, wenn sie jener Nächte gedenkt , wo sie im stillen Kämmerlein , unbelauscht von der seligen Muhme , jene Schärpe flocht , deren freudige Farben sie heute aus ihren Träumen weckten ; wir lauschen nicht , wenn sie errötend und mit niedergeschlagenen Augen sich fragt , ob Bäschen Berta den süßen Mund des Geliebten richtig beschrieben habe ? II Steigt deine Hoffnung wieder ? Ist nicht dein Herz entbrannt ? Du fühlst dich , Jüngling wieder Im alten Schwabenland . G. Schwab Der festliche Aufzug , den wir auf den letzten Blättern beschrieben haben , galt den Häuptern und Obersten des Schwäbischen Bundes , der an diesem Tage , auf seinem Marsch von Augsburg , wo er sich versammelt hatte , in Ulm einzog . Der Leser kennt aus der Einleitung die Lage der Dinge . Herzog Ulerich von Württemberg hatte durch die Unbeugsamkeit , mit welcher er trotzte , durch die allzuheftigen Ausbrüche seines Zornes und seiner Rache , durch die Kühnheit , mit welcher er , der einzelne , so vielen verbündeten Fürsten und Herren die Stirne bot , zuletzt noch durch die plötzliche Einnahme der Reichsstadt Reutlingen den bittersten Haß des Bundes auf sich gezogen . Der Krieg war unvermeidlich , denn es stand nicht zu erwarten , daß man Ulerich , nachdem man so weit gegangen , friedliche Vorschläge tun werde . Hiezu kamen noch die besonderen Rücksichten , die jeden leiteten . Der Herzog von Bayern , um seiner Schwester Sabina Genugtuung zu verschaffen , die Schar der Huttischen um ihren Stammesvetter zu rächen , Dieterich von Spät11 und seine Gesellen , um ihre Schmach in Württembergs Unglück abzuwaschen , die Städte und Städtchen , um Reutlingen wieder gut bündisch zu machen , sie alle hatten ihre Banner entrollt und sich mit blutigen Gedanken und lüstern nach gewisser Beute eingestellt . Bei weitem friedlicher und fröhlicher waren bei diesem Einzug die Gesinnungen Georgs von Sturmfeder , jenes » artigen Reiters « , der Bertas Neugierde in so hohem Grade erweckt , dessen unerwartete Erscheinung Mariens Wangen mit so tiefem Rot gefärbt hatte . Wußte er doch kaum selbst , wie er zu diesem Feldzug kam , da er , obgleich den Waffen nicht fremd , doch nicht zunächst für das Waffenwerk bestimmt war . Aus einem armen aber angesehenen Stamme Frankens entsprossen , war er frühe verwaist von einem Bruder seines Vaters erzogen worden . Schon damals hatte man angefangen , gelehrte Bildung als einen Schmuck des Adels zu schätzen . Daher wählte sein Oheim für ihn diese Laufhahn . Die Sage erzählt nicht , ob er auf der hohen Schule in Tübingen , die damals in ihrem ersten Erblühen war , in Wissenschaften viel getan . Es kam nur die Nachricht bis auf uns , daß er einem Fräulein von Lichtenstein , die bei einer Muhme in jener Musenstadt lebte , wärmere Teilnahme schenkte , als den Lehrstühlen der berühmtesten Doktoren . Man erzählt sich auch , daß das Fräulein mit ernstem , beinahe männlichem Geiste alle Künste , womit andere ihr Herz bestürmten , gering geachtet habe . Zwar kannte man schon damals alle jene Kriegslisten , ein hartes Herz zu erobern , und die Jünger der alten Tubinga hatten ihren Ovid vielleicht besser studiert als die heutigen , es sollen aber weder nächtliche Liebesklagen , noch fürchterliche Schlachten und Kämpfe um ihren Besitz die Jungfrau erweicht haben . Nur einem gelang es , dieses Herz für sich zu gewinnen , und dieser eine war Georg . Sie haben zwar , wie es stille Liebe zu tun pflegt , niemand gesagt , wann und wo ihnen der erste Strahl des Verständnisses aufging und wir sind weit entfernt , uns in dieses süße Geheimnis der ersten Liebe eindrängen zu wollen , oder gar Dinge zu erzählen , die wir geschichtlich nicht belegen können ; doch können wir mit Grund annehmen , daß sie schon bis zu jenem Grad der Liebe gediehen waren , wo man , gedrängt von äußeren Verhältnissen , gleichsam als Trost für das Scheiden , ewige Treue schwört ; denn als die Muhme in Tübingen das Zeitliche gesegnete , und Herr von Lichtenstein sein Töchterlein zu sich holen ließ , um sie nach Ulm , wo ihm eine Schwester verheiratet war , zu weiterer Ausbildung zu schicken , da merkte Rose , Mariens alte Zofe , daß so heiße Tränen und die Sehnsucht , mit welcher Maria noch einmal und immer wieder aus der Sänfte zurücksah , nicht den bergigten Straßen , denen sie Valet sagen mußten , allein gelte . Bald darauf langte auch ein Sendschreiben an Georg an , worin ihm sein Oheim die Frage beibrachte , ob er jetzt nach vier Jahren noch nicht gelehrt genug sei ? Dieser Ruf kam ihm erwünscht ; seit Mariens Abreise waren ihm die Lehrstühle der gelehrten Doktoren , die finstere Hügelstadt , ja selbst das liebliche Tal des Neckars verhaßt geworden . Mit neuer Kraft erfrischte ihn die kalte Luft , die ihm von den Bergen entgegenströmte , als er an einem schönen Morgen des Februar aus den Toren Tübingens seiner Heimat entgegenritt , wie die Sehnen seiner Arme in dem frischen Morgen sich straffer anzogen , wie die Muskeln seiner Faust kräftiger in die Zügel faßten , so erhob sich auch seine Seele zu jenem frischen heiteren Mute , der diesem Alter so eigen ist , wenn die Gewißheit eines süßen Glückes im Herzen lebt , und vor dem Auge , das Erfahrung noch nicht geschärft , Unglück noch nicht getrübt hat , die Zukunft heiter und freundlich sich ausbreitet . Wie der klare See , der das heitere Bild , das auf ihn herabschaut , nicht minder freundlich zurückwirft , und mit diesen reizenden Farben seine Tiefe verhüllt , so hat gerade das Ungewisse dieser Zukunft seinen eigentümlichen Reiz . Man glaubt im Kopf und Arm Kraft genug zu tragen , um dem Glück seine Gunst abzuringen , und dies Vertrauen auf sich selbst gibt bei weitem mutigere Zuversicht , als die mächtigste Hülfe von außen . So war die Stimmung Georgs von Sturmfeder , als er durch den Schönbuchwald seiner Heimat zuzog . Zwar brachte ihn dieser Weg dem Liebchen nicht näher , zwar konnte er nichts sein nennen als das Roß , das er eben ritt und die Burg seiner Väter , von welcher der Volkswitz sang : Ein Haus auf drei Stützen , Wer vorn hereinkommt , Kann hinten nicht sitzen . Aber er wußte , daß dem festen Willen hundert Wege offenstehen , um zum Ziel zu gelangen , und der alte Spruch des Römers : » Fortes fortuna juvat « , hatte ihm noch nie gelogen . Wirklich schienen auch seine Wünsche nach einer tätigen Laufbahn bald in Erfüllung zu gehen . Der Herzog von Württemberg hatte Reutlingen , das ihn beleidigt hatte , aus einer Reichsstadt zur Landstadt gemacht und es war kein Zweifel mehr an einem Krieg . Der Erfolg schien aber damals sehr ungewiß . Der Schwäbische Bund , wenn er auch erfahrenere Feldherrn und geübtere Soldaten zählte , hatte doch in allen Kriegen durch Uneinigkeit sich selbst geschadet . Ulerich , auf seiner Seite , hatte vierzehntausend Schweizer , tapfere kampfgeübte Männer geworben , aus seinem eigenen Lande konnte er , wenn auch minder geübte , doch zahlreiche und tüchtige Truppen ziehen und so stand die Waage im Februar 1519 noch ziemlich gleich . Wo alles um ihn her Partei nahm , glaubte Georg nicht müßig bleiben zu dürfen . Ein Krieg war Ihm erwünscht ; es war eine Laufbahn , die ihn seinem Ziele , um Marie würdig freien zu können , bald nahebringen konnte . Zwar zog ihn sein Herz weder zu der einen , noch zu der andern Partei . Vom Herzog sprach man im Lande schlecht , des Bundes Absichten schienen nicht die reinsten . Als aber durch Geld und Klagen der Huttischen und durch die Aussicht auf reiche Beute bestochen achtzehn Grafen und Herren , deren Besitzungen an sein Gütchen grenzten , auf einmal12 dem Herzog ihre Dienste aufsagten , da schien es ihn zum Bunde zu ziehen . Den Ausschlag gab die Nachricht , daß der alte Lichtenstein mit seiner Tochter in Ulm sich befinde ; auf jener Seite , wo Marie war , durfte er nicht fehlen , und so bot er dem Bunde seine Dienste an . Die fränkische Ritterschaft unter Anführung Ludwigs von Hutten , zog sich am Anfang des März gegen Augsburg hin , um sich dort mit Ludwig von Bayern und den übrigen Bundesgliedern zu vereinigen . Bald hatte sich das Heer gesammelt , und ihr Weg glich einem Triumphzug , je näher sie dem Gebiete ihres Feindes kamen . Herzog Ulerich war bei Blaubeuren , der äußersten Stadt seines Landes gegen Ulm und Bayern hin , gelagert . In Ulm sollte jetzt noch einmal zuvor im großen Kriegsrat der Feldzug besprochen werden , und dann hoffte man in kurzer Zeit die Württemberger zur entscheidenden Schlacht zu nötigen . An friedliche Unterhandlungen wurde , da man so weit gegangen war , nicht mehr gedacht , Krieg war die Losung und Sieg der Gedanke des Heeres als ein frischer Morgenwind ihnen die Grüße des schweren Geschützes von den Wällen der Stadt entgegentrug , als das Geläute aller Glocken zum Willkomm vom anderen Ufer der Donau herübertönte . Wohl schlug auch Georgs Herz höher bei dem Gedanken an seine erste Waffenprobe ; aber wer je in ähnlicher Lage sich befand , wird ihn nicht tadeln , daß auch friedlichere Gedanken in seiner Seele aufzogen und ihn Kampf und Sieg vergessen ließen . Als zuerst , noch in weiter Ferne , das kolossale Münster aus dem Nebel auftauchte , als nachher der verhüllende Dunstschleier herabfiel und die Stadt mit ihren dunkeln Backsteinmauern , mit ihren hohen Tortürmen sich vor seinen Blicken ausbreitete , da kamen alle Zweifel , die er früher tief in die Brust zurückgedrängt hatte , schwerer als je über ihn . » Schließen jene Mauern auch die Geliebte ein ? hat nicht ihr Vater seinem Herzog treu , vielleicht in die feindlichen Scharen sich gestellt , und darf der , dessen ganze Hoffnung darauf beruht , den Vater zu gewinnen , darf er sich jenem gegenüberstellen , ohne sein ganzes Glück zu vernichten ? Und ist der Vater auf feindlicher Seite , kann Marie möglicherweise noch in jenen Mauern sein . Und wenn alles gut wäre , wenn unter der festlichen Menge , die sich zum Anblick des einziehenden Heeres drängt , auch Marie auf ihn herabschaut , hat sie auch die Treue noch bewahrt , die sie geschworen ? - « Doch der letzte Gedanke machte bald einer freudigeren Gewißheit Raum , denn wenn sich auch alles Unglück gegen ihn verschwor , Mariens Treue , er wußte es , war unwandelbar . Mutig drückte er die Schärpe , die sie ihm gegeben , an seine Brust , und als jetzt die Ulmer Reiterei sich an den Zug anschloß , als die Zinken und Trompeten ihre mutigen Weisen anstimmten , da kehrte seine alte Freudigkeit wieder , stolzer hob er sich im Sattel , kühner rückte er das Barett in die Stirne , und als der Zug in die festlich geschmückten Straßen einbog , musterte sein scharfes Auge alle Fenster der hohen Häuser , um sie zu erspähen . Da gewahrte er sie , wie sie ernst und sinnend auf das fröhliche Gewühl hinabsah , er glaubte zu erkennen , wie ihre Gedanken in weiter Ferne den suchten , der ihr so nahe war , schnell drückte er seinem Pferde die Sporen in die Seite , daß es sich hoch aufbäumte und das Pflaster von seinem Hufschlag ertönte . Aber als sie sich zu ihm herabwandte , als Auge dem Auge begegnete , als ihr freudiges Erröten dem Glücklichen sagte , daß er erkannt und noch immer geliebt sei , da war es um die Besinnung des guten Georg geschehen ; willenlos folgte er dem Zuge vor das Rathaus und es hätte nicht viel gefehlt , so hätte ihn seine Sehnsucht alle Rücksichten vergessen lassen , und unwiderstehlich zu dem Eckhaus mit dem Erker hingezogen . Schon hatte er die ersten Schritte nach jener Seite getan , als er sich von kräftiger Hand am Arm angefaßt fühlte . » Was treibet Ihr , Junker « , rief ihm eine tiefe wohlbekannte Stimme ins Ohr , » dort hinauf geht es die Rathaustreppe . Wie ? ich glaube , Ihr schwindelt , wäre auch kein Wunder , denn das Frühstück war gar zu mager . Seid getrost , Freundchen , und kommt . Die Ulmer führen gute Weine , wir wollen Euch mit altem Remstaler anstreichen . « Wenn auch der Fall aus seinem Freudenhimmel , in welchem er einige Minuten geschwebt hatte , auf den Rathausplatz in Ulm etwas unsanft war , so wußte er doch dem alten Herrn von Breitenstein , seinem nächsten Grenznachbar in Franken , Dank , daß er ihn aus seinen Träumen aufgeschüttelt und von einem übereilten Schritte zurückgehalten hatte . Er nahm daher freundlich den Arm des alten Herrn und folgte mit ihm den übrigen Rittern und Herren , die sich von dem scharfen Morgenritte an der guten Mittagskost , die ihnen die freie Reichsstadt aufgesetzt hatte , wieder erholen wollten . III Ich höre rauschende Musik , das Schloß ist Von Lichtern hell . Wer sind die Fröhlichen ? Schiller Der Saal des Rathauses , wohin die Angekommenen geführt wurden , bildete ein großes , längliches Viereck . Die Wände und die zu der Größe des Saales unverhältnismäßig niedere Decke waren mit einem Getäfer von braunem Holz ausgelegt , unzählige Fenster mit runden Scheiben , worauf die Wappen der edlen Geschlechter von Ulm mit brennenden Farben gemalt waren , zogen sich an der einen Seite hin , die gegenüberstehende Wand füllten Gemälde berühmter Bürgermeister und Ratsherrn der Stadt , die beinahe alle in der gleichen Stellung , die Linke in die Hüfte , die Rechte auf einen reichbehängten Tisch gestützt , ernst und feierlich auf die Gäste ihrer Enkel herabsahen . Diese drängten sich in verworrenen Gruppen um die Tafel her , die in Form eines Hufeisens aufgestellt , beinahe die ganze Weite des Saales einnahm . Der Rat und die Patrizier , die heute im Namen der Stadt die Honneurs machen sollten , stachen in ihren zierlichen Festkleidern mit den steifen schneeweißen Halskrausen wunderlich ab gegen ihre bestaubten Gäste , die in Lederwerk und Eisenblech gehüllt , oft gar unsanft an die seidenen Mäntelein und samtenen Gewänder streiften . Man hatte bis jetzt noch auf den Herzog von Bayern gewartet , der einige Tage vorher eingetroffen , zu dem glänzenden Mittagsmahl zugesagt hatte , als aber sein Kämmerling seine Entschuldigung brachte , gaben die Trompeten das ersehnte Zeichen , und alles drängte sich so ungestüm zur Tafel , daß nicht einmal die gastfreundliche Ordnung des Rates , die je zwischen zwei Gäste einen Ulmer setzen wollten , gehörig beobachtet wurde . Breitenstein hatte Georg auf einen Sitz niedergezogen , den er ihm als einen ganz vorzüglichen anpries . » Ich hätte Euch « , sagte der alte Herr , » zu den Gewaltigen da oben , zu Frondsberg , Sickingen , Hutten und Waldburg setzen können , aber in solcher Gesellschaft kann man den Hunger nicht mit gehöriger Ruhe stillen . Ich hätte Euch ferner zu den Nürnbergern und Augsburgern führen können , dort unten , wo der gebratene Pfau steht - weiß Gott sie haben keinen übeln Platz - , aber ich weiß , daß Euch die Städtler nicht recht behagen , darum habe ich Euch hieher gesetzt . Schauet Euch hier um , ob dies nicht ein trefflicher Platz ist ? Die Gesichter umher kennen wir nicht , also braucht man nicht viel zu schwatzen . Rechts haben wir den geräucherten Schweinskopf mit der Zitrone im Maul , links eine prachtvolle Forelle , die sich vor Vergnügen in den Schwanz beißt , und vor uns diesen Rehziemer , so fett und zart wie auf der ganzen Tafel keiner mehr zu finden ist . « Georg dankte ihm , daß er mit so viel Umsicht für ihn gesorgt habe , und betrachtete zugleich flüchtig seine Umgebung . Sein Nachbar rechts war ein junger zierlicher Herr , von etwa 25 bis 30 Jahren . Das frischgekämmte Haar , duftend von wohlriechenden Salben , der kleine Bart , der erst vor einer Stunde mit warmen Zänglein gekräuselt worden sein mochte , ließen Georg , noch ehe ihn die Mundart davon überzeugte , einen Ulmer Herrn erraten . Der junge Herr , als er sah , daß er von seinem Nachbar bemerkt wurde , bewies sich sehr zuvorkommend , indem er Georgs Becher aus einer großen silbernen Kanne füllte , auf glückliche Ankunft und gute Nachbarschaft mit ihm anstieß , und auch die besten Bissen von den unzähligen Rehen , Hasen , Schweinen , Fasanen und wilden Enten , die auf silbernen Platten umherstanden , dem Fremdling aufs Teller legte . Doch diesen konnte weder seines Nachbars zuvorkommende Gefälligkeit noch Breitensteins ungemeiner Appetit zum Essen reizen . Er war noch zu sehr beschäftigt mit dem geliebten Bilde , das sich ihm beim Einzug gezeigt hatte , als daß er die Ermunterungen seiner Nachbarn befolgt hätte . Gedankenvoll sah er in den Becher , den er noch immer in der Hand hielt , und glaubte , wenn die Bläschen des alten Weines zersprangen und in Kreisen verschwebten , das Bild der Geliebten aus dem goldenen Boden des Bechers auftauchen zu sehen . Es war kein Wunder , daß der gesellige Herr zu seiner Rechten , als er sah , wie sein Gast , den Becher in der Hand , jede Speise verschmähe , ihn für einen unverbesserlichen Zechbruder hielt . Das feurige Auge , das unverwandt in den Becher sah , der lächelnde Mund des in seinen Träumen versunkenen Jünglings schien ihm einen jener echten Weinkenner anzuzeigen , die auf fein geübter Zunge den Gehalt des edlen Trankes lange zu prüfen pflegen . Um der Ermahnung des wohledlen Rates , den Gästen das Mahl so angenehm als möglich zu machen , gehörig nachzu kommen , suchte er auf der entdeckten schwachen Seite dem jungen Mann beizukommen . Es war zwar gegen die Gewohnheit des jungen Ulmers , Wein zu trinken , aber dem jungen Mann zulieb , der etwas so Hohes und Gebietendes an sich hatte , mußte er schon ein übriges tun . Er schenkte sich seinen Becher wieder voll und begann : » Nicht wahr , Herr Nachbar , das Weinchen hat Feuer und einen feinen Geschmack ? Freilich ist es kein Würzburger , wie Ihr ihn in Franken gewohnt sein werdet , aber es ist echter Ellfinger aus dem Ratskeller und immer seine achtzig Jahre alt . « Verwundert über diese Anrede , setzte Georg den Becher nieder und antwortete mit einem kurzen » Ja , ja - « der Nachbar ließ aber den einmal aufgenommenen Faden nicht so bald wieder fallen . » Es scheint « , fuhr er fort , » als munde er Euch doch nicht ganz , aber da weiß ich Rat . Heda ! gebt eine Kanne Uhlbacher hieher . - Versuchet einmal diesen , der wächst zunächst an des Württembergers Schloß ; in diesem müßt Ihr mir Bescheid tun : Kurzen Krieg , großen Sieg ! « Georg , dem dieses Gespräch nicht recht zusagte , suchte seinen Nachbar auf einen anderen Weg zu bringen , der ihn zu anziehenderen Nachrichten führen konnte : » Ihr habt « , sprach er , » schöne Mädchen hier in Ulm , wenigstens bei unserem Einzug glaubte ich deren viele zu bemerken . « » Weiß Gott « , entgegnete der Ulmer , » man könnte damit pflastern . « » Das wäre vielleicht so übel nicht « , fuhr Georg fort , » denn das Pflaster Eurer Straßen ist herzlich schlecht . Aber sagt mir , wer wohnt dort in dem Eckhaus mit dem Erker , wenn ich nicht irre , schauten dort zwei feine Jungfrauen heraus , als wir einritten . « » Habt Ihr diese auch schon bemerkt ? « lachte jener , » wahrhaftig , Ihr habt ein scharfes Auge und seid ein Kenner . Das sind meine lieben Basen mütterlicherseits , die kleine Blonde ist eine Besserer , die andere ein Fräulein von Lichtenstein , eine Württembergerin , die auf Besuch dort ist . « Georg dankte im stillen dem Himmel , der ihn gleich mit einem so nahen Verwandten Mariens zusammenführte . Er beschloß den Zufall zu benützen , und wandte sich so freundlich er nur konnte , zu seinem Nachbar : » Ihr habt ein paar hübsche Mühmchen , Herr von Besserer ... « » Dieterich von Kraft nenne ich mich « , fiel er ein , » Schreiber des Großen Rates - « » Ein paar schöne Kinder , Herr von Kraft ; und Ihr besuchet sie wohl recht oft ? « » Ja wohl « , antwortete der Schreiber des Großen Rates , » besonders seit die Lichtenstein im Hause ist . Zwar will mein Bäschen Berta etwas eifersüchtig werden , denn im Vertrauen gesagt , wir waren vorher ein Herz und eine Seele , aber ich tue als merke ich es nicht , und stehe mit Marien um so besser . « Diese Nachricht mochte nicht so gar angenehm in Georgs Ohren klingen , denn er preßte die Lippen zusammen und seine Wangen färbten sich dunkler . » Ja lachet nur « , fuhr der Ratsschreiber fort , dem der ungewohnte Geist des Weines zu Kopfe stieg , » wenn Ihr wüßtet , wie sie sich beide um mich reißen . Zwar - die Lichtenstein hat eine verdammte Art freundlich zu sein , sie tut so vornehm und ernst , daß man nicht recht wagt , in ihrer Gegenwart Spaß zu machen , noch weniger läßt sie ein wenig mit sich schäkern wie Berta , aber gerade das kommt mir so wunderhübsch vor , daß ich eilfmal wiederkomme , wenn sie mich auch zehnmal fortgeschickt hat . Das macht aber « , murmelte er nachdenklicher vor sich hin , » weil der gestrenge Herr Vater da ist , vor dem scheut sie sich , laßt nur den einmal über der Ulmer Markung sein , so soll sie schon kirre werden . « Georg wollte sich nach dem Vater noch weiter erkundigen , als sonderbare Stimmen ihn unterbrachen . Schon vorher hatte er mitten durch das Geräusch der Speisenden diese Stimmen zu hören geglaubt , wie sie in schleppendem , einförmigem Ton ein paar kurze Sätze hersagten , ohne zu verstehen was es war . Jetzt hörte er dieselben Stimmen ganz in der Nähe , und bald bemerkte er welchen Inhaltes ihre eintönigen Sätze waren . Es gehörte nämlich in den guten alten Zeiten , besonders in Reichsstädten zum Ton , daß der Hausvater und seine Frau , wenn sie Gäste geladen hatten , gegen die Mitte der Tafel aufstanden , und bei jedem einzelnen umhergingen , mit einem herkömmlichen Sprüchlein zum Essen und Trinken zu nötigen . Diese Sitte war in Ulm so stehend geworden , daß der Hohe Rat beschloß , auch an diesem Mahl keine Ausnahme zu machen , sondern ex officio einen Hausvater samt Hausfrau aufzustellen , um diese Pflicht zu üben . Die Wahl fiel auf den Bürgermeister und den ältesten Ratsherrn . Sie hatten schon zwei Seiten der Tafel » nötigend « umgangen , kein Wunder , daß ihre Stimmen durch die große Anstrengung endlich rauh und heiser geworden waren , und ihre freundschaftliche Aufmunterung wie Drohung klang . Eine rauhe Stimme tönte in Georgs Ohr : » Warum esset Ihr denn nicht , warum trinket Ihr denn nicht ? « Erschrocken wandte sich der Gefragte um , und sah einen starken , großen Mann mit rotem Gesicht - ehe er noch auf die schrecklichen Töne antworten konnte , begann an seiner andern Seite ein kleiner Mann mit einer hohen dünnen Stimme : » So esset doch und trinket satt was der Magistrat Euch vorgesetzt hat . « » Hab ich ' s doch schon lange gedacht , daß es so kommen würde « , fiel der alte Breitenstein ein , indem er ein wenig von der Anstrengung , mit welcher er den Rehziemer bearbeitet hatte , ausruhte . » Da sitzt er und schwatzt , statt die köstlichen Braten zu genießen , die uns die Herren in so reichlicher Fülle vorgesetzt haben . « » Mit Verlaub « , unterbrach ihn Dieterich von Kraft , » der junge Herr ißt nichts , er ist ein Zechbruder und trefflicher Weinschmecker ; hab ich ' s nicht gleich weggehabt , daß er gerne zu tief ins Glas guckt ? Darum tadle ihn keiner , wenn er sich lieber an den Uhlbacher hält . « Georg wußte gar nicht wie er zu dieser sonderbaren Schutzrede kam ; er war im Begriff sich zu entschuldigen , als ihn ein neuer Anblick überraschte . Breitenstein hatte sich jetzt über den Schweinskopf mit der Zitrone im Maul , erbarmt , hatte die Zitrone geschickt aus dem Rachen des Tieres operiert , und begann mit großem Behagen und geübter Hand die weitere Sektion vorzunehmen , da trat der Bürgermeister auch zu ihm , und eben als er an einem guten Bissen kaute , hub er an : » Warum esset Ihr denn nicht , warum trinket Ihr denn nicht ? « Dieser sah den Nötigenden mit starren Blicken an , zum Reden hatten seine Sprachorgane keine Zeit . Er nickte daher mit dem Haupte und deutete auf die Reste des Rehziemers ; der kleine Mann mit der Fistelstimme ließ sich aber nicht irremachen , sondern sprach freundschaftlichst : » So esset doch und trinket satt was der Magistrat Euch vorgesetzt hat . « So war es nun in den » guten alten Zeiten « ! Man konnte sich wenigstens nicht beklagen , nur zu einem Schauessen geladen worden zu sein . Bald aber bekam die Tafel eine andere Gestalt . Die großen Schüsseln und Platten wurden abgetragen und geräumigere Humpen , größere Kannen , gefüllt mit edlem Weine , aufgesetzt . Die Umtränke und das in Schwaben schon damals sehr häufige Zutrinken begann , und nicht lange , so äußerte auch der Wein seine Wirkungen . Dieterich Spät und seine Gesellen sangen Spottlieder auf Herzog Ulerich und bekräftigten jeden Fluch oder schlechten Witz , den einer ausbrachte mit Gelächter oder einem guten Trunke . Die fränkischen Ritter würfelten um die Güter des Herzogs und tranken einander das Tübinger Schloß im Weine ab . Ulerich von Hutten und einige seiner Freunde hielten in lateinischer Sprache eine laute Kontrovers mit einigen Italienern wegen des Angriffes auf den römischen Stuhl , den kurz zuvor ein unberühmter Mönch in Wittenberg unternommen hatte ; die Nürnberger , Augsburger und einige Ulmer Herren , die sich zusammengetan hatten , waren über den Glanz ihrer Republiken in Streit geraten , und so füllte Gelächter , Gesang , Zanken und der dumpfe Klang der silbernen und zinnernen Becher , den Saal . Nur am oberen Ende der Tafel herrschte anständigere , ruhigere Fröhlichkeit . Dort saß Georg von Frondsberg , der alte Ludwig Hutten , Waldburg Truchseß , Franz von Sickingen und noch andere ältliche , gesetzte Herren . Dorthin wandte jetzt auch der Bundeshauptmann Hans von Breitenstein , nachdem er sich genugsam gesättiget hatte , seine Blicke und sprach zu Georg : » Das Lärmen um uns her will mir gar nicht behagen , wie wäre es , wenn ich Euch jetzt dem Frondsberger vorstellte , wie Ihr in den letzten Tagen gewünscht habt ? « Georg , dessen Wunsch schon lange war , dem Kriegsobersten bekannt zu werden , stand freudig auf , um dem alten Freunde zu folgen . Wir werden ihn nicht tadeln , daß sein Herz bei diesem Gange ängstlicher pochte , seine Wangen sich höher färbten , seine Schritte je näher er kam , ungewisser und zögernder wurden . Wen haben nicht in seiner Jugend , wenn er einem glänzenden , ruhmbekränzten Vorbild nahte , ähnliche Gefühle bestürmt ? Wem sank da nicht sein eigenes Ich zur Unbedeutendheit zusammen , während der Gefeierte zum Riesen wuchs . Georg von Frondsberg galt schon damals für einen der berühmtesten Feldherren seiner Zeit . Italien , Frankreich und Teutschland erzählten von seinen Siegen , und die Kriegskunst wird ihn ewig in ihren Annalen nennen , denn er war der Stifter und Gründer eines geordneten , in Reihen und Gliedern fechtenden Fußvolkes . Sagen und Chroniken erhielten das Bild dieses Helden bis auf unsere Tage , und wer gedenkt nicht unwillkürlich jener homerischen Helden wenn er von diesem Manne liest : » Er war so stark an Gliedern , wenn er den Mittelfinger der rechten Hand ausstreckte , daß er damit den stärksten Mann , so sich steif stellte , vom Platz stoßen , ein rennendes Pferd beim Zaum ergreifen und stellen , die großen Büchsen und Mauerbrecher allein von einem Ort zum andern führen konnte ? « Zu ihm führte Breitenstein den Jüngling . » Wen bringt Ihr uns da , Hans ? « rief Georg von Frondsberg , indem er den hochgewachsenen , schönen , jungen Mann mit Teilnahme betrachtete . » Seht ihn Euch einmal recht an , werter Herr « , antwortete Breitenstein , » ob Euch nicht beifällt , in welches Haus er gehören mag ? « Aufmerksamer betrachtete ihn der Feldhauptmann , auch der alte Truchseß von Waldburg wandte prüfend sein Auge herüber . Georg war schüchtern und blöde vor diese Männer getreten ; aber sei es , daß die freundliche , zutrauliche Weise Frondsbergs ihm Mut machte , sei es , daß er fühlte , wie wichtig der Augenblick für ihn sei , er bekämpfte die Scham den Blicken so vieler berühmter Männer ausgesetzt zu sein , und sah ihnen entschlossen und mutig ins Gesicht . » Jetzt