rief sie , » nicht jezt - erst auf der Treppe , wenn Du fort bist ; es ist ein kleines Geschenk , und Du mußt nicht über mich lachen . « Sie wandte sich weg , ergriff das Licht und leuchtete ihm herab . Als er unten war , trat er an eine Laterne , zog die Gabe aus dem Busen , und erkannte ein kleines , goldnes Kruzifix . » Wie sie heimlich und beschämt ihren Gott wegschenkt , « dachte er mit Lächeln bei sich ; » damit er mir folge , wohin ihr Auge nicht folgen kann , gibt sie ihn . « - Zu der bevorstehenden Vermählung des Prinzen war , nebst andern Gästen , auch der Graf Eberhard angelangt , ein Mann , den man fürchtete , weil er im Rufe stand , geheime Verbindungen zu leiten . Eduard sah ihn beim Herzog , und den nächsten Tag erfuhr auch seine Emilie die neue Bekanntschaft . » Er hat die ganze Welt umreist , « erzählte der Jüngling , » alles gesehen . Auf den Trümmern von Athen hat er melancholische Nächte einsam durchwacht ; vor den Königsgräbern zu Memphis hat er fragend gestanden ; an die Catheder unsrer größten Philosophen hat er zerschmetternde Theses angeschlagen ; in Schottlands Gebirgen hat er mit Ossians Schatten verkehrt , und , ein zweiter Manfred , hat er die Gipfel himmelstürmender Alpen bestiegen , um in gräßlicher Einsamkeit dem nahen Himmel Fragen vorzulegen , die das Blut eines Geschaffenen starren machen . « - » Halt ein , « rief das erschrockene Mädchen , » was will der wahnsinnige Mensch bei uns ? was bei Dir ? « - Eduard mußte lächeln , aber Emilie sah ihn bittend an : » Sprich von etwas Anderm , « sagte sie rasch ; » wie erscheint Dir diese Jokonde , wie benimmt sie sich , wenn so viele Herren sie umkreisen ? Man sagt mir , sie soll schön und freundlich seyn ? « - » Das ist sie , « erwiderte der Gefragte , » sie kann , wie ein Kind , scherzen und muthwillig lachen ; wie ein Kind schuldlos , unbefangen die frischen Lippen öffnet und die leuchtenden weißen Zähnchen enthüllt . Ihre Kleidung ist , glaub ' ich , immer nach der neuesten Mode , und ein vielfach gewundener Schawl läuft ihr manchmal durch beide Arme durch . « - » Das ist nicht möglich , « rief Emilie , » von einer so sonderbaren Mode steht nichts im Journal . « - Eduard entzog sich geschickt einem Examen , dem er so wenig gewachsen war . - Wieder schimmerten die zauberhaft erleuchteten Fenster des stillen Fischerhäuschens in den Hof hinein , wieder trieb Massiello , gleich einem bunten , abentheuerlichen Kobold die Gruppen der Gäste durch einander mit der geschwungenen Geißel seiner Laune . Vor dem leuchtenden Theetisch aber saß die Graziengestalt in den faltigen , breiten Aermeln , mit dem Köpfchen , dessen Goldgeringel diesesmal , auf modische Weise in einen Apolloknoten geschürzt , in zwei Psycheflügel sich spaltete gegenüber stand der Graf Eberhard in einer eckig halbzusammengebrochenen Stellung und redete in unheimlicher Tiefe mit dem schönen Kinde über die Kerzen herüber . Eduard konnte sein Auge nicht von der Gestalt fortbewegen , seine Seele war in der größten Spannung , denn der Graf hatte versprochen , heute ein kleines Manuscript vorzulesen . Als er jezt die Worte : Italien , Schweiz hörte , riß er sich fast gewaltsam vom sprechenden Abt los und trat an den Theetisch , eben als der Erzähler langsam und mit zuckenden Lippen die Worte sprach : » Es geht mir nichts über die pikante Fäulniß Roms , dieses ewigen Juden unter den Städten , diese Stadt , die nicht sterben kann , so tief sie auch von der Last des menschlichen Elends gebeugt worden . Die Geschichte dieser armen Roma ist die Geschichte eines Menschen , der an einen Gott geglaubt hat , und dem nun jede Stunde spottend zuruft : du hast geirrt , es gibt keinen ! « Diese Worte fielen brennend in Eduards Seele , er fuhr lebhaft auf , um etwas zu erwidern , als Jokonde ihm eine Tasse Thee hinreichte , und zum Grafen sagte : » Hier ist ein junger Mann , der auch in Rom gewesen ist , und dem , so wie mir , die Makaroni ' s vortrefflich geschmeckt haben . « Der Graf warf einen kurzen , matten Blick auf den Jüngling , und dieser hätte vor Verdruß weinen mögen , daß das dienstwillige Fräulein ihm so täppisch die Makaroni in den Mund schob . Der Herzog trug jezt Stühle herbei , und der Graf , indem er ein paar Blätter aus dem Busen zog , sagte zu diesem : » Eure Durchlaucht haben es Ihrer großen Gnade , mit der Sie mich beehren , zuzuschreiben , wenn diese Mittheilungen Sie etwa belästigen sollten . Es sind Bekenntnisse eines Freundes , von dem ich nicht entscheiden will , ob ich ihn für glücklich oder unglücklich halte . Das Lebensräthsel läßt viele Deutungen zu . Mein Freund war bestimmt , ein Geistlicher zu werden , und in diesem Aufsatz wird sein Eintritt in ' s Klosterleben geschildert . « - Eine Pause herrschte , und der Graf erhob seine Stimme indem er folgende Worte las : » Alle menschliche Größe ist Lüge , alles Hohe und Heilige ein läppischer Selbstbetrug ! Die wilde Naturflamme der Sinnlichkeit bläst üppige farbige Kugeln vor sich hin , die wir Tugend , Glauben , Wahrheit nennen , und die im nächsten Augenblick zerplatzen . Die Seele ist die Krankheit des Leibes , die Lügnerin , die ihm einen Himmel vorspottet , und ihn aus sich und seiner Bestimmung reißt ; diese Bestimmung aber ist , zu keimen , zu wachsen , thierisch hinzuträumen und wieder spurlos zu vergehn ; jeder Glaube an ein anderes Ziel , an einen andern Zweck ist der lächerlichste Betrug . Ich bin frühe zur Wahrheit hindurchgedrungen , und meine Lippen tranken aus dem Giftbecher als sie noch jung waren . - - Mein Oheim , der die Wünsche der Eltern erfüllte , brachte mich als siebzehnjährigen Knaben in ' s Kloster der schwarzen Brüder . Schauerlich finster lag dieses Asyl menschlichen Elends ; zwischen Felsenwände eingeklemmt ragten die Thürme des alten Baues in die Luft , und um dem Strahl des Lichts den lezten Zugang fast zu rauben , warf ein Kranz finstrer Buchen und Tannen von oben herab seinen bläulichen , kalten Schatten in den dämmernden Klosterhof . Hier schlich ich mit ängstlich fragenden Blicken herum , wenn die schwarzen Gestalten der Brüder sich an mir vorbeibewegten , wenn ich ihre wankenden Schritte hörte , mit welchen sie in die Nacht der hohen , von einem spärlichen Lämpchen erhellten Kreuzgänge verschwanden , hier sann ich den trüben Wundern nach , die die Knie meiner Brüder beugen machten . Ein langer , dürrer Mönch , mit einem Gesichte , wie eine kalte Steintafel , ging mir nach und hütete die Einsamkeit meiner kleinen Zelle . Oft wenn ich ihn um Mitternacht durch die Kirche aufrecht , wie ein im Sarge erkalteter Körper , schreiten sah , fiel der Schatten seines vorüber wandelnden Leibes wie eine schwarze , stille Gottesläugnung auf die Bilder der göttlichen Helfer . Er war nie aus der dunkeln Kellertiefe des Klosters an den warmen Mittag oben hinaufgestiegen , nie mochte er lächeln , nie eine bunte Blume , einen grünen Baum sehen , ein grauer Vorhang verhüllte auf immer die Aussicht seines kleinen Zellenfensters . Dieser Mann war es , der mir seine nähere Aufmerksamkeit schenkte ; er gab mir eines Tages ein Buch , in welchem sich schöne Abbildungen jener frommen Helden der Kirche befanden , deren Geschichte meine junge Brust entflammt hatte . Wie selig war ich im Besitz eines solchen Schatzes . Wenn die mitternächtliche Glocke ihre einsamen Laute durch die Nacht tönen ließ , wenn alles im Kloster ruhte , dann fand ich Mittel von meinem Lager mich zu erheben , dem Corridor entlang , dem heiligen Muttergottesbilde vorbei , leise schleichend eine kleine , versteckte Thür zu öffnen , die mich in ein hochgelegenes Thurmstübchen leitete , wo sich eine Bank und ein Tisch von Stein befand . Hier hörte ich nun die Bäume auf den Felsen dicht über mir rauschen , hier konnte ich den Himmel mit seinen Sternen sehen , hier fuhr oft der Sturm , der unten schwieg , mit tönendem Brausen durch die Gitterstäbe meines kleinen Fensters und drohte das flackernde Lämpchen zu verlöschen , welches vor mir auf der Steinplatte seine unruhigen Lichter und Schatten warf . Ach , ich kann die Seligkeit , den herzzerreißenden Schmerz , die ahnende Wonne , die träumerische Begeisterung und die trunkene Entzückung nicht beschreiben , die in jenen wunderbaren Nächten mein armes Knabenherz befiel . Ich lag auf beide Hände gestützt , das Buch auf meinen Knieen , die blonden Locken meines Hauptes drüber hin fließend - stundenlang auf den kalten Steinen und hing mit verzehrender Glut an den Bildern meines Buches . Der Gedanke ging endlich in mir auf , daß auch ich ähnliche Wunder wirken könne , daß auch mein schwacher Körper die Glut des Himmlischen durchströmen und weihen könne . Nicht achtend auf die Vermessenheit solcher Gedanken , flog meine jubelnde Phantasie immer höher ; bald zweifelte ich nicht mehr an meinem hohen Beruf ; konnte wohl Gott ein Herz , das so brünstig sich ihm näherte , verstoßen ? Ich faßte die ganze Stärke meiner Seele , niederstürzend lag ich im Staube vor ihm , und erbat unter strömenden Thränen ein Wunder . Gleich dem heiligen Faustinus wollte ich die Stäbe meines Fensters schütteln und sie wie Rohrstäbe brechen . Buße und Geißelung huben jezt an , und sollten jeden Funken der irdischen Begehrlichkeit in mir ersticken . In der Einsamkeit meiner Thurmzelle floß mein Blut unter Geißelstreichen und färbte den Steinboden ; kein Gebet , keine Fürbitte wurde verabsäumt , Hunger und Nachtwachen hatten meine Glieder der Fülle der Jugend entkleidet ; endlich glaubte ich reif zu seyn , für das mächtige Werk . In einer Nacht , wo ein fürchterliches Wetter sich über unserem Kloster entladete , faßte ich im Wahnsinn jene Eisenstäbe , raste in Entzükung und wandte alle Kraft an , sie zu brechen , - sie brachen nicht - und ohnmächtig stürzte ich auf die Steine des Bodens . Als mich die Brüder oben fanden , erhielt ich eine strenge Züchtigung und mein geliebter Thurm blieb mir auf immer verschlossen . Wenige Tage nach diesem Ereigniß hatte ich den Muth , aus den Klostermauern hinauszuschleichen , um in den nahen Forst mich zu verlieren . Meine Seele , die in Betäubung lag , dürstete nach Einsamkeit . Rastlos forteilend gerieth ich bald in viele Waldpartien , und kaum hatte ich ein finsteres Rasenplätzchen mir ausersehen , um mich mit meinem Wunderbuch dort niederzulassen , als ein Geräusch in meiner Nähe mich plötzlich emporschreckte . Wer beschreibt mein Entsetzen , als ich dicht vor mir ein Ungeheuer erblickte , welches den heißhungrigen Rachen schon aufsperrte , um meine zitternden Glieder zu verschlingen . Thränen stürzten aus meinen Augen , in der Angst und Verwirrung stürzte ich auf meine Knie und meine Arme hielten , einem dunkeln Triebe folgend , dem Wolfe die Blätter meines aufgeschlagenen Wunderbuches entgegen . Nicht so bald hatten die grünen funkelnden Augen des Scheusals die geweihten Schriftzüge erschaut , als die fürchterliche Gestalt langsam zu weichen begann ; ich rutschte auf den Knien ihr nach , immer das Buch gerade vor mich hin haltend und , o dreimal herrliches Wunder , das mörderische Thier heulte laut auf und entfloh furchtsam ins Dickicht . Ich blieb noch , auf meinen Knien liegend , ein heißer Strom der Entzückung überstürzte mein Gebein ; meine Besinnung drohte zu schwinden , und mein umherschauender Blick glaubte Gesträuch und Bäume , Himmel und Wolken in einem überirdischen Glanze leuchten zu sehen . Grüne züngelnde Flammen lösten sich von den Spitzen der Bäume , rothe Lichter entsprangen dem Schoße der Waldrosen , Sonnenflocken träufelten von oben herab und diese bunten Lichter vereinigten sich und flossen zu einer hellen Krone um die gelben Locken meines Hauptes , mein Gewand ward Licht - ich selbst war in einen Heiligen verwandelt . Mir war ein Wunder gelungen , der Himmel hatte meine Gebete erhört ; schon sah ich im Geiste eine gläubige Menge zu meinen Füßen knieen . Als ich im Kloster wieder ankam , hatte Niemand meine Abwesenheit bemerkt , dem blassen Bruder , der mich besuchte , warf ich mich an den Hals , mit der Glut meines jungen Busens erwärmte ich seine eiskalte knöcherne Brust , - mein göttliches Geheimniß ward das seinige . Er sagte nichts , doch zuckte es um seine bleichen Lippen . An einem Nachmittage rief er mich zu sich in seine Zelle . Ich zweifle nicht , mein junger Bruder , sprach er , an deine wunderthätige Kraft , doch treibt der Lügengeist mich an , dich zu versuchen , komm , überzeuge , erleuchte mich . Mit diesen Worten brachte er den wilden Hund des Klosterhofes herbei , und indem er das wuthschnaubende Unthier an der Kette festhielt , sagte er zu mir : Nun , mein Bruder , jezt nimm dein Buch , halte es gegen dieses Thier , und wenn du anders wahr geredet , und an den Himmel glaubst , so wird die Wuth des Hundes nichts gegen dich vermögen . Du sagst es , rief ich mit starker Stimme , so wahr der Glaube an des Himmels Kraft kein Spott ist , so wahr wird mir der Hund nichts Böses anthun können . Jezt sank ich auf meine Kniee und entblätterte mein Buch - in dem Augenblick entsprang das Thier seiner aufgeknüpften Kette und - o , es ist lächerlich , - die Bögen meiner Schrift lagen zerrissen vor mir und ich fühlte die jähen Schmerzen , wie die grimmigen Zähne des Hundes sich tief in mein Fleisch einbohrten . Als ich am andern Tage aus meiner Ohnmacht erwachte , lag ich in meiner Zelle , der bleiche Bruder stand neben mir , und ich bemerkte im hellen scharfen Strahl des Mondlichtes , wie sich sein blasses Gesicht in einem grinsenden , tonlosen Lachen weit spaltete , und sich dicht über mich beugend , so daß sein kalter Othem an meiner heißen Fieberwange erwarmte , sagte er leicht und immer fortlachend : Albernes , warmes Kind , dein Fleisch hat dich bethört , es gibt keinen Himmel ! Merkst du nun endlich , daß es ein böser Geist ist , der mit uns spielt . Ich hörte diese Worte nicht mehr , mein Herz brach und in einem Blutstrahl , den ich ausspie , schwanden mir die Sinne von neuem . In einem Fiebertraum , der mich zwischen Tod und Leben schwebend erhielt , sah ich den blassen Bruder öfters , wie er in der Kirche herumging und mit dem weiten Aermel seiner Kutte die Bilder der Heiligen auslöschte ; dann leuchtete er hin und auf dem matten , schwärzlichen Grund zeigten sich nun scheußliche , ekelhafte Fratzen , die Menge aber kam und kniete andächtig nieder und sah die entsetzliche Verwandlung nicht . Schuldlos lächelnde Knabengesichter , blühende Mädchenköpfe blickten vom Chor hernieder ; vor dem Allerheiligsten stand jedoch der fürchterliche Blasse und sang schamlos wahnsinnige Lieder in andächtigen Tönen ab . Eine dreimonatliche Krankheit hielt mich am Lager fest , in den fürchterlichsten Krämpfen drohten meine entzündeten Sinne unterzugehen , als endlich die aufstrebende Natur siegte , die Krisis vorüberging , lag ich auch , eine kalte Leiche , da , mit einem Herzen , das nichts mehr bewundern , nichts mehr lieben konnte . Mein Auge war entsiegelt , was Tausende von Menschen in ihrer Blindheit fesselte , hatte auf mich seine Macht ewig verloren ; ich sah das höhnende Gerippe durch die bunten Fratzen durch , mit denen die schmeichelnden Sinne , der Wahnsinn und die Thorheit es umkleiden . Als ich genesen , führte der bleiche Bruder mich nun immer weiter auf die eisige Höhe der Erkenntniß ; ich sog von seinen Lippen den schneidenden Spott , die kalte Verachtung , den schlafmüden gähnenden Ueberdruß mit Begierde ein ; ich verachtete die schwachen Seelen , welche dem Wurme gleich sich krümmten unter den Tritten eines tyrannischen Geschicks ; mich mochte sein plumper eiserner Fuß zertreten , was lag daran , wußte ich doch , daß ich dann auf ewig dem Nichts wieder dahingegeben war , aus dem ich wider meinen Willen zu Qualen hervorgerufen worden . Ich konnte in meiner Ueberzeugung mich nicht einmal zu dem Glauben eines Lehrers zwingen , als beherrsche den Menschen ein böses , tückisches Wesen ; wie möchte ein solches Freude daran haben , mit einem Geschöpfe zu spielen , das wie ein läppisches Uhrwerk sich selbst überlassen , zeitig genug an seiner eigenen Erbärmlichkeit sich aufrieb und vernichtete . Die Thräne der glühendsten Andacht , ist sie mehr als das Werk eines durch Sinnlichkeit und Eitelkeit hervorgekitzelten Nervs , ist sie etwas edleres , als das Lächeln auf der Lippe eines Wollusttrunkenen ? « - Der Graf hatte geendet und lag zusammengesunken da , der Herzog träumte vor sich hin ; Eduards Seele war ganz Leben und Bewegung , er glaubte einen Blick in das Innere des wunderbaren Mannes gethan zu haben , und seine Ueberzeugung war , daß der Graf seine eigene Geschichte vorgetragen habe , er wollte ihn mit einer Rede voll Glauben und Frühlingswärme ansprechen , da richtete jener das Auge auf ihn und jener matte , Ueberdruß blickende Strahl fiel entkräftigend in seine Seele . Selbst Jokonde erschrack vor diesem Blicke , und fragte schnell , ob der Graf nicht noch eine Tasse Thee befehle , oder ob sie , um die Gesellschaft zu erheitern , etwas spielen solle . Der Graf nickte und der Herzog sprang auf , um einen dankenden Kuß auf die Stirne des schönen Mädchens zu drücken . Massiello nahm förmlich Abschied , und führte zur Entschuldigung an , wie er jezt gerade ein altes , höchst seltsames Liebeslied dichten wolle , welches in seiner ganzen Lebendigkeit in ihm aufgegangen sey , als der edle Graf von der absoluten Thierheit so vortrefflich gesprochen , und da wolle er zwei recht gesunde Leute , denen es gelungen war , auch das lezte Restchen von Seele , Tugend und Unsterblichkeit wegzuschleudern , in recht kräftiger Naturfreude zusammenführen . Der Herzog ließ ihn gehen , und auch der Graf nahm Abschied . Ein freudiges Ereigniß war , daß jezt die Thür sich öffnete , und die beiden Flüchtlinge , Robert und der Abt , hineintraten . Man hörte nicht viel auf ihre Reiseberichte , der Herzog umarmte leidenschaftlich einen um den andern , Jokonde brachte allerlei Possen vor , und endlich mußte der Abt sich an das Pianoforte setzen , um einen seiner französischen Tänze zu spielen . Er protestirte heftig , indem er behauptete , daß sein Verlangen , unter den Tanzenden eine Stelle einzunehmen , viel zu mächtig sey , besonders wenn sein Glück es ihm gestatten wolle , an der Seite des schönen Fräuleins seine Geschicklichkeit zu zeigen . Man kam seinen Wünschen zuvor , Eduard setzte sich zum Spiel und lächelnd folgte das reizende Mädchen seinem alten Grazioso , indeß der Fürst und Robert sich gegenüberstellten . Jokonde machte jene leichten Sprünge , die ihr durch ihre natürliche Anmuth immer das Entzücken der Zuschauer erwarben , indeß der Abt , ihr schief gegenüberhängend , sich in künstlichen Tanzfiguren erschöpfte und endlich damit endete , mit einem bösartigen keuchenden Husten einzugestehen , daß er sein schönes Vorbild unmöglich erreichen könne . Ein leises Gelächter wurde hörbar , als er abtrat ; und jezt stellte sich der schöne Robert an seine Stelle . Die Musik floß wie mit Inbrunst in die reizenden Verschlingungen und hob auf klingenden Wogen die schönen Tänzer wie im Triumph auf und nieder . Der Herzog glaubte zu bemerken , daß Jokonde die dunklen Augen des jungen Engländers suchte und hustete verstimmt . Als man geendet hatte , trat die Dienerin herein und meldete , es stehe im Vorzimmer ein kleiner verdrüßlicher Mann mit einer spitzen , äußerst saubern Nachtmütze , er habe kurz und ungeduldig anbefohlen ihn zu melden . Die Gesellschaft trat neugierig zusammen , die Thüre ging auf und eine seltsame Figur mit rückwärts flatterndem Schlafrock eilte herein , bemächtigte sich eines Stuhles , bestieg ihn und sich leise räuspernd und bückend hub sie mit feiner Stimme zu sprechen an : » O meine Herrn , wenn Sie wüßten , wie krank ich bin ; man beobachtet mich und hält meine arme kleine Person in einem weitläuftigen Gebäude verschlossen , so weit ist es mit der Despotie des Pöbels gekommen ; sie sezt die Zeit selbst gefangen , indem sie vorgibt , mich zu befreien . Ach , es ist etwas beklagenswerthes um die Ehre , der Gott der Zeit zu seyn ! Ja , Madame , lächeln Sie nicht , ich bin die Zeit . Eigentlich sollte ich Sie verspeisen , da Sie mein Kind sind , aber diese Untugend habe ich mir schon längst abgewöhnt . Du lieber Gott , meine Kinder heut zu Tage schmecken erbärmlich schlecht , es ist eine grenzenlos fade Speise , die den besten Magen verdirbt - freilich wäre ich jung - ach damals , damals ! still , still ! das ist der Wurm - ganz im Geheim , lieben Freunde , ich bin alt , sehr , sehr alt . Sehen sie dieses altgermanische blonde Lockenhaar , das unter meiner Mütze auf die Schulter herabwallt , es ist falsch und deckt meinen nackten Scheitel , der sonst ganz erbärmlich frieren würde ; der lederne Koller , den mir Götz von Verlichingen geliehen , ist nicht genug , die enge kalte Brust zu wärmen , unter ihm trage ich eine Jacke von Flanell , die ich aber sorgfältig verstecke ; den Wertherfrack ziehe ich manchmal noch drüber , ich liebe ihn , weil er so stark nach Pulver und Lebensüberdruß riecht . Uebrigens ist mein Gebein von der Studierlampe durch und durch gedörrt , mein Körper hat allerlei seltsame Einbeugungen und Auswüchse von den Ecken und Kanten des Schreibtisches erhalten und die innern Theile sind vom beständigen Nachtsitzen jämmerlich zusammengewachsen . Ach , Madame , Madame ! oft überfällt es mich wie der Tod in Thränen , wenn ich daran denke , wie ich einst im alten Hellas als Jüngling ewige Hymnen absang , zu den Füßen Aspasiens lag ; wie ich als Knabe Alcibiades an den Lippen des Sokrates hing , der so schön war , weil er so weise ; wie ich in ausgelassener sinnverwirrter Jugend den trunkenen Bacchus auf meinen Schultern durch den jauchzenden Sturm der mitternächtlichen Orgien führte . O Himmel , Himmel ! und wie ich später an der Tafel des Mäcenas das beste Glas Wein in meinem Leben trank , und der alte Flaccus mir zur Seite mit lächelndem Munde , im Gefühl eines üppigen Lebens , die Reize ländlicher Einsamkeit pries , wie mir als Antonius die ägyptische Königin in afrikanischer Liebesglut die Wange bleich küßte ; wie ich in stürmischer Jugendbrust als Hannibal dem völkerwimmelnden Erdkreis Verderben schwur ! Und später - Freunde , Euer Auge wird feucht - Ihr ahnet , wovon ich sprechen will - ach , von der Zeit meiner ersten Liebe . Die stürmische Jugend war vorüber ; aus dem Orient , vom Grabe des Erlösers kam ich zurück , in meinem schwarzen Auge lag die dunkle , süße Elegie der Liebe , meine Wange war bleich , der Tod Jesu hatte einen finstern Schatten auf die Welt geworfen . Die üppige , feurige Blume der Sinnlichkeit schloß sich , eine heilige , ewige Mondnacht der Liebe ging über die Erde auf , und die Schatten gewaltiger , ernster , gothischer Thürme fielen kalt auf die bunten Marktplätze des Lebens . Damals , Madame , damals liebte ich - hatte ein krankes , schwaches , doch unendlich liebenswürdiges Mädchen entdeckt , es war meine eigne Seele . Kennen Sie , Madame , dies seltsame Geschöpf ? Die wahre Liebe zu ihr ist , wie jede Liebe , mit ewigen Schmerzen verbunden , doch diese Schmerzen sind süß . Nun trachtete ich nicht mehr nach den Genüssen meiner raschen Jugend , sondern saß die stillen Nächte bei meiner Liebe , sie in den Schlaf wiegend mit süßen Liedern ; in den goldnen Gärten der Provence gingen wir tändelnd mit einander , an den Altären prangender Münster knieten wir mit einander , in den Minnehöfen bei den Sprüchen schöner Frauen , ewiger Sänger , wurde uns das Räthsel unsrer eignen Glut klar , und in dem Zusammenklang göttlicher Harmonien , in den stürmischen Gebeten glühender Andacht , in Farben , Tönen , Frühlingsglanz und Todesgrauen schlug der goldene Kelch unserer Liebesblume seine prangenden Blätter mit Gesang auseinander , und wankte , von Sonnenglanz umträufelt , in den ewigen Himmel hinein ! - Ach , Freunde , vergebt eine Thräne ! o meine Jugend , meine Jugend ! Seitdem , Madame , seitdem - es muß heraus - bin ich alt geworden , die Geliebte auch . Wir heuratheten uns und bewohnen jetzt verschiedene Seiten . Wir arbeiten jetzt tüchtig an unsrer Vervollkommnung - ach , was habe ich für Schriften und Schriftchen lesen müssen , Bücher , Bücher und immer Bücher ! Dabei tönt mir oft in der Nacht bei der Arbeit das alte sehnsüchtige Lied meiner Jugend in die Ohren ; es ist entsetzlich , mir wird dann so erbärmlich zu Muthe wie einer armen zergangenen Semmel in einer kaltgewordenen Kaffeetasse ! Oh , oh ! ich klagte meine Leiden einem Arzte , der lächelte und sagte , er wüßte schon lange , daß die Zeit krank sey , er verbot mir das lange Nachtsitzen , die antiken Versmaße , und gebot mir dagegen , von den neuen Tagblättern täglich ein Dutzend zu mir zu nehmen . Meiner Frau geht ' s nicht besser , bei der treiben die Philosophen und Frommen ihr Wesen , und sie fühlt sich auch täglich kränker und gibt in matter Leutseligkeit alles zu , was man von ihr verlangt . Ja , es ist Zeit , Freunde , es ist Zeit , Madame , daß wir endlich alle schlafen gehen . Gute Nacht ! « Die Gestalt stieg jetzt vom Stuhl und wollte entschlüpfen , doch sie wurde im Triumph wieder eingeholt . Man hatte Massiello erkannt , und als er jetzt seine seltsame Kleidung näher vorwies , lachte alles , der Herzog am meisten . Die gute Stimmung schien vollkommen wieder hergestellt . Jokonde allein hatte sich im Sessel zurückgelehnt und spielte mit ihren Locken , sie mochte nicht mitlachen , weil sie nicht begriff , worin der Scherz bei der sonderbaren Rede lag , doch war sie am tollen Massiello dergleichen gewöhnt . Sie wußte , daß der Herzog ihn liebte und nicht ohne seinen Humor , wie er es nannte , leben konnte . Die Klostergeschichte des Grafen , sagte der Fürst , läßt noch immer ihre Bitterkeit spüren , da müssen wir schon zu der Musik unsre Zuflucht nehmen , um durchaus jede Spur zu vertilgen . Jokonde und der Abt traten ans Pianoforte und Massiello , der in den Notenblätter wühlte , rief : » Wenn wir Deutschen nur nicht alle Dinge so ernsthaft nähmen ; so besitzen wir auch keine durchaus fröhliche Musik . Wir kennen die kleinen seltsamen Geschöpfe , wie sie da aufs Blatt gezeichnet sind , noch lange nicht von ihrer schalkhaften Seite ; wie es uns an einer Musik fehlt , die den geistreichen Konversationston nachahmt , so ist uns auch jene fremd , welche im bacchantischen Strudel das ganze Füllhorn des Momus umstürzt und auf der Tonleiter bis in die schallenden possenhaften Laute hinauffliegt . Ich wollte einmal alle Thorheiten der Jugend in einem wunderlichen Liede zusammenfassen , es müßte ein höchst ergötzliches Lied werden ; die Musik dazu wäre ein anhaltendes ausgelassenes Gelächter . Ich glaube , damit könnte ich alle Greise und alte Mütterchen wieder jung machen . « - » Ein sonderbarer Gedanke , rief der Herzog , doch nicht ganz ohne Wahrheit ; warum bewegt uns ein herzlich Lachender immerdar zum Mitlachen , wenn wir auch die Ursache des Gelächters nicht kennen , offenbar ist es der Zauber jener hüpfenden , rollenden , schrillenden breitzerplatzenden Töne , die so mächtig auf uns wirken . Unsere Musik entfernt sich zu sehr von der Natur , sie sollte mehr Naturlaute in sich aufnehmen , und weniger Regel und Combination . « - Robert , Massiello und Eduard entfernten sich , um eine Gesellschaft von Freunden zu besuchen , die in zwangloser Laune in einem bekannten Weinhause zusammen zu kommen pflegten . Jokonde und der Abt hatten vor den Notenblättern Platz genommen ; nebenbei lag der Herzog im Armsessel , und spiele mit den Ohren des kleinen Bolognesers . Die Musik hub im weichesten Moll an , die Töne gingen wie fromme Einsiedler ins Gebirge , dann rauschte und lärmte es , wilde Gebirgswasser stürzten in den Weg , plötzlich tönte das laute Gespräch der Einsiedler dazwischen , die sich eine alte verblichene , aber großartige Sage erzählten , alles war dunkel und trübe , endlich zerriß der Wolkenflor , lachende Passagen zogen in die Höhe und ganz oben im Diskant erklang eine alberne Posse und frische Mädchenkörper schüttelten sich im anmuthig kichernden Gelächter dabei ; plötzlich trat im Baß ein alter wahnsinniger König auf und warf ganze Händevoll schwarzer Tulpen und glühender Feuerlilien in den Kreis der Mädchen ; sie flohen erschreckt auseinander , und der alte Wahnsinnige begann , mit Krone und Zepter geziert , einen