; da ist Mademoiselle Babet par exemple , mais passons là-dessus . Unsre Vicktorine war immer artig und freundlich gegen jedermann , immer sans prétentions . Die Freier blieben denn auch nicht lange aus ; manche mochten wohl les beaux yeux de la Cassette de son père mit in Anschlag bringen , enfin , das ist so der Welt Lauf . Genug Grafen und Barone haben sich um unsre petite Demoiselle beworben , man spricht sogar von einem nahen Verwandten der apanagirten Linie eines regierenden fürstlichen Hauses , mais cela reste entre nous . « » Daß Herr Kleeborn an dem Succès seiner schönen Tochter ungemeine Freude hatte , war wohl ganz natürlich , indessen wies er doch alle die vornehmen Parthien , die sich ihr darboten , zwar sehr höflich , aber doch auch zugleich sehr bestimmt zurück . « » Er blieb dabei , ihre Hand nur einem Kaufmanne , wie er selbst einer ist , geben zu wollen , und jezt Ihro Gnaden , nous voilà arrivé au point , jezt sind wir an dem Punkte , will ich sagen - » wie denn ? « fragte ein wenig ungeduldig die Tante , » an welchem Punkte ? « - » Nun an dem Punkte , « war die Antwort , » von welchem , wie ich glaube die Krankheit Vicktorinens ausgeht . Und gebe Gott , daß ich irre , daß meine Ahnung nicht in Erfüllung gehe , mais j ' ai un pressentiment bien triste au fond du coeur . Ich fürchte , sie fühlt eine unglückliche Passion für einen der großen vornehmen Herrn , die sich vergeblich um ihre Hand bewarben . Und wenn der cher papa so fortfährt wie er angefangen hat , so kann sie wie ihre pauvre chère maman ... « » Fassen Sie Muth , gute Virnot , fiel die Tante ein , » fürchten Sie nicht gleich das Aergste ; ein junges Herz bricht nicht so leicht , weil es immer und gern an der Hofnung hält , und die läßt uns so nicht untergehen . Sagen Sie mir nur vor allen Dingen , kennen Sie den Mann , von dem Sie glauben könnten « - » Hélas non ! ich kenne niemand , « seufzte die Bonne . » Wenn Société da ist , « fuhr sie nach einem kleinen Bedenken mit ihrer gewohnten Redseeligkeit fort , » so komme ich nie in den Salon , da habe ich im Hause genug zu thun , c ' est la mer à boire . Wahrhaftig , Ihro Gnaden , es thäte Noth , daß ich hundert Augen hätte und Flügel dazu . Ich glaube es wohl , liebe Virnot , « erwiederte die Tante , » doch sprechen wir von Vicktorinen . « Ah Madame , « fieng die Bonne wieder an , » que voulez vous , que je vous en dise ? Ich weis nichts weiter , als daß der Papa vor einiger Zeit sie in sein Kabinet rufen ließ . Das wunderte mich eben nicht , denn es ist so seine Gewohnheit , wenn er einen neuen Freyer abgewiesen hat , damit Vicktorine doch wisse , wie sie in Zukunft ihr Benehmen gegen den Monsieur en question einrichten soll . Sie blieben wohl eine Stunde bei einander , das war noch nie geschehen . Endlich kam sie zurück in ihr Zimmer , mais grand Dieu ! dans quel état ! Bleich wie eine Sterbende , sag ' ich Ihnen , hélas ! sie sah in dem Augenblick ihrer pauvre maman so ähnlich ! Sie schlang ihre beiden lieben schönen Arme um meinen alten Nacken , und weinte so kläglich , wie noch nie seit dem Tode ihrer Mutter . Ich weinte mit , ich wußte zwar nicht , worüber ? aber wie konnte ich anders ? la pauvre petite me perçoit le coeur . Ich versuchte endlich ihr zuzureden , so gut ich es konnte in meiner Unwissenheit von dem , was zwischen ihr und ihrem Vater vorgegangen war , mais , du lieber Gott , was konnte das helfen ? Sie hörte nicht einmal auf mich . Dabei war sie so heftig , ihre Augen blitzten so wild , ihre Bewegungen waren so égarés , ich vergieng bald vor Angst , und wußte nicht , quoi faire . Bald weinte sie , bald stieß sie Klagen und Reden aus , die ich zwar nicht verstand , die ich aber doch nicht anders auslegen kann , que comme j ' ai eu l ' honneur de le dire à Madame . Das währte einige Zeit , sie wankte gleich einem Schatten umher , schrieb viel , weinte noch mehr , bis ein heftiges Fieber ihr Kraft und Besinnung raubte . Seitdem liegt sie da , comme Madame l ' a trouvée . « » Heute war ein entscheidender Tag , und der Arzt zufrieden ; le bon Dieu en soit béni mille fois . Ich denke , die Gegenwart der chère Tante wird das beste Cordial für die arme Kranke sein . Wenn sie nur reden wollte ! Reden bleibt doch immer der beste Trost ! « Unerachtet der großen Theilnahme , mit welcher die Tante der guten alten sprachseeligen Französin zugehört hatte , konnte sie dennoch bei dieser ihrer lezten Bemerkung ein leichtes Lächeln kaum unterdrücken . Indessen brach der Tag an , die Tante gieng um auszuruhen , und Vicktorine erwachte bald darauf mit allen Anzeigen einer nahen Genesung . Von nun an verlies die Tante Vicktorinen so wenig als möglich . Denn obgleich der Arzt diese für völlig ausser aller Gefahr erklärt hatte , so bedurfte die arme Kranke jezt dennoch einer weit aufmerksamern Pflege als damals , wo sie in dumpfer Bewußtlosigkeit am Scheidewege zwischen Tod und Leben dalag . Nach der Versicherung des Arztes konnte jede , selbst die freudigste Gemüthsbewegung ihr einen , wahrscheinlich tödtlichen Rückfall zuziehen ; daher war es der Tante angelegentlichste Sorge , die ununterbrochendste Ruhe in ihrer Nähe zu erhalten und sogar jedes einigermassen interessante , oder auch nur anhaltende Gespräch mit ihr zu vermeiden . Auch Angelika umschwebte fast unhörbar , gleich einem freundlichen Schutzgeist , das Lager der Kranken , und ohne dabei jemals durch sich übereilende polternde Hast lästig zu werden , suchte sie jeden Wunsch in ihren Augen zu lesen , um ihn gelassen und zuvorkommend zu erfüllen , ehe er noch ausgesprochen ward . Lieben und athmen waren gleichbedeutend für dieses , nur zu zart besaitete Wesen , aus dessen tiefster Brust jeder Ton des Schmerzes einen wehmüthig verhallenden Nachklang hervor rief , und der Name Angelika hätte für sie erfunden werden müssen , wenn er nicht schon da gewesen wäre , so genau stimmte er zu ihrem Aeussern wie zu ihrem Innern . Von ihrer frühsten Kindheit an hatte der armen Angelika die Freude fast nie anders als in fremden Augen gelächelt . An ihrer Wiege wachte nicht mütterliche Liebe , denn ihr Eintritt in das Leben gab der Mutter den Tod und vereinigte diese wieder mit dem geliebten , ihr einige Wochen früher vorangegangenen Gatten . Die erste Sorge für das ganz verwaiste Kind fiel also bezahlten Aufsehern zu . Denn Angelika ward , weit entfernt von allen ihren Verwandten , in einer kleinen Stadt , in der Nähe des Rheins geboren , wo ihre Eltern sich erst wenige Monate vorher niedergelassen hatten . Niemand beinahe hatte diese dort anders als dem Namen nach gekannt , selbst der Vormund des armen Kindes wußte wenig von ihnen , und nur der allgemeine Ruf , der diesem braven Manne das Zeugniß strenger Rechtlichkeit gab , hatte Angelikas sterbende Mutter bewogen , ihr ganz verlassnes Neugebohrnes seinem Schutz zu empfehlen . Mit dem besten Willen von der Welt wußte er indessen für sein armes Mündel nichts besseres zu thun , als es für ein geringes Kostgeld der Pflege einer , ihm als redlich bekannten Frau zu übergeben , und indessen den nicht sehr bedeutenden Nachlaß der Eltern Angelikas so vortheilhaft als möglich für sie zu verwalten . Angelika erreichte ihr achtes Jahr , ohne daß es ihr bei der Frau , der sie anvertraut war , besonders wohl oder übel ergangen wäre , und nun beschloß ihr Vormund , sie nach Frankreich in eine Erziehungsanstalt zu bringen . Denn er fühlte eine unendliche Vorliebe für dieses Land , in welchem er seine eigene Jugend verlebt hatte , und war fest überzeugt , daß ein mittelloses Fräulein wie Angelika sich nur dort die nöthigen Talente erwerben könne , um einst als Guvernante fürstlicher Kinder , oder als Gesellschafterin einer Dame von hohem Stande ihr Fortkommen in der Welt zu finden . Die weltberühmten Erziehungsanstalten in und um Paris waren freilich für die sehr beschränkten Vermögensumstände Angelikas viel zu kostbar , doch ein in Angouleme wohnender Jugendfreund ihres Vormundes empfahl diesem ein in jener Stadt bestehendes Institut dieser Art nicht nur als sehr wohlfeil , sondern auch als ganz vorzüglich . Der Vormund freute sich hier einen so vortreflichen Ausweg für sein Mündel gefunden zu haben , und entschloß sich um so eher , es dorthin zu schicken , da sich zufälliger Weise eine vorzüglich gute Gelegenheit ihm darbot , die Kleine in sicherer Begleitung hinzuschaffen . So mußte denn die arme Waise fern vom Vaterlande , in einer der abschreckend schmuzigsten , traurigsten Städte des südlichen Frankreichs den schönen , nie wiederkehrenden Frühling ihres Lebens unter Menschen verleben , denen sie fremd blieb , selbst nachdem sie es gelernt hatte , deren Sprache zu verstehen . In dem Hause , dem sie anvertraut wurde , war alles klösterlicher Zwang , sogar das Vergnügen . Ueber eine ziemlich bedeutende Anzahl aus allen Ecken der Welt , sogar aus Amerika dort zusammengekommner junger Mädchen , herrschten drei bis vier Unterguvernantinnen , gleich strengen Zuchtmeisterinnen , und diese selbst standen wiederum unter dem gewaltigen Scepter einer Vorgesezten , die sich fast wie eine Gottheit von ihren Untergebenen sclavisch verehren lies . Die Zöglinge waren mehrentheils alle durch Alter , Vaterland , Sprache , Talent und Gemüthsart wesentlich von einander verschieden , und wurden dennoch vollkommen gleich behandelt ; alle waren strengen , ängstlichen Formen unterworfen , die einzig erdacht zu sein schienen , jede frohe Regung eines jugendlichen Gemüths zu ersticken . Die arme Angelika glich hier vollkommen dem Epheu , der , in einen engen Scherben verpflanzt , mühseelig fortvegetirt , und vergebens die schlanken Zweige nach allen Seiten hinstreckt , um einen Gegenstand zu finden , den er liebend umfassen könnte . Ein einziges , ihr namenlos bleibendes Gefühl unendlicher Sehnsucht bemächtigte sich ihres ganzen Wesens , aber sie fand nicht einmal eine Seele , die es der Mühe werth gehalten hätte , sich von ihr lieben zu lassen . Sie hatte Jugendgenossen , aber keine Jugendfreundin , und überhaupt niemanden in der weiten Welt , zu dem sie hätte sagen können : Dir gehöre ich an ; oder der auch nur theilnehmend sich ihr zugeneigt hätte . Die Zeit vergeht indessen dem Glücklichen wie dem Unglücklichen , und so flog sie denn auch an Angelika vorüber , und nahm deren freudenarme Kindheit mit sich fort . Wie auf einsamer Alpe die , im nakten Felsen dürftig wurzelnde Pflanze oft schöner ihr Haupt erhebt , als ihre im Garten sorgsam gepflegte , glücklichere Schwester , so wuchs auch die Verlassne unter Entbehrungen aller Art und Uebung sehr herber Pflichten , mit ihrem vereinsamten Herzen , nicht minder schön zur Jungfrau heran als eine Glückliche . Sie hatte das Wort Liebe nie anders als im religiösen Sinn gehört , nie einen Roman gesehen , viel weniger gelesen ; sie war nie im Theater gewesen , sah keinen Mann ausser den Lehrern in ihrem Institut , und diese waren alle in ihrem mühseeligen Berufe grau geworden , dankten Gott , wenn die Stunde schlug , die ihnen das Ende ihres peinlichen Tagewerks verkündete . Und dennoch schwebte vor dem innern Sinne der armen Angelika ein namenloses Ideal , das ihre stille Fantasie mit den herrlichsten Eigenschaften zu schmücken wußte . Es verschönte , im Wachen wie im Schlummer ihren Traum , es lieh der ihr ganz unbekannten Welt einen zauberischen Glanz und lehrte dem einsamen Mädchen mitten im Zwange seiner verarmten Jugend , alles Entzücken der ungemessensten Aufopferung , der zartesten Anhänglichkeit , ja die ganze unendliche Seeligkeit zweier , Liebe um Liebe hingebender Wesen vorahnend empfinden . Als Angelika ihr sechzehntes Jahr erreicht hatte , entschloß sich ihr Vormund , sie selbst aus Angouleme abzuholen , um sie nach dem nördlichen Deutschland , in das Haus eines nahen Verwandten ihres verstorbenen Vaters zu geleiten , der es endlich für gut gefunden hatte , der Existenz seiner Nichte sich zu erinnern . In der Familie desselben sollte sie denn noch ein Jahr lang verweilen , um deutsche Sprache und Sitte zu lernen , ehe sie eine Hofdamenstelle bei einer einsam lebenden verwittweten Fürstin anträte , zu welcher ihre Verwandten ihr indessen die Anwartschaft zu verschaffen bemüht gewesen waren . Angelika zitterte vor banger Freude als sie das Haus betrat , in welchem sie zum erstenmal in ihrem Leben Personen finden sollte , die ihren Namen trugen , und an deren Theilnahme sie Anspruch zu haben glaubte . Sie war so fest entschlossen , sie innigst zu lieben ; doch auch hier kam gleich beim Empfange ihrem , von heisser Sehnsucht erfüllten Gemüthe , die kälteste Berechnung steifer Förmlichkeiten entgegen , so daß sie davor zusammenschrack , wie die Sensitive wenn der kalte Hauch des Nordwindes über sie hinfährt . Angelika empfand gleich in der ersten Stunde , welche sie unter ihren Verwandten verlebte , daß sie durch Sprache und Anstand , sogar durch ihre Kleidung ihnen höchstens ein Gegenstand der Duldung , doch nie der Liebe werden könne . Sie stand mitten unter ihnen wie eine Fremde , denn sie schien durch diese Aeusserlichkeiten einem Volke anzugehören , gegen dessen , alles zertretenden Uebermuth gerade in jenem Momente sich jedes deutsche Herz empörte , jeder waffenfähige Arm sich erhob . Indessen war Angelika trotz dem äussern Scheine , den man ihr ohne ihr Zuthun aufgedrungen hatte , dennoch sehr weit davon entfernt , Frankreich zu lieben , von dem sie nichts weiter kannte , als die alte düstre Stadt , und in dieser das Haus , wo sie ihre erste Jugendzeit in trübseeliger Beschränktheit hingeschmachtet hatte . Denn alles übrige war ihr sogar bis auf den Namen davon fremd geblieben . Sie hatte immer mit heisser Sehnsucht , diesem Grundtone ihres Daseins , an ihrem Vaterlande festgehalten , dessen Bild ihr noch aus ihren Kinderjahren vorschwebte , verherrlicht durch jenen Zauberglanz , mit welchem Entfernung und Entbehren jeden Gegenstand schmücken . Sie war sogar heimlich bemüht gewesen , ihre Muttersprache nicht ganz zu vergessen , und hatte , gleich einem werthen Heiligthume , ein paar kleine Kinderbüchelchen sorgfältig aufbewahrt , die sie aus ihrer Geburtsstadt mit sich nach Frankreich gebracht . So lange sie in dem Erziehungsinstitute war , las sie in mancher einsamen Viertelstunde sich selbst aus diesen Büchern laut vor , um nur die süssen vaterländischen Töne zu hören , und sezte dieses sogar dann noch fort , als der Inhalt ihrer ärmlichen Bibliothek ihrem höher entwickelten Geiste schon längst nicht mehr zusagen konnte . So vorbereitet war es ihr nicht schwer , ihrer Muttersprache bald wieder ganz mächtig zu werden . Das ihr bis jezt unbekannte Familienleben im Hause ihrer Verwandten , die herzlichere Sitte ihres Volkes , der Genuß der Natur in einer schönen Gegend , den sie seit ihrer ersten Kindheit entbehren mußte , alles dieses vereint , machte ihr Vaterland ihr unendlich theuer , aber sie mußte es auch lieben wie sie es liebte , um mit ihrem sanften weichen Gemüthe das Gefühl des Nazionalhasses zu ertragen , welches damals , unzertrennlich von der Vaterlandsliebe , neben dieser herzog , und sich in allen ihren Umgebungen auf das deutlichste aussprach . Angelikas Rückkehr ins Vaterland fiel in jene unvergesliche Zeit , in der ein neu erwachter Heldengeist jede deutsche Brust beseelte . Ein frischer Jugendhauch wehte durch die neu belebte Welt , die so lange unter dem Druck eines Einzigen geseufzet hatte ; jedes Herz klopfte in frommer Hoffnung und von allen Seiten eilte Deutschlands streitbare Jugend herbei , und fand bei der gastlichsten Aufnahme in jedem Hause die eben verlassne Heimath wieder . Auf diese Weise kam auch Ferdinand von Klarenau in das Haus des Barons Sternwald , - so hies Angelikas Oheim , bei welchem diese jezt lebte , - und in dem einzigen Wesen , das ihr jemals beim ersten Anblicke liebend und vertrauend entgegengetreten war , glaubte das sehnsuchtsvolle Gemüth des so lange vereinsamten Mädchens jezt das Urbild ihres Jugendideals gefunden zu haben . Alles zeigte sich ihr von nun an in verschönerndem Lichte , und die Welt erblühte ihr in nie gesehener Pracht an Ferdinands Hand , denn er war Jüngling , Dichter , und Krieger für Vaterland und Recht . Der freudige Enthusiasmus , der ihn beseelte , theilte auch ihr sich mit ; ihr Leben schien ihr jezt erst zu beginnen , und jeder ihrer Athemzüge war ein stilles Dankgebet für die unendliche Seeligkeit , welche ihr , der Freude ungewohntes Herz kaum zu tragen vermochte . Da auch die äussern Verhältnisse die Liebenden begünstigten , so schied Ferdinand aus der geliebten Nähe seiner Angelika als ihr , von ihren Verwandten anerkannter , verlobter Bräutigam . Bei seiner Zurückkunft aus dem Felde sollte ihre Hand den Lohn der Tapferkeit ihm reichen , und die hohe , schöne Siegeshoffnung , die aus seinen Augen ihr entgegen stralte , erhob auch sie über den Schmerz der Scheidestunde , und führte diese linde und leise an Beiden vorüber . Ferdinand gieng nun für die Geliebte zu streiten , Angelika blieb , um für ihn zu beten . Als er gieng , kam kein Gedanke daran in das Herz der Armen , daß er gegangen sein könne , um nie wiederzukehren , und doch war es so . Er hatte den Lützowschen Jägern sich zugesellt , und fand mit diesen seinen tapfern Gesellen im schändlichsten Verrathe den Untergang . Wie er geendet hatte ? wußte keiner genau zu berichten ; aber er war verschwunden , spurlos , rettungslos , wie so Viele , die mit ihm kämpften und fielen . Gleich einer verstummten Nachtigall , wenn der Frühling dahin ist , so klagelos , so einsam blieb Angelika zurück . Ihr ganzes Dasein war von nun an nur ein leises Ach ; sie gieng ganz still umher , sie war unendlich freundlich gegen Alle , sie athmete wie sonst , doch jeder Schlag ihres Herzens war ein nie endendes Sterben . Oft dünkte ihr , als müsse sie gegen einen bangen Traum ankämpfen , dann bat sie Gott mit Thränen : er möge sie erwachen lassen ; denn sie konnte an die Wahrheit ihres Elends nicht glauben , bis das heftiger wiederkehrende Weh im Innersten ihrer Brust , sie von neuem fühlen ließ , daß es dennoch so sei , wie es war . Ihre im Grunde gutmüthigen Verwandten thaten zwar nach ihrer Art alles , was sie vermochten um die Arme zu trösten , doch mit dem besten Willen von der Welt verwundeten sie oft , wo sie zu heilen gedachten . Sie führten sie endlich nach Pyrmont in der Hoffnung , daß das Gewühl des Badelebens sie zerstreuen würde , aber sie verflochten sich bald selbst so gewaltig in das allgemeine Treiben der Gesellschaft , daß sie gar nicht bemerken konnten , wie Angelika immer bleicher und stiller ward , je lauter und bunter es in ihrer Nähe zugieng . Doch gerade hier erbarmte sich endlich ein guter Engel der Leidenden , und führte ihr in Vicktorinens Tante , der Stiftsdame Anna von Falkenhayn , den einzigen Trost zu , der auf Erden für sie noch zu finden war , den Trost einer weisen , wahrhaft theilnehmenden Freundin . Das allgemeine Mitleid , welches die interessante Erscheinung des bleichen trauernden Mädchens jedem einflößte , der es sah , lösete sich in Annas edlem Gemüthe gar bald in wahrhaft mütterliche Zuneigung auf , und Angelika erwiederte diese Liebe mit all der Innigkeit , welche von jeher die Lust und die Quaal ihres Lebens gewesen war . Obgleich Angelika in ihrer stillen Demuth sich nie die leiseste Andeutung von Unzufriedenheit mit ihrer äussern Lage erlaubte , so sah das Fräulein Anna von Falkenhayn doch nur zu bald ein , daß die Umgebungen , in welchen ihre junge Freundin leben mußte , einem gebrochenen Herzen durchaus nicht wohlthun konnten . Schon die Art bewies dies , mit der Angelikas Verwandte sich über das harte Geschick ausliessen , welches diese zarte Pflanze so tief gebeugt hatte . Die Bereitwilligkeit , mit der sie nicht nur das Fräulein , sondern sonst auch noch jedermann , der darnach fragte , zum Vertrauten in dieser Angelegenheit machten , hatte in der That etwas beleidigendes , obgleich sie selbst dieses weder fühlten , noch wollten ; denn sie waren wirklich wohlmeinend und wünschten der armen Angelika zu helfen , nur war sie ihnen von jeher zu ferne geblieben , um von ihnen verstanden zu werden . Endlich entschloß sich Anna von Falkenhayn , vom innigsten Mitleid durchdrungen , zu erbitten , was Angelikas Verwandte ihr mit tausend Freuden gewährten , um so mehr , da bei der Gemüthsstimmung des armen Mädchens und dessen mit jedem Tage tiefer sinkenden Lebenskraft , ohnehin an die Hofdamenstelle nicht mehr gedacht werden durfte . Und so zog sie denn mit ihrer älteren Freundin in deren Heimath , und ward von Letzterer als die Tochter ihres Herzens mit unaussprechlicher Zartheit gepflegt und gewartet wie eine kranke Blume , die man gern wieder aufrichten möchte . Anna gewann , nach Art aller edlen Frauen , die Leidende immer lieber , je mehr sie für sie that , und Angelikas Leben hieng dagegen einzig an der wohlthuenden Gegenwart ihrer Beschützerin . Die Möglichkeit , auch nur wenige Monate fern von dieser leben zu können , war ihr undenkbar , und so wurde denn das geliebte Kind bei dem Besuch im Kleebornischen Hause Annas Begleiterin , und theilte freudig mit ihr die liebende Sorge für Vicktorinen . Nicht nur Vicktorine , deren Genesung mit jedem neuen Tage neue erfreuliche Fortschritte machte , sondern auch alle übrige Mitglieder der Hausgenossenschaft , empfanden das Wohlthuende der , Ruhe und Ordnung wieder herstellenden Gegenwart der Tante . Die gute alte Virnot wanderte wieder ganz wohlgemuth in gewohnter Geschäftigkeit Trepp ' auf , Treppe nieder , ihr Schlüsselkörbchen in der Hand , und führte in Küche und Speisekammer das Regiment über die zahlreiche , weibliche Dienerschaft . Auch Babet und Agathe seegneten ihres Theils die Tante und Angelika , weil diese beiden sie der steten Gegenwart in der beengenden Luft des Krankenzimmers überhoben . Die guten Kinder durften jezt doch wenigstens am Fenster die Vorübergehenden mustern , und da gab es denn einstweilen manches zu besprechen , mitunter auch manchen interessanten Gruß zu erwiedern , denn der schwarze Lieutnant und der blonde Theodor schienen täglich in der Nähe des Kleebornschen Hauses viel zu thun zu haben . Dieser Umstand und die Ueberlegungen , welche man in Hoffnung auf nahe bessre Zeiten , hinsichtlich der Wintergarderobe anzustellen für nöthig fand , gaben unversiegbaren Stoff zur Unterhaltung , so daß fürs erste unter den Beiden von Streit oder übler Laune nicht mehr die Rede sein durfte . Nur Herr Kleeborn selbst , der alles angewendet hatte , seiner Schwägerin Gegenwart sich zu gewinnen , nur er allein fühlte sich jezt durch dieselbe einigermaßen gedrückt , ohne dieses jedoch jemals sich selbst gestehen zu wollen . Die fast übertriebne Zartheit , mit der sie die größte Anspruchslosigkeit , die strengste Diskrezion in allen häuslichen Verhältnissen beobachtete , ihre mitunter ein wenig altmodisch sich äussernde Vorliebe für Schicklichkeit und Anstand selbst im engsten Familienleben , machten ihn oft etwas beklommen und verlegen , wenn er der Tante gegenüber sich befand . Es entgieng ihm nicht , wie sie allein durch ihre Persönlichkeit nicht nur das ganze Haus , sondern sogar ihn selbst beherrschte , ohne doch jemals irgend etwas , einem Befehl Aehnliches auszusprechen . Alles richtete sich nach ihren Blicken , und jedem , vom Herrn an bis zu dem Geringsten der Dienenden , war es so zu Muthe , als dürfte dieses gar nicht anders sein . » Es ist das verfluchte adlige Vornehmthun , « dachte Herr Kleeborn , oder gab sich vielmehr Mühe es zu denken und im Ganzen half ihm dies wenig , denn er gewann dennoch nicht den Muth , mit ihr von Dingen zu reden , über die sie noch nicht Lust hatte ihn zu hören . Ihr Wunsch war , Vicktorinen erst genauer kennen zu lernen , ehe sie sich auf die Absichten einließ , welche ihr Vater mit dieser etwa haben mochte ; Herr Kleeborn hingegen , der die Krankheit seiner Tochter für gar nicht so bedeutend hielt , hatte Vicktorinens Pflege eigentlich nur als Vorwand zur dringenden Einladung seiner Schwägerin gebraucht ; seine eigentliche Absicht dabei war aber , durch die Tante auf Vicktorinen zu wirken , und sie in Güte seinem Willen geneigter zu stimmen . Indessen hielt er ihre Gegenwart nebenher für höchst nöthig , um durch dieselbe den Glanz und die Würde der vielen Feste zu erhöhen , welche Vicktorinens Genesung sowohl , als die zu hoffende Erfüllung seiner Pläne mit ihr , bald herbeiführen mußten . Denn nächst dem Gelderwerb liebte Herr Kleeborn nichts so sehr als Glanz und Pracht in seinen Umgebungen ; gern wetteiferte er hierin mit den Vornehmsten , und unerachtet seiner laut erklärten Geringschätzung des angebornen Adels , that er sich dennoch in seinem Innern nicht wenig darauf zu gute , eine Dame von dem Range und Ansehen des Fräuleins von Falkenhayn unter seine nächsten Verwandten zählen zu dürfen . Er betrachtete oft mit innerm Behagen ihre majestätische Gestalt , den , jede ihrer Bewegungen bezeichnenden vornehmen Anstand und freute sich im voraus auf den Augenblick , wo sie in dem schönen Ordenskleide ihres Stiftes mit dem grossen diamantnen Kreuze , das sie als Pröbstin desselben trug , in seinem Hause die Honneurs machen würde . Uebrigens tröstete er sich mit dem Glauben , daß aufgeschoben nicht aufgehoben sei , er hoffte , daß nach Vicktorinens völliger Genesung sich schon ein günstiger Augenblick finden würde , um die Tante für sich zu gewinnen , und überließ sich täglich in vollkommner Gemüthsruhe den gewohnten Erholungen nach vollbrachter Arbeit , die er jezt ausser seinem Hause aufsuchen mußte , da ihm das Innere desselben in seinem durch Vicktorinens Krankheit verödeten Zustande wenig Freuden darbieten konnte . Der helle Sonnenschein eines heitern klaren Herbstmorgens , an welchem Vicktorine sich auffallend wohl befand , hatte die Tante mit ihrer Angelika hinaus ins Freie gelockt . Müller , der alte Buchhalter , stand eben in der Hausthüre , als beide von ihrem Spaziergange zurückkehrten , und die Tante beeilte ihre Schritte , um dem Greise , den sie seit ihrer Ankunft im Kleebornischen Hause noch nicht gesehen , ein paar freundliche Worte sagen zu können . Sie kannte ihn schon lange und ehrte ihn als einen treuen vieljährigen Diener des Hauses ihres Schwagers , bei dessen Vater er schon in Ehre und Ansehen gestanden hatte . Als die Damen näher traten , gieng ein junger Mann mit ehrerbietigem Grüßen an ihnen vorüber , der bis dahin mit Herrn Müller in anscheinend eifrigem Gespräch begriffen gewesen war . Sein Anblick schien der Tante auf eigne Weise aufzufallen , sie sah sichtbar befangen , ihm eine Weile nach , und war sogar etwas bleicher als gewöhnlich , als sie die zum Hause führenden Stufen hinauf stieg , so daß Herr Müller sie von einem plötzlichen Unwohlsein ergriffen glaubte , und ihr entgegen eilte , um sie in das zum Empfange der Fremden bestimmte Eintrittszimmer neben dem Komtoir zu führen . Dort sezte sich die Tante zwar gleich , erklärte aber dabei , daß sie sich vollkommen wohl befinde , nur habe sie am Krankenbette ihrer Nichte sich der freien Luft entwöhnt , die heut , unerachtet des hellen Sonnenscheins , ungewöhnlich scharf sei . Beruhigt gieng Angelika zu Vicktorinen hinauf , während die Tante noch unten blieb , um mit Herrn Müller ein paar Minuten zu plaudern . Wer war der junge Mann ? fragte sie einigermassen eifrig , so wie Angelika die Thüre hinter sich angezogen hatte . Herr Müller besann sich eine Weile , denn er verstand sie nicht gleich . Der junge Holm , der eben bei mir war , meinen Ihro Gnaden den ? « erwiederte er ihr endlich , » ja das ist ein recht lieber , gutherziger junger Mensch . Seit unser Fräulein Vicktorine krank ist , versäumt er nie , alle Tage zweimal zu mir in mein Kabinet zu kommen , um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen , denn von mir erhält er doch immer umständlichern Bericht als von den Bedienten . Nun gottlob heute konnte ich ihm recht viel Gutes sagen , er war auch darüber recht erfreut . « » Also wohl ein sehr genauer Freund des Hauses ? « fragte die Tante . » Das nun wohl nicht , « war die Antwort , » denn der junge Herr Holm ist noch gar nicht selbst etablirt , und auch sonst eben nicht von Familie , Ihro Gnaden . Niemand wußte , was man aus seinem seeligen Vater machen sollte , denn der war zwar ein Gelehrter , aber weder Jurist noch Mediziner . Er wohnte mit diesem seinem einzigen Sohne lange Jahre hindurch in der Vorstadt , niemand hat ihn sonderlich gekannt , denn er führte ein sehr eingezogenes Leben . Ja du lieber Gott , es ist hier ein sehr theuer Pflaster , und wer nicht reich ist , thut am besten sich ganz still zu