was mir von Freunden anvertraut ward , die meine Theilnahme wie meinen Beistand in Anspruch nehmen . Sie sind gewiß weit entfernt , nach fremdem Eigenthum Verlangen zu tragen ; aus demselben Grunde würden Sie auch die Erste sein , eine Mittheilung zu wünschen , die ich Ihnen nur auf Kosten Anderer machen könnte . Lassen Sie sich nicht darnach verlangen , meine Liebe ! Es ist eine verjährte , abgestorbene Geschichte , in die , wie ich fürchte , niemals sonderlich viel gesundes Leben hineinzubringen sein wird . Das Schlimmste ist , ich sehe mich genöthigt , eine beschwerliche Reise zu machen , zu der ich in keiner Art vorbereitet bin , und die mir jetzt doppelt unwillkommen ist , weil ich Sie , liebste Elise , in trüber Bedrängniß zurück lasse . Leider hege ich keine Hoffnung zur Wiederherstellung der guten Kranken . Der Arzt hat sich andern Orts weniger zurückhaltend gezeigt . Sein Ausspruch ist eben nicht tröstlich . Es herrschen bösartige Fieber in der Gegend , und er fürchtet , hier ein Opfer daran fallen zu sehen . Sein Sie um alles in der Welt auf Ihrer Huth , liebe Elise ! Solche Krankheiten theilen sich den Umstehenden mit . Sie sind so erregbar , so selbstvergessend , und bereit , fremde Lasten auf sich zu nehmen . Sie werden als Pflegerin weit mehr thun , wie Sie sollten , und die Gefahr wird sich gegen Sie kehren . Bedenken Sie Eduard und den Engel Georg . Tausendmal umarme ich das liebe Kind . O vergessen Sie es nicht , daß Sie seine Mutter sind , und sein kleines Leben genau mit dem Ihrigen zusammenhängt . Ich bitte Gott , Sie beide in seinen Schutz zu nehmen . Mein Herz ist schwer , Elise ! Ich reise recht ungern von hier fort . Sein Sie vorsichtig , liebe , liebe , schöne Seele ! Weiß der Himmel , ich fürchte immer so viel für Sie . Ist es , weil ich Ihnen zu sehr ergeben bin ? oder stehen Sie wirklich zu sorglos , zu unbewaffnet in der Welt . Aber Sie können nicht anders ! Das ist eben meine Angst . Nun , Ihr guter Engel verlasse Sie nicht . Elise an Sophie Warum Sie nicht dennoch auf einen Augenblick herüber kommen , um Abschied von mir zu nehmen , das liegt am Tage . Sie fürchteten , trotz aller schönen Worte , mich unbescheiden zu finden , und wollten Ihr Geheimniß keiner Gefahr aussetzen . Ach ! Sie hätten immer kommen können . Ich bin nicht begierig , das Verborgene zu enthüllen . Wie vieles ist doch über den Menschen verhängt , wovon er keine Ahndung hat . Diese Familie ! - vor acht Tagen noch so glücklich , und nun - Ja , es ist vorbei ! Sie ist todt ! Ich habe sie in den letzten Tagen nicht mehr gesehen . Seit Eduard wieder hier ist , durfte ich nicht das Haus verlassen . Er mag recht haben , nach seiner Art. Ich hatte es nach der meinigen auch . Es ist wahr , die Krankheit theilt sich mit . Die Magd und der älteste Knabe klagen sich seitdem auch . Wir sollten erst alle nach der Stadt zurück . Allein , dort ist es noch viel schlimmer , die große Hitze hat da mehr als eine Gattung von Uebeln erzeugt . Kinder und Erwachsene sind dort gleich bedroht . Zu meinem Trost hat der Arzt entschieden , daß nur das Leben in freier Luft ein Gegenmittel gegen Ansteckung sei . Seitdem treibt mich Eduard schon früh am Morgen zu Fuß oder zu Wagen mit Georg hinaus . Ich lasse mich auch nicht lange dazu nöthigen . Mir ist wohler im Freien . Sonst fühle ich mich matt , und so betrübt , daß ich noch zur Zeit an nichts in der Welt Theil nehmen kann . Die schönen Buchen am See zogen mich zuerst in ihre Schatten . Hier suchte ich die letzten Spuren der Verstorbenen . Wie ich die dunklen Reihen der Bäume entlang ging , glaubte ich die leise , etwas schüchterne Frau , mit ihren kurzen , eiligen Schritten neben mir gehen zu hören . Ich stand still und sah betrübt umher . » Weißt du wohl ? « sagte Georg , indem er wichtig mit dem Köpfchen nickte . Er machte eine so gerührte Miene dazu , daß ich mich der Thränen nicht enthalten konnte . Nun fing er auch an zu weinen . Ich suchte gar nicht ihn zu beruhigen . Warum soll er nicht frühe das Traurige traurig nehmen . Man findet sich nur zu leicht darin . Nach einer Weile tröstete er sich ganz von selbst . Er sprang umher , machte die erste beste Gerte zum Reitpferd , und sagte nur noch einmal , während er sein hölzernes Pferdchen anhielt , und flüchtige Erinnerungen in sich zusammen suchte : » Hier haben wir so hübsch gespielt ! « Diese Betrachtung hinderte ihn aber nicht , gleich wieder recht hübsch zu spielen ; das Vergangene war nun vergangen ! Wir machen es Alle nicht anders , liebe Sophie . Kinder sind kleine Menschen . Der ganze Unterschied zwischen ihnen und den größern liegt im Bewußtsein der Wandelbarkeit des Innern und der Schaam darüber . Warum schämen wir uns aber ? Da das Festhalten der Gefühle uns doch nur elend macht . Denken Sie selbst , was käme dabei heraus , wollte man bei dem verweilen , was Einem völlig mit der Gegenwart entzweien müßte ? In den meisten Fällen ist es besser , mit dem Leben zu gehen , als stehen zu bleiben , und seinen Lauf anzuhalten . Und denn , wie jeder kann ! Es ist wahr , wir ärgern uns , wenn gewisse , mit der Seele eins geglaubte Stimmungen uns plötzlich verklungen scheinen , und oft kein Ton mehr davon zu finden ist . Ich glaube , wir verwechseln den Beruf zur Ewigkeit , mit der Fähigkeit des Herzens , ihr schon diesseits angehören zu können . Aus der einen Täuschung , welche fortgeerbter Wahn heilig spricht , geht das ganze Heer gezierter Selbstbetrügereien hervor , die das wahre Gefühl mehr entweihen als in Ehren halten . Ich war erst böse , als ich gestern den Amtmann zu Pferde bei seinen Arbeitern sah . Ich hatte unrecht . Das Leben tritt nach jeder Unterbrechung wieder in seine alte Ordnung . Man muß da mit hinein . So lange ein Gefürchtetes noch dunkel herannaht , stehen wir in lähmender Spannung auf der Folter der Angst , unfähig etwas Anderes zu empfinden . Ist der Schlag geschehen , so fallen wir entweder mit , oder wir werfen einen wehmüthigen Blick in den Abgrund , der das Liebste verschlang , verschütten ihn , und säen in der aufgelockerten Erde neue Saaten . Georgs Wünschelruthe hilft einem Jeden über die Trauer hinaus . Irgend wo schlägt sie immer ein , wo man Gold , oder doch diesem ähnliches Metall findet . Mir ist , Sophie , als schüttelten Sie hier zweifelhaft den Kopf . Sie freilich wollen es nicht Wort haben , daß man verschmerzen könne , was das Herz brach . Nun , und dennoch gehen Sie ihren Weg wie alle Menschen , und haben noch überdies etwas , das Sie stets auf das Angenehmste begleitet . Sehen Sie , so verwandelt sich alles , auch der Kummer in sich selbst , und nimmt von der Farbe und dem Lichte der Welt , in der wir leben , unwillkührlich mehr und mehr an . Wir schaffen uns das Verlorne noch einmal , und söhnen uns auf diese Weise mit dem Geschiedenen aus . Ich lasse diese Blätter unabgeschickt liegen . Sie enthalten zur Zeit wenig , das der Mühe verlohnte , sie einen weiten Weg machen zu lassen . Ich bin gewöhnt , jeden flüchtigen Gedanken zu Ihnen hinüber zu schicken ; ich bin jetzt so allein , - Sie fehlen mir an jeder Stelle , ich schreibe also , wie ich schreiben würde , wären Sie in Ihrem Stift , oder wie ich Ihnen gegenüber sprechen würde . Mit dem Letztern ist es indeß doch etwas anders . Es schreibt niemand wie er redet ; schon deshalb nicht , weil das Alleinsprechen eine weit besonnenere Verbindung der Sätze , ja , eine consequentere Gedanken-und Wortfolge heischt , als die mündliche Mittheilung , welche unwillkührlicher und schöpferischer ihre lose Fäden auf gut Glück auswirft , und ein Ganzes , mehr durch die Harmonie des Zusammenklingens , als durch Entwickelung und Abrundung des Einzelnen hervorbringt . Mein Gott ! Sophie , wie gelehrt klingt das ! - Ich glaube , das Alleinsein taugt mir nicht . Ich werde eine ganz andere Person . So grübelnd und motivirend . Versicherte mich der Arzt nicht , ich sei gesund , so würde ich mich krank glauben . Es ist mir viel schwerer als sonst . Man sagt von gewissen Gegenden und Orten , sie hätten Einfluß auf die Gemüthsstimmung . Fast möchte ich denken , das Plätzchen unten am See , in dem melancholischen Schatten der Buchen , so voll dunkeln , geheimen Lebens , rege allzu ernste Gedanken in mir auf . Ich horche Stunden lang auf das sonderbare Rauschen über mir in dem hohen Blätterdach , und sehe die grau gestreiften Wellen in immer tieferm Farbenton zwischen den Bäumen hinfließen , ohne daß ich Lust hätte , andere Gesellschaft , als die der einsamen Natur , aufzusuchen . So etwas ist mir fremd . Ich bin nicht für sentimentale Spiele der Einbildungskraft . Sie entzweien mit der Wirklichkeit . Auch scheue ich das wehmüthige Dämmerlicht , was sie den Gegenständen zurücklassen . Und dennoch übt der Platz unwiderstehliche Gewalt über mich aus . Ich werde ihn meiden müssen . Mir taugt das allzu tiefe Hineinsehen in die Verknüpfungen des Daseins nicht . Man sieht doch nur bis auf einen gewissen Punkt , und wird unsicher . Ueberdies bin ich dort nicht mehr völlig allein . Ich habe , glaube ich , vergessen , Ihnen zu sagen , daß der Fremde zuweilen hier umher streift . Entweder er fährt in einem kleinen Kahne pfeilschnell vorüber , oder seine Gestalt erschreckt mich plötzlich zwischen der Umbüschung am Ufer . Die Eile , mit welcher er sich entfernt , scheint seine unberufene Dazwischenkunft entschuldigen zu sollen , indeß fällt mir die Störung immer unbequem ; um so mehr , da Georg jedesmal ganz verschüchtert zu mir gelaufen kommt , und mich mit Fragen quält , wer der unartige Mann sei , der so nahe an das Wasser gehe ? Ob ich denselben auch nie anders als aus einer gewissen Ferne sah , so scheint er mir doch für einen gewöhnlichen Sekretär oder Geschäftsführer eine allzu edle Haltung zu haben , ja , eine zu vornehme Art , die Dinge anzufassen und zu nehmen . So steht er oft so auf gewisse Weise hoch und gebieterisch , die Arme über einander geschlagen , den Kopf gehoben , in dem Kahn , wenn er diesen , durch ein Paar gewaltsame Ruderschläge , in das Getriebe der Fluth gebracht hat , und ihn nun läßig auf dieser fortschwimmen läßt . Die Arme liegen auf dem ruhenden Holze , das er wie einen Stab gegen den Boden des Schiffchens gestemmt , aufwärts hält , als gebiete er den Wellen . Neulich hatte er im Vorüberfahren , auf solche Weise stehend , das Ruder weggeworfen , und die Jagdflinte auf einen Zug Wasservögel angelegt . Er drückte indeß nicht ab . Auch sah ich ihn das Gewehr bei Seite legen . Vielleicht hatte er das Kind bemerkt , und wollte es nicht erschrecken . Ich nahm bei dieser Gelegenheit indeß wahr , daß er das Weidwerk weder wie ein Laie noch wie ein Mann von Metier trieb , vielmehr den Anstand vornehmer Spielerei dabei entwickelte . Und trotz alledem , wird es doch wohl mit dem subordinirten Sekretärposten seine Richtigkeit haben . Er kennt seine Stellung , und sucht mit Leuten gleichen Standes Bekanntschaft zu machen . Den Tag nach der Beerdigung der Amtmännin kam er spät Abends , der Familie einen Besuch zu machen . Er trat unerwartet ins Haus , klopfte an die erste beste Thüre , und eilte , als der betrübte Hausherr sein gastliches » Herein « gesprochen hatte , mit so bekümmerter Miene auf diesen zu , als habe er eine nahe Anverwandtin in der Todten zu beweinen . Ich bin hier fremd , sagte er , indem er des Amtmanns Hand ergriff , und sie schüttelte , aber ich habe von Ihrem Unglück gehört und kann Ihnen meine Theilnahme nicht länger verbergen . Er schwieg darauf , ohne weiter etwas über sich , seinen Namen , Stand und Aufenthalt hinzuzusetzen . Der Amtmann bat ihn , niederzusitzen . Er lehnte es höflich ab . Seine Augen suchten die Kinder . Der älteste Knabe war nur gegenwärtig . Er legte ihm die Hand , mit dem Ausdruck zärtlichen Mitleids auf den krausen Lockenkopf , und sah ihm eine Weile schweigend , aber tief in die Augen . Gleicht er der Mutter ? fragte er darauf . Der Vater schüttelte den Kopf . Hervorstürzende Thränen hinderten ihn , sogleich Worte zu finden . » Sie war die Tochter des Hofpredigers S- ? hub der Fremde nach einer Weile an . Ich bin dem Manne viel schuldig , « setzte er hinzu . Um seine Lippen zuckte es schmerzlich . Er zog die Hand von des Kindes Stirne zurück , und ging einigemal in sichtbarer Bewegung auf und ab . Sein ganzes Wesen , wie auffallend auch immer sein Erscheinen sein mochte , drückte tiefsinnigen Ernst und weiches Mitempfinden aus . Wie er gekommen war , so ging er . Unvorbereitet , schnell . Er war fort , ehe man es dachte . » Nun , wir sehen uns bald wieder , « sagte er , leichthin grüßend . Und damit war er zur Stube hinaus . Ich weiß dies Alles von unserm Arzt , der unter die Zahl meiner Freunde gehört , und mich oft besucht . Er war bei dem seltsamen Auftritte zugegen , und konnte mir den Unbekannten nicht interessant genug beschreiben . Sophie , das Prädicat als Sekretär thut ihm doch einigen Schaden bei mir . Dies klingt schlimmer als es ist . Denn , wahr bleibt es einmal , was hat man von der Nachbarschaft eines Menschen , der nie zu unserer Gesellschaft gehören wird . So lieb mir der Arzt ist , so fatal wird mir ein gewisser lauter und roher Justizrath , der mit Eduard Geschäfte hat , und mich sehr langweilt . Der Mensch giebt so viel zu verstehen , und plaudert so gern aus der Schule , daß ich ihm , fast wider meinen Willen , aus dem Wege gehen muß , um nur keinen Antheil an einer Indiscretion zu haben , die Eduard weder ihm noch mir verzeihen würde . Gewiß aber ist es , er hat die Hände mit im Spiele , was auf des Comthurs Heerde geschmiedet wird . Nun werde ich bald mehr erfahren . Die Gräfin kommt mit ihrer Familie aus dem Bade zurück , und bezieht noch für die Sommermonate ihren Landsitz . Die gewandte Frau weiß sicher in vier und zwanzig Stunden mehr von dem , was hier vorgeht , als wir in einem halben Jahre . Hugo an Heinrich Ich bin hier im Schlosse des Oheims . Das erschöpft eigentlich alles , was ich Dir Interessantes von meinen gegenwärtigen Verhältnissen sagen kann , lieber Heinrich , denn es liegt zugleich die Feststellung eines dieser Verhältnisse überhaupt darin . Da es nun einmal dahin gekommen ist , so mag es darum sein . Mir lag niemals sonderlich viel daran . Ich hätte mir auch so durchgeholfen , und wäre freier geblieben . Der alte Herr ist ein wunderlicher Heiliger . Er steckt so voll Vorurtheilen und verbrauchter Ansichten , daß es schwer hält , bis zu dem eigentlichen Kern in ihn zu dringen . Dieser ist gut , so viel ich davon entdecken konnte ; aber die kleinen Poliermesser moralischer Spitzfindigkeiten haben auch schon erschrecklich daran genagt . Glaubst Du , daß ihm sein früheres Verfahren leid ist ? Ganz im Gegentheil ! Er thut sich etwas darauf zu gut . Sieh , solch ein Sclave ist das Gewissen ! Es trägt die Livree jeder modernen Grille , die den augenblicklichen Herrn über unsere gesunden Gefühle spielt ! Uebrigens , einmal so ausstaffirt von der Zeit , in der ihm seine Rolle überkam , nimmt sich der Comthur in dem steifen Prunk vornehmer Grundsätze weder lächerlich noch dürftig aus . Er imponirt und zieht , wegen der unverkennbaren Wahrheit einer zweiten , angebildeten und angewöhnten Natur , wie ein Räthsel , aus dem man klug werden möchte , jedweden an . Was würde deine psychologische Spurkraft hier nicht alles von Originalität und bizarren Elementar-Mischungen träumen . Ich , für meinen Theil , hege einen andern Glauben . Originell ist in solchem Wirrwarr nichts . Das sind unverdaute Brocken schlecht gehandhabter Weisheit , die das Leben so lange beschweren , bis dieses sie wieder auswirft . Grundsätze sind nur dann originell , wenn sie durch starke , eigenthümlich herrschende Gefühle erzeugt , eine Rechtfertigung derselben werden . Was die ganze übrige Welt verwirft , findet in der anders gestellten Ueberzeugung Schutz , und deshalb wird diese so trotzig und unbeugsam . Wenn die sturmgepeitschten Wogen das Schiff krachend gegen ein Eiland werfen , so betrachtet sich die gerettete Mannschaft als Herr des gleichsam eroberten Bodens , und gründet nach eigenen Gesetzen ein neues Reich , eine neue Heimath , welcher Noth und Willkühr den Zauber der ursprünglichen leihen müssen . Ohne Umsprung des Geschicks , ohne Gewitter der Leidenschaft , zerfällt Niemand mit der Ordnung der Natur . Aus diesem Quell entspringen aber nur sehr selten Abweichungen . Es giebt so selten starke Gefühle , wie starke Menschen . Das Geschick der Meisten gleicht sich auf ein Haar . Dadurch kommt nichts Neues in das Leben . Es ist immer das Alte , das nur dann überrascht , wenn es um ein Jahrzehend zurück , den vergessenen Rock zwischen einem modernen Costüm blicken läßt . Da ist es alt ! Der arme Comthur ist übrigens in den verwachsenen Kleidern auch nicht auf Rosen gegangen . Es ist nicht leicht , das Unnatürliche mit sich selbst in Uebereinstimmung zu bringen . Der Mann weiß heute zur Stunde noch nicht , was er auch sagen mag , ob er recht oder unrecht daran gethan hat , den Bruder aus der väterlichen Erbfolge auszuschließen . Deshalb mein Besuch hier . Mir ist die ganze Geschichte fatal . Ohne dies Verhältniß zu Emma und die unruhige Geschäftigkeit ihrer Mutter , die sehr geschickt die Muße und den Verstand einer Stiftsdame zu ihren Zwecken benutzte , wäre es niemals dahin gekommen . Noch einmal , ich bin hier ! und werde der Erbe eines reichen Mannes auf Kosten entfernter Vettern , die gewiß eine andere Rechnung gemacht hatten . Meine Ankunft , wie mein Aufenthalt , ruht eben dieser Vettern wegen unter einer Art geheimnißvollem Schleier . Ich zog in der Nacht hier ein . Den Wagen , der mir entgegen geschickt wurde , benutzte ich nicht . Ich blieb zu Pferde und ritt bescheiden hinter des Oheims Equipage . So ist auch ungefähr mein Benehmen geblieben . Das heißt , ich stelle nichts vor und lasse mich vorstellen . Unsere erste Zusammenkunft war von beiden Theilen steif . Das konnte nicht anders sein . Der Comthur ist von Natur ein wenig allzu hoch , für einen Sinn , wie der meinige . Ich bin immer ich selbst . Wir fanden uns gegenseitig nicht besonders befriedigt . Indeß hege ich niemals Groll gegen einen Menschen . Meine Brust hat keinen Raum für ein rein gehässiges Gefühl . Und Gründe , es zu erzeugen , fallen stets durch ruhige Betrachtung des Zusammenhangs feindlicher Verhältnisse , in Nichts zusammen . Ich sehe die Dinge wie sie sind . Damit hat in der Regel die Critik ein Ende . Ich bin fertig in mir , und lasse es gut sein . Diese ruhige Stimmung macht mich unbefangen . Ich streite nicht mit dem alten Manne . Wir nähern uns durch Gewohnheit . An Emma habe ich geschrieben . Das vermittelnde Stiftsfräulein ist zu ihrer Mutter gereis ' t. An dem ganzen Gewebe fehlt nichts mehr , als daß es aufgerollt wird . Der Comthur hat schon Hand daran gelegt , und ich bin nun mit meinem Geschick am Ziele . Das wäre ja wohl ungefähr das Wesentliche , was ich von mir zu melden hätte ! Historisch betrachtet , ganz erstaunt viel ! Für mich selbst , unglaublich wenig . Ich kann Dir nicht sagen , wie lächerlich mir zuweilen all die Anstalten für das Leben erscheinen . Dies selbst geht darüber hin . Das Lästige bleibt auf den Schultern liegen . Der unbefangene Genuß verflog , ehe man ihn kennen durfte . Ich wünsche Dir Glück zu Deiner Freiheit . Halte sie in Ehren . Verschleudre sie um kein Schaugericht . Man wird nicht satt davon . Elise an Sophie Ihr Geheimniß ist am Tage . Es verlohnte nicht der Mühe , die Maske anzulegen . Eine Heirath bringt man auch wohl sonst zu Stande . War der Roman seinem Ende so nahe , wozu die Aufmerksamkeit , durch den Schein des Besondern , auf höchst gewöhnliche Verhältnisse lenken ? Es hat mich verdrossen , daß ich mich anführen ließ . Zuletzt lachte mich die Gräfin , mit ihrer gewöhnlichen guten Laune , darüber aus . Ich lache mit ; eigentlich ist es mir aber nicht so ums Herz . Sie hat richtig , wie ich ' s dachte , den ganzen Zusammenhang ausgespürt . Vorigen Sonnabend ging ich Nachmittags mit Georg den Weg nach der Stadt , Eduard entgegen , der früher als sonst von dort zurückzukommen gedachte . Es währte auch nicht lange , so entdeckten wir in der Ferne einen Wagen , der auf uns zukam . Ich setzte mich mit dem Kinde auf die Steinbank , seitwärts unter den Kastanien , nieder . In einer Wolke von Staub gehüllt , rasselte die offene Chaise heran . Allein , statt Eduards grauem Reisemantel und lederner Schirmmütze , leuchteten mir so viel bunte Bänder , flatternde Swahls und modische Sommerhüte entgegen , daß ich nicht länger an meinen ehrbaren Präsidenten in seiner preoccupirten Vortragslaune denken konnte , sondern neugierig den Vorüberfliegenden nachsah , die sich weit aus dem Schlage herauslegten , und mich in ihren lebhaften Begrüßungen , meine Nachbarinnen erkennen ließen . Ich mußte lachen , wie diese Leute die Residenz mit allem modischen Zwange auf jedem Fleck der Erde , auf Reisen , wie in das freie Landleben hinter sich her schleppen . Indeß flimmerten die bunten Schmetterlingsflügel doch ganz lustig an dem melancholischen Abendhimmel vorüber , und mit einer Art von Freude , fühlte ich , durch ihre Nähe , meine Einsamkeit unterbrochen . Am folgenden Morgen erhielt ich denn auch schon von der Hand der Gräfin in zwei eben so flüchtigen als verbindlichen Zeilen , die Anzeige ihrer Rückkehr , und das Versprechen ihres nahen Besuchs . Ich kam diesem zuvor , und war gestern in dem grünen Ulmenstein , wo alles lacht , der Garten mit seinen hellen Teichen , das Schloß , die moderne Einrichtung , die eleganten Besitzer , die flinke Dienerschaft , bis auf den Papagey im Messingbauer auf der Terrasse . Die Gräfin war entzückt über die allerliebste Leichtigkeit , wie sie sich ausdrückte , mit der ich Rücksichten bei Seite zu schieben und Verhältnisse nach Gefallen zu handhaben wisse . » Sie beschämen und ehren mich zugleich , sagte sie , denn indem sie mich aufsuchen , lassen sie mich mit meinem Unrecht ihre Nachsicht empfinden , die nur den schmeichelhaften Grund freundschaftlicher Vorliebe haben kann , und sie zum Engel und mich zu ihrer Sclavin macht . « Ich kenne ihre extravagante Art , sich auszudrücken . Sie gehört zu ihr . Gehe ich auch nicht in den Ton ein , so verstehen wir einander vielleicht darum um so besser . Sie weiß , wie ich ' s nehme , und ich , wie sie es giebt . Als sie mein einfaches , percale Kleid und den Strohhut mit gelbem Bande , wie ich beides Tag für Tag auf dem Lande trage , reizend genannt , den Fall der Locken , den Schnitt der Halskrause durch alle Prädicate gelobt hatte , gab ich ihr für so viel unverdienten Beifall , durch das ungeheuchelte Erstaunen über die vortheilhafte Veränderung ihrer beiden Töchter , meinen Dank zu erkennen . In der That hätte ich es für unmöglich gehalten , daß einzig der Wechsel äußerer Beziehungen , in einem Zeitraume von zwei Monaten diese Umwandlung hervorbringen könnte . Ich mußte mir jetzt die bleichen , nüchternen Gesichtchen zurückrufen , die so lang und so unbedeutend zwischen dem gescheitelten hellen Haar hervor sahen , die so characterlos schienen , daß ich immer Eins mit dem Andern verwechselte . Zwei ganz andere Personen standen in der frischen Toilette , den reich und modisch geordneten Locken , in dem besondern Hauch , warm zurückstrahlender Lebensverhältnisse , frei und gefällig vor mir . Die schüchtern gesenkten Augen hoben sich lachend aufwärts . Es spiegelte sich Bewußtsein und Erwartung darin . Sie faßten ihren Gegenstand und hatten Farbe und Glanz . Auch die Lippen blieben nicht länger verschlossen . Die Mutter horchte lächelnd auf das , was sie sagten . Die Anerkennung der Gesellschaft hatte augenscheinlich das Maaß der ihrigen bestimmt . Es war nicht mehr sie allein , sondern sie in den Töchtern , welche Aufmerksamkeit und Bewunderung erwartet . Solch Untergehen einer Persönlichkeit in die andere , läßt die Eitelkeit nichts in den Tagen entbehren , wo sie sonst nur empfindliche Kränkungen erfährt . Die Gräfin schien mir mehr als je mit der Welt zufrieden . Ueberall faßte sie nur die Lichtseiten derselben auf , und wußte so viel Leben und Interesse hinein zu legen , daß sie Nahes und Fernes , in einer gewissen gemüthlichen Beweglichkeit , durch ihre Unterhaltung fließen ließ . Hierbei kommen denn auch die Neuigkeiten der Nachbarschaft zur Sprache . » Mein Gott ! « rief sie plötzlich , wie von der Wichtigkeit des Gegenstandes auf Vorwurfs ähnliche Weise an ein unverzeihliches Vergessen erinnert . » Mein Gott , und nicht ein Wort von dem Neffen des Comthur , und den geschickten Machinationen ihrer Freundin Sophie ? « » Von welcher Art sind diese ? « fragte ich , in höchster Unwissenheit alles dessen , was hierauf Bezug hatte . » O gehen Sie ! gehen Sie ! lachte die Gräfin . Spielen Sie doch nicht die Zurückhaltende gegen mich . Die Geschichte ist ja die Neuigkeit des Tages . « » Bis zu mir kam sie nicht , « versicherte ich sie . » Und doch ist Ihr Mann um nichts Geringes dabei im Spiele , versetzte sie spöttisch . Wie pflichttreu der ehrliche Präsident auch sein mag , fügte sie hinzu , so wird er doch seiner allerliebsten kleinen Frau nicht die Mittheilung eines sehr besondern Romans vorenthalten haben ? « Als ich sie vom Gegentheil auf eine Weise überzeugte , die ihr keinen Zweifel ließ , rief sie lachend : » Von was in aller Welt , spricht denn der ernsthafte Mann mit Ihnen , wenn ihm auch seine Geschäfte nicht Stoff dazu bieten dürfen ? « Ich umging die Antwort durch ein Paar allgemeine Epigramme , gegen die Ehemänner . Sie fand das köstlich , Agathe und Rosalie wollten sich halb todt lachen , und ich kam wieder auf den Neffen und den Oheim zurück . » Nun , fiel die Gräfin schnell ein , mit dem hat es folgende Bewandniß : Sein Vater , als der ältere Bruder unsers Nachbars , war der Erbe eines ansehnlichen Majorats , um das er sich durch eine voreilige und heimlich vollzogene Heirath , mit einem protestantischen Fräulein , brachte . « » Heimliche Heirath ! « unterbrach ich sie . Mir fiel die Erzählung der Amtmännin ein . Jetzt verstand ich den wehmüthigen Antheil des Schloßgastes , an ihrem Tode . Die Gräfin mochte die verwundernde Ausrufung anders deuten . » Nun , nun , lächelte sie , erschrickt Ihre strenge Tugend selbst vor dem gesetzlichen Auswege aus dem Labyrinth der Leidenschaft ? wie werden Sie erst den Stab über diejenigen brechen , welche sich auf immer in demselben verirrten . « » Ich breche über Niemand den Stab , entgegnete ich . Ich bedauere im Gegentheil alle , welche sich aus Vorliebe für träumerische Einbildungen auf eine Art täuschen , die ihnen Nachtheil bringt , denn ich glaube nicht an ein Ueberschwängliches , das den Meister über uns spielen kann , die Wirklichkeit zeigt es uns nur in karikirten Kopien verführerischer Romane , aus denen immer bei weitem mehr Sehnsucht nach dem Ungewöhnlichen als lebendige Wahrheit spricht . « » Im Grunde haben Sie vollkommen recht , stimmte die Gräfin mir bei , aber sagen Sie , was Sie wollen , Romane unterhalten außerordentlich , und die kleinen Kopien davon im Leben sind hübsch , wie viel Thorheit und Selbstbetrug dabei auch im Spiel sein mag . « Sie lachte bei diesen Worten , wie durch angenehme Erinnerungen erheitert . Die jungen Mädchen lachten mit ihr . Ich mußte über die Unbefangenheit erstaunen , mit der die allzu jugendlich gebliebene Frau , sich in Gegenwart ihrer Töchter , rücksichtslos äußerte . Allein , sie läßt niemand lange auf demselben Fleck stehen . Sogleich war sie wieder bei dem neuen Ankömmling , bei den Verwirrungen und Aussöhnungen in seiner Familie , die sie weit mehr beschäftigten ,