, bin erst seit so kurzer Zeit hier , daß ich völlig fremd in den Geschäften bin . Der Prediger war sehr gern bereit , allen Beistand zu leisten , und nachdem auch seine Sache abgemacht war , und man den Befehl ertheilt hatte , den Schulzen und die Bauern auf ' s Beste zu bewirthen , begab sich die Gesellschaft nach dem Speisezimmer , um sich nach den Beschwerden des Tages bei einer wohl zubereiteten Abendmahlzeit zu erholen . Da wir nun ein wenig zur Ruhe gekommen sind , sagte die Gräfin , so bitte ich Sie , uns doch mitzutheilen , wo Sie den Verwundeten in so kläglichem Zustande gefunden haben . Sie wissen , erwiederte der Graf , daß unser guter Nachbar , der Baron Löbau , nicht mit mir über die Grenzen unserer Besitzungen einig ist , und daß ich , da mir der Zustand der Ungewißheit im Großen , wie im Kleinen zuwider ist , und ich Streitigkeiten verabscheue , mich entschloß , trotz der ungünstigen Witterung , mit ihm nach der Gegend hinzureiten , um wo möglich an Ort und Stelle Alles auszugleichen . Wir machten den Ritt mit einander , und auf einer kleinen , von waldbewachsenen Hügeln umgebenen Fläche , mitten im streitigen Grenzlande , fanden wir den unglücklichen jungen Mann ; wir entdeckten , da wir untersuchten , noch Spuren des Lebens , ich hüllte ihn in meinen Mantel und ritt nach dem nächsten Dorfe , um Hülfe herbei zu rufen ; der Herr Prediger war so gut mich zu begleiten , wir boten den Schulzen und die Bauern auf , und eilten , so schnell es sich thun ließ , nach dem Walde zurück . Der gute Baron war indeß bei dem Verwundeten geblieben , er hatte ihn mit Hülfe des Bedienten auf eine trockene Stelle gebracht und suchte ihn gegen den Regen so viel als möglich zu schützen . Der Kranke hatte die Augen einigemale aufgeschlagen , und ein dumpfes Stöhnen zeigte , daß er noch lebte ; der Herr Pfarrer verband in der Eile seine Wunden , wir legten ihn auf Kissen und hüllten ihn in Decken , und ich nahm meinen Mantel zurück . Als der Verwundete auf der Bahre lag , trat der Baron davor , und indem er feierlich um sich blickte , fragte er , wohin nun mit ihm ? Es käme dem zu , für ihn zu sorgen und der Regierung darüber zu berichten , auf dessen Grund und Boden er gefunden worden , allein wessen ist der Grund und Boden ? Ich bemerkte , da meine Wohnung näher liege , als das Schloß des Barons , so wollte ich mich der Pflege des Verwundeten annehmen . Sehr wohl , erwiederte der Baron , aber ohne daß dadurch ein Recht auf diesen Grund und Boden entsteht ; wenn Sie es bloß als eine Handlung der Menschlichkeit und nicht als eine Posseß-Ergreifung betrachten wollen , so bin ich zufrieden , daß Sie ihn fortbringen lassen . Ich gab feierlich mein Wort , auf die Handlung kein Recht zu begründen ; der Herr Pfarrer war Zeuge unseres Vertrags , und danach sezte sich der Zug in Bewegung . Wir hielten im Dorfe an , der Herr Pfarrer suchte dem Kranken einige stärkende Mittel einzuflößen , wir versahen uns mit Lichtern , und so erreichten wir endlich nach manchen ängstlichen Augenblicken das Schloß . Und hier , rief der Arzt mit Hastigkeit , wird nun der junge Mann unter meinen Händen entweder genesen oder sterben . Eines von beiden , erwiederte der Graf , wird wahrscheinlich eintreten , doch hoffe ich von seiner Jugend und Ihrer Geschicklichkeit das Beste . Es steht schlimm um ihn , bedenklich schlimm , sagte der Arzt , indem er die Augen fest zudrückte und den Kopf auf die linke Schulter senkte . Aber warum , fuhr er nach einem kurzen Schweigen den Pfarrer an , warum haben Sie ihn nicht lieber in ihrem Hause behalten ? Der lange , beschwerliche Weg über das Gebirge hat die Kräfte des armen Kranken noch vollends erschöpft und gewiß seinen Zustand sehr verschlimmert . Ich dachte , sagte der Pfarrer mit einiger Verlegenheit , da Sie hier im Hause sind , und ärztliche Hülfe das Wichtigste für den jungen Mann ist , daß es am Besten sei , wenn er unter Ihren Augen wäre . Nichts , nichts ! rief der Arzt , Sie selbst verstehen recht viel von der Kunst , Sie hätten ihn gut pflegen können , Sie hätten die Einsichten gehabt , alle nöthigen Mittel richtig anwenden zu können , es wäre dem Kranken nichts bei Ihnen abgegangen . Aber , sagte der Pfarrer verdrüßlich , Sie hätten nicht so oft nach ihm sehen können , und das ist doch das Wichtigste . Ich hätte mir , rief der Arzt , mein Pferdchen satteln lassen , schnell wäre ich des Morgens bei Ihnen gewesen ; was mach ich mir aus Beschwerde ! Und hätte ich hier keinen Kranken gehabt , und das Wetter wäre zu schlecht gewesen , so wäre ich die Nacht bei Ihnen geblieben , das hätte sich Alles machen lassen , und Sie haben immer unrecht daran gethan , den armen Menschen so weit , auf so schlechten Wegen , bei solchem Wetter und in einem so elenden Zustande fortschleppen zu lassen . Der Arzt ahnte nicht , wie sehr er den Pfarrer quälte , denn er wußte nicht , daß dieser zwar höchst dienstfertig war und alle Hülfe leistete , so lange bloß seine Thätigkeit in Anspruch genommen wurde , daß er sich aber augenblicklich zurück zog , wo seine Hülfsleistungen ihm Kosten verursachten oder Verantwortlichkeit zuziehen konnten . Als man deßhalb vor seinem Hause mit dem Verwundeten anhielt , kämpfte er in der That mit sich , ob er ihn nicht aufnehmen sollte , denn er sah das Gefährliche seines Zustandes wohl ein , indeß die Furcht vor Kosten und Verantwortlichkeit trug den Sieg über seine Menschenliebe davon , und er folgte dem Zuge mit banger Sorge , denn ihn quälte die Furcht , der Kranke möchte unterwegs sterben , und es war ihm eben so peinlich , daran zu denken , was auf den Fall alle seine Pfarrkinder von ihm sagen möchten , als wie sehr ihn sein eigenes Gewissen beunruhigen würde . Der Graf suchte den Pfarrer von den Vorwürfen des Arztes zu erlösen , indem er erklärte , er , als der Grundherr , würde es nicht wohl haben zugeben können , daß der Verwundete , der ein feindlicher Offizier scheine , sich anderswo , als unter seinen Augen aufhielte , so lange , bis eine Bestimmung über ihn von der Regierung einträfe . Der Arzt schwieg zwar einen Augenblick , wendete sich aber gleich wieder zum Pfarrer und rief : Ich hätte mir den Kranken nicht entgehen lassen , Sie haben immer unrecht gethan ! Nach aufgehobener Tafel zogen sich die Frauen in ihre Zimmer zurück , und der Graf , begleitet vom Arzt und Prediger , besuchte noch einmal den Kranken ; sie fanden ihn schlafend , und Dübois berichtete , er sei in so weit zu sich gekommen , daß man ihm einige Arzneien und auch einige Nahrungsmittel habe einflößen können , darauf sei er eingeschlafen . Gut , sehr gut , rief der Arzt , nun gewacht , darauf geachtet , wenn er aufwacht , dann gleich zu mir gekommen und mich gerufen , damit wir sehen , was alsdann zu thun ist ; nur den Schlaf des Kranken nicht gestört , der Schlaf stärkt und beruhigt alle Nerven . Der Arzt hatte die Gewohnheit , alle seine Verordnungen entweder in so abgerissenen Sätzen zu geben , oder sehr weitläuftig auseinander zu setzen , weßhalb dieses oder jenes geschehen solle , und die beabsichtigte Wirkung genau zu zu beschreiben , in der Regel wendete er aber die lezte Art , seine Verordnungen mitzutheilen , nur bei Gebildeten an , von denen er voraussetzte , daß sie ihn verstehen könnten . Der Graf sagte freundlich zu dem alten Haushofmeister : Sie werden doch , lieber Dübois , nicht die Nacht aufbleiben wollen ? Es würde Sie bei Ihrem Alter zu sehr angreifen ? Der gnädige Herr Graf bemerken , sagte der alte Mann , daß ich es mir schon in dieser Absicht bequem gemacht habe . ( Er hatte einen weiten braunen Oberrock angezogen . ) Es wird mir nichts schaden , einige Nächte aufzubleiben , und ich habe denn doch , wenn Gott den Kranken zu sich nehmen sollte , ein ruhiges Gewissen . Er sah in diesem Augenblicke auf das bleiche Gesicht des Verwundeten und konnte seine Thränen nicht zurückhalten , ob er es gleich nicht schicklich fand , in Gegenwart des Grafen zu weinen . Dieser drückte ihm gerührt die Hand und sagte : Sie sorgen stets so treu für Andere und so wenig für Sich selbst , denken Sie daran , wie sehr es die Gräfin und mich schmerzen würde , Sie zu verlieren , und schonen Sie sich . Der alte Mann hielt einen Augenblick die Hand des Grafen , und sah ihm mit Dankbarkeit und Entzücken in die Augen . Er kam sich in diesem Augenblicke vor wie der Diener eines hohen Fürsten aus der guten alten Zeit vor der französischen Revolution , dessen Treue und Ergebenheit öffentlich von seinem Herren vor den Edeln des Reichs anerkannt wird . Der Graf drückte noch einmal seine Hand und sagte mit großer Güte : Gute Nacht dann , lieber Dübois ; schlafen Sie wohl , meine Herren , sagte er drauf mit einer Verbeugung zum Arzt und Pfarrer , und verließ das Zimmer . Dübois schwieg , aber seine Liebe für den Grafen und die Gräfin wuchs diesen Abend zu einem so hohen Grade , daß keine Opfer , welche sie auch von ihm hätten fordern können , ihm zu groß gedünkt hätten . Der Arzt bemerkte , daß es noch nicht spät sei , und lud den Pfarrer ein , da nun die Geschäfte des Tages vollbracht wären , noch ein Stündchen ihm auf seinem Zimmer bei einer Pfeife Tabak Gesellschaft zu leisten . Diese Einladung wurde vom Pfarrer um so bereitwilliger angenommen , je mehr er sich längst darnach gesehnt hatte , seine gewohnte Abendpfeife in behaglicher Ruhe bei einer zwanglosen Unterhaltung zu rauchen . III Schon längst war es der sehnlichste Wunsch des Pfarrers gewesen , die nähern Familienverhältnisse des Grafen zu erfahren . Ohne bösartig zu sein , wurde er von einem inneren Verlangen getrieben , Alles zu erforschen , was irgend einen Menschen oder eine Familie betraf , die zu dem Kreise seiner Bekanntschaft , wenn auch in weitester Entfernung , gehörten ; ja , Manche , die ihn näher kannten , behaupteten , seine große Dienstfertigkeit entspringe zum Theil daher , weil sie ihm Gelegenheit verschaffe , Manches zu erfahren , was ihm verborgen bleiben würde , wenn er sich nicht willig mit den Angelegenheiten vieler Menschen beschäftigte . So kam es , daß er der allgemeine Rathgeber der ganzen Gegend war , ihr Rechtsfreund , wenn die Prozesse nicht zu wichtig waren , der Arzt aller Bauern und Beamten , die weit lieber ihm ihre Gesundheit anvertrauten , als sich an einen wirklichen Arzt wendeten . Er häufte auf diese Weise Arbeit und Beschwerden aller Art auf sich , und fühlte sich vollkommen belohnt , wenn seine Klienten und Patienten alle Fragen , die er ihnen vorlegte , gewissenhaft , genau und treu beantwortteten , dagegen konnte er aber in unbescheiden üble Laune gerathen , wenn es sich Jemand beikommen ließ , nur seine Arzneimittel oder seinen Rath benutzen zu wollen , ohne ihm weitere Auskunft über sich und Andere zu geben , so wie er eine mitleidige Verachtung gegen die Wenigen empfand , die in der That nichts zu sagen wußten , weil sie sich nicht um die Angelegenheiten Anderer bekümmerten ; einem Solchen konnte er mit wahrer Bitterkeit sagen : Es ist unbegreiflich , wie man in der Welt mit den Menschen kann leben wollen , ohne sich um sie zu bekümmern . Bei solchen Eigenschaften war es natürlich , daß , ob er zwar sein Amt vorschriftsmäßig verwaltete , und man nicht sagen konnte , daß er etwas von seiner Pflicht versäumte , doch allen seinen Handlungen der geistliche Charakter , möchte ich sagen , fehlte , und man auf der Kanzel , wie vor dem Altar immer den Geschäftsmann sah , der nun grade dieß Geschäft abmachte , weil Zeit und Stunde es forderten . Er fühlte dieß selbst und zwang sich oft , Ernst und Salbung in seine Haltung und Mienen zu bringen , die , weil sie im vollkommenen Widerspruche mit seinem übrigen Thun und Treiben standen , ihm einen Anstrich von Heuchelei gaben , die seiner Seele fremd war . Diesem Manne nun mußte es höchst peinlich sein , daß der Graf seit einigen Monaten auf dem Schlosse lebte , ohne daß er erfahren konnte , weßhalb . Denn ihm schien es unnatürlich , daß ein Mann wie der Graf , der beinah funfzig Jahr alt war und seit zwanzig Jahren unumschränkter Besitzer eines großen Vermögens , der sich in der ganzen Zeit wenig um seine Güter bekümmert , sondern immer abwechselnd in den größten Städten Europas gelebt hatte , nun auf ein Mal , und zwar im Herbst , sich ohne Ursache auf eines seiner Schlösser zurückziehen sollte . Ebenso hatte er nur dunkle Nachrichten über die Art , wie die Verbindung zwischen dem Grafen und der Gräfin sich gebildet hatte , denn obgleich die Gräfin in Schlesien geboren war , so war sie doch im Auslande mit dem Grafen verheirathet worden , und er wußte nicht einmal recht , wo ? Der Graf war der protestantischen Kirche zugethan , dagegen war die Gräfin katholisch , ja er hatte dunkel gehört , sie sei dazu bestimmt gewesen , sich dem Kloster zu weihen , und er hatte nie erfahren können , was ihren Entschluß konnte geändert haben . Der einzige Bruder der Gräfin hatte große Besitzungen , die kaum zehn Meilen von dem jetzigen Wohnorte des Grafen entfernt waren , aber auch er war seit langer Zeit abwesend , und der Pfarrer wußte nicht einmal , wo er sich aufhielt . Der Graf und die Gräfin behandelten sich gegenseitig mit großer Achtung , aber mit einer gewissen Zurückhaltung , und es ließ sich nicht bestimmen , ob sie glücklich oder unglücklich mit einander lebten . Selbst der alte Dübois war ihm eine räthselhafte Person , und er konnte es nicht herausbringer , weßhalb er von dem Grafen und der Gräfin mit so viel Schonung , Achtung und Aufmerksamkeit behandelt wurde . Diese Fragen , die er sich selbst oft vorgelegt hatte , ohne sie befriedigend beantworten zu können , glaubte er , würden ihm nun wenigstens zum Theil aufgelöst werden . Denn da der Arzt mit dem Grafen gekommen war und , wie es schien , ihn schon eine Zeitlang auf seinen Reisen begleitet hatte , so glaubte er , daß dieser ihm über Vieles Aufschluß geben könnte . Es war dem Pfarrer zu vergeben , daß er so falsche Hoffnungen auf den Arzt gründete , er hatte noch nicht Gelegenheit gehabt , ihn näher kennen zu lernen , nur bei Kranken hatte er ihn einigemal angetroffen , die die ganze Aufmerksamkeit des Arztes in Anspruch nahmen , und es war zwischen ihm und dem Pfarrer von nichts die Rede gewesen , als von dem Zustande dieser Kranken . Er hatte also nicht bemerken können , daß der Arzt zu den unschuldigen Egoisten gehörte , die nur sich selbst beachten und nur ihre Wissenschaft verehren , für die also die übrigen Menschen nur in so weit bedeutend sind , als sie diese Wissenschaft an ihnen ausüben können . Darum war ein gefährlich Kranker für ihn von höchster Wichtigkeit , der seine ganze Theilnahme in Anspruch nahm , dem er alle seine Zeit , alle seine Gedanken widmen konnte , und für den er eine dankbare Liebe gewann , wenn er endlich , nachdem er sich pünklich allen Vorschriften unterworfen hatte , genas , und durch Leben und Gesundheit zeigte , daß die Wissenschaft über die Krankheit zu triumphiren vermag . Dagegen hatte er eine Art von Verachtung gegen Personen , die häufig leiden , ohne sich für eine bestimmte Krankheit zu entscheiden und sie nach den Regeln durchzumachen , deren reizbare Seele nachtheilig auf den Körper wirkt , und die dann , wenn der Körper dem Uebel erliegt , das ihm die Seele zufügt , zum Arzte ihre Zuflucht nehmen . Zu diesen Unglücklichen gehörte eigentlich die Gräfin , und es war dem Arzt jedesmal verdrießlich , wenn er zu ihr gerufen wurde . Gesunde konnten in der Regel nur in so fern darauf Anspruch machen , seine Theilnahme zu erregen , als er sie geeignet fand , mit ihnen über seine Wissenschaft oder über sein Leben zu reden . Denn so arm und eng sein Leben auch war , so höchst wichtig , bedeutend und lehrreich erschien es ihm ; der kleinste Vorfall dünkte ihm eine wunderbare Begebenheit , die nicht verfehlen könnte , ein großes Interesse zu erregen ; seine Meinungen und Ansichten kamen ihm entscheidend vor , und er hatte keine Ahnung davon , daß er von der Welt und dem Leben gar nichts wußte , denn er hielt sich sonderbarer Weise mit allen diesen Eigenheiten für einen Weltmann . Diese beiden nun saßen im Zimmer des Arztes , Jeder in einer Ecke des Sophas behaglich Taback rauchend , der Pfarrer mit dem bestimmten Plane , so viel als möglich vom Arzte zu erfahren , und dieser im Nachdenken versunken , wie sein Kranker auf ' s Beste zu behandeln sei . Sind Sie schon lange mit dem Herren Grafen auf Reisen ? unterbrach endlich der Pfarrer das Stillschweigen . Auf Reisen ? erwiederte der Arzt ; ich bin gar nicht mit ihm auf Reisen gewesen , ich liebe solide Studien , das kann man auf Reisen nicht haben . Ich war eine Zeitlang in Wien in des Grafen Hause und bin dann mit ihm hieher gereist , wo ich mich gänzlich nieder zu lassen denke . Ja , ja ! rief er lächelnd , ich will mich hier ansiedeln , Sie hätten wohl nicht gedacht , daß ich hier meine Hütte bauen will . Die Gegend ist äußerst angenehm , sagte der Pfarrer , das würden Sie im Frühlinge finden , jetzt kann es Ihnen freilich wenig hier gefallen . Ei , sagen Sie das nicht , rief der Arzt , ich bin sehr angenehm beschäftigt gewesen , so lange ich hier bin , ich habe drei so merkwürdige Kranke , daß mich die Aerzte in Wien darum beneiden würden . Der eine , wissen Sie , ist der alte Schmidt , bei dem ich Sie einmal antraf , wie heißt er doch gleich ? ich fand ihn in dem erbärmlichsten Zustande von der Welt , als ich hier ankam , jetzt fängt er an sich zu erholen , daß es eine Freude ist ihn anzusehn ; bring ' ich den Menschen den Winter durch , so sollen Sie sehen , er wird vollkommen hergestellt . Der Leinweber , das ist wahr , der ging mir drauf , aber es war auch nichts an dem Menschen , er hörte nicht , er folgte nicht , er wollte nach seinem Kopfe leben , und er hat gesehn , was dabei heraus kömmt . Der Pfarrer wollte nichts hören von Leuten , die er in allen ihren Verhältnissen genau kannte , und suchte deßwegen das Gespräch auf andere Gegenstände zu lenken . Ich meine , sagte er , die Natur kann jetzt keinen Reiz für Sie haben , die im Frühling und Sommer hier unglaublich schön ist . Freilich , freilich , erwiederte der Arzt , die Natur schlummert jetzt , aber die Studien , Herr Pfarrer , die Studien müssen uns schadlos halten , der Graf hat auf meinen Vorschlag alle neueren medicinischen Schriften kommen lassen , die älteren besitze ich längst selbst , dabei wird mir der Winter verfliegen , daß ich es beklagen werde , wenn er vorbei ist . Sie leben wenig in der Welt , wie es scheint , bemerkte der Pfarrer . In der Welt , antwortete der Arzt , wie sollte ich nicht ? Ich lebe immerfort in der Welt , von einem Kranken geht es zum andern , von Hohen zu Niedern , von Niedern zu Hohen , dadurch gewinnt man Menschenkenntniß , Herr Pfarrer , vor dem Arzte versteckt man sich nicht , der Arzt ist wie der Beichtvater , er durchschaut die innerste Seele . Sie haben Recht , sagte der Pfarrer , und manche Uebel könnten wohl nur der Arzt und der Beichtvater gemeinschaftlich heilen . Solche Uebel sind mir zuwider , sagte der Arzt , eine reine , vernünftige Krankheit , da weiß man , was man thun soll , und wenn in solchem Falle der Körper auf die Seele wirkt , der Kranke schwermüthig , trübsinnig wird , so weiß man , wie man ihn erheitern , zerstreuen soll ; man liest ihm vor , man erzählt ihm , und ist es so weit , daß es angeht , so führt man ihn spazieren . Aber wo die Seele auf den Körper wirkt , mit solchen Kranken ist gar nichts anzufangen . Sollte nicht die Frau Gräfin eine solche Kranke sein ? fragte der Pfarrer mit schlauer Miene . Ei , ei ! rief der Arzt erstaunt , ja beinah erschreckt , wer hat Ihnen das verrathen ? Meine Lippen sind versiegelt , ich bin stumm wie das Grab ; schändlich der Arzt , der eines Mißbrauches dessen fähig ist , was er an seinen Kranken bemerkt . Ich glaubte , sagte der Pfarrer , man kann es der Gräfin auf den ersten Blick ansehen , daß sie nicht glücklich ist . Wie so ? fragte der Arzt bestürzt ; woran wollen Sie das bemerkt haben ? Sie hat etwas Schwermüthiges in den Augen , erwiederte der Pfarrer , ihre Stirn ist nicht heiter , die Blässe der Gesichtsfarbe scheint die Folge von Gram und Kummer zu sein , sie thut sich selbst Gewalt an , um an der Unterhaltung Antheil zu nehmen ; das Alles weist hin auf einen entweder durch eigene , oder durch fremde Schuld gestörten Seelenfrieden . Der Arzt schwieg einen Augenblick und sagte dann : Ich glaube , die Gräfin ist ungern hier , sie scheint das Landleben zu hassen , sie ist mehr für die große Welt . In der ersten Woche , die wir hier zubrachten , verließ sie beinah ihr Zimmer nicht , und ich sah sie gar nicht . Endlich führte mich der Graf eines Abends zu ihr , und ich fand sie so angegriffen , so verwandelt , daß ich mich recht entsezte . Es war mir leicht einzusehen , daß Gemüthsbewegungen das Alles hervorgebracht hatten ; ich sagte es ihr klar und deutlich , daß sie selbst das Beste dafür thun müßte , um sich herzustellen , daß meine Mittel allein nicht wirken könnten . Sie verstand mich nicht und wollte mich nur los sein , um wieder den ganzen Abend zu weinen , wie das solche Kranke an sich haben ; aber ich sagte ihr gerade heraus , daß sie Gesellschaft brauche und sich zerstreuen müsse ; ich bot ihr an , eine Parthie Schach mit mir zu spielen , dazu hatte sie mich sonst zuweilen aufgefordert ; ich meinte es aufs Beste , aber nichts war mit ihr anzufangen , der Graf mischte sich hinein und wollte behaupten , Einsamkeit würde heute am Wohlthätigsten auf sie wirken . Ich bewies ihm deutlich , daß er sich irrte , und gab ihm zu verstehen , daß er von der Medicin nichts wüßte , und können Sie denken , ein so gescheiter Mann , als der Graf , wurde empfindlich und sagte mir ganz trocken : meine Einsicht möge die bessere sein oder nicht , man müsse auf jeden Fall dem Wunsche der Gräfin nachkommen . Mein Amtseifer verleitete mich zu sagen : Wenn es also der Wunsch der Frau Gräfin ist , ihre Gesundheit völlig zu Grunde zu richten , so muß ich als Arzt ihr darin beistehen ? Ich sah wohl , daß der Graf böse wurde , aber ich war so aufgebracht in dem Augenblick , daß ich Alles aufs Spiel setzte und mich um die Folgen nicht bekümmerte , wenn sie auch die entsetzlichsten gewesen wären . Die Gräfin sagte einige Worte englisch zum Grafen , sie weiß , das verstehe ich nicht , und auf einmal war der Graf ganz ruhig . Sie bat mich nun , den andern Morgen zu ihr zu kommen , und versprach mir , dann eine ernstliche Kur anzufangen und Alles , was ich verordnen würde , gewissenhaft zu brauchen . Was blieb mir übrig , ich mußte gehen , aber ich fühlte damals , lieber Herr Pfarrer , die Wahrheit der Behauptung : daß es keine Rosen ohne Dornen gibt ; ich fühlte mich in einer , einem Manne nicht geziemenden Abhängigkeit vom Grafen und bedurfte aller meiner Philosophie , um mich über mein Schicksal zu trösten . Es scheint also , bemerkte der Pfarrer , daß die Gräfin sehr auf den Grafen einwirkt , daß seine Ansichten sich nach den ihrigen richten , mit einem Wort , daß sie eine gewisse Herrschaft über ihn ausübt . Ja , ja ! rief der Arzt , das mag wohl sein , da zünden Sie mir ein großes Licht an , Herr Pfarrer , wodurch ich auf einmal die richtige Ansicht bekomme . Es ist doch sonderbar , daß ich immer in meinen wichtigsten Lebensverhältnissen mit Frauen zusammentreffe , die ihre Männer beherrschen . Ist Ihnen das schon öfter begegnet ? fragte der Pfarrer lächelnd . Auf eine höchst merkwürdige Weise ist es mir begegnet , entgegnete der Arzt , im wichtigsten Augenblick meines Lebens ist es mir begegnet . Ich wäre beinah Ihr Amtsbruder geworden , müssen Sie wissen , ich studirte Theologie , meine Angehörigen wünschten es , man verschaffte mir ein Stipendium , und der erste Professor der Theologie auf der Universität , die ich bezog , war mein Oheim . Ich verschweige den Namen der Universität , ich will Niemanden schaden : Sie sehen , ich hatte brillante Aussichten . Aber ich darf wohl sagen , von der Wiege an verfolgte mich das Unglück , vernichtete meine schönsten Träume und stählte mich eben dadurch zum Philosophen . Was begegnete Ihnen denn so Seltsames ? fragte der Pfarrer mit gespannter Neugierde . Denken Sie , antwortete der Arzt , ich komme an und finde meinen Oheim , den Professor , verheirathet . Nun , sagte der Pfarrer lächelnd , das ist weder seltsam , noch merkwürdig , beinah alle Professoren sind verheirathet . Ja , aber wie war er verheirathet , versetzte der Arzt , darauf kommt es an . Entwürdigt hatte er sich , erniedrigt bis zur Verbindung mit seiner Haushälterin , einer rohen Person , die von Bauern abstammte , keine Kenntnisse hatte , als was Kochen und Waschen anbetraf , eine Gesellschafterin , die eines Gelehrten völlig unwürdig war . Ich überwand mich , diese rohe Bäuerin Frau Base zu nennen , weil ich niemals gegen die Pflichten der feinen Lebenart verstoße ; ich ließ mir aber die Ueberwindung deutlich merken , die es mich kostete , um meiner eignen Würde nichts zu vergeben , und die rachsüchtige Furie verfolgte mich von dem Augenblick an . Ich bemerkte es bald , daß sie meinen Oheim ganz beherrschte und zu meinem Nachtheil auf ihn wirkte ; seine Güte für mich hörte auf , und das Leben in seinem Hause wurde mir sehr verbittert . Dadurch wuchs die Abneigung gegen die Theologie , die ich immer empfunden hatte ; meine Neigung zur Medicin wurde größer , als je ; außerdem erlaubte mir meine schwache Brust nicht zu predigen , und so entschloß ich mich zu handeln wie ein Mann . Ich schrieb meinem Oheim einen Brief , worin ich ihm alle Gründe auseinandersetzte , die meinen Entschluß bestimmten , und nahm von der Theologie Abschied . Ich meldete ihm zugleich , ich wünschte ihn den Abend auf seinem Studirzimmer zu sprechen , um mich mit ihm über meine Laufbahn zu berathen . Ich stellte mich ein zu der Stunde , die ich ihm bestimmt hatte , aber denken Sie sich mein Erstaunen , er war abwesend , und auf seinem Studirzimmer traf ich statt seiner die Megäre , sein Weib . Er hatte die Schwachheit gehabt , ihr mein Schreiben mitzutheilen , und sie stürmte mir mit einem Strom von Scheltworten entgegen , nannte mich unsinnig , daß ich mein Studium aufgeben wollte , fragte mich , wovon ich leben wollte , ob ich ihr zur Last zu fallen gedächte , und was der Gemeinheit mehr war . Ich , empört , daß eine so unwürdige Person sich ein Urtheil über Männer anmaßen wollte , deren Handlungen sie gar nicht fähig war , zu begreifen , sagte , indem ich meine Stimme bedeutend erhob , mit einem Ausdruck von Würde , der sie stutzig machte : Frau Professorin und Frau Base , merken Sie den Spruch und wenden sie ihn auf sich an , denn es ist darin nicht bloß die Kirche gemeint , sondern alles Würdige und Edle , was für Männer und nicht für Weiber gehört , Mulier taceat in ecclesia , dieses verordnete schon der Apostel Paulus . Nun , sagte der Pfarrer , da ihre Base vermuthlich nicht lateinisch verstand , so ging diese Bitterkeit unschädlich vorüber . Ich übersezte ihr , was ich gesagt hatte , rief der Arzt , aber nun war es auch hohe Zeit