vielem Fleiß , wozu mir der Wunsch , Lady Marie zu übertreffen , Beharrlichkeit gab . Sieben Stunden des Tages , die ich unausgesetzt darauf verwendete , brachten mich dahin , im Spiel auf dem Flügel und im Gesang so vollkommen zu werden , wie Tonkünstler , die von der Gunst des Publicums abhängen , zu seyn sich bestreben . - Sieben Stunden des Tages hatte ich der Musik gewidmet , indeß nicht einmal der Gedanke in mir aufgestiegen war , daß es Seelenkräfte gäbe , deren Entwicklung mein Wohl für Zeit und Ewigkeit begründete . - Nach und nach erwachte das Verlangen in mir , in eine Welt zu treten , in der ich mir bei meinen Vorzügen so vielen Beifall versprach . Daß ich reich war , wußte ich , daß ich hübsch war , vermuthete ich - ungeduldig erwartete ich den Augenblick , den Scepter der Schönheit , für den ich mich bestimmt hielt , zu schwingen . In dem Sommer , wo ich mein sechzehntes Jahr beschloß , verließ Lady Marie unser Institut , um ihre Mutter , die Herzogin von C. , nach einigen Badeorten zu begleiten . Die Nachrichten , welche sie ihren Vertrauten von der Herrlichkeit ihrer neuen Lebensweise gab , vermehrten den Eifer , mit dem ich in meinen Vater drang , mich zu sich zu nehmen , solchergestalt , daß der nächste Winter zu meiner Entlassung aus der Pension festgesetzt ward . Mein Vater nahm bei meiner Rückkehr in sein Haus eine gänzliche Aenderung seiner Lebensweise vor . Seit zwanzig Jahren hatte er , die kurze Ruhezeit nach meiner Mutter Tode ausgenommen , seine Tage auf der Börse oder in dem ostindischen Hause zugebracht . Der Freitag und Samstag , die er auf seiner Villa in Richmond verlebte , unterbrachen allein seine Geschäfte ; nun er mich aber an die Spitze seines Haushalts stellte , übergab er den größten Theil seiner Handelsgeschäfte , sich einen ansehnlichen Theil des Gewinnstes vorbehaltend , einem jungen Kaufmann , und den Besitz der Muße mit dem Genuß derselben verwechselnd , nahm er sich vor , fortan sein Leben zu genießen . In den Weihnachtsfeiertagen verließ ich meine Pension , von Miß Julie Arnold , die ich mir auf einige Wochen zur Gesellschafterin ausgebeten hatte , begleitet . Ihre Pensionszeit war mit der meinigen zugleich geschlossen , und diese Einladung ihr , bei der Unsicherheit ihrer Verhältnisse , sehr gelegen . Mein Vater empfing mich in Richmond , wo wir den eigentlichen Eintritt der Wintervergnügungen abwarten sollten . Zu meiner Ueberraschung fand ich eine zweite Gesellschafterin vor , deren Persönlichkeit mit meinen Planen von glänzender Zukunft nicht so gut übereinzustimmen schien , wie die meiner jungen Gefährtin . Dieses war Miß Elisabeth Mortimer , eine vertraute Jugendfreundin meiner theuern Mutter , die durch rauhe Schicksale belehrt , ihren Geist zu einer Reinheit , ihr Herz zu einer Frömmigkeit gebildet hatte , die ich damals gar nicht zu begreifen im Stande war . Eines Versprechens eingedenk , das sie meiner Mutter einst gegeben : den Ruf , mir nützlich zu seyn , wenn mein Vater ihn einst an sie ergehen lassen würde , nicht auszuschlagen , verließ sie ihre ruhige Hütte in der Nähe von Greenwich , in der sie fromm und wohlthätig lebte , glücklich bei dem Gedanken , ihre Sorge für mich sey ein Band , das sie mit der geliebten Todten jenseit des Grabes vereinte . Noch jetzt glüht meine Wange vor Schaam bei dem Geständniß , daß ich ihre Liebe mit unwürdigem Muthwillen erwiederte . Ihre einfachen Sitten waren der Gegenstand unsers heimlichen Gespöttes , ihre Frömmigkeit nannten wir Methodisterei , ihre würdige Matronenkleidung schien uns allen Begriffen des feinen Tons zu widerstreben , und wie wir hörten , daß sie in ihrer stillen Heimath jeden Abend im Gebet mit ihrer treuen Dienstmagd - der sie jetzt auch ihren kleinen Haushalt übergeben hatte - beschloß , nahmen wir uns fest vor , uns der Einführung einer solchen » abergläubischen Sitte « , im Fall sie diese versuchen möchte , zu widersetzen . Doch dazu zeigte sie nicht die geringste Neigung , überhaupt legte sie uns in keiner Hinsicht Zwang auf ; es schien , als sey sie von der siegenden Wahrheit ihrer Denkart so überzeugt , daß sie einzig die Wirkung der Zeit auf unsern Verstand , und ihres milden Beispiels auf unsre Gewohnheiten abzuwarten gedachte . Ihr angenehmes Betragen wandelte bald unser Mißbehagen an ihrem Beruf in minder gehässige Empfindungen um ; allein weit entfernt , Miß Mortimers Werth schätzen zu können , machten wir sie zum Gegenstand unsrer kindischen Possen . Da wir ihr leicht anzuregendes Mitleid wahrgenommen hatten , erfanden wir Unglücksfälle , durch deren Erzählung sie augenblicklich zu Hülfleistungen aufgefordert , Meilen weit durch den Schnee ging , um den Leidenden Linderung zu bringen ; wir versteckten ihre Andachtsbücher , entwendeten ihr Kinderkleidung und Wäsche , welche sie für Arme bereit hielt , und klebten Karikaturen in ihren Kirchstuhl . Ich weiß nicht , ob sie je errieth , daß wir es waren , denen sie diese unwürdigen Scherze zuzuschreiben hätte ; nie wenigstens richtete sie einen Vorwurf an uns ; sie ertrug sie mit sanfter Würde , ein mitleidiges Lächeln war alles , was sie sich erlaubte ; und ward sie einmal durch einen unsrer übermüthigen Streiche in wirkliche Verlegenheit gesetzt , so war sie die Erste , herzlich über ihre eigne Lage zu lachen . Dieser verächtliche Leichtsinn kurzweilte uns lange Zeit , bis ein sehr ernster Vorfall mich so erschütterte , daß ich , ohne Miß Juliens festere Beharrlichkeit , wahrscheinlich meinen unwürdigen Muthwillen auf immer eingestellt hätte . Wir wurden eines Tages zu einem benachbarten Gutsbesitzer gebeten , einem Wittwer mit ein paar ausgelassnen Söhnen und leichtsinnigen Töchtern , Miß Arnolds vorgezognen Bekannten . Mein Vater war anderweitig versagt und bat Miß Mortimer , uns zu begleiten ; das war aber uns nicht gelegen , wir hatten eine lärmende Abendlustbarkeit vor , bei der uns dieser würdigen Frau Gegenwart störte , und versuchten alle Mittel , ihr den Besuch zu verleiden . Wir gossen ihr eine Tasse Thee auf ihr bestes Seidenkleid - sie bemerkte sanftmüthig , daß ein schlechteres ihr dieselben Dienste leisten würde ; wir drangen in sie , Confituren zu genießen , in Hoffnung , daß sie ihr ein so heftiges Zahnweh erregen sollten , daß es sie am Mitgehen verhindern müßte - sie versagte sich dieselben . Wir erzählten eine gräßliche Räubergeschichte , die auf dem vorhabenden Wege gestern geschehen seyn sollte ; sie meinte : um so weniger würden die Räuber sich heute auf demselben Wege betreten lassen . Nun ergriff ich ein andres Mittel - ich beredete den Kutscher , vorzugeben , daß die Berline einer Ausbesserung bedürfe , allein mein Vater entschied kurz und gut , daß wir mit Miß Mortimer oder gar nicht gehen sollten . - Es ward also beschlossen , ich müßte sie im Curricle fahren , und Miß Arnold nebst einem jungen Herrn von denen , die sich schon um die reiche Miß Percy zu versammeln anfingen , sollten uns zu Pferde begleiten . Jetzt glaubte ich die schönste Gelegenheit zu haben , meinen Muthwillen zu üben . Ich kannte die Furchtsamkeit der wackern Miß Mortimer ; sobald wir daher meinem Vater , der uns vom Fenster nachsah , aus den Augen waren , gab ich unsern Begleitern zu Pferd ein Zeichen , und hin ging es in fliegendem Galopp . Schadenfroh sah ich Miß Mortimer erbleichen und ängstlich auf den Weg sehen ; wie sie aber mit der sanftesten Anmuth sagte : » Liebe Miß Ellen , wär ' s nicht besser , etwas vorsichtiger zu seyn ? « konnte ich ihr nicht widerstehen , ich wollte die Pferde anhalten ; in diesem Augenblick ritt uns aber unser junger Begleiter vor und gab meinen Pferden im Vorbeisprengen einen Peitschenhieb . - Nun trotzten die aufgereizten Thiere meiner Anstrengung sie zu halten , sie sprengten davon , und nach wenigen Secunden rannten sie eine anständig gekleidete Frau , die nicht schnell genug über den Weg eilen konnte , zu Boden . Von der Schuld des Mordes rettete mich ein Fremder , der aus der Nähe herbeieilte und mit starkem Arme die Zügel ergriff . Die Pferde rückten das leichte Fuhrwerk widerstrebend zurück und warfen es um . Erschrocken eilte uns der Fremde zu Hülfe , indeß unsre Begleiter , in tollem Muthe voransprengend , gar nichts von dieser Begebenheit bemerkten . Wir waren beide nicht verletzt , und Miß Mortimer , sobald sie wieder aufrecht stand , eilte mit dem Fremden zu der ohne Besinnung im Wege liegenden Frau . Ich stand bewegungslos , meinen Blick auf ihre Bemühungen , sie zum Leben zu bringen , geheftet - endlich schlug sie die Augen auf - eine Zentnerlast fiel mir vom Herzen . Ich brach in Thränen aus , allein mein Stolz bewog mich , sie zu verbergen und mit dem Schein stolzer Fassung meine Befehle bei dem Aufrichten unsers verunglückten Fahrzeugs zu geben . Nach wenigen Minuten war die mißhandelte Frau im Stande , sich , von Miß Mortimer und dem Fremden unterstützt , in ihre nur funfzig Schritt entfernte Hütte zu begeben . Sie war nicht wesentlich verwundet ; die Pferde waren , ohne sie zu berühren , über sie hinweggesetzt ; nur der Schrecken und der Fall hatte die Arme des Bewußtseyns beraubt . Wie Miß Mortimer nach einer sehr kleinen Weile zurückkam , schlug sie mir vor , unsre Lustpartie auf zugeben und zurückzukehren . Die Furcht , den Tag mit ihr allein zubringen zu müssen , bewog mich , auf die Fortsetzung unsers Weges zu dringen ; indem sie dem Fremden uns zu begleiten erlaubte , willigte sie ein zu Fuße weiter zu gehen . Schmollend ging ich neben ihnen her und hatte alle Muße , unsern Begleiter , den mir Miß Mortimer als ihren alten Bekannten , Herrn Maitland , vorstellte , zu beobachten . Er besaß eine athletisch große Gestalt , wenig Anmuth , ziemlich regelmäßige Züge und das glanzvollste Auge , das ich je sah . Hübsch zu seyn , verhinderte ihn eine gewisse gutgebildete Breitschultrigkeit , die wir Engländer unsern schottischen Nachbarn gern Schuld geben . Sein Lächeln war höchst anmuthig und zeigte die schönsten Zähne , allein der Ernst schien ihm gewöhnlicher ; seine Stimme war voll , männlich und sanft ; an seiner Sprache - doch er sprach nicht viel - würde ich , wenn sie gleich etwas Fremdes hatte , nicht den Schottländer erkannt haben , und diese Sprache war edel , kräftig , zuweilen zierlich , sie borgte aber von seinen Bewegungen keinen Beistand , denn diese blieben ruhig und kalt . Vielleicht war es aus gewohnter Abneigung , mit Fremden zu sprechen , vielleicht entfernte ihn auch das nachtheilige Licht von mir , in dem ich mich gezeigt hatte ; genug , daß er , einzig Miß Mortimer unterhaltend , sich mit mir nicht mehr beschäftigte , als die strengste Höflichkeit ihm gebot , und dadurch mir , die ich darauf rechnete , die Huldigung jedes Mannes zu gewinnen , auf ' s höchste mißfiel . Bei unserm Eintritt in Herrn Vancouvers Hause umringten uns die jungen Leute mit lautem Jauchzen , vor allen Miß Julie , die mich triumphirend um den Preis der mit ihr eingegangenen Wette , wer zuerst ankommen würde , erinnerte . Ich warf ihr verdrießlich und mit einem harten Vorwurf über unsern Unfall , den ich ihrem Voraneilen zuschrieb , meinen Geldbeutel hin , sie beschuldigte ihren Begleiter , Beide stritten zusammen über ihren Antheil an dem Vorfall , und der Tag ging in solcher Verstimmung hin , daß ich froh war , die Stunde der Abreise eintreten zu sehen . Mein Herz war viel zu ungebildet , um Unrecht einzugestehen , und die Langmuth , mit der Miß Mortimer mir jeden Vorwurf ersparte , erwärmte es nicht . Doch am Abend , wie ich dem ehrwürdigen Mädchen gute Nacht wünschte , entwischten mir die Worte : » Gott sey Dank , daß der Tag vorüber ist ! « - Sie ergriff mit einer Wärme , die sie mir noch nie gezeigt hatte , meine Hand und sagte : » Schenken Sie mir morgen eine Stunde , liebe Ellen , ich will sorgen , daß sie Ihnen angenehmer verfließe . « Ich wußte ihr für ihre Nachsicht keinen Dank , denn ich hatte mirs mit Hülfe der Miß Arnold nun einmal in den Kopf gesetzt , daß sie kein Recht habe , mich zu meistern ; allein ihr Wesen war bei dieser Bitte so mild , so einnehmend , daß ich höflich ihrer Einladung zu folgen versprach . Nach dem Frühstück , als Miß Arnold , einige Kaufläden zu besuchen , in die Stadt fuhr , forderte mich Miß Mortimer zu einem Spaziergang auf . Nach der Richtung des Wegs , den sie einschlug , errieth ich sogleich , daß sie mich zu der Hütte der Frau führte , welche meine Thorheit gestern in so augenscheinliche Lebensgefahr gebracht hatte ; nur die Schaam hielt mich ab , auf der Stelle umzukehren , und mit einer bittern Empfindung , mich von einer Tugendlehre bedroht zu sehen , trat ich in das Haus . Ich fand es nicht ärmlich noch trostbedürftig ; einige Bücher , reinliches Geräth , die größte Sauberkeit zeugten von einem geordneten hinreichenden Hausstand . Meine Begleiterin unterhielt sich mit der Matrone , die am Feuerheerd mit Spinnen beschäftigt war ; und um meine Verlegenheit zu verbergen , nahm ich die Liebkosungen eines Windspiels an , das bequem auf einem gepolsterten Stuhl der Hausfrau gegenüber gelegen , bald nach unserm Eintritt herabgesprungen war und sich mir genaht hatte . Anfangs beschnupperte es mich nachdenklich , blickte mich an , wedelte mit dem Schwanz , dann setzte es seine Vorderfüße auf meine Knie und gab seine herzliche Freude zu verstehen . Mir selbst schien das Thier auch nicht unbekannt , ich freute mich seiner Freundlichkeit , die auch von den beiden Frauen bemerkt ward . » Ich habe Ihnen Miß Percy mitgebracht « , sprach jetzt Miß Mortimer , zu der Alten gewendet . Diese rief aber mit freudigem Erstaunen : Miß Percy ? O da hat das treue Thier die Tochter seiner Herrin besser wiedererkannt , wie ich ! - Guter Fidele , du sahst sie doch auch nicht mehr seit ... Hier verstummte ihre Stimme in Thränen , und bei dem Namen meiner Mutter zu wärmern Gefühlen erwacht , fragte ich nun mit Theilnahme nach der Bewandniß , die es mit diesem Hunde hätte , dessen ich mich von der letzten Lebenszeit meiner Mutter her jetzt wieder entsann . Frau Wells , die Bewohnerin dieser Hütte , war einst von der geliebten Verklärten , die ihre wohlthätigen Handlungen mit reiner evangelischer Demuth der Welt entzog , aus der bittersten Armuth gerettet worden . Sie hatte ihr Arbeit verschafft , sie hatte wöchentlich mehreremale einige Stunden in ihrer Hütte zugebracht , um ihren Töchtern Kleider machen und Tamburstickerei zu lehren ; und so hatten diese drei Menschen es ihr zu danken , daß ihnen der Segen des Fleißes ein hinreichendes Auskommen verschaffte . Fidele war von meiner Mutter in ihrem letzten Lebensjahr als ein besonders schönes ganz junges Thierchen angenommen worden ; ich erinnerte mich , wie er , vielleicht durch Einwirkung der Stille ihres Krankenzimmers und ihrer steten sanften Gegenwart , schon damals wegen seiner leisen Sprünge und milden Lustigkeit bewundert ward . Dennoch setzte ich mirs in den Kopf , mich vor dem beweglichen Geschöpf zu fürchten , was meinem Vater , dem mein Geschrei bei seinem Anblick verhaßt war , nach meiner Mutter Tod bewog , ihn zu entfernen . In der Ueberzeugung , ihn am besten bei der Frau Wells zu versorgen , deren Anhänglichkeit an die Verewigte ihm bekannt war , ward Fidele ihr übergeben , und die Liebe , mit der sie ihn gepflegt hatte , bewies , wie theuer meiner Mutter Andenken ihr war . Ich hörte mit Beschämung ihrer Erzählung zu . Wie erschien ich dieser Frau neben dem , was meine Mutter für sie gethan hatte ! Mir ward das Herz nicht leichter , wie wir bald darauf den Heimweg antraten , sondern mein Gefühl trieb mich , unter dem Vorwand , mein Taschentuch vergessen zu haben , zurückzugehen und Frau Wells , indem ich ihr meinen Geldbeutel anbot , schüchtern um die Rückgabe des Hundes zu bitten . Sie gestand mir ein Recht auf Fidele , als ehemaliges Eigenthum meiner Mutter , zu und versprach ihn mir durch ihre Tochter zu senden , allein mein Geld wies sie zu meiner großen Beschämung zurück . Wie ich wieder zu Miß Mortimer zurückkam , machte sie einige Bemerkungen über die Verdienste meiner Mutter , die ich fühllos genug gewesen wäre , in einem andern Augenblick als einen stillschweigenden Vorwurf meines Unwerths übelzunehmen , in diesem Moment war aber die schlimme Rinde meines Herzens gespalten , ich hörte sie mit Seufzen an , bat sie aber nach wenigen Minuten , mich heute nicht weiter mit diesen Gegenständen zu unterhalten , weil sie mich schon ganz trübsinnig gemacht hätten . Vielleicht würde der wehmüthig verwundernde Blick meiner würdigen Begleiterin noch länger auf meinem Antlitz geruht haben , hätte nicht Herr Maitland , der eben an dem Gartenhag abstieg , unsre Unterredung unterbrochen . Er wollte sich auch nach dem Befinden der Frau Wells erkundigen ; wie er aber hörte , daß ihr Unfall ohne alle Folgen geblieben sey , gab er sein Pferd seinem Reitknecht und begleitete uns , oder vielmehr Miß Mortimer - denn mit mir sprach er nur grade so viel , wie die Höflichkeit aufs strengste fordern kann - nach Hause . Mein Vater stand an der Thüre des Parks ; so wie Herr Maitland sich nahte , kam er ihm einige Schritte entgegen , reichte ihm die Hand und bewillkommte ihn mit einer Achtung , die ich ihn noch gegen Niemand bezeigen sah . Noch erstaunter , wie über diese Begrüßung , hörte ich , daß er ihn zum Mittagessen einlud , welches Herr Maitland auch nach einiger Weigerung annahm . Ich kann mich wirklich nicht erinnern , ob ich während der Mahlzeit auf seine Gespräche im geringsten gemerkt habe . Nach Tisch , während er sich mit meinem Vater und Miß Mortimer unterhielt , führte ich am andern Ende des Zimmers , recht wie die ungezogne Jugend es sich herausnimmt , mit Miß Arnold und dem jungen Vancouvers ein Gespräch , das eben so laut wie gehaltlos , mehr wie einmal , obgleich vergebens , meines Vaters Ermahnungen auf sich zog . Miß Mortimer suchte unsern Verein zu stören , indem sie mehrmals die Rede an mich richtete ; allein ich antwortete ihr so kurz , theilnahmelos und zerstreut , daß ihre Absicht nicht erreicht ward . Nachdem sich unsre Gäste entfernt hatten , stellte sich mein Vater mit sehr ernstem Gesicht vor das Caminfeuer und sprach , seinen strengen Blick auf mich , die in einem fernen Fenster stand , gerichtet : » Miß Percy , Ihr heutiges Betragen hat mir mißfallen . Ich habe Ihnen die Wirthin eines reichen Hauses zu machen aufgetragen und wünsche , daß Sie es für Ihre Pflicht halten , meine Gäste gut zu behandeln - alle meine Gäste . « - Eine allgemeine Stille herrschte , und mein Vater verließ das Zimmer . Nun brachen meine Klagen aus . Miß Julie unterstützte mich und wagte es , meines Vaters Forderung lächerlich zu finden . Miß Mortimer sprach in ganz verschiedenem Tone ; sie bewies mir alles Ernstes , daß er ein Recht zu ihr habe , besonders aber , wenn es einen Mann von Herrn Maitlands Werth beträfe , sey sie höchst billig . Ich lachte eben so höhnisch wie übermüthig auf . Von Herrn Maitlands Werth ? Mein Vater und Miß Mortimer wünschen wohl gar , daß es mir gelingen möchte , des Gliedermannes Eroberung zu machen ! rief ich aus . - Miß Julie bewunderte meinen Einfall mit lautem Gelächter . » Herrn Maitlands Eroberung ? « wiederholte Miß Mortimer und sah mir mit ruhigem Ernst ins Gesicht ; nein , wahrlich , liebes Kind , so weit versteigen sich meine Erwartungen nicht ; Herrn Maitland ! rief sie nochmals , indem sie , wie im Selbstgespräch , auf ihr Strickzeug sah , nein , das wär ' ein abgeschmackter Einfall . Bei diesen Worten fühlte sich meine Eitelkeit gekränkt . Ich bildete mir ein , Herr Maitland würde doch nicht der erste Hagestolz seyn , der eine siebzehnjährige Erbin unterjochte , und es entstand die Lust in mir , meine Macht zu versuchen . Bei Herrn Maitlands nächstem Besuch bemühte ich mich ihn in ein Gespräch zu ziehen ; es gelang mir sehr gut ; allein ich nahm nach einer halben Stunde wahr , daß ich in dieser ganzen Zeit weder Unsinn gesagt , noch dessen gehört hatte . Ein zweiter Versuch lief eben so ab ; - um seine Aufmerksamkeit zu fesseln , mußte ich vernünftig seyn . - Nach einem dritten , der nicht besser gelang , gab ich meine Bemühungen auf , überzeugt , daß Herr Maitland gar keiner Anerkennung von Liebenswürdigkeit , noch einiges Einflusses derselben auf sein Herz fähig sey . Dessen ungeachtet schritt unsre Bekanntschaft fort ; wenn es mir an andern Gesellschaftern gebrach , konnte ich eine halbe Stunde ganz angenehm mit ihm verplaudern . Er war gelehrt , es fehlte ihm nie an Gegenständen seiner stets ernsten Unterhaltung ; sein Ausdruck war oft spruchreich und ward durch seine leise , ruhige Stimme noch anziehender . Seine Steifheit , mit der er zu viel Höflichkeit verband , als daß sie wie Stolz hätte aussehen können , und zu viel festes Wesen , um durch sie schüchtern zu scheinen , nahm den Charakter nationeller Zurückhaltung an , und seine Bekannten waren ihr nicht mehr abgeneigt , wenn sie ihn vermocht hatten , sie gegen Einen von ihnen abzulegen . Mich schmeichelte es nicht wenig , da ich bemerkte , daß sie sich gegen mich verlor , indeß er sie gegen Miß Arnold fortsetzte , um so mehr , da sein ganzes Wesen mir den Begriff strenger Redlichkeit , die von keinem äußern Vorzug gebeugt wurde , einflößte . Diese mir ertheilte Auszeichnung ward hingegen von dem Vorzug , den er fortwährend Miß Mortimer erzeigte , völlig aufgewogen , ja mein Bewundrungshunger war so groß , daß ich mich durch diesen Vorzug , obschon Herr Maitland über dreißig Jahr alt schien , zu Zeiten wirklich gequält fand . Seine Besuche wurden gegen das Ende unsers Aufenthalts in Sedly Park häufiger ; allein weder seine Gesellschaft , noch die mehrerer anderer , mir viel wohlgefälligerer Männer , konnte meine Ungeduld , in die Stadt einzuziehen , vermindern . Endlich hörte ich , daß Lady Maria de Burgh schon jetzt als die herrschende Schönheit des Winters anerkannt sey . Ich stand bei Anhörung dieser Nachricht eben vor einem großen Spiegel ; mit einem zuversichtlichen Blick auf meine Gestalt gedachte ich der Miniaturreize meiner Nebenbuhlerin und flog zu meinem Vater , ihn um die Beschleunigung seiner Abreise zu bitten . Er hatte sie aber schon auf den vierzehnten Jenner angesetzt , und bis dahin mußte ich meine Ungeduld zähmen . Ein glänzender Ball bei der Gräfin * * * sollte mich endlich in die große Welt einführen . Nach einer lang besprochenen Wahl , ob mein Putz an diesem wichtigen Abend reich oder einfach , leicht oder prächtig seyn sollte , bestimmten mich die kostbaren Diamanten meiner Mutter , die mein Vater , mit manchen neuen vervollständigt , aufs glänzendste hatte fassen lassen , und die günstige Meinung , die ich von der Höhe meines Wuchses besaß , das Letztere zu wählen . Strahlend von Juwelen , Jugend und Erwartung , trat ich zur Stunde des Balls in das Besuchzimmer , wo nebst mehrern Herrn , die sich an mein Gefolg zu reihen gedachten , Herr Maitland mich als mein Begleiter erwartete . Allgemeiner Beifall empfing mich ; allein er gnügte mir nicht , bis ich Herrn Maitland , den Miß Julie auf die Schönheit meiner Juwelen aufmerksam machte , sagen hörte : » wer Miß Percy erblickt , wird ihre Juwelen nicht mehr bemerken . « Ich war unfein und keck genug , diese gar nicht an mich gerichteten Worte aufzufassen , und rief : Sehr verbunden , Herr Maitland ! Eine Schmeichelei von Ihnen ist etwas so Seltnes , wie ein Königin Annens Pence , der , ohne mehr werth zu seyn , als ein andrer , einzig ist , weil sie nur Einmal prägen ließ . - » Der Pence war nicht zum Umlauf bestimmt , antwortete er trocken , er fiel aber einem Kind in die Hand , das ihn nicht für sich zu behalten verstand . « - Das Wort » Kind « mußte mich heute , wo ich zum ersten Mal als erwachsenes Mädchen in die große Welt zu treten im Begriff war , ganz besonders kränken . Thränen traten mir in die Augen , und mit sehr herabgestimmtem Muth stieg ich mit Miß Arnold und meinem strengen Mahner in den Wagen . Mit dem Ausruf der Bewunderung , der mir beim Eintritt in die gedrängtvollen Säle entgegentönte , kehrte mein Leichtsinn zurück , ich verließ auf das unverbindlichste Herrn Maitlands Arm , um mich von einem meiner gefälligern Bekannten zu einem Stuhle führen zu lassen , und vermied , nach Jenem , der finster und nachdenkend neben mir Platz genommen hatte , mich umzusehen . Nach einigen Minuten , in denen mich der Glanz und die Fröhlichkeit des Schauspiels um mich her völlig zerstreut hatten , theilte sich das Gedränge , und ich erblickte Lady Marie , die mit Sylphen-Leichtigkeit die Reihen durchflog . Nie hatte sich ihre zarte Gestalt so vortheilhaft gezeigt , wie in der leichten , weißen , schön drappirten Hülle , die sie umgab ; ihr goldnes Haar , schmucklos in Locken und Flechten geordnet , bildete die schönste Kopfform . - Ich ward zweifelhaft , ob meine Juwelen der vortheilhafteste Putz seyn , den ich hätte wählen können . Nach beendigtem Tanz schritt die Lady auf einen Stuhl zu , den in demselben Augenblick ein sehr schöner junger Mann mit zierlicher Grobheit einnahm und , nachlässig ihre Rede anhörend , sein schönes Bein betrachtete , seine Finger ein paarmal durch sein , mit anmuthiger Nachlässigkeit gelocktes Haar zog und sich dann , in eine bequeme Stellung zurechtgerückt , umhersah . Jetzt fielen seine Augen auf mich ; lebhaft sagte er seiner Nachbarin einige Worte , die sie mit einem verächtlichen Aufwerfen des Kopfes beantwortete , er sprang auf , schien in einem augenblicklichen Wortwechsel mit ihr , und sie ließ sich dann , halb wider Willen , von ihm auf mich zuführen . Nach einigen sehr kalten Worten von Wiedererkennen sagte sie , mir ihren Begleiter vorstellend : Mein Bruder , Lord Friedrich de Burgh , und wendete uns , ohne Miß Juliens demüthige Begrüßung mit einem Blick zu beehren , den Rücken . Diese kränkende Vernachlässigung war mir ein Ruf , die Beschützerin zu spielen . Ich faßte sogleich Miß Juliens Arm und ging , von Lord Friedrich begleitet , im Saal umher . Unter seinen modigen Mitgesellen konnte Lord Friedrich noch für kurzweilig und mußte für einen der hübschesten angesehen werden . Ich nahm an Lady Mariens Blicken wahr , daß seine Aufmerksamkeit auf mich ihr im höchsten Grade mißfiel , und machte mir ein Fest daraus , durch die kleinen Künste , die Eitelkeit uns lehrt , ihn neben mir festzuhalten . Nach einiger Zeit forderte er mich zu einem Walzer auf ; dieser Tanz ward dazumal noch für eine kaum gebührliche Dreistigkeit gehalten ; ich weigerte mich lange , allein ein höhnisch mißbilligender Blick , den Lady Marie eben auf ihren lebhaft in mich dringenden Bruder warf , bethörte mich , und ohne es eigentlich beschlossen zu haben , stand ich mit ihm mitten im Saale . Alles wich zurück , ich sah Aller Augen auf mich gerichtet , ein lähmendes Gefühl von Schaam ergoß sich durch meine Sinne , allein es war zu spät ; in unseeligem Wirbel flog ich dahin , das oft unfein ausgedrückte Lob der Männer betäubte meine schmerzhafte Verwirrung , ich drang mir selbst die Ueberzeugung auf , der Tanz sey für mich schuldlos , und zwang mich , einen freien Blick auf die Umstehenden zu werfen . Da trafen meine Augen auf Herrn Maitland , dessen Blick mit Mißfallen und unendlicher Wehmuth mich betrachtete . O ich sah nie ein Auge , das so stechendes Mißfallen auszudrücken im Stande war ! Ich ward bis zur Ohnmacht von ihm getroffen und eilte , mich durch den Haufen drängend , in den fernsten Winkel des Saals . Ein Kreis von Beileidbezeugenden - denn man hielt meine plötzliche Beendigung des Tanzes für eine Unpäßlichkeit - versammelte sich um mich ; Herr Maitland nahte sich gesetzt und fragte : ob ich mich nach Haus zu begeben gesonnen sey ? - Aufgebracht über die Störung , mit der er meine Thorheit erschreckt , beleidigt über die Gleichgültigkeit , mit welcher er der Umstehenden Sorge gar nicht zu theilen würdigte , antwortete ich nachlässig : daran wär ' in den nächsten Paar Stunden gar nicht zu denken , und schlenderte an Lord Friedrichs Arm den Saal hinab . Endlich um fünf Uhr , erschöpft von der Anstrengung , fröhlich zu scheinen , indeß Heiterkeit fern von mir war , von Lärm und von Thorheit übersättigt , verließ ich den Ball . Herr Maitland führte mich bis an den Wagen , wo er ernst und kalt seinen Abschied nahm . Oede in Kopf und Herzen , so müde , daß ich meinem schlaftrunknen Kammermädchen kaum , mich auszukleiden , Zeit ließ , ohne einen Gedanken an den