Anhänglichkeit belohne . VIII Demohngeachtet erregte weder diese Güte , noch so manche schöne geistige Anlage , die nur der Entwickelung bedurfte , noch auch ihr edles Aeußeres , das weit mehr sich in sich selbst zu verhüllen als sich geltend zu machen strebte , den Wunsch in seinem leichtsinnigen Herzen , sie in einer ernsten , ewigen Verbindung sich anzueignen . Methodisch steigerte er durch alle Kunstgriffe der Erfahrung und der männlichen Coketterie die Neigung , die in ihrer reinen Seele für ihn erwacht war , und belustigte sich an den naiven , ihm den vollen Reiz der Neuheit gewährenden Wirkungen seines grausamen Unternehmens , ihre Ruhe zu untergraben und zu einem Opfer seiner Eitelkeit zu machen . Frau von Willfried eben sowohl als die Generalin getäuscht durch die Beflissenheit , mit der er sich um Erna bemühte , leisteten ihm allen möglichen Vorschub , sich ihr zu nähern . Denn geblendet von ihren Hoffnungen erblickten beide Frauen in allen seinen Aeußerungen so viel Verstand , Charakter , und selbst Gefühl , daß sie überzeugt waren , er werde das Glück ihres Lieblings machen . Die unwillkührlichen Ausbrüche des Muthwillens , der Frivolität , und der Satyre , die zuweilen selbst das Heilige nicht verschonte , erschienen ihren bestochenem Urtheil als Auswüchse , die nur das Leben in der verdorbenen großen Welt ihm angebildet habe , und die eine reinere Umgebung , das Läuterungsbad wahrer Liebe , und dereinst die Würde ehelicher Verhältnisse bald genug wieder abschleifen werde . In dieser Voraussetzung erwarteten sie ruhig und freudig seine nähere Erklärung , die seinem Benehmen nach , mit jedem Tage wahrscheinlicher wurde . Auch Erna , selig gehoben von den Schwingen eines so mächtigen , ihr selbst im Traume der Ahnung noch nimmer erschienenen Gefühls , sah mit klopfendem Herzen , von ihrer Mutter auf diesen feierlichen Moment vorbereitet , dem Geständnis des Jünglings entgegen , dem sie ihr Ja nicht versagen wollte , da sie ihm bereits ihre innige Neigung geschenkt hatte . Sie gewann allmählig Vertrauen zu ihm und zu sich selbst . Anfangs , von dem Glanz seiner geschliffenen Aussenseite verblendet , wußte sie nur schüchterne Unterwürfigkeit , blödes Zagen , seinem muntern und sicheren Ton entgegen zu setzen . Sie erschrak , wenn sie den Klang ihrer eigenen Stimme vernahm - sie erröthete , wenn sein Blick ihr begegnete - sie zitterte , wenn er sie anredete . Jetzt wich nach und nach die Verlegenheit , durch die sie sich selbst so gestört und unbequem in ihrem Innern vorkam , einer bescheidenen Zuversicht , die auf die stolze Ueberzeugung sich stützte , ein so hoch an Geist und Bildung über ihr stehendes Wesen , wie ihr Alexander erschien , begreifen und fassen zu können . Er wußte so unmerklich und leise den kalten Reif der Verschlossenheit von ihrem Gemüth abzustreifen , wußte , indem er sie so oft glücklich errieth , ihren undeutlichen Gedanken Klarheit , ihren dunklen Gefühlen Licht zu geben , und durch einen im rechten Augenblick gleichsam unwillkührlichen Ausbruch einer erkünstelten Begeisterung für das Gute und Schöne , eine hingeworfene , wie dem Innern entschlüpfte Floskel der Sentimentalität , ihre vortheilhafte Meinung von ihm immer fester zu begründen , daß es sehr natürlich war , wenn ihre Achtung für ihn mit jedem Tage des Beisammenseyns wuchs , und die zarte Liebe ihres Herzens vertiefte . IX Obgleich die Fortschritte , die Alexander so sichtbar in Erna ' s Neigung machte , ihm manchen Stoff zur ergötzlichen Selbstunterhaltung gab , so drückte ihn , den an schimmernde Zerstreuungen Gewohnten , doch die Einförmigkeit des halb ländlichen Lebens in dieser kleinen Stadt viel zu sehr , als daß er nicht hätte streben sollen , es so viel er vermochte , mit Abwechselungen zu durchweben . Es war ihm längst langweilig gewesen , in einer bequemen Kutsche - die einzige Bewegung , die Frau von Willfried vertragen konnte - ihr und seiner Tante gegenüber , und an Erna ' s Seite im abgemessenen Tact , den der Arzt vorgeschrieben , durch die schöne Gegend zu rollen , und diese schläfrige Parthie durch die Benennung einer Spazierfahrt zu ehren . Er schlug daher Erna vor , ihr Unterricht im Reiten zu geben , und obgleich ihre Furchtsamkeit vor der ungeheuern Idee zurückbebte , mit zarter Hand ein so muthiges Thier bändigen und regieren zu sollen , und Mutter sowohl als Tante meinte , sie werde ihre oft geäußerte Bangigkeit vor Pferden nicht überwinden können , so willigte sie doch sogleich freundlich ein , als sie vernommen hatte , daß es ihm viel Vergnügen machen werde , ihr Lehrmeister in dieser fröhlichen Kunst zu seyn . Schnell wurde nach seiner Angabe ein Reitkleid verfertigt , und während der Tage , die darüber hingingen , war er bemüht , ein kleines , lammfrommes Roß noch gemächlicher für sie zuzureiten . Als Erna nun zum erstenmal in dem geschmackvollen Amazonenkleide erschien , das er nach seinen Erinnerungen aus der Residenz angeordnet hatte , wurde er durch die Anmuth mit der sie sich darstellte , überrascht . Er konnte sich nicht abläugnen , daß der größte Theil der Unscheinbarkeit , mit der sie gewöhnlich auftrat , eine Folge ihres matronenhaften , vernachläßigten Anzugs war . Der weibliche Körper muß ein schönes Oval bilden , wenn er wohlgefällig ins Auge fallen soll , und an diesem Oval dürfen ein paar zierliche Füßchen als der Schluß desselben eben so wenig fehlen , wie der Kopf selbst am andern Pole dieser Sphäroide . Nun war aber Erna gewöhnlich so verhüllt , daß es zu den seltenen Erscheinungen gehörte , wenn hie und da die schnell wieder vom dichten Faltenwurf verdeckte Spitze ihres Schuhs sichtbar wurde , und er hatte schon öfters im Stillen die boshafte Vormuthung gehegt , daß die Natur sie in diesem Punkt stiefmütterlich behandelt haben müsse , weil er nicht begreifen konnte , daß Sittsamkeit in einem weiblichen Gemüth die Oberhand über Eitelkeit und Sucht zu glänzen behaupten könne . Wie verwundert wurde er daher , als er bei ' m ersten Blick der erröthenden Erna den Verdacht in Gedanken abbitten mußte , daß sie , wie so viele ihres Geschlechts , ohne die mindesten Kosten auf - großem Fuß lebe . Niemals hatte er so zart geformte , so gleichsam in leiser Anmuth schwebend auftretende Füßchen gesehen , wie die ihrigen . Sie schien in den zierlich geschnürten Stiefeln kaum den Boden zu berühren . Das sammtne Barret , von hohen Federn umschwankt , gab dem allzubescheidenen , zu sehr an Verschüchterung gränzenden Ausdruck ihrer Züge etwas Kühnes , das ihr wohl stand , und das eng sich anschmiegende Kleid , dessen lebhafte Farbe günstig auf das bleiche Gesicht wirkte , verrieth eine Körperform , der nur noch etwas mehr Fülle fehlte , um vollkommen zu sein . X Mit wohlgefälligem Lächeln verweilten Mutter und Tante auf der so vortheilhaft veränderten Gestalt , und nachdem Frau von Willfried Alexandern aufs dringendste empfohlen hatte , doch ja ihr geliebtes Kind sorgsam vor allen Schaden zu hüten , und es als ein heiliges , seiner Vorsicht anvertrautes Pfand zu betrachten , begann der praktische Unterricht . Doch schon im allerersten Anfang zeigte sich eine Schwierigkeit . An die Galanterie der großen Welt gewöhnt , die er sich gleichsam wie seine andere Natur angeeignet hatte , hielt Alexander , wie er bei den Schönen der Residenz gewohnt war , seine Hand hin , damit Erna sie als Schemel betrachten , und von ihr sich in den Sattel schwingen möchte . Das blöde Kind weigerte sich aber standhaft , dies zu thun , und zwar mit einer Festigkeit , die sehr von ihrer gewöhnlichen still resignirten Nachgiebigkeit abwich . Vergebens versicherte er ihr , daß das so Sitte , und für sie das Bequemste sei . Ihr ohnehin beklommener Zustand wurde durch sein Zureden nur noch peinlicher , aber dennoch errang er diesmal nicht den Sieg über ihren festen Willen , und bewegt stand er am Ende ab von seinem Begehren , als Erna mit Thränen in den Augen sagte : » Wie könnt ' ich jemals mich entschliessen , auf die Hand zu treten , als sei sie fühlloser Stein , die sich so gütig für mein Vergnügen bemüht . « Gerührt über den wohlwollenden Sinn ihrer Weigerung , dem vielleicht auch - ihr selbst unbewußt - ein dunkles Gefühl von mädchenhafter Scheu mit zum Grunde lag , drang er nicht mehr in sie , sondern umfaßte ehrerbietig ihre schlanke Gestalt , sie aufs Roß zu heben . Es am Zügel führend , und ihr nun die Regeln aus einander setzend , durch welche es sich am sichersten leiten und beherrschen lasse , fühlte Erna ihre Bangigkeit allgemach verschwinden . Mit Freudestrahlenden Augen , über alle bleiche Angst nun erhaben , schaute sie auf ihren Lehrer herab , und dann wieder rings um sich her , kindlich froh und stolz , die Welt gleichsam zu ihren Füßen erblickend . Zum erstenmal in ihrem Leben drang das Bewußtseyn eigner Kraft , die sie bisher nur im Dulden und Tragen geübt hatte , in ihr Gemüth , und es schien ihr in dem heitern Traum ihrer Macht , als entwickele sich jede Bewegung des muntern Thieres , welches sie trug , aus ihrer Willkühr , die es regierte . Sie hörte wenig von dem , was Alexander sagte - sie sah nur die liebliche Bewegung seiner blühenden Lippen - nur den Glanz der fröhlichen Augen , die - wie eine selig in ihr dämmernde Ahnung ihr sagte - die Planeten waren bestimmt ihrer künftigen Lebensbahn zu leuchten . Wirklich wäre es schwer gewesen , so vieler männlicher Schönheit und Anmuth , wie in Alexandern sich vereinigte , den Preis der Vollendung abzustreiten , den selbst ein unpartheiisches Urtheil , wie nicht vielmehr ein von dem Zauber der ersten Liebe befangenes Herz ihm zugestehen mußte . Er war , wie Aeschylos so charakteristisch von einem seiner Helden sagt : ein Jünglingsmann . Alle einschmeichlenden Reize der Jugend , verbunden mit der Würde und Sicherheit des Mannes schmückten mit strahlendem Nimbus sein Wesen , und flößten auch denen , die um die Entweihung seines inneren Lebens wußten , das lebhafteste Interesse für seine der Natur und der Weltbildung so glücklich gelungene Aussenseite ein . Daß Erna ' s Blick , der die Untiefen des menschlichen Herzens zu durchschauen , noch nicht geübt war , da , wo glatter Schimmer ihr entgegen trat , den Spiegel hehrer Seelenreinheit , und wo schlaue Verstellung sich Täuschungen erlaubte , die Lauterkeit eines unverdorbenen , ihrer Achtung würdigen Gemüths wahrnahm , lag in der Unerfahrenheit ihrer Unschuld , die noch nicht durch Menschenkenntnis getrübt , von sich selbst auf andere schloß . Im tiefsten Herzen vernahm sie den Ruf der ersten Liebe . Alles was bisher ihr Leben beschäftigt und ausgefüllt hatte , erblich vor der allmächtigen Flamme , die in ihr aufzulodern begann - ihre ganze Vergangenheit schwand in Dämmerung wie ein Traum , aus dem sie nur eben erst zur Wirklichkeit erwacht schien - dunkle , aber selige Hoffnungen regten sich in ihrem Busen , und es zogen Anklänge des Gefühls durch ihr süß erschüttertes Wesen , als gingen sie von einer Sphärenmusik aus , die aus dem Heiligsten der Himmel niederwallte . XI Sehr zufrieden mit der Gelehrigkeit seiner holden Schülerin endigte Alexander die erste Lection schnell , um ihre Kräfte so wenig wie ihre Geduld zu ermüden . Am folgenden Tag aber begann der Unterricht von neuen , und Erna saß bereits so fest im Sattel , wußte mit so grazienhafter Leichtigkeit sich im Gleichgewicht zu halten , so muthig und sicher die ihr nun selbst anvertrauten Zügel zu führen , daß er ohne Bedenken ihr einen Spazierritt über die engen Schranken des Gartens hinaus ins Freie vorzuschlagen wagte . Es war ein wunderschöner Maimorgen . Junges , helles Grün mit Blüthenschnee durchwebt , schmückte Bäume und Gesträuch , und die Nachtigallen mischten den Zauber ihrer Melodieen in den monotonen , und doch so anmuthigen Laut des Kukuks , der , wie sie , den Lenz begrüßte . Das Trillern der Lerche in hoher Luft , und das Geschwirr und Sumsen der Insekten , die im warmen Sonnenschein sich freuten , vollendete den Chor der Natur , der noch niemals inniger als jetzt Erna ' s erregtes Herz angesprochen hatte . Ein heitrer blauer Himmel , ähnlich dem , den sie für ihre Zukunft sich träumte , spannte sich lächlend über sie aus , und die dampfenden Felder , und die thaufunkelnden Wiesen , mit vielfarbigen Blumen bedeckt , sandten ihr die süßesten Düfte hinauf , den Rausch ihrer Stimmung noch zu erhöhen . Alexander bemerkte mit Vergnügen , daß seine Nähe immer mehr die starre Rinde der Blödigkeit von Erna ' s Wesen hinweg schmolz , wie der Schnee im Frühling von den Hügeln thaut , wenn die Sonne mit Feuerblick auf ihn hernieder sieht . Es kam Leben und Seele in ihre Züge . Das jugendliche Erwachen ihres Gefühls , der unverkennbare , unschuldsvolle Wunsch , ihm zu gefallen , der nicht in Künsten studierter Koketterie , sondern nur in dem aufmerksamen Bestreben , sich seine Meinungen anzueignen , seinem Geschmack zu entsprechen und seine Eigenthümlichkeit aufzufassen , sich verrieth , gab seiner Eitelkeit ein belustigendes Schauspiel , dem wenigstens das Interesse der Neuheit nicht fehlte . Selbst wenn sie oft vergebens suchte , aus ihrer reineren schuldlosen Natur herauszutreten , um sich mit seiner Individualität zu amalgamiren , deren Verdorbenheit ein schimmernder Firnis überzog , und es ihr nicht gelingen wollte , gleich ihm zu fühlen und zu urtheilen , selbst dennoch erblickte sie ihn hoch über sich , und gab der Beschränktheit ihres eigenen Sinnes die Schuld , wenn sie den seinigen nicht ganz zu begreifen und zu würdigen wußte . Heute betrafen ihre Gespräche das Glück des Landlebens , die Schönheit der Gegend , die stillen Freuden der Wohlthätigkeit . Denn es lag Alexandern daran , sie zutraulicher noch zu stimmen , und das konnte ihm weniger gelingen , wenn er Gegenstände berührte , die ihrer Unerfahrenheit fremd waren . Er gab sich die Miene , als ermüde ihn der Zwang in einer geräuschvollen Stadt unter betäubenden Zerstreuungen , die - wenn sie auch den Geist momentan zu beschäftigen vermöchten , doch das nach edleren Genüssen schmachtende Gemüth leer und unbefriedigt ließen - leben zu müssen , und drückte die Sehnsucht nach idyllischer Einfachheit der Sitten und nach den Freuden der Häuslichkeit um so lebhafter aus , je entfernter seine Seele davon war , sie wirklich zu empfinden . Erna hatte noch nie Romane gelesen . Die Sprache derselben , ihr eben so neu als verführerisch , und so ganz ihren innersten Begriffen zusagend , schmeichelte sich von Alexanders , der Verstellung gewohnten Lippen süß und zutraulich in ihr Herz , und ihre Achtung für ihn nahm in eben dem Grade zu , in welchem ihr schüchternes Wohlwollen , ihr selbst unbewußt , sich zur innigsten Liebe verstärkte . So kehrte sie von diesem Spazierritt mit erhöhter Freudigkeit und Zuversicht , so wie mit verdoppelter Neigung für ihn , zurück , und ihre wonnevoll beklommene Brust konnte die Fülle ungewohnter Seligkeit nicht bergen . Tief erglühend in der schönen Röthe , die zwischen Schaam und Freude schwankt , sank sie in die Arme ihrer Freundin Auguste , die sie bei ihrer Rückkehr empfing , und flüsterte leise und entzückt ihr ins Ohr : Auguste , wie bin ich glücklich ! XII Auguste war eine Freundin und Gehülfin des Hauses . Frau von Willfried , der sorgsamsten und ununterbrochensten Pflege bedürfend , hatte sie , ehe Erna allein ihr diese leisten konnte , und um sie ihr späterhin zu erleichtern , zu sich genommen , und ihr die Aufsicht über die Dienstboten und das Hauswesen , und Erna ' s Unterricht in den feineren weiblichen Arbeiten übertragen . Auguste , die Tochter eines Predigers , war eine jener zarten , früh verblühenden Gestalten , die verschlossen , aber in tiefen Frieden mit sich selbst und andern ihren Lebensweg dahin gehen , ohne daß der aufmerksame Beobachter dem ihre früheren Verhältnisse fremd sind , zu entscheiden vermag , ob der Wurm der Kränklichkeit , oder eines durch Unglück erschütterten Gemüths an ihrer vor der Zeit gewelkten Blüthe nagt . Hier hatte beides sich vereinigt , sie rasch über die Gränzlinie feuriger , genußvoller Jugend in jenen sinnigen , ruhigen Zustand reiferer Jahre hinüber zu führen , in welchem ein weibliches Wesen das leidenschaftliche Getriebe der Welt nicht mehr als eine Bühne des Handelns , sondern nur des Zuschauens betrachtet . So lag schon in ihrem acht und zwanzigsten Jahr das Daseyn beschlossen , und geendet in seinen innigsten Beziehungen hinter ihr . Doch hatte sie die Schätze eines reinen Gewissens , der Geistesklarheit , und einer nun nicht mehr zu untergrabenden Ruhe aus dem Schiffbruch einer trüben Vergangenheit gerettet , und gelassen , klaglos und zufrieden widmete sie sich in stiller Geduld dem ganzen Umfang ihres Berufs , dankbar , daß Frau von Willfrieds Sanftmuth und Erna ' s himmlische Güte ihren Pfad freundlich ebneten , indem beide ihren sittlichen Werth erkannten , und höher ehrten , als ihrer Bescheidenheit eigentlich gerecht schien . Erna zählte erst sieben Jahr , als Auguste ihre Hausgenossin ward . Sie fühlte sich schnell mit herzlicher Liebe zu dem holden Kinde hingezogen , das schon früh in allen seinem Denken und Thun den Keim einer seltenen Vortrefflichkeit ahnen ließ , und es ward ihr bald die heiligste und süßeste Angelegenheit ihres Lebens ihre Anlagen zu entwickeln , und dem zu wahrer Frömmigkeit sich hinneigenden Gemüth die Richtung zu geben , die - wie sie aus Erfahrung wußte - in allen Freuden und Leiden welche das Schicksal bietet , nur in sich Schutz und Schirm und Gleichgewicht findet . Sie lehrte sie , mehr durch Beispiel als durch Worte , in Freude an der Natur , in stillen nützlichen Beschäftigungen und in der Erfüllung ihrer Pflichten den Zweck , so wie die Würze ihres Daseyns suchen . Auch waren Erna ' s Verhältnisse ganz geeignet , um mit ihrem Plan im Bunde sie zur ernsten Einkehr in sich selbst , zur frühen Reife des Geistes , zur sanften Mäßigung ihrer lebhaften Gefühle hinzuleiten . Denn die stets leidende Mutter , die gleichsam das ganze Leben ihrer Erna als ein Opfer kindlicher Liebe hinnahm , das ihr gebührte , und die das früh resignirte Kind aus der Sphäre fröhlicher Jugendlust , die ihren Jahren angemessen war , an den engen Kreis bannte , welcher ihr Schmerzenslager umgab , half durch den Anblick ihres langsamen Dahinschmachtens ihre Phantasie von dem Irrdischen abziehen , und zu jener höheren Ansicht empor richten , die wie ein Stern in dunkler Nacht den Blick des Geistes aufwärts hebt . Nichts bildet die moralischen Fähigkeiten edler aus , nichts wirkt herrlicher auf das weibliche Gemüth , als wenn es ganz von dem Beruf der Krankenpflege durchdrungen , ihn als eine heilige Pflicht anerkennt und übt . Sanftmuth , Geduld , frommer Glaube an eine Hand , die jedes Leiden lindert , wäre es auch erst jenseits , Ergebung und himmlischer Friede entkeimen der Saat , welche Selbstverläugnung in den steinigen Boden des Entbehrens streut , und lohnen jeden hingegebenen Genuß der Welt durch die reiche Fülle des Bewußtseyns . So glaubte Auguste in Erna ' s Fortschreiten im stillen Versagen bunter Jugendfreuden , und in einer sich selbst vergessenden Thätigkeit die stärksten Waffen gegen alle feindlichen Angriffe eines künftigen Geschicks ihr in die Hand gegeben zu haben , und als sie die sanfte Morgenröthe einer - wie sie hoffte - glücklichen Neigung in ihrer Seele anbrechen , und diese durch die Wünsche der Familie geheiligt , so wie durch Alexanders auch sie bestechende Aussenseite gerechtfertigt sah , wähnte sie ihren Liebling nahe an der Schwelle des Tempels der höchsten irdischen Glückseligkeit , und freute sich der immer wärmer werdenden Innigkeit , die sie bemerkte . XIII Denn ein weibliches , unverdorbenes Wesen , auch wenn es selbst durch ungünstige Erfahrungen nur die Dornen , nicht die Rosen der Liebe gekannt hat , weiß sich dennoch keinen anderen Himmel hienieden zu träumen , als den einer glücklichen ehelichen Verbindung . Mit treuem Antheil , und freudig gerührt , nahm sie daher Erna ' s Geständnis , daß sie so glücklich sei , als einen Vorboten des noch wichtigeren Bekenntnisses , daß sie liebe , auf , und half ihrer zarten Verschämtheit , ihren mit sich selbst kämpfenden , des Ausdrucks ermangelnden Gefühlen zur Sprache , indem sie sanft ihr entgegen kommend , eigentlich mehr errieth als von ihr erfuhr . Freilich fehlte noch , um sie als glückliche Braut zu begrüßen , Alexanders förmliche Erklärung . Aber war nicht sein ganzes , Erna so sichtbar auszeichnendes Betragen eine ehrerbietig und liebevoll fortgesetzte Bewerbung der nur das entscheidende Wort fehlte , um bindend auf ewig zu seyn ? Und oft sprechen Worte nicht so deutlich , als Handlungen , in denen unwillkührlich sich die Neigung verräth . Er wußte ja die Absichten seiner Tante und der Frau von Willfried - unmöglich hätte er sich bei den Grundsätzen wahrer Ehre , die man an ihm zu bemerken glaubte , dem Schein , in sie einzugehn , geliehen , wenn sie nicht mit den seinigen harmonisch übereinstimmten . Und konnte er eine edlere Wahl treffen , als die , die diesen Engel an Güte und Herzlichkeit ihm zur künftigen Gefährtin seines Lebens bestimmte ? Selbst in conventioneller Hinsicht machte Erna ' s bedeutendes Vermögen sie zu einer sehr vorzüglichen Parthie , doch seltner noch war der Reichthum ihres Gemüths und ihres Geistes , neben einer Gestalt , die ohne noch zur vollkommenen Schönheit heran geblüht zu seyn , doch schön zu werden versprach , so wie ihre Jugend , und die große Biegsamkeit ihres Charakters nicht bezweifeln ließ , sie werde leicht und geschickt sich in die künstlich geschliffenen Formen der großen Welt fügen lernen , die freilich auf dem Lande ihr fremd geblieben waren . Alles dies sagte sich Auguste in ihrer innigen Theilnahme an dem künftigen Loose ihres holden Zöglings vor , und Erna mit dem Segen der wärmsten Liebe an ihre Brust drückend , erwartete sie zuversichtlich von den nächsten Tagen die endliche Schürzung des Knotens . XIV Was sie noch mehr als alle vorhergegangenen Umstände zu dieser Erwartung berechtigte , war ein Vorfall , der traurige Folgen hätte haben können , der aber jetzt nach Erna ' s Ansichten nur dazu diente , ihr auf eine etwas rauhe Art den Himmel ihrer Zukunft früher zu öffnen . Alexander , der das ihm anvertraute Amt als Lehrmeister ernst und gewissenhaft verwaltete , fand es nothwendig , daß seine Schülerin sich an mehr als ein Pferd gewöhne , um sicherer in allen den Eigenthümlichkeiten der Reitkunst zu werden . Nicht ohne ein inneres , weissagendes Vorgefühl der Gefahr vertauschte daher Erna eines Tages ihr liebes frommes Roß mit seinem schnaubenden Araber , der aber trotz der Fülle des Muthes und Uebermuthes , die aus ihm wieherte , trefflich zugeritten war , und keine Unarten hatte , die die mindeste Besorgnis für seine zarte Reiterin erregen konnte . Wohlgemuth trabten beide über die frischen Wiesen dahin , dem kühlen Walde zu , der mit seinen dämmernden Schatten ihnen so einladend winkte . Dort ließen sie die Thiere langsam gehn , und im traulichen Wechselgespräch schwand Erna ' s leise Furcht , so wie ihre Achtsamkeit auf sich selbst , und auf die Zügel . Längst hatte gewiß der schlaue Araber gemerkt , daß es nicht Alexanders gewohnte feste , und bändigende Hand sei , die ihn lenke . Daher erlaubte er sich manchen kleinen Seitensprung , den sein Gebieter ihm nicht verstattet hätte , und schüttelte oft brausend die Mähne , den Kopf bald tief zur Erde senkend , bald weit ihn zurück werfend , und die fein gespitzten Ohren schalkhaft bewegend , als spotte er der sanften Gewalt , die Erna mädchenhaft über ihn übte . Alexander , aufmerksam auf die unziemlichen Freiheiten , die er sich nahm , dictirte der allzu nachsichtigen Reiterin eine Strafe für ihn , so wie eine strengere Beschränkung seiner Willkühr . Aber der Schlag , den sie auf sein Geheiß mit der Peitsche ihm gab , glich einer leisen , liebkosenden Berührung und schreckte den Muthigen nicht . Demungeachtet wurde sie nicht bange . Ihr war , als könne an des Freundes Seite kein Unglück sie erreichen , und lächlend blickte sie öfterer in sein schimmerndes Auge , als auf den Weg , der durch das von Moos halb versteckte Wurzelgeflecht der Bäume , und ein stets Berg auf , Berg ab eine verdoppelte Achtsamkeit gebot . Da erklang tief aus dem dunkelgrünen Hintergrund des Waldes die schwermuthsvolle Liebesklage einer Nachtigall , und eine zweite , ihnen näher , antwortete in süßen , lang gedehnten Accorden den verschwebenden Tönen aus der Ferne , und flöthete so lieblich , so herzergreifend , daß sie beide unwillkührlich die Rosse anhielten , ihr zuzuhören . Ungeduldig scharrte der Araber , der sich nach raschem Gallop sehnte , die Erde auf , und stampfte den Boden - Alexander und Erna , in die seelenvollen Melodieen Philomelens vertieft , bemerkten es nicht . Plötzlich fiel dicht neben ihnen ein Schuß , und ein Reh - nicht durch ihn getroffen , aber verscheucht , sprang aus dem Gebüsch , fast die Pferde berührend , seitwärts an ihnen vorüber und riß durch die jähe Gewalt des Schreckens den scheu gewordenen , schon vorher durch Ungeduld gereizten Araber vorwärts . Im vollen Lauf sprengte er , durch einen eng verwachsenen Nebenweg sich drängend , die waldige Anhöhe hinab , oft sich bäumend , oft hintenausschlagend , bis Erna , die sich vergebens im Sattel zu halten strebte , durch einen Schlag an den Kopf von einem tief herab gebeugten Ast mit der Besinnung das Gleichgewicht verlor , und im Bügel hängen bleibend , von dem rasenden Thier geschleift , wie eine Beute des Todes auf dem von ihrem Blut benetzten Pfade dem ihr athemlos nacheilenden Alexander aus den Augen schwand . XV Denn er hatte mit der Gegenwart des Geistes , die ihm eigen war , überdacht , daß er ihr zu Fuße weit leichter folgen , und weit hülfreicher seyn könne , als zu Pferde , allenthalben durch das Dickicht ängstlich und gefahrvoll aufgehalten . Schnell war er daher abgesprungen , und flüchtig wie das Reh , das die erste Veranlassung dieses Schreckens gab , eilte er ihr nach , nicht ohne aufs tiefste von seiner Verantwortlichkeit bewegt zu seyn , und voll quälender Besorgnis : wie er sie finden werde . Die einzelnen Blutstropfen auf dem grünen Moose waren ihm ein purpurner Leitfaden , ihre Spur zu verfolgen , und endlich , - welch ein Schauder rieselte durch alle seine Nerven - endlich sah er sie in weiter Entfernung leblos auf der Erde liegen , und den Araber unaufhaltsam , und wie vom bösen Gewissen gejagt , von dannen sprengen . Er flog zu ihr hin , und warf sich vor ihr nieder . Todtenblässe bedeckte ihre Wangen und Lippen . Der Ast , der ihre Stirn verletzte , hatte ihr das Barret abgestreift , und die festgeflochtenen Haare gelößt , die lang und dunkel an ihr niederhingen . Gleichwohl war trotz der Willkühr des Falles ihre Stellung so edel , der Ausdruck ihrer in den Fesseln der Ohnmacht erstarrten Züge so rührend , daß Alexander tief erschüttert mit gefaltenen Händen vor ihr lag , und mehrere Momente in ihrem Anschauen verlor , ehe er so viel Fassung gewann , um irgend etwas zu ihrer Hülfsleistung zu thun . Das Flüstern einer nahen Quelle weckte ihn zuerst aus der dumpfen Betäubung , in der er zu ihren Füßen kniete . Er raffte sich auf , und tauchte sein Tuch in ihre crystallene Kühlung , es dann sanft und leise um Erna ' s verwundeten Kopf zu schlagen . Noch perlte ihr reines Blut in hellen Tropfen gleich Rubinen auf der Lilienweißen Stirn und zwischen den braunen Locken hervor , aber er hatte doch den Trost zu bemerken , daß ihre Wunden nicht tief waren . Sorgsam ihr auf den rauhen Boden hingesunknes Haupt an seine klopfende Brust lehnend , ihre kalten Hände zwischen den seinigen wärmend , hatte er endlich die unaussprechliche Freude , ihr Bewußtseyn leise wieder aufdämmern zu sehn . Welch ein Erwachen ! Sie glaubte , sie habe geträumt . Von seinen Armen umschlossen , an seinem Busen sich wieder findend , verlöschte die Erinnerung des gehabten Schreckens und der erlittenen Schmerzen in ihrer Seele , die keinen Raum neben den Gefühlen hatte , welche seine vertrauliche Nähe ihr gab . Sie zog ihre Hand nicht aus der seinen . Mit der ganzen Kraft des neu erwachten Lebens , mit der vollen Gluth still entflammter Liebe , und mit der innigsten Dankbarkeit für das Entzücken , mit welchem er sie dem gefahrvollen Scheintod entrissen sah , blickte sie ihm ins Auge , und lächelte ihm zu , wie nur Seelige lächeln . Doch es war nicht Erwiederung ihrer liebenden Empfindung , die aus seinen Blicken strahlte - es war nur die aus ganz gewöhnlicher Gutmüthigkeit entspringende Freude , sie gerettet zu sehn , sie nicht als Leiche ihrer Mutter wiederbringen , und den herzzerschneidenden Vorwurf erwarten zu müssen , daß sein Verschulden ihr die Tochter raubte . Anders glaubte aber Erna sein Innerstes bewegt , weil das ihrige ihr der Maasstab war , nach dem sie es beurtheilte . Ihr schien es aufs tiefste ergriffen - ein süßer Wahn überredete sie , daß sie seine Gesinnung eben so durchschauete , wie die ihrige rein und offen vor ihm lag , und in ihrer kindlichen Unerfahrenheit ahnete sie nicht , daß selbst ihre forschendsten Blicke wie von einem ehernen Schilde von der undurchdringlichen Rinde abprallten ,