wissenschaftlichen Ausbildung stand von jeher der Prior Leonardus . Außerdem daß er allgemein für einen wackern Gelehrten in der Theologie galt , so , daß er mit Leichtigkeit und Tiefe die schwierigsten Materien abzuhandeln wußte und sich die Professoren des Seminars oft bei ihm Rat und Belehrung holten , war er auch mehr , als man es wohl einem Klostergeistlichen zutrauen kann , für die Welt ausgebildet . Er sprach mit Fertigkeit und Eleganz das Italienische und Französische , und seiner besonderen Gewandtheit wegen hatte man ihn in früherer Zeit zu wichtigen Missionen gebraucht . Schon damals , als ich ihn kennen lernte , war er hochbejahrt , aber indem sein weißes Haar von seinem Alter zeugte , blitzte aus den Augen noch jugendliches Feuer , und das anmutige Lächeln , welches um seine Lippen schwebte , erhöhte den Ausdruck der innern Behaglichkeit und Gemütsruhe . Dieselbe Grazie , welche seine Rede schmückte , herrschte in seinen Bewegungen , und selbst die unbehilfliche Ordenstracht schmiegte sich wundersam den wohlgebauten Formen seines Körpers an . Es befand sich kein einziger unter den Brüdern , den nicht eigne freie Wahl , den nicht sogar das von der innern geistigen Stimmung erzeugte Bedürfnis in das Kloster gebracht hätte ; aber auch den Unglücklichen , der im Kloster den Port gesucht hätte , um der Vernichtung zu entgehen , hätte Leonardus bald getröstet ; seine Buße wäre der kurze Übergang zur Ruhe geworden , und , mit der Welt versöhnt , ohne ihren Tand zu achten , hätte er , im Irdischen lebend , doch sich bald über das Irdische erhoben . Diese ungewöhnlichen Tendenzen des Klosterlebens hatte Leonardus in Italien aufgefaßt , wo der Kultus und mit ihm die ganze Ansicht des religiösen Lebens heitrer ist als in dem katholischen Deutschland . So wie bei dem Bau der Kirchen noch die antiken Formen sich erhielten , so scheint auch ein Strahl aus jener heitern lebendigen Zeit des Altertums in das mystische Dunkel des Christianism gedrungen zu sein und es mit dem wunderbaren Glanze erhellt zu haben , der sonst die Götter und Helden umstrahlte . Leonardus gewann mich lieb , er unterrichtete mich im Italienischen und Französischen , vorzüglich waren es aber die mannigfachen Bücher , welche er mir in die Hände gab , sowie seine Gespräche , die meinen Geist auf besondere Weise ausbildeten . Beinahe die ganze Zeit , welche meine Studien im Seminar mir übrig ließen , brachte ich im Kapuzinerkloster zu , und ich spürte , wie immer mehr meine Neigung zunahm , mich einkleiden zu lassen . Ich eröffnete dem Prior meinen Wunsch ; ohne mich indessen gerade davon abbringen zu wollen , riet er mir , wenigstens noch ein paar Jahre zu warten und unter der Zeit mich mehr als bisher in der Welt umzusehen . So wenig es mir indessen an anderer Bekanntschaft fehlte , die ich mir vorzüglich durch den bischöflichen Konzertmeister , welcher mich in der Musik unterrichtete , erworben , so fühlte ich mich doch in jeder Gesellschaft und vorzüglich , wenn Frauenzimmer zugegen waren , auf unangenehme Weise befangen , und dies sowie überhaupt der Hang zum kontemplativen Leben schien meinen innern Beruf zum Kloster zu entscheiden . - Einst hatte der Prior viel Merkwürdiges mit mir gesprochen über das profane Leben ; er war eingedrungen in die schlüpfrigsten Materien , die er aber mit seiner gewöhnlichen Leichtigkeit und Anmut des Ausdrucks zu behandeln wußte , so daß er , alles nur im mindesten Anstößige vermeidend , doch immer auf den rechten Fleck traf . Er nahm endlich meine Hand , sah mir scharf ins Auge und frug , ob ich noch unschuldig sei . - Ich fühlte mich erglühen , denn indem Leonardus mich so verfänglich frug , sprang ein Bild in den lebendigsten Farben hervor , welches so lange ganz von mir gewichen . - Der Konzertmeister hatte eine Schwester , welche gerade nicht schön genannt zu werden verdiente , aber doch , in der höchsten Blüte stehend , ein überaus reizendes Mädchen war . Vorzüglich zeichnete sie ein im reinsten Ebenmaß geformter Wuchs aus ; sie hatte die schönsten Arme , den schönsten Busen in Form und Kolorit , den man nur sehen kann . - Eines Morgens , als ich zum Konzertmeister gehen wollte meines Unterrichts halber , überraschte ich die Schwester im leichten Morgenanzuge , mit beinahe ganz entblößter Brust ; schnell warf sie zwar das Tuch über , aber doch schon zu viel hatten meine gierigen Blicke erhascht , ich konnte kein Wort sprechen , nie gekannte Gefühle regten sich stürmisch in mir und trieben das glühende Blut durch die Adern , daß hörbar meine Pulse schlugen . Meine Brust war krampfhaft zusammengepreßt und wollte zerspringen , ein leiser Seufzer machte mir endlich Luft . Dadurch , daß das Mädchen ganz unbefangen auf mich zukam , mich bei der Hand faßte und trug , was mir dann wäre , wurde das Übel wieder Ärger , und es war ein Glück , daß der Konzertmeister in die Stube trat und mich von der Qual erlöste . Nie hatte ich indessen solche falsche Akkorde gegriffen , nie so im Gesang detoniert , als dasmal . Fromm genug war ich , um später das Ganze für eine böse Anfechtung des Teufels zu halten , und ich pries mich nach kurzer Zeit recht glücklich , den bösen Feind durch die asketischen Übungen , die ich unternahm , aus dem Felde geschlagen zu haben . Jetzt bei der verfänglichen Frage des Priors sah ich des Konzertmeisters Schwester mit entblößtem Busen vor mir stehen , ich fühlte den warmen Hauch ihres Atems , den Druck ihrer Hand - meine innere Angst stieg mit jedem Momente . Leonardus sah mich mit einem gewissen ironischen Lächeln an , vor dem ich erbebte . Ich konnte seinen Blick nicht ertragen , ich schlug die Augen nieder , da klopfte mich der Prior auf die glühenden Wangen und sprach : » Ich sehe , mein Sohn , daß Sie mich gefaßt haben , und daß es noch gut mit Ihnen steht , der Herr bewahre Sie vor der Verführung der Welt ; die Genüsse , die sie Ihnen darbietet , sind von kurzer Dauer , und man kann wohl behaupten , daß ein Fluch darauf ruhe , da in dem unbeschreiblichen Ekel , in der vollkommenen Erschlaffung , in der Stumpfheit für alles Höhere , die sie hervorbringen , das bessere geistige Prinzip des Menschen untergeht . « - So sehr ich mich mühte , die Frage des Priors und das Bild , welches dadurch hervorgerufen wurde , zu vergessen , so wollte es mir doch durchaus nicht gelingen , und war es mir erst geglückt , in Gegenwart jenes Mädchens unbefangen zu sein , so scheute ich doch wieder jetzt mehr als jemals ihren Anblick , da mich schon bei dem Gedanken an sie eine Beklommenheit , eine innere Unruhe überfiel , die mir um so gefährlicher schien , als zugleich eine unbekannte wundervolle Sehnsucht und mit ihr eine Lüsternheit sich regte , die wohl sündlich sein mochte . Ein Abend sollte diesen zweifelhaften Zustand entscheiden . Der Konzertmeister hatte mich , wie er manchmal zu tun pflegte , zu einer musikalischen Unterhaltung , die er mit einigen Freunden veranstaltet , eingeladen . Außer seiner Schwester waren noch mehrere Frauenzimmer zugegen , und dieses steigerte die Befangenheit , die mir schon bei der Schwester allein den Atem versetzte . Sie war sehr reizend gekleidet , sie kam mir schöner als je vor , es war , als zöge mich eine unsichtbare unwiderstehliche Gewalt zu ihr hin , und so kam es denn , daß ich , ohne selbst zu wissen wie , mich immer ihr nahe befand , jeden ihrer Blicke , jedes ihrer Worte begierig aufhaschte , ja mich so an sie drängte , daß wenigstens ihr Kleid im Vorbeistreifen mich berühren mußte , welches mich mit innerer , nie gefühlter Lust erfüllte . Sie schien es zu bemerken und Wohlgefallen daran zu finden ; zuweilen war es mir , als müßte ich sie wie in toller Liebeswut an mich reißen und inbrünstig an mich drücken ! - Sie hatte lange neben dem Flügel gesessen , endlich stand sie auf und ließ auf dem Stuhl einen ihrer Handschuhe liegen , den ergriff ich und drückte ihn im Wahnsinn heftig an den Mund ! - Das sah eins von den Frauenzimmern , die ging zu des Konzertmeisters Schwester und flüsterte ihr etwas ins Ohr , nun schauten sie beide auf mich und kicherten und lachten höhnisch ! - Ich war wie vernichtet , ein Eisstrom goß sich durch mein Inneres - besinnungslos stürzte ich fort ins Kollegium - in meine Zelle . Ich warf mich wie in toller Verzweiflung auf den Fußboden - glühende Tränen quollen mir aus den Augen , ich verwünschte - ich verfluchte das Mädchen - mich selbst - dann betete ich wieder und lachte dazwischen wie ein Wahnsinniger ! Überall erklangen um mich Stimmen , die mich verspotteten , verhöhnten ; ich war im Begriff , mich durch das Fenster zu stürzen , zum Glück verhinderten mich die Eisenstäbe daran , mein Zustand war in der Tat entsetzlich . Erst als der Morgen anbrach , wurde ich ruhiger , aber fest war ich entschlossen , sie niemals mehr zu sehen und überhaupt der Welt zu entsagen . Klarer als jemals stand der Beruf zum eingezogenen Klosterleben , von dem mich keine Versuchung mehr ablenken sollte , vor meiner Seele . Sowie ich nur von den gewöhnlichen Studien loskommen konnte , eilte ich zu dem Prior in das Kapuzinerkloster und eröffnete ihm , wie ich nun entschlossen sei , mein Noviziat anzutreten , und auch schon meiner Mutter sowie der Fürstin Nachricht davon gegeben habe . Leonardus schien über meinen plötzlichen Eifer verwundert ; ohne in mich zu dringen , suchte er doch auf diese und jene Weise zu erforschen , was mich wohl darauf gebracht haben könne , nun mit einemmal auf meine Einweihung zum Klosterleben zu bestehen , denn er ahndete wohl , daß ein besonderes Ereignis mir den Impuls dazu gegeben haben müsse . Eine innere Scham , die ich nicht zu überwinden vermochte , hielt mich zurück , ihm die Wahrheit zu sagen , dagegen erzählte ich ihm mit dem Feuer der Exaltation , das noch in mir glühte , die wunderbaren Begebenheiten meiner Kinderjahre , welche alle auf meine Bestimmung zum Klosterleben hindeuteten . Leonardus hörte mich ruhig an , und ohne gerade gegen meine Visionen Zweifel vorzubringen , schien er doch sie nicht sonderlich zu beachten , er äußerte vielmehr , wie das alles noch sehr wenig für die Echtheit meines Berufs spräche , da eben hier eine Illusion sehr möglich sei . Überhaupt pflegte Leonardus nicht gern von den Visionen der Heiligen , ja selbst von den Wundern der ersten Verkündiger des Christentums zu sprechen , und es gab Augenblicke , in denen ich in Versuchung geriet , ihn für einen heimlichen Zweifler zu halten . Einst erdreistete ich mich , um ihn zu irgend einer bestimmten Äußerung zu nötigen , von den Verächtern des katholischen Glaubens zu sprechen und vorzüglich auf diejenigen zu schmälen , die im kindischen Übermute alles Übersinnliche mit dem heillosen Schimpfworte des Aberglaubens abfertigten . Leonardus sprach sanft lächelnd : » Mein Sohn , der Unglaube ist der ärgste Aberglaube « , und fing ein anderes Gespräch von fremden gleichgültigen Dingen an . Erst später durfte ich eingehen in seine herrliche Gedanken über den mystischen Teil unserer Religion , der die geheimnisvolle Verbindung unsers geistigen Prinzips mit höheren Wesen in sich schließt , und mußte mir denn wohl gestehen , daß Leonardus die Mitteilung alles des Sublimen , das aus seinem Innersten sich ergoß , mit Recht nur für die höchste Weihe seiner Schüler aufsparte . - Meine Mutter schrieb mir , wie sie es längst geahnet , daß der weltgeistliche Stand mir nicht genügen , sondern daß ich das Klosterleben erwählen werde . Am Medardustage sei ihr der alte Pilgersmann aus der heiligen Linde erschienen und habe mich im Ordenskleide der Kapuziner an der Hand geführt . Auch die Fürstin war mit meinem Vorhaben ganz einverstanden . Beide sah ich noch einmal vor meiner Einkleidung , welche , da mir , meinem innigsten Wunsche gemäß , die Hälfte des Noviziats erlassen wurde , sehr bald erfolgte . Ich nahm auf Veranlassung der Vision meiner Mutter den Klosternamen Medardus an . - Das Verhältnis der Brüder untereinander , die innere Einrichtung rücksichts der Andachtsübungen und der ganzen Lebensweise im Kloster bewährte sich ganz in der Art , wie sie mir bei dem ersten Blick erschienen . Die gemütliche Ruhe , die in allem herrschte , goß den himmlischen Frieden in meine Seele , wie er mich , gleich einem seligen Traum aus der ersten Zeit meiner frühsten Kinderjahre im Kloster der heiligen Linde umschwebte . Während des feierlichen Akts meiner Einkleidung erblickte ich unter den Zuschauern des Konzertmeisters Schwester ; sie sah ganz schwermütig aus , und ich glaubte Tränen in ihren Augen zu erblicken , aber vorüber war die Zeit der Versuchung , und vielleicht war es frevelnder Stolz auf den so leicht erfochtenen Sieg , der mir das Lächeln abnötigte , welches der an meiner Seite wandelnde Bruder Cyrillus bemerkte . » Worüber erfreuest du dich so , mein Bruder ? « frug Cyrillus . » Soll ich denn nicht froh sein , wenn ich der schnöden Welt und ihrem Tand entsage ? « antwortete ich , aber nicht zu leugnen ist es , daß , indem ich diese Worte sprach , ein unheimliches Gefühl , plötzlich das Innerste durchbebend , mich Lügen strafte . - Doch dies war die letzte Anwandlung irdischer Selbstsucht , nach der jene Ruhe des Geistes eintrat . Wäre sie nimmer von mir gewichen , aber die Macht des Feindes ist groß ! - Wer mag der Stärke seiner Waffen , wer mag seiner Wachsamkeit vertrauen , wenn die unterirdischen Mächte lauern ? - Schon fünf Jahre war ich im Kloster , als nach der Verordnung des Priors mir der Bruder Cyrillus , der alt und schwach worden , die Aufsicht über die reiche Reliquienkammer des Klosters übergeben sollte . Da befanden sich allerlei Knochen von Heiligen , Späne aus dem Kreuze des Erlösers und andere Heiligtümer , die in saubern Glasschränken aufbewahrt und an gewissen Tagen dem Volk zur Erbauung ausgestellt wurden . Der Bruder Cyrillus machte mich mit jedem Stücke sowie mit den Dokumenten , die über ihre Echtheit und über die Wunder , welche sie bewirkt , vorhanden , bekannt . Er stand rücksichts der geistigen Ausbildung unserm Prior an der Seite , und um so weniger trug ich Bedenken , das zu äußern , was sich gewaltsam aus meinem Innern hervordrängte . » Sollten denn , lieber Bruder Cyrillus , « sagte ich , » alle diese Dinge gewiß und wahrhaftig das sein , wofür man sie ausgibt ? - Sollte auch hier nicht die betrügerische Habsucht manches untergeschoben haben , was nun als wahre Reliquie dieses oder jenes Heiligen gilt ? So z.B. besitzt irgend ein Kloster das ganze Kreuz unsers Erlösers , und doch zeigt man überall wieder so viel Späne davon , daß , wie jemand von uns selbst , freilich in freveligem Spott , behauptete , unser Kloster ein ganzes Jahr hindurch damit geheizt werden könnte . « - » Es geziemt uns wohl eigentlich nicht , « erwiderte der Bruder Cyrillus , » diese Dinge einer solchen Untersuchung zu unterziehen , allein offenherzig gestanden , bin ich der Meinung , daß , der darüber sprechenden Dokumente unerachtet , wohl wenige dieser Dinge das sein dürften , wofür man sie ausgibt . Allein es scheint mir auch gar nicht darauf anzukommen . Merke wohl auf , lieber Bruder Medardus , wie ich und unser Prior darüber denken , und du wirst unsere Religion in neuer Glorie erblicken . Ist es nicht herrlich , lieber Bruder Medardus , daß unsere Kirche darnach trachtet , jene geheimnisvollen Fäden zu erfassen , die das Sinnliche mit dem Übersinnlichen verknüpfen , ja unseren zum irdischen Leben und Sein gediehenen Organism so anzuregen , daß sein Ursprung aus dem höhern geistigen Prinzip , ja seine innige Verwandtschaft mit dem wunderbaren Wesen , dessen Kraft wie ein glühender Hauch die ganze Natur durchdringt , klar hervortritt und uns die Ahndung eines höheren Lebens , dessen Keim wir in uns tragen , wie mit Seraphsfittichen umweht . - Was ist jenes Stückchen Holz - jenes Knöchlein , jenes Läppchen - man sagt , aus dem Kreuz Christi sei es gehauen , dem Körper - dem Gewande eines Heiligen entnommen ; aber den Gläubigen , der , ohne zu grübeln , sein ganzes Gemüt darauf richtet , erfüllt bald jene überirdische Begeisterung , die ihm das Reich der Seligkeit erschließt , das er hienieden nur geahnet ; und so wird der geistige Einfluß des Heiligen , dessen auch nur angebliche Reliquie den Impuls gab , erweckt , und der Mensch vermag Stärke und Kraft im Glauben von dem höheren Geiste zu empfangen , den er im Innersten des Gemüts um Trost und Beistand anrief . Ja , diese in ihm erweckte höhere geistige Kraft wird selbst Leiden des Körpers zu überwinden vermögen , und daher kommt es , daß diese Reliquien jene Mirakel bewirken , die , da sie so oft vor den Augen des versammelten Volks geschehen , wohl nicht geleugnet werden können . « - Ich erinnerte mich augenblicklich gewisser Andeutungen des Priors , die ganz mit den Worten des Bruders Cyrillus übereinstimmten , und betrachtete nun die Reliquien , die mir sonst nur als religiöse Spielerei erschienen , mit wahrer innerer Ehrfurcht und Andacht . Dem Bruder Cyrillus entging diese Wirkung seiner Rede nicht , und er fuhr nun fort , mit größerem Eifer und mit recht zum Gemüte sprechender Innigkeit mir die Sammlung Stück vor Stück zu erklären . Endlich nahm er aus einem wohlverschlossenen Schranke ein Kistchen heraus und sagte : » Hierinnen , lieber Bruder Medardus , ist die geheimnisvollste , wunderbarste Reliquie enthalten , die unser Kloster besitzt . Solange ich im Kloster bin , hat dieses Kistchen niemand in der Hand gehabt als der Prior und ich ; selbst die andern Brüder , viel weniger Fremde , wissen etwas von dem Dasein dieser Reliquie . Ich kann die Kiste nicht ohne inneren Schauer anrühren , es ist , als sei darin ein böser Zauber verschlossen , der , gelänge es ihm , den Bann , der ihn umschließt und wirkungslos macht , zu zersprengen , Verderben und heillosen Untergang jedem bereiten könnte , den er ereilt . - Das , was darinnen enthalten , stammt unmittelbar von dem Widersacher her , aus jener Zeit , als er noch sichtlich gegen das Heil der Menschen zu kämpfen vermochte . « - Ich sah den Bruder Cyrillus im höchsten Erstaunen an ; ohne mir Zeit zu lassen , etwas zu erwidern , fuhr er fort : » Ich will mich , lieber Bruder Medardus , gänzlich enthalten , in dieser höchst mystischen Sache nur irgend eine Meinung zu äußern oder wohl gar diese - jene - Hypothese aufzutischen , die mir durch den Kopf gefahren , sondern lieber getreulich dir das erzählen , was die über jene Reliquie vorhandenen Dokumente davon sagen . - Du findest diese Dokumente in jenem Schrank und kannst sie selbst nachlesen . - Dir ist das Leben des heiligen Antonius zur G ' nüge bekannt , du weißt , daß er , um sich von allem Irdischen zu entfernen , um seine Seele ganz dem Göttlichen zuzuwenden , in die Wüste zog und da sein Leben den strengsten Buß- und Andachtsübungen weihte . Der Widersacher verfolgte ihn und trat ihm oft sichtlich in den Weg , um ihn in seinen frommen Betrachtungen zu stören . So kam es denn , daß der heilige Antonius einmal in der Abenddämmerung eine finstere Gestalt wahrnahm , die auf ihn zuschritt . In der Nähe erblickte er zu seinem Erstaunen , daß aus den Löchern des zerrissenen Mantels , den die Gestalt trug , Flaschenhälse hervorguckten . Es war der Widersacher , der in diesem seltsamen Aufzuge ihn höhnisch anlächelte und frug , ob er nicht von den Elixieren , die er in den Flaschen bei sich trüge , zu kosten begehre . Der heilige Antonius , den diese Zumutung nicht einmal verdrießen konnte , weil der Widersacher , ohnmächtig und kraftlos geworden , nicht mehr imstande war , sich auf irgend einen Kampf einzulassen und sich daher auf höhnende Reden beschränken mußte , frug ihn , warum er denn so viele Flaschen und auf solche besondere Weise bei sich trüge . Da antwortete der Widersacher : Siehe , wenn mir ein Mensch begegnet , so schaut er mich verwundert an und kann es nicht lassen , nach meinen Getränken zu fragen und zu kosten aus Lüsternheit . Unter so vielen Elixieren findet er ja wohl eins , was ihm recht mundet , und er säuft die ganze Flasche aus und wird trunken und ergibt sich mir und meinem Reiche . - So weit steht das in allen Legenden ; nach dem besonderen Dokument , das wir über diese Vision des heiligen Antonius besitzen , heißt es aber weiter , daß der Widersacher , als er sich von dannen hub , einige seiner Flaschen auf einen Rasen stehen ließ , die der heilige Antonius schnell in seine Höhle mitnahm und verbarg , aus Furcht , selbst in der Einöde könnte ein Verirrter , ja wohl gar einer seiner Schüler von dem entsetzlichen Getränke kosten und ins ewige Verderben geraten . - Zufällig , erzählt das Dokument weiter , habe der heilige Antonius einmal eine dieser Flaschen geöffnet , da sei ein seltsamer betäubender Dampf herausgefahren und allerlei scheußliche sinneverwirrende Bilder der Hölle hätten den Heiligen umschwebt , ja ihn mit verführerischen Gaukeleien zu verlocken gesucht , bis er sie durch strenges Fasten und anhaltendes Gebet wieder vertrieben . - In diesem Kistchen befindet sich nun aus dem Nachlaß des heiligen Antonius eben eine solche Flasche mit einem Teufelselixier , und die Dokumente sind so authentisch und genau , daß wenigstens daran , daß die Flasche wirklich nach dem Tode des heiligen Antonius unter seinen nachgebliebenen Sachen gefunden wurde , kaum zu zweifeln ist . Übrigens kann ich versichern , lieber Bruder Medardus , daß , so oft ich die Flasche , ja nur dieses Kistchen , worin sie verschlossen , berühre , mich ein unerklärliches inneres Grauen anwandelt , ja daß ich wähne , etwas von einem ganz seltsamen Duft zu spüren , der mich betäubt und zugleich eine innere Unruhe des Geistes hervorbringt , die mich selbst bei den Andachtsübungen zerstreut . Indessen überwinde ich diese böse Stimmung , welche offenbar von dem Einfluß irgend einer feindlichen Macht herrührt , sollte ich auch an die unmittelbare Einwirkung des Widersachers nicht glauben , durch standhaftes Gebet . Dir , lieber Bruder Medardus , der du noch so jung bist , der du noch alles , was dir deine von fremder Kraft aufgeregte Phantasie vorbringen mag , in glänzenderen , lebhafteren Farben erblickst , der du noch wie ein tapferer , aber unerfahrener Krieger zwar rüstig im Kampfe , aber vielleicht zu kühn , das Unmögliche wagend , deiner Stärke zu sehr vertraust , rate ich , das Kistchen niemals oder wenigstens erst nach Jahren zu öffnen , und damit dich deine Neugierde nicht in Versuchung führe , es dir weit weg aus den Augen zu stellen . « - Der Bruder Cyrillus verschloß die geheimnisvolle Kiste wieder in den Schrank , wo sie gestanden , und übergab mir den Schlüsselbund , an dem auch der Schlüssel jenes Schranks hing ; die ganze Erzählung hatte auf mich einen eignen Eindruck gemacht , aber je mehr ich eine innere Lüsternheit emporkeimen fühlte , die wunderbare Reliquie zu sehen , desto mehr war ich , der Warnung des Bruders Cyrillus gedenkend , bemüht , auf jede Art mir es zu erschweren . Als Cyrillus mich verlassen , übersah ich noch einmal die mir anvertrauten Heiligtümer , dann löste ich aber das Schlüsselchen , welches den gefährlichen Schrank schloß , vom Bunde ab und versteckte es tief unter meine Skripturen im Schreibpulte . - Unter den Professoren im Seminar gab es einen vortrefflichen Redner , jedesmal , wenn er predigte , war die Kirche überfüllt ; der Feuerstrom seiner Worte riß alles unwiderstehlich fort , die inbrünstigste Andacht im Innern entzündend . Auch mir drangen seine herrlichen begeisterten Reden ins Innerste , aber indem ich den Hochbegabten glücklich pries , war es mir , als rege sich eine innere Kraft , die mich mächtig antrieb , es ihm gleichzutun . Hatte ich ihn gehört , so predigte ich auf meiner einsamen Stube , mich ganz der Begeisterung des Moments überlassend , bis es mir gelang , meine Ideen , meine Worte festzuhalten und aufzuschreiben . - Der Bruder , welcher im Kloster zu predigen pflegte , wurde zusehends schwächer , seine Reden schlichen wie ein halbversiegter Bach mühsam und tonlos dahin , und die ungewöhnlich gedehnte Sprache , welche der Mangel an Ideen und Worten erzeugte , da er ohne Konzept sprach , machten seine Reden so unausstehlich lang , daß vor dem Amen schon der größte Teil der Gemeinde , wie bei dem bedeutungslosen eintönigen Geklapper einer Mühle , sanft eingeschlummert war und nur durch den Klang der Orgel wieder erweckt werden konnte . Der Prior Leonardus war zwar ein ganz vorzüglicher Redner , indessen trug er Scheu zu predigen , weil es ihn bei den schon erreichten hohen Jahren zu stark angriff , und sonst gab es im Kloster keinen , der die Stelle jenes schwächlichen Bruders hätte ersetzen können . Leonardus sprach mit mir über diesen Übelstand , der der Kirche den Besuch mancher Frommen entzog ; ich faßte mir ein Herz und sagte ihm , wie ich schon im Seminar einen innern Beruf zum Predigen gespürt und manche geistliche Rede aufgeschrieben habe . Er verlangte sie zu sehen und war so höchlich damit zufrieden , daß er in mich drang , schon am nächsten heiligen Tage den Versuch mit einer Predigt zu machen , der um so weniger mißlingen werde , als mich die Natur mit allem ausgestattet habe , was zum guten Kanzelredner gehöre , nämlich mit einer einnehmenden Gestalt , einem ausdrucksvollen Gesicht und einer kräftigen tonreichen Stimme . Rücksichts des äußern Anstandes , der richtigen Gestikulation unternahm Leonardus selbst mich zu unterrichten . Der Heiligentag kam heran , die Kirche war besetzter als gewöhnlich , und ich bestieg nicht ohne inneres Erbeben die Kanzel . - Im Anfange blieb ich meiner Handschrift getreu , und Leonardus sagte mir nachher , daß ich mit zitternder Stimme gesprochen , welches aber gerade den andächtigen wehmutsvollen Betrachtungen , womit die Rede begann , zugesagt und bei den mehrsten für eine besondere wirkungsvolle Kunst des Redners gegolten habe . Bald aber war es , als strahle der glühende Funke himmlischer Begeisterung durch mein Inneres - ich dachte nicht mehr an die Handschrift , sondern überließ mich ganz den Eingebungen des Moments . Ich fühlte , wie das Blut in allen Pulsen glühte und sprühte - ich hörte meine Stimme durch das Gewölbe donnern - ich sah mein erhobenes Haupt , meine ausgebreiteten Arme , wie von Strahlenglanz der Begeisterung umflossen . - Mit einer Sentenz , in der ich alles Heilige und Herrliche , das ich verkündet , nochmals wie in einem flammenden Fokus zusammenfaßte , schloß ich meine Rede , deren Eindruck ganz ungewöhnlich , ganz unerhört war . Heftiges Weinen - unwillkürlich den Lippen entfliehende Ausrufe der andachtvollsten Wonne - lautes Gebet hallte meinen Worten nach . Die Brüder zollten mir ihre höchste Bewunderung , Leonardus umarmte mich , er nannte mich den Stolz des Klosters . Mein Ruf verbreitete sich schnell , und um den Bruder Medardus zu hören , drängte sich der vornehmste , der gebildetste Teil der Stadtbewohner schon eine Stunde vor dem Läuten in die nicht allzu große Klosterkirche . Mit der Bewunderung stieg mein Eifer und meine Sorge , den Reden im stärksten Feuer Ründe und Gewandtheit zu geben . Immer mehr gelang es mir , die Zuhörer zu fesseln , und , immer steigend und steigend , glich bald die Verehrung , die sich überall , wo ich ging und stand , in den stärksten Zügen an den Tag legte , beinahe der Vergötterung eines Heiligen . Ein religiöser Wahn hatte die Stadt ergriffen , alles strömte bei irgend einem Anlaß , auch an gewöhnlichen Wochentagen , nach dem Kloster , um den Bruder Medardus zu sehen , zu sprechen . - Da keimte in mir der Gedanke auf , ich sei ein besonders Erkorner des Himmels ; die geheimnisvollen Umstände bei meiner Geburt am heiligen Orte zur Entsündigung des verbrecherischen Vaters , die wunderbaren Begebenheiten in meinen ersten Kinderjahren , alles deutete dahin , daß mein Geist , in unmittelbarer Berührung mit dem Himmlischen , sich schon hienieden über das Irdische erhebe und ich nicht der Welt , den Menschen angehöre , denen Heil und Trost zu geben ich hier auf Erden wandle . Es war mir nun gewiß , daß der alte Pilgram in der heiligen Linde der heilige Joseph , der wunderbare Knabe aber das Jesuskind selbst gewesen , das in mir den Heiligen , der auf Erden zu wandeln bestimmt , begrüßt habe . Aber so wie dies alles immer lebendiger vor meiner Seele stand , wurde mir auch meine Umgebung immer lästiger und drückender . Jene Ruhe und Heiterkeit des Geistes , die mich sonst umfing , war aus meiner Seele entschwunden - ja alle gemütliche Äußerung der Brüder , die Freundlichkeit des Priors erweckten in mir einen feindseligen Zorn . Den Heiligen , den hoch über sie erhabenen , sollten sie in mir