ihn aussprach . Er schloß aus der für ihn unerwarteten Neuigkeit auf die Nähe seines Dämons . Schnell kam ihm ein närrischer Einfall . Er wußte , daß , um zwei Verlegenheiten zu entgehn , es nichts Beßres gebe , als sich in eine dritte zu begeben . In die Küche eilend , nahm er dort Kohlen und Brenneisen , war blitzschnell die Treppe hinauf , ließ sich durch den Bedienten als den Mann melden , der die Herzogin frisieren solle , und stand bald darauf im Zimmer der Fürstin . Die Dame saß im Lehnstuhl , das Gesicht von dem Haarkünstler aus dem Stegreife abgewendet , und las . Sie mochte an diesem Orte für ihr Haupt nichts Besondres hoffen , und sagte , vom Buche aufsehend , doch ohne sich umzukehren : » Nur ganz schlicht ! « - Hermann blickte nach der Toilette , da war alles , was er brauchte . Er stellte sich hinter den Stuhl , und da ihm wirklich einige Reminiszenzen des Handwerks beiwohnten , so ging die Sache ganz erträglich vonstatten . Er prüfte mit Sorgfalt das Eisen , verfuhr behutsam , und so kam denn nach und nach etwas zustande , was wenigstens für die Skizze einer Frisur gelten durfte . Freilich dauerte das Geschäft ziemlich lange . Die Herzogin , welche die Geduld selbst zu sein schien , brachte die Augen nicht von ihrem Buche . Als er dem Ende seines Werks nahte , meinte er , daß nun der Augenblick gekommen sei , den er erharrt hatte , und sagte : » Gnädigste Herzogin , der Geringste hat Rechte , die auch der Vornehmste nicht kränken darf . So ist es ein altes Privilegium meiner Zunft , daß diejenigen , welche ihr Haupt uns anvertrauen , sich auch unsrem armen und seichten Geschwätze hingeben müssen . Keiner ist davon befreit ; selbst der König muß den Friseur plaudern lassen . Untersagt er ihm das , so bin ich überzeugt , daß der Mann das Elend der Verbannung einem stummen Herrendienste vorziehen würde . Ew . Durchlaucht haben gelesen ; das hat mich tief verletzt . Ich überlasse Ihrer Gerechtigkeit , zu entscheiden , ob Sie mir nicht werden erlauben müssen , einige Worte zu Ihnen zu reden ? « Die Herzogin legte , erstaunt über diese Apostrophe , das Buch zusammen . Da Hermann schwieg , sagte sie mit einem verlegnen Lächeln : » Nun ? « » Ich habe etwas zu erzählen « , fuhr Hermann fort , » was freilich verdiente , ernsthafter eingeleitet zu werden . Ein Schauspieler will seine Tochter um ein Stück Geld der Erniedrigung , dem Elende preisgeben . Verzeihung , daß ich so unsaubre Dinge in Ew . Durchlaucht reiner Nähe ausspreche . Wer jenen Stand kennt , wer es weiß , wie seine Lügenkunst das Gemüt bis in die innersten Fasern verfälscht , der wird sich über dergleichen Schändlichkeiten kaum wundern . Ein solcher Mensch hat vielleicht jahrelang den Marinelli gespielt , und , wie er den Charakter auf den Brettern behandelte , gedankenlos , so gedankenlos überträgt er die Rolle auch wohl einmal in das Leben . - Ein sonderbarer Zug des Vertrauens führt das Mädchen zu mir , die Verzweiflung beschwört mich um Schutz vor der Entehrung . Ich bin sonst der Meinung , daß man sich vor allen raschen Verpflichtungen zu hüten habe . Oft wird ja durch ein fürwitziges Helfenwollen das Wirrsal nur noch größer . Hier aber überwältigte mich der Anblick der Not , ich versprach mich und alle meine Kräfte dem Mädchen . Aber wie soll ich für mein Wort einstehn , ohne Einfluß , ohne Verbindung in der Gegend , ich , ein junger Mann , der an und für sich der Welt in solcher Sache als ein zweideutiger Vormund erscheint . Da höre ich , daß Ew . Durchlaucht hier angekommen seien . Augenblicklich war meine Sorge gehoben . Ich wußte , daß ich einer solchen Fürstin den bösen Vorsatz eines ehrvergeßnen Vaters , die Trübsal der Tochter nur schmucklos zu melden brauchte , um Rat zu schaffen . Dieses habe ich denn hiemit getan , und nun meinen Worten nichts mehr hinzuzufügen . « Mit so entschiednen Farben hatte unser Abenteurer diese Angelegenheit darzustellen sich gedrungen gefühlt . Die Herzogin hörte mehr auf den Ton seiner Rede , als auf den Inhalt . Der reine Dialekt , die gebildeten Wendungen hatten sie ganz verwirrt gemacht . Sie wußte nicht , was sie von dem Menschen denken sollte . Hermann nahm ihr mit einer anständigen Verbeugung den Staubmantel ab . Ihr erster Blick war in den Spiegel . Sie sah sich wenigstens nicht verunstaltet . Ihr zweiter fiel auf Hermann . Wie erschreckt senkte sie die Wimpern , und eine Marmorblässe überzog die zarten , ohnehin nur leicht gefärbten Wangen . Noch einmal schickt sie zweifelnd und forschend ihren Blick aus , als wolle sie die Widerlegung eines Irrtums erspähn . Aber unwillkürlich flüsterte sie : » Mein Gott , welche Ähnlichkeit ! « Die Tür öffnete sich , und ein großer ernster Mann im schlichten Überrock trat ein . Es war der Herzog . » Ist der Not abgeholfen ? « fragte er lächelnd . Dann , näher tretend , musterte er Hermann auch nicht ohne ein gewisses Erstaunen , doch schien die Befremdung weniger durch das Antlitz , als durch den Aufzug Hermanns veranlaßt zu sein , der im modischen Kleide , den Staubmantel der Herzogin auf dem Arme , und die Friseurwerkzeuge in den Händen , dastand . » Ich bin von jemand bedient worden , den man wohl schwerlich zu diesem Gewerbe erzogen hat « ; sagte die Herzogin . » Der Rock sieht freilich nicht nach Kamm und Schere aus « , sagte der Herzog . » Wie heißen Sie ? « Hermann nannte sich . » Ist es möglich ? « rief der Herzog . » Sie sind der Sohn des Senators in Bremen ? des vertrautesten Freundes meines seligen Vaters ? « » Derselbe . « Der Herzog konnte sich über dieses Zusammentreffen nicht zufriedengeben . » So unerwartet muß ich den Sohn des würdigen Mannes hier finden , von dem mein Vater nie ohne Rührung redete ! Aber sagen Sie mir , wie kommen Sie darauf , sich bei uns in dieser wunderbaren Weise einzuführen ? « » Man muß überall aushelfen , wo es fehlt « , versetzte Hermann . » Unsrer Fürstin gebrach ein Mann der Pomade , ich konnte allenfalls so ein Subjekt notdürftig vorstellen , wie hätte ich anstehn sollen , mit meiner geringen Kunstfertigkeit zu dienen ? « Der Herzog fragte ihn lachend , wo er denn diese Geschicklichkeit erworben habe ? Hermann versetzte , das dürfe er nicht verraten , das sei ein Handwerksgeheimnis . Die Herzogin hatte an diesem Gespräche nicht teilgenommen , sondern nur von Zeit zu Zeit ihn verstohlen betrachtet . Ihr Gemahl raunte ihr ein Wort ins Ohr , worauf sie nickte , und Hermann eine Einladung zu Mittag empfing . Als er die Treppe hinabging , sagte er für sich : » Das hätte ich nicht gedacht , als ich im Feldzuge bei dem alten Perückenmacher im Quartier lag , und seine Tochter Lotte mich zu ihrem Werther machen wollte , und ich ihr aus Langerweile die Locken und die Touren fertigen half , daß mir die Possen noch einmal bei den vornehmsten Leuten helfen würden . In unsrer Zeit muß man sich auf alles schicken , denn man kann alles gebrauchen . Die Lotte und der alte Perückenmacher sollen leben ! « Fünftes Kapitel » Welche Ähnlichkeit ! « Diese Worte der Herzogin gaben ihm viel zu sinnen . Er fragte den Wirt nach der Ursache , weshalb das fürstliche Paar hier verweile ? erfuhr aber nur , daß es eine Bewandtnis mit den Herrschaften haben müsse , denn es sei viel Fragens und Schickens nach dem alten verfallnen Schlosse in der Nähe gewesen , von dessen Bewohner man allerhand erzähle . Ein langer grauer Mann von verdrießlichem Ansehn trat ein , und sagte zum Wirte : » Ich habe Sie so sehr gebeten , mir eine Stube ohne Zug zu geben , den ich durchaus nicht vertragen kann , und dennoch ist mir eine angewiesen worden , worin kein Fenster und keine Tür schließt . Ich habe nicht Lust , hier ungesund zu werden , und verlange von Ihnen auf der Stelle ein andres Quartier . « Der Wirt versicherte , es sei alles besetzt , er werde aber sogleich Schreiner und Glaser kommen lassen , damit jede Ritze verleimt und verstopft werde . Es war um die Zeit der Hundstage , und selbst dem entschiedensten Rheumatiker konnte ein kühles Lüftchen nur willkommen sein . Hermann hatte an der eigentümlichen Falte des Überdrusses um den Mund sogleich den Hypochondristen erkannt . Er trat höflich zu dem Verstimmten und sagte , daß er sich glücklich schätzen würde , wenn er ihm ein besseres Gelaß anzubieten vermöchte , das seinige werde aber auf jeden Fall wohl das allerschlechteste im ganzen Hause sein . Der andre maß ihn mit einem matten , sterbenden Blick , als verdrösse ihn jede Artigkeit , und ging , ohne ihm etwas auf seine freundliche Anrede zu erwidern , fort . Hermann , sehr böse über dieses rauhe Benehmen , fragte den zurückkehrenden Wirt , wer jener Bär sei und erfuhr , daß er Wilhelmi heiße und bei dem Herzoge in Diensten stehe . Auch der Wirt nannte ihn einen eigensinnigen Kauz , dem nichts recht zu machen sei , » aber « , setzte er hinzu , » man muß ihn schonen , denn er ist des Herzogs rechte Hand . « Hermann beschloß im stillen , die Unart nicht so hingehn zu lassen . Doch für den Augenblick hatte er eine dringendere Sorge . Im Überrocke setzt man sich bekanntlich nicht zu einer fürstlichen Tafel . Er aber besaß kein andres Kleidungsstück , er hatte sich erst in der nahen Stadt neu equipieren wollen . Lange dachte er darüber nach , was vorzunehmen ? endlich erinnerte er sich aus der Geschichte der Moden , daß der Frack aus dem Überrock entstanden ist , indem nach und nach die Vorderblätter immer weiter und weiter weggeschnitten wurden . Er beschloß , diesen historischen Weg zu verfolgen , und erkundigte sich nach dem besten Schneider , der ihm leicht nachgewiesen werden konnte , da es nur einen am Orte gab . Der Meister , welcher wegen der geringen Nahrung im Städtchen zugleich sein eigner Junge und Geselle war , saß mit gekreuzten Beinen auf dem Tische und nähte , was das Zeug halten wollte . Hermann trat in das kleine Stübchen , an dessen Wänden die papiernen Maße herabhingen , und welches durch verschmauchte Fensterchen sein spärliches Licht erhielt . Er sagte dem Meister , was er von ihm wolle , nämlich , er solle die Vorderteile des Rockes abschneiden , denn er habe einen Frack nötig . Der kleine blasse Mann kam von seinem Tische herab , tat die Brille hinweg , prüfte den Schnitt des Kleides , befühlte das Tuch , sah erschrocken empor , und fragte mit wehmütigem Tone : » In dieses Tuch soll ich hineinschneiden ? « » Es geht nicht anders , Meister « , versetzte Hermann , » es muß so sein « . Der Meister schüttelte den Kopf , legte unschlüssig die Hände auf den Rücken , und murmelte : » So ein Rock ! So ein Tuch ! Schade ! Jammerschade ! Die Elle kostet wohl ihre drei Taler ? « » Mehr Meister , mehr . « » Vier ? Fünf ? « » Ich glaube , man hat mir acht auf die Rechnung gesetzt . Rührt Euch , Meister , ich habe nicht lange Zeit . « » Acht Taler die Elle ! Gott ! « war alles , was der Schneider hervorbringen konnte . Er ließ die Schere sinken ; nur Ausbesserung und der gröbste Stoff war ihm sein Leben lang unter die Hände geraten . Jetzt erblickte er ein Prachtkleid , von dem seine seligsten Träume nichts wußten , und dieses sollte er verwüsten ? Hermann sah nicht ohne Teilnahme dem Seelenkampfe dieses Männleins zu , dem ein feiner Rock zur höchsten Lebenserscheinung wurde . Endlich überwand sich der Meister , zeichnete in wilder Hast mit Kreide die Form auf dem Leibe ab , die Schere arbeitete , die Nadel flog , und bald war ein Frack fertig , wenn nicht von elegantem , doch von wohlgemeintem Schnitte . Hermann freute sich der Metamorphose , die so leicht vonstatten gegangen war . Schwieriger konnte es mit der Bezahlung werden , denn er hatte unterwegs für eine Kopfbedeckung seine Barschaft bis auf einen armseligen Rest ausgegeben . » Was sollen mir die Vorderblätter ? « sagte er . » Meister , die wären so etwas für Euch , wollt Ihr sie an Zahlungs Statt annehmen ? « - Der Meister war schon daran gewöhnt , von seinen Kunden in Naturalien , als Butter , Käse , Eiern u. dgl. bezahlt zu werden . Die Vorderblätter galten ihm weit mehr , als er fordern durfte , schon sah er sich im Geiste mit der Sonntagsweste aus dem Achttalertuche bekleidet ; er schlug freudig ein . Hermann klopfte ihm auf die spitzen Achseln und sagte : er sei recht geschickt gewesen . In so kurzer Zeit einen Frack zustande zu bringen , möchte nicht jedem gelingen . Dieses Lob stieg dem Schneiderchen ins Gehirn . Triumphierend rief er : » O , ich habe auch nicht immer geflickt ! Ich bin überhaupt nur durch Unglück hieher unter das dumme katholische Pack geraten . « Dann sich scheu umwendend , als fürchte er das Verhängnis einer großen Mitteilung , setzte er geheimnisvoll hinzu : » Ich habe schon einmal einen ganzen Rock gemacht ! Der Herr Pastor an meinem früheren Orte wollte sich verheiraten ; wie solche Herrn sind , sie haben kein Vertrauen zu unsereinem , er bestellte sich den Bräutigamsrock bei dem Modeschneider in der großen Stadt , den sie den Kleidermacher nennen . Mein Herr Kleidermacher ließ aber meinen Herrn Pastor sitzen . Der wollte zur Braut abreisen , kein Rock war da . Ich hörte von der Not und lief zu ihm . Er wird es nicht können , sagte er . Vertrauen Sie Gott , sagte ich . Ich ging nach der Stadt , kaufte Tuch , freilich nicht so fein , als das Ihrige , schneiderte Tag und Nacht , und siehe da ! der Rock wurde fertig , und der Herr Pastor sind darin getraut worden , und haben darin das heilige Abendmahl ausgeteilt , und tragen ihn noch zur Stunde , und ich bin doch nur ein lumpiger Flickschneider ! « Seine Augen glühten , er hatte sich auf die Fußspitzen gestellt , und drei Finger der rechten Hand vorn in das aufgeknöpfte Wams geschoben . So stand er , und der siegreiche Feldherr , der gegen Abend die Meldung von der letzten eroberten Schanze empfängt , kann nicht stolzer aussehn . Sechstes Kapitel Das Gespräch an der Tafel drehte sich um sittlich-anthropologische Fragen . » Wie kommt es nur « , sagte die Herzogin beim Dessert , » daß wir gleichgültiger gegen die Tugend als gegen die Höflichkeit sind ? Wenn man durch seinen Stand gezwungen ist , viele Menschen zu sehn , so muß man auch mitunter Leute empfangen , deren Handlungen sich keineswegs billigen lassen . Ich kann nun wohl sagen , daß mich die Nähe solcher Personen wenig verletzt ; unbefangen sehe ich sie kommen und gehn . Dagegen bin ich gleich aus meiner Fassung , wenn in meinem Kreise ein Verstoß gegen die Lebensart vorfällt . « » Das rührt daher , weil wir alle , auch die Besten unter uns , nie den Hang vollkommen ablegen , uns nach außen zu vergeuden , statt daß wir streben sollten , nur nach innen wahrhaft zu leben « , erwiderte der Kammerrat Wilhelmi . » Ich denke « , entgegnete die Herzogin , » man lebt in jedem Augenblicke zugleich nach innen und nach außen . Übrigens bitte ich Sie , mich nicht einer schlaffen Moral anzuklagen . Alles , was ich sagte , bezieht sich nur auf die gewöhnlichen gesellschaftlichen Zusammenkünfte , und wenn jene zweideutigen Figuren mich irgendwo im Heiligtume meiner Verhältnisse berühren , so machen sie mir auch Kummer genug . « » Darin liegt die Antwort auf deine Frage « , versetzte ihr Gemahl . » Das Leben besteht , wo es nicht Geschäft ist , meistenteils aus Repräsentation . Unsittlichkeiten drängen sich uns nicht vor das Auge , wohl aber Roheit , Ungeschick . Was gehn uns also jene an , da wir niemandes Richter sind ? « Hier nahm Hermann das Wort , und sprach : » Vielleicht fordert keine Zeit mehr zur Beobachtung äußerer Sitte auf , als die unsrige . Alle Gegensätze sind bloßgelegt , wo irgend Menschen zusammenkommen , bringen sie die widersprechendsten Gefühle und Überzeugungen in betreff der wichtigsten Dinge mit . Politik , Religion , das Ästhetische , ja selbst , was im Privatleben erlaubt sei ? alles ward zum Gegenstande des Zwiespalts . Wie kann man sich aber mit Behagen nebeneinander sehn , wenn nicht wenigstens auf der Oberfläche die in der Tiefe zürnenden Geister beherrscht werden , wenn nicht die strengste Regel der Konvenienz , welche jedem Kunstwerke notwendig ist , waltet ? Und die gute Gesellschaft ist doch , wie man mit Recht gesagt hat , eine Art von Kunstwerk , oder sollte wenigstens eins sein . « » Am schlimmsten hat man es mit den Gelehrten « , sagte der Herzog . » Ich lade auch nie zwei zu gleicher Zeit ein . Denn ich bin dann nicht sicher , daß die Herrn über einen alten römischen König , oder eine Sprache , von der man nur vermutet , daß sie einmal gesprochen sein soll , einander Beleidigungen sagen . « » Auch die Hypochondristen sind böse Gäste ! « rief Hermann . Die Herzogin warf lächelnd einen Seitenblick auf Wilhelmi , der die ganze Tafel über sein verdrießliches Gesicht noch nicht abgelegt , und , sooft die Tür aufging , ängstlich mit den Händen den Kopf bedeckt hatte , obgleich , wie wir bemerkt haben , die Hitze der Hundstage herrschte . Sie meinte , Hermann solle sich in acht nehmen , er werde da Widerspruch bekommen . Angereizt vom Lächeln der Dame , rief dieser aus : » Muß ich doch mich selbst verurteilen , wenn von jenen Übeln geredet wird ! Ich hatte immer gehört , daß man heutzutage , um interessant zu erscheinen , unzufrieden und kränklich sein müsse . Da die Natur mir aber beide Eigenschaften versagt hatte , so bestrebte ich mich , durch Kunst dieselben hervorzurufen , denn ich wollte nun einmal nicht so unbedeutend durch das Leben gehn . Fürs erste schaffte ich mir eine finstre Miene an , und sah aus , als ruhe die Last der Welt auf meinem Busen . Es war aber nicht so schlimm ; das Essen und Trinken schmeckte mir dabei , und ich schlief mit meinem Grame bis an den Morgen . Aber so schon begann ich zu gelten , einige Damen wollten selbst etwas Byronsches an mir bemerken . Es kam nur noch darauf an , krank zu werden . Ich rief die Einbildungskraft zu Hülfe , und richtete meine Aufmerksamkeit stundenlang auf mich selbst . Ich fragte mich so lange und so ernstlich : Tut dir nicht da und da etwas weh ? bis es mir endlich vorkam , als tue mir da und da etwas weh . Nicht mit Darstellung der ganzen Methode will ich Ew . Durchlaucht ermüden , nur so viel darf ich versichern , daß ich es in Erzeugung der Schmerzen bis zur Virtuosität gebracht habe . Kopfgicht , Armweh , Brustkrampf , Podagra , jegliches Übel kann ich nach Gefallen hervorbringen . Denke ich zum Beispiel nur daran , daß jene Tür aufgetan werden möchte , so wütet schon ein ganzes Heer von Rheumatismen mir durch Kopf und Genick . « Diese Beziehungen waren zu deutlich , um nicht verstanden zu werden . Beide Herrschaften hielten den Kammerrat , wie es solchen Leidenden zu gehn pflegt , für krank in der Einbildung . Sie sahen in einer Mischung von Verlegenheit und Schadenfreude auf ihre Teller . Hermann genoß seinen Sieg ; aber nicht lange . Wilhelmi hatte ganz gefaßt dessen Rede mit angehört . Als nun die Pause , die nach dem Schlusse derselben entstanden war , nicht enden wollte , sagte er freundlich zu ihm : » Was Sie vorhin von der Notwendigkeit der feinen Lebensart äußerten , hat mir sehr gefallen . « Hierauf wurde Hermann rot und stotterte einige Worte , die wie ein Dank für den ihm erteilten Beifall klangen . Die Herrschaften aber taten , als gehe sie der letztre nichts an . Die Herzogin rückte den Stuhl , und die Tafel ward aufgehoben . Er war mit dem Herzoge allein . Die Gemahlin sprach in einem Nebenzimmer mit dem verdrießlichen Freunde über wichtige Angelegenheiten , welche das fürstliche Paar in diesen jämmerlichen Ort geführt hatten . Der Herzog schien sich für den Jüngling zu interessieren , er fragte ihn nach dem Zwecke seiner Reise . Hermann versetzte , daß er sich auf der Wandrung befinde , um seinen Oheim , den großen Fabrikherrn , den er noch nie gesehen habe , zu besuchen . » Da werden Sie einen merkwürdigen Charakter kennenlernen « , sagte der Herzog . » Ich mache oft Geschäfte mit ihm . Er steht ganz einzeln in der heutigen Welt da , und vergegenwärtigt mir immer das Bild eines Bürgers der Hansa . Ihr Vater und er sind ein sehr eigentümliches Brüderpaar gewesen . « » Sie lebten beide , wo nicht in Haß , doch in stiller Entfremdung « , sagte Hermann . » Ich will nun versuchen , ob der Oheim gegen mich auftaut . Wahr ist es : wenn ich an meinen Vater zurückdenke , so suche ich vergebens nach seinesgleichen in der Gegenwart . Er war mit Sinn und Lebensgewohnheit ungefähr in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts stehngeblieben . Von daher schrieben sich die großblumigen Tapeten seines Zimmers , die geschnörkelten Meubles , der Zuschnitt seines Rocks ; an welchen Dingen allen er mit hartnäckiger Strenge festhielt . Und doch soll er als junger Mensch munter und beweglich gewesen sein . Aber etwas Störendes scheint plötzlich seinen ganzen Organismus gehemmt zu haben . Überhaupt liegen die Erinnerungen an meine Eltern wie Märchen hinter mir , an deren Wahrheit zu glauben , mir oft schwerfällt . « Er erzählte noch manches von seinem väterlichen Hause , welches wir später an geeigneter Stelle einschalten werden . Der Herzog , welcher großen Anteil an allem , was aus dieser Familie herrührte , nahm , fragte nach Hermanns Studien und Lebensgange , worauf er die gewöhnliche Geschichte eines unsrer jungen Männer hörte . Hermann hatte als Siebenzehnjähriger den Befreiungskrieg mitgemacht , als Zwanzigjähriger auf der Wartburg gesengt und gebrannt , und war dann auch in jene Händel geraten , welche die Regierungen so sehr beschäftigt haben . » Indessen « , fuhr er fort , » war ich der Torheiten selbst bald müde geworden . Und , als wolle mich das Geschick für diese zeitige Reue belohnen , meine Rhadamanthen fanden , daß ich zum Ravaillac verdorben sei , und entließen mich nach kurzem Verhör . « Er erzählte weiter , daß er sodann die jetzt gewöhnliche Reise durch Frankreich , England und Italien gemacht habe , demnächst aber in den Dienst des wegen seiner Verwaltung berühmten Staats als sogenannter Referendarius getreten sei . » Sie sind noch in dieser Anstellung ? « fragte der Herzog . Hermann trat drei Schritte zurück , schöpfte tief Atem und rief : » Nein , Ew . Durchlaucht , in dieser Anstellung bin ich gottlob ! nicht mehr . Nachdem ich die Welt gesehen , in Rom und Neapel meine Seele ausgeweitet , in London und Paris mich in die bewegten Wogen großer Völker gestürzt hatte , mußte ich nun mit erheucheltem Ernste protokollieren und expedieren über Dinge , die selten des Federzugs wert waren . Anfangs , solange mir die Handgriffe noch neu waren , trieb ich die Sache wie einen mechanischen Scherz , bald aber ergriff mich die furchtbarste Langeweile , und ein unergründlicher Ekel an meinen Tagen , welche sich in diesem trocknen Nichts dürr und farblos verzettelten . Das altweiberhafte Helfenwollen , wo die Natur schon immer für die Hülfe gesorgt hatte , das Bevormunden von Menschen , welche gewöhnlich klüger waren , als die Herren Vormünder , dieses norddeutsche Vielgeschrei und Vieltun ! Die unendlichen , müden Sessionen ! Kein Blick aus der quetschenden Grube in die lichte Tageshelle des Geistes , alles umbaut mit Kabinettsbefehlen , Paragraphen , Instruktionen , Akten , Tintefässern , Sandbüchsen ! Mir war in dem Getreibe zumute , wie in einer ewig klappernden und sausenden Mühle ; nur das Mehl sah ich nie , welches zu gewinnen , so viele Räder sich abarbeiteten . Zum ersten Male in meinem Leben war ich unglücklich , und als ich das recht empfunden hatte , fragte ich mich : Warum bist du es denn ? - Da tat ich mit beiden Füßen einen großen Schritt in die Freiheit , und als ich die Tore der Marterstadt hinter mir hatte , jauchzte ich laut , wie Orestes , als die Furien von ihm abließen , und - ich schäme mich des Bekenntnisses nicht - ich habe mich zu Boden geworfen , und habe die grüne Erde geküßt , der ich nach der Fahrt durch ein wüstes Papiermeer nun erst wieder anzugehören glaubte . Nein , Ew . Durchlaucht , ich bin nicht mehr Referendarius ! Ich überlasse das Metier den geistigen Nihilisten , deren ganzer Stolz darin besteht , eine Sache mehr abgemacht und aus der Welt geschafft zu haben , während der geringste Handwerker sich freut , ein sichtbares Produkt von seiner Hände Arbeit in die Welt setzen zu können . « Hermann trocknete von der Stirne den Schweiß ab , in welchen ihn diese leidenschaftliche Herzensergießung versetzt hatte . Der Herzog strich mit einer leichten Bewegung der Hand ihm über die Achsel , als wolle er da etwas wegwischen . Betroffen sah Hermann nach der Stelle hin ; er wußte nicht , was die Gebärde bedeuten sollte . » Beruhigen Sie sich « , sagte der Herzog . » Es kam mir nur so vor , als sei da noch etwas Asche von den Feuern der Wartburg sitzen geblieben ! « Siebentes Kapitel Inzwischen hatten sich andererorten im Gasthofe wichtige Ereignisse zugetragen . Der Wirt war nämlich nicht so bald innegeworden , daß sein verachteter Gast bei dem Herzoge speise , als er zu seiner Frau sagte , daß man einen solchen Herrn unmöglich auf Nummer Zwölf lassen könne . Nun war aber guter Rat teuer , denn zwischen Vormittag und Nachmittag hatte sich neuer Besuch eingefunden , so daß jetzt wirklich kein Zimmer mehr leer stand . Endlich schlug die Wirtin vor , die Kammerjungfer der Fürstin nach Nummer Zwölf zu verweisen , und Hermann dagegen die von ihr bewohnte Nummer Vier zu geben . Wo es Ungerechtigkeiten und Schelmenstücke galt , war der Wirt mit seiner Gattin immer einverstanden . Die Jungfer war , um nach ihrem Anfalle frische Luft zu schöpfen , spazierengegangen . Die redliche Wirtin unternahm es , ihr bei der Rückkunft vorzuspiegeln , daß die Decke in Nummer Vier eingestürzt sei , und daß dieser Umstand eine Quartierverändrung notwendig gemacht habe . Als Hermann vom Herzog kam , wurde er vom Wirt mit vielen Kratzfüßen nach seinem neuen Zimmer , welches sich in einem Nebenhause befand , geführt . Er freute sich der reinlichen Wohnung und des Blicks nach hinten hinaus über grüne Wiesen . Aber leider sollte dieser ruhige Besitzstand bald gestört werden . Denn er hatte kaum einige Minuten dort zugebracht , als er auf der Treppe ein heftiges Gezänk hörte . Die Jungfer war in den Gasthof zurückgekehrt , hatte von der Wirtin die Umquartierung vernommen und Nummer Zwölf besichtigt . Der Anblick dieses schauderhaften Gelasses setzte sie bei ihrer cholerischen Gemütsart in einen großen Zorn . Über den Hof streichend , fand sie die Wirtin an der kleinen Treppe im Nebenhause , und überschüttete die Frau mit einer Flut von beleidigenden Worten . Hermann riet dem Wirte , den er gern loswerden wollte , hinunterzugehn , und seiner Frau beizuspringen . Der Wirt blieb aber , machte ein ängstliches Gesicht , und rief , indem er an den Nägeln kaute : » Wir haben den Skandal hier oben noch früh genug ! « Diese Besorgnis war nur zu gegründet . Denn alsobald betraten beide Frauenzimmer die Stube , die Jungfer , mit Händen und Füßen vorwärtsstrebend , die Wirtin , vergeblich bemüht , sie am Rocke zurückzuhalten . Jene hatte sich mit eignen Augen überzeugen wollen , ob die Decke in Nummer Vier wirklich eingestürzt sei . Da sie nun sah , daß dieselbe so heil war , wie ein neugebornes Kind , so erstarrte sie anfangs über die Tücke der Wirtsleute zu einer stummen Bildsäule . Dann aber brach ein solcher Schwall von Verwünschungen aus ihrem Munde , daß man sich nur wundern muß , wie das Haus stehnbleiben konnte . Sie beschränkte sich nicht auf die eigentlichen Übeltäter , sondern ging bald auch zu Schmähungen unsres Freundes über . Dieser , gescholten , er wußte nicht , weshalb , fragte nach der Reihe herum , was denn der ganze Auftritt bedeuten solle ? Aber keiner gab ihm Antwort . Die Kammerjungfer schrie , in die Höhe deutend : » Ist da etwas eingestürzt ?