und Müßiggang ist des Teufels Ruhebank . Das Geld eurer Väter ist verzehrt , und ihre Sonntagsröcke traget ihr mit Löchern in den Aermeln . Habet ihr ein paar Kreuzer im Sack , trinket ihr lustig , und Weib und Kind daheim hungern . Was soll daraus werden ? - Ich frage die Vorgesetzten ! Wo ist das Vermögen der Gemeinde , und wie habt ihr hausgehalten mit der Hinterlassenschaft unserer Vorfahren ? Warum leget ihr keine treue Rechnung ab , und gebet nicht aufrichtigen Rath , wie zu helfen sei ? Warum schmauset ihr lieber auf Gemeindsunkosten , statt der Gemeinde Gut zu sparen ? Warum verschließet ihr nicht die Wirthshäuser , und öffnet dafür Abzugsgraben für das Wasser im versumpften Gemeindswald oder bessert unsere halsbrechenden Dorfwege ans ? Warum machet ihr ' s den Leuten so leicht , wenn sie Geld borgen wollen , und machet es ihnen so schwer , wenn sie sich vor dem Bettelstab retten möchten ? « Wie Oswald so redete , schrien einige der Vorgesetzten : » Schweig , du Landstreicher und Taugenichts , oder wir schicken dich bei Wasser und Brod in den Thurm , achtundvierzig Stunden lang ! « - Und die ganze Gemeinde brüllte : » Schweig ! Schweig ! « Aber Oswald erwiderte : » Ihr habet Macht , mich in den Thurm zu werfen ; aber ich habe Macht , euch vor die hohe Landesregierung zu rufen . Wenn ich da eure Wirthschaft aufdecke , wird euch übler zu Muth sein , als mir bei Wasser und Brod ist . Ihr alle aber , Mitbürger , beweiset mir , daß ich falsch rede , oder lästere . Fraget eure Gewissen , ob das Gemeindegut vermehrt oder verheert ist ? Fraget eure Gewissen , ob ihr reicher oder ärmer geworden seid ; ob Treu und Glauben noch unter uns gelten ; ob Gottesfurcht und Menschenliebe unter uns herrschen , oder hartherziger Eigennutz , Wucher , Lüderlichkeit , Hinterlist , Tücke , Meineid und falsches Wesen ? Und wenn euer Gewissen keine Zunge hat , so schauet eure zerfallenen Häuser und Ställe , eure verwilderten Felder und Gärten , eure leeren Geldbeutel und Truhen , eure zerrissenen Kleider und Hemden an ; die sind meine Zeugen wider euch . Schauet eure armen verwahrlosten Kinder an , sie sind meine Zeugen wider euch . Ihr habet mehr Sorgfalt für eure Kühe , Säue und Ziegen , als für eure Kinder ; und Kühe , Säue und Ziegen sind euch nicht so lieb , als euch Schwelgerei und Spiel , Fraß und Sauf sind . « Oswald wollte noch mehr sagen ; aber sie stießen ihn mit mörderischem Gebrüll vom Stein , und ließen ihn nicht mehr reden . Einige wollten die Hand an ihn legen ; aber er ergriff sie mit gewaltiger Faust und schleuderte sie gegen die Andern , daß sie mit den Köpfen zusammenschlugen . Er nahm einen gewaltigen Stecken , und drohte den Ersten zu Boden zu schlagen , der sich ihm nähern würde . Das Geschrei gegen ihn ward immer lauter und wilder . Einige hoben Steine auf . Oswald ging beherzt mit geschwungenem Prügel gegen den dicken Haufen , und mitten durch denselben nach Hause . Er wusch sich , verband seine verwundete Stirn und war ruhig . Da kam , blaß wie der Tod , mit verweinten Augen Elsbeth und fragte : » Oswald , wie geht ' s dir ? « Und sie konnte vor Wehmuth nichts mehr sagen , und er tröstete sie und drückte sie gerührt an sein Herz . 5. Wie Oswald von seinen Feinden verfolgt wird , und was er dagegen thut . Oswald hatte seit dem Tage , da er an die Gemeinde geredet , eitel Verdruß und Noth . Böse Buben warfen ihm Nachts die Fenster mit Steinen ein . In einer andern Nacht hatten sie ihm sechs junge Obstbäume abgebrochen , die er im Garten gepflanzt hatte . In einer andern Nacht hatten sie ihm den Salat von den Beeten gestohlen . Als er zu den Vorgesetzten ging und Klage führte , lachten sie höhnisch und sprachen : » Du hättest wohl mehr Strafe verdient , wenn wir mit dir nach aller Strenge verfahren wollten . Packe dich von hinnen , du Lästermaul ! « Oswald sagte : » Wenn ihr mir gegen Bösewichter weder Recht noch Schutz verleihen wollet , so machet in der Gemeinde bekannt , daß ich mich selber zu beschirmen wissen werde , und sich Jeder vor Schaden hüten solle . « Die Feinde aber fuhren fort , ihn zu plagen , doch nicht ohne ihren Schaden und Schrecken . Denn als er eines Abends in der Mühle war , und sie es wußten , und sich in seinen Garten schlichen , um ihm alles zu zerstören , geschahen plötzlich aus den Fenstern seines Hauses zwei Schüsse . Da liefen sie mit Entsetzen davon und meinten , er müsse den bösen Geist im Hause zum Wächter haben . Denn während sie noch liefen , begegnete ihnen Oswald , der von der Mühle kam , und er packte einen von ihnen und sprach mit donnernder Stimme : » Warum habt ihr , wie Diebe , in meinem Garten einbrechen wollen ? « Doch that er ihnen nichts zu leide . Ein andermal , da schlechte Kerls ihm einen Possen spielen wollten , und nach Mitternacht , vom Branntwein erhitzt , über den Hag stiegen , der sein kleines Gut umfing , wurden sie an den Füßen blutig verwundet , daß sie vor Schmerzen laut aufschrien , und kaum über den Hag zurück konnten . Diese und andere Geschichten verbreiteten im Dorfe große Furcht , und es wagte sich Keiner mehr des Nachts in die Gegend von Oswalds Haus . Er aber blieb freundlich gegen Jedermann , wie zuvor ; gab dem Einen guten Rath , dem Andern in der Noth ein Stück Geld . Doch that ihm der elende Zustand der Gemeinde leid , und er begab sich eines Tages zum Pfarrer und klagte es . Der Pfarrer sprach : » Ich bin Pfarrer , und habe hier nicht zu befehlen , und kann mich in eure Händel nicht mischen . Alles Unglück dieses Dorfes kommt daher , daß die Leute im Schlamm und Unflath der Sünden untergehen . Sie fragen dem Worte Gottes nichts nach , und verkürzen aller Orten das Einkommen meiner Pfründe . Es wird aber ein schweres Zorngericht des Herrn über sie kommen , und die Langmuth des Himmels nicht länger ihren Sünden nachschauen . « Oswald sagte : » Herr Pfarrer , mit Erlaubniß , Ihr könnet doch , wenn ihr wollet , Vieles zur Rettung der Gemeinde thun . Denn das Herz dieser Menschen ist verwildert , weil ihr Verstand verfinstert ist . Wenn Ihr Euch der Schule annehmen und die Jugend in guten Sitten und im christlichen Lebenswandel unterrichten wolltet , daß sie die Tugend lieben und das Laster scheuen lernte : es würden die guten Früchte der Besserung nicht ausbleiben . « Der Pfarrer antwortete : » Dafür ist der Schulmeister und nicht der Pfarrer . Ich habe bei der Menge meiner wichtigen Amtsgeschäfte keine Zeit dazu übrig . Die Gemeinde selbst ist Schuld , daß sie keinen rechten Schulmeister haben kann , weil sie ihn schlecht besoldet . « Oswald sagte : » Wohlehrwürdiger Herr Pfarrer , ein guter Hirt , der seine Heerde wohl weidet , bekümmert sich auch um jedes Einzelne in derselben . Die Leute sind unwissend , und verderbe oft bloß aus Unverstand , weil sie nicht wissen , wie sich helfen und ihre Sachen einrichten ? Wenn Ihr nun bald zu dieser , bald zu jener Haushaltung in müßigen Stunden ginget , und sähet die Unvernunft der armen Leute , die oft nur zu Grunde gehen , weil sie sich nicht recht zu rathen wissen ; - - sähet , wie sich die armen Menschen nach und nach an ihr Verderben gewöhnen , bis sie von Haus und Hof getrieben werden ; - sähet , wie die Kinder , erbärmlich verwahrloset , unmöglich besser werden können , weil sie nur das Schlechteste auf der Welt hören und sehen ; - o , Herr Pfarrer , wenn Ihr nun einmal ... « Der Pfarrer unterbrach den Oswald in seiner Rede und schrie : » Was ficht Euch an ? Wollet Ihr dem Pfarrer gute Lehren geben und Unterricht , was er als Pfarrer zu thun habe ? Hebet Euch weg von mir mit Euern Versuchungen . Ich bin ein geistlicher Hirt , der für die armen Seelen sorgt , und bete täglich für sie . Aber Ihr wollet mich , glaube ich , zum Säutreiber machen . « Als der Herr Pfarrer so zornig sprach , ging Oswald von dannen und sein Herz war sehr betrübt . Aber er konnte doch nicht ruhen , und dachte : es muß und soll geholfen werden , und Gott wird mir beistehen . Und er legte Feierkleider an , nahm den Stab , und wanderte in die Hauptstadt des Landes . Da ging er umher zu den obersten Staatsbeamten , von Haus zu Haus , sein schweres Anliegen vorzubringen . Aber der eine von den Herren hatte ein großes Gastmahl und konnte ihn nicht hören ; der andere war spazieren gefahren und konnte ihn nicht hören ; der dritte saß eben beim Spieltisch mit den Karten in der Hand und konnte ihn nicht hören ; der vierte zählte die eingegangenen Zinsen und konnte ihn nicht hören ; der fünfte führte ein junges Frauenzimmer zum Tanzhaus und konnte ihn nicht hören . Endlich kam er zu dem letzten , der hörte ihn an . Es war ein steinalter Mann mit einer weißen Haarbeutelperrücke . Vor diesem schüttete Oswald sein Herz aus , sprach vom Elend seines Dorfes , von der Schlechtigkeit der Vorgesetzten , von der Gleichgültigkeit des Pfarrers , von der Unwissenheit des Schulmeisters . Darauf antwortete der alte Herr in der Haarbeutelperrücke ganz freundlich und sprach zu ihm : » Du Flegel , der du geistliche und weltliche Obrigkeit verlästerst , packe dich und raisonnire nicht weiter , oder ich lasse dich ins Zuchthaus bringen . Euer Herr Pfarrer ist ein vortrefflicher Mann , denn er ist mein eigener Vetter . « Mit diesem Bescheid verließ Oswald die Hauptstadt . Als er wieder außer dem Stadtthor in die freie Luft kam , brach ihm das Herz , und er weinte laut . 6. Der neuerwählte Schulmeister . Als er am Nachmittag in das Dorf zurückkam , ließ er keinen Menschen wissen , warum er in die Hauptstadt des Landes gereiset , und wie es ihm da ergangen sei . Vielmehr stellte er sich wohlvergnügt und redete Jedermann freundlich an , selbst seinen ärgsten Feind , den Löwenwirth Brenzel , welcher im Dorfe der reichste Mann , und im Gemeinderath der Vornehmste war . Der stand breitbeinig vor der Hausthür , die Kappe schief auf dem Ohr , die Hände über den Bauch gefaltet , und schaute gar gebieterisch rechts und links . » Guten Abend , Herr Brenzel ! « rief ihm Oswald zu : » Habt Ihr schon Feierabend ? « Brenzel nickte vornehm mit dem Kopfe und sprach , ohne den Oswald anzusehen : » Ich verdiene meinen Taglohn , wenn ich mit der Hundspeitsche daheim bleibe und die Bettler von meinem Hause treibe . « Wie Oswald diese unchristliche Rede von einem Vorsteher der Gemeinde hörte , welcher ein Vater der Armen , der Wittwen und Waisen sein sollte , lief es ihm heiß und kalt über die Haut , und er verdoppelte seine Schritte , um davon zu kommen . Desto mehr erquickte ihn , da er an der Mühle vorüberging und er Elsbeth sah , die schöne Tochter des Müllers Siegfried . Sie saß auf der Bank vor dem Hause im spielenden Schatten eines jungen Kirschbaumes und nähte neue Hemden . Und sie ward feuerroth , wie sie den Oswald erblickte , reichte ihm die Hand zitternd , lächelte ihn holdselig an , und ihre Augen glänzten von Thränen . » Warum weinest du Elsbeth ? « fragte Oswald erschrocken . Elsbeth wischte sich schnell die Augen , lächelte noch freundlicher und sagte , indem sie den Kopf schüttelte : » Heute sag ' ich dir ' s nicht , lieber Oswald , du sollst es schon einmal erfahren . « - Sie schien ihm schöner und zärtlicher , als er sie je gesehen . Aber wie viel er auch fragen mochte , er erfuhr nicht , warum sie geweint habe . Darauf fragte ihn Elsbeth : » Du aber bist in der Hauptstadt gewesen . Gelt , da hast du dir ein paar lustige Tage gemacht , wohl gar mit den schönen Stadtjungfern getanzt ? Wie ? - Oswald , du seufzest ? Ei , ei , Oswald , das will mir nicht gefallen . Nun hast du Heimweh zur Stadt , und in unserm armen Dörflein ist es dir nicht mehr schön genug . « So sprach sie , und er schlug traurig die Augen nieder , ohne zu antworten . Da trat sie näher , nahm seine Hand in die ihrige , und sagte wieder , mit einer zitternden Stimme , die man kaum hörte : » Oswald , lieber Oswald , was fehlt dir ! Sage mir auch ehrlich : was quält dich ? « » Kind ! « rief Oswald und schlug die Augen gen Himmel auf : » Gott weiß es , ich könnte glücklich sein , und ich bin es , und in der Welt nirgends mehr , als bei dir , denn du bist herzgut . Aber mich jammern die Menschen , denn ich kenne ihrer so viele , und die meisten sind herzschlecht . Sieh nur an das Elend der Leute in unserm armen Goldenthal . Es würde doch so wenig kosten , sie wieder zu erretten . Aber man macht die armen Leute , Gott erbarm ' s , zum Vieh , und den hartherzigen Reichen ist das eben recht . Die Ortsvorsteher haben ihre Stellen nur , um ihren Hochmuth zu kitzeln , und gewaltig zu sein , und sich allerlei Vortheil zu machen . Sie betrügen die Waisen , und plündern die Wittwen , und haben kein Gefühl und kein Gewissen . So wird es im Dorfe immer schlechter , die Noth der meisten Haushaltungen immer größer , und Keiner hilft . Wir haben eine Regierung - Gott sei ' s geklagt ! Die Herren wollen nur regieren , um zu stolziren und sich Vortheile zu machen ; aber des Volkes Noth aus dem Grunde zu heilen , das hält Keiner für seine Pflicht und Schuldigkeit . Es ist bei Allen nur auf Großthuerei , Lustbarkeit und Geld abgesehen . Da wollen sie nur ihre Familien bereichern , ihren Söhnen und Vettern aufhelfen ; da wäscht eine Hand die andere , da hackt ein Rabe dem andern die Augen nicht aus , und das Land wird immer elender ; und das kümmert die Herren nicht . Sie lassen sich noch dazu für ihre Weisheit und große Gnade loben , so niederträchtig und schamlos sind sie . « Elsbeth sagte : » Ach , Oswald , herzlieber Oswald , warum grämt dich doch das ? Es ist ein gerechter Gott im Himmel , der wird die richten , die ihre Pflichten verachten . Du bist ja unschuldig an dem Elende des Volkes . Warum grämst du dich doch ? « Oswald sagte : » Kann mir denn wohl sein in der Hölle , wo ich die Abscheulichkeit der Teufel und die Pein der armen Seelen sehen soll ? So kann mir auch nicht wohl sein auf Erden , wo ich die Schändlichkeit der Herren in den Städten , und die Schändlichkeit unserer groben , stolzen Dorfkönige sehe , die das arme Volk noch tiefer in den Koth und Staub niedertreten , statt es hervorzuziehen , wie ihre Schuldigkeit wäre . Wenn dann die Unglücklichen aus Verzweiflung zuletzt Verbrecher werden , betrügen und stehlen oder gar morden , läßt man sie recht rührend und feierlich hinrichten ; oder wenn sie sich aus ihren Kindern weniger als aus ihrem Vieh machen , lacht man recht vornehm dazu . Ist das nicht ein Vorspiel der Hölle ? Und sind nicht unsere meisten Goldenthaler durch ihre Armuth fast dem Vieh gleich geworden , roh , ekelhaft , grob , unreinlich , gefühllos ? Und sind sie nicht durch die Laster der Armuth noch schlechter als das Vieh geworden , nämlich zänkisch , schlägerisch , verleumderisch , schadenfroh , diebisch , träg , nur aufgelegt zum Fressen und Saufen ? « Elsbeth sagte : » Der alte Schulmeister hat auch vom Saufen den Lohn davon . Vorgestern Nachts kam er betrunken vom Adlerwirth und zu nahe an den Weiher , stürzte ins Wasser und ertrank . Gestern Morgens fand man ihn . Heut ist er begraben . Zum Glück hat er nicht Weib noch Kind . « Diese Nachricht hörte Oswald nicht ohne Bestürzung . Er fragte noch dies und das . Er schien etwas Wichtiges zu überlegen , und ging gedankenvoll nach Hause . Elsbeth begriff nicht , was ihm so plötzlich durch den Kopf geflogen war . Aber sie erfuhr es am nächsten Sonntag . Da wurde die Gemeinde nach vollendetem Gottesdienst zusammenberufen , weil es um die Erwählung eines neuen Schulmeisters zu thun war . Oswald ging auch an die Gemeinde . Elsbeth stand in der Ferne bei den Weibern und Töchtern . Sie hatte große Angst , daß Oswald reden werde , was den Leuten mißfallen könnte , und darum ihren Vater gebeten , den Oswald , wenn er aufbrause , zu besänftigen . Auch kam der Müller Siegfried dem Oswald nicht von der Seite . Der erste Vorsteher , Herr Brenzel , eröffnete der Gemeinde , um was es zu thun sei , und sagte : » Weil der Schulmeisterdienst erledigt und ein geringer Dienst mit vieler Mühe sei , indem die Besoldung nur aus vierzig Gulden bestehe , sei es ein Glück , daß er der Gemeinde einen wackern Mann vorschlagen könne , der das Amt annehmen wolle . Das sei der Schneider Specht , dessen Profession schlecht ginge , und der ihm mütterlicher Seits etwas verwandt wäre . « Darauf schlug der Adlerwirth Kreidemann , als zweiter Vorsteher , seinen armen Vetter , den lahmen Geiger Schluck vor , der um so eher Vorzüge verdiene , weil er , statt vierzig Gulden zu nehmen , wegen Dürftigkeit der Gemeinde mit fünfunddreißig zufrieden sein wolle . Der Schneider Specht , als er sah , daß sich die meisten Bauern für den Geiger erklären würden , sagte demselben alle Sünd ' und Schande , und erbot sich , mit dreißig Gulden zufrieden zu sein . Der Geiger ward darüber so erboset , daß er den Specht einen Dieb und Ehebrecher und meineidigen Schelm hieß , und sich für fünfundzwanzig Gulden zum Schulmeister antrug . Der Schneider erklärte , den Geiger wegen seiner Schimpfreden vor Gericht zu ziehen ; aber um so geringen Lohn wolle er nicht schulmeistern . Da sich nun weiter zu dem Dienst Niemand meldete , weil sich kein Ehrenmann zu einer Stelle hergab , die von jeher verachtet und nur von Leuten gesucht war , die sonst nichts hatten , so war die Gemeinde schon entschlossen , sie dem Schluck , als einen Nebenverdienst , zu geben . Denn dieser konnte doch nothdürftig schreiben und lesen . Aber nun drängte sich Oswald hervor , ward blaß und roth im Gesicht und rief : » Dem Küh- und Säuhirten , der euer Vieh auf die Weide treibt , gebet ihr bessern Lohn , als dem Schulmeister , der eure Söhne und Töchter in Gottesfurcht und nützlichen Dingen unterrichten soll ! Eure Kinder sind Menschen , geschaffen , ein Ebenbild Gottes zu sein , aber nicht euer Vieh . Schämet ihr euch nicht der Sünde , die Ihr thut ? - Aber ich weiß gar wohl , der Gemeindsseckel ist immer leer , wenn für das Nützlichste gesorgt werden soll , und Schulgeld können die armen Leute nicht zahlen , die kaum Erdäpfel und Brod und Salz haben . So will ich denn ein Uebriges thun , und ich biete euch an , Schulmeister zu werden , und verlange gar keinen Lohn . Ich sage noch einmal , ich will Schulmeister sein , es soll weder der Gemeinde noch den Haushaltungen einen Kreuzer kosten ! « Die Leute sahen sich einander verwundert an und den Oswald . Einige wollten ihn nicht haben und sagten , er könne oder wolle die armen Seelen der Kinder vielleicht dem Teufel verkaufen . Aber die Meisten bedachten , daß kein Anderer den Dienst so wohlfeil übernähme , und lärmten und schrieen , Oswald solle Schulmeister sein . Also wurden die Stimmen abgehört und Oswald wurde zum Schulmeister erwählt . Als dies Elsbeth hörte , wollte sie vor Scham und Bestürzung in die Erde sinken . Denn im Dorfe war , außer dem Dorfwächter und dem Säuhirten , Keiner geringer gehalten , als der Schulmeister . Sie rannte ganz außer sich zur Mühle , als wäre ihr das größte Unglück und die bitterste Schmach widerfahren . Auch der ehrliche Müller Siegfried schüttelte ärgerlich den Kopf und sagte : » Ich glaube , der Oswald ist im Kopfe verrückt . « Jedoch Oswald blieb bei seinem Entschluß . So ward er von dem Gemeinderath nach Vorschrift der obrigkeitlichen Schulpflege in Vorschlag gebracht . Er mußte sich in der Stadt prüfen lassen , und weil er eine zierliche Hand schrieb , im Rechnen mehr verstand , als für Bauern nöthig zu sein schien , ward er förmlich bestätiget . 7. Wie Oswald Schule hält . » Elsbeth , Elsbeth , quäle mich nicht mit deiner Unzufriedenheit und deinem niedergeschlagenen Wesen ! « sagte Oswald zu der betrübten Tochter Siegfrieds : » Siehe , die Alten sind verderbt und kaum zu bessern . Vielleicht kann ich unser armes Dorf wieder durch gute Erziehung der Kinder in Ansehen und Ehren bringen . Andern Weg gibt es nicht . Ein Dorfschulmeister ist freilich ein geringer und verachteter Mann ; aber wie tief hat sich doch unser Herr und Heiland erniedrigt , um die Menschen zu bessern , zu belehren und selig zu machen . Hätten wir auch verständige und gewissenhafte Regierungen , denen es weniger um ihre , als um des Volkes Wohlfahrt zu thun wäre , für die sie eigentlich da sind , so würden sie mehr Sorgfalt und Achtung für die Landschullehrer , als für die Professoren an den hohen Schulen beweisen . Aber so ist es einmal nicht in der verkehrten Welt ; Alles sieht und zieht nach oben , und versäumt , was unten ist . Darum wird es meistens oben zu schwer , und unten zu leicht , und viele Thronen stehen auf schwachen Füßen . « » Ach Oswald , Oswald ! « rief Elsbeth : » Du weißt nicht , wie übel du gethan hast ! « Sie sagte jedoch nicht warum . Inzwischen , sobald die Wintertage kamen , fing Oswald mit der Schule an . Den ersten Tag stellte er sich vor die Hausthüre und empfing daselbst die Schulkinder . Hatten sie kothige Schuhe , mußten sie dieselben erst mit Stroh rein fegen , und die Sohlen abkratzen am Eisen vor der Hausthüre , damit sie den saubern Fußboden des Zimmers nicht besudelten . Dann reichte er jedem zum Willkommen freundlich die Hand . Waren aber die Hände unreinlich , mußten sie erst zum Brunnen und Gesicht und Hände waschen . Waren ihre Haare nicht zierlich gekämmt , schickte er sie in ihre Häuser zurück , sich kämmen zu lassen . Die aber , welche reinlich und wohlgekämmt erschienen , küßte er freundlich auf die Stirn . Die Buben und Mägdlein wunderten sich sehr ; einige schämten sich , andere lachten , noch andere weinten . So etwas war ihnen nie widerfahren . Den zweiten und dritten Tag stand Oswald wieder vor der Hausthüre , und so noch manchen Tag , bis alle so säuberlich zur Schule kamen , wie er es befohlen hatte . Nachher empfing er sie im Schulzimmer . Wer dann mit unreinlichem Haare und Gesicht oder unsaubern Händen und Schuhen kam , ward zum Gelächter Aller auf einen Tritt zur Schau gestellt , und nachdem er eine Stunde da gestanden war , heimgeschickt , um sich reinigen zu lassen . Viele Leute im Dorfe verdroß das ; allein sie hatten in der Schule nichts zu befehlen , und mußten geschehen lassen , wie es Oswald wollte . So kam es , daß in wenigen Wochen die Schulkinder , groß und klein , arm und reich , alle äußerst reinlich am Leibe wurden , wenigstens so lange sie beim Schulmeister waren . Oswald ließ es aber dabei nicht bewenden . Nachdem die Kinder ein Vierteljahr lang zur Ordnung gewohnt waren , gab er auf die Reinlichkeit der Kleider Acht . Schmutz , Staub und Koth durften nicht daran haften , wenn auch die Kleider alt und zerrissen waren . Letzteres verzieh er ; das war nicht der Kinder Schuld . Wer die ganze Woche am reinlichsten erschienen war , sowohl in der Schule , als außer derselben , im Dorfe , auf den Gassen , in der Kirche , auf den Feldern , ward sein Liebling . Dem gab er die erste Woche ein Bild , oder ein Stücklein Seidenband , oder einen Bogen feines Papier zum Briefschreiben ; die andere Woche abermals ein kleines Denkzeichen seiner Freundschaft ; zuletzt öffentlich vor Allen einen Kuß auf den Mund , und das geküßte Kind empfing das Recht , am Sonntag mit Oswald spazieren zu gehen , oder wenn es schneite und unfreundliches Wetter war , bei ihm zu sein und sein großes Bilderbuch zu besehen , aus welchem Oswald schöne Geschichten zu erzählen wußte . Oswald war ein Mann , der sich auch bei Erwachsenen in Ansehen zu setzen wußte , der zwar nie schwor und fluchte , aber keinen fürchtete ; kein Wunder , daß alle Kinder Hochachtung für ihn empfanden , und ihn zuletzt fast mehr lieb hatten , als sie ihre Aeltern liebten . Da hätte man sehen sollen , wie ihm alle mit Ehrfurcht schmeichelten ; wie freundlich sie zu ihm liefen , wenn er ihnen begegnete ; wie sie ihm seine Wünsche aus den Augen zu lesen suchten ; wie ein Wink genug war zum freudigen Gehorsam . Das war den Bauern in Goldenthal ganz unbegreiflich , um so mehr , da dieser Schulmeister sich weder des Haselstockes , noch der Birkenruthe bediente . Manche Leute wurden ängstlich und erzählten sich die Historie von einem Ratzenfänger zu Hameln , der auch die Kinder an sich zu locken gewußt , und endlich alle in die Höhle eines Berges geführt habe , wo sie mit ihm verschwunden seien . Einige alte Bauernweiber sagten öffentlich , das ginge nicht mit rechten Dingen zu , und riethen , man solle keine Kinder mehr zum Schulmeister lassen . Doch dazu kam es nicht . Oswald aber redete und sprach : » Reinheit des Herzens ist die Gesundheit der Seele ; Reinlichkeit des Leibes ist die Gesundheit des Körpers . Die Thiere mögen sich wälzen im Koth , aber der Mensch als Gottes Ebenbild , soll sich rein erheben zum reinen Himmel . Solches muß der Anfang aller Kinderzucht sein , daß die Kindlein wissen , sie seien Menschen und viel besser als Thiere . Dann ist aus ihnen Alles zu machen ; aus den Thieren läßt sich nichts machen . « Ferner redete Oswald und sprach : » Ein Schulmeister , welcher nicht einmal versteht , die zarten Kinderherzen durch Ernst und Liebe zu leiten , daß sie ihm willig folgen , der versteht sein Handwerk schlecht . Und man sollte billig den Stock auf des Schulmeisters Rücken zerschlagen , womit er die Kinder züchtigt , als hätte er Affen , Hunde und andere Thiere abzurichten , die keine Vernunft und kein menschliches Herz haben . « 8. Was ferner in der Schule vorgeht . Es ging aber ein Geschrei im Dorfe , der Oswald verführe die Kinder , und bringe ihnen eine neue Religion bei , und die Kinder können nichts bei ihm lernen . Denn es sei erschrecklich anzusehen , wie die Kinder alltäglich daran treiben , um in die Schule zu kommen , da doch sonst die Jugend nicht gern mit dem Schulgehen zu thun hat ; das sei wider die Natur . Desgleichen sei es den ganzen Tag in dem Schulhause todtenstill , wie in einer Kirche , wo man sonst Lärmen und Geschrei der Lernenden weit hinaus über das Dorf seit Menschengedenken gehört habe ; selbst in den Singstunden töne es nur wie Bienengesumse . Ferner vernehme man , daß beim Gebet ärgerliche Neuerungen vorfallen , und daß die Kinder zur Hexerei angeleitet würden , wozu sie schon die verdächtigsten Zeichen malen lernten . Diese und andere Reden gelangten endlich selbst vor die Ohren des Herrn Pfarrers und der hochobrigkeitlichen Schulräthe in der Stadt . Und weil in der That Niemand wußte und begriff , was der Oswald treibe , ward zur Untersuchung und Abhülfe der Beschweren eine Kommission abgeordnet , die aus zwei Herren von der Stadt und dem Herrn Pfarrer bestand . Diese traten eines Morgens unerwartet , ehe die Schule angefangen war , zum Oswald und sagten , was ihr Auftrag sei , und er solle in ihrer Gegenwart lehren , wie er gewöhnlich thue . Da nun die Kinder einzeln ankamen , war auch in armen und zerrissenen Kleidern Sauberkeit und Ordnung lieblich zu schauen , und wie alle erst zum Schulmeister gingen , ihm die Hand küßten , dann sich still zu ihren Sitzen begaben , wo sie fröhlich mit einander flüsterten und auf die