eine Waffe dagegen . Den Namen eines Vaters tragend , den Du so hoch stellst , willst Du sein würdig handeln , Du glaubst von so edlem Ursprunge höhere Anforderungen an Dich - laß ' mich hinzusetzen , an die Anerkennung Anderer machen zu können ; und so entwickelt sich naturgemäß in jeder edel strebenden Brust ein ähnliches Gefühl , als die Kaste des Adels sich gewöhnt hat zu nähren , jetzt freilich mit dem bedeutenden Unterschiede : ihre Handlungsweise nicht mehr solchen Erinnerungen getreu zu behüten , sondern in den alten Ansprüchen sich zugleich befähigt zu ihrem Besitz haltend . Ludwig der Vierzehnte , der eifrigste Beschützer der alten Adelsvorrechte , hat ihnen doch , vielleicht ahnungslos und in anderer Richtung strebend , durch die geistvolle Weise , wie er Künsten und Wissenschaften einen Platz um seinen Thron einräumte , den Todesstoß gegeben . Die Aufklärung , welche ihre Blüten , Künste und Wissenschaften , gedeihen läßt , ist auf diesen Punkt gestiegen , nicht mehr als Eigenthum höherer Stände , von ihnen ausschließlich fest gehalten , zu denken . - Es sind die Quellen des Nils , die das Flußbett , worin sie eingefangen wurden , in eigner Fülle und Kraft anschwellend überschreiten , und ein ganzes Land befruchtend überziehen ; wer einmal die Erndte nach ihrem Säen kennen lernte , blickt Zeit des Lebens aus nach dem seltenen Sämann , der nicht frägt , ob der Boden , den er bestreut , dem bevorrechteten oder belasteten Bürger der Erde gehört . « » Die Zeit ist also erst im Entstehen , « sagte Elmerice sinnend , » die ein freies Wirken und Schaffen unter Gleichgesinnten herauf führen wird - vorerst hat das reichere geistige Individuum keine Freiheit zu hoffen , als eben die innere , durch edles Streben selbst geschaffene . « Die Gräfin fühlte mit wehmüthiger Theilnahme , wie dies schöne liebenswürdige Wesen , aus den Wegen allgemeiner Anschauung stets zu sich selbst abzulenken wußte , und das eigene Interesse an diesem Standpunkte prüfte . Da England und Schottland , besonders die alten Familien , zu denen Lord Duncan Leithmorin gehörte , ganz in denselben Vorurtheilen befangen waren , zweifelte sie nicht , daß Lord Astolph die Veranlassung zu den schwermüthigen Betrachtungen war , mit denen ihr holder Schützling den Standpunkt der Zeit beleuchtete . Diese Gedanken wurden durch das Erscheinen von Lorint unterbrochen , welcher die Abendtafel anmeldete , und die Gräfin d ' Aubaine erhob sich , ihre junge Freundin mit sich führend . Die kleine Tafel war in dem Boiseriezimmer bereitet , welches zuerst durch seine interessanten Portraits die Aufmerksamkeit der Miß Eton gefesselt hatte . Auch jetzt - der Dame im Brautschmucke gegenüber sitzend , lächelte diese mit einer Fülle von Liebe und Trost auf sie nieder , daß sie fast die Blicke nicht abzuwenden vermochte und damit die Aufmerksamkeit der Gräfin d ' Aubaine auf sich zog . Nachdem sie sich umgewendet und das Bild erkannt , lobte sie die Schönheit desselben . - » Es war eine Jugendfreundin meiner Mutter , « fügte sie hinzu - » sie ließ sich in dem Brautkleide malen , welches sie bei ihrer Vermählung mit dem Marquis d ' Anville trug , und worin meine Mutter sie so schön fand , daß sie so ihr Bild sich zu erhalten wünschte . « » Die Marquise d ' Anville ! « rief Elmerice mit einer Ueberraschung , die ihr ganzes Gesicht in Purpur tauchte . » Hörtest Du von ihr ? « fragte die Gräfin . » Ja , ja , « erwiederte Elmerice , » ich hörte von ihr « - doch plötzlich schwieg sie , und die Gräfin , die ihre sichtliche Bestürzung nicht durch Fragen vermehren wollte , war bemüht , durch ruhig einlenkende Gespräche das heftig erschütterte junge Mädchen aus ihrer peinlichen Stimmung zu ziehen . Elmerice strebte dieser liebreichen Absicht zu begegnen , doch wagte sie nicht wieder die Augen zu dem wunderbar schönen Bilde zu erheben . Als die Tafel vorüber war , führte die Gräfin d ' Aubaine Miß Eton selbst nach ihren Zimmern , die in der freigebigsten Ausstattung Alles enthielten , was dem Reichthume der Gräfin zu geben gebührte und mit den Ansprüchen der Bildung zusammen hing , zu denen sie ihren Schützling berechtigt hielt . Geschickt wußte sie sie zugleich mit den ehrenvollen Verhältnissen , die sie ihr zugestand , bekannt zu machen und ihr die Revenuen ihres elterlichen Vermögens , welche durch ihre , als der Vormünderin , Hände gingen , zur freien Disposition zu stellen