. Er sah da , daß er sich in einem großen Schlosse befand . Unten lag ein schöner Garten ; alles war noch still , nur Vögel flatterten auf den einsamen kühlen Gängen , der Morgen war überaus heiter . Der Knabe an dem Bette war indes auch aufgewacht . » Gott sei Dank ! « rief er aus Herzensgrunde , als er die Augen aufschlug und den Grafen aufgestanden und munter erblickte . Friedrich glaubte sein Gesicht zu kennen , doch konnte er sich durchaus nicht besinnen , wo er es gesehen hätte . » Wo bin ich ? « fragte er endlich erstaunt . » Gott sei Dank ! « wiederholte der Knabe nur , und sah ihn mit seinen großen , fröhlichen Augen noch immer unverwandt an , als könnte er sich gar nicht in die Freude finden , ihn wirklich wiederhergestellt zu sehen . Friedrich drang nun in ihn , ihm den Zusammenhang dieser ganzen seltsamen Begebenheit zu entwirren . Der Knabe besann sich einen Augenblick und erzählte dann : » Gestern früh , da ich eben in den Wald ging , sah ich dich blutig und ohne Leben am Wege liegen . Das Blut floß über den Kopf , ich verband die Wunde mit meinem Tuche , so gut ich konnte . Aber das Blut drang durch und floß immerfort , und ich versuchte alles vergebens , um es zu stillen . Ich lief und rief nun in meiner Angst rings im Walde umher und betete und weinte dann wieder dazwischen , da ich mir gar nicht mehr zu helfen wußte . Da kam auf einmal ein Wagen die Straße gefahren . Eine Dame erblickte uns aus demselben und ließ sogleich stillhalten . Die Bedienten verbanden die Wunden sehr geschickt . Die Dame schien sehr verwundert und erschrocken über den Umstand . Darauf nahm sie uns beide mit in den Wagen und führte uns hierher auf ihr Schloß . Die Gräfin hat beinahe die ganze Nacht hindurch hier am Bette gewacht . « - Friedrich dachte an das Engelsbild , das sich wie im Traume über sein Gesicht geneigt hatte , und war noch verwirrter , als vorher . - » Aber wer bist denn du ? « fragte er darauf den Knaben wieder . » Ich habe keine Eltern mehr « , antwortete dieser , und schlug verwirrt die Augen nieder , » ich ging eben über Land , um Dienste zu suchen . « Friedrich faßte den Furchtsamen bei beiden Händen : » Willst du bei mir bleiben ? « » Ewig , mein Herr ! « sagte der Knabe mit auffallender Heftigkeit . Friedrich kleidete sich nun völlig an und verließ seine Stube , um sich hier umzusehen und über sein Verhältnis in diesem Schlosse auf irgendeine Art Gewißheit zu erlangen . Er erstaunte über das Altfränkische der Bauart und der Einrichtung . Die Gänge waren gewölbt , die Fenster in der dicken , dunklen Mauer alle oben in einem Bogen zugespitzt und mit kleinen runden Scheiben versehen . Wunderschöne Bilder von Glas füllten oben die Fensterbogen , die von der Morgensonne in den buntesten Farben brannten . Alles im ganzen Hause war still . Er sah zum Fenster hinaus . Das alte Schloß stand von dieser Seite an dem Abhange eines hohen Berges , der , so wie das Tal , unten mit Schwarzwald bedeckt war , aus welchem die Klänge einsamer Holzhauer heraufschallten . Gleich am Fenster , über der schwindlichten Tiefe war ein Ritter , der sein Schwert in den gefalteten Händen hielt , in Riesengröße , wie der steinerne Roland , in die Mauer gehauen . Friedrich glaubte jeden Augenblick , das Burgfräulein , den hohen Spitzenkragen um das schöne Gesicht , werde in einem der Gänge heraufkommen . In der sonderbarsten Laune ging er nun die Stiege hinab und über eine Zugbrücke in den Garten hinaus . Hier standen auf einem weiten Platze die sonderbarsten , fremden Blumenarten in phantastischem Schmucke . Künstliche Brunnen sprangen , im Morgenscheine funkelnd , kühle hin und wider . Dazwischen sah man Pfauen in der Grüne weiden und stolz ihre tausendfarbigen Räder schlagen . Im Hintergrunde saß ein Storch auf einem Beine und sah melancholisch in die weite Gegend hinaus . Als sich Friedrich an dem Anblicke , den der frische Morgen prächtig machte , so ergötzte , erblickte er in einiger Entfernung vor sich einen Mann , der hinter einem Spaliere an einem Tischchen saß , das voll Papiere lag . Er schrieb , blickte manchmal in die Gegend hinaus , und schrieb dann wieder emsig fort . Friedrich wollte ausweichen , um ihn nicht zu stören , aber es war nur der einzige Weg und der Unbekannte hatte ihn auch schon erblickt . Er ging daher auf ihn zu und grüßte ihn . Der Schreiber mochte eine lange Unterredung befürchten . » Ich kenne Sie wahrhaftig nicht « , sagte er halb ärgerlich , halb lachend , » aber wenn Sie selbst Alexander der Große wären , so müßt ich Sie für jetzt nur bitten , mir aus der Sonne zu gehen . « Friedrich verwunderte sich höchlichst über diesen unhöflichen Diogenes und ließ den wunderlichen Gesellen sitzen , der sogleich wieder zu schreiben anfing . Er kam nun an den Ausgang des Gartens , an den ein lustiges Wäldchen von Laubholz stieß . An dem Saume des Waldes stand ein Jägerhaus , das ringsum mit Hirschgeweihen ausgeziert war . Auf einer kleinen Wiese , welche vor dem Hause mitten zwischen dem Walde lag , saß ein schönes , kaum fünfzehnjähriges Mädchen auf einem , wie es schien , soeben erlegten Rehe , streichelte das Tierchen und sang : » Wär ich ein muntres Hirschlein schlank , Wollt ich im grünen Walde gehn , Spazierengehn bei Hörnerklang , Nach meinem Liebsten mich umsehn . « Ein junger Jäger , der seitwärts an einem Baume gelehnt stand und ihren Gesang mit dem Waldhorne begleitete , antwortete ihr sogleich nach derselben Melodie : » Nach meiner Liebsten mich umsehn Tu ich wohl , zieh ich früh von hier , Doch sie mag niemals zu mir gehn Im dunkelgrünen Waldrevier . « Sie sang weiter : » Im dunkelgrünen Waldrevier , Da blitzt der Liebste rosenrot , Gefällt so sehr dem armen Tier , Das Hirschlein wünscht , es läge tot . « Der Jäger antwortete wieder : » Und wär das schöne Hirschlein tot , So möcht ich länger jagen nicht ; Scheint übern Wald der Morgen rot : Hüt schönes Hirschlein , hüte dich ! « Sie : » Hüt schönes Hirschlein , hüte dich ! Spricht ' s Hirschlein selbst in seinem Sinn , Wie soll ich , soll ich hüten mich , Wenn ich so sehr verliebet bin ? « Er : » Weil ich so sehr verliebet bin , Wollt ich das Hirschlein , schön und wild , Aufsuchen tief im Walde drin Und streicheln , bis es stillehielt . « Sie : » Ja , streicheln , bis es stillehielt , Falsch locken so in Stall und Haus ! Zum Wald springt ' s Hirschlein frei und wild Und lacht verliebte Narren aus . « Hierbei sprang sie von ihrem Rehe auf , denn Pferde , Hunde , Jäger und Waldhornsklänge stürzten auf einmal mit einem verworrenen Getöse aus dem Walde heraus und verbreiteten sich bunt über die Wiese . Ein sehr schöner , junger Mann in Jägerkleidung und das Halstuch in einer unordentlichen Schleife herabhängend , schwang sich vom Pferde und eine Menge großer Hunde sprangen von allen Seiten freundlich an ihm herauf . Friedrich erstaunte beim ersten Blick über die große Ähnlichkeit , die derselbe mit einem älteren Bruder hatte , den er seit seiner Kindheit nicht mehr gesehen , nur daß der Unbekannte hier frischer und freudiger anzusehen war . Dieser kam sogleich auf ihn zu . » Es freut mich « , sagte er , » Sie so munter wiederzufinden . Meine Schwester hat Sie unterwegs in einem schlimmen Zustande getroffen und gestern abends zu mir auf mein Schloß gebracht . Sie ist heute noch vor Tagesanbruch wieder fort . Lassen Sie es sich bei uns gefallen , Sie werden lustige Leute finden . « Während ihm nun Friedrich eben noch für seine Güte dankte , brachte auf einmal der Wind aus dem Garten oben mehrere Blätter Papier , die hoch über ihre Köpfe weg nach einem nahe gelegenen Wasser zuflatterten . Hinterdrein hörte man von oben eine Stimme » Halt , halt , halt auf ! « rufen , und der Mensch , den Friedrich im Garten schreibend angetroffen hatte , kam eilends nachgelaufen . Leontin , so hieß der junge Graf , dem dieses Schloß gehörte , legte schnell seine Büchse an und schoß das unbändige Papier aus der Luft herab . » Das ist doch dumm « , sagte der Nachsetzende , der unterdes atemlos angelangt war , da er die Blätter , auf welche Verse geschrieben waren , von den Schroten ganz durchlöchert erblickte . Das schöne Mädchen , das vorher auf der Wiese gesungen hatte , stand hinter ihm und kicherte . Er drehte sich geschwind herum und wollte sie küssen , aber sie entsprang in das Jägerhaus und guckte lachend hinter der halbgeöffneten Türe hervor . » Das ist der Dichter Faber « , sagte Leontin , dem Grafen den Nachsetzenden vorstellend . Friedrich erschrak recht über den Namen . Er hatte viel von Faber gelesen ; manches hatte ihm gar nicht gefallen , vieles andere aber ihn wieder so ergriffen , daß er oft nicht begreifen konnte , wie derselbe Mensch so etwas Schönes erfinden könne . Und nun , da der wunderbare Mensch leibhaftig vor ihm stand , betrachtete er ihn mit allen Sinnen , als wollte er alle die Gedichte von ihm , die ihm am besten gefallen , in seinem Gesichte ablesen . Aber da war keine Spur davon zu finden . Friedrich hatte sich ihn ganz anders vorgestellt , und hätte viel darum gegeben , wenn es Leontin gewesen wäre , bei dessen lebendigem , erquicklichem Wesen ihm das Herz aufging . Herr Faber erzählte nun lachend , wie ihn Friedrich in seiner Werkstatt überrascht habe . » Da sind Sie schön angekommen « , sagte Leontin zu Friedrich , » denn da sitzt Herr Faber wie die Löwin über ihren Jungen , und schlägt grimmig um sich . « - » So sollte jeder Dichter dichten « , meinte Friedrich , » am frühen Morgen , unter freiem Himmel , in einer schönen Gegend . Da ist die Seele rüstig , und so wie dann die Bäume rauschen , die Vögel singen und der Jäger vor Lust in sein Horn stößt , so muß der Dichter dichten . « - » Sie sind ein Naturalist in der Poesie « , entgegnete Faber mit einer etwas zweideutigen Miene . - » Ich wünschte « , fiel ihm Leontin ins Wort , » Sie ritten lieber alle Morgen mit mir auf die Jagd , lieber Faber . Der Morgen glüht Sie wie eine reizende Geliebte an , und Sie klecksen ihr mit Dinte in das schöne Gesicht . « Faber lachte , zog eine kleine Flöte hervor und fing an , darauf zu blasen . Friedrich fand ihn in diesem Augenblicke sehr liebenswürdig . Leontin trug dem Grafen an , mit ihm zu seiner Schwester hinüberzureiten , wenn er sich schon stark genug dazu fühle . Friedrich willigte mit Freuden ein , und bald darauf saßen beide zu Pferde . Die Gegend war sehr heiter . Sie ritten eben über einen weiten , grünen Anger . Friedrich fühlte sich bei dem schönen Morgen recht in allen Sinnen genesen , und freute sich über den anmutigen Leontin , wie das Pferd unter ihm mit gebogenem Halse über die Ebene hintanzte . » Meine Schwester « , sagte Leontin unterweges und sah den Grafen mit verstecktem Lachen immerfort an , » meine Schwester ist viel älter als ich , und , ich muß es nur im voraus sagen , recht häßlich . « » So ! « sagte Friedrich langsam und gedehnt , denn er hatte heimlich andere Erwartungen und Hoffnungen gehegt . Er schwieg darauf still ; Leontin lachte und pfiff ein lustiges Liedchen . Endlich sah man ein schönes , neues Schloß sich aus einem großen Park luftig erheben . Es war das Schloß von Leontins Schwester . Sie stiegen unten am Eingange des Parkes ab und gingen zu Fuße hinauf . Der Garten war ganz im neuesten Geschmacke angelegt . Kleine , sich schlängelnde Gänge , dichte Gebüsche von ausländischen Sträuchern , dazwischen leichte Brücken von weißem Birkenholze luftig geschwungen , waren recht artig anzuschauen . Zwischen mehreren schlanken Säulen traten sie in das Schloß . Es war ein großes gemaltes Zimmer mit hellglänzendem Fußboden ; ein kristallener Lustre hing an der Decke und Ottomanen von reichen Stoffen standen an den Wänden umher . Durch die hohe Glastür übersah man den Garten . Niemand , da es noch früh , war in der ganzen Reihe von prachtvollen Gemächern , die sich an dieses anschlossen , zu sehen . Die Morgensonne , die durch die Glastür schien , erfüllte das schöne Zimmer mit einem geheimnisvollen Helldunkel und beleuchtete eben eine Gitarre , die in der Mitte auf einem Tischchen lag . Leontin nahm dieselbe und begab sich damit wieder hinaus . Friedrich blieb in der Tür stehen , während Leontin sich draußen unter die Fenster stellte , in die Saiten griff und sang : » Frühmorgens durch die Winde kühl Zwei Ritter hergeritten sind , Im Garten klingt ihr Saitenspiel , Wach auf , wach auf , mein schönes Kind ! Ringsum viel Schlösser schimmernd stehn , So silbern geht der Ströme Lauf , Hoch , weit rings Lerchenlieder wehn , Schließ Fenster , Herz und Äuglein auf ! « Friedrich war gar nicht begierig , die alte Schöne kennenzulernen , und blieb ruhig in der Tür stehen . Da hörte er oben ein Fenster sich öffnen . » Guten Morgen , lieber Bruder ! « sagte eine liebliche Stimme . Leontin sang : » So wie du bist , verschlafen heiß , Laß allen Putz und Zier zu Haus , Tritt nur herfür im Hemdlein weiß , Siehst so gar schön verliebet aus . « » Wenn du so garstig singst « , sagte oben die liebliche Stimme , » so leg ich mich gleich wieder schlafen . « Friedrich erblickte einen schneeweißen , vollen Arm im Fenster und Leontin sang wieder : » Ich hab einen Fremden wohl bei mir , Der lauert unten auf der Wacht , Der bittet schön dich um Quartier , Verschlafnes Kind , nimm dich in acht ! « Friedrich trat nun aus seinem Hinterhalte hervor und sah mit Erstaunen - seine Rosa am Fenster . Sie war in einem leichten Nachtkleide und dehnte sich mit aufgehobenen Armen in den frischen Morgen hinaus . Als sie so unverhofft Friedrich erblickte , ließ sie mit einem Schrei die Arme sinken , schlug das Fenster zu und war verschwunden . Leontin ging nun fort , um ein neues Pferd der Schwester im Hofe herumzutummeln und Friedrich blieb allein im Garten zurück . Bald darauf kam die Gräfin Rosa in einem weißen Morgenkleide herab . Sie hieß den Grafen mit einer Scham willkommen , die ihr unwiderstehlich schön stand . Lange , dunkle Locken fielen zu beiden Seiten bis auf die Schultern und den blendendweißen Busen hinab . Die schönste Reihe von Zähnen sah man manchmal zwischen den vollen , roten Lippen hervorschimmern . Sie atmete noch warm von der Nacht ; es war die prächtigste Schönheit , die Friedrich jemals gesehen hatte . Sie gingen nebeneinander in den Garten hinein . Der Morgen blitzte herrlich über die ganze Gegend , aus allen Zweigen jubelten unzählige Vögel . Sie setzten sich in einer dichten Laube auf eine Rasenbank . Friedrich dankte ihr für ihr hülfreiches Mitleid und sprach dann von seiner schönen Donaureise . Die Gräfin saß , während er davon erzählte , beschämt und still , hatte die langen Augenwimpern niedergeschlagen , und wagte kaum zu atmen . Als er endlich auch seiner Wunde erwähnte , schlug sie auf einmal die großen , schönen Augen auf , um die Wunde zu betrachten . Ihre Augen , Locken und Busen kamen ihm dabei so nahe , daß sich ihre Lippen fast berührten . Er küßte sie auf den roten Mund und sie gab ihm den Kuß wieder . Da nahm er sie in beide Arme und küßte sie unzähligemal und alle Freuden der Welt verwirrten sich in diesen einen Augenblick , der niemals zum zweiten Male wiederkehrt . Rosa machte sich endlich los , sprang auf und lief nach dem Schlosse zu . Leontin kam ihr eben von der andern Seite entgegen , sie rannte in der Verwirrung gerade in seine ausgebreiteten Arme hinein . Er gab ihr schnell einen Kuß und kam zu Friedrich , um mit ihm wieder nach Hause zu reiten . Als Friedrich wieder draußen im Freien zu Pferde saß , besann er sich erst recht auf sein ganzes Glück . Mit unbeschreiblichem Entzücken betrachtete er Himmel und Erde , die im reichsten Morgenschmucke vor ihm lagen . Sie ist mein ! rief er immerfort still in sich , sie ist mein ! Leontin wiederholte lachend die Beschreibung von der Häßlichkeit seiner Schwester die er vorhin beim Herritt dem Grafen gemacht hatte , jagte dann weit voraus , setzte mit bewunderungswürdiger Leichtigkeit und Kühnheit über Zäune und Gräben und trieb allerlei Schwänke . Als sie bei Leontins Schlosse ankamen , hörten sie schon von ferne ein unbegreifliches , verworrenes Getös . Ein Waldhorn raste in den unbändigsten , falschesten Tönen , dazwischen hörte man eine Stimme , die unaufhörlich fortschimpfte . » Da hat gewiß wieder Faber was angestellt « , sagte Leontin . Und es fand sich wirklich so . Herr Faber hatte sich nämlich in ihrer Abwesenheit niedergesetzt , um ein Waldhornecho zu dichten . Zum Unglück fiel es zu gleicher Zeit einem von Leontins Jägern ein , nicht weit davon wirklich auf dem Waldhorne zu blasen . Faber störte die nahe Musik , er rief daher ungeduldig dem Jäger zu , still zu sein . Dieser aber , der sich , wie fast alle Leute Leontins , über Herrn Faber von jeher ärgerte , weil er immer mit der Feder hinterm Ohre so erbärmlich aussah , gehorchte nicht . Da sprang Faber auf und überhäufte ihn mit Schimpfreden . Der Jäger , um ihn zu übertäuben , schüttelte nun statt aller Antwort einen ganzen Schwall von verworrenen und falschen Tönen aus seinem Horne , während Faber , im Gesichte überrot vor Zorn , vor ihm stand und gestikulierte . Als der Jäger jetzt seinen Herrn erblickte , endigte er seinen Spaß und ging fort . Faber aber hatte indes , so boshaft er auch aussah , schon längst der Zorn verlassen , denn es waren ihm mitten in der Wut eine Menge witziger Schimpfwörter und komischer Grobheiten in den Sinn gekommen , und er schimpfte tapfer fort , ohne mehr an den Jäger zu denken , und brach endlich in ein lautes Gelächter aus , in das Leontin und Friedrich von Herzen mit einstimmten . Am Abend saßen Leontin , Friedrich und Faber zusammen an einem Feldtische auf der Wiese am Jägerhause und aßen und tranken . Das Abendrot schaute glühend durch die Wipfel des Tannenwaldes , welcher die Wiese ringsumher einschloß . Der Wein erweiterte ihre Herzen und sie waren alle drei wie alte Bekannte miteinander . » Das ist wohl ein rechtes Dichterleben , Herr Faber « , sagte Friedrich vergnügt . - » Immer doch « , hub Faber ziemlich pathetisch an , » höre ich das Leben und Dichten verwechseln . « - » Aber , aber , bester Herr Faber « , fiel ihm Leontin schnell ins Wort , dem jeder ernsthafte Diskurs über Poesie die Kehle zusammenschnürte , weil er selber nie ein Urteil hatte . Er pflegte daher immer mit Witzen , Radottements , dazwischenzufahren und fuhr auch jetzt , geschwind unterbrechend , fort : » Ihr verwechselt mit euren Wortwechseleien alles so , daß man am Ende seiner selbst nicht sicher bleibt . Glaubte ich doch einmal in allem Ernste , ich sei die Weltseele und wüßte vor lauter Welt nicht , ob ich eine Seele hatte , oder umgekehrt . Das Leben aber , mein bester Herr Faber , mit seinen bunten Bildern , verhält sich zum Dichter , wie ein unübersehbar weitläufiges Hieroglyphenbuch von einer unbekannten , lange untergegangenen Ursprache zum Leser . Da sitzen von Ewigkeit zu Ewigkeit die redlichsten , gutmütigsten Weltnarren , die Dichter , und lesen und lesen . Aber die alten , wunderbaren Worte der Zeichen sind unbekannt und der Wind weht die Blätter des großen Buches so schnell und verworren durcheinander , daß einem die Augen übergehn . « - Friedrich sah Leontin groß an , es war etwas in seinen Worten , das ihn ernsthaft machte . Faber aber , dem Leontin zu schnell gesprochen zu haben schien , spann gelassen seinen vorigen Diskurs wieder an : » Ihr haltet das Dichten für eine gar so leichte Sache , weil es flüchtig aus der Feder fließt , aber keiner bedenkt , wie das Kind , vielleicht vor vielen Jahren schon in Lust empfangen , dann im Mutterleibe mit Freuden und Schmerzen ernährt und gebildet wird , ehe es aus seinem stillen Hause das fröhliche Licht des Tages begrüßt . « - » Das ist ein langweiliges Kind « , unterbrach ihn Leontin munter , » wäre ich so eine schwangere Frau , als Sie da sagen , da lacht ich mich gewiß , wie Philine , vor dem Spiegel über mich selber zu Tode , eh ich mit dem ersten Verse niederkäme . « - Hier erblickte er ein Paket Papiere , das aus Fabers Rocktasche hervorragte : eines davon war » An die Deutschen « überschrieben . Er bat ihn , es ihnen vorzulesen . Faber zog es heraus und las es . Das Gedicht enthielt die Herausforderung eines bis zum Tode verwundeten Ritters an alle Feinde der deutschen Ehre . Leontin sowohl als Friedrich erstaunten über die Gediegenheit und männliche Tiefe der Romanze und fühlten sich wahrhaft erbaut . » Wer sollte es glauben « , sagte Leontin , » daß Herr Faber diese Romanze zu ebender Zeit verfertiget hat , als er Reißaus nahm , um nicht mit gegen die Franzosen zu Felde ziehn zu dürfen . « Faber nahm darauf ein anderes Blatt zur Hand und las ihnen ein Gedicht vor , in welchem er sich selber mit höchst komischer Laune in diesem seinem feigherzigen Widerspruche darstellte , worin aber mitten durch die lustigen Scherze ein tiefer Ernst , wie mit großen , frommen Augen , ruhend und ergreifend hindurchschaute . Friedrich ging jedes Wort dieses Gedichtes schneidend durchs Herz . Jetzt wurde es ihm auf einmal klar , warum ihm so viele Stellungen und Einrichtungen in Fabers Schriften durchaus fremd blieben und mißfielen . - » Dem einen ist zu tun , zu schreiben mir gegeben « , sagte Faber , als er ausgelesen hatte . » Poetisch sein und Poet sein « , fuhr er fort , » das sind zwei verschiedene Dinge , man mag dagegen sagen , was man will . Bei dem letzteren ist , wie selbst unser großer Meister Goethe eingesteht , immer etwas Taschenspielerei , Seiltänzerei usw. mit im Spiele . « - » Das ist nicht so « , sagte Friedrich ernst und sicher , » und wäre es so , so möchte ich niemals dichten . Wie wollt Ihr , daß die Menschen Eure Werke hochachten , sich daran erquicken und erbauen sollen , wenn Ihr Euch Selber nicht glaubt , was Ihr schreibt und durch schöne Worte und künstliche Gedanken Gott und Menschen zu überlisten trachtet ? Das ist ein eitles , nichtsnutziges Spiel , und es hilft Euch doch nichts , denn es ist nichts groß , als was aus einem einfältigen Herzen kommt . Das heißt recht dem Teufel der Gemeinheit , der immer in der Menge wach und auf der Lauer ist , den Dolch selbst in die Hand geben gegen die göttliche Poesie . Wo soll die rechte , schlichte Sitte , das treue Tun , das schöne Lieben , die deutsche Ehre und alle die alte herrliche Schönheit sich hinflüchten , wenn es ihre angebornen Ritter , die Dichter , nicht wahrhaft ehrlich , aufrichtig und ritterlich mit ihr meinen ? Bis in den Tod verhaßt sind mir besonders jene ewigen Klagen , die mit weinerlichen Sonetten die alte schöne Zeit zurückwinseln wollen , und , wie ein Strohfeuer , weder die Schlechten verbrennen , noch die Guten erleuchten und erwärmen . Denn wie wenigen möchte doch das Herz zerspringen , wenn alles so dumm geht , und habe ich nicht den Mut , besser zu sein als meine Zeit , so mag ich zerknirscht das Schimpfen lassen , denn keine Zeit ist durchaus schlecht . Die heiligen Märtyrer , wie sie , laut ihren Erlöser bekennend , mit aufgehobenen Armen in die Todesflammen sprangen - das sind des Dichters echte Brüder , und er soll ebenso fürstlich denken von sich ; denn so wie sie den ewigen Geist Gottes auf Erden durch Taten ausdrückten , so soll er ihn aufrichtig in einer verwitterten , feindseligen Zeit durch rechte Worte und göttliche Erfindungen verkünden und verherrlichen . Die Menge , nur auf weltliche Dinge erpicht , zerstreut und träge , sitzt gebückt und blind draußen im warmen Sonnenscheine und langt rührend nach dem ewigen Lichte , das sie niemals erblickt . Der Dichter hat einsam die schönen Augen offen ; mit Demut und Freudigkeit betrachtet er , selber erstaunt , Himmel und Erde , und das Herz geht ihm auf bei der überschwenglichen Aussicht , und so besingt er die Welt , die , wie Memnons Bild , voll stummer Bedeutung , nur dann durch und durch erklingt , wenn sie die Aurora eines dichterischen Gemütes mit ihren verwandten Strahlen berührt . « - Leontin fiel hier dem Grafen freudig um den Hals . - » Schön , besonders zuletzt sehr schön gesagt « , sagte Faber , und drückte ihm herzlich die Hand . Sie meinen es doch alle beide nicht so , wie ich , fühlte und dachte Friedrich betrübt . Es war unterdes schon dunkel geworden und der Abendstern funkelte vom heitern Himmel über den Wald herüber . Da wurde ihr Gespräch auf eine lustige Art unterbrochen . Die kleine Marie nämlich , die am Morgen mit dem Jäger auf der Wiese gesungen , hatte sich als Jägerbursche angezogen . Die Jäger jagten sie auf der Wiese herum , sie ließ sich aber nicht erhaschen , weil sie , wie sie sagte , nach Tabaksrauch röchen . Wie ein gescheuchtes Reh kam sie endlich an dem Tische vorüber . Leontin fing sie auf und setzte sie vor sich auf seinen Schoß . Er strich ihr die Haare aus den muntern Augen und gab ihr aus seinem Glase zu trinken . Sie trank viel und wurde bald ungewöhnlich beredt , daß sich alle über ihre liebenswürdige Lebhaftigkeit freuten . Leontin fing an , von ihrer Schlafkammer zu sprechen und andere leichtfertige Reden vorzubringen , und als er sie endlich auch küßte , umklammerte sie mit beiden Armen seinen Hals . Friedrich schmerzte das ganze lose Spiel , sosehr es auch Faber gefiel , und er sprach laut vom Verführen . Marie hüpfte von Leontins Schoße , wünschte allen mit verschmitzten Augen eine gute Nacht und sprang fort ins Jägerhaus . Leontin reichte Friedrich lächelnd die Hand und alle drei schieden voneinander , um sich zur Ruhe zu begeben . Faber sagte im Weggehen : seine Seele sei heut so wach , daß er noch tief in die Nacht hinein an einem angefangenen , großen Gedichte fortarbeiten wolle . Als Friedrich in sein Schlafzimmer kam , stellte er sich noch eine Weile ans offene Fenster . Von der andern Seite des Schlosses schimmerte aus Fabers Zimmer ein einsames Licht in die stille Gegend hinaus . Fabers Fleiß rührte den Grafen , und er kam ihm in diesem Augenblicke als ein höheres Wesen vor . » Es ist wohl groß « , sagte er , » so mit göttlichen Gedanken über dem weiten , stillen Kreise der Erde zu schweben . Wache , sinne und bilde nur fleißig fort , fröhliche Seele , wenn alle die andern Menschen schlafen ! Gott ist mit dir in deiner Einsamkeit und Er weiß es allein , was ein Dichter treulich will , wenn auch kein Mensch sich um dich bekümmert . « Der Mond stand eben über dem altertümlichen Turme des Schlosses , unten lag der schwarze Waldgrund in stummer Ruhe . Die Fenster gingen nach der Gegend hinaus , wo die Gräfin Rosa hinter dem Walde wohnte . Friedrich hatte Leontins Gitarre mit hinaufgenommen . Er nahm sie in den Arm und sang : » Die Welt ruht still im Hafen , Mein Liebchen , gute Nacht ! Wann Wald und Berge schlafen , Treu ' Liebe einsam wacht . Ich bin so wach und lustig , Die Seele ist so licht , Und eh ich liebt , da wußt ich Von solcher Freude nicht . Ich fühl mich so befreiet Von eitlem Trieb und Streit , Nichts mehr das Herz zerstreuet In seiner Fröhlichkeit . Mir ist , als müßt ich singen So recht aus tiefer Lust Von wunderbaren Dingen , Was niemand sonst bewußt . O könnt ich alles sagen ! O wär ich recht geschickt ! So muß ich still ertragen , Was mich so hoch beglückt . « Viertes Kapitel Friedrich gab Leontins Bitten , noch länger auf seinem Schlosse zu verweilen ,