Morgen zertheilt die Gewölke , setzt sich mit grauschattirten Gliedern mitten auf die Wiese hin , und wartet , wie ein gefühlvoller Jüngling , dem Sonnenaufgang entgegen . Nur das fällt mir noch ein , daß der Umgang mit der Natur bei weitem wohlfeiler ist , als der mit Menschen . Wer bloß schöner Gegenden willen auf die Reise geht , braucht offenbar nicht halb so viel Geld , als der wegen Menschen sich in die Welt hinausstürzt . In schönen Gegenden trinkt man Milch , und nimmt ein ländliches Mahl zu sich , und der Bäuerin schenkt man nicht , wie der Sängerin , einen Shawl zu dreißig Ducaten . Im Walde kostet ' s kein Entrée , seine Empfindungen hat man alle umsonst , und von der Landluft wird man schläfrig , daß man schon vor zehn Uhr Abends ins Bett gehen muß . Da hat man gar nicht Zeit dazu , viel Geld auszugeben , und ich erinnere mich nie , in Geßners Idyllen etwas von Thalern , Groschen und Pfennigen gelesen zu haben . Auch vom Werther erfährt man nicht , ob er Geld gehabt oder nicht ; es kommt in dieser Richtung gar nichts darauf an . Er trieb sich entweder im Walde umher , oder ging früh schlafen . Wenn man mehr mit Menschen umgeht , hat man schlaflose Nächte , und wacht oft , bis der Hahn kräht , und auch der andere Tag geht verloren . Unsere Leidenschaften wollen in Festkleidern spazieren gehen und sich nur in Purpur und Seide vor den Leuten zeigen . Unsere Thorheit zieht sich einen kostspieligen Tressenrock an , und unsere Liebe gegen den Bruder und gegen die Schwester verlernt zu rechnen . Amor ist Schatzmeister und wirft das Geld und das Herz dazu mit vollen Händen auf die Straße . Ein Volksjubel rauscht auf , das Geld verfliegt , das Herz zuckt und blutet , und hat doch etwas gelernt . Die Existenz wird theurer , je mehr der Mensch selbst auf dem Spiele steht . So muß es aber auch gerade sein , man darf nicht anders leben . Mit dem Leben muß man nicht knausern , man muß es mit freigebigem Herzen verschütten , man muß es aus allen Adern bluten lassen , damit es strömt und sich ergießt . Man muß von ganzem Herzen leben , man muß es sich etwas kosten lassen , sein Inwendigstes , um zu erfahren , wie viel das Leben werth sei . Man muß sich mit Inbrunst ausleben , und dann mit Inbrunst sterben . Und Deinen Leidenschaften nimm ihre stolzen Purpurkleider nicht vor der Zeit ; laß sie etwas erleben und alt werden , und ziehe einen alten Feuerwein der Lebenspoesie aus ihnen ab . Und Deiner jungen Thorheit reiße nicht zu früh den kostspieligen Tressenrock herunter ; laß sie tanzen und den Tag nutzen und durch gravitätische Sprünge der Eitelkeit Dir einen guten Humor machen , an dem Du noch als alter kluggewordener Mann zu lachen hast . Am allerwenigsten aber wehre Deiner Liebe die genialen Rechnenfehler . In der höheren Analyse , Freund , wird wieder eingebracht , was die gewöhnliche Reguladetri verloren und vergeudet geglaubt hat . Gieb aus Alles was Du hast , wo Du liebst ; sei es nun , daß Du die Kunst liebst oder Dein Mädchen oder die Wissenschaft oder Dein Vaterland . Der Poesie gieb Deine schönsten Tage und frage nichts danach ! Deinem Mädchen gieb die angewandte Poesie auf den Mund und frage nichts danach ! Der Wissenschaft gieb allen Deinen Ernst , und Dein Vaterland befreie , sollte es Dein Tod auch sein , und frage nichts danach ! Frage nichts danach und gieb Alles aus , was Du hast , damit Dir Dein Herz leicht werde . Spare nichts , nicht in Gedanken , nicht in Geld , nicht in Liebe , nicht in Scherz , nicht in Ernst . Auch betrogen zu werden , gehört mit zum Leben . Frage nichts danach , und gieb Alles aus was Du hast , wo Du liebst ! Und Du mußt mit Menschen umgehen , damit Du lieben kannst . - Jetzt will ich aufhören zu blasen . Die ökonomischen Vortheile aus dem Umgange mit der Natur werden also meinen Reisefinanzen ebensowenig zugutekommen , als meinen Tagebuchsblättern die sentimentalen . Zwar habe ich einige kranke spanische Papiere bei mir , denen ich nach Dem , was ich von dem Banquerott-System des Grafen Toreno gehört , wohl eine ländliche Kur zu ihrer Erkräftigung wünschen könnte . Aber frage nichts danach ! Frage nichts danach , und gieb Alles aus , was Du hast , zum stehenden Cours , auch die spanischen Papiere . Auch betrogen zu werden gehört mit zum Leben . Frage nichts danach , und gieb zum stehenden Cours Deine Papiere aus . Ich werde mir um die spanische Politik nicht noch graue Haare wachsen lassen , da sie mir schon der deutschen wegen auszugehen anfangen . - Trara ! Trara ! Da ist die böhmische Gränze ! Glorreiches Peterwalde , Du willst nachsehen , ob ich keine Contrebande mit mir im Koffer führe . Guter , biedrer Oesterreicher , nicht in meinem Koffer suche die Contrebande . Ich frage nichts danach ! Ich frage nichts danach ! - - Böhmische Dörfer , Wälder und Bäder . Schöne slawische Jungfrau , Böhmen , mit den langen dunkeln Haaren und dem wilden träumerischen Blick , wie geht es Dir seit Jahrhunderten hinter Deinen Bergen ? Reizende Slawin , mir thut das Herz weh , wenn ich an Dich gedenke , und ein gutmüthiger Deutscher , bin ich gekommen , um über Dein tiefdunkles Weltschicksal mit Dir zu klagen . Zu etwas Großem hatte Dein Genius Dich ausersehen , mit edeln Gaben Deine Art geschmückt , tapfern und stolzen Sinn in Dir aufwachsen lassen , muthiges Streben in die Ferne in Deiner Brust entzündet , und doch bist Du über ein gewöhnliches sterbliches Loos der Geschichte nicht hinausgekommen . Du hast Unglück gehabt . Glück und Unglück giebt es auch in der Geschichte , glückliche und unglückliche Naturells unter den Völkern . Aber Du lachst und siehst mich leichtsinnig an . Ja , ich weiß , ich weiß , Du hast Alles vergessen , leichtsinnige Slawin ! Deine großen Hoffnungen ehemaliger Zeiten , der damals an Dich ergangene Ruf der Weltgeschichte , Deine Vergangenheit und Deine Zukunft , kümmern Dich wenig mehr . Du kannst lachen und lustig sein , und bist auch , nachdem Du Dich aufgegeben , reizend in Deiner flatterhaften Ueppigkeit . Seitdem Du Dich aufgegeben , hast Du schöne Bäder angelegt , hübsche Gäste von nah und fern dazu geladen , und das lustige Leben und Treiben der eleganten Welt klingt und jubelt jetzt über Deine ernsten feierlichen Höhen und Gauen hin . Die böhmischen Bäder waren freilich schneller und leichter in Flor gekommen , als die Reformation , an deren großes Bauwerk Du damals die erste hochherzige Hand gelegt , o Böhmen ! und an Deinem sonst für die Fremden so ungeselligen Heerd sammeln sich jetzt alle Nationen und trinken aus Deinen Quellen und tauchen sich in Deine Wasser , in Deinem Karlsbad und Marienbad , in Deinem Teplitz und Egerbrunnen . Und in dem herrlichen Prag , der erstgeborenen Universität der Deutschen , wo Dein Huß lebte und lehrte , und das erste Morgenroth Aufklärung über Deutschland ausgestrahlt war , da ist die hinreißende Ueppigkeit Deiner historischen Selbstvergessenheit noch mehr zu Hülfe gekommen . Reichthum , Pracht , Genuß , ausgebildetster Reiz jeder Lebensform , süße Hingebung an den Augenblick , unwiderstehliche Schönheit feuriger Frauen - wer denkt zurück oder vorwärts ? So ergiebt sich ein ausgezeichneter Mann , den Unglück überall zurückgestoßen , seine Talente zu brauchen , seinen Geist geltend zu machen , am Ende dem Becher und den Weibern , und wird in aller Verlorenheit zuletzt lustig . - Es ist seltsam , wenn ein ganzes Volk ein schlechtes Gedächtniß hat . Die Böhmen haben Alles vergessen . Das sieht man in ihren Städten und auf ihren Gassen , und an den hölzernen bemalten Heiligenbildern , die auf ihren Landstraßen stehen . Wenn ich als Schulknabe etwas nicht begreifen konnte , und man mich schalt , hieß es immer : » das sind Dir böhmische Dörfer , fauler Kopf ! « Und ich fing mir an ganz fabelhafte Vorstellungen von den böhmischen Dörfern zu machen , als den dämonischen Wohnsitzen der Götter der Unwissenheit und der Barbarei , und fand am Ende sogar einen Trost darin , die Schuld auf die Dämonen der böhmischen Dörfer zu schieben , wenn meines Geistes Fassungskraft träge geworden war . Und in Böhmen geht es noch immer gerade so her , wie damals in meinem jungen faulen Kopf ; es stößt immer und überall auf seine böhmischen Dörfer . Nur die merkwürdige Schönheit der Frauen , mit ihren wunderbaren dunkelglänzenden Augen und der ganz eigenthümlich geschnittenen Gesichtsbildung , welche jede Böhmin von den höchsten bis zu den niedrigsten Ständen als solche verräth , ist für den Wandrer eine sprechende Kunde , welch ' ein herrlicher und ursprünglich schöner Schlag Menschen aus dem alten Stamm der Czechen hier noch blüht . Der böhmische Mann selbst hat nichts Poetisches mehr an sich , als seine unverlorene volksthümliche Liebe zur Musik , die auch in der ärmlichsten Lehmhütte Virtuosen macht . Jeder Bauer hat sein Horn , auf dem er in seiner ernsthaften und feierlichen Weise mehrere Stunden des Tages bläst , und diese süßen , weichgeschliffenen melancholischen Töne , die unvermuthet hier und dort aus einem Busch aufklagen , wie wilde Vögel , sprechen sein ganzes beklommenes Herz aus , und schmettern und tanzen und kosen und weinen , und wissen nicht zu sagen , wie und warum ihnen so wehe ist . Eben so nationell , als die Liebe zur Musik , ist auch in Böhmen die Liebe zum Betteln . Wer nichts Anderes thun mag , geht auf die Landstraße betteln , oder musicirt . Nicht bloß die dringende Armuth zieht betteln , auch aus bloßem Zeitvertreib , aus Fremdenhaß , oder meinetwegen aus Romantik , belagern die böhmischen Landbewohner in den verzerrtesten Gestalten und mit dem widerwärtigsten Geheul den vorbeifahrenden Postwagen . Aber allerdings ist die Armuth und Verkommenheit unter dieser Bevölkerung schreiend , denn Böhmen zählt innerhalb seiner Gränzen gegen zwölftausend Dörfer , Böhmische Dörfer ! Unterdeß aber , während der Böhme betteln geht oder musicirt , steht die schöne Böhmin mit ihren kecken dunkeln Augen vor der niedrigen Hausthür ; man könnte sie in dem groben Tuch , das sie wie einen Schleier dicht um ihr Haupt gehüllt trägt , für eine büßende Nonne halten , die ehemals zu viel geliebt hat , und mit welcher heißen , fast leidenschaftlichen Inbrunst schlägt sie nicht auch ihre Kreuze gegen den Schutzpatron , der dort auf hohem Gerüst am Wege steht , aber mit welcher Inbrunst läßt sie sich nicht auch von dem scherzenden Wandrer küssen ! Und so ist denn Böhmen noch immer das Land der Musik , der Heiligen , der Bettler , der schönen Frauenaugen und der böhmischen Dörfer . Und ich werde traurig , wenn ich an die böhmische Geschichte denke ! - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Aber reise nur in die böhmischen Bäder und sei lustig ! Auch Du hast manchen heimathlichen Gram an Dir zu zerstreuen , manche kranke Stelle Deiner Erinnerungen zu meiden , manchen deutschen Schmerz zu bezwingen . In den böhmischen Bädern ist es lustig , wähle Dir Teplitz und Carlsbad , und die schönste Gesellschaft weiß ich da . Oder bist Du ganz und gar Hypochonder , so komm erst mit mir in die böhmischen Wälder , und ich will Dir etwas erzählen , worüber Du lachen sollst . Einen literarhistorischen Spaß . Kennst Du die böhmischen Wälder nicht mehr , die Schrecken Deiner frühen Jugend ? Wie oft hat Deine an ihrem eignen Grauen sich weidende Knabenphantasie in ihren tiefsten Schluchten sich bang genistet , wie oft bist Du in Dir zusammengeschauert bei jedem raschelnden Blatt des Baumes , bei jedem pfeifenden Laut im Gebüsch , bei jedem Schuß , der das ferne Waldecho weckte , und wenn in dem verlorensten Gehölz die Feuer aufflackerten , und die Männer mit den wilden , kecken , braunen Gesichtern dichtgedrängt umhersaßen , wie hörbar schlug Dir Dein Herz , und wie hättest Du sie gern allesammt für Helden gehalten , wenn sie so mit Sieg und Beute beladen in ihre beneidenswerthen Höhlen zurückkehrten ! Denke doch daran , denke doch daran , daß Deutschland dem Böhmerlande nicht bloß die Anfänge der Reformation verdankt , sondern auch - - die deutschen Räuber-Romane ! ! Wenn ich mich in trüben Stunden zu lachen machen will , denke ich an die deutschen Räuber-Romane . Die böhmischen Wälder und die deutschen Räuber-Romane haben in großer Sympathie zu einander gestanden , und das possierliche Knollengewächs der letztern hat sich immer am liebsten in dem unheimlichen Dickicht der ersteren geborgen und aufgehalten , Nachdem in früheren Zeiten der bekannte Mönch Jurick und seine Brüder es sich hatten angelegen sein lassen , um Gottes willen die Wildniß zu lichten , und die Wölfe aus den böhmischen Wäldern vertrieben worden waren , kehrten die deutschen Romanschreiber schaarenweise in dieselben ein , und verlegten hieher den romantischen Schauplatz für die Abenteuer ihrer wildgewordenen Phantasie . Diese Romanschreiber hatten es in der Mitte der civilisirten Welt nicht mehr aushalten können . Der Stoff war ihnen ausgegangen an den Kaffeetischen und in den reinlich mit Sand bestreuten Familienzimmern ihres Jahrhunderts , die ewige keusche Liebe , wie sie im Reifrock und mit den saubern seidenen Strümpfen auftrat , wurde auf die Länge fatal für einen strebenden Geist , und bei dieser bürgerlichen Zahmheit aller Verhältnisse konnte nichts Heroisches noch Tragisches aufkommen in den achtziger Jahren des achtzehnten Säculums . Außerdem herrschte in der ganzen Zeit die weitverbreitete Meinung , als befinde man sich in einem übertrieben vorgerückten Culturzustand , und sei in Gefahr , durch allzureißende Fortschritte der Civilisation von der einfachen gesunden Natur , die damals über Alles ging , sich zu entfernen . Unter diesem Vorschub der öffentlichen Meinung zogen nun die deutschen Romanschreiber in den dicken , dunkeln , struppigen Böhmerwald , und schwuren Rache der allzu weit vorgerückten Cultur , und suchten sich einen Räuberhauptmann . In den böhmischen Wäldern wurde es lebendig , herrliche , kräftige Naturmenschen , deren freier Sinn den Druck der Gesetze und den Zwang der Civilisation nicht zu erdulden vermocht , paßten jetzt dem reichen Kaufmann am Hohlweg auf , und schöne Grafentöchter wurden als Räuberbräute von dannen geschleppt , und mußten ebenfalls das allgemeine Verderben des Culturzustandes miteinsehn und die Wirthschaft führen in den Mordhöhlen , und der Verleger zog noch vor der Ostermesse eine zweite Auflage davon ab . Willkommen , willkommen , Spiegelberg , in den böhmischen Wäldern ! So laß Dich doch zu Brei zusammendrücken , lieber Herzensbruder Moritz ! Ach , Moritz Spiegelberg ! Naht ihr euch wieder , himmlische Gestalten ? O , o , edler , großer Schiller , auch Du hast Deinen Tribut an die böhmischen Wälder abgetragen , und mit welchem Aufwand Deiner zügellos schäumenden Jugendkraft ! Als wir wilden Jungen einmal Komödie spielten , gab ich , obwohl ich gar nicht dazu paßte , Deinen Karl Moor , und wußte es Dir Dank , als ich deklamiren konnte , daß ich meinen Leib nicht pressen solle in eine Schnürbrust , noch meinen Willen schnüren in Gesetze , denn das Gesetz habe zum Schneckengang verdorben , was Adlerflug geworden wäre , und das Gesetz habe noch keinen großen Mann gebildet , aber die Freiheit brüte Kolosse und Extremitäten aus ! O ihr finstern Schatten des unsichern Böhmerwaldes ! Mit welchen Gedanken bin ich bei euch vorbeigefahren , als ihr die schwermüthigen Wipfel zu mir herüberneigtet ! Seht da , Schiller ! Auch bei ihm war es ein Ueberdruß an dem geregelten Civilisationszustande , der seine junge Naturkraft in die böhmischen Wälder getrieben hatte , seinen Geist unter die Räuber . Aber des übermüthigen Genies Aufstand gegen die Formen der Cultur rächte sich bei Schiller bald in der Reflexion , die seine umherschweifenden Kräfte und Triebe gefangen nahm , und die Reflexion stürzte sich zuerst auf das Ideale , und was Karl Moor in den Wäldern und unter den Räubern gewesen war , wurde der Marquis Posa in der Welt der Ideale , derselbe gesetzlose Schwärmer , nur nach den zwei verschiedenen Polen des Lebens hin . Und später , nachdem Schiller die böhmischen Wälder lange vergessen hatte , blutete noch der Marquis Posa stark in ihm nach , und der Civilisation , der er früher die frische Naturwildniß keck gegenübergehalten hatte , widmete er jetzt schöne tiefe lyrische Klagen , wenn sie sich an den Idealen seines Herzwehs nicht aufrichten wollte . Ist es nicht seltsam und abermals seltsam , daß ein Trieb im Menschen für die Cultur kämpft , ein Trieb wider sie streitet ? So jubelt der Ansiedler von Massachusetts , wenn er die Axt und die Flamme an den finstern Urwald legt , um ihn für Wohnung und Acker zu lichten , und in demselben Augenblick , wo die alten hohen Bäume stürzen und brennen , und die vielhundertjährigen Dryaden seufzend und schreiend entfliehn , fährt auch ihm ein banger Schmerz über die Seele , das Auge wird ihm naß , und er weiß nicht , wird er sich zum Heil oder Unheil die Wildniß bebauen ? Und wem geht es nicht so , daß er sich aus dem hellglänzenden Gesellschaftszimmer , wo die große Civilisation alle Vortheile bequemen Genusses und feiner Geselligkeit um einen Tisch gereiht hat , plötzlich in die entlegenste Wüste fortwünscht , und den uncultivirten Sohn der Sandsteppe beneidet , der unter freiem Himmel sein Weib umarmt , und seinen Kindern einen jungen Bären zum Spielkameraden mit nach Hause bringt , und sich mit seiner schönen kalten Tischnachbarin nicht herumzuquälen braucht in einem trivialen geistreichen Gespräch ? Mich wenigstens beschleicht , bei all meiner soliden Liebe zur Cultur , die mich an die Gesellschaft , an Menschen und an Bücher nur zu sehr fesselt , doch oft eine unbändige Passion für die Wildniß , oder ich mache mir zum Mindesten nichts daraus , daß ich mich cultivire . Es muß schön sein , eine Zeitlang unter einem uncivilisirten Volke zu leben , und wenn die Lappländer nur erst einen Buchhandel hätten , um , was ich schreibe , drucken und mir bezahlen zu können , so nähme man dort die nächste Sommersaison wahr , und schriebe in läppischer Ruhe über Staatsverfassung , Weltverbesserung und Zeitpolitik , denn im Lappenthum herrscht die größte Freiheit der Presse , und weder ein Lappe noch ein Lump hat etwas dagegen , wenn man auffallende Gedanken hat . Es kommt mir auch so vor , als fingen manche Richtungen dieser Zeit bereits an , ins Läppische auszuwandern , um nur harmlos fortleben zu können , und so genießen die deutschen Schriftsteller , welche nothgedrungen das Schicksal ihres Schreibpapiers theilen müssen , nur aus Lappen und Lumpen zu bestehn , statt aus kräftigen und freien Gedanken , bereits die oben angedeuteten Freuden der Nichtcivilisation . Diese Freuden lassen sich noch in einem andern Sinne zu reellen Vortheilen verdoppeln . Denn wie manche leidige Gewohnheiten und manche leidige Tugenden , mit denen die Cultur uns wie mit einem steifen Sonntagsaufputz behängt , würden wir uns wieder wegcultiviren , wenn es nur erst Mode geworden wäre , daß die schöne Welt , statt in den Bädern , in irgend einer soliden Barbarei einige Sommermonate verlebte . Zuerst würden wir uns da die allzu große Höflichkeit zu unserm wahren Nutzen wieder abgewöhnen . Denn wozu soll Höflichkeit gegen Barbaren ? Wozu Complimente und schöne Redensarten gegen das Barbarische und mitten in der tiefsten Barbarei ? Traun , wir ließen uns allmälig darauf ein , dreist von der Leber wegzusprechen , und bäten nicht mehr um Verzeihung , wenn wir anderer Meinung sind , als unser Herr Nachbar . Auch unsere ausschweifende Gutmüthigkeit ließen wir über die Klinge springen , wenn unsere weichen Sitten sich durch etwas erkleckliche Barbarei wieder gekräftigt hätten . Fürwahr , müssen wir uns nicht oft schämen , daß wir doch gar zu erstaunlich gutmüthig sind ? Manche finden den Menschen von Natur böse , ich finde ihn zu gutmüthig . Was ertragen , was dulden wir nicht Alles , mit wem gehen wir nicht um , gegen wen sind wir nicht freundlich ? Diesen faden Schwätzer hören wir an , und machen ihm noch einen verbindlichen Diener dazu , und jagten ihn doch gern aus dem Hause . Unter diesen Menschen sitzen wir still , und lassen uns etwas vorsingen und vorerzählen , und sprechen traulich hin und her , und ab und zu , und möchten doch unser fremdes , kaltes Herz , das nicht bei ihnen lebt , wie einen versteinernden Fluch dazwischenwerfen in ihre gleißnerischen Kreise . Aber wir thun es nicht , es könnte einen Auflauf geben . Eine splendide Gutmüthigkeit heißt uns immer Frieden halten mit der Unausstehlichkeit unserer Nächsten , und unsere Tugend gebietet uns , der Langenweile die Hände zu küssen . O Himmel , was gäbe ich darum , wenn ich manche Tage ein rechter Barbar sein könnte , ein unverantwortlicher Barbar ! Meine Vernunft sollte schon immer im Stillen verantwortlicher Minister meiner Barbarei bleiben . Dann würde ich erst recht aus Herzensgrunde und mit dem edelsten Feuer für die Civilisation zu arbeiten und zu schreiben im Stande sein ! Aber folge nur , Gutmüthiger , der Mode , und reise in die Bäder ! In die böhmischen Bäder . Hier schleppt die Civilisation ihren ganzen Unrath und ihre ganze Eleganz zusammen , und kehrt an die Quellen der Natur zurück , um alle mögliche Uebel der Gesellschafts-Cultur darin abzubaden . Die abgeglättete Bildung geht in ein Steinbad , um anzufrischen den Lapidarstil des guten Tons . Die Koketterie nimmt Schlangenbäder , der Pietismus sucht sich ein Schwefelbad aus als Symbol des Höllenpfuhles , und die Speculation steigt in die Judenbäder . Die Liederlichkeit läßt sich ein Schlammbad bereiten . Die Blindheit des Jahrhunderts wäscht sich an der Augenquelle im Spitalgarten zu Teplitz , und die Unterleibsbeschwerden der Zeit , die sich bei dem gelähmten Prinzip der Bewegung keine Motion für die Gesundheit machen dürfen , trinken einen die Verdauung befördernden Mineralbrunnen . Wohl bekomm ' s ! Wohl bekomm ' s ! - - Madonna . - In Teplitz wollte es mir anfangs nicht behagen . Gewisse Gesichter , die ich auf den Straßen und in den Stuben von Berlin zurückgelassen zu haben glaubte , begegneten mir hier unerwartet auf allen Spaziergängen wieder . Ich glaubte , ich sei behert mit Berliner Gesichtern , nahm einen Wagen und fuhr nach Dux , wo Casanova gelebt und die Memoiren seiner weltberühmten Liederlichkeit niedergeschrieben hatte . Dux ist eines der schönsten Schlösser im ganzen Böhmenlande , und sein jetziger Besitzer , der Graf Franz Adam von Waldstein und Wartenberg , ist ein sehr gebildeter und menschenfreundlicher Mann , der sich ein Vergnügen daraus macht , seine bedeutenden Sammlungen und Kunstschätze dem Fremden zu öffnen . Er hat sich durch ein größeres , lateinisch geschriebenes Werk über die ungarischen Pflanzen Verdienste um die Botanik erworben , und eine auf den Höhen der Karpathen gedeihende Pflanze rühmt sich , nach ihm den Namen zu führen Waldsteinia . Was will man mehr auf dieser Erde ? Einer Pflanze seinen Namen zu geben , ist weit klüger , als ihn auf Bücher zu setzen oder in Marmor und Erz zu graben . Die Pflanze erneut Dein Gedächtniß tausendfältig in allen folgenden Jahren , aber die Kinder unserer Liebe , unsere Bücher , lassen uns doch am Ende kinderlos sterben , und pflanzen unsere Namen nicht fort , weil sie vergehen . Vergehen , vergehen , in alle Winde ! Von den Sammlungen sah ich nichts näher an , als die altdeutschen Bilder und Basreliefs , die in der That Merkwürdiges und Seltenes darbieten , und in der reichhaltigen Bibliothek , in deren Kühle ich mich von der draußen sengenden Hitze erholte , ohne auch nur ein Buch aufzuschlagen , dachte ich wieder an Casanova , der hier Bibliothekar gewesen war . Gern hätte ich mit dem Grafen ein Gespräch darüber angefangen und seinen erlauchten Vorfahren gepriesen , daß er einem so genialen Manne eine Freistätte bei sich gewährt für seine letzten Lebensjahre , aber , sonderbar genug , ich fühlte , daß ich schon hoch erröthete , ehe ich nur den Namen Casanova über die Lippen gebracht hatte . Seitdem mir eine geistreiche Dame , deren Tugend ich für so fest gehalten , daß ich ihr die wahrhaft genievollen Memoiren Casanovas in der Ausführlichkeit des Originals zu lesen anempfahl , verächtlich den Rücken zugekehrt hatte , wurde ich immer roth , wie eine Klosterjungfrau , die hinter dem Sprachgitter einen Mann erblickt , wenn ich in Gesellschaft auf diesen großen Weltabenteurer zu sprechen komme . Um die Gedanken an Casanova loszuwerden , ging ich endlich in die Kirche , wo ich gewiß hoffen durfte , auf bessere zu gerathen . Ich sah ein schönes Altarblatt , Mariä Verkündigung darstellend , wenn ich mich recht besinne , von Peter Brandel gemalt . Der zuvorkommende Kirchendiener wollte mir auch die heilige Garderobe der kostbaren Meßgewänder zeigen , an denen diese Kirche durch die Frömmigkeit ihrer gräflichen Stifter vorzüglich reich geworden ist , aber ich gewahrte durch das Fenster zum Glück meinen Kutscher , den ich bestellt hatte , nach Neu-Ossegg zu fahren . Ein erbärmlicher Weg , auf dem man jeden Augenblick die Rippen zu brechen fürchtet , führt ungefähr eine Stunde weit von Dux zu der am Fuße des Strobnitz- und Spitzenberges gelegenen schönen Cisterzienser-Abtei Ossegg , wo man bei den freundlichen und unterrichteten Mönchen immer einer guten Aufnahme gewiß ist . Als ich die Kuppeln des herrlich gelegenen Klosters von fern erblickte , stiegen wehmüthige und doch gewaltige Gedanken in mir auf , und diese weltfreie Einsamkeit und Abgeschiedenheit that so vertraulich mit meinem Herzen , als hätte ich sie längst gekannt und gewünscht . Und doch war es noch lange nicht so weit mit diesem Herzen gekommen , daß ich zu ihm hätte sagen können , wie Hamlet zu seiner Ophelia : go to a nonery ! Nein , geh ' in kein Kloster , mein Herz ! Und wenn die Cisterzienser Dich bekehren wollen , so sage nur : Du bist ein Weltkind , und kannst die strenge Regel nicht vertragen . Sage auch , Du machst Dir aus dem heiligen Bernhard nichts , und in Deiner Zelle wird eine weltliche Heilige verehrt , die Fleisch und Blut hat , und lachende Augen . Gott grüß ' Dich , schöne Cisterzienser-Abtei Ossegg ! Du nimmst einen unruhigen Geist in Deinen friedfertigen Mauern auf . Indem ich so in die Ferne starrte , drangen plötzlich seltsam murmelnde Stimmen zu mir herüber , die sich immer deutlicher näherten und starker wurden . Halb Geheul , halb Gesang , aber in den mißklingendsten Tönen , wälzte es sich über den Feldweg heran , und bald konnte man unterscheiden , daß es eine Prozession war , welche wahrscheinlich die Landleute aus dem Dorfe Ossegg an dem heutigen Festtage veranstaltet hatten . Denn es fiel mir ein , es war heut ein Madonnen-Fest , und Mariä Heimsuchung wurde von der gläubigen katholischen Christenheit gefeiert . Jetzt war der fromme Zug zu uns herangekommen , Kinder , junge Mädchen und Alte schritten , mit zerknirschter Stimme andächtige Lieder absingend , in geordneten Reihen vorüber , und ein Knabe trug die wehende Fahne voran , auf der das Muttergottesbild in buntgemalten Kleidern prangte . Ohne es zu wollen , mußte ich den guten Leuten ein großes Aergerniß bereiten , indem ich , seit meiner Geburt an protestantische Sitten gewöhnt , und außerdem von einem andern überraschenden Anblick plötzlich gefesselt , es ganz außer Acht ließ , daß ich schicklicherweise vor der Madonnenfahne den Hut hätte abziehen müssen . Aber ich kehrte mich nicht an die scheuen und grollenden Seitenblicke , die mir hier und dort begegneten , da meine Augen unter diesen frommen Gestalten von einem Gegenstand getroffen worden waren , der mich zu wundersam und bedeutsam berührte . Unter der wallfahrtenden Jugend , die der Jungfrau Maria lobsang , ging auch ein junges Mädchen vorüber , ganz verschieden von allen übrigen , an Tracht , Gesicht , Wuchs und Gestalt , an Sitte und Anstand . Sie gehörte offenbar ihrem Wesen nach nicht in diese Reihen , von denen sie sich durch ihre ganze Art so auffallend unterschied , und das Anziehende ihrer Erscheinung lag für mich in jenem Etwas des ganzen Menschen , das sich eben so wenig beschreiben läßt , als der Duft der Rose , oder der einem Jeden eigenthümliche Seelenzug im Auge . Ihr Gesicht gehörte zu denen , mit denen man ein ganzes Leben beisammen sein möchte und könnte , oder die man gleich beim ersten Begegnen schon Jahre lang gekannt und in sich getragen zu haben meint ; und es fehlte nicht viel , so hätte ich , in Gedanken vertieft , vor diesem Mädchen den Hut gezogen , den ich unhöflich genug vor der Madonna hatte sitzen lassen . Die Sterne haben ein gewisses Verhältniß zu einander , die Planeten suchen und finden sich auf ihren kreisenden Bahnen , und drücken ihre großen Wahlverwandtschaften in Sonnensystemen aus . Der Stern sucht den Stern seiner Liebe , und ein menschliches Gesicht ist kein minder glücklicher Himmelskörper . Lache nur , Gustav ! Ich glaube auch an ein großes Sonnensystem der menschlichen Gesichter . Diese und jene gehören zusammen , und bilden ,