Stelle , zum größten Troste des beruhigten Meisters und zur vollkommenen Zufriedenheit des Königs . Jener Thron war in meiner Jugend noch recht gut zu sehen , und an den Resten der einen Seite werden Sie bemerken können , daß am Schnitzwerk nichts gespart war , das freilich dem Maler leichter fallen mußte , als es dem Zimmermann gewesen wäre , wenn man es von ihm verlangt hätte . Hieraus zog ich aber keine Bedenklichkeit , sondern ich erblickte das Handwerk , dem ich mich gewidmet hatte , in einem so ehrenvollen Lichte , daß ich nicht erwarten konnte , bis man mich in die Lehre tat ; welches um so leichter auszuführen war , als in der Nachbarschaft ein Meister wohnte , der für die ganze Gegend arbeitete und mehrere Gesellen und Lehrbursche beschäftigen konnte . Ich blieb also in der Nähe meiner Eltern und setzte gewissermaßen mein voriges Leben fort , indem ich Feierstunden und Feiertage zu den wohltätigen Botschaften , die mir meine Mutter aufzutragen fortfuhr , verwendete . « Die Heimsuchung » So vergingen einige Jahre « , fuhr der Erzähler fort . » Ich begriff die Vorteile des Handwerks sehr bald , und mein Körper , durch Arbeit ausgebildet , war imstande , alles zu übernehmen , was dabei gefordert wurde . Nebenher versah ich meinen alten Dienst , den ich der guten Mutter , oder vielmehr Kranken und Notdürftigen leistete . Ich zog mit meinem Tier durchs Gebirg , verteilte die Ladung pünktlich und nahm von Krämern und Kaufleuten rückwärts mit , was uns hier oben fehlte . Mein Meister war zufrieden mit mir und meine Eltern auch . Schon hatte ich das Vergnügen , auf meinen Wanderungen manches Haus zu sehen , das ich mit aufgeführt , das ich verziert hatte . Denn besonders dieses letzte Einkerben der Balken , dieses Einschneiden von gewissen einfachen Formen , dieses Einbrennen zierender Figuren , dieses Rotmalen einiger Vertiefungen , wodurch ein hölzernes Berghaus den so lustigen Anblick gewährt , solche Künste waren mir besonders übertragen , weil ich mich am besten aus der Sache zog , der ich immer den Thron Herodes ' und seine Zieraten im Sinne hatte . Unter den hilfsbedürftigen Personen , für die meine Mutter eine vorzügliche Sorge trug , standen besonders junge Frauen obenan , die sich guter Hoffnung befanden , wie ich nach und nach wohl bemerken konnte , ob man schon in solchen Fällen die Botschaften gegen mich geheimnisvoll zu behandeln pflegte . Ich hatte dabei niemals einen unmittelbaren Auftrag , sondern alles ging durch ein gutes Weib , welche nicht fern das Tal hinab wohnte und Frau Elisabeth genannt wurde . Meine Mutter , selbst in der Kunst erfahren , die so manchen gleich beim Eintritt in das Leben zum Leben rettet , stand mit Frau Elisabeth in fortdauernd gutem Vernehmen , und ich mußte oft von allen Seiten hören , daß mancher unserer rüstigen Bergbewohner diesen beiden Frauen sein Dasein zu danken habe . Das Geheimnis , womit mich Elisabeth jederzeit empfing , die bündigen Antworten auf meine rätselhaften Fragen , die ich selbst nicht verstand , erregten mir sonderbare Ehrfurcht für sie , und ihr Haus , das höchst reinlich war , schien mir eine Art von kleinem Heiligtume vorzustellen . Indessen hatte ich durch meine Kenntnisse und Handwerkstätigkeit in der Familie ziemlichen Einfluß gewonnen . Wie mein Vater als Bötticher für den Keller gesorgt hatte , so sorgte ich nun für Dach und Fach und verbesserte manchen schadhaften Teil der alten Gebäude . Besonders wußte ich einige verfallene Scheuern und Remisen für den häuslichen Gebrauch wieder nutzbar zu machen ; und kaum war dieses geschehen , als ich meine geliebte Kapelle zu räumen und zu reinigen anfing . In wenigen Tagen war sie in Ordnung , fast wie Ihr sie sehet ; wobei ich mich bemühte , die fehlenden oder beschädigten Teile des Täfelwerks dem Ganzen gleich wiederherzustellen . Auch solltet Ihr diese Flügeltüren des Eingangs wohl für alt genug halten ; sie sind aber von meiner Arbeit . Ich habe mehrere Jahre zugebracht , sie in ruhigen Stunden zu schnitzen , nachdem ich sie vorher aus starken eichenen Bohlen im ganzen tüchtig zusammengefügt hatte . Was bis zu dieser Zeit von Gemälden nicht beschädigt oder verloschen war , hat sich auch noch erhalten , und ich half dem Glasmeister bei einem neuen Bau , mit der Bedingung , daß er bunte Fenster herstellte . Hatten jene Bilder und die Gedanken an das Leben des Heiligen meine Einbildungskraft beschäftigt , so drückte sich , das alles nur viel lebhafter bei mir ein , als ich den Raum wieder für ein Heiligtum ansehen , darin , besonders zur Sommerszeit , verweilen und über das , was ich sah oder vermutete , mit Muße nachdenken konnte . Es lag eine unwiderstehliche Neigung in mir , diesem Heiligen nachzufolgen ; und da sich ähnliche Begebenheiten nicht leicht herbeirufen ließen , so wollte ich wenigstens von unten auf anfangen , ihm zu gleichen : wie ich denn wirklich durch den Gebrauch des lastbaren Tiers schon lange begonnen hatte . Das kleine Geschöpf , dessen ich mich bisher bedient , wollte mir nicht mehr genügen ; ich suchte mir einen viel stattlicheren Träger aus , sorgte für einen wohlgebauten Sattel , der zum Reiten wie zum Packen gleich bequem war . Ein paar neue Körbe wurden angeschafft , und ein Netz von bunten Schnüren , Flocken und Quasten , mit klingenden Metallstiften untermischt , zierte den Hals des langohrigen Geschöpfs , das sich nun bald neben seinem Musterbilde an der Wand zeigen durfte . Niemanden fiel ein , über mich zu spotten , wenn ich in diesem Aufzuge durchs Gebirge kam : denn man erlaubt ja gern der Wohltätigkeit eine wunderliche Außenseite . Indessen hatte sich der Krieg , oder vielmehr die Folge desselben , unserer Gegend genähert , indem verschiedenemal gefährliche Rotten von verlaufenem Gesindel sich versammelten und hie und da manche Gewalttätigkeit , manchen Mutwillen ausübten . Durch die gute Anstalt der Landmiliz , durch Streifungen und augenblickliche Wachsamkeit wurde dem Übel zwar bald gesteuert ; doch verfiel man zu geschwind wieder in Sorglosigkeit , und ehe man sich ' s versah , brachen wieder neue Übeltaten hervor . Lange war es in unserer Gegend still gewesen , und ich zog mit meinem Saumrosse ruhig die gewohnten Pfade , bis ich eines Tages über die frisch besäte Waldblöße kam und an dem Rande des Hegegrabens eine weibliche Gestalt sitzend oder vielmehr liegend fand . Sie schien zu schlafen oder ohnmächtig zu sein . Ich bemühte mich um sie , und als sie ihre schönen Augen aufschlug und sich in die Höhe richtete , rief sie mit Lebhaftigkeit aus : Wo ist er ? habt Ihr ihn gesehen ? Ich fragte : Wen ? Sie versetzte : Meinen Mann ! Bei ihrem höchst jugendlichen Ansehen war mir diese Antwort unerwartet ; doch fuhr ich nur um desto lieber fort , ihr beizustehen und sie meiner Teilnahme zu versichern . Ich vernahm , daß die beiden Reisenden sich wegen der beschwerlichen Fuhrwege von ihrem Wagen entfernt gehabt , um einen nähern Fußweg einzuschlagen . In der Nähe seien sie von Bewaffneten überfallen worden , ihr Mann habe sich fechtend entfernt , sie habe ihm nicht weit folgen können und sei an dieser Stelle liegengeblieben , sie wisse nicht wie lange . Sie bitte mich inständig , sie zu verlassen und ihrem Manne nachzueilen . Sie richtete sich auf ihre Füße , und die schönste , liebenswürdigste Gestalt stand vor mir ; doch konnte ich leicht bemerken , daß sie sich in einem Zustande befinde , in welchem sie die Beihülfe meiner Mutter und der Frau Elisabeth wohl bald bedürfen möchte . Wir stritten uns eine Weile : denn ich verlangte , sie erst in Sicherheit zu bringen ; sie verlangte zuerst Nachricht von ihrem Manne . Sie wollte sich von seiner Spur nicht entfernen , und alle meine Vorstellungen hätten vielleicht nicht gefruchtet , wenn nicht eben ein Kommando unserer Miliz , welche durch die Nachricht von neuen Übeltaten rege geworden war , sich durch den Wald her bewegt hätte . Diese wurden unterrichtet , mit ihnen das Nötige verabredet , der Ort des Zusammentreffens bestimmt und so für diesmal die Sache geschlichtet . Geschwind versteckte ich meine Körbe in eine benachbarte Höhle , die mir schon öfters zur Niederlage gedient hatte , richtete meinen Sattel zum bequemen Sitz und hob , nicht ohne eine sonderbare Empfindung , die schöne Last auf mein williges Tier , das die gewohnten Pfade sogleich von selbst zu finden wußte und mir Gelegenheit gab , nebenher zu gehen . Ihr denkt , ohne daß ich es weitläufig beschreibe , wie wunderlich mir zumute war . Was ich so lange gesucht , hatte ich wirklich gefunden . Es war mir , als wenn ich träumte , und dann gleich wieder , als ob ich aus einem Traume erwachte . Diese himmlische Gestalt , wie ich sie gleichsam in der Luft schweben und vor den grünen Bäumen sich her bewegen sah , kam mir jetzt wie ein Traum vor , der durch jene Bilder in der Kapelle sich in meiner Seele erzeugte . Bald schienen mir jene Bilder nur Träume gewesen zu sein , die sich hier in eine schöne Wirklichkeit auflösten . Ich fragte sie manches , sie antwortete mir sanft und gefällig , wie es einer anständig Betrübten ziemt . Oft bat sie mich , wenn wir auf eine entblößte Höhe kamen , stillezuhalten , mich umzusehen , zu horchen . Sie bat mich mit solcher Anmut , mit einem solchen tief wünschenden Blick unter ihren langen schwarzen Augenwimpern hervor , daß ich alles tun mußte , was nur möglich war ; ja ich erkletterte eine freistehende , hohe , astlose Fichte . Nie war mir dieses Kunststück meines Handwerks willkommener gewesen ; nie hatte ich mit mehr Zufriedenheit von ähnlichen Gipfeln , bei Festen und Jahrmärkten , Bänder und seidene Tücher heruntergeholt . Doch kam ich diesesmal leider ohne Ausbeute ; auch oben sah und hörte ich nichts . Endlich rief sie selbst mir , herabzukommen , und winkte gar lebhaft mit der Hand ; ja , als ich endlich beim Herabgleiten mich in ziemlicher Höhe losließ und heruntersprang , tat sie einen Schrei , und eine süße Freundlichkeit verbreitete sich über ihr Gesicht , da sie mich unbeschädigt vor sich sah . Was soll ich Euch lange von den hundert Aufmerksamkeiten unterhalten , womit ich ihr den ganzen Weg über angenehm zu werden , sie zu zerstreuen suchte . Und wie könnte ich es auch ! denn das ist eben die Eigenschaft der wahren Aufmerksamkeit , daß sie im Augenblick das Nichts zu Allem macht . Für mein Gefühl waren die Blumen , die ich ihr brach , die fernen Gegenden , die ich ihr zeigte , die Berge , die Wälder , die ich ihr nannte , so viel kostbare Schätze , die ich ihr zuzueignen dachte , um mich mit ihr in Verhältnis zu setzen , wie man es durch Geschenke zu tun sucht . Schon hatte sie mich für das ganze Leben gewonnen , als wir in dem Orte vor der Türe jener guten Frau anlangten und ich schon eine schmerzliche Trennung vor mir sah . Nochmals durchlief ich ihre ganze Gestalt , und als meine Augen an den Fuß herabkamen , bückte ich mich , als wenn ich etwas am Gurte zu tun hätte , und küßte den niedlichsten Schuh , den ich in meinem Leben gesehen hatte , doch ohne daß sie es merkte . Ich half ihr herunter , sprang die Stufen hinauf und rief in die Haustüre : Frau Elisabeth , Ihr werdet heimgesucht ! Die Gute trat hervor , und ich sah ihr über die Schultern zum Hause hinaus , wie das schöne Wesen die Stufen heraufstieg , mit anmutiger Trauer und innerlichem schmerzlichen Selbstgefühl , dann meine würdige Alte freundlich umarmte und sich von ihr in das bessere Zimmer leiten ließ . Sie schlossen sich ein , und ich stand bei meinem Esel vor der Tür , wie einer , der kostbare Waren abgeladen hat und wieder ein ebenso armer Treiber ist als vorher . « Der Lilienstengel » Ich zauderte noch , mich zu entfernen , denn ich war unschlüssig , was ich tun sollte , als Frau Elisabeth unter die Türe trat und mich ersuchte , meine Mutter zu ihr zu berufen , alsdann umherzugehen und wo möglich von dem Manne Nachricht zu geben . Marie läßt Euch gar sehr darum ersuchen , sagte sie . - Kann ich sie nicht noch einmal selbst sprechen ? versetzte ich . - Das geht nicht an , sagte Frau Elisabeth , und wir trennten uns . In kurzer Zeit erreichte ich unsere Wohnung ; meine Mutter war bereit , noch diesen Abend hinabzugehen und der jungen Fremden hülfreich zu sein . Ich eilte nach dem Lande hinunter und hoffte , bei dem Amtmann die sichersten Nachrichten zu erhalten . Allein er war noch selbst in Ungewißheit , und weil er mich kannte , hieß er mich die Nacht bei ihm verweilen . Sie ward mir unendlich lang , und immer hatte ich die schöne Gestalt vor Augen , wie sie auf dem Tiere schwankte und so schmerzhaft freundlich zu mir heruntersah . Jeden Augenblick hofft ' ich auf Nachricht . Ich gönnte und wünschte dem guten Ehemann das Leben , und doch mochte ich sie mir so gern als Witwe denken . Das streifende Kommando fand sich nach und nach zusammen , und nach mancherlei abwechselnden Gerüchten zeigte sich endlich die Gewißheit , daß der Wagen gerettet , der unglückliche Gatte aber an seinen Wunden in dem benachbarten Dorfe gestorben sei . Auch vernahm ich , daß nach der früheren Abrede einige gegangen waren , diese Trauerbotschaft der Frau Elisabeth zu verkündigen . Also hatte ich dort nichts mehr zu tun noch zu leisten , und doch trieb mich eine unendliche Ungeduld , ein unermeßliches Verlangen durch Berg und Wald wieder vor ihre Türe . Es war Nacht , das Haus verschlossen , ich sah Licht in den Zimmern , ich sah Schatten sich an den Vorhängen bewegen , und so saß ich gegenüber auf einer Bank , immer im Begriff anzuklopfen und immer von mancherlei Betrachtungen zurückgehalten . Jedoch was erzähl ' ich umständlich weiter , was eigentlich kein Interesse hat . Genug , auch am folgenden Morgen nahm man mich nicht ins Haus auf . Man wußte die traurige Nachricht , man bedurfte meiner nicht mehr ; man schickte mich zu meinem Vater , an meine Arbeit ; man antwortete nicht auf meine Fragen ; man wollte mich los sein . Acht Tage hatte man es so mit mir getrieben , als mich endlich Frau Elisabeth hereinrief . Tretet sachte auf , mein Freund , sagte sie , aber kommt getrost näher ! Sie führte mich in ein reinliches Zimmer , wo ich in der Ecke durch halbgeöffnete Bettvorhänge meine Schöne aufrecht sitzen sah . Frau Elisabeth trat zu ihr , gleichsam um mich zu melden , hub etwas vom Bette auf und brachte mir ' s entgegen : in das weißeste Zeug gewickelt den schönsten Knaben . Frau Elisabeth hielt ihn gerade zwischen mich und die Mutter , und auf der Stelle fiel mir der Lilienstengel ein , der sich auf dem Bilde zwischen Maria und Joseph als Zeuge eines reinen Verhältnisses aus der Erde hebt . Von dem Augenblicke an war mir aller Druck vom Herzen genommen ; ich war meiner Sache , ich war meines Glücks gewiß . Ich konnte mit Freiheit zu ihr treten , mit ihr sprechen , ihr himmlisches Auge ertragen , den Knaben auf den Arm nehmen und ihm einen herzlichen Kuß auf die Stirn drücken . Wie danke ich Euch für Eure Neigung zu diesem verwaisten Kinde ! sagte die Mutter . - Unbedachtsam und lebhaft rief ich aus : Es ist keine Waise mehr , wenn Ihr wollt ! Frau Elisabeth , klüger als ich , nahm mir das Kind ab und wußte mich zu entfernen . Noch immer dient mir das Andenken jener Zeit zur glücklichsten Unterhaltung , wenn ich unsere Berge und Täler zu durchwandern genötigt bin . Noch weiß ich mir den kleinsten Umstand zurückzurufen , womit ich Euch jedoch , wie billig , verschone . Wochen gingen vorüber ; Maria hatte sich erholt , ich konnte sie öfter sehen , mein Umgang mit ihr war eine Folge von Diensten und Aufmerksamkeiten . Ihre Familienverhältnisse erlaubten ihr einen Wohnort nach Belieben . Erst verweilte sie bei Frau Elisabeth ; dann besuchte sie uns , meiner Mutter und mir für so vielen und freundlichen Beistand zu danken . Sie gefiel sich bei uns , und ich schmeichelte mir , es geschehe zum Teil um meinetwillen . Was ich jedoch so gern gesagt hätte und nicht zu sagen wagte , kam auf eine sonderbare und liebliche Weise zur Sprache , als ich sie in die Kapelle führte , die ich schon damals zu einem wohnbaren Saal umgeschaffen hatte . Ich zeigte und erklärte ihr die Bilder , eins nach dem andern , und entwickelte dabei die Pflichten eines Pflegevaters auf eine so lebendige und herzliche Weise , daß ihr die Tränen in die Augen traten und ich mit meiner Bilderdeutung nicht zu Ende kommen konnte . Ich glaubte ihrer Neigung gewiß zu sein , ob ich gleich nicht stolz genug war , das Andenken ihres Mannes so schnell auslöschen zu wollen . Das Gesetz verpflichtet die Witwen zu einem Trauerjahre , und gewiß ist eine solche Epoche , die den Wechsel aller irdischen Dinge in sich begreift , einem fühlenden Herzen nötig , um die schmerzlichen Eindrücke eines großen Verlustes zu mildern . Man sieht die Blumen welken und die Blätter fallen , aber man sieht auch Früchte reifen und neue Knospen keimen . Das Leben gehört den Lebendigen an , und wer lebt , muß auf Wechsel gefaßt sein . Ich sprach nun mit meiner Mutter über die Angelegenheit , die mir so sehr am Herzen lag . Sie entdeckte mir darauf , wie schmerzlich Marien der Tod ihres Mannes gewesen und wie sie sich ganz allein durch den Gedanken , daß sie für das Kind leben müsse , wieder aufgerichtet habe . Meine Neigung war den Frauen nicht unbekannt geblieben , und schon hatte sich Marie an die Vorstellung gewöhnt , mit uns zu leben . Sie verweilte noch eine Zeitlang in der Nachbarschaft ; dann zog sie zu uns herauf , und wir lebten noch eine Weile in dem frömmsten und glücklichsten Brautstande . Endlich verbanden wir uns . Jenes erste Gefühl , das uns zusammengeführt hatte , verlor sich nicht . Die Pflichten und Freuden des Pflegevaters und Vaters vereinigten sich ; und so überschritt zwar unsere kleine Familie , indem sie sich vermehrte , ihr Vorbild an Zahl der Personen , aber die Tugenden jenes Musterbildes an Treue und Reinheit der Gesinnungen wurden von uns heilig bewahrt und geübt . Und so erhalten wir auch mit freundlicher Gewohnheit den äußern Schein , zu dem wir zufällig gelangt und der so gut zu unserm Innern paßt : denn ob wir gleich alle gute Fußgänger und rüstige Träger sind , so bleibt das lastbare Tier doch immer in unserer Gesellschaft , um eine oder die andere Bürde fortzubringen , wenn uns ein Geschäft oder Besuch durch diese Berge und Täler nötigt . Wie Ihr uns gestern angetroffen habt , so kennt uns die ganze Gegend , und wir sind stolz darauf , daß unser Wandel von der Art ist , um jenen heiligen Namen und Gestalten , zu deren Nachahmung wir uns bekennen , keine Schande zu machen . « Drittes Kapitel Wilhelm an Natalien Soeben schließe ich eine angenehme , halb wunderbare Geschichte , die ich für dich aus dem Munde eines gar wackern Mannes aufgeschrieben habe . Wenn es nicht ganz seine Worte sind , wenn ich hie und da meine Gesinnungen bei Gelegenheit der seinigen ausgedrückt habe , so war es bei der Verwandtschaft , die ich hier mit ihm fühlte , ganz natürlich . Jene Verehrung seines Weibes , gleicht sie nicht derjenigen , die ich für dich empfinde ? und hat nicht selbst das Zusammentreffen dieser beiden Liebenden etwas Ähnliches mit dem unsrigen ? Daß er aber glücklich genug ist , neben dem Tiere herzugehen , das die doppelt schöne Bürde trägt , daß er mit seinem Familienzug abends in das alte Klostertor eindringen kann , daß er unzertrennlich von seiner Geliebten , von den Seinigen ist , darüber darf ich ihn wohl im stillen beneiden . Dagegen darf ich nicht einmal mein Schicksal beklagen , weil ich dir zugesagt habe , zu schweigen und zu dulden , wie du es auch übernommen hast . Gar manchen schönen Zug des Zusammenseins dieser frommen und heitern Menschen muß ich übergehen : denn wie ließe sich alles schreiben ! Einige Tage sind mir angenehm vergangen , aber der dritte mahnt mich nun , auf meinen weitern Weg bedacht zu sein . Mit Felix hatte ich heut einen kleinen Handel : denn er wollte fast mich nötigen , einen meiner guten Vorsätze zu übertreten , die ich dir angelobt habe . Ein Fehler , ein Unglück , ein Schicksal ist mir ' s nun einmal , daß sich , ehe ich mich ' s versehe , die Gesellschaft um mich vermehrt , daß ich mir eine neue Bürde auflade , an der ich nachher zu tragen und zu schleppen habe . Nun soll auf meiner Wanderschaft kein Dritter uns ein beständiger Geselle werden . Wir wollen und sollen zu zwei sein und bleiben , und eben schien sich ein neues , eben nicht erfreuliches Verhältnis anknüpfen zu wollen . Zu den Kindern des Hauses , mit denen Felix sich spielend diese Tage her ergötzte , hatte sich ein kleiner , munterer , armer Junge gesellt , der sich eben brauchen und mißbrauchen ließ , wie es gerade das Spiel mit sich brachte , und sich sehr geschwind bei Felix in Gunst setzte . Und ich merkte schon an allerlei Äußerungen , daß dieser sich einen Gespielen für den nächsten Weg auserkoren hatte . Der Knabe ist hier in der Gegend bekannt , wird wegen seiner Munterkeit überall geduldet und empfängt gelegentlich ein Almosen . Mir aber gefiel er nicht , und ich ersuchte den Hausherrn , ihn zu entfernen . Das geschah auch , aber Felix war unwillig darüber , und es gab eine kleine Szene . Bei dieser Gelegenheit macht ' ich eine Entdeckung , die mir angenehm war . In der Ecke der Kapelle oder des Saals stand ein Kasten mit Steinen , welchen Felix , der seit unserer Wanderung durchs Gebirg eine gewaltsame Neigung zum Gestein bekommen , eifrig hervorzog und durchsuchte . Es waren schöne , in die Augen fallende Dinge darunter . Unser Wirt sagte , das Kind könne sich auslesen , was es wolle . Es sei dieses Gestein überblieben von einer großen Masse , die ein Fremder vor kurzem von hier weggesendet . Er nannte ihn Montan , und du kannst denken , daß ich mich freute , diesen Namen zu hören , unter dem einer von unsern besten Freunden reist , dem wir so manches schuldig sind . Indem ich nach Zeit und Umständen fragte , kann ich hoffen , ihn auf meiner Wanderung bald zu treffen . Die Nachricht , daß Montan sich in der Nähe befinde , hatte Wilhelmen nachdenklich gemacht . Er überlegte , daß es nicht bloß dem Zufall zu überlassen sei , ob er einen so werten Freund wiedersehen solle , und erkundigte sich daher bei seinem Wirte , ob man nicht wisse , wohin dieser Reisende seinen Weg gerichtet habe . Niemand hatte davon nähere Kenntnis , und schon war Wilhelm entschlossen , seine Wanderung nach dem ersten Plane fortzusetzen , als Felix ausrief : » Wenn der Vater nicht so eigen wäre , wir wollten Montan schon finden . « - » Auf welche Weise ? « fragte Wilhelm . Felix versetzte : » Der kleine Fitz sagte gestern , er wolle den Herrn wohl aufspüren , der schöne Steine bei sich habe und sich auch gut darauf verstünde . « Nach einigem Hin- und Widerreden entschloß sich Wilhelm zuletzt , den Versuch zu machen und dabei auf den verdächtigen Knaben desto mehr Acht zu geben . Dieser war bald gefunden und brachte , da er vernahm , worauf es abgesehen sei , Schlegel und Eisen und einen tüchtigen Hammer nebst einem Säckchen mit und lief in seiner bergmännischen Tracht munter vorauf . Der Weg ging seitwärts abermals bergauf . Die Kinder sprangen miteinander von Fels zu Fels , über Stock und Stein , über Bach und Quelle , und ohne einen Pfad vor sich zu haben , drang Fitz , bald rechts bald links blickend , eilig hinauf . Da Wilhelm und besonders der bepackte Bote nicht so schnell folgten , so machten die Knaben den Weg mehrmals vor- und rückwärts und sangen und pfiffen . Die Gestalt einiger fremden Bäume erregte die Aufmerksamkeit des Felix , der nunmehr mit den Lärchen- und Zirbelbäumen zuerst Bekanntschaft machte und von den wunderbaren Genzianen angezogen ward . Und so fehlte es der beschwerlichen Wanderung von einer Stelle zur andern nicht an Unterhaltung . Der kleine Fitz stand auf einmal still und horchte . Er winkte die andern herbei : » Hört ihr pochen ? « sprach er . » Es ist der Schall eines Hammers , der den Fels trifft . « - » Wir hören ' s « , versetzten die andern . - » Das ist Montan ! « sagte er , » oder jemand , der uns von ihm Nachricht geben kann . « - Als sie dem Schalle nachgingen , der sich von Zeit zu Zeit wiederholte , trafen sie auf eine Waldblöße und sahen einen steilen , hohen , nackten Felsen über alles hervorragen , die hohen Wälder selbst tief unter sich lassend . Auf dem Gipfel erblickten sie eine Person . Sie stand zu entfernt , um erkannt zu werden . Sogleich machten sich die Kinder auf , die schroffen Pfade zu erklettern . Wilhelm folgte mit einiger Beschwerlichkeit , ja Gefahr : denn wer zuerst einen Felsen hinaufsteigt , geht immer sicherer , weil er sich die Gelegenheit aussucht ; einer , der nachfolgt , sieht nur , wohin jener gelangt ist , aber nicht wie . Die Knaben erreichten bald den Gipfel , und Wilhelm vernahm ein lautes Freudengeschrei . » Es ist Jarno ! « rief Felix seinem Vater entgegen , und Jarno trat sogleich an eine schroffe Stelle , reichte seinem Freunde die Hand und zog ihn aufwärts . Sie umarmten und bewillkommten sich in der freien Himmelsluft mit Entzücken . Kaum aber hatten sie sich losgelassen , als Wilhelm ein Schwindel überfiel , nicht sowohl um seinetwillen , als weil er die Kinder über dem ungeheuren Abgrunde hängen sah . Jarno bemerkte es und hieß alle sogleich niedersitzen . » Es ist nichts natürlicher « , sagte er , » als daß uns vor einem großen Anblick schwindelt , vor dem wir uns unerwartet befinden , um zugleich unsere Kleinheit und unsere Größe zu fühlen . Aber es ist ja überhaupt kein echter Genuß als da , wo man erst schwindeln muß . « » Sind denn das da unten die großen Berge , über die wir gestiegen sind ? « fragte Felix . » Wie klein sehen sie aus ! Und hier « , fuhr er fort , indem er ein Stückchen Stein vom Gipfel loslöste , » ist ja schon das Katzengold wieder ; das ist ja wohl überall ? « - » Es ist weit und breit « , versetzte Jarno ; » und da du nach solchen Dingen fragst , so merke dir , daß du gegenwärtig auf dem ältesten Gebirge , auf dem frühesten Gestein dieser Welt sitzest . « - » Ist denn die Welt nicht auf einmal gemacht ? « fragte Felix . - » Schwerlich « , versetzte Montan ; » gut Ding will Weile haben . « - » Da unten ist also wieder anderes Gestein « , sagte Felix , » und dort wieder anderes , und immer wieder anderes ! « indem er von den nächsten Bergen auf die entfernteren und so in die Ebene hinab wies . Es war ein sehr schöner Tag , und Jarno ließ sie die herrliche Aussicht im einzelnen betrachten . Noch standen hie und da mehrere Gipfel , dem ähnlich , worauf sie sich befanden . Ein mittleres Gebirg schien heranzustreben , aber erreichte noch lange die Höhe nicht . Weiter hin verflächte es sich immer mehr , doch zeigten sich wieder seltsam vorspringende Gestalten . Endlich wurden auch in der Ferne die Seen , die Flüsse sichtbar , und eine fruchtreiche Gegend schien sich wie ein Meer auszubreiten . Zog sich der Blick wieder zurück , so drang er in schauerliche Tiefen , von Wasserfällen durchrauscht , labyrinthisch miteinander zusammenhängend . Felix ward des Fragens nicht müde und Jarno gefällig genug , ihm jede Frage zu beantworten ; wobei jedoch Wilhelm zu bemerken glaubte , daß der Lehrer nicht durchaus wahr und aufrichtig sei . Daher , als die unruhigen Knaben weiterkletterten , sagte Wilhelm zu seinem Freunde : » Du hast mit dem Kinde über diese Sachen nicht gesprochen , wie du mit dir selber darüber sprichst . « - » Das ist auch eine starke Forderung « , versetzte Jarno . » Spricht man ja mit sich selbst nicht immer , wie man denkt , und es ist Pflicht , andern nur dasjenige zu sagen , was sie aufnehmen können . Der Mensch versteht nichts , als was ihm gemäß ist . Die Kinder an der Gegenwart festzuhalten , ihnen