Victors stolzes Selbstgefühl wurde davon beleidigt . So stand der Verlobung der beiden Liebenden kein Hindernis weiter im Wege , und Leo eilte auf Flügeln der Liebe nach Chaumerive , um die nötigen Anstalten zum Empfange seiner jungen Gattin zu treffen . Er schrieb seinem Oheime mit aller kindlichen Zärtlichkeit eines Sohnes und dem Entzücken eines glücklichen Bräutigams und bat um seinen Segen . Er sahe , für den schlimmsten Fall , wohl einer Unzufriedenheit , einer Mißbilligung des stolzen Herzogs entgegen , doch hielt er dieses für kein Hindernis seines Glücks , da er die Volljährigkeit erreicht hatte und Chaumerive sein unbestrittenes Eigentum war . Mochte doch der Herzog ihm die Erbschaft seines Namens und seiner Güter entziehen , sie waren niemals das Ziel seiner Wünsche gewesen . Wie befremdet aber war er , als ihm ein Kurier die Antwort des Herzogs überbrachte , der ihn im ungemessensten Zorn einen Niederträchtigen nannte , der die Ehre seines Hauses beschimpfe , ihm befahl , sogleich diese entehrende Verbindung für immer aufzugeben und sich zu ihm nach Paris zu verfügen . Mein Vater war empört über diesen Befehl . Er fühlte sich Mann und ward wie ein Knabe gescholten . Daß er dies nicht sei , beschloß er zu zeigen . Er reiste ungesäumt nach Aix und beschleunigte die Anstalten zu seiner Vermählung . Er fühlte zu zart , um seiner Klara und ihrer Familie , durch Mitteilung des erhaltenen Schreibens , trübe Stunden zu verursachen . Er gedachte Klaren künftig nach und nach mit der Spannung oder dem Bruche zwischen ihm und dem Oheime bekannt zu machen , da er annahm , sie werde davon , bei dieser Entfernung von Paris , in ihrem kleinen Paradiese wohl nicht berührt werden . Am Ende sieht der Oheim auch wohl die Sache , wenn sie geschehen , anders an , dachte er , als jetzt , wo er sie noch zu hintertreiben hofft , und so überließ sich der glückliche Leo ohne Sorge der Seligkeit seines neuen Standes . Wenig Tage nach der Vermählung führte er die geliebte Klara in seine Heimat . Die Bewohner von Chaumerive empfingen ihre schöne Frau , wie sie sie nannten , gleich einer Königin , und die freundliche Klara besaß schon in den ersten Tagen alle Herzen , ebenso unumschränkt als ihr Leo . Du hast , meine geliebte Freundin , noch nach vielen Jahren gesehen , wie dieses edle Paar geliebt wurde . Jeder Tag erhöhte ihr Glück , denn an jedem Tage entdeckte einer an dem andern mehr liebenswürdige Eigenschaften . Schöne , selige Zeit ! die nur zu bald endete und nie in dieser Reinheit wiederkehrte . Kaum waren einige Monde wie ebensoviel glückliche Augenblicke geschwunden , als in einer rauhen Novembernacht ein starkes Geräusch meinen Vater aus den Armen seiner Gattin aufschreckte . Fackeln erleuchteten den Hof , er sieht im Schein derselben einen verschlossenen Wagen halten , und in demselben Augenblick treten Polizeibeamte zu ihm ein . Man zeigt ihm einen lettre de cachet vor und bemächtigt sich seiner Person . Kaum vergönnte man dem überraschten Unglücklichen Zeit , seine Lippen noch einmal auf den Mund seiner ohnmächtigen Gattin zu drücken . Man reißt ihn mit Räubereile hinunter . Am Wagen haben sich einige wenige seiner erwachten Leute gesammelt . Sie wollen den geliebten Herrn mit ihrem letzten Blutstropfen verteidigen ; man donnert sie im Namen des Königs zurück , der Wagen wird verschlossen , und dahin rollt er unaufhaltsam , der furchtbaren Bastille zu . Mein Vater , mein armer betäubter Vater allein und für den Augenblick ohne Aussicht auf Rettung . Aber er hatte eine männliche Seele , und diese verzweifelt nie . Der Mann wagt auch den mißlichsten Kampf mit dem Schicksal und gibt die Hoffnung des Sieges nur mit dem letzten Lebensfunken auf . Wer vermöchte aber wohl die Verzweiflung seiner unglücklichen Klara zu schildern , als sie von ihrer tiefen Ohnmacht erwachte ! Noch nach späten Jahren geriet sie außer sich , wenn sie von dieser fürchterlichen Nacht sprach . Sie umklammerte dann unwillkürlich meinen Vater mit krampfhafter Stärke , als fürchte sie , ihn aufs neue zu verlieren , und Tränen und Küsse überströmten sein Gesicht . Damals fehlte der Unglücklichen sogar die Wohltat der Tränen . Stumm , gleich einem Marmorbilde , saß sie da . Ihre Kammerfrau handelte an ihrer Statt und sandte einen treuen Boten zu Pferde nach Aix . Victor schäumte vor Wut , er übersah mit einem Blick den ganzen Zusammenhang , und zugleich fühlte er in seinem Busen Kraft , zu helfen und selbst mit den Machthabern in die Schranken zu treten . Er versah sich mit Geld und Wechseln , nahm Kurierpferde und flog zu seiner angebeteten Schwester . Hier erschien er wie ein rettender Engel . An seiner hohen Kraft richtete sich die Trostlose mühsam auf . Er hauchte ihr einen Teil seiner Hoffnung ein und begab sich ungesäumt mit ihr nach Paris . Jede zurückgelegte Station belebte den Mut der unglücklichen Frau , sie kam ja dem Geliebten näher , und schon allein in den Ringmauern derselben Stadt mit ihm zu leben , schien ihr ein Glück gegen jene schreckliche Entfernung . Victor hoffte noch zuversichtlicher . Die Notabeln waren versammelt , alle Deputierte seiner Provinz waren ihm bekannt und befreundet , er durfte auf ihre kräftigste Unterstützung rechnen . Seine Angelegenheit schien ihm die Sache der ganzen Menschheit ; wie konnte man ihm Gerechtigkeit versagen ? In dieser Stimmung kam das Geschwisterpaar in Paris an . Klara verlangte durchaus in einem Gasthofe , der Bastille so nahe als möglich , zu wohnen , denn es schien ihr unbezweifelt gewiß , daß ihr Gemahl sich in derselben befinde . Victor fand es freilich sehr möglich , daß er nach einem anderen , weit entfernten , festen Schlosse gebracht worden sei ; doch widersprach er der Trauernden nicht und gewährte ihr gern den schwachen Trost . Er selbst fing seine Nachforschungen mit rastlosem Eifer an . Er sprach mit seinen Freunden , ging nach Versailles , um den Grafen von Mirabeau , einen alten Freund seines Hauses , aufzusuchen . Überall fand er die herzlichste Teilnahme und den besten Willen zu helfen ; doch war die Sache so leicht nicht , als er gewähnt . Alles kam darauf an , zu erfahren , wohin der Gefangene gebracht worden , und hierüber gelangte man durchaus nicht zur Gewißheit . Zwar hatte man von Chaumerive den Weg nach Paris genommen , soviel hatte man in der Nachbarschaft erfahren ; ob man aber nicht späterhin diese Straße verlassen , wer konnte das verbürgen ? Der Herzog , welcher am ersten Auskunft zu geben vermochte , war fast unzugänglich . Er weigerte sich durchaus , Victor zu sehen , ließ ihn jederzeit abweisen , sooft er auch die Versuche , ihn zu sprechen , erneuerte . Nicht glücklicher waren die Bemühungen derer , welche ihr Rang in seine Zirkel führte . Der alte Hofmann stellte sich völlig unwissend . Nach vielen mißlungenen Schritten brachte es Mirabeau dahin , daß Victor eine geheime Audienz beim Könige erhielt . Der Monarch schien zwar gerührt bei der lebhaften Schilderung des jungen Mannes , doch meinte er , man müsse die Ansichten eines herzoglichen Hauses auch berücksichtigen , dessen Haupt einer seiner ältesten und treusten Diener sei . Alles , was man zuletzt erhielt , war ein Befehl an den Gouverneur der Bastille , daß , wenn sich ein Gefangener dieses Namens in seinem Gewahrsam befinde , diesem , unter gehöriger Vorsicht , eine Zusammenkunft mit seiner Gattin und seinem Schwager zu gestatten . Mit diesem teuren Papier eilten die Hoffnungsvollen in die finstern Mauern . Klarens Herz schlug laut vor ungestümer Freude . Aber , o Schrecken ! dem Gouverneur war dieser Name gänzlich unbekannt . Er schlug nach vielen Weigerungen die Register vom Monat November auf , doch vergebens . Victor entdeckte zwar , bei einer raschen Wendung , daß um diese Zeit ein junger Mann eingebracht worden , aber Name und Wohnort trafen nicht zu . Klara verlangte , voll ahndenden Gefühls , diesen Unbekannten zu sehen , aber der Gouverneur schlug es mit Festigkeit ab . Der Befehl laute nur auf eine bestimmte Person , alles übrige sei gegen seine Pflicht . Hart von Natur , und mehr noch durch Gewohnheit , weigerte er sich , auch nur die mindeste Auskunft über diesen Unbekannten zu geben . So verließ man diesen Ort des Schreckens völlig unverrichtetersache . Klara mit der festen Überzeugung , der Unbekannte sei ihr Gemahl , Victor zweifelhaft . Neue Versuche , neue Hindernisse . Dem Könige war schwieriger beizukommen . Er hielt es für unmöglich , daß jemand unter fremdem Namen gefangensäße , und verweigerte eine Erlaubnis , diesen Fremden zu sehn , weil Staatsgeheimnisse dabei gefährdet werden könnten . Am Ende gab er einen ähnlichen Befehl für Saint-Vicenz , und die Geschwister reiseten dahin , obwohl Klara keinen Erfolg davon hoffte . Die Nachforschungen waren wieder vergeblich . So ging der Winter und der größte Teil des Frühlings vorüber . Meine arme Mutter rückte ihrer Entbindung immer näher und versank immer tiefer in Gram . Ihre einzige Erholung war , auf dem Platze vor der Bastille auf und nieder zu gehn und die düstern Mauern anzublicken , die ihr alles umschlossen . Ihr Bruder konnte sie zu keinem andern Spaziergange mehr bereden . Man kannte sie hier schon und nannte sie nur die schöne Trauernde ; jedermann betrachtete sie mit Teilnahme . Ihr Bruder traf jetzt nur auf lebhaft beschäftigte und bewegte Gemüter ; die Spannung zwischen den Notabeln und dem Hofe stieg aufs höchste , und die Gärung war allgemein , in ihr ging alles einzelne unter . Auch Victor , ob er gleich das Schicksal seines Freundes nie aus den Augen verlor , warf sich doch mit Feuer in die öffentlichen Angelegenheiten . Ihm war klar , daß eine große Umwälzung der Dinge unvermeidlich und notwendig sei . Die Hoffnung für seinen Leo knüpfte er an das allgemeine Wohl , und rastloser als einer arbeitete er an der neuen Organisation . So kam der Julius heran , dieser so oft beschriebene und in der Weltgeschichte ewig merkwürdige Monat . Meine Mutter wurde von all dem Treiben um sie her nur sehr wenig gewahr , ihr tiefer Kummer machte sie unempfänglich für die Außenwelt . Sie hörte es kaum , wenn man sie bedauerte und Vorübergehende sie laut ein Opfer der Tyrannei nannten . Tief in sich gekehrt , ging sie auch am 14. Julius mittags auf ihrem gewöhnlichen Spaziergange auf und nieder , und es dauerte lange , ehe das Herbeiströmen einer zahllosen Volksmenge sie aufmerksam machte . Man umringt sie , Weiber und Mädchen umwinden sie mit dreifarbigen Bändern : » Auch du sollst gerächt werden ! « rufen sie . Das Getümmel nimmt zu . Von allen Seiten das Geschrei : » Nieder mit der Bastille , nieder ! « Kanonen werden aufgepflanzt , die Türme vom Zeughause und vom Garten werden eingestoßen , Löcher in die Mauern gebrochen . Meine Mutter fängt an zu begreifen , was vorgeht , sie zittert vor Schreck und Freude , sie sinkt auf die Knie und streckt die Arme nach dem fürchterlichen Gefängnisse aus ; die Sinne vergehen ihr , die mitleidigen Umstehenden sind kaum imstande , sie gegen den gewaltsamen Andrang der Menge auf einige Augenblicke zu schützen . Da arbeitet sich Victor durch das dichteste Gedränge , faßt seine ohnmächtige Schwester in seine Arme , drängt sich mit Riesenkraft rückwärts und trägt sie in ihre Wohnung zurück . Sie schlägt die Augen auf , aber in demselben Momente stellen sich auch heftige unbekannte Schmerzen ein , alles verkündigt eine beschleunigte Entbindung . Victor ruft um Hülfe er übergibt sie der Sorgfalt der Frauen , spricht ihr Mut ein und selige Hoffnung und eilt zurück , wohin Begeisterung und Pflicht ihn rufen . Er legt mit der Stärke eines Rasenden Hand an , er ist der zweite in der Bresche . Wütend packt er einen der Invaliden , er muß ihm die Eingänge zu den Gefängnissen zeigen , und ohne auf die übrigen Ereignisse zu achten , ist sein einziges Streben , die Türen dieser höllischen Behälter zu öffnen . Werkzeuge sind schnell gefunden , auch hülfreiche Arme in Menge . Man befreit eine ziemliche Anzahl der unglücklichen Schlachtopfer tyrannischer Willkür , doch findet sich kein Leo . Endlich weicht eine besonders stark befestigte Tür , und mein Vater stürzt dem freudeschwindelnden Victor in die Arme . » Freiheit « ist das erste Wort , welches aus beider Brust sich hervordrängt , das zweite » Klara ! « - » Lebt sie ? « ruft mein Vater . » Sie ist hier ! « schreit mein Oheim , und so machen sich beide , fest umschlungen , unaufhaltsam Bahn durch die teilnehmende Menge . Sie erreichen fast atemlos Klaras Wohnung . Meine Mutter lag blaß und erschöpft im Bette , ich ruhte an ihrer Brust . Seit wenig Minuten hatte ich das Licht der Welt erblickt . Mein Vater stürzte kniend an dem Bette nieder . In sprachloser Freude hing er an den Lippen der Geliebten und überströmte ihre Hände mit Tränen und Küssen . Dann nahm er mich in seine Arme und drückte mich , gewaltsam schluchzend , an sein Herz . Plötzlich hob er mich hoch in die Höhe und rief laut und feierlich : » Virginia , Virginia ! du teures Pfand der neuen Freiheit ! Roms Virginia sprengte durch ihren Tod Roms Bande ; du verbürgst mir durch den Augenblick deiner Geburt die Freiheit deines Vaterlandes und knüpfest mich mit tausend neuen Banden an dasselbe . « Er legte mich wieder auf das Bett und seine Rechte segnend auf meine Stirn . Victor kniete tief erschüttert neben ihm und legte ebenfalls seine Hand , wie zum Schwur , auf mein Haupt . » Freiheit und Vaterland ! Freiheit und Gleichheit ! « sprach er mit hohem Ernste . » Vaterland , Freiheit und Gleichheit ! « sprach mein Vater ihm nach . Dann schlugen beide Männer kräftig die Hände ineinander und umarmten sich . Lächelnd und selig sah meine Mutter auf dies erhabene Schauspiel herab . Sieh , Adele , so wurde ich geboren . Könnte ich es jemals ertragen , daß man den 14. Julius mit Schmähungen belegt ? würden die Deinen mein Fest jemals mit gutem Herzen feiern wollen ? Nein , Virginia , die erstgeborne Tochter der Freiheit , muß in einem freien Lande sterben . Von diesem Zeitpunkt an waren meine Eltern auf immer vereinigt und glücklich . Die Begebenheiten , die den Thron erschütterten , hatten ihr Glück gegründet . Konnte die dankbare Erinnerung daran sie jemals verlassen ? konnten sie jemals vergessen , daß die Despotie die ersten frischesten Blüten dieses Glückes abgestreift ? - Mein Vater teilte nunmehr seine Zeit zwischen den Freuden seiner Häuslichkeit und den ernsten Bemühungen für das öffentliche Wohl . Er erneuerte seine früheren Verbindungen und knüpfte neue . Sein Einfluß wurde bei den Beratschlagungen und Entwürfen von segensreichem Nutzen . Auch auf seine Familie wendete er seine zärtlichste Sorge . Sein edles Herz mochte nur Böses mit Gutem vergelten , und sein überlegener Verstand flößte ihm gegen die Verkehrtheiten der Menschen mehr Mitleid als Zorn ein . Er versuchte , den alten Herzog zu sehn , und hoffte , ihm in dieser Krisis nützlich zu werden . Aber der erbitterte Mann wich allen seinen Bemühungen aus und war einer der ersten , welche die Sache ihres Vaterlandes und seinen heiligen Boden verließen . Nächstdem war meines Vaters erster Weg zu Deiner Mutter . Er hatte diese , seine einzige Schwester , zwar wenig gekannt , aber er liebte sie mit brüderlichem Herzen . Sie war , als er nach Amerika ging , noch ein zartes Kind und befand sich schon im Kloster Saint-Cyr zur Erziehung . Nach seiner Zurückkunft hatte er sie mehrere Male dort besucht und sich ihrer aufblühenden Schönheit und ihres sanften Wesens gefreut . Aber ein Sprachgitter bleibt immer eine Scheidewand zwischen liebenden Geschwistern , welche , wenn auch nicht die Liebe mindert , doch die Vertraulichkeit hemmt . Mein Vater war schon in Chaumerive , als er erfuhr , daß der Herzog Deine Mutter an den Hof gebracht , wo sie vielen Beifall ernte . Um die Zeit seiner eigenen Verheiratung hörte er , sie werde sich mit dem Herzog von P. vermählen . Er schrieb ihr , sie antwortete ihm zwar zärtlich , doch sehr schüchtern und deutete auf den Zorn des Oheims und auf die Beschränkung , worein ihre nahe bevorstehende Verbindung sie zu versetzen drohe . Sie pries ihn glücklich , als Mann sein Schicksal einigermaßen selbst bestimmen zu können , und wünschte ihm herzlich Glück , doch warnte sie ihn zugleich mit mädchenhafter Furchtsamkeit . Zu dieser geliebten Schwester flog nun mein Vater . Sie empfing ihn mit der lebhaftesten Freude , aber ihr Herz beklemmten ängstliche Sorgen . Ihr Gemahl hatte ihr wenige Stunden zuvor angekündigt , daß die Prinzen entschlossen wären , über die Grenze zu gehen , in Hoffnung , daß der größere Teil des Adels ihnen folgen werde und daß man von dort aus den Anmaßungen des dritten Standes vernichtend begegnen könne . Er hatte ihr befohlen , sich reisefertig zu halten , um ihm zu folgen . Sie befand sich im neunten Monat ihrer Schwangerschaft , liebte ihre Umgebung und fürchtete den unbekannten rauhen Norden . So sank sie weinend in die Arme ihres bekümmerten Bruders . Der Herzog , Dein Vater , trat kurz darauf ins Zimmer . Die Begrüßung der beiden Schwäger war kalt und förmlich . Mein Vater lenkte sogleich das Gespräch auf das Interesse der Zeit , der Deinige wich ihm mit stolzer Höflichkeit aus oder sprach mit wegwerfender Anmaßung ab . Jener beschwor ihn zwar , wenigstens Rücksicht auf seine kränkelnde Gattin zu nehmen , fand aber kein Gehör . Seine redlichen Anerbietungen zu sichernden Maßregeln in betreff der Güter , für den schlimmsten Fall , wurden mit Mißtrauen , ja fast mit Hohn zurückgewiesen . Denselben Erfolg hatte sein edler Wille bei seinem Oheim , dem Herzog , auch er verspottete jede Äußerung von Besorgnis und wies jede ihm angebotene Dienstleistung , in den beleidigendsten Ausdrücken , zurück . Dennoch hat mein Vater diesen Undankbaren in der Folge , wider ihren Willen , die größten Dienste geleistet , indem er ihre Güter , unter Mitwirkung einiger seiner bewährtesten Freunde , durch Scheinkäufe größtenteils rettete und ihnen von Zeit zu Zeit einen Teil der Einkünfte , mit großer persönlicher Gefahr , übersendete . Für jetzt konnte er für die geliebte Schwester nichts weiter tun , als daß er ihr die Vergünstigung auswirkte , nach England zu gehen , wohin er ihr Pässe verschaffte . Victor besorgte , durch die Handelsverhältnisse seines väterlichen Hauses , eine schnelle und bequeme Überfahrt , ebenso Anweisung bedeutender Summen auf Londoner Häuser . So wurde Deine gute Mutter , wider ihren Willen und mit einer grausamen Eile , wie die Umstände sie forderten , aus ihrem Vaterlande und aus den Armen ihres kaum wiedergefundenen Bruders gerissen . Kaum hatte sie den engländischen Boden betreten , als ihre Niederkunft herannahete und sie Deinen Bruder Louis gebar . Die Revolution ging nun ihren raschen Gang . Mein Vater und sein Freund schwammen in Seligkeit , alle die Träume ihrer früheren Jünglingstage in die Wirklichkeit heraustreten zu sehen . Beschlüsse wurden gefaßt , Grundsätze wurden aufgestellt , welche die Bewunderung der Welt erregten . Europa sah eine herrliche Morgenröte aufglühen , und der größere Teil seiner Bewohner jauchzte ihr entgegen . Arme Sterbliche ! ihr hättet bedenken sollen , was schon die Erfahrung den Landmann lehrt , daß das hochflammende Rot im Osten auf einen schwülen Gewittertag deutet . Das ganze Heer menschlicher Leidenschaften mischte sich ins Spiel und verfälschte die reine Begeisterung , welche das große Werk begonnen . Die Edlen unter den Volksführern befanden sich in der Lage des Sisyphus , der Stein rollte wieder bergab , wenn sie ihn bis zur Höhe gewälzt zu haben glaubten , und viele wurden von seinem gewaltsamen Sturz zerschmettert . Mein Vater redete und handelte mutig für seine Überzeugung , aber er sahe mit Schmerz , daß das begonnene Werk nicht nach seinem sanften edlen Sinne zu beendigen sei . Er hatte in seiner großen Seele der Menschheit einen höheren Grad der Reife zugetraut als er jetzt fand . Mirabeau starb , die Jakobiner organisierten sich , und die Parteien fingen an , sich zu bekämpfen . Der Hof und das Ausland trieben ihr finsteres Spiel und verwirrten die geheimen Fäden des Gewebes so künstlich , daß man bei den meisten unglaublichen Begebnissen nicht mit Gewißheit sagen konnte , von welcher Seite die wirksamsten Schläge gekommen . Sicher hätte dessenungeachtet mein Vater den Kampf nicht gescheut ; doch meine Mutter zitterte für den teuern , schon einmal verlorenen Gatten . Sie beschwor ihn täglich , diesen unsichern Schauplatz zu verlassen und sie zurückzuführen in ihre glückliche Heimat . Er konnte auf die Länge ihren Tränen nicht widerstehen ; auch zog ihn die Sorge für seine verlassenen Anlagen und für das Wohl seiner Bauern zurück nach Chaumerive ; Victor blieb in Paris . Sein Feuergeist fand sich am Rande des Vulkans in seinem Elemente . In Chaumerive legte nun mein Vater alle Auszeichnungen seines Standes völlig ab . Die Wappen wurden überall abgenommen , die Livreen abgeschafft . Man richtete sich bequem , aber sehr einfach ein . Mein Vater versammelte die sämtlichen Bewohner , nannte sie seine guten Freunde und Nachbarn , erklärte sich ganz für ihresgleichen und bat sie , ihn nie mehr gnädiger Herr , sondern schlechtweg Bürger zu nennen . Die guten Leute erstaunten , doch waren sie schon an einen hohen Grad von Leutseligkeit und Gleichheitssinn bei meinem Vater gewöhnt und liebten ihn nun nur um so stärker . Sie legten ihm Rechenschaft ab von ihrem Haushalt während seiner Abwesenheit . Sie hatten seine Äcker , gleich den ihrigen , bestellt und den Ertrag gewissenhaft bewahrt . Mein Vater bezeigte ihnen seine lebhafte Dankbarkeit , und die guten Menschen glaubten sich ihm verpflichtet . Es knüpften sich die schönen Bande der gegenseitigen Liebe und des Vertrauens immer fester und trotzten allen nachfolgenden Stürmen der Zeit . So unruhvoll und blutig auch die folgenden Jahre für Frankreich gewesen sind , mein friedliches Tal , die Wiege meiner Kindheit , ist , dank der Sinnesart meines guten Vaters ! immer so ruhig und glücklich geblieben , als läge es auf einer Insel des Stillen Ozeans . Der benachbarte Adel nannte ihn anfangs einen Tollhäusler und wich ihm aus ; späterhin hielt er ihn für einen Schlaukopf und suchte oft seine Vermittelung . Erkannt haben ihn nur wenige ; man hielt für Klugheit , was nur Vernunft und Gefühl war . In dieser schönen Umgebung , an der Hand der Liebe , ging ich meine ersten Schritte , hier wurde mein Geist sich seiner bewußt . Meine Eltern machten zu meiner Erziehung keine künstlichen Anstalten , man überließ mich der Natur und dem guten Beispiele . Liebe , die zärtlichste , aufopferndste Liebe umgab mich und erzeugte in mir tiefes , reges Gefühl . Mein Geist bedurfte keines Sporns , er entwickelte sich überaus frühzeitig und schaffte sich Nahrung . Ich lernte fast von selbst lesen , in einem Alter , wo andere Kinder kaum einige Worte im Zusammenhange aussprechen . Meine Mutter schaffte mir Puppen an und anderes Spielgerät , ich wußte eben nichts damit anzufangen und warf es bald beiseite , traurig fragend : » Was soll Virginia nun machen ? « Meine Mutter begriff diese Eigenheit nicht und verlor oft die Geduld . Mein Vater erhielt , durch einen Zufall , ein altes Werk , welches meine kindische Aufmerksamkeit auf sich zog . Es war eine Weltgeschichte , durchweg in Kupfern bildlich dargestellt , der Text daneben in veraltetem , doch kräftigem Stil . Ich besah eifrig die wirklich schönen Kupfer und verlangte ihre Erklärung ; meine Mutter verstand sich wenig darauf und fertigte mich mit Auslegungen ab , welche sie für mein Alter passend glaubte , die mir aber nicht genügten . Ich wendete mich an meinen Vater , und dieser erklärte mir die Bilder einfach , aber wahr . Ich hing an seinen Lippen und wollte ihn nimmer wieder lassen ; aber der gute Vater mußte doch oft abwesend sein , und ich blieb dann mit meinem lieben Buche allein . » Wenn du erst lesen kannst « , tröstete mich der Vater , » dann kannst du dir die Geschichten selbst erklären . « Das war ein Blitzstrahl , in meine Seele geworfen . Ich übte mich unermüdet , und in kurzem las ich fertig in meiner lieben Geschichte . Nun war meine Beschäftigung gefunden , ich fühlte keine Leere mehr . Alle Zeit , wo ich nicht im Freien herumsprang oder mit meinen Eltern plauderte , saß ich bei dem Buche . Ich las und las wieder ; Begriffe reihten sich an Begriffe , und ich verstand , ich fühlte , was ich gelesen . Ich kann im eigentlichsten Sinne sagen , ich bin unter den Heroen der Vorwelt herangewachsen . Sie waren meine Vorbilder , dienten mir zum Maßstab für die Ereignisse der Gegenwart . Unter meinen frühesten Erinnerungen ist mir eine Szene lebhaft gegenwärtig geblieben , welche diese meine Heroenbilder erregten . Ich mochte vier Jahr alt sein und mein geliebter , ach über alles geliebter Emil ein Jahr , als Frankreich von den fremden Armeen hart bedrängt wurde . Victor war an die Grenze geeilt , das Vaterland zu verteidigen , und mochte meinen Vater wohl aufgefordert haben , ein Gleiches zu tun . Wenigstens war ein Brief angekommen , dessen Inhalt auf meinen Vater einen wichtigen Eindruck gemacht zu haben schien . Er war unruhig , teilte Befehle aus , traf mancherlei Anstalten und schien mit einem großen Vorhaben beschäftigt . Das ganze Haus war in einer ängstlichen Bewegung , und niemand wollte und konnte sich um mich bekümmern . Ich flüchtete , wie immer in ähnlichen Fällen , zu meinem Buche . Zufällig hatte ich eben das Kupfer aufgeblättert , wo Leonidas den Paß von Termopylä verteidigt , als mein Vater in den Saal trat und hinter mir stehenblieb . » Sie starben für das Vaterland ! « sagte er nach einer kleinen Pause und legte die Hand auf meinen Kopf , » dreihundert Helden wehrten der großen Persermacht den Eintritt in das heilige Land der Freiheit ! « Ich hatte mich umgewendet und schauete nach ihm auf . Zwei große schwere Tränen hingen in seinen Augen . » Sie taten nur ihre Pflicht ! « sagte er und fuhr mit der Hand über die Tränen , lächelte mich an und wiederholte : » Sie taten , was sie mußten ! « Da kam meine Mutter herein , Emil auf dem Arme . Sie war sehr bleich und hatte geweint . Schweigend zog sie den Gatten zum Sofa , setzte das Kind auf seinen Schoß und sich neben ihn . Sie umschlang ihn , weinte heftig und rief endlich im Ton der Verzweiflung : » Diesen hülflosen Kleinen könntest Du verlassen ? mich ? mich ? « und sank an seine Schulter . Mein Vater umfaßte sie mit Zärtlichkeit , redete ihr zu , sprach viel von Pflicht und Notwendigkeit . Der Knabe lächelte unbefangen drein und spielte mit des Vaters Locken . Mich mochte die Gruppe an das Bild von Hektors Abschied erinnern , ich schlug es auf und sah ernsthaft bald auf Hektor , bald auf den Vater . Endlich richtete sich meine Mutter wieder auf und blickte mich an . » Virginia ! « rief sie , » umarme die Knie deines Vaters ! flehe ihn , daß er uns nicht verlasse ! « - » Die Frau da « , antwortete ich in meinem kindischen Sinn und zeigte auf das Bild , » die Frau da weint nicht , daß der Vater seine Pflicht tun muß . Sie hält ihn nicht , Virginia darf ihn auch nicht halten . « - » Römermädchen ! « rief mein Vater und riß mich in seinen Arm . Aber ein verzweiflungsvoller Blick meiner Mutter fiel auf mich , und in demselben Augenblick sank sie leblos zu Boden . Ich stürzte mich mit Geschrei und Tränen über sie hin . Mein Vater hob sie in seine Arme , sie wurde zu Bett gebracht , und ein heftiges Fieber kündigte sich mit den bedenklichsten Zeichen an . Ihre Krankheit dauerte lange , und sie wurde nur dadurch am Leben erhalten , daß mein Vater ihr das feierliche Versprechen ablegte , sie niemals zu verlassen . Meinem Vater mußte es schwer geworden sein , sein Pflichtgefühl , im Kampf mit der Liebe , zum Schweigen zu bringen . Manche seiner spätern unfreiwilligen Äußerungen deuteten darauf . Doch nahm er sich sehr in acht , meine Mutter das mindeste davon merken zu lassen . Über Gefühle dieser Art war ich in der Folge seine einzige Vertraute . In dem Herzen meiner Mutter schien sich , durch diesen Vorfall , eine leise Abneigung gegen mich festgesetzt zu haben . Ich entsinne mich , daß man mich in den ersten Wochen ihrer Krankheit sorgfältig abhielt , sie zu sehen , und daß ich viel darüber geweint . Auch während ihrer Genesung war sie anfangs nicht so gütig gegen mich als sonst ; überhaupt lenkte sich ihre Zärtlichkeit mehr auf meinen Bruder . Ich bemerkte dies wohl , aber ohne Neid ; denn ich selbst liebte den holden Emil über alles . Du hast ihn wenig gekannt , den freundlichen herzigen Knaben . Er war immer heiter , immer voll Scherz und Fröhlichkeit , und dabei so bieder und treu . Wie hätte man ihn nicht lieben sollen ! Überdies war er