, wollen wir uns gegenseitig vertrauen , was uns drückt . Mich drückt nichts ! - sagte sie dennoch mit Lächeln . Ich rief ihre Frauen und entfloh , den giftigen Stachel im Herzen . Am andern Tage kam sie mir wieder blühend , wie ihre Rosen , entgegen . Ich setzte mich traurig und schwieg . Nun ? - sagte sie - siehst du nun , daß du irrst ? Ich sehe - antwortete ich - daß dich nichts drückt , nicht einmal der Kummer , mir welchen zu bereiten . Und wenn dein Kummer ohne Grund wäre ? So wär ' er dennoch Kummer . Aber deinen Worten fehlt der Sinn . Kein Kummer ist ohne Grund , denn er gründet sich immerdar auf die Vorstellungsart desjenigen , der ihn empfindet . Was müßt ich nun thun , dich zu beruhigen ? Was du thun müßtest ? - rief ich mit glühenden Wangen - du müßtest mich lieben und dich selbst ! Es giebt der Arten zu lieben so mancherlei . Soll ich dir sagen , welche du von mir forderst ? - Wohlan ich will es versuchen ! und du wirst hoffentlich gestehen , daß ich dich sehr wohl begreife . Aufgeben soll ich mein wahres , lebendiges Leben , um ein Scheinleben , einen verkappten Tod mit dir zu versuchen . Unterbrich mich nicht ! Gestern gebotest du mir Schweigen . Darf ich dich bitten , dir heute dasselbe zu gebieten . Angenommen , du wolltest läugnen , was ich jetzt sagte , wie würdest du es anfangen , das Gegentheil zu beweisen ? - Wer von euch , die ihr uns da von unten herauf bekrittelt , lebt wirklich ? Ihr ? Dichter und Künstler ? - O ja ! wenn eine nie befriedigte Sehnsucht nach einem unerreichbaren Ideale Leben heißt . Ist nun aber Sehnsucht Schmerz , wiewohl gemilderter Schmerz , also das Gegentheil von Wohlseyn , welches allein den Namen Leben verdient ; wer kann behaupten : daß ihr lebt ? Müßt ihr nun aber dem wahren Leben entsagen ; wem von den Andern wollt ihr es zusprechen ? - Euern Fürsten , Staatsbeamten , Rechtsbeflissenen , Kaufleuten , Handwerkern ? wohl schwerlich . Nur Genuß ist dir Leben ! Und dir ? was ist es dir ? Nichts , oder das Streben nach einem künftigen ( Gegenwärtiges verachtest du ) in allen Perioden deines Daseyns immer künftigen Genusse . Aber du wolltest mich nicht unterbrechen , und so erlaube , daß ich die Zeit benutze , und dir schnell das Gemälde unseres künftigen Lebens , wofern deine Vorstellungen mich bestimmten , vorhalte . Angenommen demnach , ich stiege hinauf , oder hinunter zu den Frauen , welche du mir ohne Zweifel als Muster vorhalten wirst , und die es euch allen , Weisen und Unweisen , nur in so fern sind , als sie zu den Männern , denen sie das Schicksal unterworfen hat , passen . Wie müßt ' ich nun seyn , um zu dir zu passen , deine Forderungen zu befriedigen ? - Daß ewige Schönheit und Jugend eine der unerläßlichsten ist , wirst du , wo nicht laut , doch im Herzen sicherlich bekennen . Von euch zugegeben oder geläugnet , bleibt es nicht minder wahr , daß Alter und Häßlichkeit in euern Augen Verbrechen sind , die ihr bestraft , wie und wodurch ihr nur könnt . Eine sogenannte glückliche Ehe kann demnach nur statt finden , wo die Frau jene euch allen sehr natürlich vorkommende Strafe in Demuth erduldet , und mit weiser List , die ihr der grossen Nutzbarkeit wegen auch der heiligen Jungfrau im Nothfalle erlaubet , es gar nicht zu bemerken scheint , wenn ihr gestrenger Herr und Meister , des ewigen Strafens müde , sich heimlich oder öffentlich nach einem Gegenstande umsieht , wo er fürs erste nicht verpflichtet ist , dieses unangenehme Amt zu verwalten . - Du wolltest mich nicht unterbrechen ! - Das Unerläßlichste habe ich genannt . Doch , warum will ich unterscheiden ? Das Folgende ist nicht minder nothwendig , und eben deswegen gleich unerläßlich . Was ist es ? Nichts weniger als die Unendlichkeit , die du in mir umfassen willst . Wehe mir in dem Augenblicke , wo du die Täuschung gewahrst ! Du rächst dich , rächst dich um so sicherer , je weniger du eine nahe Aussicht hast , dich auf ähnliche Weise zu täuschen . Für alle deine zerstörten Hoffnungen werde ich büssen . Halt ' ein ! - rief ich aufspringend - halte ein , Grausame ! Willst du mich langsam tödten , so ists auch morgen noch Zeit ! Ich stürzte fort , und meine armen Freunde brachten die Nacht an meinem Lager zu . Ich lag im Fieber ohne Besinnung . Ein göttliches Kind stand ihnen zur Seite . Es reichte mir Trank . Ein Paar grosse Tropfen aus seinen Himmelaugen fielen hinein . Doch lächelte es . Begierig verschlang ich den Trank , und das Feuer , was mein Inneres zu verzehren drohete , wurde gelöscht . Ich fiel in Schlummer und träumte fort von dem Kinde . Ach ich erwachte ! und Niemand wollt ' es gesehen haben.1 Zwei Tage irrt ' ich herum auf Felsen und Höhen . Meine Kunst lag darnieder ; doch zeichnete ich ein Mädchen von untadelichem Wuchse , das einen Korb mit Früchten auf dem Kopfe trug.2 Oft sah sie sich um , vielleicht nach dem Geliebten - doch nein ! ihr Gang , ihre Haltung hatten so viel wunderbar Jungfräuliches , Schwebendes - nein , auf der Erde hatte sie noch keinen Geliebten . - Ja , oft sah sie sich um ; aber ihr Profil konnte ich dennoch nicht fassen . Ich ersetzt ' es aus der Phantasie , ach und da ich zu Hause kam , hatte die Gestalt alle Züge der Schrecklichen , die mein Herz zerreißt . Der Fürst , der mich oft überrascht , fand mich darin vertieft und versunken . Immer Sie und nichts als Sie - rief er drohend und lächelnd . - Ich sprach schnell von etwas Anderem . So kamen wir auf die hohe Grazie der Stellung . Sie gefiel ihm so überaus wohl , daß er in mich drang , ein Gemälde nach der Zeichnung in Lebensgrösse zu entwerfen . So wuchere ich dennoch mit meinem Schmerze , ohne es zu wissen und zu wollen . Wer ist mein Feind und verräth mein Innerstes ? Ach ich bin es selbst ! Sie wissen es , daß ich durch sie leide , und wollen mich rächen . So muß ich sie wieder sehen , wo ich am meisten sie fürchte ; denn ich dulde es nicht , daß man sie kränkt . Ist es Geschwätz , oder Wahrheit , was sie von meinem Werthe faseln ? Wohlan ! in ihr mögen sie mich ehren . Sie bedurfte meines Schutzes nicht , und meine Härte gegen den Fürsten , die mich schmerzt , war überflüssig . Ich hatte gedroht , ihn zu verlassen , wofern nicht die ernsthaftesten Vorkehrungen gegen Alles , was sie beleidigen könnte , getroffen würden . Ich konnte nicht anders . Sie schwebte herein , und Alles verstummte . Göttlich reizender ist sie wohl niemals gewesen . Ihre bittersten Feinde wurden an diesem Abende gewonnen . Der Fürst kam in die kleine Loge , die er sonst immer für sich allein behielt , und mir nun eingegeben hat . Als sie verschwand , faßte er plötzlich meine Hand , und zog mich fort . Sein Wagen fuhr leer davon , und wir durchschweiften die Gassen . Wie wäre es , - sagt ' er mich aufhaltend - wenn ich versuchte , ob sie würdig ist , zu dir erhoben zu werden ? Wie wäre es , wenn ich mich melden liesse ? - Sie würden nicht angenommen werden - antwortete ich mit Empfindlichkeit . Warum nicht ? Weil sie Niemand so spät noch sieht . Auch den Fürsten nicht ? Ich glaube nicht . Wollen es versuchen ! - sagte er forteilend , und ohne weiter auf mich zu achten . Nur da wir vor dem Hause standen , drückte er mir die Hand , und hieß mich einen Augenblick warten . So gewiß ich auch war , sie werde ihn abweisen , so wenig möchte ich diesen Augenblick noch einmal leben . Doch war er kurz , denn der Fürst kehrte schnell wieder zurück . Du hattest Recht ! - rief er - und ich bekenne , daß es mich wundert , daß du Recht hattest . Wahrlich ! das Mädchen ist eine Ausnahme und der Mühe werth , es kennen zu lernen . Die Zofen empfingen mich recht artig und ergeben ; aber von dem Willen ihrer Gebieterin abzuweichen , schien ihnen unmöglich . Das deutet auf vollkommene Herrschaft auch über diese Leute , die doch sonst leicht zu bestechen sind , und wer die Herrschaft vollkommen ausübt , der ist der Herrschaft würdig und stets ein erhabenes Gemüth . Ich zog seine Hand schnell an mein Herz , denn das waren mir Worte des Lebens . Er drückte mich fest gegen das seinige , nahm mich mit in den Pallast und befahl das Nachtessen in seinem Kabinete aufzutragen . So blieben wir zusammen bis weit in die Nacht , und ich vertraute ihm das ganze , tiefe Klagelied meiner Liebe . Nimm mich einmal mit - sagte er , als wir uns trennten - Ich könnte sie zu mir kommen lassen ; aber das ist doch immer unartig von unser einem , und mich nun noch feierlich melden , würde auch ein dummes Aufsehen machen . An dem Fürsten ist ihr , wie es scheint , nicht viel gelegen , laß sehen , wie sie deinen Freund aufnimmt . Wir gingen . Ich hatte sie in zwei Tagen nicht allein gesehen , und es war mir lieb , daß er mitging , denn ich fürchtete mein Herz . Wie unaussprechlich schön war sie ! Zum erstenmale sah ich den Fürsten verlegen um die Worte , und seinen freien , herrlichen Anstand in Schüchternheit verwandelt . Er faßte sich endlich , sprach von dem letzten Abende , und vertiefte sich in das Lob ihrer Kunst , was eigentlich ihrer Schönheit gehörte . O ich fühle es wohl - sagte er - welch ein Opfer mein Freund von Ihnen fordert , aber was ist der Liebe zu schwer und zu groß ? - Nichts ! - antwortete sie - Es kommt nur darauf an , ob das Opfer ihm frommt . Auch danach frägt die Liebe nicht . Das sollte sie doch . Eine Blume , die auf mütterlichem Boden erhalten , uns lange ergötzt , verwelkt schnell in unsern Händen und wird bald weggeworfen . Könnte sie lieben , durch Worte , oder Blicke uns warnen , sie würde uns bewegen , um unserer selbst willen sie nicht zu pflücken . Recht gut , daß sie das nicht kann ! denn sonst würde sie nie das Eigenthum eines Einzigen , würde nie von ihm als Eigenthum geliebt , genossen und bedauert werden . Das mögte für den Einzigen schlimmer , als für sie selbst seyn . Das ist die Frage ! - rief der Fürst aufspringend und mit grossen Schritten das Zimmer messend - das ist die Frage . Und - setzte er nach einer Weile hinzu - giebt es kein Alter ? Verzeihen Sie ! es ist vielleicht grausam , Sie in der höchsten Blüte daran zu erinnern - aber giebt es kein Alter ? und ist es nicht furchtbarer für die Weiber als für uns ? O ja ! für die Freien , so wie für die , welche Einer sich als Eigenthum unterworfen hat . Nur mit dem Unterschiede , daß die Letzten , früh oder spät , den Mißhandlungen ausgesetzt sind , vor denen sich die Ersten schützen können . Welchen Mißhandlungen ? Wer wird ein liebendes Weib mißhandeln , das uns Jugend und Schönheit geopfert , vor mehreren Verirrungen still gewarnt , und die unvermeidlichen großmüthig verziehen hat ? Wer wird , wer kann das mißhandeln ? Der , der den reizbarsten Sinn für Jugend und Schönheit hat , und der eben deswegen , wenn beide entfliehen , unaussprechlich elend die schreckliche Leere seines Herzens mit irgend etwas , sollte es auch mit dem Hasse seyn , auszufüllen gezwungen ist . Der kann es und wird es . Nimmermehr ! Er wird Mitleiden haben mit ihrem Schicksale und mit dem seinigen , er wird sie jetzt großmüthig lieben , so wie er sie vormals geniessend und vielleicht eigensüchtig geliebt hat . Kann seyn ! - fiel sie schnell ein - ich aber denke niemals von Allmosen zu leben . Schweigend sah er sie eine Weile an : Bewundern kann ich sie - sagte er dann - aber vor der Liebe haben Sie mich geschützt . Bleibst du ? - fuhr er dann sich zu mir wendend fort - ich gehe . Du bleibst ? - sagte sie , als er uns verlassen hatte - Das ist nach solcher Aufforderung sehr großmüthig . Rosamunde ! - antwortete ich - vermeide solche Worte ! Sie klingen wie Spott und über wen möchtest du hier spotten ? Ich meinte im vollen Ernste , was ich jetzt sagte , und war von Spott sehr weit entfernt . Es ist in der That sehr großmüthig , daß du , nachdem ich mich gegen alle deine Wünsche erklärte , hier bleibst . Es ist liebevoll , und so würdest du es nennen , wenn du die Liebe kenntest . Ich kenne sie , und werde dich davon überzeugen , wenn du Geduld hast , die Geschichte meines Lebens zu hören . Nur erwarte das Ende des Karnevals , dann habe ich mehr Ruhe . Sie entfernte sich schnell , und ihre Augen waren voll Thränen . Gretchen an ihre Mutter . Wie geht es ihr , herzliebste Mutter ? und was denkt sie wohl , daß ich so lange nicht geschrieben ? Es giebt gar zu viel zu thun , und in des Herrn Präsidenten Hause ist auch viel Leiden gewesen . Der junge Herr kam zu einer ganz ungewöhnlichen Zeit zu Hause , und wurde von Stunde an so krank , daß er uns Alle in grossen Schrecken versetzte . Wir durften ihn gar nicht allein lassen , und wenn die Frau Präsidentin nicht konnte , mußte ich bei ihm bleiben . Der Herr Vetter hatte zwar ausdrücklich verlangt , er solle nicht wissen , daß ich im Hause sey : aber im ersten Schrecken dachte Niemand daran , und nachher sahen wir wohl , daß er keinen von uns kannte . Wie mir aber war , herzliebste Mutter ! wenn ich so an seinem Bette stand , kann ich ihr gar nicht sagen . Ich glaube gewiß , daß er mit uns verwandt ist , nur daß wir es noch nicht wissen . Doch hat er etwas ganz Wunderbares an sich , was wir nicht haben . Alles , was er anrührt , kommt mir vor , als hätte es einmal auf dem Altare gelegen , das Glas , aus welchem er trinkt , kommt mir wie ein Kelch , und das Zimmer , was er bewohnt , wie eine Kirche vor . Und so ists auch mit seinen Bildern . Sie stellen wohl ordentliche Menschen vor , ja , so natürlich und traulich , daß einem ist , als hätte man sie lange gekannt und geliebt ; aber dann doch wieder so hoch und wunderbar , daß einem wird , wie zu Weihnacht oder Ostern , wenn alle Glocken unter Kanonendonner läuten und alle Menschen festlich gekleidet in stillen Schaaren zur Kirche ziehen . Ich habe schon oft gedacht , herzliebste Mutter ! und hoffe doch , ich werde mich nicht damit versündigen , daß in Herrn Stephani ein ganz eigentlich göttlicher Geist wohnen müsse . Er soll zwar eine Gemüthskrankheit haben , und das ist freilich bei einem göttlichen Geiste nicht möglich ; man sagt aber auch , daß die Person , welche er liebt , seiner nicht würdig , und er eben deswegen so betrübt sey . Das ist ja aber dann eine wahrhaft göttliche Betrübniß . Weinte nicht unser Heiland über Jerusalem , und war das eine Gemüthskrankheit ? Herzliebste Mutter ! mir ist etwas sehr Sonderbares begegnet . Als Herr Stephani krank war , trat plötzlich ein sehr schöner Mann herein , gegen den der Herr Präsident und die Frau Präsidentin und der Herr Doctor sehr ehrerbietig waren . Das bemerkte ich wohl , gab aber , vor Angst und Schrecken , nicht weiter Acht auf ihn . Dieser Mann war aber der Fürst , was ich freilich nach seinem dunkeln , ganz einfachen Kleide nicht glaubte . Er hatte nachher gefragt : wer ich wäre ; und die Frau Präsidentin hatte ihm allerhand von mir erzählen müssen . Auch von den Hemden hatte sie ihm gesagt , und daß ich wegen der Sprüche , die darauf genäht wären , so bange vor der Frau Base gewesen . Er hatte hierauf gesagt , er möge auch wohl solche Hemden haben , aber , da er nicht krank am Gemüthe sey , mit Sprüchen , die sich für Fürsten schicken . Das hat mich sehr erschreckt , herzliebste Mutter ! denn ich weiß keine Sprüche , die sich für Fürsten schicken , und wenn ich mir auch einbildete , ich wüßte welche , könnte ich mir doch kein Herz fassen , sie hinein zu nähen . Was helfen auch Sprüche , die man sich bestellt und bezahlt ? Ach alle meine heimliche Freude an den Hemden ist dahin , und wenn ich über die Strasse gehe , denk ' ich immer , die Leute werden sagen : da geht das Mädchen , das den Leuten Sprüche in die Hemden näht ! und ich habe es doch nur ein einzigesmal gethan , und ist mir gar nicht eingefallen , es mehreren Leuten zu thun . Ich sagte das auch der Frau Präsidentin , und bat sie , es dem Fürsten vorzustellen . Er hat aber geantwortet : ich soll nicht bange seyn , es werde es Niemand erfahren , und ich solle nur zu ihm kommen , er wolle selbst mit mir darüber sprechen . Das thue ich aber gewiß nicht , herzliebste Mutter ! ehe sie nicht die Sache mit dem Herrn Pfarrer überlegt und er die Sprüche gewählt hat . Eile sie , herzliebste Mutter ! denn der Herr Vetter sagt : solche Leute seyen nicht an das Warten gewöhnt . Gretchen an ihre Mutter . Herzliebste Mutter ! Ich bin recht inniglich betrübt , wegen Alles dessen , was ich ihr geschrieben habe , und in grosser Angst , der Herr Pfarrer möge sagen , ich solle die Sprüche für den Fürsten nähen . O hätt ' ich mich doch nur keinem Menschen vertraut ! Nun soll ich doch nicht auf ihre Antwort warten , schon morgen zu dem Fürsten gehen , und ihm selbst sagen , was ich geschrieben habe . Die Frau Präsidentin will mich begleiten . Ich glaube aber gewiß , daß ich krank werde . Doch ich will auf Gott vertrauen . Vielleicht kommt morgen der Brief von dem Herrn Pfarrer . Da weiß ich ja gleich , was ich thun soll , und brauche nicht zu sagen , was ich geschrieben habe . Herzliebste Mutter ! Ich bin nicht krank geworden und wirklich bei dem Fürsten gewesen . Die Frau Präsidentin sagte , ich solle nur mein weisses Kleid anziehen , und meine Haare hübsch flechten , so wäre es recht gut . Die Frau Base wollte mir aber noch ihren Brautschmuck angeben , und mir den einen Ohrring über der Stirn auf einem Bande fest machen . Das kam mir aber gar zu häßlich vor , und ich bat sie mit Thränen , sie möge es doch nicht von mir verlangen , ich wolle ja lieber den ganzen Schmuck in einem Schächtelchen mitnehmen und ihn der Frau Präsidentin zeigen ; die werde gewiß meiner Meinung seyn . Sie war es auch und sagte , ich habe ganz Recht gehabt . So gingen wir dann zum Fürsten . Er war sehr freundlich und sah mich eine Weile an , ohne was zu sagen . Endlich fragt ' er mich , warum ich so betrübt wäre . Ich erschrack anfangs , denn ich wußte nicht , ob ich die Wahrheit sagen dürfe . Aber der liebe Gott gab es mir plötzlich in ' s Herz , daß ich sie doch nur sagen , und mich nicht fürchten solle . Gnädigster Herr ! - fing ich darauf an und sah ihm auch recht gerade ins Gesicht - ich bitte Sie , daß Sie nicht unwillig auf mich werden ! aber ich muß es nur rein heraus sagen , daß ich über die Hemden so betrübt bin , und besonders darüber , daß sie wissen wollen , was ich geschrieben habe . Ich kann Sie versichern , daß ich so etwas , wenn ich ein Fürst wäre , niemals von den Leuten verlangen würde . Bedenken Sie auch selbst , wie würde Ihnen seyn , wenn Sie das , was Sie einem Freunde schrieben , Andern vertrauen sollten ? Gutes Kind ! - antwortete er - wir haben eigentlich keinen Freund . Wir gehören dem Ganzen , sollen und dürfen keinem Einzelnen gehören , dafür gehört aber auch uns kein Einziger . Das jammerte mich nun unbeschreiblich , das Weinen war mir nahe , und es gereuete mich recht schmerzlich , was ich wegen der Hemden gesagt hatte . Ach gnädigster Herr ! - fing ich endlich wieder an - Gott ist mein Zeuge , daß ich Ihnen gern die Hemden nähen wollte , wenn ich nur Sprüche wüßte , die sich für Fürsten schicken , und ich will es Ihnen auch gestehen , daß ich meine Mutter gebeten habe , mit dem Herrn Pfarrer deswegen zu sprechen . Weiß der nun Sprüche , die sich für Fürsten schicken , so will ich sie Ihnen ja herzlich gerne nähen . Du hast nicht wohl gethan ! - sagte er verdrüßlich - Es war mir nicht um die Sprüche eines Pfarrers zu thun . Das verdroß mich nun aber auch ; denn ich kann es nicht leiden , wenn man etwas über den Herrn Pfarrer sagt , und antwortete darum ganz hastig : Ja gnädiger Herr ! Sie haben aber auch nicht wohl gethan , so etwas von einem armen , einfältigen Mädchen zu verlangen , und so kommt immer Eins aus dem Andern . Die Frau Präsidentin sah mich erschrocken an , ich erschrack nun auch , und wußte nicht mehr , was ich anfangen sollte . Aber der Fürst faßte mich sehr gütig bei der Hand und sagte : Du hast Recht , und es soll nicht wieder geschehen . Eins mußt du mir aber doch versprechen : sieh ich habe viel Arbeit und Sorge , und erblicke selten was Erfreuliches . Am wenigsten gefallen mir die Menschen , von denen ich umgeben bin ; aber ein solches Gesicht , wie das deinige , kann mir den ganzen Tag erheitern . Wenn du nun des Morgens auf einige Augenblicke zu mir kämest und brächtest mir etwas - du magst es mir schenken - Blumen , ein Paar Früchte , oder was du sonst willst ; so wär ' ich auf den ganzen Tag gestärkt , und hätten viel tausend Menschen gut davon . Sey nicht bange und sieh mich nur an , ich bin kein böser Mensch , und ist mir unmöglich , dich zu beleidigen . Nein , ich will väterlich für dich sorgen , und wenn du dieses oder jenes lernen willst , so vertrau ' es mir nur ; aber es muß Alles dein freier Wille seyn . Das ist schön ! gnädigster Herr - antwortete ich - denn sonst wäre ich gewiß wieder sehr betrübt gewesen , und mein Kommen hätte Ihnen nichts geholfen . Nun will ich aber meiner Mutter schreiben , und wenn die nichts dawider hat , so komme ich gewiß . Er war sehr erfreut , und begleitete uns bis in das äusserste Zimmer . Schreibe sie mir bald , herzliebste Mutter . Stephani an seine Verwandten . Alles will mich trösten . So muß ich denn wohl des Trostes sehr bedürfen . Sie ist abermals krank , und ihr Zustand bedenklich . Einige wollen mich vorbereiten auf das , was vielleicht geschehen könnte , würde ; aber dann ist mein Schmerz ohne Gränzen . O wer von ihnen , die sich erfrechten , sie zu lästern , der lauten Stimme meines Herzens zu widersprechen , kannte sie wirklich ? Höret die Geschichte ihres Lebens ! Höret sie selbst . Rosamundens Geschichte . Ich war von eilf Kindern das jüngste . Alle wurden von meiner Mutter getränkt , ich allein mußte einer Fremden anvertraut werden , und blieb immerdar fremd unter meinen Geschwistern . Auch meine Eltern kannten mich nicht , und vereinigten sich bald in dem Urtheile : daß von meiner Fassungskraft nicht viel zu erwarten sey . Von dem Augenblicke , wo ich dieses entdeckte , war es mir unmöglich , ihnen anders , als sie mich dachten , zu erscheinen . Diese Eigenheit ist mir mein ganzes Leben hindurch geblieben und es braucht nur Jemand eine unvortheilhafte Meinung von mir zu äussern , um sie durch tausend kleinen Zufälligkeiten bestätigt zu sehen . Es wäre mir wohl möglich , sie alle zu meinem Vortheile zu benutzen , und die gegen mich eingenommenen Menschen vielleicht für immer zu gewinnen , aber eine unüberwindliche Scheu hält mich davon ab , auch ist mir eine überlegte Freundschaft und Anhänglichkeit unerträglich . So kam es denn , daß ich , mitten unter Eltern und Geschwistern in immer tiefere Einsamkeit gerieth , und zuletzt beinahe gänzlich verstummte . Dafür aber war ich allein immerdar begeistert . Unaufhörlich schwebten tragische Situationen vor meinem Sinne , denen ich durch Stimm ' und Geberde Leben zu geben bemüht war . Aber wie oft mußte ich vor meinen Geschwistern aus einem düstern Winkel in den andern fliehen und das , was ich mit Thränenströmen , mit Triumph und Klagegesang luftdurchtönend hätte verkünden mögen , in mein Inneres verschliessen . Ganz konnte ich es gleichwohl nicht ohne mein Leben durch die gewaltige Empfindung zerstört zu sehen . Was blieb mir übrig , als Tanz und Geberde ? Ich trauerte Anfangs darüber ; entdeckte aber bald , daß eben dieses gänzliche Verstummen mir eine eigene , heilige Welt bildete , wo ich das den übrigen Künsten , trotz allem Bemühen , dennoch Unaussprechliche seelenerhebend andeuten konnte . Aber wen erhob ich ? - Mich selbst und Tausende , die um mich versammelt waren . Wer waren diese Tausende ? Geister , die vor meinem inneren Sinne so lebendig schwebten , als hätten sie geathmet . Von Niemanden gekannt , erreichte ich so das fünfzehnte Jahr . Meine Schwester hatte das siebenzehnte zurückgelegt , und wurde allgemein für ein sehr reizendes und geistvolles Mädchen gehalten . Nur das erste war sie wirklich , doch schien sie mir damals , so wie Andern , das letzte in eben dem Grade , und ich war fest überzeugt , in ihrer Gegenwart nicht besser als durch Schweigen für mich sorgen zu können . Eben deswegen blieb ich aber auch ganz unbemerkt neben ihr , und von allen Männern , die sie umflatterten , war gewiß kein einziger , der mein Herz geahnet hätte . Ich fand dieses , durch meine Kindheit vorbereitet , sehr natürlich , und sogar dann , als meine ganze Lebenskraft für einen der eifrigsten Anbeter meiner Schwester erwachte , kam es mir nicht in den Sinn , von ihm geliebt werden zu können . Diese Ueberzeugung von Unliebenswürdigkeit äusserte sich immerdar minder oder mehr bei mir ; gleichwohl half ich meine Schwester , die sich gern putzte , verschönern , und wenn auch oft ein stechender Schmerz meine Brust durchfuhr , that ich doch , in stiller Trauer , Alles , was sie wollte . Dieses gefiel ihr , sie machte mich zu ihrer Vertrauten , und bereitete mir dadurch einen neuen schmerzlichen Genuß : sie sprach von dem Geliebten . Er war sehr schön , ein mir oft schreckliches Lächeln ausgenommen , was meine Liebe , wäre ich auch minder von der Unmöglichkeit , geliebt zu werden , überzeugt gewesen , immerdar in meine Brust zurückgeschreckt haben würde . Meine Schwester übersah dieses Lächeln , vertraute ihm ihr Herz und ihr Schicksal , wurde seine Gattin . Mit heimlichem Schaudern begleitete ich sie zum Altare , ergriff , als sie in die Kirche trat , plötzlich ihr Kleid und wollte sie nicht lassen . Aber er fühlte ihr Zögern und riß sie mit fort , so , daß ein Stück ihres Kleides in meinen Händen blieb . Tiefsinnig betrachtete ich das Stück , und folgte langsam zum Altare . In dem Augenblicke , wo sie das Ja sagen sollte , versagte ihr die Stimme . Sie sah mich an und erbleichte . Aber der Geistliche fragte sie zum zweitenmale , und sie sagte das schreckliche Ja . Die Hochzeit war lärmend , aber die Braut traurig , und der Bräutigam witzig . Es überfiel mich ein Grauen bei diesem Witze , und bei dem mir so furchtbaren Lächeln traten mir brennende Thränen in die Augen . Noch acht Tage sollte meine Schwester im väterlichen Hause verweilen , dann wollte er sie nach Italien auf seine Güter führen . Erst jetzt , da meiner Mutter die eine Tochter entrissen werden sollte , schien ihr die andere etwas werth , und sie widerstand fortwährend Charlottens Bitte um meine Begleitung . Der achte Trauertag brach an , Alles war