knüpfen . Die letzte Stadt , in welcher sie mit ihrem Vater längere Zeit verweilte , war Stockholm . Auf einer Reise von dort aus erkrankte er plötzlich in einem kleinen schwedischen Städtchen und starb . Nie war eine Waise verlaßner , als die jetzt zwanzigjährige Auguste am Grabe ihres Vaters . Sie harrte dort , bis der ihr in den letzten Augenblicken vom Verstorbnen bestimmte Vormund sie nach Deutschland abzuholen kam . Der Nachlaß ihres Vaters war sehr gering , eignes Vermögen hatte er nie besessen und dabei in der Welt zu glänzend Haus gehalten , um beträchtliche Summen für seine Tochter zurücklegen zu können ; ihr blieb kaum genug , um davon nothdürftig zu leben . Willenlos , wie sie von jeher war , folgte sie jetzt ohne Widerrede dem Rath ihres Vormunds , und ließ sich von ihm zu der einzigen Verwandtin führen , die sie ihres Wissens noch in der Welt hatte , und die allein ihrer Jugend einen anständigen Zufluchtsort bieten konnte . Unter Entsagungen aller Art , unter steten Uebungen unbeschreiblicher Geduld , schwanden von nun an Augustens Tage auf dem einsamen Landgute ihrer Tante , einer nach dem andern , einer wie der andre . So lebte sie mehrere Jahre lang . Erinnerungen der glänzenden Vergangenheit machten ihr die düstre Gegenwart nicht noch trüber , denn sie hatte keine Freude an deren flüchtigem Schimmer gefunden ; aber das verklärte Bild des verlornen Geliebten wohnte noch immer tief verborgen in ihrem Herzen , von ewigem Jugendglanz umflossen , wie das Bild eines Heiligen in einem dunkeln Grabmal , das eine nie erlöschende Lampe erleuchtet . Uebrigens war Auguste weder fröhlich noch traurig , nur freundlich und still . Die Wenigen , welche sie kannten , ahneten nicht die ganze Freudenlosigkeit ihres Daseyns , aber alle bewunderten ihre Anmuth , ihr anspruchloses Wesen , und priesen die unerschöpfliche Langmuth und engelgleiche Gelassenheit , mit denen sie den wunderlichsten , unerträglichsten Launen ihrer Tante gefällig entgegen kam . Letztere war eine jener scheinheiligen alten Betschwestern , die unter dem Mantel der Frömmelei die abschreckendsten Eigenschaften zu verdecken suchen , und mit dem glattesten , herzlosesten Egoism die ganze Welt nur einzig zu ihrer Bequemlichkeit erschaffen glauben . In der schriftlich an sie gerichteten Bewerbung des Baron Aarheim um Augustens Hand , sah sie nur den Finger Gottes , der sie von einer ihr lästigen Hausgenossin befreien wollte , und verkündete daher schonungslos ihrer Nichte das ihr unverdienter Weise zugefallne große Glück ; dabei ermangelte sie nicht , dieses einzig ihrem eifrigen Gebet für Augustens Wohlfahrt zuzuschreiben . Dieser ihr Leben war jetzt mehr als je ganz nach Innen gekehrt , die Außenwelt kümmerte sie wenig , weniger noch ihr eignes Schicksal ; an Glück auf der Erde zu glauben hatte sie längst verlernt , und all ihr Hoffen ging weit über dieses Prüfungsleben hinaus . Daher fügte sie sich ohne Widerstreben dem deutlich ausgesprochnen Willen der Tante , wie sie sich früher dem ihres Vaters gefügt hatte . Mit ruhiger Fassung reichte sie dem Baron die Hand , als er sie heimzuführen kam . Sie war es sich bei diesem Schritte deutlich bewußt , daß sie nur ein unerfreuliches Daseyn mit einem ähnlichen , vielleicht noch unerfreulicherem vertauschte , aber sie folgte willenlos dem Winke des Schicksals . Fest entschlossen , durch Treue , Sorgfalt und jede Aufopferung , dem Manne , der sie gewählt hatte , alles zu werden , was sie ihm zu werden vermochte , und bei allen ihren Handlungen einzig sein Glück zu bezwecken , betrat sie die dunkle Schwelle vom Schloß Aarheim . Und doch fühlte sich Auguste unendlich glücklicher wie sie es je zu träumen gewagt hatte , als sie nach Jahresfrist Gabrielens Mutter ward . Nun hatte sie ein lebendes Wesen , das sie umfassen und beglücken konnte , mit all der bis jetzt tiefverborgnen Liebe , die der Grundton ihres Daseyns war . Sie lebte nun nicht mehr ohne Plan und Zweck in dieser Welt , sie wußte jetzt , für wen sie lebte , und trug nicht mehr bloß ergeben sondern freudig alle andere Zumuthungen des ihr im übrigen noch immer nicht freundlicher gewordnen Geschicks . Gabriele ward beim Eintritt in das Leben vom Vater nicht freundlich willkommen geheißen . Er hatte auf einen Erben seines alten Namens und seines Stammgutes gehofft , und suchte nicht den Unmuth über die getäuschte Erwartung seiner Gemahlin schonend zu verhehlen . Jahre vergingen , Gabriele blieb das einzige Kind , und der Vater blickte nie mit Liebe , oft mit verbißnem Zorn auf sie herab . Augustens unaussprechliche Milde , ihre unermüdete , allen Wünschen des Barons zuvorkommende Sorgfalt für ihn , siegten doch endlich einigermaaßen über sein von der Welt verwahrlosetes Gemüth . Ihm war jetzt zu wohl in seinem Hause geworden , als daß er die Urheberin dieses ihm bis jetzt unbekannt gebliebnen behaglichen Zustandes nicht hätte von den übrigen Menschen unterscheiden sollen . Zwar blieb er hart und kalt im Leben wie zuvor , aber er duldete Augustens stilles Walten , in seinem Schloß sowohl als auf seinem Gute , und ließ ihr schweigend die Freiheit , das Schicksal seiner Unterthanen auf manigfache Weise zu erleichtern . Allmählig ward sein Vertrauen zu ihr immer größer , so daß er ihr zuletzt die ganze Verwaltung seiner Geschäfte allein übertrug , allem menschlichen Umgang , außer mit ihr und den ihn zunächst umgebenden Dienern , völlig entsagte und sich auf den entferntesten Flügel des weitläuftigen Schlosses zurückzog , wo er sich eine von allen übrigen Bewohnern desselben ganz abgesonderte Wohnung einrichten ließ . Eine von seinen Vorfahren vor langer Zeit gesammelte Bibliothek war in der von ihm erwählten gänzlichen Abgeschiedenheit der einzige Zeitvertreib , welcher sich dem Baron gewissermaaßen entgegendrängte . Zuerst bewog ihn Langeweile , die alten Bücher zu mustern und zu ordnen , aus welchen sie bestand ; bald aber zog ihn der Inhalt eines Theils derselben unwiderstehlich an . Eine sehr vollständige große Sammlung alter alchymistischer Schriften , gedruckt und im Manuskript , war ihm in die Hände gefallen ; er hatte sie Anfangs nur aus bloßer Neubegier durchblättert , aber diese Blätter fingen bald an , ihn immer ernstlicher zu beschäftigen , so daß er zuletzt mit unermüdetem Eifer sie Tag und Nacht studirte und alles Uebrige dabei vergaß , bis ihm die Möglichkeit , mit der Natur in ihrem geheimsten Walten zu wetteifern , völlig erwiesen schien . Schon lange hatte er mit einem , aus gekränktem Stolz und Mitleid gemischten bittern Gefühl auf seine Gemahlin und seine Tochter geblickt , wenn er bedachte , daß diese nach seinem Tode Schloß Aarheim verlassen müßten , und in einer , wenn auch nicht hülflosen , doch gegen jetzt sehr beschränkten Lage zurückbleiben würden . Nun , da die Möglichkeit , Gold zu machen , ihm immer deutlicher , ja zuletzt zur Gewißheit ward , regte sein alter eingeschlummerter Ehrgeiz aufs neue die Flügel . Schon sah er im Geist Gabrielen zur reichsten Erbin von Europa erhoben , um deren Hand einst Fürsten werben würden . Im voraus genoß er den hohen Triumph über seine Feinde , die ihn in den Staub getreten zu haben wähnten , aus dem er jetzt zu ihrer Beschämung glorreich empor zu steigen hoffte , und er beschloß , sein ganzes übriges Leben an dieses große Ziel zu setzen , zu dessen Erreichung ihm nichts zu kostbar schien . Er ließ dicht neben seinem Zimmer ein eignes Laboratorium erbauen , in welchem er sich unablässig mit alchymistischen Versuchen beschäftigte , wenn er nicht über den Schriften brütete , die ihm jetzt als das Höchste erschienen . Den Seinigen ward er nur bei der Mittagstafel sichtbar und saß selbst dann stumm und in Gedanken verloren , ohne auf irgend etwas zu achten , was um ihn her geschah . Niemand im Hause konnte den eigentlichen Zweck seines Strebens nur ahnen , denn er arbeitete immer bei verschloßnen Thüren , und nahm nur im äußersten Nothfall einen alten Diener zur Hülfe , der gar nicht wußte , was er that , indem er seinem Herrn bei alchymistischen Prozessen Handreichung leistete . Auguste selbst durfte nie die Schwelle der Zimmer ihres Gemahls betreten . Sie glaubte mit allen übrigen Hausgenossen , daß der Baron sich mit Erfindung neuer Färbestoffe beschäftige , denn er selbst hatte auf eine geschickte Weise diese Meinung zu veranlassen gewußt . Herzlich gern gönnte sie ihm diese harmlose Beschäftigung , ohne weiter darüber zu grübeln , und war nur besorgt , jede Störung mit verdoppelter Aufmerksamkeit von ihm abzuwenden . Auguste erfreute sich jetzt der glücklichsten Zeit ihres Lebens . Jede Stunde des Tages durfte sie ungehindert dem Liebling ihrer Seele weihen , nie störte die Außenwelt sie in dieser süßen Beschäftigung , denn kein Besuch betrat jemals das Schloß , und die alte Tante war bald nach ihrer Verheirathung gestorben . Die kleinen Sorgen für das Hauswesen hatte Frau Dalling anfangs redlich mit ihr getheilt , zuletzt sie deren völlig enthoben . Diese wackere , nicht ungebildete Frau war noch vor Gabrielens Geburt in Augustens Dienste getreten und hatte bald nicht nur Vertrauen sondern auch Achtung und Liebe ihrer Herrschaft und der übrigen Hausgenossen sich erworben . Sogar der finstre , strenge Gebieter Aller bemerkte ihre treuen Dienste nicht ohne Wohlgefallen . Frau Dalling selbst hing mit der treusten Liebe an ihrer freundlichen Herrin und dem holdseligen Kinde , und hätte im Fall der Noth ihr Leben für beide willig geopfert . Den schwachen Lebensfunken , mit welchem Gabriele zur Welt kam , konnte nur Mutterliebe und die sorgsamste Pflege vor frühem , völligen Erlöschen bewahren ; sehr langsam wuchs sie kräftiger heran und ward endlich ein zwar gesundes , aber kein blühendes Kind . Ihre ganze Erscheinung hatte etwas ätherisches . Wenn das kleine zierliche Geschöpf durch den Garten hüpfte , die vollen , goldnen Locken um den blendend weißen Hals flogen , das dunkelbraune Auge fröhlich blitzte , und ein blasses Roth das einer weißen Rosenknospe ähnliche Gesichtchen sanft überhauchte ; dann glich es mehr der Elfenkönigin Titania , als einem sterblichen Wesen . So blieb Gabriele bis in ihr sechzehntes Jahr , dem Ansehen nach völlig ein Kind . Die köstlichsten Blumen zögern ja immer am längsten , ehe sie die schützende Knospe durchbrechen . Wehmüthig bange sah Auguste dem Zeitpunkt entgegen , in welchem der goldne Traum der Kindheit dem ihr vom Himmel zum Trost gesandten Engel entschweben mußte ; sie suchte ihn so lange als möglich zu entfernen ; aber das ohne alle Gespielen ihres Alters , einzig bei dieser Mutter aufwachsende Mädchen reifte im Innern weit früher heran als im Aeußern . Augustens Natur war die reinste , alles opfernde Liebe . Schüchtern geworden in der ihr so unfreundlichen Welt , hatte sie sich immer tief verborgen gehalten , und nur gestrebt , alles , was sie berührte , unbemerkt zu beglücken , bis sie in Gabrielen ein Wesen fand , bei dem es Pflicht ward , sich unverschleiert zu zeigen . Nun ward die mütterliche Liebe in ihrem so lange verwaist gebliebenen Gemüth zur hell lodernden Flamme der Leidenschaft . Sie zog Gabrielen mit sich in ihre schöne innerliche Welt , dort lebten Mutter und Tochter ein , allen Uebrigen verborgenes , engelgleiches Leben , in gegenseitigem Verstehen , wie diese Erde es selten birgt . Vertrauen auf Gott , Muth und Ergebung zum Schutz gegen die unvermeidlichen Stürme des Lebens wußte Auguste frühe dem jungen Herzen ihrer Tochter einzuflößen . Gabriele lernte von ihr , stilles Dulden , bei festem Anhalten an das Rechte , als der Frauen höchste Pflicht erkennen ; aber in wehmüthig vertrauten Stunden lernte sie auch von der Mutter , daß nur in der Brust des Weibes stille , durch sich selbst beglückte und beglückende Liebe wohnt , die selten echte Gegenliebe findet , und ihrer auch nicht bedarf , um des Lebens höchste , schönste Blüthe zu seyn . Fröhlich suchte Auguste nun alles wieder hervor , was sie früher im Geräusch der ihr jetzt so fernen Welt erlernt hatte , um auch äußerlich ihren Liebling damit zu schmücken . Sie brachte dadurch in ihre düstre Einsamkeit ein wunderliches Feenleben voll Wechsel und Glanz , von dem , außer der vertrauten Frau Dalling niemand etwas ahnen konnte . In den ausländischen Sprachen , die der Mutter während ihres langen Aufenthalts in fremden Ländern so geläufig als die eigne geworden waren , lernte Gabriele sich mit Leichtigkeit ausdrücken . Musik und bildende Kunst blieben auch in den trübsten Tagen Augustens freundliche Tröster ; jetzt übte sie sie mit Gabrielen und fühlte die reinste entzückendste Freude bei deren Fortschritten in beiden . Sie lehrte sie , die unsterblichen Lieder der Dichter durch den Wohllaut der Stimme zu beleben . Uebung jeder schönen Kunst machte aus jedem Tage ihres stillen Beisammenseyns ein Fest . Gabriele lernte sogar , von der Mutter geleitet , sich durch Blumenkränze mit gemeßnem Schritte winden , oder mit einem Shawl die reizendsten Stellungen der Antike nachbilden . Auguste sah oft mit wonneglänzendem Auge die kleine Grazie , das Tamburin schwingend , im leichten , südlichen Tanze auf und niederschweben ; sie gedachte dabei der trüben Tage ihrer eignen Jugend , in denen sie lächelnd , wenn gleich mit halb gebrochnem Herzen , sich auf Befehl ihres Vaters vor schimmernden Versammlungen so zeigen mußte , und pries dankbar das Geschick ihres glücklichen Kindes und seine ungetrübte Freude an der heitern Kunst . Stunden ernstern Unterrichts wechselten mit diesen , dem Schmuck des Lebens geweihten . Auguste selbst hatte eine zu sorgfältige Erziehung genossen , als daß sie nicht ihrer Tochter eine sehr vorzügliche Lehrerin hätte werden können . Sie las mit ihr aufmerksam und nöthigen Falls erläuternd , das Beste , was in unsrer und in fremden Sprachen für den Unterricht der Jugend geschrieben ward ; sie führte sie früh in die Geschichte der Völker ein , aber sie öffnete ihr auch früh das Wunderreich der Poesie ; Gabrielens leicht bewegliche Fantasie versank in seinem Zauber , und das rege Mutterherz mit ihr . So geschah es denn , daß Gabrielens liebliche Erscheinung allen Reiz kindlich unbefangener Unschuld mit Kenntnissen und Talenten vereinte , welche sonst nur durch die liberalste Erziehung reicher Eltern in großen Städten erworben werden können . In ihrer tiefen Einsamkeit kam ihr keine Ahnung von dem , was sie eigentlich war ; alle Mädchen ihres Alters und Standes dachte sie sich weit unterrichteter , kunstreicher , liebenswürdiger als sich selbst , denn sie hatte noch nie eines gesehen , und fremdes Lob noch nie ihr Ohr berührt . Selbst ihr Vater hatte keine Ahnung von dem , was sie wußte und war ; er sah sie nur bei Tische , wo Frau und Tochter in bangem Schweigen vor ihm erstarrten , und er selbst nur den Mund öffnete , um nach Vollziehung früherer Befehle zu fragen , oder neue zu ertheilen . Gabrielen fiel übrigens der Zwang , welchen seine Gegenwart ihr und der Mutter auflegte , nicht im geringsten auf . Von Jugend an dessen gewohnt , glaubte sie , es sey in allen Familien so , könne und dürfe nicht anders seyn , und Auguste hütete sich , sie in diesem Glauben irre zu machen . Nie hätte das Band gelöst werden sollen , das Mutter und Tochter so beglückend vereinte , ihre Herzen hätten immer zusammen , in gleicher Bewegung schlagen müssen , bis von Einem Grabe beide in einer Stunde aufgenommen worden wären . Aber im Buche dort oben war es anders geschrieben . Auguste erkrankte plötzlich und starb . Wenige Tage nur hatte das verzehrende Fieber in ihrem Innern gewüthet , der Schmerz des Todes war schonend an ihr vorüber gegangen ; aber die Krankheit zerstörte gleich anfangs ihr Bewußtseyn , sie entschlief ohne auch nur einigermaaßen für Gabrielens künftige Verhältnisse sorgen zu können . Das Bild dieser Tochter am Grabe dieser Mutter verdecke ein undurchdringlicher Schleier ; wer könnte es unternehmen , solch einen Schmerz beschreiben zu wollen ! Baron Aarheim erstarrte vor Schrecken über das so plötzlich über ihn hereingebrochene Unheil . Geliebt hatte er Augusten nicht , denn sein versteinertes Gemüth konnte nicht lieben ; ihren vollen Werth hatte er nie klar erkannt , nur dumpf empfunden ; aber schmerzlich fühlte er die durch ihren Tod entstandne Unbequemlichkeit , für sein Haus und sein Kind selbsteigen sorgen zu müssen . Sobald er nur einigermaaßen wieder zur Besinnung kam , war er ernstlich darauf bedacht , sich dieser Sorgen zu entledigen , um nur wieder ungestört seinen alchymistischen Arbeiten leben zu können , von denen er sich hoffnungsreicher als je , den glänzendsten Erfolg ganz nahe versprach . Zum erstenmale würdigte er seine Tochter eines ernstlichen Bemerkens ; ihre jugendliche Anmuth gefiel ihm . Von der seltnen Ausbildung ihres Geistes und ihrer Talente wußte und ahnete er fortwährend nichts , sie blieben ihm verhüllt , denn früherer Gewöhnung eingedenk , wagte es das traurige , schüchterne Mädchen kaum , in seiner Ehrfurcht gebietenden Nähe zu athmen . Des Barons eifrigstes Bestreben ging jetzt dahin , Gabrielen irgendwo unterzubringen , wo sie alles lernen sollte , was ihr seiner Meinung nach noch fehlte . Seine Schwester , die Gräfin Rosenberg , schien ihm bei reiflichem Nachsinnen die Einzige , an die er sich in dieser Angelegenheit wenden konnte . Sie war mehrere Jahre jünger als er , frühe verwitwet , und lebte mit ihrer einzigen Tochter mitten im Geräusch einer drei Tagereisen vom Schloß Aarheim entfernten großen Stadt , in welcher sie eines der glänzendsten Häuser bildete . Hier sollte Gabriele für den ausgezeichneten Platz gebildet werden , auf dem sie , wie der Vater fest glaubte , in der Welt zu glänzen bestimmt war . Seit mehr als zwanzig Jahren ergriff der Freiherr zum erstenmal wieder die Feder , um seiner Schwester zu schreiben . Er machte sie mit seinem Verluste bekannt , stellte ihr die Verlegenheit vor , in der er sich wegen der Erziehung seiner einzigen Tochter befand , und wandte alles an , um sie zu einem Besuch auf seinem einsamen Schlosse zu bewegen . Aurelien war diese Einladung höchst unwillkommen , ihre Mutter hingegen ergriff sie mit einer Art von Begeisterung , die ihr sogar den Muth gab , dem Willen ihrer Tochter für dieses Mal gerade entgegen zu handeln . Eine Wallfahrt zum Stammhause ihrer Vorfahren , welches die Gräfin noch nie besucht hatte , schien ihr so romantisch , sie dachte sich die dunkeln , hohen Gemächer , die gemalten Fensterscheiben , die langen Gallerieen voll alter Bilder ihrer Ahnen so interessant , sie freute sich so sehr auf den neuen Stoff zur geselligen Unterhaltung , daß sie , ungeachtet aller Einwendungen Aureliens , die Reise so viel möglich beschleunigte , und mehrere Tage früher im Schloß Aarheim eintraf als der Baron es erwarten konnte . Doch kaum hatte sie einige Stunden dort verlebt , so sehnte sie sich schon wieder recht herzlich in ihre gewohnten Umgebungen zurück . Alles , was sie sah , machte auf sie einen weit andern Eindruck , als sie erwartet hatte . Die todte Stille in dem großen öden Gebäude ängstigte sie , die dunkeln winkligen Gänge und Säle , die viele Ellen-dicken Mauern schienen sie erdrücken zu wollen , vor allen aber erregte ihr der Anblick ihres Bruders ein nie gefühltes unüberwindliches , Grausen . Als einen großen stattlichen Mann hatte sie ihn zum letztenmal erblickt , nach einer langen Reihe von Jahren sah sie ihn jetzt , wieder zum hinfälligen , hagern Greise gealtert , und suchte vergebens in seinen von mannigfachen Leidenschaften durchwühlten Zügen , in seinen tiefliegenden , dunkel glühenden Augen nach einer Spur von dem , was er in frühern Tagen gewesen war . Seine ganze Erscheinung blieb ihr nur eine stete ernste Erinnerung an die mächtige Gewalt der Zeit , die sie so gern für immer vergessen hätte , er stand vor ihr wie ein Gespenst , das aus einem schönen Traum sie erweckt , und seine Gegenwart war ihr um so entsetzlicher , je mehr sie zu verbergen strebte , was sie dabei empfand . Auf Aurelien , die , vier Jahre älter als Gabriele , in der höchsten Pracht völlig erblühter Schönheit strahlte , machte der Baron freilich nicht den Eindruck als auf ihre Mutter , dafür aber fühlte sie sich beim ersten Schritt in das Schloß von der gräßlichsten Langenweile ergriffen . Besonders aber war sie ärgerlich über die kleine blasse Kusine , der unschuldigen Veranlassung dieser ihr widerwärtigen Reise . Um diesem Zorn Luft zu machen , auch wohl , um sich doch auf irgend eine Weise zu amüsiren , verfolgte sie die arme Gabriele mit tausend lustigen Einfällen über das , was sie altmodisch-empfindsames Wesen nannte , und spottete ganz ohne Erbarmen , wenn das arme verschüchterte Kind dadurch in Verlegenheit gerieth , und sich irgend eine kleine Unbehülflichkeit zu Schulden kommen ließ . In bessern Stunden kramte sie vor ihr alle die Künste aus , um derentwillen man sie in der Stadt unter dem Namen einer zweiten Korinna zu vergöttern pflegte . Gabrielens sprachloses Staunen dabei schien ihr ein großer Triumph , ihr ahnete nicht , daß diese nur zu begreifen suchte , wie man von solchen Künsten so viel Wesens machen könne , die sie selbst nur gewohnt war als Erholung von ernstern Beschäftigungen zu üben . Noch weniger fiel es ihr ein , daß die unbedeutende Kleine in Manchem wohl nicht ohne Erfolg mit ihr zu wetteifern fähig wäre , denn Gabriele war zu furchtsam , und auch zu bescheiden gewöhnt , um auf die entfernteste Weise etwas davon zu äußern . Es bedurfte nicht Aureliens ungestümes Treiben , um die Gräfin zur möglichsten Abkürzung eines Aufenthalts zu bewegen , der ihren Erwartungen so gar nicht entsprach , besonders da der Baron weit entfernt war , auf dessen Verlängerung zu bestehen . Die Gräfin versprach ihrem Bruder in allgemeinen Ausdrücken , Gabrielen bis zum Frühlinge zu sich zu nehmen , ihr den nämlichen Unterricht zu verschaffen , den die glänzende Aurelia gehabt hatte , und sie in die Welt einzuführen . Dieß genügte ihm . Sie selbst hatte Gabrielen kaum des Bemerkens würdig geachtet . Von ihrer sehr kleinen Gestalt , und ihrem ganzen Ansehen getäuscht , hielt sie sie für ein kaum vierzehnjähriges Kind , und dieß mußte ein jeder , der solche zum erstenmale sah , und nicht Gelegenheit hatte , ihren weit über ihre sechzehn Jahre hinaus gebildeten Geist zu erkennen . Am dritten Tage nach ihrer Ankunft rollten beide Damen sehr fröhlich über die Zugbrücke der alten Burg der Stadt wiederum zu . Gabriele athmete erleichtert auf , indem sie ihnen nachsah , aber im nämlichen Moment traf sie wie ein Donnerschlag aus heitrer Luft die Erklärung ihres Vaters , daß sie in acht Tagen den Damen folgen würde , um wenigstens bis zum Frühling bei diesen zu verweilen . Dennoch vernahm sie den Befehl , ohne eine Einwendung dagegen zu wagen , denn die Möglichkeit , mit Blicken oder Worten dem Willen ihres Vaters zu widerstreben , war ihr nie in ihre Seele gekommen . Es that ihr sehr weh , alle liebe , gewohnte , durch die einstige Gegenwart ihrer Mutter geheiligte Umgebungen verlassen zu müssen , besonders da sie vernahm , daß Frau Dalling sie zwar begleiten aber gleich nach vollendeter Reise zurückkehren würde , um wie sonst dem Haushalt ihres Vaters vorzustehen . Der schmerz über den Tod ihrer Mutter ergriff sie mit verdoppelter Gewalt ; sie fühlte , wie trostlos sie in der Stadt unter Fremden seyn würde , von denen keiner ihre Mutter gekannt hatte . Hier im Schloß war sie es nicht , wenn sie auch weinte ; der Mutter Geist wehte noch über alles , was sie umgab , sie setzte gleichsam unter seinem Schutz das gewohnte Daseyn fort , und achtete sich nicht durch das Grab gänzlich von ihrer Mutter geschieden . Dabei fühlte sie ein unnennbares Grauen , wenn sie sich das künftige Leben mit der Gräfin und Aurelien lebhaft dachte , ein Gefühl , das durch die Art , wie beide sich in diesen Tagen gegen sie benommen hatten , recht wohl zu entschuldigen war ; aber sie hatte Kraft genug ihr innres Widerstreben während der ganzen acht Tage , die sie noch im Schloß ihres Vaters blieb , zu verbergen , und mit schweigender Ergebung allen Anstalten zu ihrer Abreise zuzusehen . Sie gedachte dabei der Lehren und des Beispiels ihrer Mutter , jeder Tag des Lebens der früh Verklärten war ja auch durch alle die unzähligen , unbemerkten Opfer bezeichnet , die das Loos so vieler Frauen sind , welche die nur nach dem Schein urtheilende Welt glücklich preist . Gabriele hatte von ihr gelernt , sie für die Bestimmung ihres ganzen Geschlechts zu halten , aber auch das Unvermeidliche mit guter Art zu ertragen . Nur am Abend des letzten Tages im väterlichen Hause ward die Last des Schmerzes und der Sorge der jungen Brust zu mächtig und zwang ihr laute Klagen ab . Zum letztenmal saß sie mit ihrer lieben Frau Dalling in dem vertrauten Zimmer , wo sie gewohnt hatte , seit sie geboren war ; sie hatte an diesem Tage alle ihre lieben Plätze in Garten und Wald noch einmal einsam besucht , hatte im Zimmer , welches sonst ihre Mutter bewohnte , und am stillen Grabe , in welchem diese jetzt ruhte , zu ihr wie zu einer Heiligen gebetet ; auch ihr Vater hatte ihr schon Lebewohl gesagt , und seine ihr ganz ungewohnte Freundlichkeit beim Abschied war ihr tief ins Herz gedrungen . Allen Bedienten im Schloß , unter deren Augen sie aufgewachsen war , hatte sie freundlich die Hand gereicht , sie zum letztenmal durch kleine Gaben erfreut und betrübt , und ihrer Sorgfalt die einzigen Spielgefährten ihrer Kindheit aufs dringendste empfohlen . Dieses waren schöne Blumen , ihre lieben Zöglinge , und viele freundliche zahme Thiere , welche sich jeden Morgen in buntem Gewühl um sie drängten . Jetzt ward ihr zu Muthe , als wäre sie von ihrem ganzen Jugendleben geschieden , und mit einem Strom heißer , langverhaltner Thränen warf sie sich in die treuen Arme der Pflegerin ihrer Kindheit , von der sie auch in wenigen Tagen sich trennen sollte . Frau Dalling stellte vergebens dem weinenden Mädchen vor , daß Tausende an seiner Stelle sich überglücklich fühlen würden , wenn sie das öde Schloß mit dem glänzenden Hause der Gräfin Rosenberg vertauschen sollten . Gabriele aber hatte keinen Sinn für die Freuden , die dort sie erwarten mochten . Wie die Tante und Aurelien , so dachte sie sich die Welt , in welcher sie künftig leben sollte . Aus deren Benehmen gegen sie schloß sie auf den Empfang , welcher sie in der Gesellschaft erwartete . Uebersehen oder verspottet zu werden , ist eine gar zu traurige Alternative für ein junges , an Liebe gewöhntes Wesen , und etwas anders glaubte sie nicht hoffen zu dürfen . Auch der Trost , daß der Frühling sie wieder in ihre Heimath zurückführen würde , machte keinen Eindruck auf das tiefbetrübte Kind . Die Bäume begannen eben erst , sich herbstlich zu färben , acht Monate mußten wenigstens vergehen , ehe sie wieder im Blüthenschmuck prangten . Im reifern Alter reihen sich die Tage sehr schnell zu Wochen und Monden , sie werden zu Jahren , ehe wir uns dessen versehen , aber im sechzehnten Jahre dünken uns acht Monate eine so unabsehbare Zukunft , daß Gabriele sie kaum zu erleben glaubte . Mit wahrer Freude sah Baron Aarheim am folgenden Morgen den Wagen in aller Frühe nach der Schloßbrücke fahren , in welchem die trauernde Gabriele neben ihrer Dalling saß . Er athmete dabei hoch auf , als sey er einer schweren Sorge entledigt , und verschloß sich sorgsamer und eifriger als je bei seinem Forschen nach den dunkeln Geheimnissen der Natur , fest bestimmt , durch keine andern Geschäfte sich davon abhalten zu lassen . Frau Dalling hatte im Lauf von mehr als sechzehn Jahren sich zu treu bewiesen , als daß er ihr nicht bei ihrer baldigen Rückkehr die Besorgung seiner häuslichen Angelegenheiten ohne Bedenken hätte überlassen sollen ; übrigens bekümmerte ihn die Verwaltung seines Gutes jetzt sehr wenig , da er in kurzem der Besitzer unermeßlichen Reichthums zu werden gedachte . Zum erstenmal überschritt jetzt Gabriele die enge Gränze des kleinen Gebiets ihres Vaters , denn Auguste hatte auch hierin seinen deutlich ausgesprochnen Willen geehrt , und war mit ihrer Tochter gern in den Schranken geblieben , welche er ihr zu setzen für gut hielt . Als Gabriele die letzten bekannten Bäume und Hütten hinter sich gelassen hatte , kam ihr alles unheimlich und unabsehbar groß vor , was sie erblickte . Das Rasseln der Räder ihres Wagens durch die engen , schmutzigen Straßen des ersten kleinen Städtchens erschreckte und beängstigte sie ; die Leute , denen sie darin begegnete , erregten ihr Grauen , denn sie grüßte sie freundlich , wie sie es gewohnt war , und sie starrten sie verwundert an , ohne ihren Gruß zu erwiedern . Endlich mochte sie gar nichts mehr sehen , schloß die Jalusieen des Wagens , wickelte sich in ihren Schleier und saß lange in schweigendem Sinnen verloren , bis Frau Dalling dem Wunsch nicht mehr widerstehen konnte , durch liebkosende Fragen ihre junge Reisegefährtin aus ihren Träumereien zu erwecken . Sey ruhig , gute Dalling , entgegnete ihr Gabriele , ich dachte jetzt an meine Mutter , und überlegte was ich thun muß , um zu seyn , wie sie es wünschen würde . Der Zeitpunkt ist sehr früh gekommen , den sie mir so oft mit schmerzlichem Vorgefühl andeutete ; ich trete jetzt in die fremde Welt , und ohne sie . Aber sie soll mir nicht gestorben seyn , ich will wie unter ihren Augen mein Leben fortsetzen , denn hier in meiner Brust fühle