am Webstuhl ausgeharrt , oder daß ich gar nicht gelebt hätte . Wer weiß , wem der Schädel gehört , der bei dem Kinde liegt , er trägt eine schwere Narbe , wie ein Fenster , durch welches der Geist zum Himmel geflogen , vielleicht habe ich ihm die geschlagen . Ich mußte meinen Herren folgen auf den Fehden und sie fragten mich nicht , ob sie ein Recht hätten zum Blutvergießen , es hieß nur : hier gilt ' s , hier mußt du vor , Martin . Es sind jetzt noch keine sechs Monat , da focht ich mit einem jungen Ritter , er wehrte sich entsetzlich , da fiel ihm der Helm ab , ich hatte ihm die Schienen durchhauen , und mein Schwert drang tief in sein Haupt , er war schön wie eine Jungfrau , meinen Hals hätte ich abschlagen lassen , um ihn zu heilen , aber der Tod läßt sich nicht wieder gut machen . Ich sagte den Kronenwächtern mit Abscheu meinen Dienst auf , sie ließen mich ziehen . Das Kind gleicht dem Ritter , sie haben ' s mir geschickt . Berthold , zieh es zum Frieden auf , es soll für mich beten . « Berthold sah verlegen nieder , es war ihm , als ob ein anderer , als Martin , mit ihm rede , so weich hatte er ihn nie gekannt , er sah nach dem Schädel und wies auf etwas Blinkendes , das darin steckte . - MARTIN : » Wird wohl ein Splitter von meinem schartigen Doppelschwerte sein , oder ein Helmring , laß es stecken , so etwas , das einem Menschen den Tod brachte , muß vergraben sein , ich werd ' s auch bald sein : Wenn einst andere Leute so in meinen Schädel hinein sehen , was werden sie darin lesen ? « Zweite Geschichte Die Chronik der Stadt Die Nacht verging unbemerkt in mancher Besorgung für das Kind , am Morgen bemerkte erst Frau Hildegard eine feine Schrift auf dem Kasten , der das Kind geborgen , und Berthold las da den biblischen Spruch auf das Kind angewendet : » Gehet hin und taufet ihn im Namen des Vaters . « Frau Hildegard erschrak , daß dies wohl sechs Monat alte Kind noch nicht getauft sei , und Berthold nahm es eilig mit dem Bette in seinen Mantel , da Martin von seinem Wachtposten nicht abkommen konnte . Erst lief er zum Bürgermeister und berichtete ihm den seltsamen Vorgang , indem er zugleich den zierlich mit blauer und roter Tinte geschriebenen Neujahrwunsch abgab . Der Bürgermeister war in sehr gnädiger Stimmung , dankte freundlich und sagte , daß er dieses Kind wohl zu sich nehmen würde , wenn er verheiratet wäre , jetzt könne es aber seinem Rufe bei den Eltern seiner Braut schaden , übrigens werde wohl zuweilen aus der Armenkasse etwas für das Kind zu erübrigen sein und man müsse inzwischen nachforschen , wer des Kindes Eltern wären . Das alles hatte der Schreiber sich längst selbst bedacht , nahm es aber doch wie hohe Weisheit an und entfernte sich demütig . Aber die Frühmesse war inzwischen schon längst zu Ende gegangen , als er nach der Pfarrkirche kam . Der Geistliche trat eben hinaus , ihn fror sehr und er war nur mit Mühe zu überreden , die Taufe sogleich zu erteilen . In der Eile vergaß er , sich nach Vor- und Zunamen des Kindes zu erkundigen und fragte während der Handlung , wie es heißen sollte ! Berthold , der es auch nicht bedacht , antwortete Berthold , und weil der Pfarrer es für Bertholds Kind hielt , so taufte er es Berthold mit Vornamen und Berthold mit Zunamen , so daß es nun Berthold Berthold hieß , oder Berchtold Berchtold , wie andere den guten , alten Namen schreiben . Der Tag durchbrach siegend die Schneewolken , als Berthold im Turme das Kind aus dem warmen Mantel hob und sich in dessen hellen Augen sonnte . Die lahme Elster , die in der vorigen Nacht alles unter dem Bette verschlafen hatte , sprang zum Kinde mit Hildegard und Martin und rief zu ihm : » Berthold , Berthold . « - » Sie weiß es schon « , rief Berthold verwundert , » das haben ihr gewiß die Sperlinge gesagt , die in der Kirche herumflogen . « Martin aber ging ruhig zu seiner Arbeit an der neuen Lattenwand zurück und brummte vor sich : » Nenne ihn , wie du willst , er wird seinen rechten Namen doch erhalten , wenn seine Stunde schlägt , aber sieh hier , wie fleißig ich gewesen bin ; die Wand ist gleich fertig und nun schaffe Papier zum Überziehen . « » Auch dafür habe ich in der Schreibstube gesorgt « , antwortete Berthold , » sieh die schönen , großen Bogen , habe darauf in jungen Jahren , als ich noch mehr Freude am Schreiben hatte , die Chronik von unserm Städtlein geschrieben , der Knabe mag daran buchstabieren lernen . « - » Schade , daß wir ' s so zerreißen müssen « , sagte Martin , » habe oft darüber nachgedacht , wie die Leute auf den närrischen Einfall gekommen sind , sich hier niederzulassen , obgleich jedermann lieber in Augsburg wohnen möchte . « - » Ei « , sagte Berthold , » du denkst , das Glück hat immer auf dem Fleck wie jetzt gestanden , vielmehr rückt es immer von einem Platze zum andern , weil es nie sich festsetzen darf und des Stehens müde wird . Es gab eine Zeit , wo Augsburg kaum genannt wurde , und da stand hier eine Stadt , die auch niemand mehr zu nennen weiß , die war das Haupt von ganz Schwaben , zwei Meilen von hier nach Schorndorf soll noch ein Stück von unsrer alten Stadtmauer zu sehen sein , bei meinen Geschäften ist mir aber die Reise zu weit , um es zu besehen . « - » Und ich darf vom Turme gar nicht fort « , klagte Martin . » Tröste dich mit mir « , meinte Hildegard , » ich dürfte wohl herunter , aber bei meinem Schwindel darf ich die Windeltreppe nicht ansehen , sonst gehet alles mit mir um , da sagen denn die bösen Leute in der Stadt , daß ich zu stark geworden sei , um die Treppe zu steigen ; wer weiß , ob solche Lügenreden nicht auch in die alten Geschichten gekommen sind , so daß kein Mensch jetzt mehr sagen kann , wo die Lüge aufhört und wo die Wahrheit anfängt . « - » Aber ich habe es geschrieben funden auf altem Pergament « , rief Berthold , » wer würde sich die Mühe geben , Lügen aufzuschreiben . In diesem Pergament fand ich auch , was hier steht , daß der Attila , Gottes Geißel getauft , diese Hauptstadt der alten schwäbischen Herzoge bis auf den Grund ausbrannte und daß wir entweder gar nicht lebten , oder doch keine Waiblinger wären , wenn nicht die Frau des Frankenkönigs Klodwig hier drei Hirsche mit ihrer Armbrust erlegt hätte . Seinem Weibe zu Ehren baute der Frankenkönig die Stadt , nannte sie von ihr Waiblingen , versteht ihr wohl , weil dort einem Weibe gelingt , was sonst kaum ein Mann leisten kann auf der Jagd . « - » Und davon kommen wohl die drei Hirschhörner in unserm Stadtwappen ? « fragte Martin . » Ein schlimmes Zeichen für uns Ehemänner « , fuhr er fort , » muß nur die Wand hier recht dicht und fest zukleben . « Berthold blätterte weiter und sagte » Du hast mir ein gut Stück Geschichte zugeklebt , da stehe ich schon beim Kaiser Konrad , der so viel auf die Treue seiner Waiblinger hielt , daß er es zum Feldgeschrei der Seinen gegen die verräterischen Welfen machte . Hier Waiblinger , hieß es , wo es hart herging , und mit dem Feldgeschrei siegte er über alle Feinde . Der hörnerne Siegfried war ihr Anführer , der seinem Herrn die starke Braut bezwungen hatte und dafür durch den tückischen Hagen sein Leben einbüßte ; nun von dem Märchen singen ja noch die Fiedler auf den Straßen , und es wäre wohl gut , daß sie etwas Neues lernten , denn es will ihnen niemand mehr zuhören . « - » Was haben mir die Italiener von Ghibellinen oder Wibellinen erzählt « , unterbrach ihn Martin , » sie schimpften sich noch so , obgleich keiner mehr wußte , was es bedeute , und da kommt all der Lärmen aus unserm Städtlein . « - » Ehre unsere Stadt alter Martin « , sagte Berthold , » denn sie hat viel mehr Auszeichnung genossen zur Zeit der schwäbischen Kaiser . Vor allem liebte sie der hochberühmte Friedrich Barbarossa , erbaute auch hier einen Palast , gleich dem von Gelnhausen . Ich habe ihn oft gesucht dort unter den Trümmern , aber ich konnte nicht ohne Aufsehen über das alte Mauerwerk klettern und die Leute hätten gemeint , ich sei auch so ein Schatzgräber , die immer noch bei den alten Häusern , welche die große Feuersbrunst einstürzte , nach Gold suchen und Kohlen finden . Die Beschreibung von dem Schlosse ist gar sehr prächtig , es bestand aus einem Hauptgebäude und einem Seitenflügel zum Anschauen der Ritterspiele . Hinter demselben war ein seltsamer Garten von fremden Pflanzen . Alle Zimmer waren kostbar mit Teppichen und Waffen des Morgenlandes verziert , aber am reichsten die Kapelle zu Ehren der heiligen drei Könige , deren Leichen dort eine Nacht geruhet , als sie der Kaiser von Mailand nach Köln sendete , wo sie noch ruhen und große Wunder verrichten . In dem Hause hier sollen die Anhänger des schwäbischen Hauses noch lange Zeit ihre Zusammenkünfte gehalten haben , bis die große Feuersbrunst es mit aller Herrlichkeit gleich der ärmsten Hütte verzehrt hat . « - » so geht ' s auch Eurer saubern , schön gemalten Handschrift , habt sicher nicht gedacht , sie so zu verbrauchen , als Ihr Euch dem Schreiben unterzogen « , bemerkte hier Martin . » Ich erheiterte mich als Knabe « , erwiderte Berthold , » mit der gewissen Zuversicht , sie werde sich zum ewigen Andenken wie die alten Schenkbriefe der Stadt von einem Ratsschreiber zum andern vererben , aber der Bürgermeister warf sie neulich zornig dreinreißend vor die Türe , weil er etwas von den Seinen , die ich unter dem Namen nicht erkannt , darin gefunden , das ihm gar nicht lieb war , daß nämlich eine Jungfrau seines Geschlechts einen Löwen in unsrer Stadt geboren habe . Es hat sich damals ein Löwe hieher verlaufen gehabt , der viele Menschen würgte , bis diese Jungfrau ihm entgegentrat , der er geduldig den Kopf in den Schoß legte und sich von ihr mit gemeiner Kost abspeisen ließ . Da glaubten schon die Leute , sie sei eine Heilige , bald aber kam es heraus , daß sie sich ihm vermählt habe , als sie einen Löwen gebar , denn da zog der Alte mit seinem jungen Löwen fort , sie aber stürzte sich aus Gram in die Rems . « - » Sollte die Geschichte also doch wahr sein « , brummte Martin , » hab sie den Kronenwächtern nie glauben wollen , von dem Löwen stammten nachher viele Menschen , versteht Ihr mich , von ihren gelben , lockigen Haaren wurden sie Löwen genannt , auch von ihrer Stärke und königlichen Abkunft . Doch das stirbt hier unter uns , ich darf davon nicht reden , aber Ihr wißt doch von dem Feinde unsres Barbarossa , daß der Heinrich der Löwe hieß , kein Stamm geht unter , aber erst , wenn feindliche Stämme sich innerlich versöhnen und verbinden , wird der Friede kommen auf Erden . « - » Aber wie ist mir « , rief Hildegard , verließ das schlummernde Kind und trat ans Fenster , » es ist , als ob es schon wieder Nacht werden wollte . « - » Es wird eine Schneewolke sein « , meinte Berthold . » Nein , nein « , seufzte Martin , » ich sagte wieder ein Wort zu viel , das geht mir nicht ungestraft hin , seht nur , die Sonne verliert ihren Glanz , daß jeder sie anschauen kann , wie ein verweintes Auge . Der schwarze Star deckt sie immer mehr , die wird nicht wieder scheinen , seht wie die Vögel in den Tannen sich verstecken , auch unsre Elster geht schon unters Bette zum Schlafen , die Schatten der Bäume verschwinden vom Schneegrund , denn ein Schatten deckt alles , ich stehe vor der Sonne , daß sie nicht scheinen mag . Die Bürger laufen umher und wissen nicht , woher ihnen die Strafe kommt . Hört ihr ' s da unten , das brachte ich euch ! « - » Schweig Martin « , unterbrach ihn Berthold , » ich muß dir sonst den Mund zuhalten , mir ist nicht wohl in der Dunkelheit und die Bürger läuten der Sonne die Sterbeglocke , jetzt ist sie kaum noch einer Mondensichel zu vergleichen , die am Tage da oben stehen geblieben , aber wartet geduldig , um einen Menschen geht die Welt nicht unter . Aus meiner Chronik erinnere ich mich einer Sonnenfinsternis , die so dunkel gewesen , daß die Arbeiter der großen Wollenwebereien in Augsburg aus Angst zu den Ihren zu kommen , einander tot drängten und nachher war alle Not verschwunden , nur die nicht , die sie selbst in der Angst geschaffen hatten . « - » Ihr habt recht « , sagte Hildegard , » mir ist , als ginge die Sonne mitten am Himmel wieder auf , als wäre ihr Licht tausendfach schöner als je ; wie sich unsre Tauben erschwingen und Kreise um den Turm ziehen . « - » Die Bürger lachen ihrer Furcht « , fuhr Berthold fort , » schämst du dich nicht Martin ? « » Wär ' s mit der Scham abgetan und mit der Furcht « , sprach Martin in sich , » ich wollte mich fürchten und meiner Furcht mich schämen und den Spott der Kinder tragen ; mir aber ist es mehr als eine Sonnenfinsternis , was ich gesehen ; vergebens ziehen die Tauben ihre Kreise um mich her , sie können mich nicht schützen ! « Dritte Geschichte Der Palast des Barbarossa Die Ehe des Turmwächters Martin blieb ohne Segen eigner Kinder , um so höher ehrten die beiden Eheleute den kleinen Berthold und Frau Hildegard hatte eigentlich keinen Augenblick , wo sie ihn vergaß . Selbst im Schlafe reichte sie ihm noch die Hand , daß er damit spielen und sie erwecken könnte , wenn er einmal früher aufwachen sollte . Die Elster war aber des Kleinen Gespielin , die ihm nie etwas zu leide tat , aber durch ihr Geschrei warnte , wo das Kind sich einer Gefahr aussetzte . Martin fand sich in seiner schwarzen Seelentiefe durch den Anblick des Knaben erhellt , schnitzte ihm Stöcke und Degen , so bunt der Kleine sie verlangte , und Berthold war eifrig beschäftigt , daß der Kleine früher als andere Kinder Buchstaben kennen lernte und bald auch buchstabierte . » Das wird ein Gelehrter « , sagte er mit Zuversicht und Martin lächelte , aber Berthold ließ sich dadurch nicht abbringen von seinem Unterrichte . Schon im siebenten Jahre schrieb der Kleine eine feste Hand , rechnete schon notdürftig und wäre in der Schule als ein Wunderkind aufgetreten , wenn er sie hätte besuchen dürfen . Aber Berthold setzte seinen Schreiberstolz darin , ihn allein weiter zu bringen , als die bequemen Geistlichen in der Stadtschule es mit allen Züchtigungen bei den Stadtkindern vermochten , und Frau Hildegard war es sehr zufrieden , weil er sonst Unarten und Ungeziefer mit annehmen könnte . Nur Martin schüttelte mit dem Kopfe und sagte , es werde der Junge zu nichts in der Welt taugen und die beste Zeit seines Lebens in dieser Einsamkeit verlieren , doch sah er ihn zu gern um sich , als daß er ihn mit Ernst entfernt hätte . Schon im zehnten Jahre wußte ihn Berthold mit schriftlichen Aufsätzen aller Art zu beschäftigen , indem er ihm einbildete , die Stadt habe ihn als Unterschreiber angenommen . Der Kleine arbeitete sich in alles mit einem Amtseifer hinein , daß Berthold schon im zwölften Jahre des Knaben ihn dem Bürgermeister zuführen konnte . Dem Bürgermeister gefiel seine gute Bildung , sein freundliches Auge , noch mehr seine Handschrift , in der er selbst dem alten Berthold überlegen war , so künstlich dieser die Anfänge der Kaufbriefe verzieren mochte . Der Bürgermeister strich ihm die langen gescheitelten , blonden Haare und versprach , ihn mit einem kleinen Gehalt zur Hülfe des alten Bertholds anzustellen . Der junge Berthold dankte , daß er ihn in seiner Stelle wolle fortbestehen lassen , und Berthold klärte mit Selbstzufriedenheit seine List auf , wie er dem Knaben durch eine eingebildete Anstellung Lust zur Arbeit gemacht habe . Dem Bürgermeister machte der Einfall viel Spaß , er erzählte ihn seiner Tochter Apollonia , die eben eintrat , ungefähr ein Jahr jünger als der junge Berthold , und seit dem Tode der Mutter des Vaters Augapfel , während der junge Berthold von tiefer Scham über seine Täuschung immer heißer erglühte und sich zuletzt des lauten Schluchzens und der Tränen nicht erwehren konnte . Der alte Berthold entschuldigte ihn mit einer ihm angebornen Blödigkeit und der Bürgermeister versprach ihm ein Kleid , wenn er etwas Altes ablegte , wo dann Jungfrau Apollonia an das grüne Tuch , welches vom Ratstische abgenommen war , erinnerte , das sich auf der linken Seite noch untadelig gefunden hätte . Der Bürgermeister schenkte es auf ihre Bitte dem Knaben , dem es zwischen den Arm von Apollonien geschoben wurde , die er dabei seitwärts durch die Tränen ganz freundlich ansah und sich dann mit dem Vater fortbewegte . Als der Vater den Knaben in die Ratsstube führte , ihm seinen Platz anwies und wie er die Schriften ordnen sollte , da mußte der Knabe wieder weinen . Als der Vater nach der Ursache fragte , antwortete der Knabe ; » Ich habe nun schon seit Jahren etwas zu tun vermeint , es war aber lauter Nichts und nur zu meiner Übung ; wenn nun das alles , was ich hier treiben soll , auch nur zu meiner Prüfung und an sich zu nichts dient ? « - » Vielleicht , lieber Sohn « , antwortete der Alte leise , » zuweilen überkommt mich so eine tiefere Einsicht und sie erschreckt mich nicht mehr wie sonst , du aber bist ein Kind , darum weine dich aus wie ein Kind , wirst immer noch früher wieder lachen als ich , wenn ich dich zum Schneidermeister Fingerling führe und dir das grüne Kleid anmessen lasse , was du mit deinem Schreiben dir verdienet hast . An dem Kleid magst du erkennen daß dennoch nichts vergebens ist , was der Mensch in gutem Willen tut . « Sie gingen zu Meister Fingerling und der kleine Berthold ward in der Werkstätte vom Meister nach allen Richtungen gemessen . Seltsam war es ihm , als er den Arm mußte heben und krümmen , wie er es sonst nie getan , er meinte in dem neuen Rocke künftig immer so stehen zu müssen . Während der Meister die Umrisse des Kleids auf das Tuch nach dem Maße kreidete und zuschnitt , sah der junge Berthold mit großer Aufmerksamkeit der Schere nach . » Ich sehe es wohl an deiner Neugierde « , sprach Fingerling , » daß du Lust zum Handwerk hast und daß du die spöttischen Reden der andern Gewerke über uns Schneider nicht achtest . « Der junge Berthold antwortete darauf : » Ich verstehe nichts von Eurem Gewerke , lieber Meister , aber unbarmherzig scheint es mir , wie Ihr mit der großen Schere das schön farbige Tuch zerfetzt , mir ist ' s , als zerschnittet Ihr mir die Haut , so lieb habe ich diese grüne Wiesenfläche ; ich hätte mir das Tuch bewahren sollen , statt es zerschneiden zu lassen , um das Geschenk der edlen Jungfrau mir auf immer zu bewahren . « - » Du mußt ein Tuchhändler werden « , sagte der fixfingrige Mann , ohne von der geheimnisvollen Bewegung seiner Schere aufzublicken , » wenn so ein Händler mit rechtem , eignen Wohlgefallen das Tuch aufrollt und mit der Hand sanft überfährt , als ob er des Käufers ganz vergessen , da gibt jeder einige Kreuzer mehr . Ich für mein Teil denke , das Tuch wird erst durch meinen Zuschnitt zu etwas , wie der Mensch durch die Erziehung , ja ich sehe dann schon im Geiste die goldne Ehrenkette in dem Wams verdienen und darauf prangen . « - » Ich würde lieber ein Tuchhändler « , sagte der junge Berthold und empfahl sich dem Meister mit besonderer Zuneigung Frau Hildegard ehrte den Knaben mit tausend Zärtlichkeiten und noch mehr Ermahnungen , als sie seine neue Würde vernahm , nur Martin schüttelte mit dem Kopfe und brummte vor sich : » Sie haben ihn ganz aufgegeben und vergessen . « Der junge Berthold wußte schon , daß er um solche Redensarten den alten Martin nicht befragen durfte , daher war auch alle Neugierde über dergleichen Äußerungen bei ihm verschwunden , er meinte , das gehöre so zu einem alten Kriegsmann , wie das Fluchen . Keiner verlor aber mehr bei dieser Änderung , als der Martin . Die Frau war jünger und konnte sich so nicht in seine Launen fügen , wenn sie ihn auch lieb hatte , und ihre Liebe selbst war doch nur seiner Anwartschaft zur Türmerstelle gewesen , was konnte da mit den Jahren viel übrig bleiben , außer der guten alltäglichen Gewohnheit , alles als gemeinschaftlich zu betrachten , ausgenommen das Herz und die Gedanken . Alle Morgen , wenn der junge Berthold vom Rathause kam , ging ihm Martin ungeduldig entgegen , sah ihn an und ließ sich berichten , was vorgefallen sei . Auf nichts mochte er sonst hören , jetzt hatte er mit dem Liebling wieder Auge und Ohr in die Welt gestreckt , und ärgerte sich an dem vielen Unrecht , was auf dem Rathause zur Sprache kam , und fluchte vom Jüngsten Tage . Der alte Berthold aber meinte » Das Gute bringen sie nicht zum Rathaus , so wenig sie ihr Brot auf die Straße werfen ; so wissen wir im Rathause nur von den Sünden , und auf der Straße nur von der Unreinlichkeit der Menschen . « Aber Martin wurde immer finsterer , seine Augen verdunkelten sich und es mochte wohl ein Jahr seit der Anstellung des jungen Berthold verflossen sein , als er einmal ungeduldig auf ihn wartete und endlich Frau Hildegard die Wacht anvertraute , um ihm entgegen zu gehen . Endlich kam der junge Berthold , aber nicht von der Seite des Rathauses , sondern von der Seite der wüsten Brandstätte . » Erst erkannte ich dich nicht « , rief ihm Martin entgegen , » ist mir doch jetzt beständig wie damals bei der Sonnenfinsternis , die Sonne hat einen Flecken und alles umher hat auch Flecken , nachdem ich hinein gesehen ; wie kannst du mich so lange warten lassen , ich bin so neugierig , wie sich der Streit wegen des alten Fundaments geendet hat , worauf der Nachbar übergebauet hatte . « Aber der junge Berthold hörte nicht auf ihn , sondern umarmte ihn voller Seligkeit und rief wiederholend : » Das Haus des Barbarossa ! « - » Was weißt du denn von dem ? « fragte Martin . » Hab ich nicht täglich davon an der Papierwand von Vater Bertholds Schlafkammer gelesen , habe ich nicht lesen gelernt an der Stelle , wo der Palast in der Chronik steht , und habe immer heimlich daran gedacht , daß ich ihn finden müßte , und heute habe ich ihn gefunden , als mir die alte lahme Elster beim Heimgehen entlief . O sie weiß nun alles , was ich denke , und so zeigte sie mir den Weg und ließ mich nahe kommen und hüpfte weiter , wenn ich ihr den Finger hinhielt , daß sie darauf springen sollte , und so kletterte ich ihr ärgerlich über drei Mauern nach - ohne mich umzusehen - da erst sah ich mich um , denn sie rief weit von mir , Berthold , Berthold , - und mit freudigem Erschrecken sahe ich mich von den mächtigen Überbleibseln eines wunderbaren Gebäudes umgeben , eine Reihe ritterlicher Steinbilder steht noch fest und würdig zwischen ausgebrannten Fenstern am Hauptgebäude , ich sahe auch das Seitengebäude , ich sahe im Hintergrunde einen seltsamen , dicht verwachsenen Garten und allerlei künstliche Malerei an der Mauer , die ihn umgibt , - das ist Barbarossas Palast . « - » So seltsam rufen sie die Ihren « , sagte Martin in sich , » so viel Tausende haben als Kinder unter diesen Mauern gespielt und keinem fiel dies Gebäude auf , keiner dachte des Barbarossa . « - » Es ist mein « , rief der Knabe , » ich will es aushauen , und will den Garten reinigen , ich weiß schon , wo die Mutter wohnen soll . Komm mit Vater , sieh es an ! Du wirst sie alle wieder kennen in den Steinbildern , unsre alten Herzoge und Kaiser , von denen du mir so viel erzählt hast . « Bei diesen Worten zog er den alten Martin über die Trümmer der wüsten Stadtseite fort und Martin folgte ihm willig , aber mit Mühe , denn in dem einsamen Wächtergange des Turms hatte er seine Sehnen zum Klettern allzu sehr erhärtet . Da stand er endlich atemlos in der grünen Wildnis vor den Steinbildern und rief : » Wie sie mit Epheu bewachsen sind und ich erkenne sie doch , sieh , das ist Barbarossa , es ist mir doch nie so wohl geworden wie an diesem Flecke , fänden wir nur die Kapelle der heiligen drei Könige ! « - » Ich war schon drin « , sagte der Knabe » aber ich kann die Türe nicht wieder finden , auch der Alte ist fort der mich hinführte , und je mehr ich sein gedenke , desto sonderbarer fällt es mir auf , daß er dem Steinbilde des Barbarossa ähnlich war . Seht , hier saß ich und staunte alles an , da klopfte er mir auf die Schulter , der Alte in dem seltsam prächtigen Mantel , vorn mit einem roten Steine zugeheftelt , und fragte mich , ob es mir wohlgefalle , dieses Haus in den Trümmern , er habe ein steinern Bild , wie es gewesen , im kleinen ausgeführt , das wolle er mir zeigen , so solle ich es aufbauen und ich würde viel Glück in dem Hause erleben und wenig würde mir von meinen Wünschen unerfüllt bleiben . « - » Und du hast es gesehn ? « fragte Martin , indem er den Knaben auf andre Art als je ansah . » Freilich « , antwortete der junge Berthold ; » und nimmer werde ich das kleine Steinbild vergessen , ich könnte es Euch hier auf dem Boden herzeichnen . Könnte ich nur die Türe wieder finden , wo er mich einführte , es ist als ob der Alte sie mit Schutt bedeckt hat . Hier war es , meine ich , da führte er mich in einen gewölbten Gang , an dessen Ende er eine metallne Türe öffnete . Wie erschrak ich , als wir da eintraten . Das ganze hochgewölbte Zimmer , von zwei hängenden Lampen erleuchtet schien mit Gold und Edelsteinen , wie andre Häuser mit Kalk überzogen , in der Mitte stand ein Sarg und darin lagen drei hochehrwürdige Männer mit Kronen und als ich den Sarg näher betrachtete , war es dies Haus , schön neu und vollendet und schien mir gewaltig groß , ob ich gleich drüber weg und hinein sehen konnte und als ich die alten Männer näher betrachtete , so sah ich , daß der mittlere dem Alten glich , der mich hinein führte . Ich sah mich um nach dem Alten , es war mir , als wäre er es selbst , der da lag mit Königen , aber er war fort , eine Angst füllte mein Herz , ich weiß nicht warum , ich floh aus der Kapelle , aus dem Garten über die Mauer und so fand ich Euch Vater Martin . « - » Warum flohst du dein bestes Glück , unglücklicher Knabe ? « rief Martin . » Aber so ist ' s mit dem Menschen , der bildet sich viel auf seine Natur ein und meint , seine Liebe und sein Haß , seine Furcht und Hoffnung müssen einen wahren Grund und Boden in der Welt haben . « Der Knabe sah den Alten an und verstand ihn nicht , sondern fuhr in seiner Rede fort : » Mir ist noch immer so bange , ich fürchte , der Alte ist ein Geist gewesen . « Martin fuhr eben so in seinen Gedanken fort : » Wir schaudern vor den Geistern und gehen doch lange schon als abgeschiedene Geister umher , wenn uns die Lebenden noch für mitlebend halten . Höre nicht auf mich , mein Sohn , ich bin hier so vergnügt , wie ich lange nicht gewesen und da schwatze ich mit mir selbst . Wie die Linden schön herduften , die den Garten schließen , mir ist nie so wohlgemut gewesen . Gott führt auf immer neuen Wegen zum Heil , unser Leben ist wie