einiges Nähere über ihren Gatten mitzutheilen , wobei sie jedoch mit weiblichem Zartsinn Alles umging , was mich tiefer in die geheimeren Verhältnisse ihres gegenseitigen Lebens hätte blicken lassen . Ich erfuhr , daß sie aus Wiesbaden zurückkehrten , wo sie während eines Monates die Heilquellen gebraucht , um ihre beiderseitig wankende Gesundheit wieder herzustellen . Ihr sei dies so ziemlich gelungen , bei Richard aber , meinte sie , träfen zu viele Uebel zusammen , um eine Heilung des Körpers in so kurzer Zeit bewerkstelligen zu können . » Richard , « sprach sie , » leidet weniger körperlich als geistig , und auch dieses geistige Leiden ist nicht wie gewöhnlich ein Symptom seelischen Krankseins , sondern eher der Beweis überkräftiger geistiger Gesundheit . Es wird Ihnen dies sonderbar vorkommen , sollten Sie aber durch ein längeres Zusammenleben mit uns Richard näher kennen lernen , so werden Sie meine Behauptung bestätigt finden . « Rosalie schien sich zu erheitern , ich war daher bemüht , den Moment aufknospender Gemüthsfreudigkeit festzuhalten und wo möglich zu verlängern . Ich that einige unbedeutende Fragen , die jedoch selten bei einem weiblichen Gemüth ihres Zweckes verfehlen . Ich gedachte der Häuslichkeit und der Rückkehr zu gewohnten , liebgegewonnenen Oertlichkeiten . » Das wäre gewiß mein süßestes Vergnügen , « erwiederte Rosalie , » wenn für Richard nicht gerade daraus der Giftquell neuen Schmerzes träufelte . Alles Gewöhnte und Stillebehagliche haßt er mit einem Abscheu , der mich oft besorgt macht um seinen Geist . Wohl begreife ich , woher sich dieser Haß schreibt , aber es ist Unrecht , der stillen Freude , die lieblich und mit dem Friedensblick eines Kindesauges voll gewinnender Unschuld sich uns anschmiegt , bitter entgegenzutreten . Man soll den Himmel nicht verhöhnen , wenn er uns nur den Glanz der Sterne gönnt , nicht die Flamme selbst , die jene Welten belebt . Warum einen Frevel begehen an seinem Glück und an sich selbst unter Verhältnissen , deren Aenderung nicht in die Hand Eines Individuums gegeben ist ? Mir scheint es immer , als schwelle die Qual der Seele zur unerträglichen Bergeslast an , wenn wir zu stolz oder zu hart sind , den Moment zu erfassen , in dem oft ein wunderbarer Zauber der Beschwichtigung liegt . Noch hat es - dies ist meine Ueberzeugung - keine Zeit gegeben , in der sich alle Wünsche erfüllten . Hart freilich drückt der Zwang der Verhältnisse auf die freie und glückliche Entfaltung unserer Lebenskeime . Die Gegenwart ist zum Alp geworden , der uns ängstigt und selbst den schönen Frieden eines kindlichen Herzens zerquetscht . Immer jedoch bleibt noch eine Hoffnung , die zur Rettung werden kann bei sicherem Wagen und vorsichtigem Umhertasten . Möchte nur die schroffe Männlichkeit , die in vielen unserer bedeutenderen Menschen zu ungebunden hineinschlägt in das Getriebe des Weltlebens , sich enger verschwistern mit dem weiblichen Theile des Daseins . Der starke Geist sollte eine stille , heilige Ehe eingehen mit der hingebenden Sanftmuth weiblicher Empfindung . Wie das Streben so vieler tüchtiger Männer auf Freibleiben zielt , so verachten sie auch eine geistige Ehe . Man trennt zu viel , zu schroff , in der Absicht , durch unerbittliches Scheiden die zerrissenen Theile zu freiwilliger Einigung zu nöthigen ; aber ich fürchte , aus diesem Zerspalten entwickelt sich ein Cölibat , dessen Folgen mit Vernichtung der urewigen sittlichen Weltordnung endigen werden . « Wahrlich ! das Weib sprach so ruhig und wahr , daß ich mich einen Augenblick vor mir selbst schämte , und nahe daran war , Bardeloh zu zürnen . Rosalie hatte Recht . Dieses weibliche Element , das sie der modernen Welt gerettet sehen will , läßt man allerdings zu sehr außer Acht , allein wer mag denn die Frage beantworten , ob es wol jetzt auch schon an der Zeit sei , Rücksichten zu nehmen auf das sanft Begrenzende , jetzt , wo es ja wesentlich auf ein Niederreißen alles Begrenzten , Abgeschlossenen und Hemmenden ankommt ? Nur so viel scheint mir einleuchtend , daß dieser weltstürmende Bardeloh in Rosaliens liebreizender Engelsgestalt eine Beschützerin zur Seite hat , die den Ungestümen nicht wird sinken lassen in den Abgrund eines völligen Unterganges . Mich ergreift ein unaussprechlich schmerzhaftes Weh , ich möchte es das Weh eines ganzen Welttheils nennen , wenn ich die Zukunft hineinrechne in die Gegenwart . Zwar sollte ich diese Klage nicht vor das Forum Deines Herzens bringen , das keinen Puls , kein Gefühl kennt für dies mein Leid . Indeß ich will es wagen und appellire an Deine Diskretion oder Toleranz , wie Du es nennen magst . Bist Du bemüht , Proselyten zu machen , so wirst Du mir gewiß auch das Recht zugestehen , das für wahr Erkannte dem Opponenten gegenüber zu vertheidigen . Ist es nicht ein wahnsinniges Beginnen , frische Lebenswege nach dem Todten , Vergangenen abzumessen ? Unsere Zeit siecht an der Epidemie , unsere eigenen Lebenswirren nach Art langst in Staub zerfallener Epochen schlichten zu wollen . Darüber ist sie in Streit gerathen mit dem ewigen Geist der Geschichte und dem Gott der Welt . Sie hat nicht bedacht , daß ein Vervollkommnen alles Seins auch alte Zustände vernichtet . Nun ringt der Geist , eingesunken in den Schlamm und Moder vieler Jahrtausende , ohne Rast und Erfolg , weil er zu bedenklich ist , einen Frevel zu begehen , der in sich selbst keiner mehr wäre , sobald der Gedanke sich consolidirte zur That . In diesem Schwanken und Zaudern besteht die Unmoralität der Gegenwart wie aller Geschichte . Brechen wir los mit einer ganzen vollen That , die in ihrer Offenbarung schon sich als Sieg darstellt , so erkennt alle Welt das als bloßen Wunsch für Unmoralität Verachtete in seinem Gelingen als einen moralischen Fortschritt , und folgt willig dem Vorausgegangenen . Moral ist ein vager , leerer Begriff , die That erst gibt ihr den Freibrief der Göttlichkeit . Aus den Conflicten fällt die Wahrheit dem zu , der mit dem letzten Wort den Gegner zum Schweigen bringt . Dies ist das Recht des Stärkeren im Reich der Geister . Es wird gelten , so lange es eine Welt gibt , und darin besteht das eigentliche Kriterium alles Wahren und Guten , das nur insofern ein absolutes sein kann , als es sich in den verschiedensten Modificationen nicht als ein Vernichtetes , Absorbirtes verliert . Die Form allein ändert sich , der Kern bleibt immer derselbe , aber die Form ist kein Willkürliches , denn sie entspringt aus der Nothwendigkeit gegebener Begriffe , die ihrerseits wieder von der jedesmaligen Lage der Societät und der Welt bedingt und bestimmt werden . Sollte denn in unsern Tagen die Nothwendigkeit , alles bisher Dagewesene zu ignoriren und es mithin zu vernichten , nicht klar bemerkbar sein ? Warum also noch länger zaudern und die Menschheit hinhalten , bis ein gewaltsamer Stoß sie hinreißt zu unerhörten Greueln ? Hätte man immer darauf geachtet , so würde die Geschichte weniger Blutbäder aufzuweisen haben , aber freilich auch an Interesse verlieren . Es scheint , das Juste milieu ist verhaßt im Cabinet des Weltregierers . Dort herrscht der Radicalismus mit seinen freien , bewegten Formen , die nie veralten , weil sie sich immer verjüngen . Ich breche ab , Coblenz liegt vor uns , hinter den weinumzogenen Hügeln der Mosel sinkt die Sonne . Lichte Schatten flattern herüber von den Bergen über die schimmernde Fluth . Die Glocken läuten , an den mosaikartigen Mauern des Ehrenbreitstein rinnt , wie ein Blutstrom , der letzte Schein der Sonne nieder . Ein Dampfboot segelt den Strom herauf , das Verdeck füllt sich , die Brücke fallt . Das hervorstürzende Leben verscheucht den stillern , verschlossenen Unmuth des Herzens . Bardeloh ist wieder heraufgestiegen aus dem Raume . Was er dort gebrütet haben mag ! Sein Gesicht bedeckt eine fast noch tiefere Blässe als zuvor ; er sieht krank , lebenskrank , erdenmatt , europamüde aus . Nur sein Blick liegt auf Welt und Menschen um ihn her wie ein Fernrohr , das die stille , sinnende Sphinx der Zukunft gerichtet hat auf die Gegenwart , dieses colossale Grab alles bisherigen Lebens , über dessen Hügel der finstere , blutbefleckte Schatten eines ungeheuern Kreuzes schwankt . Aber der Leichnam ist herabgestürzt von diesem Kreuze und nur die Nägel starren noch aus dem Holz . Man sieht nicht mehr den Umriß des hingeopferten , zur Versöhung , gestorbenen Gottes , nein , nur seine Marterbank . Und zu ihr - o Gott , zu ihr allein richtet die blödsüchtige Welt ihr scheues Gebet ? - - Es ist finster , die Passagiere haben großentheils das Schiff verlassen . Die Nothwendigkeit zwingt mich , zu schließen . Könnte ich mich doch , ein Geist , hüllen in den silbernen Nebelglanz , der vom grünen , stillen Strome die Rebenhügel hinanklimmt ! Ach , diese Welt wäre schön , betete sie nicht größtentheils nur an am nackten , morschen Stamme des Kreuzes ! - 2. An Ferdinand . Köln , am letzten Juli . Seit drei Tagen bin ich hier in dieser ehemaligen Reichsstadt , deren Anblick schon imponirt und die Thaten vieler Jahrhunderte erzählt . Wie ich geahnt , hat mich das Verlassen der heimathlichen , stillen Thäler nicht der Beruhigung hingegeben , vielmehr stürmt mit lauterem Getöse als je die fremde unbekannte Welt auf mich ein . Nur das Terrain ist ein anderes geworden . Früher wühlte ich mich still und verschwiegen in den Gram meines eignen Herzens , und pflegte die Angst sorgsam wie eine liebende Mutter ihr Kind , jetzt hat sich das Leid des Allgemeinen mir zu Füßen gestürzt und es sind mir Menschen theuer geworden in ihrer Qual , denen ich nur verwandt bin durch ein gleiches , menschlich reines Mitgefühl . Ich habe viel erlebt in diesen kurzen drei Tagen . Eine Recapitulation desselben wird eine heilsame Medicin für Dich sein und mir selbst vielleicht einen Ausweg zeigen , so bald es gut ist , dieses Labyrinth eines unheimlichen Lebens zu verlassen . Ihr Friedsamen und in diesem Frieden so Glücklichen seid mit all Eurer Toleranz ungerechter gegen die Welt , als Ihr meint . Freilich ist das nicht sowol Eure Schuld , als die der Zustände , der Verhältnisse . Herz und Geist des Menschen sind zwei wunderliche Polypen . Sie wachsen und dehnen sich aus , je öfterer sie verwundet und blutig geritzt werden , aber sie schrumpfen zusammen und werden eng , wenn sie in steter Sicherheit nur den kleinen Gram ihres eigenen stillen Selbst zu verarbeiten haben . Will man Gerechtigkeit lernen und Duldung üben , so muß man die Springfluth des jubelnden Lebens eben sowol , als das dumpfe Grollen des trauernden , um sich her toben gesehen haben . Ich fühle jetzt erst , wie erbärmlich wir denken und urtheilen in der Sicherheit unserer kargen Beschränktheit . Diese Enge , dieses ungetrübte Stück des Friedenshimmels macht uns frivol aus Gutmüthigkeit und purem Biedersinn . Gerecht gegen uns selbst zupft unser Eigendünkel die ewige Weltgeschichte bei der Nase , und meistert Gott und Schicksal . Es ist nichts so entsetzlich , als ein musterhaftes Leben in der Stille der Abgeschlossenheit . Darin liegt abermals ein Grund für unsern Untergang , namentlich für uns Deutsche . Es seufzt keiner mehr nach der gehäbigen Ruhe des Hauses als der Deutsche ; es ist keiner mit größerer Mühe herauszuhetzen aus seiner Friedenshütte , als abermals der Deutsche . Wo denn um des Himmelswillen soll Rettung herkommen , wenn der große Sinn für Allgemeinheit unerschløssen bleibt ? Nur Erdbeben , Zusammensturz der Himmelsdecke , können uns noch ermuntern und durch Vernichtung gegenwärtiger Ruhe eine schönere Zukunft sichern . Von dem Verlauf der Reise von Koblenz bis hierher will ich schweigen . Ich gedenke noch mehrere Ausflüge zu machen an den Rhein und seine Umgebungen , und werde dann vielleicht nachholen , was von einigem Interesse für Dich sein dürfte . - Nur die Ankunft in Köln selbst darf ich nicht mit Stillschweigen übergehen . Sie war bedeutend , weniger für mich , als für meinen Begleiter Bardeloh , in dessen Hause ich wohne , wie Du Dir leicht denken kannst . Es schwankt ein düsteres Geheimniß um die Person dieses Mannes , und mein Herz zittert wie galvanisirt , so oft der entsagende Flammenblick seines Auges mit dieser unaussprechlichen , tief ironischen Melancholie auf mir ruht . Das Gefühl , unwillkürlich , wie durch Zaubergewalt , in die Lebenskreise eines Fremden hineingerissen zu werden , hat etwas entsetzliches , und doch liegt in der Tiefe der Verborgenheit auch wieder ein Reiz , der mit süßem Beben die Seele erfüllt . Nicht Neugier möchte ich diesen Rausch der Erwartung nennen , lieber ein schweigsames Forschen , ein psychologisches Experimentiren einer Seele mit der andern . Die Fahrt , mannigfach belebt durch Menschen und Gegenstände , ward für mich zu einem Ereigniß . Rosaliens keusche Anmuth trug zu meiner Erheiterung eben so viel bei als der Zauber , womit Bardeloh sein Wort zu umspinnen versteht . In feenhafter Lebensbewegung quellen die Gedanken aus dem kristallenen Born seines Geistes herauf und schleichen sich mit hinreißender , ungesuchter Beredsamkeit in das Herz jedes Hörers . Wir sprachen viel , Heiteres , Scherzhaftes und tiefere Fragen der Zeit Berührendes . Bardeloh zeigte bei Allem gleiche Theilnahme ; ein hoher , freier Weltton umhüllt mit hinreißender Grazie sein zwangloses Benehmen . Die Welt mag ihm viel gegeben haben und er ihr viel schuldig geblieben sein . So verstrich der Tag , das Bild von Köln dämmerte in duftiger Schöne am Horizont auf , als eben die Sonne tiefer hinabsank . Um den ungeheuren Torso mittelalterlicher Thatkraft , dem Coloß des Domes , flammte zitternd bewegt , gleich Tagfaltern mit purpurnen Schwingen , die Abendröthe . Mein Auge hing mit jener unerklärlichen Sehnsucht an dem halbverwitterten Gestein , die immer das Ungeheure gegen unsern Willen in uns zu wecken pflegt . Da lief das Schiff in den Hafen . Geschrei , wildes , hastiges Durcheinanderrennen , Eigennutz und Geldgier tobten , schlugen , schimpften vom Quai in buntem , unterhaltenden Gemisch . Holländische Schiffsknechte , Hafenarbeiter und Packträger rumorten mit Püffen und Stößen durcheinander . Kaufleute und Aufseher bemühten sich Ruhe zu stiften und wurden verlacht . Dazu ein Dialect , den , gemischt aus einigen Sprachen und gründlichem Unsinn , nur ein Eingeweihter verstehen kann . Mehrere Waarenkrahne mit ihren weit hinausragenden Tragebalken sind am Ufer erbaut und geben , fast immer in Thätigkeit , ein erfreuliches Bild regen Gewerbes . Es fiel mir schon von fern auf , daß auf einem dieser schieferbedeckten , hervorspringenden Arme ein colossaler Mensch von wildem Aussehen in völliger Unthätigkeit saß , um dessen wettergebräuntes Gesicht das Haar verworren hing und seine grotesken Züge zum Theil verdeckte . Große Wasserstiefeln an den Füßen war er nur bemüht , zu dem Geschrei der Lastträger und Hafenbeamten den Tact damit zu baumeln und jedem Ausgeschifften einen Gruß mit seinem formlosen Hut zuzuwinken . Nicht fern von diesem Schifferknechte lehnte zwischen Ballen und Fässern die hohe Gestalt eines Juden , dessen feine , halb orientalische Tracht ihn als einen der Begünstigten seines Volkes bezeichnete . Theilnahmlos , mit gekreuzten Armen , den breitkrämpigen , feinen Castorhut auf dem Kopf , betrachtete er die Ankommenden . - Nach einigem Zanken und Schimpfen hatten sich die Lastträger endlich in unsere Koffer und Schachteln getheilt , Bardeloh wandte sich mit Rosalie und mir der Stadt zu , als mit einem Male , wie vom Wahnsinn ergriffen , der Schifferknecht herabstürzte von seinem Krahn , links und rechts mit Riesenkraft die Menschen auseinander warf und in wenig Augenblicken vor Bardeloh ' s Füßen niedersank . Mit der Inbrunst eines Büßenden küßte er Fuß und Kleid meines neuen Freundes , drückte dessen Hand an seine Lippe , und ein Blick - o Ferdinand ! ein Blick flackerte aus dem Auge des Knieenden , der wie ein lautes Wehgeschrei gellend an mein Herz schlug und das Blut erstarren machte . Der knieende Mann sprach schnell einige Worte , aber in einem Jargon , der mir eben so unverständlich als das Arabische war . Bardeloh schien betroffen , sein blasses Gesicht röthete sich einen Augenblick , er hob den Armen liebreich auf und reichte ihm eine ansehnliche Gabe . Rosalie ergriff krampfhaft meine Hand . Sie zitterte heftig . Der Fischerknecht schwenkte johlend seinen Filz , und ehe ich mich noch recht besinnen konnte , saß die groteske Figur schon wieder auf dem Krahnarm , grüßte die Vorübergehenden und war bemüht dann und wann durch Ziehen an der Kette eine Art von Thätigkeit zur Schau zu tragen . Dieser seltsame Auftritt erregte einiges Aufsehen , obwol sehr Viele , namentlich von den Knechten und Matrosen , den ganzen Act mit lautem Gelächter begleiteten . Bardeloh suchte möglichst bald dem Gedränge zu entkommen . Schon hatten wir den Lärm hinter uns , da trat der Jude vor und grüßte Bardeloh mit herzlichem Händedruck . » Der Friedrich kann ' s noch immer nicht begreifen , « sprach er , » daß ein Unterschied sein soll zwischen Mensch und Mensch . Wäre er ein Israelit , wie ich , er fände sich besser zurecht mit Zufall und Unglück . « » Sie besuchen mich doch bald , Mardochai ? « warf hastig Bardeloh ein . » Mein Haus , Sie wissen es , steht Ihnen jederzeit offen . Sie entschuldigen , meine Gattin ist angegriffen von der Reise - wir müssen uns beeilen . Auf Wiedersehn ! « » Ich werde nicht warten lassen auf mich , « erwiederte Mardochai , » und erlauben Sie es , so bringe ich den Friedrich mit . Es ist eine ehrliche Haut , und eine Seele steckt in ihm , die voller Narrheiten ist , wenn man ihm gestattet , sie herauszulassen . Der Gedrückte wird schüchtern , der Mensch zur Maus . Die Naturgeschichte hat überall einen auffallend engen Zusammenhang . « Bardeloh gab durch ein stummes Zeichen seine Einwilligung und beschleunigte noch seine Eile . Vergebens richtete ich mehrere Fragen an Rosalie - ich erhielt keine Antwort . Nach ziemlich langem Herumgehen in die Kreuz und Quer erreichten wir Bardeloh ' s Wohnung , ein alterthümliches Gebäude , dessen Aeußeres mit der Miene des vierzehnten oder funfzehnten Jahrhunderts auf das Grellste contrastirte mit seinem ganz nach dem modernsten Geschmack eingerichteten Innern . Du kannst leicht ermessen , daß dies neue Begegniß am Hafen meine Theilnahme an Bardeloh und seiner Gattin noch vermehrte . Zwar weiß ich bis jetzt noch nicht , welcher Zusammenhang besteht zwischen diesem gebildeten Weltmanne und dem rohen Schifferknechte . Eben so wenig habe ich ermitteln können , was den Juden an meinen Gastftreund fesselt , daß aber ein geheimes Band , vielleicht gewunden aus Schmerz und Gram , diese Menschen sehr innig vereinigt , scheint mir gewiß . Der Eintritt in Bardeloh ' s Haus war geeignet , die Welt nur von der glänzendsten Seite kennen zu lernen . In diesen saalähnlichen Gemächern weht eine aristokratische Luft , die schreiend contrastirt mit der republikanischen , bittern Skeptik ihres Besitzers . Gallonirte Diener empfingen uns , und - seltsam ! - Bardeloh spielte mit so graziösem Anstande den vollendeten Aristokraten , daß eine argwöhnische Scheu höhnend an mein Herz rührte , als wolle sie mich mahnen vor dem Geheimnißvollen Dies Alles hätte ich jedoch gern und leicht übersehen , wäre nicht dies zersplitterte Dasein von dem grausamsten Miston der eigensten Art noch unbarmherziger zerrissen worden . Die breite , glänzende Treppe herab hüpfte jubelnd in seliger Freude ein bildschöner Knabe von etwa neun bis zehn Jahren . Dunkle , kastanienbraune Locken fielen in natürlichen Ringeln und dichter Fülle auf den antiken Nacken . Leben und Geist , Kindlichkeit und muntrer Jugendsinn leuchteten aus dem hellen Auge . Mit übersprudelnder Freude warf sich der Knabe in die Arme der Mutter , die ihn mit Küssen bedeckte , und riß sich ungeduldig wieder los , um wie ein Eichhörnchen an dem Vater hinaufzuklettern , und sich jauchzend wie die ewige , verkörperte Freude an seinen Hals zu hangen . - Da zuckte wieder der mephistophelische Zug wie ein Giftzahn um den festgeschlossenen Mund Bardeloh ' s , und mit kaltem , schweigsamen Kuß der stürmischen Liebe des Kindes begegnend , riß er es von sich los und rief , den Knaben mir fast gewaltsam entgegenschiebend : » Da ! dies ist ein liebes , frommes Kind , das meine Gattin mir geboren hat unter Schmerzen der Liebe . Und doch kann ich mich dieses Geschenkes des gütigen Gottes nicht freuen , weil meinen Ansichten zufolge dem Kinde die Gewißheit einer schönen Zukunft fehlt . Und das drückt schwer , sehr schwer einen liebenden Vater . « Ich erschrack über diesen Seufzer , der Knabe schmiegte sich liebevoll an meine Seite , indem er ängstlich stotternd sprach : » Lieber Vater , Du brauchst nicht böse zu sein , ich habe den ganzen Hafen gezeichnet und auch den närrischen Friedrich mit seinen großen Stiefeln . Auch von den Aepfeln habe ich nicht mehr genascht , die mir doch so gut schmecken . « Es gehört zu den Eigenthümlichkeiten Bardeloh ' s , Gegenstände , die bei genauerer Besprechung nur dazu beitragen können , eine Spaltung der Meinungen hervorzubringen , selten mehr als einmal zu erwähnen , so nahm er auch jetzt die Miene an , als habe er die Antwort seines Kindes gar nicht gehört , ertheilte den verschüchterten Dienern mehrere Aufträge und suchte sich in seiner Wohnung heimisch zu machen . Felix , so heißt der anmuthige Knabe , vergaß bei seiner Lebhaftigkeit schnell die fast lieblose Aeußerung seines Vaters . Beschäftigt der schweigenden Mutter beim Auspacken zu helfen , schwatzte er ununterbrochen von dem , was ihm seither begegnet , oder merkwürdig erschienen war , und vermochte durch diese unschuldvolle Heiterkeit auch den verdüsterten Sinn Rosaliens etwas zu erhellen . Bardeloh hatte sich sogleich in sein Zimmer zurückgezogen , das abgesondert von den übrigen nach dem freien Platze hinaussieht , über dem der ehrwürdige Dom heraufragt . Schon während der Rheinfahrt hatte ich dem geheimnißvollen Manne versprechen müssen , längere Zeit in Köln zu verweilen , und in dieser Zeit sein Haus als das meinige betrachten zu wollen . Lag dies auch nicht in meinem ursprünglichen Reiseplane , so ward ich doch durch die Art und Weise der gemachten Bekanntschaft an Bardeloh so innig gefesselt , daß es mir erwünscht schien , die Einladung wenigstens so lange zu benutzen , bis ich auf irgend eine Weise etwas Näheres über die Verhältnisse des Geheimnißvollen erfahren würde . Ohnehin vermag Köln mit seiner großen Vergangenheit , mit den Trümmern ehemaligen Glanzes und unermeßlichen Reichthums mich im Gedanken hinlänglich eine geraume Zeit zu beschäftigen . So entsagte ich denn meinem früheren Entschlusse nach England zu gehen , und überließ den ferneren Wechsel meines unruhigen Lebens ganz dem Zufall . Bardeloh ließ mich bald durch einen Bedienten ersuchen , auf sein Zimmer zu kommen . Es geschah diese Einladung aber in einem Tone , der nicht geeignet war mich zu erheitern . Mein Stolz regte sich , ich war im Begriff , verneinend zu antworten . Rosalie ergriff meine Hand und flüsterte mir schnell zu : » Kein hartes Wort , lieber Freund ! Gehen Sie . Dieser Ruf beweist , daß Sie ganz besonders hoch in der Gunst meines Gatten gestiegen sind . Gewöhnen Sie sich an seine Wunderlichkeiten ; dadurch ist es Ihnen vielleicht vergönnt , vielen Menschen nützlich zu werden . « Den Bitten einer schönen Frau habe ich nie widerstehen können . Hier knüpfte sich noch die Ahnung zukünftiger Rettung daran , der sich - ich will es nicht leugnen , ein Schimmer von neugierigem Egoismus zugesellte . Ich trat in Bardeloh ' s Zimmer . Wie im ganzen Hause glänzte auch hier Reichthum mit Geschmack gepaart aus allen Ecken . Die Wände waren mit modernem Luxus decorirt , die Meubeln nach der neuesten Facon , englisches Comfort bot dem Leben jede Bequemlichkeit . Grell stach dagegen die düstere Gestalt Bardeloh ' s ab , die bleich wie ein Geist unter den Trümmern zerstörter Ueppigkeit umherwandelte . Wir setzten uns . Da Keiner zuerst sprechen wollte , herrschte geraume Zeit ein ängstliches Schweigen . Endlich begann Bardeloh . » Nicht wahr , es gefällt Ihnen in meinem Hause ? « » Selbst der verwöhnteste Aristokrat , « versetzte ich , » würde alle Gelüste befriedigt finden , die Erziehung und Vorurtheil ihm unentbehrlich gemacht haben im Leben . « » Sehr wahr ! Ein Aristokrat von Geburt würde so sprechen und danach handeln . Bei mir aber bringt es die entgegengesetzte Wirkung hervor . « » Dann sehe ich nicht ein , weshalb Sie sich mit dem Glanz aller nur ersinnlichen Modeartikel umgeben ? « » Warum ? - Hm ! Sie sind ein sonderbarer Mensch . « » Dasselbe würde ich von Ihnen mit Recht behaupten können . « Bardeloh stand auf und drückte gegen eine Tapetenwand , die ohne Geräusch eine Thür öffnete . In der Nische brannte eine bläulich-rothe Spiritusflamme aus einem Todtenschädel ; daneben lagen verschiedene Waffen . » Das werden Sie weder modern noch aristokratisch-genußsüchtig finden , « sagte Bardeloh , indem er wieder neben mir Platz nahm . Die Thür blieb jetzt geöffnet , die Spiritusflamme wehte ein unheimlich falbes Geisterlicht herein , und spottete mit dem Todenfahl ihres Flackerscheines das Leben weg aus unsern Mienen . Ich fragte , wozu diese Gegensätze dienen sollten . » Sie enthalten die Doctrin des Hasses , « versetzte mit einiger Bitterkeit mein Gastfreund . » Liebe ist eine heilige , göttliche Lehre , aber auf Erden nicht jederzeit angewandt , so lange es noch Benennungen gibt , die einen Unterschied bedingen zwischen der ewigen Gleichheit des Menschen . Darum übe ich hier in stiller Abgeschlossenheit das Hassen , im Fall ich es für mich allein einmal nöthig haben sollte . Denn ohne die Möglichkeit des Hasses ist die Liebe bedeutungslos . Ich verachte und verspotte alle Launen , die der Aristokratismus mit raffinirtem Schönheits- und Geschmackssinn eingeschmuggelt hat in die Gesundheit des natürlichen Daseins . Darum umgebe ich mich damit , so viel es meine Mittel erlauben , und studire die Niedrigkeit dieser Gesinnungen in der Hoheit äußeren Scheines , womit der kahlgewordene Verstand prunkt , wenn er kein Urtheil mehr besitzt über Fragen , die das Leben mit allen seinen Zeugungsepochen an die Ewigkeit weltlicher und menschlicher Bildung stellt . « » Diese Lebensansicht und Beurtheilung unserer Zustände ist eine outrirte , « entgegnete ich , » sie wird und muß Sie elend machen . « » Sehr wahrscheinlich ! Glauben Sie aber ja nicht , daß mein etwaiger und möglicher Untergang den Beweis für die Thorheit meiner Ansichten abgeben würde . Es müssen überall Märtyrer sein . Darum haben Sie Unrecht , wenn Sie meine Ueberzeugungen outrirt nennen , sie sind nur ungewöhnlich . « » Wozu aber diese gespenstische Lampe , diese Spiegelfechterei , die das Nervenleben stachelt und matt kitzelt ? Wollen Sie etwa durch dergleichen Vorrichtungen ebenfalls eine wollüstige Verspottung aristokratischen Sinnenreizes nachäffen ? « Der Blitz jenes mephistophelischen Lächelns setzte abermals momentan das ganze Gesicht meines so zweideutigen Freundes in Flammen : » Sie sollen beruhigt werden , « sprach er , und drückte die Tapetenthür wieder zu . » Ich kann es Ihnen nicht verargen , daß Sie einige Abneigung gegen so tödtlich drohende Vorrichtungen zeigen . Sobald wir uns näher kennen , will ich Sie über dieses unter Schloß und Riegel gelegte Geheimniß belehren . « Er schellte , ein Diener zündete die Gaslampe an , die in geschmackvollen glänzenden Messingröhren das Zimmer mit feenhaftem Glanz erleuchtete . Bardeloh zog die rothseidenen Gobelins vor die Fenster und langte einige Productionen der neuesten Literatur aus einem Mahagonischranke . » Diese Werke kennen Sie ohne Zweifel , « fuhr er fort mit einer Ruhe , die eben so natürlich zu sein schien wie Alles an diesem außerordentlichen Menschen . » Um sie aber ganz zu verstehen , müssen Sie in Köln bleiben . Hier ist der Ort , dem Leben in ' s tiefste Herz zu blicken , vorausgesetzt , daß überhaupt ein Organ in Ihnen vorhanden ist , welches diesen Dienst verrichtet . Die Autoren dieser Bücher eifern gegen Gebrechen der Societät , die allgemein gefühlt , aber schwer geändert werden können . Man sollte nicht gegen Windmühlenflügel zu Felde ziehen , denn man macht sich lächerlich und verhaßt . Um die Wunden zu heilen , die an diesem Erd- und Menschenkörper aufklaffen , bedarf es zuerst des brennenden Eisens , damit das Gift verzehrt wird , das sie verursacht . Was helfen alle Medicamente und Binden der ganzen Welt , wenn man dem Uebel nicht auf den Grund geht ? Ich kenne ein Mittel für all ' diese Gebrechen . Wollte man es anwenden , so wäre der Gesellschaft geholfen . « » Und dies besteht ? « - » In Vernichtung unserer Selbst . « » Gewiß , « erwiederte ich bitter-verdrossen , » eine solche Radicalcur müßte zum Ziele führen . Wer den Menschen ausrottet , wird auch die Gesellschaft vertilgen ; nur ist schwer zu begreifen , was an die Stelle der so exstirpirten Menschheit treten soll . « » Sie sind von schweren Begriffen , « sprach Bardeloh . Wer verlangt Vertilgung alles Lebens ? Niemand und ich am allerwenigsten ! Nur ein halbjähriges Ruhen der fortwachsenden Menschheit gebe ich zu bedenken ; die Folgen würden nicht ausbleiben , und der Gesundheitszustand einer sehr merklichen Veränderung unterliegen . » Die Ausführung ist nur unmöglich . « » Weil Ihr Weichlinge seid , gegenredete mit schlechtverhehlter Heftigkeit der außergewöhnliche Weltverbesserer , warf die Bücher ungeduldig in den Wandschrank und wünschte mir eine glückliche Nacht . « So endigte meine erste Unterredung mit einem Manne ,