nur zu melden vergessen « , sagte die junge Frau , » er war schon heut nachmittag hier und suchte dich . « - » Wie kannt du das nur vergessen ? « rief Leonhard aus . - » Es ist ja noch Zeit genug , daß du es erfährst « , erwiderte sie etwas unwillig , » er hat Projekte mit dir , er will dich auf eine Reise mitnehmen , du sollst ihm ein Schloß einrichten helfen und was dergleichen mehr ist , was mir gar nicht sonderlich hat gefallen wollen ; er ist überhaupt fatal mit seinem herablassenden vertrauten Wesen , und hindert dich nur ; ich kann es gar nicht leiden , daß er mich immer liebe kleine Frau nennt . « - » Du bist unbillig « , antwortete der Mann , » er will gegen uns nicht den Vornehmen spielen , ich kenne ihn seit lange , wir waren Schulkameraden . « - » Ich bin aber nie sein Schulkamerad gewesen « , erwiderte sie etwas spitzig ; » und wie klein bin ich denn ? doch groß genug , daß er mit mir etwas mehr Umstände machen könnte ; ich kann es nicht leiden , wenn die Vornehmen gar zu bürgerlich tun wollen ; ich fürchte nur , du lässest dich beschwatzen , weil ich deine Lust am Reisen kenne . « » Ja , das muß wahr sein « , rief Krummschuh aus , » in meinem Leben hab ich noch keinen Menschen gesehen , der so versessen auf das Wandern ist . Er konnte es nie satt werden , und ich werde zeitlebens an das Jahr gedenken , in dem ich mich mit ihm herumgetrieben habe . Wenn andere Menschen müd und matt in die Herberge kommen , so richten sie sich ein , sehen nach der Küche bestellen sich ein Essen , setzen oder legen sich nieder ; nicht so er . Gleich fragt er nach den Merkwürdigkeiten der Stadt und der Gegend , meistens kennt er sie auch schon , oft besser als die Leute selbst , und da ist nun entweder ein alter Turm , den er besehen und auf die Spitze mit Lebensgefahr hinaufklettern muß , oder Mauerwerk von einem Schlosse oder Kloster ist eine halbe Meile davon , dahin wird nun gewandert , ohne fast nur einen Trunk Bier getan zu haben . Und was hat er nachher von dem allen ? Ich begreife es jetzt selbst nicht , wie er mich damals durch seinen Umgang so hat behexen können , daß ich alle die Torheiten mitmachte . « Alle lachten , und der Erzähler fuhr fort : » Jetzt ist es mir selber lächerlich , aber damals war ich oft verdrüßlich genug . Weißt du noch , Gevatter , wie wir miteinander das Fichtelgebirge durchstrichen ? In der Ebene war er noch erträglich und ziemlich vernünftig , aber sowie er nur in Berge geriet , war er wie wahnwitzig , und ich glaube auch , daß es eine Krankheit in ihm gewesen ist , die jetzt wohl ausgetobt hat . Da mußte immer noch ein Berg erstiegen werden , und dann noch ein höherer und wieder ein anderer , und das hatte dann niemals ein Ende ! Dabei konnte er unsereinen so schön persuadieren , daß man immer nachkletterte ; er konnte wunder was versprechen , goldne Berge und Luftschlösser , es blieben aber immer nur neue Felsenberge . Ich hatte von frühester Kindheit die Anlage , einen Bauch zu kriegen , wie es denn auch jetzt geschieht ; seit ich denken kann , ist mir beim Bücken das Blut ins Gesicht gestiegen , und ich kann nichts tun , ohne in starken Schweiß zu geraten . Aus dieser Komplexion ergibt sich nun von selbst , daß ich kein sonderlicher Fußgänger bin , was er bei seiner schlanken Statur niemals begreifen wollte , sondern meinen Widerwillen nur für Faulheit erklärte . Da liegt in Franken ein finsteres Nest , Wunsiedel genannt , unter dem Fichtelgebirge ; eine halbe Meile oder Meile davon sind im Buschwerk die wunderlichsten tollsten Felsenmassen über- , unter- und durcheinander geworfen , wie man es nur im Traum sich vorstellen kann , da mußt ich nun hin , und springen , kriechen , klettern und stöhnen , um das Wunderwerk in Augenschein zu nehmen . Der höchste und verwirrteste Punkt dieser Gegend , wo man verrückt werden möchte , heißt die Luchsburg . Von hier sieht man aus der schwärzesten Tannen-Einsamkeit rund umher in die Zerstörung hinaus , von allen Seiten nur Wälder und wilde Steinklumpen unter sich , Waldrauschen und wildes Vogelschreien , alles zum Entsetzen . Da war er nun glücklich und wie betrunken vor Freude . Wir mußten aber weiter , wir sollten auf den Gipfel des Gebirgs gelangen , den sie dort den Ochsenkopf nennen . Er wußte meine Ambition so in Tätigkeit zu setzen , daß ich richtig mitging ; den Abend vorher hatte ich geschworen , es nicht zu tun . Es liegt ein tiefer langer Morast unten am Gebirge , über welchen Stangen gelegt sind , um nur festen Fuß fassen zu können , da hinüber mußten wir uns quälen . Dann ging es in den dicksten Wald , neben großen Steinwänden , Eichen und Tannen vorbei ; er hatte sich den Weg genau beschreiben lassen , und glaubte nicht fehlen zu können . Aber es geriet uns dennoch anders , denn nachdem wir einige Stunden bergauf gewandert waren , hatten wir jede Spur eines Weges verloren . Nach vielem Hin- und Hertappen gerieten wir auf eine alte Straße , die aber seit lange schon mußte verlassen gelegen haben , nämlich auf eine Art von Knütteldamm über morastigen Boden . Hier war es Kunst zu wandern . Oft brach der Baum , indem man auftrat , oder tauchte unter , und man mußte behende auf den zweiten steigen , wo es oft noch schlimmer ging ; an vielen Stellen fehlten die Bäume ganz , und wir mußten zum Springen unsere Zuflucht nehmen , wobei es doch nicht zu vermeiden war , daß wir nicht einmal ums andere tief in den Sumpf hineinfielen . Ich fing an zu heulen und zu weinen ; der böse Mensch aber war so weit voraus , daß er es gar nicht einmal hören konnte . Was half ' s ? ich mußte ihm nach . Wie dieser vermaledeite Weg zu Ende war , hatte wir zwar festen Boden unter uns , aber wir waren darum um nichts gebessert . Die ehemalige Straße mochte mit Bäumen und Gebüschen verwachsen sein , und so mußten wir uns bequemen , eine Art von Treppenstiege hinanzukommen , welche die Wasser in den Felsen gerissen hatten . Dieser Weg dauerte wieder einige Stunden , zog sich steiler und immer steiler hinan , und oft waren die Felsblöcke so hoch , daß mein Verführer sich mir unterstemmen mußte , um mich nur hinauszuwinden . Die Geier in den himmlischen Lüften müssen über unsere Wanderung verwundert gewesen sein . Schon fing es an Abend zu werden , und wir hatten bei unsern Strapazen seit dem frühesten Morgen nichts genossen . Aber was stand uns bevor ? Unsere Felsentreppe endigte endlich auf einem kleinen runden Wiesenfleck , den von allen Seiten hohe , dichte Bäume und hinter diesen die steilsten Felsenwände umschlossen . Kein Ausgang war zu entdecken , wir waren hier wie in einer verzauberten Gegend eingefangen , indem die Sonne unterging . Er verlor nicht den Mut , sondern schnitt sich mit seinem großen Messer einen Ausgang durch den Wald , und kletterte wie eine Gemse auf eine Klippe hinaus . Jeder Fußtritt , jedes leise gesprochene Wort , jedes Aufstoßen mit dem Stock schallte in dieser Einsamkeit furchtbarlich wieder . Ich fing in der Verzweiflung an , das kurze , nicht saftige Gras zu kosten . Mit dem schlechtesten Troste kam unser Freund zurück ; es zeigten sich , nach seiner Aussage , von dort nichts , als rundum die schwindlichsten Abgründe : die Sonne ist untergegangen , fuhr er fort , zurück können wir auch nicht , und fänden wahrscheinlich unsern unrichtigen Weg so wenig , wie den richtigen ; hier ist es trocken , die Nacht wird nicht eben kalt werden , der Himmel ist heiter , was bleibt uns übrig , als hier auf dieser Stelle unser Quartier aufzuschlagen ? kommt ja doch , wie man sagt , guter Rat über Nacht . Wir mußten aus der Not eine Tugend machen , und ich wäre wohl zum Einschlafen müde genug gewesen , wenn mich die Qual des Hungers nur zur Ruhe hätte kommen lassen . Als es finster wurde , fing der unglückliche Mensch an , mir , wie er sagte , zum Zeitvertreib die allerfürchterlichsten Gespenstergeschichten zu erzählen , und dazu heulte der Wind , oder was es sonst war , in den Klüften unter uns so entsetzlich , über uns war oft in der Luft ein Geschwirre und Krächzen , die Bäume schüttelten sich oft so plötzlich , und in der Dunkelheit sahen die Felsenzacken mit so gräßlichen Schnauzen und Bärten zu uns herüber , daß ich den Verstand zu verlieren glaubte ; doch war meine Müdigkeit stärker als alles andere , und ich erwachte wirklich erst , nachdem die Sonne schon aufgegangen war . Der Abenteurer hatte auch , wie er mir sagte , gut geschlafen , und wir befanden uns insoweit wohl , außer daß wir vor Hunger und Mattigkeit kaum die Beine bewegen konnten . Er war auch , wie ich merkte , abgekühlt , denn er war von der sogenannten Natur nicht so begeistert wie gewöhnlich , wir trafen über den schwindlichten Felsenspitzen einen kleinen grünen Vorsprung , der sich längs dem Abgrunde hinzog ; von hier gerieten wir nun in eine fast ebene Waldstrecke , und nach Verlauf von dreien Stunden , in denen wir ununterbrochen gekeucht und gestöhnt hatten , fanden wir endlich zu unserer größten Freude wieder einen Waldweg , der uns auch wirklich bald zu einer einsamen kleinen Hütte führte . Die Frau eines Bergmannes , die hier wohnte , war verwundert , uns von dort kommen zu sehen ; sie erquickte uns mit Brot und Butter , das wir im Freien genossen . Das rechte Steigen , sagte sie , fängt erst von hier bis zum Ochsenkopf hinauf an . Ich machte mich seufzend auf den Marsch , sah aber bald , daß die gute Frau nicht mit bei unserer bisherigen Wanderschaft gewesen war , denn ob es gleich beschwerlich ausfiel , so war alles doch nur Kinderei gegen das , was wir überstanden hatten . Ich legte mich oben nieder , wieder auszuruhen , und weiß nicht , was man von so hohen Orten sieht , als eine tüchtige Strecke Luft und ein weitläufiges Nichts , in dem hie und da einzelne Stifte Von Kirchtürmen , oder ein Fleckchen , was eine entfernte Stadt ist , hervorschimmert . Wir kletterten dann nach Bischofsgrün hinunter , und ich war froh , wieder unter Menschen und in die Ebene zu geraten . « » Und du kannst es wirklich für nichts halten « , fiel Leonhard ein , » von oben den ganzen Zusammenhang eines großen Gebirges zu überschauen ? Wie auf einer Insel unter sich die blauen Wogen der Berge und Hügel zu sehn , alle im Glanze der Luft auf das lieblichste aufgelöst und zerschmolzen ? Es gibt nur den zwiefachen Anblick der Unendlichkeit , entweder die Aussicht über das Meer hinüber , oder vom höchsten Punkt eines Gebirges . Mir war freilich der Fichtelberg noch nicht hoch genug . « » Redensarten ! Redensarten ! « sagte der kleine Freund , » die verschiedenen Wahrzeichen in den Städten sind mir immer lieber gewesen , um die du dich fast nie bekümmert hast . « Der Magister fing hierauf an : » Dieselben müssen aber schon lange verheiratet sein , da Ihr Sohn schon ziemlich erwachsen ist , und doch erscheinen Sie mir noch so jung , wenn ich vollends die Jahre der Reisen hinzurechne . « » Das ist ja nur ein angenommenes Kind « , rief der kleine Freund aus , » mit den Kindern will es unserm Leonhard nicht so , wie mit anderen Dingen gelingen . « » So ! So ! « antwortete der Magister , » ist aber sehr schön , daß sich Dieselben ganz als Eltern gerieren , höchst erbaulich und wahrhaft christlich , an den Kleinen so viel zu wenden , der auch ein gutes Ingenium verspüren läßt . « » Der kleine Franz « , sagte die Frau » ist das Vermächtnis einer Nachbarin , die arm starb und nicht wußte , wo sie die Waise unterbringen sollte ; auf dem Todbette habe ich ihr versprochen , mich seiner anzunehmen . Ich bin erst seit anderthalb Jahren verheiratet . Nicht wahr , Leonhard , jetzt werden es achtzehn Monate sein ? « » Du bist eine genaue Rechnerin « , sagte der Mann , » mit dem gestrigen Tage war dieser Zeitraum verflossen . « Der Magister trank mit nachdenklicher Miene ein Glas Wein aus ; dann sagte er : » Da kommt mir ein Gedanke , der zweifelsohne ein richtiger ist . Es werden jetzt acht Monate sein , daß ich sehr schwer krank darnieder lag ; in meiner Armut war keine Hilfe , aber ich erhielt täglich gesunde Brühe , stärkenden Wein und Geflügel , auch Arznei , die ich nötig hatte , und kein Mensch wollte sich melden , mir die Wohltat erzeigt zu haben ; aber gestehen Dieselben nur , daß Sie es gewesen sind . « » Lieber Herr Magister « , sagte die Frau , » Sie sind ja unser Freund ; mein Mann wünschte Sie wieder gesund zu sehen ; sind wir das nicht alle unserm Nächsten schuldig ? « » Ei ! Ei ! « fuhr der Magister gerührt fort , » nun auf Dero Wohlsein ! « indem er anstieß und ein neues Glas ausleerte ; » das hätte ich mir damals nicht träumen lassen ! Hab ich nicht der krummen gnädigen Frau drüben auf der andern Gasse so viele Danksagungen deshalb abgestattet , die sie auch alle angenommen hat ; denn ich meinte durchaus eine so edle Unterstützung müsse aus vornehmen Händen erfolgen , und ich hätte mir doch damals schon sagen können , daß Sie , Frau Leonhard , ein Engel von Frau sind . « Leonhard , der die Verlegenheit und Rührung des Magisters sah , wollte gern dem Gespräch eine andere Wendung geben ; er fing an zu erzählen , wie ihn sein Vater in früher Jugend eigentlich zum Studieren bestimmt habe , und wie er selber lange geglaubt , diesen Trieb in sich zu spüren . » Nur zweierlei verdarb mir die Lust daran « fuhr er fort , » unser oberster Lehrer auf der Schule , der es nie müde werden konnte , uns lateinische Aufsätze schreiben zu lassen , weil er selber ein guter Lateiner war . Nun hatte ich zwar Sinn für die Sprachen und las die Autoren gern , aber es war mir unmöglich , in einer fremden Sprache Gedanken aufzufinden , und diese in die gehörigen Worte und Wendungen zu kleiden , auch merkte ich bald , daß diejenigen meiner Mitschüler , die sich in diesen Übungen auszeichneten , nur mit bekannten Phrasen spielten , die sie sich aus den Autoren gesammelt hatten , und Rede und Zusammenhang sich diesen Erinnerungen mehr oder weniger fügen mußten . « » Richtig ! « rief der Magister , » das ist der Weg , den wir Gelehrten alle im Anfange haben gehen müssen ; man muß wohl in jeglicher fremden Sprache so beginnen , wenn man sich des Ausdrucks bemeistern will . « » Dazu aber « , antwortete Leonhard , » habe ich mich nie entschließen können , denn es schien mir fast wie Lüge . Die zweite Störung meines Studiums war die Betrachtung , daß ich auf diesem Wege meiner Leidenschaft zu reisen vielleicht nie Genüge tun könne , und doch war mir der Gedanke , wenigstens nicht mein Vaterland in seinen verschiedenen Richtungen kennen zu lernen , unerträglich . Dazu kam noch , daß ich an allem Mechanischen , an eigentlicher Arbeit und Zusammensetzung ein unendliches Vergnügen fand . Wie erstaunte daher mein Vater , als ich ihm einmal plötzlich ein kunstreiches Kästchen mit vielen Schubfächern und sauber gearbeiteten Abteilungen , das ich heimlich in vielen Abendstunden verfertigt , und das jedem Tischler Ehre gemacht hätte , überreichte , und ihm dabei fest erklärte : daß ich gesonnen sei , seine Hantierung fortzusetzen . Nun fühlte ich mich im Abmessen , Zirkeln , Sägen , Einfugen und Ausrechnen aller Teile in meinem Elemente , wobei aber das Lateinische und Ton dapameibomenon und die vielen Verse , die mir waren geläufig worden , nicht vergessen werden durften ; und so danke ich es meinen Schulstudien , daß ich noch jetzt den Homer auf meine Art im Original lesen kann . « » Vielleicht lesen Sie auch « , fragte der Magister lebhaft , » die Mutter aller Sprachen , die hebräische ? « » Angefangen habe ich es wohl « , versetzte der junge Meister , » bin aber nie über die ersten Anfangsgründe hinübergekommen . « » Schadet nichts « , rief der eifernde Gelehrte , » ich bin und bleibe darum doch ein Monstrum horrendum , ein widerwärtiger , erbärmlicher Mensch ! « indem er sich heftig vor die Stirn schlug ; » ja ja , du hochmütiger , unwissender , eitler , törichter Block du ! gib nur der Wahrheit die Ehre , und gestehe laut , von welcher grege du bist , Abgeschmacktester ! « » Was fehlt Ihnen , Magisterchen ? « sagte teilnehmend der kleine Freund , » sind Sie krank ? « » Ja , an der Seele « , fuhr jener erhitzt fort , » am Herzen , an allen Eingeweiden . Könnt ihr ' s mir glauben , meine verehrten Freunde , daß ich es erst höchlich übelnahm , als mir ein Bekannter den Antrag tat , hier im Hause Unterricht zu geben ? - Wie ? sagte ich zu mir selbst , bei einem Tischler , bei einem Professionisten ? Ich wollte es ausschlagen ; da ich mich aber dermalen , wie jederzeit , in kläglichen Umständen befand , so nahm ich die Stunden an , setzte mir aber vor , mit gebührlichem gelehrtem Hochmut einzutreten , und Sie , Herr Leonhard , immer nur per Er zu traktieren : Sie , hochgeehrtesten , meinen teuersten Wohltäter , Sie , denen Ton dapameibomenon , und nephelegereta Zeus , und Integer vitae , und Bereschid bara nichts Fremdes ist ? Sie ? Können Sie mir diese Niederträchtigkeit vergeben , o Sie englische schöne Madam . « Man suchte den eifernden alten Mann zu beruhigen , er hörte aber auf nichts , sondern stand auf und riß plötzlich die Perücke vom Kopf : » Ja , auch extra muros gibt es Menschen « , rief er aus , indem er den Haarschmuck zu Boden warf , und mit den Füßen darauf trat , » auch hinter dem Berge wohnen Leute , nicht die Perücke allein macht den würdigen Mann ; sieh , mit Füßen trete ich dich « ( und er tanzte dabei lebhaft auf der zerzausten herum ) , » daß du mich zum Hochmut verleitet , daß du mein Gemüt verdorben hast , daß ich alle Menschen , die nicht solches alte , verschrumpfte , eingepuderte , eingeschmierte Wesen auf dem Sitz ihrer unsterblichen Seele trugen , für eine geringere Kaste hielt , und das sidera feriam sublime vertice nur verstehen konnte von denen , die Perücken aufhaben ? Nicht wahr , Menschenkinder , ich bin ein ordinärer alter Esel ? « Er fing von neuem an zu wüten , aber der Kleine und Leonhard faßten ihn unter den Armen ; der fremde Meister setzte ihm seinen mißhandelten Schmuck wieder auf und sagte : » Nehmt Vernunft an , Phantast , es liegt nicht an der Perücke . « » Ja ! « rief der Magister , » nichts ist gleichgültig , was der Mensch trägt von außen ; es ist wie ein Zauber , wie eine Schleife , ein Hut , ein Degen , ein Orden und Perücke auf ihn wirken : sie machen ihn gut oder schlecht ; in Stiefeln denkt man anders als in Schuhen , in Seide anders als in Tuch ; das menschliche Herz ist wie eine Motte , der man immer ansehen kann , aus welchem Gespinste sie ausgekrochen ist . « Er fing an zu weinen , gab Leonhard und der Frau die Hand , und sagte schluchzend : » Sie vergeben mir , meine großmütigen Freunde , das weiß ich ; aber ich bitte Sie demütig in dieser Stunde , in der ich mich freilich sehr vergessen habe , mir den Gedanken , der sich mir schon zudrängen will , zu entfernen , daß Sie mich nur aus Barmherzigkeit und ohne alles Bedürfnis zum Lehrer des Knaben angenommen haben . Nicht wahr , es ist nicht so ? Ich müßte vor Scham und vor Trauer über mich selber vergehn . « Beide versicherten ihn das Gegenteil , und wie sie sich gefreut hätten , daß ein gelehrter Mann die Mühe habe über sich nehmen wollen , ihr Pflegekind zu unterrichten ; wodurch er sich endlich beruhigte , und von den beiden Männern nach seiner ziemlich entfernten Wohnung begleiten ließ . Am Morgen ging Leonhard mit dem festen Entschlusse zu seinem Freunde , dem jungen Baron , ihm seine Begleitung auf der Reise und die Arbeit für ihn abzuschlagen ; denn er hatte es in dieser Nacht seiner Frau nach einem zärtlichen Streite versprechen müssen , sich nicht aus der Stadt zu entfernen . Er fand den jungen Elsheim , der heftig in seinem Zimmer auf und nieder ging , und in sich hineinlachte . Sie begrüßten sich herzlich , und der Tischlermeister mußte sich zu einem Glase alten Weines niedersetzen » Ich bin sehr vergnügt « , sagte der Baron , » denn nachdem ich dreiviertel Jahr sehr ernsthaft und gesetzt habe leben müssen , habe ich den unumstößlichen Entschluß gefaßt , zur Abwechselung wieder irgend etwas Lustiges oder Dummes zu treiben ; und dazu sollst du mir behülflich sein , denn die gesetzten Leute geben dergleichen Dingen erst Haltung und Geschick ; wer sich ohne sie in solche Geschichten einlassen will , wird auf dem halben Wege zur Vernunft zurückkehren müssen . « » Lieber Baron « , sagte Leonhard freundlich , » ich bin gekommen , Ihnen zu sagen , daß Sie auf mich weder im Guten noch im Bösen rechnen sollen ; ich werde zu alt - ich kann jetzt überhaupt nicht abkommen . « » Aha ! « sagte jener ( indem er sich vor ihm mit beiden Armen auf den Tisch stemmte und ihm dann die braunen Locken von der Stirne strich ) , » du bist heut auf deinem feierlichen Ton , du hast alle unsere ehemaligen Bedingungen vergessen , oder willst nicht daran denken ; aber ich weiß , daß du es bereuest , wenn du mir diesmal nicht folgst . « » Ich kann nicht « , sagte Leonhard schmerzlich , » meine Wirtschaft vergrößert sich , meine Frau ist nicht ganz wohl , meinen Leuten darf ich nicht trauen , und noch dazu habe ich wichtige Bestellungen bekommen , wo mein Auge allenthalben selbst zugegen sein muß . « » Und das Wichtigste nennst du gar nicht einmal « , sagte Elsheim , » daß nämlich alles dies geradezu gelogen ist . Noch neulich schriebst du mir , deine Einrichtung sei so gut , der älteste Gesell so brav , daß es dir nie auf einige Wochen ankommen könne ; deine Frau , wie ich gesehn habe , ist so gesund , wie sie nur sein kann , aber der Ehemann , mein Schatz , hat sich dir so eingelernt , daß du auch ohne Souffleur deine Rolle ohne Anstoß hersagst ; nur fehlt noch die richtige Mimik , um den Zuschauer zu überzeugen . So lebe denn wohl , mein Freund , da deine Frau ein so strenges Regiment führt ; ich muß also ohne dich reisen , ich muß einen andern gescheiten oder geschickten Mann aufsuchen , ich muß vielleicht die Bestellung , den Bau , die Torheit , die Lust aufgeben , und bloß den Bauern auf dem Gute guten Tag und Lebewohl sagen . « » Welche Freude können Sie nur in jener nördlichen traurigen Gegend finden « , sagte Leonhard , » daß Sie sie so oft besuchen ? Und welche Lust können Sie sich jetzt dort versprechen ? « » Narr « , sagte sein Freund , » dahin reise ich diesmal nicht , ich übernehme jenes andere Gut , auf welchem meine Mutter bis jetzt gelebt hat - das an der fränkischen Grenze . Nur freilich mag dies , ernsthaft gesprochen , dir zu weit entlegen sein . « » Dahin ? nach der fränkischen Grenze zu ? « fragte Leonhard lächelnd und überrascht . Dann ward er auf einmal nachdenkend und fuhr nach einer Pause fort : » Nun , so teilen Sie mir wenigstens mit , wozu Sie dort meinen Beistand hätten brauchen können . « » Tausenderlei hatt ich mir vorgenommen « , sagte der Freund verdrüßlich , » was nun alles zu Wasser wird : ich wollte dort von dir ein Theater in einem mächtig großen Rittersaale einrichten lassen ; du solltest mitspielen ; gute Freunde , herrliche und langweilige Menschen sind schon gebeten und kommen hin , Weiber und Mädchen , ich hatte Lust , mich einmal so recht zu verlieben , vielleicht gar zu heiraten ; meine ganze Jugend wollte ich mit dir wiederholen , und alles , was wir auf der Schule träumten und wünschten , einmal zu erleben suchen ; meine alte Lust wollte ich büßen und den Götz von Berlichingen , den ich schon bearbeitet habe , einmal wirklich darstellen helfen . « » Götz ! Berlichingen ! « rief Leonhard aus , indem er hastig seinen Freund umarmte ; » ja , ich reise mit , alles kann liegenbleiben , es geht recht gut ohne mich , und die Frau muß sich darin finden . « » Recht so ! « sagte Elsheim , » aber wie wird dir nun so plötzlich diese Einsicht ? « » Kommt nicht alles von Neigung und Erinnerung zusammen « , rief Leonhard aus , » um einen übrigens vernünftigen Entschluß umzustoßen ? Die Freundschaft zu dir , die Erinnerung unserer Jugend und ihrer mannigfaltigen Träume , die Nähe meines geliebten Frankenlandes und dann - der Zauber des Gelüstes , einmal ein Talent zu prüfen , dem ich einmal in einer törichten Periode mein Leben widmen wollte ; vorzüglich aber noch der Name jenes Lieblingswerkes meiner Kindheit und Jugend , alle die Lebensmelodien , die in diesem herrlich grünenden Baume wehen und singen ! « » Trink , mein Freund « , sagte der Baron ; » so gefällst du mir , und so solltest du immer sein ! Laß uns einmal wieder in unser sechszehntes Jahr zurückgehen und einige heitere Wochen ganz so genießen , wie wir damals in unserm Vermögen hatten , und wie man es leider mit jedem Jahre immer mehr verlernt . Nun erzähle einmal wieder , wie du sonst so oft tatest . « Leonhard , dem jetzt von neuem die frühesten Erinnerungen lebendig wurden , folgte dieser Aufforderung , und fuhr also fort : » Die Kunst lesen zu lernen , von der Begier , zu erfahren was in den Büchern stehe , unterstützt , ward mir so leicht , daß ich schon in der allerfrühesten Jugend ein fertiger Leser war . An Büchern fehlte es mir anfangs nicht , denn ich las alles , doch merkte ich halb den Unterschied zwischen denen , von welchen ich etwas verstand , und jenen , die mir durchaus fremde Wildnis blieben . Mein Vater hielt nur wenige Bücher , aber die er besaß , waren ihm desto lieber ; unter diesen befand sich auch der Nachdruck des damals kürzlich erschienenen Götz von Berlichingen . Ich las ihn , und noch nie hatte ich ein Buch so verstanden ; noch keines hatte mich mit solchem Zauber umsponnen , in keinem waren mir selbst die Stellen , die ich nicht begriff , und von denen ich mir oft die wunderlichsten Vorstellungen machte , so lieb und teuer und in ihrer Dunkelheit so magisch . Ich erwuchs mit dem Gedichte , ja meine Phantasie und mein Wesen wuchsen hinein . Jedes Wort wußte ich auswendig , in Gedanken ließ ich alle Figuren , in allen Verhältnissen , in allen Trachten , mit allen Mienen und Gefühlen , mir vorübergehn , auch die häßlichsten und grausendsten hatten meine Liebe ; mit Kartenblättern , mit unscheinbaren Stückchen Papier spielte ich das Stück , wer weiß wie oft , durch , und blieb immer gerührt und erbaut . Die Überschriften der Szenen , selbst die kleine Vignette vorn , gehörten mir zur Poesie , und erregten mir die lieblichsten Empfindungen . Welche Tränen vergoß ich um den biedern Götz , den edlen weichen Weislingen , vorzüglich über den herrlichen Georg . So waren Jahre vergangen , und dieses Werk war mir so notwendig , wie die Luft , die ich atmete , wie mein Leben selbst , es war mir daher nie eingefallen , nach dem Autor zu fragen , obgleich er auf dem vielgelesenen Titel genannt war ; ja mich dünkte , dieses Buch müsse so ewig sein , wie die Natur und Erde selbst ; und mein Erstaunen , meine Wehmut , mein unnennbares Gefühl läßt sich nicht beschreiben , als