« versetzte Ben David : » Das ist ein Pferd ! Gott ! ich habe Euch gestern reiten sehen , als der heilige Martin in der Procession . Ihr ward so stattlich , und das Pferd so geputzt und so blank ; ... nein ! einen solchen Gaul gibt man nicht her ! « - » Wie soll ich aber aus dem verdammten Worms kommen ? rief der Junker : Willst Du die Bürgschaft der Herren von Eppstein , von Hornberg und von Hyrzenhorn ? « » Was soll mir die Bürgschaft von diesen Herren ? « fragte Ben David : » Sie sitzen mir zu hoch , und haben mich selbst schon zu oft gepfändet , als daß ihr Wort mir ein gültig Pfand seyn könnte « Ja , - wenn es der edle Herr von Dalberg wäre , der wackre Kämmerer von Worms , unsers Glaubens Beschützer ; .. oder nur der Meister Trautwein , .. aber .. setzte er lächelnd hinzu : » Der Erste kennt Euch nicht , und der Zweite ist zu klug , um jemals sich zu verbürgen . « » Kreuz und Dorn ! « fuhr Gerhard auf : » Mach ' mich nicht wild , elender Hundsjude . Ich will Dich lehren , mein adelich Wort zu ehren . Zur Stelle wirst Du mir gehorsamen ! Einem Fürsten oder dem Krämermagistrat einer Reichsstadt seyd Ihr gleich zu Willen mit Geld und Gut . Aber einen wackern Edelmann laßt Ihr verderben . « Der Jude zuckte die Achseln . » Fordert die Stadt unser Geld , « sprach er kalt : » so gehts mit Stürmen los auf unsere Habe , und der Gewalt weichen wir . Der Kaiser gibt uns Schutz , und nennt uns seine Kammerknechte ; und da wir zufrieden sind , wenn wir athmen dürfen , wenn gleich als Knechte , so geben wir gern dafür , was unser ist . Dem einzelnen steht aber nicht die Befugniß zu , uns gewaltsam zu plündern , zum mindesten nicht in Worms , wo wir eines billigen Schutzes uns erfreuen . « - Bei diesen Worten näherte er sich der Thüre , um das Gemach zu verlassen . Gerhard jedoch , von der Nodwendigkeit des Augenblicks bedrängt , wollte ihn aufhalten , und gab von seiner Störrigkeit vieles nach , indem er ihm sagte : » Es war nicht so übel gemeint , Ben David . Du solltest aber auch einen ehrlichen Mann nicht so lang auf die Folter legen . « » Alle Ehrfurcht vor Eurer Ehrlichkeit ; « erwiederte der Jude : » aber Euer Benehmen macht mich nicht lüstern auf ihre nähere Bekanntschaft . « » So laß doch mit Dir reden ; « fuhr Gerhard fort , ihn zurückhaltend . » Ich will mit Dir handeln , wie ich es mit einem braven Christen thun würde , und mit einem ebenbürtigen Manne , während Du doch keiner von Beiden bist . Ich verschreibe Dir Zins und Rückzahlung bis zum Sonntag Lätare , kommenden Jahrs mit meinem Namen und Wappen ; und mit der Klausel , daß , wofern ich Dir bis dahin nicht gerecht werden könnte , ich , mein Einlager mit zwei Knechten und drei Pferden hier im Rebstock halten will , bis Du befriedigt bist . « » Ei ! ei ! bei meinem Bart ! was muthet Ihr mir zu ? « fragte Ben David . » Da säßen zwein im Unglück statt des Einen . Ich , weil Ihr mir meine Schuld nicht bezahlt , - der Wirth , weil Ihr Euer Einlager nicht bezahlt . Nein ; bin ich gleich ein Jude , will ich doch nicht einen braven Christen , wie diesen Rebstockwirth , in Schaden bringen . Ich sehe schon ; Ihr würdet mir noch anbieten Eure Hausfrau als Pfand , wenn Ihr nicht unbeweibt wärt . Gott befohlen ! « » Jetzt hast Du Zeit zu gehen , verdammter Spötter ! « tobte der Junker , und erwischte sein großes Fechterschwert , das er drohend gegen den Juden schwang : » Hinaus ! oder ich lege Dir den Solinger so um die Ohren , daß du vielleicht nachher keine Spur von ihnen findest ! « Ben David wollte schnellfüßig aus der Thüre . Indem sprang aber der kleine Hans , der bisher hinter dem Kachelofen gelauscht hatte , ängstlich schreiend hervor , und hing sich an Gerhard , entsetzt von dem gewaltig drohenden Schwerte , und einen schrecklichen Auftritt fürchtend . Der Junker hielt inne , und beugte sich zu dem Knaben , ihn zu beruhigen . Während dessen hatte aber Ben David einen Blick auf den Letztern geworfen , einen Augenblick theils überrascht , theils überlegend verbracht , und sich endlich wieder gelassen über die Schwelle in das Zimmer verfügt . » Was willst Du noch hier ? « schnauzte ihn Gerhard an , als er nach flüchtiger Liebkosung des Findlings wieder in die Höhe sah . » Mit Verlaub , gestrenger Herr ! « sprach Ben David , das linke Auge auf den Erzürnten , das rechte auf das Kind richtend : » Ist das Euer Knabe ? « » Kümmerts Dich ? « fragte Gerhard , wie oben . - Der Jude verneigte sich geschmeidig , schüttelte leicht den Kopf . » Um des Knaben Willen möchte ich dann mit Euch ins Reine kommen . « Fuhr er fort . - » Ich bedaure ; « versetzte Gerhard : » Der Knabe ist nicht mein ; obendrein eine sehr unnütze widerliche Last . « » Eine widerliche Last muß man sich schaffen vom Halse ; « meinte Ben David und erkundigte sich , neugierig , nach seines Volkes Sitte , um die nähere Bewandtniß , die es mit dem Kinde habe . Gerhard machte auch kein Geheimniß aus der Art , wie er zu demselben gekommen , und aus seinen Mittheilungen , wie unvollkommen sie auch seyn mochten . Der Jude hörte aufmerksam zu , und in den Muskeln seines Gesichts zeigte sich eine auffallende Bewegung , die einem bessern Menschenkenner , als es Gerhard war , unmöglich hätte entgehen können . Gleichgültig jedoch , dem äußern Anscheine nach , wiegte er den Kopf und sprach , nachdem Gerhard geendet : » Es ist seltsam , wie das zusamentrifft . Der Knabe hat nicht Vater , nicht Mutter , denn die ihn böslich verlassen hat , ist so gut als todt . Und zufälligerweise kenne ich eine traurende Mutter , die geben würde , was in ihren schwachen Kräften steht , könnte sie einen Sohn dafür erhalten , in dem gleichen Alter dessen , den ihr ein frühzeitiger Tod entriß . Ueberlaßt mir und der jammernden Mutter diesen Verstoßnen , damit er noch werde die Freude eines Menschen , und einstens stehe an seinem eigenen Herde . « » Ists eine Christin doch , der Du das Kind bestimmst ? « schon zu der Ansicht des Juden sich neigend . » Die Rechtgläubigste ; die Wittwe Schechlerin in Friedberg , « versetzte Ben David . » Sie besitzt einen kleinen Kram , der gerade hinreicht , sie zu ernähren , und den Knaben . « » Die Waise zwingst Du nicht zum Judenthum , und schwörst mir ' s zu ? « fuhr Gerhard fort , der sein erwachendes oder zweifelndes Gewissen durch leere Form zu beschwichtigen dachte . » Bei dem Haupte meines Vaters schwör ichs Euch ! « entgegnete Ben David sehr ernst : » Wie könnte ich wohl einst eingehen in ' s ewige Jerusalem , hätte ich mit Vorbedacht einen Menschen elend gemacht ? Der Elendeste aber auf Erden ist ein Jude . « » Ja wohl , ja wohl ! « entgegnete Gerhard , den Sinn von Ben Davids Worten nicht begreifend , mit verächtlichem Blicke : » Damit wir aber schnell in ' s Reine kommen , ... zahle fünfzig Turnosen , und führe den Knaben hinweg . « » Fünfzig ? Du Herr meines Lebens ! « rief der Jude , wie im größten Erstaunen die Hände zusammenschlagend : » Wo denkt Ihr hin , lieber Herr ? Von zwanzigen war bis jetzt die Rede ; wie soll ich zu fünfzigen ... « » Dort ist die Thüre ! « erwiederte Gerhard trocken , und kehrte ihm den Rücken . Ben David ging aber nicht , sondern kam näher : » Als ich gebe dreißig Turnos , gebe ich Alles und Alles , was in meiner Macht steht ! « » Schmutziger Schacherer ! « versetzte Gerhard : » einen Menschen verkauft man nicht um solch elendes Geld . « » Ich wette doch , « sprach Ben David ironisch : » Ihr verkauft mich um ein Geringeres . « » Um das Vergnügen , Dich zwischen zwei Hunden aufhängen zu sehen ; « brummte der Junker : » Du hast recht . Aber einen Christen verhandelt man nicht um dreißig Silbergroschen . « » Hat denn nicht Judas den ersten aller Menschen , Euern Herrn , den Born alles Christenthums um gleiches Geld weggegeben ? « fragte Ben David . » Es konnte auch nur ein Jude solchen Handel treiben ! « polterte Gerhard , roth werdend vor Zorn : » und jetzt packe Dich . Ich fürchte ohnehin , daß ich Sünde thue , wenn ich dieß junge Leben Deiner graugewordenen Verworfenheit überlasse . « Ben David zuckte die Achseln , schlug seufzend die Augen gen Himmel , stellte sich hierauf zum Tische , langte aus seinem Zwerchsack einen nicht übermäßig gefüllten ledernen Beutel hervor , und begann Geld aufzuzählen . Gerherd spielte hiebei den Gleichgültigen , obgleich er im Innern bereits an seinem Siege frohlockend zehrte ; der Knabe , der arme Unschuldige , um dessen Haut und Haar der ganze böse Handel ging , ergötzte sich mit kindischer Lust an dem Glanz der Silberstücke , die aus des Juden hagern Fingern auf den Tisch rollten , und sehr langsam und sehr bedächtig von ihrem bisherigen Besitzer in Reihe und Schnur gestellt wurden . Gerhard konnte nur mit Mühe bei dieser geflissentlichen Langsamkeit seine Ungeduld bändigen . Endlich schüttelte der Jude den leeren Beutel , und sprach : » Seht da mein ganzes Vermögen : zweiundvierzig Turnosen - nicht mehr , und nicht weniger als Alles , was ich habe . Wollt Ihr ' s , so nehmt . Die fünfzig kann ich nicht voll machen . « » So trolle Dich , und versieh Dich ein Andermal mit mehrerem Gelde , wenn Du zu einem Edelmann gerufen wirst ; « antwortete Gerhard kalt , der nun die Handlungsweise seines neuen Bekannten begreifen lernte . » Ich kann nicht mehr geben ; « fuhr der Jude fort : » Ich habe nicht mehr , als das und mein Leben . « » So behalte Beides in Gottesnamen und scheere Dich fort ! « versetzte der Junker mit immer größerer Zuversicht . - » Ich finde einen andern . « » Ihr seyd ein böser Kaufmann ; « meinte Ben David und stellte sich , als wollte er das Geld zusammenraffen . Da ihn aber Gerhard von diesem Thun nicht abhielt , so ließ er es bleiben , und holte statt dessen einen wollenen Lumpen aus seinem Sacke , in welchem sich mehr Geld eingeschnürt befand , als in dem geleerten Beutel gewesen war . - » Seht , « fuhr er fort : » wozu mich Eure Hartnäckigkeit verleitet . Das ist anvertrautes Geld , und ich muß davon entwenden acht Turnos , um sie Euch zu geben . Ich möchte mich selber schlagen in ' s Gesicht , daß ich das thue , aber ich bin zu freundschaftlich für Euch gesinnt , als daß ich Euch nicht helfen sollte aus der Noth . « - Die fünfzig Turnosen waren voll , und behaglich lächelnd strich der Junker das Geld ein . - » Für das Geld den Knaben , « sprach er : » auf Nimmer wieder zu erstatten ; aber erkundigen werde ich mich zu Friedberg , wie Du den Knaben versorgt . « » Das könnt Ihr , « antwortete der Jude mit aller Aufrichtigkeit : » Ich schenke dem Knaben eine wackere Mutter . Komm , Bübchen ! « Der Kleine weigerte sich anfänglich . » Der Mann bringt Dich zur Mutter ! « redete ihm Gerhard zu . - » Ich will , lieber bei Dir bleiben ; « meinte das Kind . - » Aber auch zur Gundel und dem kleinen Hänschen ! « setzte Gerhard bei . Der Jude nickte freundlich grinsend zu dieser Zusage , und der Knabe war schnell für den neuen Führer gewonnen . Fröhlich hieng er sich an seine Hand , und eilte , ohne viel Abschied zu nehmen , mit ihm von dannen . So springt das unschuldige Lamm neben seinem Herrn dahin , in harmloser Fröhlichkeit , .. nicht wissend , wird es zur lustigen Weide , wird es zur Schlachbank gebracht . Zweites Kapitel . Ein schlicht Gewand Deckt in der Welt Gar oft den Mann Der in der Hand Den Zepter hält Wie ' s ihm gefällt : Wer sieht ' s ihm an ? Ballade . » Schon gesattelt und aufgezäumt ? « fragte ein junger lebhafter Mann von ausnehmend schöner Gestalt und vornehmem Wesen den Knecht des Junkes von Hülshofen , der den erlösten Gaul mit der Reisedecke schmückte . - » Dachte nicht , daß es schon so weit seyn würde , nachdem was ich gehört ! « - Sprachs , und stand mit wenig Sprüngen in der Maienstube vor dem Edelknecht . Dieser saß bei einem Paßglase Malvasier , und kanzelte den demüthigen Wirth zum Rebstock auf gut deutsch ab , wegen seines unziemlichen Benehmens gegen fremde ehrsame Edelleute . Da er jedoch des Besuchs ansichtig wurde , schickte er kurz abbrechend den Kneipenmeister zum Teufel , und wendete sich in der fröhlichsten Laune zu dem Jüngling . » Sieh da ! « sprach er : » Edles Herrlein , seyd willkommen . Habt doch Wort gehalten , ob schon Ihrs im Martinsjubel gabt . Ihr verschmäht es nicht , in der Gesellschaft eines alten Schrankenraufers zu reiten , der Wappen und Freiheit an Eure Stadt verkaufen mußte , um schnöden Sold . « » Ei warum denn , possierlicher Mensch ? « fragte der Jüngling . » Wer mir auf der Lebensbahn aufstößt , lustig , wohlgemuth wie ich , ist vor Allen mein lieber Gesellschafter , er schaue nun unter einer Grafenkrone , einer Fechterhaube , oder einem Gugelhute hervor . - Alter Degenknopf ; ich habe von Deinem gebrannten Herzeleid gehört , und bin gekommen , Dich zu befreien aus den Schlingen der Edomiter , die gar zu gern einhergefahren wären auf Deinem Turniergaule ! « - Hier klimperte er dem Gerhard gar anmuthig mit einem gefüllten Beutel vor den Ohren . - » Ich komme jedoch zu spät , wie ich zu meiner Freude sehe . Wie ist es Dir möglich geworden , Du durchlöchertes Sieb , dem Handel so schnell ein Ende zu machen ? « Gerhard erzählte lustig , locker und frech in der Freude seines Herzens die Art , wie er zu dem Gelde gekommen . Des Jünglings Gesicht verfinsterte sich jedoch gewaltig , und ungeduldig stampfte er mit dem Fuße , da Hülshofen geendet . - » Pfui ! pfui ! und abermals pfui ! « rief er : » Zerbrich Dein Wappen und Dein Schwert , Du geldsüchtiger alter Mensch ! Bist Du nicht schlechter als der Jude , der doch nur eine Christenseele kaufte , die Du verschleudert hast ? Gerhard ! ist das eines Edelmanns würdig ? Wärst Du bei Deinem Steigbügel zu Gaste gegangen , wie die lockern Gesellen , die gestern im Rosengarten mit Dir zechten , hättest Du die Marktschiffe geschunden , wie der grausame Hans von Rudenkheim , dessen Rückinger Schloß mein Vater vor zehen Jahren niederbrennen half , - hättest Du mit Scharlach gehandelt auf offner Landstraße , ich würde um Alles dieß Dich weniger gescholten haben , als um eines Menschenverkaufs willen ; denn der ist vor allen unritterlichen Streichen der unritterlichste . « » Noth kennt kein Gebot ; « meinte Gerhard . » Hättet Ihr gesehen , wie mich der Wirth beschimpfte , hättet Ihr gesehen , wie meine lieben Freunde mich sitzen ließen , - hättet Ihr empfunden , wie kalt dieser Ofen und wie leer mein Magen war ; Ihr würdet glimpflicher mit mir verfahren . « » Einem Juden ? « fuhr der junge Mann fort : » Der arme Junge ! Ich war ja dabei , als Du ihn gefunden . Noch sehe ich sein holdes Antlitz ; ich empfahl ihn Dir noch auf das Beste , da ich Dich trunknen Mann an der Hausthüre Deinem Knechte überließ ; aber was hilft das Alles ! Verschachert wie Joseph an die Kinder Ismaels ! Nun , wart , wart ! alter Luxbruder ! Der heilige Martin wird Dir ' s gedenken , wenn die Seele eines Christen durch Dich zum Teufel fährt . « » Ei nun ; « erwiederte Gerhard : » so überlaßt es auch dem heil . Martin und brummt nicht mit mir . Was soll das Hadern ? Laßt uns den Span in Minne beilegen , und zu Gaule steigen . Geld klingt in der Tasche , und überall stehen die Fässer uns offen . Seyd Ihr schon reisefertig ? « » Mein Pferd steht vor meiner Herberge ; « antwortete noch etwas finster der junge Mann ; » laßt uns dort den Valettrunk halten , denn von Deinem mit Christenblut bezahlten Sekt nehme ich keinen Tropfen an . « Der Vorschlag wurde von dem trinklustigen Gerhard recht ausführbar befunden , und die Beiden begaben sich auf den Weg . Der lange Vollbrecht , ohnehin zum Fußmarsch verdammt , machte sich eilends zum Thore hinaus , während die Herren noch lustig im Rosengarten sich zutranken . Die rothwangige Tochter des Hauses kredenzte den feurigen Wein , und entzückte durch ihre Liebenswürdigkeit den jungen Mann dergestalt , daß er den Arm um ihren schlanken Leib legte , und sich theuer vermaß , er wolle ihrer selbst im Getümmel der Feste zu Costnitz eingedenk seyn . » Ei , seht doch ! « schäckerte die erfahrne Dirne : » Der Junker will wohl gar noch läugnen , daß er in Frankfurt eine schöne Amrie zurückgelassen , daß vielleicht in Costnitz eine zweite seiner harrt . « Der Junker fuhr sich unmuthig über die Stirne . » Was schwatzest Du da für Zeug , tolles Mädel ! « rief er : » Man muß Deine Schönheit schätzen , wie ich , um Dir Deine Unverschämtheit so hingehen zu lassen ! « » Nur nicht böse , lieber Herr ! « bat Dorothea : » Es ziemt mir freilich nicht , also mit ritterlichen Leuten zu scherzen , allein dem willkommnen Mund verzeiht man öfters eine unwillkommne Rede . « - Sie bot dem Jüngling die frischen Lippen zum Kuß , der auch nicht verweigert wurde . - » Ihr dürft Euch übrigens , « fuhr sie fort , » im Ernste darauf gefaßt machen , Euer Herz in Costnitz zu verlieren , wäre es auch ganz allein an die schöne Fremde , die gestern einen Augenblick hier still hielt auf ihrer Reise nach Costnitz , und trotz der stark einbrechenden Nacht alsobald weiter fuhr . Sie darf Euch dort begegnen , und Ihr seyd unwiederbringlich verloren . « » Eine schöne Fremde ? « fragte der Jüngling begierig . » Jungfrau oder ... « » Ein Fräulein ist sie wohl nicht , denke ich ; « erwiederte das schlau lächelnde Mädchen : » aber eine Wittib ganz gewiß , eine junge schöne Wittib , der das schwarze Trauergewand unvergleichlich zu den dunkeln Augen steht . « » Eine Frau in Trauer ? « fragte Gerhard begierig : » die nur einen Augenblick halten ließ ? « » Ja ; sie ließ sich nur einen Trunk Weins belieben , und fuhr schnell von dannen . Ein Fuhrknecht und eine junge Gürtelmagd waren ihre ganze Begleitung . « » Sie ist ' s ! ohne Zweifel ! « schrie Gerhard . » Der Zufall hilft uns auf die Sprünge ! « Dorothea staunte . » Auf welche ? « fragte der junge Mann ; und gab dem vorlauten Fechtbruder einen derben Rippenstoß , als dieser von dem gefundenen und verkauften Knaben anheben wollte . Gerhard schwieg bestürzt , und folgte ohne Widerrede dem Junkherr , denn , - nachdem er in Kürze von Dorothea erfragt , daß die trauernde Fremde in der That den Weg gen Costnitz genommen , und vermuthlich eine jener fahrenden Frauen sey , die des Gewinns halber die Kirchenversammlung mitzufeiern gedachten , - rasch zu Gaule stieg , und nebst seinem Begleiter Worms bald im Rücken hatte . » Sage mir aber ums Himmelswillen , « begann der Jüngling nach einer Weile unmuthig , » sage mir , ob Du rein des Satans bist , Du küpfriges Gefäß ? Erst verhandelst Du eine unmündige Seele an den Moloch , und hinterher willst Du durch Dein abgeschmacktes Gerede uns in den Mund der plauderhaften Dirne , vielleicht auf den Scheiterhaufen bringen ? « » Nun , nun , « fiel Gerhard begütigend ein : » Nur nicht böse ; meine Offenherzigkeit ist allzugroß , und wenn die Frau wirklich die Frau wäre ... « » Schweig ! « brummte der junge Mann : » Du wärst noch im Stande , der Nächstbesten auf den Kopf zuzusagen , daß sie ihr Kind ausgesetzt ; blos weil sie ein schwarzes Kleid trägt . Ich sollte mich billig aufs Neue gegen Dich erzürnen , Du Seelenverkäufer . « » Laßt ' s seyn , « meinte Gerhard . » Es kömmt bei dem Zanke nichts heraus , als viel Geschwätz , viel Galle , und am Ende Blut , wenn die Galle überläuft . Der heilige Martin wird die Sünde von mir nehmen , und damit genug . Laßt uns lieber von Eurem Herzlieb reden , das Ihr in Frankfurt zurückgelassen ; denn ohne Grund wurdet Ihr nicht roth , da das Kellerdirnel Euch auf das Kapitel brachte . « » Pah ! Schnurren und Flausen ! « lachte der Jüngling . » Jede Dirne träumt nur von Minne , und jeder gewäschige Hagestolz von unziemlicher Buhlschaft . Ich antworte Dir darauf Nichts , als daß ich zum Dienst des Herrn bestimmt bin , und also an kein Lieb zu denken habe . « Gerhard hielt plötzlich seinen Gaul an , stemmte beide Arme in die Seiten , und brach in ein unmenschliches Gelächter aus . » Ho ho ! « stammelte er unter demselben , und wischte sich die Lachzähren aus den Augen : » Erlaubt mir , daß ich lachend sterbe bei dem Gedanken , Euch dereinst im Chorrock mit geschorner Platte zu erblicken . « » Stirb zu , alter Pickelhäring ! « entgegnete ihm der Begleiter lustig : » Jetzt hast Du die beste Zeit dazu , denn ich ertheile Dir die Absolution in aller Form , und einen so nachgiebigen Beichtvater findest Du gewiß in Deinem ganzen Leben nicht mehr . - Was meinst Du aber mit Deinem Narrengelächter eigentlich . Denkst Du , ich würde mich schlecht ausnehmen im Meßgewand oder gar , wenn das Glück will , in der Inful ? « » Bewahre ! « versetzte der Hülshofen : » Ick bedaure vielmehr alle Dirnen und Frauen , die das Unglück haben , den Ort zu bewohnen , wo Ihr Chor singt , oder den Hirtenstab regiert . Es macht mir indessen Spaß , Euch mir im Pfaffengewand zu denken , da Ihr doch augenfällig in den Panzer gehört , - mit dem Rauchfaß bewaffnet , da Ihr doch den Flamberg führen solltet von Gott und Reichswegen ! - die Kerze in der Faust , die den Sperber zu tragen geschaffen ist . « » Hast Recht ; « sprach der Jüngling , ein wenig nachdenklich werdend : » aber was hilft all das Reden gegen Vatergebot und Muttergelübde ? Die gute Mutter ! Daß sie mich zur Welt gebracht , gab ihr den Tod ; doch um dem Himmel zu danken , daß er nur mich gesund und getrost erschaffen , vermählten mich ihm ihre sterbenden Lippen , und gerne schied sie dahin , weil ich nur athmete . Mein Vater - Du kennst ihn ja , - der alte Diether Frosch , stieß sich in meiner Erziehung wenig an den Schwur der Mutter , und ließ mich adeliches Gewerb lehren . Ich lernte reiten , fechten , wälsch , hungarisch und deutsch tanzen , Falken abrichten und der Jagd obliegen , die Laute spielen und den Ball schlagen . Nothdürftig begriff ich die Kunst des Lesens und Schreibens , und war weit entfernt , zu glauben , daß es jemals Ernst werden sollte mit dem Gelübde der Mutter . Aber , da mein Vater ein anderes Weib nahm , und mir eine böse Stiefmutter gab , wurde es anders . « » Glaub ' s ; « schaltete der Edelknecht ein : » Kann auch ein Liedlein singen , wie ' s den Kindern erster Ehe geht . « » Auf einmal war ander Wetter in unsrem Hause : « fuhr der junge Mann fort . » Die Stiefmutter ein blühendes rundes Weiblein , nicht älter denn ich damals gewesen - nämlich achtzehn Jahren mit Haut und Haar , zog ein in des Bräutigams Gut und Habe , - eine rüstige Abigail zu einem ergrauten David . Seinen Reichthümern hatte die arme Freiin ihre Jugend geopfert ; er hatte seine Selbstständigkeit für die Rosen ihrer Wangen hingegeben . Der Himmel der neuen Ehe war blau , so lang die Hochzeitsfeste dauerten , dann thürmten sich winterliche Wolken daran auf . Die Rosen wollten im Schnee nicht gedeihen ; sehnten sich nach einem andern Gärtner . Der Vater hatte nicht klug daran gethan , den erwachsenen Sohn im Hause zu halten ; und ... doch es gilt Dir gleichviel , wie es geschah , daß ich aus Liebe zum Vater mit der Stiefmutter in Unfrieden gerieth . « » Nur weiter ; ich begreife schon ; « versetzte Gerhard schelmisch lächelnd . » Mit einem Wort « : fuhr der Jüngling fort : » Plötzlich brach die alte Litanei los , von dem Gelübde der Mutter , von der Verpflichtung es zu halten , und da nach Verlauf eines Jahrs die Stiefmutter eines Söhnleins genaß , war mit einem Streich mein Schicksal entschieden . Meine Schwester älter als ich und kühner , hatte schon früher das väterliche Haus im Zwist verlassen , und an Thüringens Grenze ein Gut bezogen , das ihr ein Oheim geschenkt , der Prälat eines Klosters in Wälschland ist , und den sie um Schutz angefleht gegen die böse Mutter . Ich folgte ihr bald nach , und ward zu dem berühmten Predigermönch Johannes in Obhut gethan , der das Privium und Quadrivium volle fünf Jahre mit mir durchstöberte , und mich endlich auf den Punkt gebracht hat , wo man eingeht in das Pfaffenthum . Nun schrieb mein Ohm , der Prälat , dem Vater , und forderte ihn auf , mich ihm zu senden nach Costnitz , we er Pflichtswegen dem Concilio beiwohnt . Ich soll ihm gen Wälschland folgen , auf einer hohen Schule meine Studia vollenden , und durch seinen Einfluß einer fetten Pfründe gewärtig seyn . « » Wohl dem , der heiliger Verwandtschaft sich rühmen kann ; « meinte Gerhard . » Und so ließ ich denn Alles dahinten , « fuhr der Jüngling fort : » Haus und Hof und Geld und Gut gehört dem kleinen Bruder Johannes , und ich überlasse ihm Alles gern , denn er ist ein lieblicher Bube , sofern als ich mich seiner noch entsinnen kann , bevor er seiner Gesundheit halber weggethan wurde in die Kost zu einer Amme unfern des Königsteins . Mag er in Wohlstand leben , mag ihn die Mutter verhätscheln , und der Vater Abgötterei mit ihm treiben ; mir gleichviel . Mich ernährt fürder der Altar , und ein faules Chorherrnleben ist eben nicht das Schlimmste . « » Gott erhalte Eure Lustigkeit , Junker Frosch ! « rief Gerhard : » Mit Euren Schwänken helft Ihr Euch über Alles hinüber . Und Recht habt Ihr , beim Donner . ' Skommt nur darauf an , wie man die Sache nimmt . Seyd Ihr einmal Stiftsherr , hat ' s keine Noth . Die beste Tafel , die süßesten Weine stehen Euch zu Gebot . Dm Morgen verträumt Ihr im Chor , oder schwänzt die Kirche , habt Ihr gerade nicht Lust zum Singen und Plärren . Für die Vesper mögen die Kapläne sorgen , während Ihr in Edeltracht zu Pferde sitzt , oder hinter ' m Brettspiel , oder im kühlen Keller . Die Seelsorge kümmert Euch nicht ; Ihr habt nur die Mühe , das was Ihr gelernt , zu vergessen , und wenn Euch dann nach einem Tage voll Last und Plage Euer seidnes Lager aufnimmt , so finden sich auch wohl ein Paar schöne Arme , die Euch umpfangen , ohne daß der Leutpriester den Segen darüber sprach . « » Ei du ruchloser Gauch ! « lachte der Junker : » Also verunglimpfst Du das geistliche Leben ? « » Straft mich Lügen , wenn Ihr könnt ; « rief Gerhard in Eifer : » Tretet nur einmal in ein vornehm Gestift und Ihr werdet mehr noch sehen . Machen ' s doch die Pfaffen auf dem platten Lande auch nicht besser . Der Pfarrherr hält sein Lieb im Hause , der Vikar sucht es ausserhalb . Der Domherr sieht keine zehnmal im Jahre seinen Chorstuhl , und der Bischof