der Menge entzündeten . Und aus all den verwandelten Umgebungen starrte ein neues Geschlecht mit verwilderten Blicken hervor . Sehr mannigfach und in seltsamer Verzerrung war dessen Erscheinen ! Auf das Empörendste trieben viehische Rohheit und bettelhafter Trotz ihr wüstes Spiel unter Männern und Frauen . Bewaffnete und verstümmelte Weiber schleppten sich in wilden Haufen umher , hielten Wegelagerung und waren die grausamsten Verfolgerinnen ihrer Beute . Spindel und Nadel ruheten , das Schwerdt half ertrozzen , was diese mühsam erwarben . Aber mehr noch als Geldgier und Rache war Mißtrauen das Schreckensgespenst , das vor jeglichem herging , und mit seinem Pesthauch die Lebensluft vergiftete . Es zerschnitt plötzlich Vertrauen und Zuversicht und verwirrete die reinsten Verhältnisse . Unversehns hatte es auch den Marquis erfaßt , die düstere Verwilderung um ihn her hatte in diesem den unheimlichen Gedanken erwerkt , daß der Köhler abgeschickt sei , ihn vor irgend ein Blut-Gericht zu locken , daß man ihn dort der Zauberei angeklagt habe , sein verborgenes Wesen indeß scheue , deshalb keine Gewalt gebrauchen wolle , und sich der List bediene . Was zu Anfang nur in dunkler Beklemmung sein Herz zusammenzog , arbeitete sich immer deutlicher und kenntlicher herauf , wie er den Gedanken nur einmal ins Auge faßte . Jede Bewegung des Köhlers ward ihm verdächtig . Er bewachte ihn mit gespannten Blicken und steigerte seine Angst , vorzüglich gegen die Nacht , auf eine Weise , daß die wildesten Mordbilder seine Seele durchzuckten . Der stille Schlaf des müden Mannes schien ihm die abgefeimteste Heuchelei , und ein verruchtes Mittel , ihn selbst zu ähnlicher Hingebung anzulocken . Dahin ließ es nun die geängstete Natur auf keine Weise in ihm kommen , das fühlte er wohl , indem er sein Ahnungsvermögen pries , welches ihn zu rechter Zeit vor Gefahr warnte . Diese ward ihm aber so gewiß , daß er entschlossen war , umzuwenden , und nach dem Schlosse zurückzufahren . Indeß schwankte er noch , und verweilte einen Augenblick bei der Möglichkeit , das allgemeine Elend könne ihn sehr zur Unzeit scheu und voreilig machen , als ein neuer unerwarteter Auftritt seine ganze Aufmerksamkeit gefangen nahm und ihn zwang , auf das Nächste und Gewisseste hinzusehn . Ihr Weg führte sie an dem Schlosse des Baron Clairval vorbei , welcher mit einer Schwester der verstorbenen Marquise vermählt war . Unzähligemal kamen die jungen Frauen in der schönen Sommerzeit des kurzen Eheglückes der Marquise hier zusammen . Der Baron , voll gemüthlicher Fröhlichkeit , reich , großmüthig , gastlich , sinnreich im Genuß der Zeit , zog Freunde und Bekannte in seinen heitern Kreise . Die jugendlichste Lebenslust trieb hier ihr freudiges Spiel . Theater , Bälle , glänzende Aufzüge , muthwillige Verkleidungen , gesellige Intriguen , Freundschaft und Liebe , alles durcheinander , füllte hier Herz und Sinne vieler sorgenfreien , lustigen Menschen , denen sich die Welt , wie eine Knospe , plötzlich im Frühroth des Lebens öffnete . Der Marquis insbesondere sprühete seine Feuernatur in tausend glühenden Funken umher , wohin diese fielen , zündeten sie , und strömten bewegliches Leben durch die gesellige Lust . Ihn selbst erfüllte nur ein Gefühl , Vergötterung der jungen , bildschönen Frau , und heftiges Verlangen , diese unauflöslich an sich zu ketten , zu bannen , durch alle Künste geheimnißvoller Liebeszauberei . Damals spielte dies Verlangen nur noch auf der frischen , farbigen Blumendecke des Lebens . Die Aufmerksamkeit des geliebten Weibes immer neu und gespannt auf sich zu heften , zeigte er sich dieser in mannigfacher Gestalt . Sein reiches Talent , die Gewalt und brennende Kraft seines Willens , gaben ihm tausend Mittel dazu . Er war furchtbar herrlich in der Tragödie , blendend und fast verwirrend im magischen Zauber ausgewählter Aufzüge , zierlich , gewandt bei Tanz und Spiel , und unwiderstehlich fortreißend in der leidenschaftlichen Gluth seiner Liebe . So überfüllte und zersprengte er denn auch das zarteste Herz , das sich in jenen Tagen unbefangen an das seine legte . Seitdem sah er das Schloß nicht wieder . Mit allem , was ihm sonst gelacht , zerfallen , blieb ihm das gastliche Gebäude verschlossen . Jetzt war es bis auf seine Grundsteine geschleift , Lust- und Fruchtgärten lagen verschüttet , wo sich einst die heitern Zimmer dem vertrautesten Menschenverkehr eröffneten ; wo Musik , befreundete Gespräche und der Liebe leises , berauschendes Geflüster erklangen , da brannten jetzt Wachtfeuer , ein republikanisches Chasseur-Regiment nebst Infantexte-Bataillon stand dort auf dem Bivouac , Gesindel aller Art hatte sich hinzugesellt , viel abentheuerliche Gestalten lagen neben dem Auswurf des Pöbels um dampfende Kessel frisch geschlachteten Fleisches , freche Lieder schallten durch die Luft , zwischen den Feuern sah man die Carmagnole unter wüthenden Verdrehungen tanzen , dazwischen schrieen ganze Schaaren Raubvögel , die gierig auf die ekelhaft umhergeworfenen Eingeweide des getödteten Viehes niederfielen , an den Seiten hielten Vedetten zu Pferde und zu Fuß . Eine derselben , ein Infanterist , vertrockneter , dürftiger Statur , in weiten Lumpen hängend , mit seltsam aufgeputztem Helm , dessen Flügelartige Schutzleder von Tigerfell sich um das gelbe , abgeflachte Gesicht legten und es bewahrend einschlossen , brüllte den Reisenden sein qui vit ? entgegen . Dem Marquis , dem Vergangenheit und Gegenwart , wie zwei gegeneinander fassende Dolche ohnehin in die Seele schnitten , gerieth durch den widerlich-trotzigen Anruf ganz außer sich , er sprang auf , griff nach seinen Waffen , und war im Begriff , ein Pistol abzudrücken , als der Köhler sich über ihn warf , seine Arme fest um ihn schlang und dem Vorposten zurief , er bringe den wahnsinnigen Bürger Villeroi in Verwahrung in das Hospital nach St. Fons . Der Marquis schrie bei diesen Worten laut auf , und der Köhler hatte alle Mühe , sich seiner versichert zu halten , als der Republikaner ungestüm den Paß zu sehn verlangte . Da kam ein junger schöner Mann , in reicher Uniform , auf stattlichem Pferde , an den Wagen gesprengt , und gebot mit überaus milder Stimme , den Unglücklichen fahren zu laßen , der sichtlich Hülfe bedürfe . Der Ton dieser Stimme fiel wie Balsam auf des Marquis innere Wunden , er wußte nicht , wie ihm geschah , der Zorn hatte keine Kraft mehr in ihm , Thränen stürtzten aus seinen Augen , er wollte dem jungen Mann um alles nur einmal ins Gesicht sehn , aber der hatte sein Pferd gewandt , und der Wagen flog schnell davon . Der Köhler ließ jetzt den Marquis aus seinen Armen . Verzeiht , lieber Herr ! sagte er leise , wenn Euch meine Worte verdrossen haben , aber ich wußte kein ander Mittel , und es ist doch nun auch alles gelungen . Der Marquis erwiederte nichts , drückte sich in eine Ecke des Wagens und bemerkte es kaum , daß unwillkührlich ein Gebet über seine Lippen flog . Der Köhler zog einen Rosenkranz aus dem Futter seines Rockes und betete still mit , bis der Marquis eingeschlafen war . Dieser sah im Traum den jungen Mann in allerlei bekannter Gestalt hin und herschwanken . Paris , das verwüstete Schloß , er selbst , seine früherer Soldatenstand , alles rankte sich in ein buntes Geflecht zusammen , zuletzt trat die verstorbene Marquise zu ihm , sie hielt den Finger auf das geheimnißvolle Buch , die magischen Zeichen flossen alle in einander , dann traten wieder Buchstaben einzeln herauf , aber er konnte sie nicht festhalten , und vergaß einen über den andern , da wollte er fragend zu der Marquise hinsehn , die war nicht mehr da , das Buch aber , was er in der Hand hielt , war die Bibel . Die Bibel ! - sagte er träumend , als jetzt der Wagen hielt und der volle Tag das Kloster beschien , welches am Abhang eines ausnehmend frischen und blühenden Hügels vor ihm lag . Der Köhler öffnete den Schlag , der Marquis sah gerührt auf ihn hin , reichte ihm in schweigender Beschämung die Hand , und ging nun , von der treuen Seele geleitet , den Steg hinan . Sie fanden die großen Flügelthüren achtlos angelehnt , das Gebäude wie ausgestorben , alle Zellen offen und leer ! Dem Marquis klopfte das Herz in unaussprechlicher Angst , auch der Köhler ward unruhig , indeß fanden sie keine Spur irgend einer Gewaltthätigkeit . Freiwillige Auswanderung nur war denkbar , doch so plötzlich erschien auch diese unbegreiflich . Sie setzten daher ihre Nachforschungen mit möglichster Sorgfalt fort . Alle Schlupfwinkel waren bereits durchsucht , als sie hinter einem Pfeiler in der Kapelle eine Thür wahrnahmen , sie öffneten und eine Treppe hinuntergingen , welche zu mehrern labyrinthisch in einander fortlaufenden Gewölben führte . Der schräge Strahl eines fernen Lichtscheines gab ihrer Wanderung hier bestimmte Richtung . Sie traten auch bald in eine weite Halle , deren schöne Verhältnisse und schlanke Säulenpracht , den Eintretenden das Gefühl heimathlicher Ruhe und tiefen Ernstes in die Seele legte . An den Seiten standen viel kostbare Särge in Nischen , welche zugleich die steinernen Bildnisse verstorbener Klosterfrauen einschlossen . Aus dem Hintergrunde strahlten mehrere Kerzen herauf und verbreiteten ein heiteres Licht über die einfach große Erscheinung . Das bewegliche Gemüth des Marquis war auf das Höchste gespannt , als die Aebtissin , durch den Anblick des Köhlers jeder Erklärung überhoben , von mehrern Jungfrauen begleitet , vortrat , und dem Marquis ein überaus zartes , fast kindisches Wesen , mit blondem Lockenköpfchen und schmeichelndem Augenpaar , zuführte . Mehr hinter ihr , als zu ihrer Seite , schritt eine hohe Gestalt von überaus großer Schönheit , blendendem Auge und strenger Regelmäßigkeit in Wuchs und Gang , langsam , fast zögernd , einher . Der Marquis hatte die Worte : Ihre Kinder ! schon gehört , fühlte die Kleine unter heißen Thränen an seiner Brust , als jene , nicht scheu , nicht schroff , aber sinnig beachtend , dastand , gleichsam , als erwarte ihr Herz , was der ungekannte Vater zu diesem sprechen , was der ganze wunderbare Moment ihr sagen werde . Auch der Marquis sah fragend in ihr Auge und beider Blick brannte in stummen schauervollem Erkennen ineinander . Meine Tochter , sagte er langsam , sich des Unbegreiflichen versichernd , sie neigte sprachlos ihre Stirn auf seine Hand und es schien , als gehe mit dieser Berührung sein ganzes Wesen , zu ihrer Verständigung , in sie über . Unter Gräbern , sagte sie , welche Betrachtung eben in ihm aufstieg , führt uns das rohe Leben zusammen . Es deutet uns wohl auf den trüben Ernst unserer aller Zukunft ! Die Aebtissin sah sie verwundert an , sie hatte sie niemals so bestimmt und dreist sprechen hören . Antonie aber sank zu ihren Füßen , umfaßte ihre Knie und flehete mit nie geäußerter Heftigkeit um ihren Segen . Die bewegte Frau legte ihre Hände segnend auf beide Schwestern , die kleine lächelnde Marie indeß mit besonders wehmüthiger Inbrunst an ihre Brust drückend . Drauf führte sie beide nochmals den Vater zu und ließ der Natur still geheimnißvolle Sprache sich ungehindert offenbaren ! Fünftes Kapitel Nach diesen ersten , gefeierten Momenten kam es sodann bald zwischen dem Marquis und der Aebtissin zu den nöthigen Erörterungen . Sie sagte ihm : daß die gehäuften Truppenmärsche dieser Tage , Lyons nahender Fall , die immer wachsende Zügellosigkeit und Gewalt der Republikaner , ihr Kloster jedem Angriff blosgestellt und sie zu dieser letzten Zuflucht hinabgedrängt habe , welche ihr jedoch nur sehr Augenblicklichen Schutz gewähren dürfe ; sie sei deshalb erfreut , ihre Pfleglinge seinem Händen zurückgeben zu können , indem sie nur für diese gesorgt , ungewiß , welcher Parthei er , der Marquis , beigetreten sei , oder welche Pläne er für seine Familie entworfen habe , die sie vielleicht , nothgedrungen , durch still vorbereitete Flucht und gänzliche Auswanderung zu durchkreutzen , noch vor wenigen Minuten im Begriff gestanden . Er seiner Seits versicherte sie seiner Dankbarkeit mit all der Leidenschaft , in welche ihn das zur Hälfte gelungene Vorhaben , der Anblick seiner Kinder , alles vorher Erfahrene , der Ort ihres Wiedersehns , und eine unruhig in seiner Seele heraufdämmernde Zukunft , versetzte . Er redete , wie immer , außerordentlich schnell , leise , und mit geringer Bewegung der kaum geöffneten Lippen ; so daß der Ton seiner Stimme einem fernen Säuseln glich , und um so gräßlicher eingriff , wenn ihn einzelne Erschütterungen , unversehns wie Sturmgeheul , hoben . Seine Worte fügten sich leicht und kunstlos : aber mit der seltsamen Behendigkeit laut denkender , sich alles aussprechender Gemüther , zu einem ganz eigenthümlich wogenden Strom der Rede zusammen . Ohne seinen Entschluß für die Zukunft bestimmt hinzustellen , verbreitete er sich mit der sinnlichsten Erfaßlichkeit über die schaudervolle Zerrüttung seines Vaterlandes und das Verhältniß jedes Gutgesinnten zu diesem ; der rasche Lauf seiner Rede entführte ihn zuletzt sich selbst , er sagte Worte voll prophetischen Inhaltes , vor denen sich die Aebtissin scheu abwandte . Marie hielt diese freundlich umfangen , und folgte mit geschäftigem Blick den ungekannten schnellen Verschlingungen des Gesprächs . Antonie ging Gedankenvoll auf und nieder ; zuweilen betrachtete sie die schönen , jetzt durch Alter und fortwährendes Arbeiten der Seele , scharfausgesprochenen Züge ihres Vaters . Auf das Gespräch achtete sie wenig : mehr aber auf die Blitzartigen Bewegungen des Marquis , vor welchen sie oft , wie davon getroffen , die Augen schloß und mit verschränkten Armen dastand , als wolle sie das fremde Bild vor die inneren Spiegel tragen , unfähig es sogleich zu erkennen . Noch , sagte die Aebtissin , den Marquis abwärts führend , läge mir ob , Ihnen in allgemeinen Unrissen das Bild Ihrer Kinder zu entwerfen und so das schnellere Verstehn aller Theile zu erleichtern , doch glaube ich , überheben Sie mich dieser , ohnehin gewagten , Arbeit . Beider Erscheinung sagt vieles , und , ich leugne es nicht , die Hand würde dem Herzen folgen , das aber ist nicht frei von Partheilichkeit . Antonie steht allen , auch mir und der Schwester , fern . Ich habe sie nie verstanden , und wage es nicht , sie zu ahnden . Schon als Kind war ihre Nähe ängstend . Am Tage träumend , ohne Lust und Theilnahme zu Spiel und Arbeit , war Nachts im Schlafe ihre Seele wie geflügelt , sie erzählte gehörte und nicht gehörte Dinge ; und ging zum Entsetzen der Klosterfrauen durch die langen Gänge , zur Kapelle , wo sie vor einem Schrein , in welchem das Muttergottesbild steht , knieend , das Salve regina und Stabat Mater mit heller tönender Stimme sang . Oft fanden wir sie noch in den Frühmetten umherschleichend , oder sie gesellte sich im Schlafe zu uns , und fand jedesmal ihren Platz an meiner Seite . Erweckten wir sie , so war ihr von allem dem keine Erinnerung geblieben , und sie schien unsern Worten sogar keinen Glauben beizumessen . Da ihre Gesundheit indeß durch diese Naturunordnung litt , so war ich genöthigt , dem Rath erfahrner Aerzte gemäß , zu strengen Züchtigungen meine Zuflucht zu nehmen , und ich heilte sie auch wirklich von diesem krankhaften Schlaf , der ihr oftmals die heftigsten Uebel zuzog . Doch scheint die , einmal in ihren Grundfesten anders gebildete Organisation , stets einen eigenthümlichen Gang zu gehn ! Antonie fällt zu Zeiten , am Tage , in jenen dem Nachtwandel ähnlichen Zustand ; welchen noch kein Arzt recht verstand , ihn entweder zu hoch , außer der Sphäre medicinischer Erkenntniß , oder zu tief , in die Classe gemeiner Verstellungskunst , hinabsetzend . Wie wenig letzteres nun hier der Fall ist , bewies schon sehr frühe ein Vorfall , der mir stets unvergeßlich bleiben wird . Eine junge Novize sollte ihr Gelübde ablegen . Der Tag war festgesetzt . Die Heiligkeit , wie der äußere Schein der Feier , zog Fromme und Neugierige herbei , ganz ungewohntes Leben regte sich um die Kinder , deren Gemüth durch Hin- und Wieder-Reden , Vorkehrungen und Erwarten aufs höchste gespannt war . Endlich schlug die Stunde . Der Zug brach auf nach der Kapelle , die , voll gepfropft von Menschen , der scheidenden Himmelsbraut noch ein letztesmal das Bild der bunten Welt vor die Sinne führte . Diese schwankte in sichtlicher Bewegung zu den Stufen des Altars . Ein drückender Dunst zitterte durch das Gebäude und schien mit den reinen Klängen der Orgel und den hallenden Menschenstimmen zu ringen . Ich weiß selbst nicht , wie mir so bange und beklommen ward , noch weniger , wie es kam , daß Antonie , von der Hand ihrer Aufseherin losgemacht , zu mir hintrat . Sie sah mit scharfem Blick auf die Novize , und als diese niederkniete und sich anschickte , ihr Gelübbde abzulegen , die Musik schwieg , und kein Athemzug aus der dichten Volksmenge gehört ward , schlang Antonie beide Arme über die Brust , und sank wie todt zu meinen Füßen . Ich hob sie erschrocken auf , richtete ihr den Kopf in die Höhe , sie hatte beide Augen geschlossen und vollkommen das Ansehn einer Schlafenden . Wie ist Dir Kind ? fragte ich leise , den Andern kaum hörbar , aber sie sagte , langsam und sehr deutlich , mit einer Stimme , die aus keiner Menschenbrust , nicht über Menschenlippen zu kommen schien , tief wie aus dem hohlen Innern einer Maschine : heißt ihr , das Bildniß wegwerfen , das sie an goldner Kette im Busen trägt , es drückt mir das Herz entzwei ! Ich neigte meinen Mund , so verwirrende Worte abwehrend , auf den ihrigen , aber sie rief fast schreiend : heißt ihr das Bild wegwerfen , es ist eines Mannes Bild , ich ertrage den Schmerz nicht länger ! Dumpfes Murmeln rollte durch die Versammlung , plötzlich wiederholten viele Stimmen Antoniens Gebot . Der unruhige Strom wogte immer näher und näher heran , ich wollte die Angeklagte retten , und drängte mich zu ihr hin , sie flüchtete scheu an meine Brust , aber , als habe sie Gottes Blick getroffen , so riß der Himmel die Wahrheit an das Licht , bei der raschen Bewegung glitt das Bild aus den Schleiern hervor und sah ernst und finster von ihrem Herzen auf die erstaunte Menge hin . Die Unglückliche hatte alle Besinnung verloren , sie welkte von da in einem wahnsinnigem Traume hin , der ihr niemals gestattete , das Gelübde wahrhaft abzulegen . Antonie aber ward wie eine Heilige auf ihr Zimmer getragen . Ich hatte Mühe , dem Ueberlaufenden Zudringen zu wehren . Sie schlief indeß viele Stunden einen festen nätürlichen Schlaf , und hatte , wie immer , keine Erinnerung von dem ganzen Vorgange , ja ihre ersten Worte vielmehr waren : nun sie sagt ja nichts ! als horche sie auf das abzulegende Gelübbde , von welchem sie sich längst etwas Großes versprochen und mich oft danach gefragt hatte . Späterhin erfuhr ich , daß Antonie stets ein Uebelbefinden in der Nähe der armen Schwester spürte , und als sie einst das goldene Kettchen auf ihrem Busen schimmern sah , fuhr es ihr stechend durch den ganzen Körper , so daß sie laut ausschrie . Doch als man sie nach der Ursach dieser Bewegung fragte , verschwieg sie sie aus geheimer Scheu . Von dem Bilde indeß wußte sie wachend nicht , wie es in ihre Seele kam ? - Hier trat der Köhler herzu und benachrichtigte sie , daß viel Kriegsvolk im Anmarsch sei , und so viel er von fern gesehen , glaube er , dieselben Truppen zu erkennen , welchen sie in der Nacht begegneten . Er empfahl Allen Stille und Zurückgezogenheit , da es nicht wahrscheinlich sei , daß sie dem Kloster vorbeiziehen werden , ohne es zuvor zu durchsuchen , er seiner Seits habe sogleich Wagen und Pferde in Sicherheit gebracht , indem er sie in die unter den Speichern befindlichen Gewölbe gezogen und verborgen . Die Aebtissin war sehr erschrocken und voll bittren Unwillens , sich noch in den letzten Stunden ihrer harten Prüfung gefährdet zu sehn . Doch vor allen bezeigte sich Antonie unruhig . Sie ging heftig hin und wieder , und äußerte den lebhaften Wunsch , selbst auf den obern Thurm zu steigen , um den Zug der Krieger zu beobachten ; ja als das wüste Lärmen dieser schon näher auf sie zudrang , war sie kaum von ihrem Vorhaben abzubringen . Indeß hörte man bald in den obern Gängen Fußtritte schallen , Thüren wurden aufgesprengt , drauf tobte es wild in der Kapelle , heftige Kolbenstöße , von lautem Viktoriaruf begleitet , verkündeten den Umsturz und die Verstummelung geweiheter Gefäße und Heiligenbilder ; das Gewühl wand sich bald über , bald neben den Gefangenen , plötzlich drang das Stampfen vieler Pferde zu diesen hinunter , ein dumpfer Trompetenstoß schmetterte durch die Hallen , alles lief wild durcheinander , viele drängten sich die Treppen zu den Gewölben hinunter , als eine einzelne Menschenstimme dicht neben ihnen ein lautes Commandowort rief . Antonie fuhr auf , stürtzte bis zu dem Eingang der Halle , und blieb mit ausgebreiteten Armen dort knieend , als das Getöse mehr und mehr fernabbrauste , und sich dann gänzlich verlor Niemand als der Vater hatte Antonien in dem Augenblicke beobachtet , er selbst war , wie von der gebietenden Stimme angezogen , vorgetreten , und als nun alles ruhig war , standen sich Vater und Tochter nahe und reichten einander die Hände , wie solche , die sich auf einem Wege begegnen , ohne zu wissen , wohin dieser führt ? - Ob nun gleich die nahe Gefahr vorüber war , so blieb es doch für jeden ungerathen , sich sogleich hervorzuwagen , und das Kloster jetzt zu verlaßen . Die Unruhe auf den Heerstraßen zwang sie , die Nacht abzuwarten . Es ward ihnen auch nicht schwer , die Zeit bis dahin mit vorbereitenden , der Gegenwart zuvoreilenden , Gesprächen auszufüllen . Jedes war durch den letzten Ueberfall auf eigene Weise in Nachdenken oder Sorgen versenkt . Marie sah ganz still und schüchtern in sich hinein ; auch der Marquis richtete seine Gedanken auf die unsichere Zukunft . Antonie nur schien mit dem eben Erfahrenen beschäftigt . Es ist fürchterlich , sagte sie , von Wesen bedroht zu werden , denen unser Auge vielleicht nie begegnen wird ! und wie man sonst wohl unterirdische Geister scheut , so hatten wir das zu fürchten , was unsichtbar über uns sein Wesen trieb ! Ueber oder unter uns , sagte die Aebtissin , noch immer sehr erschüttert und ungewiß über das Nächste , es ist ewig der Ring des Schicksals , aus dem wir nicht heraus können ! Ring des Schicksals ! wiederholte Marie , ihr fiel dabei ein wirklicher wahrhafter Ring ein , ihre kindisch-spielende Phantasie führte ihr goldene Ringe und goldene Tage vor die Sinne , Gedanken rankten sich an Gedanken , eine liebe , heitere Welt that sich vor ihr auf , und sie dachte vergnügt , daß dennoch eine Zeit kommen könne , welche ihr den Schmuck des Lebens zuführen werde . Die Aebtissin hingegen fuhr in großer Bewegung fort ; es ist gewiß , man verliert den Muth zu handeln , ja zu denken , wenn man es steht , auf wie morschem Grunde des Menschen Werke stehn ! Bedurfte es mehr , als der Frechheit niederer Rebellen , um das zu zerstören , was Jahrhunderte erzeugten ! Was hat dieser Zeitmoment nicht alles untergraben , was spurlos vernichtet ! Und wie es einem gesegneten , arg- und sorglosen Volke im Allgemeinen erging , so ergeht es täglich jedem Einzelnen , ob auf Frankreichs oder Chinas Boden ! und keinen , keinen giebt es , der nicht das Spiel seiner Hoffnungen , ja seiner Vorsätze , ein ganzes Leben hindurch wäre ! Mit Schaudern betrat ich vor vielen Jahren diese Schwellen , und nun mir die Thore geöffnet sind , was bietet mir die Welt anders , als die bejammernswürdige Freiheit , meinen Wanderstab über die Gränzen meines Vaterlandes hinaussetzen zu dürfen , ohne irgendwo eine Heimath , ohne ein Herz zu finden , das zu mir gehört ! Auch Du , rief sie , Marien heftig an sich ziehend , wirst die stillen Tage hier zu beweinen haben ! Was kann das Leben anders mit Dir thun , als Dich verlocken und hintergehn ? Die Kleine sah betrübt mit fragendem Blick auf Vater und Schwester , und als diese , überrascht von der losbrechenden Heftigkeit der sonst so gehaltenen Frau , schwiegen , und , gleich ihr , vor dem Augenblick zurückbebten , der sie plötzlich , in der breiten Schrankenlosigkeit aufgelöster Verhältnisse , zu Schöpfern ihrer Zukunft machte , so stürtzten dem armen Kinde ihre bunten Bilder alle zusammen , und sie betete still um einen frühen Tod , der sie der düstern Lebensnacht überheben möge . In dieser wachsenden Verfinsterung der Gemüther brach der Abend allmählich herein . Die Aebtissin legte mit zitternden Händen bäurische Kleider über die ihrigen , umwickelte sich Stirn und Kinn mit dicken Tüchern , und erwartete sehr unruhig ein verabredetes Zeichen , welches ihr die Anwesenheit ihres Führers und Beschützers ankündigen sollte ; sie entdeckte dem Marquis , ihre große Familienähnlichkeit mit den Bourbons , von welchen sie , in geringer Abstufung , stamme , gäbe ihr die entsetzlichsten Besorgnisse , sie verliere fast den Muth , aus diesen Mauern hervorzutreten , sie scheue jedes Menschenauge , ja die Luft , das Licht , das ihr Gesicht berühren werde ; sie wolle deshalb so geheim als möglich nach den Küsten eilen , und nach Toulon auf ein englisches Schiff zu gelangen suchen , wohin sie Adressen habe . Die Stille von Außen hatte ihnen Muth genug gegeben , nach den obern Gemächern heraufzusteigen . Antonie blieb mehreremale auf den Treppen und in den Gängen stehn , sie schien sich die Gestalten zu dem zu schaffen , was sie im Taumel ihrer Sinne gehört hatte . Antonie , sagte die Aebtissin , rufe Dir nicht Dinge in das Gemüth zurück , die uns noch blutig genug auf unserm Wege begegnen können ! Auch dem Marquis waren jene Erinnerungen widrig , da es ihm unschicklich , ja entehrend , erschien , daß er sich wie ein Gelähmter oder Feigling vor der wilden Rotte verborgen halten , und jeden Gedanken an tapfern Widerstand unterdrücken mußte . Er zog daher Antonien schnell mit sich fort , und wünschte in allem sehnlich , das Gebäude je eher je lieber verlaßen zu können . Es ward auch nach grade so dunkel , daß jeder unerkannt seines Weges zu ziehn hoffen durfte . Alle saßen nun unruhig neben , nicht mehr bei einander , denn eines jeden Gedanke war über die Gegenwart hinausgerückt . Man erwartete nur den Aufbruch der Aebtissin , welche der Marquis niemals allein zurückgelaßen haben würde . Endlich klang es von außen , als wenn zwei Eisen zusammenfielen . Das ist der Herzog ! rief die Aebtissin ganz außer sich . Der Herzog ! wiederholten Alle , aber die erschütterte Frau , welche die endliche Befreiung in ein ganz fremdartiges Element des Lebens warf , vor welchem sie innerlich zurückbebte , hatte nur noch Kraft , sich den alten und neuen Freunden sprachlos in die Arme zu werfen . Antonie ward leichenblaß , als sie auf diese zutrat , sie faßte ihre beiden Hände und riß sie in wilder Heftigkeit an ihre Brust . Dann wankten alle zur großen Pforte , durch welche nun auch ein jeder einem ganz unbekannten Leben entgegentreten sollte . Draußen stand ein langer , dicht vermummter Mann , neben einem einspännigen , Karrenartigen Fuhrwerk . Er hielt mit einer Hand eine kleine Blendlaterne , doch so , daß der Schein nicht auf sein Gesicht fiel , die andere bot er der Aebtissin , welche unter dumpfem Wimmern auf dem dürftigen Brettchen Platz nahm . Der Mann schwang sich dann auf das Pferd , und führte das kleine Fuhrwerk kaum hörbar von dannen , als die Aebtissin sich noch einmal in die Höhe richtete , die Freunde zu grüßen , Antonie schrie laut auf , und verhüllte , als sehe sie etwas Unheimliches , das Gesicht . Jetzt trieb auch der Köhler Pferde und Wagen des Marquis aus den untern Speichern herauf . Er hatte zuvor ein Bündel Kiehn in den Klosterhof angezündet . Die Thiere stiegen wild und scheu aus dem dunkeln Schlupfwinkel hervor und schüttelten sich und stampften den Boden , den das grelle Licht blendend überflog , die beiden Mädchen sahen scheu auf ihre Führer , welche sie indeß schnell in den Wagen hoben , und ohne weiteres mit ihnen in die dunkle Nacht hineinfuhren . Sechstes Kapitel Schärfere Luftzüge und ein dämmernder Himmel verkündeten den Anbruch des Tages , als die Reisenden , im unbehaglichen Gefühl des Ueberwachens und dem krankhaften Frösteln abgespannter Kräfte , vor einem ehemaligen Zoll- und Gasthause an der Landstraße hielten , um die Pferde etwas verschnaufen zu lassen und selbst einige Stunden dort zu ruhen . Der Köhler klopfte an der Thür , vor welcher er , erwartend daß sie sich öffne , stehn blieb ; es regte sich auch drinnen , ward aber bald wieder still , er klopfte deshalb noch einmal und stärker , und voll Ungeduld , den erschöpften Frauen einige Erholung zu verschaffen , stieß er ein drittesmal heftig mit dem Fuße dagegen . Endlich ward das Seitenfenster aufgeschoben , ein bärtiges Gesicht sah heraus , ein paar derbe Flüche durch die Luft schmetternd . Der Köhler verlangte mit einigem Ungestüm Obdach für sich und seine Begleiter . Zum Teufel rief jener , hier ist kein Wirthshaus ! packt Euch weiter ! und schlug das Fenster zu . Die Pferde waren indeß unruhig geworden , traten bald vor , bald zurück , wodurch der