würde . « Das freundliche Gesicht , mit welchem Mißtreß Wood anfangs zuhörte , wurde immer länger und länger , je weiter Herr Wood las ; die arme Frau wurde feuerroth , dann blaß , dann todtenbleich , und saß zuletzt an allen Gliedern zitternd , unfähig ein Wort aufzubringen , wie versteinert da . Nun , Sally , Liebste , was sagst Du dazu ? fragte Master Wood , als er mit dem Briefe fertig war . Sally erwiederte keine Sylbe . Nun ? fragte er nochmals und bückte sich , um in das abgewendete Gesicht ihr zu sehen . Sally sprang auf , trocknete mit konvulsivischer Hast die in Thränen schwimmenden Augen , und sah nach der Uhr . Noch nicht eilf Uhr , Gottlob ! sprach sie mit seltsam bedrücktem Ton : im Posthause sind sie noch wach , auch Jemmy kann noch nicht zu Bette sein ; ich rufe ihn während Du schreibst , und wäre er schon eingeschlafen , so laufe ich selbst mit unsrer Magd die Paar Schritte hinüber . Schreib nur geschwind , guter Mann ; um Nein zu sagen , brauchts nicht vieler Worte . Damit wollte sie zur Thüre hinaus . Mißtreß Wood ! Sally ! wo willst Du hin ? rief der erschrockne Gatte . Ich sagte es ja schon , war die entschlossene Antwort : zur Post will ich , das Pferd , die Stafette bestellen ; es ist die höchste Zeit , wir haben keinen Augenblick zu verlieren , die Stafette muß gleich fort , mit Sonnenaufgang wäre es schon zu spät ; so steht es ja in dem unglücklichen Briefe . Aber Mißtreß Wood , aber Sally , aber theures Weib , aber so überlege , so bedenke doch nur ! stotterte Master Wood in großer Angst , hielt aber doch die sich heftig sträubende Frau von der Thüre entfernt . Bedenken ? rief sie : giebt es da noch etwas zu bedenken ? Ihre weit geöffneten Augen wurden vor Schrecken starr , wie die einer Leiche , indem sie ihm jetzt ins Gesicht sah ; heftig schlug sie die Hände über ihrem Haupte zusammen . Wood ! Mann ! Vater ! rief sie völlig außer sich : wie ! wäre es möglich ? Du wolltest ? Du könntest über das Herz es bringen ? meinen Richard ! meinen süßen Liebling , meinen armen Knaben , weit weg von Alt-England , zu Kannibalen , in das wilde Kosakenland , zu Heiden , zu Mohamedanern oder gar zu Papisten ! Nein , nein , nein ; nicht nur ich die Mutter , nein , auch Dein eignes Gewissen kann nimmermehr eine solche That zugeben . Aber es ist nicht Dein Ernst , Du scherzest , aber das solltest Du so nicht mit mir , Du weißt wie schwach und furchtsam ich bin , setzte sie mit erzwungener Gelassenheit hinzu , und ein ängstliches Lächeln glitt über ihre verstörten Züge . Wood war indessen doch zu einiger Fassung gelangt . Schmeichelnd , bittend , sie liebkosend , zog er die arme Mutter aufs Sopha und hielt sie dort fest , indem er durch Zureden und Vernunftgründe sie zu beschwichtigen suchte . Fürs erste bemühte er sich , ihr Vorurtheil gegen Rußland und dessen Bewohner zu bekämpfen , dann setzte er alle Vortheile des an sie beide ergangenen Vorschlages auf das weitläuftigste ihr auseinander . Er wollte mit Hülfe ihres wirklich sehr gesunden Verstandes ihr Mutterherz übertäuben ; es gelang ihm nicht ; in allem was er vorbrachte , hörte und verstand sie nur , daß er Willens sei ihr Kind aus ihren Armen zu reißen , um es nach einem fernen wilden Lande , zu fremden Leuten zu schicken . Angst und Schmerz überwältigten endlich ihre physische Kraft . Fürchterlich aufkreischend glitt sie , ehe ihr Mann sich dessen versah , aus seinen Armen auf den Fußboden hin ; dort lag sie zu seinen Füßen , konvulsivisch schluchzend , gräßlich lachend , das Gesicht bis zum unkenntlichen durch fürchterliche Zuckungen entstellt , in einem jener hysterischen Anfälle , denen bei heftigen Gemüthsbewegungen die Engländerinnen weit mehr und häufiger , als andre Frauen unterworfen sind . Dem ehrlichen Wood geschähe himmelschreiendes Unrecht , wenn man ihn hier theilnahmloser Gleichgültigkeit beschuldigen wollte . Im Gegentheil versuchte er alles Erdenkliche , um den traurigen Zustand seiner Frau zu mildern , und als keines der sonst in solchen Fällen gewöhnlichen Hausmittel anschlagen wollte , lief er selbst den Apotheker aus dem Bette zu holen , der überall beim Mittelstande in England die Stelle eines Arztes vertritt . Aber auch die stärksten Mittel , welche der Stiefsohn Äskulaps anwandte , versagten diesmal ihre Wirkung . Die nächtlichen Stunden vergingen , ohne daß die Leidende zu völligem Bewußtsein gelangte . Und als endlich der Tag darüber anbrach , während der Apotheker den besorgten Ehemann fortwährend durch Versicherungen des völlig gefahrlosen Zustandes seiner Frau zu beruhigen suchte , da , es läßt sich nicht abläugnen , da überkam den guten Master Wood doch eine Art innerer Zufriedenheit darüber , jedes weiteren Kampfes mit seiner Sally durch diesen Zufall überhoben zu sein . Die Sonne stand schon hoch am Himmel , als Mißtreß Wood aus todtenähnlichem Schlummer erwachte . Das Geläute der nahen Kirche rief die Gemeine zum Gottesdienst , und tanzende Sonnenstäubchen spielten in dem , durch eine Öffnung der Gardinen , auf ihr Bette schräg hinfallenden Sonnenstrahle ; es war eilf Uhr . Zu spät , zu spät ! rief die arme Frau , und ein Strom von Thränen machte ihrem verzweifelnden Gefühle Luft , indem er sie wahrscheinlich zugleich vor einem neuen Anfalle von Krämpfen bewahrte . Das Ende von diesem Allen ist leicht abzusehen . Ungeachtet des tapfersten , bis zu der verhängnißvollen Mittwoche fortgesetzten Widerstandes , mußte Mißtreß Wood sich doch dem Willen ihres Herrn und Gebieters endlich ergeben . Freilich hatte auch er mit dem eignen Vaterherzen einigen Kampf zu bestehen ; der hübsche muntre Richard war sein und des ganzen Hauses Liebling ; doch mit Eigennutz verknüpfte Rücksichten bilden eine Kette , deren Glieder alle auf das engste ineinander greifen , und die in allen Ständen das gesellige Leben in allen seinen Nüancen durchzieht und umschlingt . Eines entsteht aus dem Andern ; dem Petersburger Banquier Groß lag alles daran , sich in der Gunst eines der mächtigsten Fürsten des Reichs dadurch immer fester zu stellen , daß er jeden Auftrag desselben auf das pünktlichste und schnellste ausführte . Der englische Banquier , Sir John Murray , war nicht weniger dabei interessirt , die Wünsche eines so bedeutenden Handelsfreundes , wie Herr Groß ihm war , zu erfüllen , und die zwischen ihnen beiden bestehende Connexion dadurch immer fester zu knüpfen . Daß er sein großes Übergewicht über den zwar ebenfalls reichen , aber doch , als Ladenhändler in der City , tief unter dem zum Ritter erhobenen Wechsler stehenden Strumpfhändler dabei in Anwendung brachte , kann man ihm schwerlich verargen ; und daß Master Smith , abgesehen von andern noch solidern Gründen zur Gefälligkeit , durch die herablassende Freundlichkeit eines so vornehmen Mannes zu geschmeichelt sich fühlte , um nicht seinen demüthigen Gevatter und Freund , den kleinen geldarmen aber kinderreichen Strumpf-Fabrikanten durch die lockendsten Verheißungen zu seinem Willen zu bringen , liegt nun einmal in der menschlichen Natur . Leid , sehr leid thut es uns , daß wir die gute Sally , mit ihrem warmen Mutterherzen , noch gewissermaßen dem Ende dieser Kette anhängen müssen ; aber abläugnen läßt es sich nicht , daß nur einer von allen Trostgründen , mit denen ihr Ehegemahl sie überschüttete , des gewünschten Eindrucks nicht ganz verfehlte . Und wenn wir nun , vielleicht noch ehe Jahr und Tag verstreichen , mit Hülfe des von Sir John Murray und Smith & amp ; Compagnie uns verheißnen Credits , es dem stolzen Narren Bird und seinem aufgeblasenen Weibe gleich thun können ? fragte er , ihr listig lächelnd ins Gesicht schauend ; oder wenn , denn man kann nicht immer wissen wie alles kommt , wenn nun gar Mißtreß Wood , in ihrem eleganten neuen Landauer voll geputzter Kinder , an dem magern Einspänner der Mißtreß Bird vorüberrollend , mit einem kaum sichtbaren Kopfnicken sie begrüßt ? Sally ! Du kleine Hexe , was sagst Du dazu ? He ? Sally sagte kein Wort . Sie weinte immer hin , aber sie lächelte doch ein klein , klein wenig , ganz heimlich und verschämt , mitten in ihren Thränen . Wolle doch Keiner den ehrlichen Wood zu hart verdammen , oder wohl gar des Kinderhandels ihn beschuldigen , ohne vorher die große Gewalt eines von Jugend auf gesehenen Beispiels zu bedenken . In England , dem Markte der Welt , wie Schiller es sehr treffend nennt , ist vieles auf eine , uns Bewohnern des festen Landes unbegreifliche , ja empörende Weise verkäuflich . Offiziersstellen bei der Armee haben , bis zu einem gewissen Grade , ihren Preiß , um den jeder sie erhandeln , und wenn er sie aufzugeben geneigt ist , auch wieder verkaufen darf . Wie viel Gold und Goldeswerth ein Sitz im Parlamente kostet , ist allbekannt . Der Glückliche , der , wenn er auch nur ganz oberflächlich Theologie studirt hätte , durch Familienverbindungen oder Protection , einer bedeutenden Stelle im Dienste der englischen Kirche sich erfreut , darf frei und öffentlich um geringen Sold einen ärmeren Geistlichen sich erkaufen , der alle Pflichten und Arbeiten seines Standes für ihn übernimmt , während der sehr ehrwürdige Herr , ganz mühelos , eines Einkommens von mehreren Tausenden sich erfreut . Um die für ihn unerschwinglichen Kosten einer Klage auf Ehescheidung zu ersparen , bindet der englische Tagelöhner , durch einen uralten Gebrauch dazu berechtiget , seinem untreuen Weibe einen Strick um den Hals , und verkauft es an seinen begünstigten Nebenbuhler um wenige Schillinge auf öffentlichem Markte . Der feine honorable Gentleman aber trägt in ähnlichem Falle die Schande seines Namens , seines Hauses , seiner Kinder vor Gericht , breitet sie dort vor den Augen der Richter auf die widerwärtigste Weise weitläuftig aus , duldet es gelassen , wenn freche Zeitungsschreiber die scandalöse Geschichte zu einem pikanten Artikel in ihren Blättern benutzen , und klagt nicht auf Ehescheidung , sondern auf Schadenersatz durch Geld für den erlittenen Verlust ; der denn auch von den Richtern gehörig gewürdigt und taxirt wird , ehe man die gebührende Summe ihm zuerkennt , die er auch ohne Erröthen sich richtig auszahlen läßt . Möge denn auch der vom täglichen Beispiele verleitete Wood für seine Speculation einige Entschuldigung hier finden , von der sich doch nicht voraussagen ließ , ob sie nicht für den dabei am meisten betheiligten Richard am vortheilhaftesten ausfallen möchte . Unter Thränen , Klagen und häuslichem Jammer aller Art , kam die verhängnißvolle Mittwoche heran . Wenn die Mutter in der Zwischenzeit von Trennung sprach , so weinte Richard mit ihr , und versicherte schluchzend , daß er lieber sterben wolle , als sie verlassen ; wenn aber der Vater von der Kutsche und dem prächtigen Schiffe erzählte , auf welchem Richard fahren sollte , so gerieth der kaum achtjährige Knabe in eine ganz andre Stimmung , und schien den Tag der Abreise kaum erwarten zu können . Richard war eben ein Kind , wie alle an Leib und Seele gesunde Kinder sind , der Gegenwart lebend , und immer das Allererwünschteste von der Zukunft erwartend . Als er das Vaterhaus verlassen sollte , hing er unter lautem Geschrei am Halse der trostlos jammernden Mutter ; als man von ihr ihn gewaltsam entfernte , klammerte er sich an den Fuß eines nahe an der Hausthüre stehenden Tisches an . Aber der Anblick der vier stattlichen Pferde vor der ihn erwartenden Kutsche milderte , sobald er auf der Straße war , seinen Schmerz . Die ihm neue Freude des Fahrens , nebst einer Schachtel voll Confect , mit welcher James Cox sich in London zu diesem Zwecke versehen , trockneten völlig seine Thränen . Er langte ganz wohlgemuth bei seinem Pathen an , ließ all ' die guten Dinge , die ihn dort erwarteten , sich wohlgefallen , weinte ein wenig , als er beim Zubettegehen die Mutter vermißte , schlief aber , reisemüde , bald ein . Er jauchzte vor Freuden , als er auf das bunt bewimpelte Schiff gebracht wurde , legte die Seereise gesund und munter zurück , und als er landete , war über die vielen neuen fremden Gegenstände , die sich ihm entgegen drängten , die Heimath so gut als vergessen . Fürst Andreas , in dessen glänzenden Palast der kleine Fremdling sich , wie durch einen Zauberschlag , aus der engen Häuslichkeit versetzt sah , in welcher er bis dahin vegetirt hatte , war ein stattlicher , vornehm aussehender Mann , in den sogenannten besten Jahren , das heißt zwischen vierzig und funfzig . Die stolze Haltung , der ernste Blick , bezeichneten in ihm das mächtige Oberhaupt einer , in vielfachen Verzweigungen durch das ganze russische Reich verbreiteten , und sowohl am Hofe als im Volke in hohem Ansehen stehenden Familie . Es lag in seiner Persönlichkeit ein gewisses Etwas , das sich ganz dazu eignete , denen , die zum erstenmal in seine Nähe kamen , ehrerbietige , oder auch , je nachdem die Leute waren , furchtsam-ängstliche Scheu einzuflößen ; doch das wahrhaft menschenfreundliche milde Betragen des Fürsten , wandelte diese gar bald in Vertrauen um , das aber nie in Vertraulichkeit ausarten durfte . Den hohen Rang , die vielen , über Tausende ihn erhebenden Vorzüge , zu welchen sein Geschick ihn geboren werden ließ , wußte Niemand mit mehr Würde und Anstand zu tragen , als Er . In seinem ganzen Wesen zeigte sich keine Spur jener , fast wie Ironie aussehenden , populär sein wollenden Höflichkeit gegen Geringere , die diese nur in ängstigende Verlegenheit setzt , weil sie , aus ihrer Sphäre gehoben , den Maßstab verlieren , nach welchem sie , ohne beklemmende Besorgniß , zu viel oder zu wenig zu thun , ihr eignes Betragen einrichten könnten . Jede Ehrenbezeugung , die seinem hohen Stande gebührte , ließ er gelassen und ohne einen besondern Werth darauf zu legen , sich gefallen . Dadurch erleichterte er Jedem , auch dem Geringsten , den Umgang mit sich , ohne jemals sich selbst etwas zu vergeben . In seiner Jugend hatte Fürst Andreas mehrere Jahre im Auslande zugebracht , hatte England , Frankreich , Italien und einen großen Theil von Deutschland mit Nutzen bereiset , und mit dem seinem Volke eignen Talente die verschiedenen Sprachen dieser Nationen sich angeeignet , und war dann mit bereichertem Geiste und erweiterten Weltansichten in seine Heimath zurückgekehrt . Glühende Vaterlandsliebe war der Grundton seines Wesens , und das Bestreben , die Kenntnisse , die er im Auslande sich erworben , zur höheren Kultur seines Volkes zu verwenden , um es mit der Zeit den gebildetesten Völkern Europas gleichzustellen , ward zum Hauptzweck seines Lebens . Dieser innigste Wunsch steigerte mit zunehmenden Jahren sich bis zur Leidenschaft , und verleitete ihn bisweilen zu manchem bedeutenden Mißgriffe ; denn er verlor oft , über seine allzugroße Vorliebe für alles Ausländische , die von der Existenz seiner Landsleute unzertrennlichen , durchaus charakteristischen Eigenheiten derselben aus den Augen , und verletzte beim besten Willen , wo er ganz das Gegentheil beabsichtigte . Seine , an Alter ihm fast gleiche Gemahlin , Eudoxia , war das mildeste Gemüth von der Welt , das Mann und Kinder wie sich selbst liebte , und gleich einer segenspendenden Gottheit , und auch so verehrt , über allen den viel tausend Seelen schwebte , deren große Zahl , nach russischem Gebrauche , den überschwänglichen Reichthum des fürstlichen Hauses bezeichnete . Sie half jeder Noth ab , deren Kenntniß bis zu ihr gelangte ; einem menschlichen Wesen wehe zu thun , oder auch nur es leiden zu sehen , wenn man helfen konnte , dünkte ihr unmöglich . Sie hörte es sehr gern , wenn ihre Leibeignen , nach dem naiven Gebrauche des russischen Volkes , sie Mütterchen nannten ; was übrigens in jenem Lande ein Ehrenname im Munde desselben ist , dem ein geneigtes Ohr zu leihen , selbst die Kaiserin aller Reußen nicht verschmäht . Die Fürstin Eudoxia hatte übrigens alle Ansichten ihres Gemahls sich dermaßen angeeignet , daß man wohl von ihr sagen konnte , sie sah nur mit seinen Augen , und dachte nur seine Gedanken . Daß auch er menschlich irren könne , kam ihr eben so wenig in den Sinn , als daß jemals ein ihr nicht gleich Geborner die zwischen ihrer Hoheit und seiner Niedrigkeit bestehenden Schranken übersteigen wollen könne . Aufgewachsen in allen verjährten Vorurtheilen ihres hohen Standes , kannte sie nur Adlige und Leibeigne , und war , mit ächt orientalischer Ruhe , von dem in der Natur gegründeten Unterschiede dieser beiden Menschenracen fest überzeugt , ohne weiter darüber nachzudenken . Doch gerade deshalb trieb die ihr angeborne Güte des Gemüthes sie zum innigsten Mitleide mit den Unglücklichen , denen von der Natur alle innern und äußern Vorzüge schon bei ihrem Eintritte in das Leben versagt worden waren , welche die ihr Ebengebornen gleich einer Glorie umstrahlten . Um für das ihnen angeborne Elend sie gleichsam zu entschädigen , und es ihnen dadurch minder fühlbar zu machen , entsagte Eudoxia im gewöhnlichen Leben , aus ächter Barmherzigkeit , den ihrer Geburt gebührenden Ehrenbezeugungen . Sie forderte nichts , was Ihrem Gefühl nach jene Armen noch tiefer beugen konnte ; aber wehe dem unter ihnen , der tactlos genug gewesen wäre , diese Äusserlichkeiten zu vergessen , ohne von der Fürstin ausdrücklich und besonders dazu aufgefordert und berechtigt worden zu sein . Es giebt keine Worte , um ihr Erstaunen über eine solche , die Möglichkeit überschreitende , an Sakrilegium gränzende Unthat , gehörig zu schildern . Glücklicherweise hatte sie bis jetzt nur selten eine solche Erfahrung gemacht , denn sie ward allgemein , von Hohen und Niedern , geliebt und verehrt . Auch war Fürstin Eudoxia wirklich eine gute Dame , mit der es sich ganz leicht leben ließ ; denn auch sie liebte die Menschen , auch die niedriggebornen , aber freilich ungefähr so , wie wir Andern unsre Lieblingspferde oder Hunde lieben . Wer unter uns hat nicht schon mit mitleidigem Erbarmen auf seinen Hund niedergeblickt , wenn das treue Thier mit klugen Augen uns ansieht , und durch leises Winseln andeutet , daß es gern antworten möchte , wenn die arme stumme Kreatur nur reden könnte . Isidor , der älteste Sohn des fürstlichen Paares , war bei Richards Ankunft schon funfzehn Jahre alt , und einem deutschen Hofmeister übergeben , unter dessen Leitung er für die diplomatische Carrière sich vorbereitete , für welche er bestimmt war . Alexis , sein um zwei Jahre jüngerer Bruder , wurde für den Militairdienst erzogen , und Eugen , der jüngste der drei Söhne , hatte so eben das siebente Jahr erst erreicht . Von den beiden Töchtern des Hauses war Natalie , die älteste , ein sehr niedliches sechsjähriges Prinzeßchen , das unter den Händen der , übrigens sehr vorzüglichen Gouvernante , Mademoiselle Duprés , schon eine ziemlich französische Tournüre erhalten hatte , und für ein Muster von Artigkeit galt . Die kleine Helena aber , ein ächtes Kind der Natur , hübsch wie ein Engelsköpfchen , frisch und blühend wie ein Mairöschen , stand noch unter der Aufsicht ihrer Amme , und war die Lust und Freude der Eltern , wie des ganzen Hauses . Mitten in diesen Familienkreis , zu welchem noch eine bedeutende Anzahl dem fürstlichen Hause anverwandter Kinder gehörte , der auch noch täglich durch demüthigere Gespielen , Söhne und Töchter der vornehmern Dienerschaft erweitert wurde , sah der kleine Insulaner , wie ein fremdes Wunderthier , sehr unvorbereitet sich hingestellt . Befangen , blöde , daneben etwas verblüfft , sah er nach der Reihe alle die fremden Leute sich an , und das Weinen mochte ihm näher sein als das Lachen . Doch als Fürst Andreas , in recht verständlichem , wenn gleich etwas fremdartig ausgesprochnem Englisch ihn freundlich anredete , Herr Müller , Isidors Hofmeister , ebenfalls in seiner Muttersprache , ihn aufforderte guten Muthes zu sein , weil es in diesem Hause ihm nicht anders als wohl ergehen könne , und endlich sogar der sonst ziemlich zurückhaltende Isidor die paar englischen Worte , die er von Herrn Müller erlernt hatte , zusammensuchte , um den kleinen Fremdling willkommen zu heißen , da wurde diesem schon leichter um das Herz . Das Beste dazu aber that Eugen , der kein Wort englisch wußte . Er nahm den neuen Gespielen , der seiner Meinung nach eigens für ihn verschrieben worden war , beim Kopf , fuhr mit linder loser Hand ihm liebkosend durch die lichtblonden Locken , sah ihm lächelnd in die großen blauen Augen , streichelte ihm die feuerroth glühenden Wangen , faßte ihn dann mit beiden Armen an , und sprang mit ihm ein paar Mal durch das Zimmer , daß der Fußboden dröhnte , und die kleine Helena , die sich in das Spiel mischen wollte , von ihrem Bruder beinah umgerannt wurde . Doch Richard nahm noch im rechten Augenblicke sie gewandt auf , und brachte sie zu ihrer Amme ; denn er war an Aufmerksamkeiten dieser Art noch von zu Hause her bei seinen kleinen Geschwistern gewöhnt . Die Nacht mußte Richard , auf Eugens ausdrückliches Verlangen , in der nächsten Nähe seines kleinen Beschützers schlafen ; am folgenden Tage wurde der Insulaner mit seinen Umgebungen schon bekannter , und fing an , sich ein Herz zu fassen ; nach vier Wochen waren sämmtliche Kinder im Stande , halb in russischer halb in englischer , und wo diese nicht ausreichten , durch Zeichen und Geberden sich unter einander recht leidlich zu verständigen . Es ging freilich ein wenig wie beim babylonischen Thurmbau dabei her , aber die Lust war deshalb nur um so größer , und des Lachens und Jauchzens kein Ende . Richard wurde wirklich im Hause des Fürsten Andreas den Kindern desselben in jeder Hinsicht völlig gleich gestellt ; gekleidet und bedient wie sie , theilte er Unterricht und Vergnügen mit ihnen . Ein alter freundlicher Diener war ihm , mehr zur Aufsicht als zur Bedienung beigegeben , der bei seinen kindischen Einfällen und Spielen ihm redlich half ; Eugen , zu welchem Richard der Gleichheit ihres Alters wegen sich vorzugsweise hielt , bekam ein kleines Pferd zum Reiten , und am nämlichen Tage wurde auch Richard mit einem nicht minder hübschen beschenkt ; lauter Dinge , an die nur zu denken , ihm daheim auch nicht im Traume eingefallen wäre . Alle im Hause gaben sich gern und freundlich mit ihm ab , jeder Tag brachte ihm etwas Neues , das ihn erfreute , und so war es denn nicht zu verwundern , wenn die Sehnsucht nach Eltern , Geschwistern , und der fernen Heimath , wo es ihm lange nicht so gut ergangen war als hier , gar bald aus seinem Gemüthe völlig schwand . Richard war kaum acht Jahre alt , ein lebhaftes glückliches Kind ; möge dieses zu seiner Entschuldigung dienen , wenn er nach einem kurzen Jahre sich der vorigen Zeit kaum noch erinnerte und ihm bedünkte , wirklich zu sein , was er doch eigentlich nur zu sein schien . An was gewöhnte der Mensch sich leichter als an Wohlleben und Pracht ! und was entschwindet schneller und spurloser aus der Seele , als Erinnerung an frühere Armuth und Niedrigkeit . Aber auch von Seiten der Eltern geschah leider wenig , um ihr Andenken im Gemüthe ihres Kindes lebendig und warm zu erhalten . Gleich nach seiner Ankunft in Petersburg hatte Richard an Vater und Mutter geschrieben , baldige Antwort war darauf erfolgt , doch auf einen zweiten Brief blieb diese mehrere Monate aus , und endlich erhielt er gar keine mehr . Richard gab nun ebenfalls das Schreiben auf , und die Folge davon war , daß er weder an Eltern noch Vaterland weiter dachte , und sich da , wo es ihm so wohl erging , so ganz daheim fühlte , daß ihm zu Muthe war , als sei es immer so gewesen . Master Wood war aber auch wirklich in Nottingham vom Morgen bis zum Abend dermaßen mit Arbeit belastet , daß er kaum zu sich selbst kommen konnte . Seine Londoner Freunde hatten ihm ihr Versprechen gehalten ; mit ihrer Hülfe war es ihm gelungen , sein Fabrikgeschäft um mehr als das doppelte zu erweitern , und den mit ihm rivalisirenden Nachbar Bird völlig zu überflügeln ; aber nun gab es auch doppelt zu thun . Es gab so viele Geschäftsbriefe zu schreiben , daß für andre , die ihm ohnehin nie sonderlich aus der Feder fließen wollten , weder Zeit noch Lust übrig blieb . Zeit , Gewöhnung , häusliche Leiden und Freuden , hatten auch die Thränen der Mutter früher getrocknet , als sie selbst es gedacht , und über die Trennung von ihrem Lieblinge sie getröstet . Freilich hätte sie anfangs ihm gern geschrieben , wäre sie nur in Behandlung der Feder etwas geübter gewesen ; als nun aber , mit dem steigenden Wohlstande ihres Hauses , auch ihr Haushalt sich bedeutend vergrößerte , und späterhin sogar ein neuer kleiner Ankömmling die Lücke wieder ausfüllte , welche Richards Entfernung in die Reihe ihrer Kinder gebracht , so daß sie deren wieder vierzehn um sich sah , da begnügte die gute Frau sich ganz gelassen mit den Nachrichten von ihrem abwesenden Sohne , die sie zuweilen durch Vermittelung der Londoner Geschäftsfreunde ihres Mannes aus der dritten Hand erhielt . Sie waren bis jetzt noch immer erfreulich ausgefallen ; Master Wood versäumte nie , den Richard betreffenden Punkt aus Sir Johns oder Master Smith ' s Briefen ihr vorzulesen . Ist es nicht vernünftig , für etwas das man ohne Mühe und Kosten erlangen kann , sich unnütze Schreibereien , und obendrein das theure Postgeld zu ersparen ? pflegte er gewöhnlich nach einer solchen Vorlesung zu seiner Frau zu sprechen ; und Sally nickte ihm beifällig zu , und wiegte ihr Neugebornes . Früher noch als man es gehofft stieg Moskau , gleich dem Vogel Phönix verjüngt und verschönert , aus der Asche jenes weltgeschichtlichen Brandes wieder auf , dessen unabsehbare Folgen kommenden Beschreibern unsrer merkwürdigen Zeit noch nach Jahrhunderten Stoff zu Hypothesen liefern werden . Die reichen und vornehmen Bewohner der uralten Stadt , welche , um den Schrecken jener furchtbaren Katastrophe zu entgehen , sich bei Zeiten aus derselben entfernt hatten , kehrten nach und nach in ihre wieder hergestellten Paläste zurück , und auch Fürst Andreas beeilte sich , Petersburg , wohin er damals mit den Seinen sich geflüchtet hatte , wieder zu verlassen , um bei der Vollendung seines prachtvollen Baues in Moskau selbst gegenwärtig zu sein , und die innre Einrichtung und Ausschmückung desselben , nach seinem im Auslande geläutertem Geschmacke , unter seinen eignen Augen besorgen zu lassen . Sobald alles zu ihrem Empfange eingerichtet war , folgte die Fürstin ihrem Gemahl . Nur ihre beiden Töchter und der jetzt neunjährige Eugen nebst seinem von ihm unzertrennlichen Gefährten Richard begleiteten sie . Der älteste ihrer Söhne , Prinz Isidor , blieb mit seinem Hofmeister zurück , um seine Vorbereitung zur Universität Dorpat , die er im nächsten Jahre beziehen sollte , zu vollenden . Alexis , der zweite Sohn , wurde einer der kaiserlichen Anstalten für die Bildung zur Marine übergeben ; denn diesen beschwerlichen Dienst hatte er aus freiem Antriebe sich erwählt . Das ewig heitre , mitunter wilde Treiben der beiden Knaben , die sie einen wie den andern ihre Söhne nannte , belustigte die Fürstin ungemein . Die von einem so bedeutenden Umzuge unzertrennliche Unruhe , das Hin- und Herlaufen der Arbeitsleute und Bedienten , das Packen und Hämmern , das Rufen und Lärmen vor der Abreise , und endlich die Reise selbst , beschäftigte die Kinder so angenehm und anhaltend , daß sie gar nicht dazu gelangen konnten , sich über den Abschied von ihren Petersburger Spielkameraden gehörig zu betrüben . Während der Reise , vorzüglich aber in Moskau selbst , gefiel ihnen alles ganz unendlich , denn alles war ihnen neu ; der mildere Himmel , die schönere Natur rings um Moskau , verfehlten späterhin nicht , diesen Eindruck bleibend zu machen . Prinzeßchen Natalie war schon zu wohlgezogen , um mit den beiden wilden Knaben sich viel abzugeben , die sie zwar recht lieb hatte , deren lärmende Spiele ihr aber oft Unlust und Mißvergnügen erregten . Die kleine Helena hingegen , die indessen jetzt fest genug auf ihren Füßchen stand , um sich nicht so leicht umrennen zu lassen , war und blieb ihre treue Spielgefährtin , lief , kletterte , sprang mit ihren beiden Brüdern , wie sie sie nannte , um die Wette . Zwar war auch sie einer Gouvernante , und zwar einer Deutschen jetzt übergeben , doch ihre Amme Elisabeth war , von der Fürstin Eudoxia dazu berechtigt , dennoch in Rang und Würden bei ihr geblieben . Sobald es nicht dem eigentlichen Unterrichte galt , den sie freilich ihr nicht ertheilen konnte , hatte Elisabeth die specielle Aufsicht über das Kind ihres Herzens sich nicht nehmen lassen . Nach alter , ächt orientalischer Sitte , spielen überhaupt in den Familien der russischen Großen die Ammen eine sehr bedeutende Rolle . Frauen aus den höchsten Ständen hängen lebenslänglich mit unverbrüchlicher Liebe an der treuen Pflegerin ihrer hülflosen Kindheit ; sie bleibt ihre Rathgeberin , die Vertraute ihrer Leiden und Freuden , und behält bei jeder großen oder kleinen Angelegenheit ihres Lebens eine oft entscheidende , nie unbeachtete Stimme . Alle vier Kinder wuchsen im geselligsten Familienleben mit einander heran . Mit der Zeit wurden der Spielstunden weniger , der Stunden des Unterrichts hingegen mehr , und manche der letzteren wurden ihnen