sicher zu sein , ob es nicht ebenfalls Thorheit genannt werden könne , sich durch ein paar Worte so jagen und hetzen zu lassen . - Fünftes Kapitel Er konnte gleichwohl den wüsten Eindruck jener Worte mehrere Tage hindurch nicht los werden . Und was ihn vollends belästigte , war die Nothwendigkeit , mit verschiedenen Behörden verhandeln zu müssen , wozu ihn die Beschaffenheit seiner Sendung ganz natürlich verpflichtete . Berührungen der Art waren ihm stets verletzend . Er konnte nun einmal sein Gefühl nicht bezwingen . Er empfand die Verschiedenheit diplomatischer und ritterlicher Galanterie ums o schärfer , je reiner das letztere Element in ihm ausgesprochen war . Was auch die französische Behendigkeit ersinnen , was die regelrechte ausgleichende Sprache auch verbindliches sagen mochte , er ahndete , er sah überall den Hohn , die Geringschätzung leichtsinniger Beschränktheit ; und unerträglich drückte ihn die versteckt gehaltene Ueberlegenheit , mit welcher Besiegte zu ihren Siegern reden durften . Ihm kochte das Blut jedesmal , daß er so oft etwas ähnliches hörte , alle Sinne geriethen in Aufruhr , er mußte sich selbst entfliehen , und Haß und Stolz und jede heiße Regung beleidigter Natur tödten , um Sitte und Anstand retten zu können . Ganz ermattet von so unseligen Kämpfen , flüchtete er einst zu Philipp , dessen Wohnung er ausgemittelt hatte . Der junge ritterliche Künstler saß im dunkeln , leicht umgeworfenen Mantelkragen , mit übergeschlagenem Hemdestreif und entblößtem Hals , pfeiffend vor einer saubern Staffelei . Alonzo blieb ganz verwundert vor ihm stehen . Wie denn , sagte er , sie haben Lust und Muße gefunden , hier selbst etwas zu bilden ? Wo nehmen sie nur den Frieden , die Eintracht im Innern her ? Nun , entgegnete jener lächelnd , was soll ich mich weiter in dem Tumult verlieren ! Auch sind mir die Eindrücke nicht so neu , ich war früher hier und finde daher manchen unbesetzten Augenblick . Mir schien es billig , daß ich dem einzigen beruhigenden Eindruck , den ich hier empfing , Gestalt und Dauer gebe und ein versöhnendes und werthes Andenken aus so merkwürdiger Zeit in die Heimath zurückbringe . Alonzo war näher getreten . Er sah zur Zeit nur die noch erst höchst dürftig und weich gehaltenen Umrisse eines Engelskopfes auf dem Leinen . Das Gesichtchen blickte überaus unschuldig aus einer weißlichen Lichtwolke hervor , die fast blendend an dem nächtlichen Himmel vorüberzog . Unterwärts arbeitete ein dunkel wogendes Meer , dessen nakte , kalte Kreideufer in wunderlich hieroglyphischen Spitzen und Zacken heraussprang . Den Hintergrund deckten tiefblaue Dunststreifen , man unterschied keinen einzigen Gegenstand . Die schauerliche Einöde und tief empfundene Seele des Bildes erfüllte Alonzo mit Ehrfurcht . Er hielt das Ganze für eine Vision , deren der Künstler hier gewürdigt worden und sah andächtig auf dessen Arbeit . Wie indeß nicht leicht im Innern ein Ton angeschlagen wird , den forthallend nicht noch viel andre Klänge und Stimmen wecken und sich ganz eigne Akkorde und Chöre bilden sollte , so rauschte auch jetzt etwas durch Alonzo hin wie der dunkle Flügelschlag der Nacht , von dem die einsame Seele in Sehnsucht erbebte . Alle Empfindungen wurden wach , sie fuhren schauernd aneinander , das Herz stockte fast in den gewaltsamen Wirbeln . Er hatte sich über Philipps Sessel gelehnt , und sah und empfand sich in das Bild hinein , ohne eben deutlich zu denken oder gar zu reden . Die Arbeit ging indeß still fort . Philipp war ohnehin nicht einer von vielen Worten . Es war ihm schon recht , daß nichts Fremdes in sein Thun und Sinnen hineinfiel , Alonzos Blicke begleiteten ihn vielmehr auf ganz eigene , geheime Weise . Mehr und mehr ging ein warmer Hauch von dem Lichtglanz der Wolke aus , Philipp selbst bog sich fast geblendet zurück , das strahlende Engelsgesicht sah wie ein Friedensbote zwischen silberne Mondflämmchen hindurch , die Landschaft war unbegreiflich hell geworden , die wüste Angst der Nacht sank ganz zusammen . Plötzlich fuhr Alonzo mit beiden Händen über die Augen , er sah und sah , seine Blicke wurden immer fester , immer flammender , mein Gott , rief er , wie kommen Sie grade zu diesen Zügen ? das ist ja das Gesicht des Mädgens , das ich neuerlich aus dem Gedränge der Cathedrale trug . Thaten Sie das ? fragte Philipp , den Kopf nach ihm hinwendend , nun da kann es ja sein , daß es dieselbe ist , die ich neben der Mutter knieend , in so seligem Schauen des reinen , ungetrübten Himmels fand , daß ihr still entzückter Blick wie linder Engelsgrus über die unruhig wirre Menge zu schweben schien . Ich habe nie etwas Klareres gesehen . Die blonden Haare spielten so kindlich weich um Schläfe und Wangen , der eingeflochtene Lilienkranz spiegelte sich in dem ruhigen Schein der Stirn zurück , doch nichts glich dem lösenden , beschwichtigenden Zauber jener schwimmenden , ganz von Begeisterung aufwärts gehobenen Augen , sie sahen , sie empfanden nur das Licht ewiger Liebe . Nirgend noch begegnete ich so fester Andacht in Mitten so sündlichen Tobens . Philipp hatte mit großer Lebhaftigkeit geredet , die Begeisterung spielte in röthlichen Streifen auf seiner Stirn , seine Augen schienen größer als sonst , sie bewegten sich leuchtend in ihren Kreisen . Doch wie die Jugend oft beschämt da inne hält , wo sie mit liebenswürdigem Selbstvergessen über sich hinauszugehen bereit war , so zügelte auch hier anmuthige Blödigkeit Philipps Zunge , er schwieg , sah Alonzo noch einen Augenblick nachsinnend an , und wandte sich dann zu seiner Arbeit zurück . Daher also , sagte Alonzo zerstreuet . Wie konnte Sie nur die Französin so begeistern ? Das lassen Sie sich weiter nicht anfechten , entgegnete Philipp , das kommt hier ganz und gar nicht in Betracht . Es ist Gottlob nicht sowohl die Frage , wo sich ein Künstler befindet , als ob überhaupt ein Künstlerauge da ist , denn Offenbarungen denke ich giebt es überall ! Alonzos Blicke hingen unverwandt an dem Bilde , er schien ganz hineingewachsen . Offenbarungen , wiederholte er langsam , giebt es überall ! Und alle Werkzeuge der Offenbarung sind geheiligt ? Fragen Sie sich das noch , unterbrach ihn Philipp lächelnd ? Alonzo wandte sich mit einiger Heftigkeit abwärts . Er trat zum Fenster und starrte mehrere Augenblicke finster in die dunkle , unter menschliche Thorheit veraltete und verjüngte Stadt ; Haß und Unwille behaupteten wieder ihr verjährtes Recht . Er athmete tief auf , und ohne das Bild weiter anzusehen , reichte er Philipp die Hand , drückte und schüttelte sie und fragte mit abwehrender Eile : wo treffen wir einander nun wohl wieder ? Jener sah ihn etwas befremdet an , doch eine leise Empfindlichkeit schnell unterdrückend , entgegnete er heiter und zuversichtlich : Nun es trifft sich ja wohl bald einmal auf diese oder die andre Weise . Er war aufgestanden und beschäftigt , Pinsel und Palette an die Seite zu legen . Das Bild stand frei . Alonzos Blicke streiften unwillkührlich daran hin . Er riß sich unter glühendem Erröthen davon los , als Philipp wieder zu ihm gekehrt , seinen Augen begegnete . Alonzo drückte den jungen , anmuthigen Künstler an seine Brust und flog wie ein Getriebener aus dem Zimmer . Sechstes Kapitel In Paris war es indeß nach und nach zu einer gewissen Ordnung gekommen . Die Eingebornen hatten sich in gänzlicher Sicherheit beruhigt , die Fremden leidlich gewöhnt . Das Neue war alt geworden . Kein Mensch wunderte sich mehr . Man langweilte sich so alltäglich aneinander hin , und die Stadt würde vergessen haben , wie ihr geschahe , hätten Kaiser und Könige nicht von Zeit zu Zeit ihre Truppen zur Heerschau versammelt . Dahin drängte denn doch immer wieder Alt und Jung . Man ward es nicht müde die schönen , kräftigen Gestalten , den Glanz , die Behendigkeit und würdig stille Haltung der ritterlichen Helden zu bewundern . Der Trompete weckender Klang , der Waffen heller Schein , das Hurrah , der pfeilschnelle Flug behender leichtfüßiger Pferde , das Leben , die Bewegung war doch jedesmal wieder neu und verlockte Herz und Augen . Einst hatte der König von Preußen seine Garden zusammenberufen . In langen glänzenden Reihen füllten sie die Avenüe von Saint Germain . Ihr königlicher Führer hielt neben dem unvollendet gebliebenen Triumpfbogen von Jena . Die Lust ewiger rächender Vergeltung blitzte aus Aller Augen . Ohne Stolz , mit treuherziger Vergnüglichkeit sahen die zuversichtlichen , ehrenfesten Krieger auf jenes schmähende Denkmal , und nachdenklich erwogen sie , wie wunderbar Gott der Zeit und den Kräften gebiete , nur fertige , was bestehen solle . Unzählige Wagen hielten dicht aneinander gereihet , unzähliges Volk wimmelte dazwischen , Adjudanten und Commandirte rauschten nur so eben an den Zuschauern hin , man hörte nicht den Hufschlag ihrer Pferde , halb schreitend , halb fliegend schienen diese kaum den Erdboden zu berühren . Federbüsche wogten , Bajonette blitzten , Helm und Küraß leuchtete golden in spielenden Sonnenstrahlen . Voll und gewaltig schmetterten helle Kriegsklänge dazwischen , alles Leben wurde wach , alle Herzen schlugen freier , man musterte , verglich und lobte nicht mehr , man sahe , man jubelte nur . Alonzo hielt im Gefolge eines englischen Generals nahe an der Barriere de l ' Etoile . Hier hatten sich viel Wagen zusammengedrängt , der Lärm war ungeheuer , Alonzos Pferd wieherte jedem Trompetenstoß nach , und stampfte und schüttelte schäumend an dem zügelnden Gebiß . Er strich ihm wohl begütigend den schlanken Hals , und meisterte und wendete sich mit ihm bald rechts bald links , aber in der Seele war ihm wie dem feurigen Thier ; vorwärts ! rief es mit tausend Stimmen und die Zähne zusammenbeißend , schlug er die zündenden Augen gen Himmel . Er beachtete es nicht , daß dicht hinter ihm viel Lärmens und Gelächter war ; ein junger französischer Offizier sprengte mit fliegendem Ellenbogen und schwerfälliger Beweglichkeit bald hin bald her , hatte überall zu sehen und zu reden . Jetzt bog die lange Wagenreihe etwas seitwärts , die Preußische Garde dü Corps marschirte vorbei . Unwillkührlich lief ein leises Murmeln durch die Menge , man hatte nie etwas Schöneres gesehen . Ernst und gemessen ging der Zug vorbei . Alonzos Herz bebte bei dem Rasseln der Waffen , dem stolzen , sichern Tritt der Pferde , dem heitern Glanz freudiger Maiengesichter . Er hatte sich etwas genähert , um genauer zu sehen . Sein Pferd arbeitete und drängte ungestüm an die Wagen hin , er war gezwungen es zu beachten als er eben an einem perlfarbenen Muschelwagen mit silbernen Verzierungen streifte und durch einen gewaltigen Satz ein junges schlankes Frauenzimmer tödtlich erschreckte , die mit dem Rücken gegen ihn gewandt , die eine Hand auf dem Knopf des Schlages gestützt , stehend , die Regimenter vorüberziehen sah . Sie fuhr leise aufschreiend zusammen , und blickte etwas bleich und verstört nach dem schnaubenden Barber um . Ein leichter Strohhut mit blaßrothen Rosen beschattete das feine Gesichtchen , gleichwohl waren diese Augen nicht zu verkennen , Alonzo neigte sich überrascht vor seiner Unbekannten aus der Kathedrale . Der junge laut bewegliche Franzose , der sich schon früher viel um diesen Wagen zu schaffen machte , hielt auf jener Seite , so daß er Blansche gegenüber war , er machte in diesem Augenblick eine etwas rasche Bewegung zu Alonzo hin , öffnete die schmahlen , eingezogenen Lippen und stand im Begriff etwas Scharfes zu sagen , als sich Fahrende und Reuter plötzlich in Bewegung setzten und alles aneinander und durcheinander zur Stadt lenkte . Alonzo war immer grader und höher auf seinem Pferde geworden und schien noch jene gedrohete Anrede zu erwarten . Jetzt schoß er pfeilschnell nach der Barriere zu , er hätte die Welt darum gegeben , dem übermüthig fragendem Gesicht noch einmal zu begegnen , aber das wüste Gewirr wickelte sich immer dunkler , immer unkenntlicher in einander , ganz von weitem zeigte sich die silberne Muschel von vier Apfelschimmeln gezogen , noch einmal . Alonzo hielt die Hand wie geblendet vor die Augen . Als er wieder aufsah , stand ein allerliebstes zierliches Kind , mit den aufgehobenen Armen ein Körbchen voll der glühendsten Rosen haltend , neben ihm . Mine und Geberde sagte : schöner lieber Herr , kaufen Sie doch . Alonzo blickte ganz tiefsinnig in die hellen Rosenlichter , es trabte ein Preußischer Freiwilliger vorbei und sang : Ihr habt uns geladen Wie ringen wir baden Durch Blut und durch Wolken An ' s herrliche Ziel . Alonzo hatte früherhin auf spanischem Boden tapfere Deutsche gekannt , die der allgemein heiligen Sache im fremden Streite dienten . Das Wort Blut war ihm wohlbekannt , es fiel wunderbar in sein Ohr ; er wandte sich nach dem Reuter und griff fast zugleich in das weiche Blumenmeer , die rothen , duftenden Wellchen spielten kühlend um seine Finger , er faßte eine Hand voll Blumen und sagte ganz unwillkührlich : rothe Rosen , rothes Blut : und Geld in das Körbchen werfend , trabte er ganz in sich versunken nach seinem Quartier . Siebentes Kapitel Hatte Alonzo bis dahin still und verborgen gelebt , so hielt er es jetzt seiner Ehre gemäß , überall , so viel sichs thun ließ , an öffentlichen Orten zu erscheinen . Kein Mensch sollte ihn vergebens suchen , keine an ihn gerichtete Frage unbeantwortet bleiben . Er war deßhalb , alles Widerwillens ohnerachtet , fast zu jeder Stunde im Palais Royal zu finden . Sein stattlich stolzes Wesen , der feste Trotz , mit dem er etwas zu erwarten schien , die kalte Geringschätzung in Blick und Minen bezeichnete ihn bald genug . Karikaturen und Vaudevilles malten den tiefsinnig spröden Spanier auf komisch neckende Weise , ohne daß er selbst eine Ahndung davon hatte . Sein Auge war auf ganz Anderes gerichtet . Mit scharfem Adlerblick faßte er jedes verwandte Gesicht , ohne gleichwohl seinen Mann finden zu können . Unwillkührlich hatte er denn doch manche Bekanntschaft gemacht , sich manchem Kreise angeschlossen . Es konnte nicht fehlen , daß er hin und her zur Theilnahme gezwungen , in Gespräche verwickelt ward , in denen er ein tiefes , überaus edles Gemüth offenbarte . So fand er sich bald gesucht und schon in den ersten Tagen unter mehreren verbündeten Offizieren einheimisch . Es kam hier vieles zur Sprache , das die gemischten , oft verletzenden Verhältnisse der Zeit mit immer gesteigertem Unwillen aus den empörten Herzen riß , man stachelte sich so gegenseitig und es sprüheten Funken , die oft nur des zündenden Gegenstandes ermangelten , um hell aufzuflammen . Niemand machte just ein Hehl daraus , daß er das Land , die Stadt und die Einwohner hasse , daß dies Gefühl rechtmäßig und nun und nimmermehr auszurotten sei . Wir haben es leider nur allzuzeitig vergessen , sagte einst ein wackrer Oestreicher , wie uns seit dem spanischen Successionskriege her und wohl früher dies Volk gehofmeistert und durch seinen sündlichen Einfluß unterjocht hat . Das waren Franzosen wie jetzt . Man sagt immer : die Revolution und der Napoleon habe alles so schlimm gemacht , aber es lese nur Eins wie es damals zuging , Treue und Glauben war niemals drin . Da hinter , sagte ein blonder , hochgewachsener Brandenburger , sind nun wohl nach grade auch alle gekommen , mit dem Vertrauen ist ' s meist aus und jedweder bleibt gefaßt und auf seiner Hut . Was schmeichelt man ihnen denn noch lange , unterbrach ihn der Oestreicher , und läßt sie glauben , sie seien nicht besiegt . Es hätte nicht viel gefehlt , wir maßten die grünen Zweige verstecken , weil ihnen das ehrenwerthe Feldzeichen in die Augen schlug . Darf sich wohl Einer rein heraus Sieger nennen , wir umgehen und umgehen das Wort und thun mit ihnen , wie mit kranken Kindern , darüber werden sie vollends thöricht und vorlaut . Ich glaube , sagte der Brandenburger aufstehend , man macht es mit den Franzosen wie mit den Besessenen , man scheuet und windet sich vor ihren krampfigen Zuckungen , und läßt sie laufen . Ich habe nur eine Zeitlang das Wesen so mit angesehen , und all ' die Manövres und Kunststückchen vormachen lassen , es war mir spaßhaft genug , daß sie mich zu imponiren glaubten , aber es nehme mir kein Mensch übel , lange hält man das nicht aus , zuletzt wird man ganz müde und matt und geht ihnen gern aus dem Wege . Ein feiner , schlanker Russe , der eine Zeitlang lächelnd in den Streit hinein gesehen hatte , sagte jetzt in etwas gepreßtem weichem französisch , wir hätten doch alle sammt unrecht , die Nation zu hassen , da wir ihrer Sprache jede gesellige Mittheilung und selbst den jetzigen , kameradschaftlichen Verkehr verdanken . Auch können wir es uns nicht wohl ableugnen , daß , die augenblicklichen Mißverständnisse abgerechnet , Paris der Sitz aller urbanen Gewandheit , des feinsten Gesellschaftswitzes und einer Cultur ist , wie wir sie anderswo nur im matten Wiederscheine finden . Die Franzosen bleiben immer unsre Vorbilder und wir streben vergebens sie zu erreichen . Gestehen wir es nur , wir bleiben bei allem Stolz weit hinter ihnen zurück . Solch Streben , fiel der Preuße ein , verdient solchen Lohn . Gottlob ! bei uns ist die alte Comödie ausgetrommelt . Es bringt sie kein Mensch mehr aufs Tapet . Wir fangen denn doch nach grade an uns zu ehren . Im Selbstgefühl liegt die Selbstständigkeit , darauf soll der deutsche Ritter wieder seine Burgen bauen , und denn wirds auch mit der vielgepriesenen Welt- und Gesellschaftssprache ein Ende mit Schrecken nehmen . Ich sehe gar nicht ein , weshalb sie nicht zu entbehren sei . Es kommt nur darauf an , daß nothwendiger Ausgleichungen im Leben wegen , das klassisch , poetische Italiänisch Hofsprache werde . Welch ganz anderer Geist würde in die Gesellschaft übergehen . Und gleichwohl , fiel der Russe ein , bestechen die Franzosen uns heut wie immer , uns reitzt und lockt die Meisterschaft dessen , was wir kennen , ohne es zu können . Mich nicht , fiel ein alter Landwehroffizier ein , mich wahrhaftig nicht . Ich wollte das Meer verschlänge das ganze Land , ehe ist doch keine Ruhe in der Welt . Philipp war während dem hinzugekommen . Er lachte über des alten guten Mannes Eifer , und malte seinen Vernichtungswunsch noch deutlicher aus , indem er in den Franzosen schon Seeungeheuer sahe , die nach tausend und tausend Jahren die Uferfahrenden durch wunderlichen Spuk erschrecken würden und deren räthselhafte Fabeln die späten Nachkommen von diesem Kriege und der Ahnherrn tapfere Thaten hören sollten . Man lachte und umspann Zorn und Unwillen in allerlei possenhaften Ausfällen . Alonzo hatte sich etwas entfärbt als Philipp ihm zutraulich auf die Schulter klopfte und neckend fragte : Wie nehme ich es denn , daß Sie zu dem allem schweigen ? Was sollen Worte ? entgegnete jener . Wir sehens ja , man kühlt sich gegenseitig wieder ab . Es ist immer ein müßiges Geschäft , das Skelett eigner Empfindung einem Andern ins Herz drücken zu wollen , jener wirft es heraus wie es ihm beschwert und behält höchstens einen widrigen Eindruck davon . Er hatte sich selbst im Reden erbittert und sah tiefsinnig und kalt an Philipp hin . Dieser schlenderte neben ihm , an etwas anders denkend , hin Beide traten in die Vorhöfe des ungeheuren Gebäudes . Es war schon spät , der Nachtwind wehete kühl . Im Caffé de la Rotonde erlosch ein Licht nach dem andern . Die Patrouillen gingen spähend umher , die Menge verließ sich . Mich friert , sagte eine bebende Stimme dicht neben Alonzo , gehn wir , mir ist so angst , es ist Zeit , niemand kommt mehr , alles wird still . Alonzo wandte sich nach der Stimme hin , er erkannte die Blinde von den Boulevards , an der Hand des braunen Kindes . Da steh ' n noch zwei , flüsterte dieses ; wo ? fragte die Alte . Die Kleine bog die dürre Hand der Mutter bittend nach Alonzo . Doch diese zog sie sogleich zurück ; laß nur , sagte sie , laß , tritt niemand mehr in den Weg , es ist keine gute Stunde , stöhre niemand , hörst du , komm , jeder hat sein Geschäft , ach Gott , mir wird so angst ! Sie keuchte an Alonzo vorbei , er hörte sie noch dumpf aus der Ferne stöhnen , bis sie in dem Caveau des aveugles verschwand ! - Wo wollen Sie hin ? fragte Philipp , als sich Alonzo schnell nach den Zimmern zurückwandte , aus denen sie gekommen waren . Ich habe drinnen etwas zu zahlen vergessen , erwiederte dieser flüchtig . Lassen Sie ' s doch bis morgen , rief ihm Philipp nach , Sie hörens ja , es ist keine Zeit mehr zu Geschäften . Alonzo stand einen Augenblick unschlüssig , doch gleich darauf war er verschwunden . Philipp ging einige Zeit auf und ab , in der Absicht ihn zu erwarten . Er hätte ihn gern noch gesprochen . Doch währte es lange . Er konnte das nicht begreifen und halb verdrießlich , halb von einem beklommenden Vorgefühl getrieben , folgte er dem Zögernden nach . Es war fast überall schon öde und leer . In einem hintern Spielzimmer endlich fand er Alonzo an einen Pfeiler gelehnt , mit festem Blick auf mehrere französische Offiziere sehend , die unter tollem lautem Gelächter einen jungen Cameraden aus ihrer Mitte zuhörten . Dieser hielt ein Blatt in der Hand , und fuhr mit dem länglichen Zeigefinger , seinem Witz bei sehr beweglichem Minenspiel mehr Nachdruck gebend , geschäftig darüber hin . Man trieb hier sichtlich höchst leere und flache Possen . Philipp trat daher ganz entrüstet zu Alonzo , ihm zuflüsternd , um Gotteswillen was thun Sie hier ? lockt Sie die verrenkte Spaßhaftigkeit so unwiderstehlich an ? Es hatte mich vorlängst , entgegnete Alonzo mit unverwandtem Blick , einer der Herrn etwas zu fragen , ich erwarte nun daß ers thue . Ah ! so ! erwiederte Philipp , ohne sonderlich den Sinn jener Worte zu beachten . Er hatte viel anderes in Gedanken , und übersah leicht was um ihn vorging . Nachläßig zog er einen Stuhl in eine Fenstervertiefung , stützte den Ellenbogen auf den Sims und den Kopf in die Hand gelegt , richtete er die dunkeln Augenlichter in die Nacht stiller träumender Erinnerungen . Jetzt ward es jedoch laut neben ihm , er ließ die Hand sinken und wandte das Gesicht nach dem Geräusche hin . Der junge Franzose trat mit eingeknicktem Beine und nachläßig schleppendem Gange , die geringschätzige Weise des Kaisers Napoleon nachahmend , Kopf und Nase in die Höhe geworfen vor Alonzo , und fragte mit Talmas Heldenmine : ob er etwas an ihm auszusetzen finde , da er ihn seit lange auf belästigende Weise fixire . Ich erwartete Sie , entgegnete Alonzo trocken . Sollte , fuhr der Franzose die Antwort überhörend , fort , in Spanien , wie ich Ursache habe zu glauben , unsre freie , reiche Lebensgewandtheit noch fremd sein , so erlauben Sie mir Ihnen zu sagen , daß es bei uns höchst auffallend ist , jemand anzusehn , ohne ihn zu begrüßen . Der Gebrauch verbietet das durchaus , es darf nie geschehn ! Alonzo stand , beide Hände übereinander auf den aufgestemmten Säbel gelegt , höchst stolz und feierlich vor ihm , und mit einem Feuerblick , an dem der Franzose fahrig hin und her flog , sagte er gelassen , ich habe mich niemals um französische Gebräuche bekümmert , spanische Rittersitte , aber denke ich , sollte man in Frankreich kennen gelernt haben . Die Bekanntschaft , fiel der Franzose rasch ein , ist nicht seit gestern , sie war gegenseitig , auch ermangelten wir nicht ähnliche Notizen zu sammeln . Er hob ein bemaltes Blatt gegen die flache Hand gelehnt , schräg gegen Alonzo auf , und mit gekniffenem fuchsartigen Lächeln setzte er hinzu : wenn Umstände und Nationaldekrete uns die Waffen aus der Hand winden , so sehen Sie , daß wir die Waffe des Spottes unbestritten besitzen , vor der dennoch ganz Europa zittert . Alonzo hatte nur ein halbes Auge an die bunte Fratze gewandt , in welcher er sein und seiner Nation karikirtes Bild in der Person des Donquichot aus einem Lieblingsstück der Variétés , Croque mitaine genannt , in allen seinen Zügen sprechend ähnlich , erkannte . Der Zorn flammte leuchtend auf seiner Stirn , er behielt die eine Hand an dem Säbel , neigte die andre gleichsam winkend gegen seinen Gegner , und sagte mit stiller Sicherheit , wir Spanier pflegen die Franzosen nur mit Blut zu malen . Er winkte noch einmal , und vorausgehend , setzte er hinzu , ich bitte zu folgen . Philipp hatte schon längst sein weißes Barett in die Augen gedrückt , das Schwerdt heftig unter die Arme geklemmt , sich ungeduldig die Hände gerieben und bald den einen bald den andern Fuß zum Weggehen gehoben . Er zitterte vor innerer kaum verhaltener Wuth , er hätte den Uebermüthigen auf der Stelle niederstoßen mögen . Jetzt stand er unter heftigem Herzklopfen neben Alonzo . Der Franzose lächelte auf eigne höhnisch verbindliche Weise , redete ein paar Worte mit seinen Cameraden und folgte Alonzo dann mit theatralischer Vornehmheit . Sie gingen rasch und schweigend durch Straßen und über Plätze , jetzt standen sie an einer Gartenmauer . Alles war still , der Raum bequem . Die Entfernung ward ausgeschritten , man stellte sich . Alonzo blickte noch einmal umher , er sah über die ausgebogene Mauer zwischen dunkeln Buchenwänden auf einen frischen Rasenplatz , hohe Rosen und Lilien weheten duftend herüber , ganz von fern schimmerte ein weißes Gewand , wie ein Lichtwölkchen durch die Schatten . Arme Taube ! dachte Alonzo , so nahe bei dir rauscht vielleicht der Todesengel . Er hob das schöne Auge ernst gen Himmel , silberne Mondlichter spielten auf seinem Gesicht , die dunklen Locken wogten in der Nachtluft , das Schwerdt blitzte in seiner Rechten . Mit Gott , rief er , die freie Hand aufs ungestüme Herz drückend , schnell trafen dann die scharfen Waffen aneinander , es ging eine Weile Stich um Stich , drauf taumelte der Franzose , der Säbel fiel ihm aus der Hand , das Blut sprang dicht unter dem Herzen hervor , todtenbleich sank er in seines Kameraden Arme . Alonzo schöpfte Athem , da rauschte das weiße Gewand immer näher und näher heran , das Gartenpförtchen sprang auf , Türgis , mein Türgis , rief eine Engelsstimme ! Bediente stürzten herbei , man umringte , man bestürmte den Verwundeten und trug ihn endlich unter lautem Jammergeschrei in den Garten . Die Thür schlug hinter ihm zu , alles ward still , Alonzo stand auf Philipp gestützt , einsam in der kühlen Nacht . Er seufzte tief , drückte Philipp die Hand und ging von dem stillen , innigen Jüngling begleitet , im wunderbarsten Taumel der Sinne nach Hause . Achtes Kapitel Philipp war des andern Tages schon geraume Zeit bei Alonzo , ohne daß beide noch eigentlich mit einander geredet hätten , es wußte eben keiner recht anzufangen , indeß Blick und Minen tausend Fragen an des Andern Seele thaten . Sie haben wohl nichts gehört , hub endlich Alonzo an , das Auge unsicher auf Philipp gerichtet . Doch , entgegnete dieser , ich weiß wenigstens , daß Ihr Gegner lebt , daß er der Sohn einer Frau von Saint Alban und eines Herzogs Neffe ist , in Spanien für den Unterdrücker focht , und daß just nicht viel an ihm verloren wäre , falls der Himmel dennoch über ihn beschlossen hätte . Er hatte dies Letztere schon mit halbem Lächeln gesagt und der lustige Glanz der Augen zeigte , daß er auf dem schönsten Wege war , seiner neckenden Laune Bahn zu machen . Gestehe ich es Ihnen nur , fiel Alonzo niedersitzend ein , mir ist es lieb , daß er lebt . So lange ich gegen das namenlose Wesen focht , schlugen Haß und Rache flammend über mir zusammen , ich sahe , ich hörte nichts als die verhaßten Töne , die meine Brust unter tausend Qualen unaufhörlich zerrissen . Ich dankte dem Himmel für diesen Augenblick , der ätzende Aerger war mir Labsal und da mir nun die warmen Blutquellen hell entgegensprudelten , athmete ich leicht , Gott , dachte ich , hat gerichtet . Als aber jene Klagestimme mir einen Namen nannte , da war es mit dem Zorne plötzlich aus , ich fühlte ein menschliches , von warmen Herzen geliebtes Wesen nahe . Der wunde Jüngling kam mir mit einem male ganz anders vor , er lag so bleich , so rührend da , aller Uebermuth war von der Stirn weggehaucht , sie schien mir ganz klar und rein . Der Schmerz zuckte wehmüthig an seiner Lippe , es ging mir durch alle Nerven , ich hätte ihn küssen , ihn Bruder nennen mögen . Philipp , darf auch der Mensch so über den tief bewartesten , heiligsten Gefühlen schalten lassen , darf er dem Mitleid diese Gewalt einräumen ? Philipp war auf- und abgegangen . Die Schultern etwas gehoben , mit der Hand auf Allgemein hinweisend , sagt er : Gott trägt auch Mitleid mit dem Sünder , wir sollen uns freuen , wenn wir einmal eine freie göttliche Regung in uns spüren . Was ängstigen wir uns überhaupt über etwas , was einmal nicht anders sein kann . Sie erkannten sie gleich ? fragte Alonzo ohne aufzusehen . Jener wandte sich rasch , sah ihm scharf ins Auge und halb ernst halb lächelnd , sagte