Rosinen gefüttert , Brustkern mit Mandeln gefilzt , und seine Hausfrau trat dabei vor , ganz rot , wie sie eben aus der Küche getreten vom großen Feuer , und sagte auch ihre Verwunderung , Herrn Hugh in so schlechter Rüstung zu finden , wie sie an seinem Vater nie gewöhnt gewesen . Aber Hugh schwieg darauf still und war fröhlich , bis das Nachtmahl geendet und der Tisch aufgehoben worden ; da fing Hugh an und erzählte seinem Vetter alle seine Handlungen , wie er in den zwei Jahren , seit er sein Vermögen ohne Vormund verwaltet , Haus gehalten und all sein Hab und Gut vertan , auch mehr denn zweitausend Kronen schuldig geworden , und weil er von diesen Schuldnern Tag und Nacht keine Ruhe behalten , sei er außer Landes gereist , von ihm einen guten Rat zu holen . DOLORES : » Wo mag jetzt wohl unser Vater sein ? « ... Da nun sein Vetter Simon dies alles mit großer Verwunderung und Mitleiden vernommen hatte , fing er an mit guten und lieblichen Worten den guten Hugh zu trösten , sprechend : » Lieber Herr und Vetter , dieser Euer Unfall ist mir von Herzen leid ; Ihr solltet Euch aber anders in den Handel geschickt haben und das Eure nicht also unnütz verpraßt haben ; denn gewonnenes Gut , wenn es verloren geht , ist gar schwerlich wieder zu überkommen ; Ihr solltet auch nicht so milde im Ausgeben gewesen sein , nach den schönen Weibern und böser Gesellschaft müßig gestanden haben , denn jetzund werdet Ihr gewahr , daß deren keiner in Eurer Nöten Euch behülflich sei , und könnte er Euer Leben , da Gott vor sei , mit einem Heller erretten . « DOLORES : » Gibt uns wohl einer der reichen Engländer , oder der fremden Prinzen , die sich in unserm Hause belustigt , einen Heller ? « » ... Zwar hat Euer lieber Vater auch einen großen Stand geführt , er hatte aber dennoch groß Gut und Geld dabei erspart , welches Ihr nun so unnütz vertan habt . « - Ob dieser Strafrede Simons begann Hugh einen Verdruß zu schöpfen , hub an und sprach : » Lieber Vetter Simon , die Predigt will mir zu lange werden , denn ich bin daran nicht gewohnt , sie tut mir weh im Bauche ; wenn ich den Ostertag eine hör , so hab ich das ganze Jahr daran genug zu verdauen ; es bedarf auch nicht viel Strafens , denn es ist geschehen , so bin ich auch der Predigt wegen nicht zu Euch gekommen , denn vergebens ist es den Stall erst zu beschließen , wenn die Rosse schon heraus sind . Aber das ist meine Bitte an Euch , daß ich durch Euren Rat aus dieser Schande käme . « - Der fromme Simon , wiewohl ihn diese Rede ein wenig verdroß , ließ sich doch als ein guter Freund merken und sprach ganz einfältig : » Mein herzlieber Vetter Hugh , was ich jetzt in strafweis geredet habe , meine ich von Herzen gut mit Euch ; dieweil Ihr aber meines getreuen guten Rates , wie Ihr sagt , leben wollt , so sage ich das bei meiner Treue , wenn Ihr mir folgen wollt , will ich Euch aus aller Gefahr und Nöten erretten , auf daß noch ein reicher Mann aus Euch werde . « - Auf diese Rede Simons antwortete Hugh : » Lieber Vetter Simon , diesen Rat begehr ich von Grund meines Herzens von Euch zu hören und weiß Euch dafür großen Dank . « - » Das will ich Euch meiner Treu nicht verhalten « , sprach Simon , » denn ich gönne Euch von Herzen alles Gute , mein lieber Vetter Hugh ; darum so wäre mein treuer Rat , Ihr bliebet diesen Winter bei mir , so wollte ich Euch mein Handwerk lehren und Euch Unterweisung geben , wie Ihr nachmals Eure Hantierung mit Kaufen und Verkaufen anschicken sollet , als mit Ochsen , Kälbern , Schafen und Schweinen , sowohl beim Einkauf , wie beim Mästen und Schlachten ; inzwischen möget Ihr eine hübsche reiche Jungfrau , so man sehen würde , daß Ihr Euch fein in den Handel schicken tätet , zu einem ehelichen Weibe erwerben , die Euch bei Euren gesunden Gliedmaßen wohl lieb gewinnen müßte . Dann möget Ihr zuletzt Hantierung mit allerlei Kaufmannschaft anstellen und treiben ; so ich dann sehen würde , daß Ihr Euch recht und wohl zu solchen Dingen schicket , wollt ich Euch nach meinem Tode zu einem Erben machen aller meiner Hab und Güter , da ich keine Kinder oder nähere Anverwandten habe . Ihr dürft Euch des Handwerks nicht schämen , da Eure leibliche Mutter dabei gezogen und geboren worden . « - Hierauf zu antworten , besann sich Hugh nicht lange , sondern sprach mit lachendem Munde : » Freundlicher lieber Vetter Simon , ich bedank mich höchlich gegen Euch , wegen Eures guten und getreuen Rats , bin aber nicht ganz willens , demselben nach zu kommen , denn zum Metzigen und Schlachten oder zur Kaufmannschaft habe ich keine Lust , weil ich gedenke , meines Vaters ritterlicher Tugend nicht zu vergessen , dieweil ich mich von Jugend auf darin geübt habe , und will meinen jungen Leib daran setzen . Wie sollt ich allererst jetzt Ochsen und Schaf schlachten lernen , da ich schon Menschen ritterlich darnieder gestreckt habe , womit ich manchem Fürsten dienen kann . Ja mir wäre lieber , ich hätte vier gute Hengste im Stalle , Sperber , Habicht , Falken oder Spürhunde , als tausend Ochsen ; so wäre mir auch lieber , ich hörte Trommeln und Pfeifen , Lauten und Geigen , Tanzen und Singen , denn daß ich sollte die Ochsen , Schafe , Schweine , Kälber hören brüllen und grunzen . « - Auf solche Rede der gute Simon dem Hugh traurig antwortete : » Lieber Vetter Hugh , ich meine es gut mit Euch , wollet Ihr meinen Rat annehmen , es wird Euch nicht gereuen . Jedoch so wollen wir jetzund solches bis morgen beruhen lassen , vielleicht so möchtet Ihr Euch dann eines andern bedenken , wollet jetzund gutes Muts und fröhlich sein . « Also vertrieben sie ihre Zeit , bis man schlafen ging ; da ward Hugh herrlich und wohl gelegt , den seine jetzige Armut im Schlafe nicht störte , vielmehr schlief er in den halben Tag hinein bis zur Mahlzeit . Simon , sein Vetter aber lag die ganze Nacht ungeschlafen , denn er ward von seiner Hausfrau recht übel behandelt , die nichts andres besorgte , denn daß Hugh seines Vetters Rat folgen und bei ihr bleiben würde ; darum sprach sie : » Ach lieber Mann , was gedenkst du , du willst den Jüngling zu einem Handwerk verordnen , der alle seine Tage mit Fressen und Saufen , mit schönen Frauen zu kurzweilen hingebracht ; in solchen Dingen sollte er uns bald um alles bringen , was wir ererbt und erspart haben , wie er mit seines Vaters Erbe getan hat . Darum ist mein Rat , du gebest ihm morgen eine ziemliche Zehrung und lassest ihn fahren , auf daß du sein ledig werdest , denn es ist leidlicher , einen kleinen Schaden , als einen großen verschmerzen . « - Darauf antwortete Simon : » Liebe Hausfrau sei zufrieden , denn wahrlich , dieses habe ich bei mir selbst vorhin schon überschlagen , ich besorg , er folgt meinem Rate und bleibt bei uns , was mir sehr leid wäre , ich besorge , unser beider Gut würde kein Jahr ausdauern , wenn er in seiner Gewohnheit fortführe . « - Darüber ängstete er sich so sehr , auch kamen allerlei Fliegen , die sich abwechselnd auf seine Nase setzten und vor seinen Ohren brummten , daß es ihm sehr früh zu tagen schien . Es wurde ihm im Bette so unruhig , er stieg vor Tage heraus , ging dann nach dem Stalle und fütterte Hughs Pferd , so gut er konnte , und wartete mit großem Verlangen , wann Hugh aufstehen und ihm Bescheid geben würde . Da es nun schier um Mittag war und man den Imbiß nehmen wollte , erwachte Hugh , stand auf , pfiff sich ein lustig Liedchen , sah nach seinem Pferde , fand auch , daß es nach aller Notdurft wohl versehen war , da trat er zu seinem Vetter Simon in Meinung , ihm dafür zu danken . Da erschrak der gute Simon so sehr , daß er fast in Ohnmacht gefallen wäre ; denn seine Sorge war immer , Hugh würde bei ihm bleiben , woran doch Hugh keinesweges dachte . Aber ehe dieser noch etwas gesagt , fiel ihm Simon ins Wort und sprach : » Lieber Vetter Hugh , da Ihr mir gestern Abends auf meinen Rat wegen des Handwerks geantwortet , Euer Gemüt stände zu keinem andern Handwerk , als Fürsten zu dienen , so habe ich diese ganze Nacht nachgedacht ; dieweil Ihr dasselbe so lange getrieben , so folget dem nach , kommt in meine Kammer , ich will Euch eine gute Zehrung mitteilen von wegen Eurer Mutter , die mir sehr lieb gewesen , und die sich noch im Grabe umdrehen würde , wenn sie Eure jetzige Not wüßte . « - Da Hugh das hörte , wehrte er sich nicht lange , ging behend mit seinem Vetter in die Kammer ; da zog Simon einen seidenen Beutel aus dem Tischkasten und sprach : » Nehmet hin , mein lieber Vetter , diese dreihundert Kronen , verzehret sie von meinetwegen . « - Wer aber war fröhlicher als der gute Hugh , der seinem Vetter großen Dank sagte ; desgleichen war auch Simon mit seiner Hausfrau sehr froh , es reute ihnen das Geld nicht , das sie ans Bein gebunden , da sie des Gastes los wurden . Also säumte sich Hugh nicht lange , wollte der Mahlzeit nicht warten , wie sehr ihn sein Vetter anflehete , weil er für ihn einen großen Rinderbraten an den Spieß stecken lassen . Hugh sattelte sein Pferd , zog Harnisch , Stiefel und Sporen an , dankte Vetter und Hausfrau für Geschenk und Herberge , setzte sich auf sein Pferd und ritt auf und davon . Der Vetter Simon stand noch lange mit der Mütze in der Hand in der Türe , und sah ihm nach und schüttelte mit dem Kopfe , die Frau aber , mit beiden Händen unter ihren Röcken , gähnte und fror , und dachte wie ruhig sie die nächste Nacht schlafen wollte . DOLORES : » Hör , wenn du so ausführlich die Begebenheiten des Ritters vorlesen willst , da werden wir heute nicht fertig . « ... Hugh ritt nach Hennegau , weil dort ein großes Turnier gehalten werden sollte , - nun kommt es gar zu garstig . DOLORES : » Wir sind ja unter uns und wenn du es weißt , so kann ich ' s auch wohl wissen , ich bin so groß wie du , ob du gleich zwei Jahre älter bist . « ... Aller Orten , wo Hugh in den Niederlanden turnierte , gewann er Preise und - gab sich mit den Mädchen ab - und dann mußte er flüchten , sich durchschlagen - zehn Söhne sind da von verschiedenen Frauen ihm geboren ; er bekümmerte sich um keine , sondern zog immer weiter auf Abenteuer ; das mag noch so adlig sein , recht ist es nicht . DOLORES : » Da hast du wohl recht , aber die Kinder werden doch gesagt haben , es sei besser auf schlechte Art zur Welt kommen als gar nicht . « ... Nein , gewiß nicht . Hugh kam nun mit großen Ehren und vieler Beute nach Paris zu seinem Vetter zurück , der sich nicht wenig über seine schönen Pferde und prächtigen vergoldeten Harnische freute . Hugh stieg ab , erzählte ihm alle seine Geschichten , worüber sich dessen Hausfrau recht erstaunte und ihn gar sehr lieb gewann . Als das Herr Simon merkte , rief er aus : » Sankt Dionys , Ihr sollt fürder bei mir wohnen , ich will Euch zu lieb einen ehrlich adligen Staat führen und halten , denn ich hab mein Vermögen , seit Ihr weg gewesen , ziemlich vermehrt , so daß ich Eure Güter einlösen kann . So habt Ihr auch viel gute Freunde in dem Lande , die Euch wohl helfen mögen um Eures Vaters willen , daß Ihr zu guter Heirat kommt . « DOLORES : » Den nähme ich schon zum Mann . « » ... Lieber Vetter « , sprach Hugh , » ich habe Eure Rede wohl vernommen und danke Euch fast sehr , daß Ihr meines Nutzens wegen so getreue Nachgedanken habt , bin aber noch keinesweges gesinnt zu der Ehe zu greifen , bedünkt mir noch immer viel besser , einander heimlich lieb zu haben , will mein Glück noch erwarten . « - Dem guten Simon war das nicht recht , auch nicht seiner Hausfrau , die gern Hughs Hochzeit mit einer reichen Base ausgerichtet hätte . DOLORES : » Jetzt erzähle nur recht schnell , mir fällt ein , daß ich den Vögeln kein Futter gegeben . « ... Ja sieh , der Hugh kam gerade zur rechten Zeit nach Paris , wo die Königin von Frankreich von dem Herzoge von Burgund gar sehr mit Kriegesvolk bedrängt wurde , der sie durchaus heiraten wollte , aber sie mochte ihn nicht leiden . So tapfer sich nun Hugh auch hielte und die Stadt verteidigte , so wäre er doch bald verloren gewesen , wenn sich nicht die zehn Söhne in Brabant , die schon herangewachsen waren , alle aufgemacht hätten nach Paris , als sie von ihres Vaters Bedrängnissen gehört hatten . Keiner der Söhne wußte aber vom andern , und so lief jeder seine Straße , bis sie endlich nicht weit von Paris alle zusammen kamen und sich erkannten ; da verschworen sie sich mit einander und fielen wie eine Wetterwolke in das ruhige Lager des Herzogs , das noch im besten Schlafe lag . Als Hugh diese unerwartete Hülfe wahrgenommen , fiel er mit allen Seinen aus und sie machten eine große Niederlage unter den Burgunden und nahmen den Herzog gefangen . Da erkannte Hugh seine Söhne und küßte sie als Vater und die Königin gab dem Hugh ihre Hand ; er war es ( Hugo Capet ) , der das größte aller regierenden Häuser Frankreichs auf den Thron setzte . Sein Vetter Simon verwunderte sich über Hughs besonderes Glück nicht wenig , der war auf einmal reicher , als er sein lebelang mit allem Sparen werden konnte . Vetter Simon ließ es sich auch gefallen , von ihm zu einem Herzoge gemacht zu werden , doch mehr auf Anstiften seiner Frau , denn nach eigenem Begehren . DOLORES : » Eine recht schöne Geschichte . Höre , Klelie , wenn es unser Vater heimlich auch so machte , hör , wenn er der Paswan Oglu wäre , von dem alle Zeitungen schreiben und von dem keiner weiß , ach , wenn das wahr wäre ! « Und bei diesen Worten fielen sie einander mit süßer Freundlichkeit in die Arme und lachten und weinten zugleich und dachten ihres Vaters , und dachten ganz gewiß , der ihnen als Vorbild aller adligen Schönheit und Anständigkeit vorschwebte , müsse irgendwo ein gleiches Glück sich verdienen , und da verloren sie sich in mancherlei Träumen , die wir mit einigen Betrachtungen ersetzen wollen . Wir haben den festen Glauben , daß die periodische Not ganzer Völker , die unter mancherlei Namen meist unerwartet über sie einbricht , ganz notwendig sei , alle eigentümlichen Gesinnungen , Bildungen und Richtungen zu prüfen , die sich im Übermute des Glückes entwickelt hatten , die zufälligen , leeren und störenden Sonderbarkeiten gehen unter , die echte , reine , aus sich selbst lebende Eigentümlichkeit wird bewährt , gestärkt und ihrer selbst gewiß . Die Auswanderungen aus Frankreich in den ersten Jahren der Staatsumwälzung zeigten uns einen großen Teil der gebildetsten Bewohner jenes reichen Landes in diesem Kampfe mit dem täglichen Bedürfnisse ; die mannigfaltige Art , wie sie ihn bestanden , erregte allgemeine Teilnahme ; viele ahndeten auch lange voraus , daß die Zeit in ihrem festen Schritte auch über Deutschland hingehen und die alten Verhältnisse , zu Glück und Beruhigung mühsam auferbaut , niedertreten könnte . Wir sehen hier dieses Bild schon in einer Familie von dem schuldigen auf den unschuldigen Teil einbrechen ; die Schuld des Grafen konnte die Seinen des Überflusses berauben , aber das Notwendige hätte ihnen doch nie gefehlt , hätte der Krieg nicht so zerstörend auf der Gegend gelagert . In solcher Zeit der Not ist wenig davon die Rede , was das Beste für jeden zu tun sei , ihr entgegen zu wirken , sondern hier zeigt sich , was jeder nicht lassen kann , und erklärt sich bei jeder Veranlassung . Mit Sehnsucht brach Dolores auf Veranlassung jener Geschichte in Klagen aus , daß dem Adel die Heiratslust so ganz vergangen schiene ; eine glänzende Heirat sei der höchste Preis einer Frau , alle turnierten darauf . » Nicht alle « , sagte Klelia beleidigt , » lieber wollte ich bis zu meinem Lebensende von meiner Hände Arbeit leben , als eine Heirat suchen . « - » Die Arbeit macht dir gemeine Gesinnungen « , fuhr Dolores heraus . Fünftes Kapitel Graf Karl Da trat der alte Bediente wie gewöhnlich in seinem Sonntagsrocke mit derselben Art zu ihnen ein , wie er in Zeiten des Glücks gekommen war , sie schmeichelten und ärgerten ihn nach alter Art. Aber statt wie gewöhnlich von ihrem Vater zu erzählen und von dem vielen Weine , den er bei Tische umhergesetzt und eingeschenkt , wie er dem Herrn den Schloßbau einst abgeraten , aber dafür beinahe aus dem Dienste gejagt worden wäre , begann er heute seine Reden ganz anders , wohlgefällig geheimnisvoll . Erst nach langen Umschweifen von dem Glücke , das oft unverhofft käme , brachte er vor , daß ein junger Graf , wunderlich , halb soldatisch , halb abenteuerlich wie alle Studenten gekleidet , nicht groß , aber von recht feinen Zügen , von dunklen Augen und krausem Haar , auf einem Wege , den sonst jedermann , dem er nicht notwendig , zu vermeiden pflegte , über alte Felsen und Schluchten sich dem gräflichen Lustgarten angeschlichen und über der Mauer , von der die Deckplatten und mancher Stein gestohlen , zu seiner großen Verwunderung vor dem Palaste zwei schöne Mädchen gesehen , die er für Königinnen wegen des edlen Anstandes aller ihrer Bewegungen gehalten , hätte nicht ihre Beschäftigung , die Wäsche an der Sonne auszubreiten und zum Bleichen zu begießen , ihn an seiner Meinung und an seiner Anrede gehindert . Der junge Herr hätte sich ihnen möglichst genähert , und hinter einem Haselstrauche versteckt , so lange zugesehen , als sie damit beschäftigt gewesen , und nachher noch bemerkt , wie sie ihre zahme Dompfaffen aus dem Munde mit etwas Grünem gefüttert . Dann wären sie , mit den Vögeln auf der Hand , ins Haus getreten , und der Herr hätte sich gewünscht nur eine Stunde so ein Vogel zu sein . - » Ei , der ist doch nicht töricht « , sagte Dolores ganz trocken . - » Nein « , sagte der alte Bediente , » das ist so ein alter ehrlicher Wunsch von jedem Liebhaber , er möchte immer etwas andres sein , als er wirklich ist , um mehr zu gefallen , ich war in meiner Jugend eben so ! « - Die Mädchen lachten und der Alte erzählte weiter , der Graf sei zum Wirte der drei Weltkugeln gegangen , bei dem er eingekehrt , habe ihm mit großer Heimlichkeit sein Geschichtchen erzählt und besonders viel von einer gesprochen , die ihm so besonders in die Augen gefallen , und die er gern kennen möchte . Die Mädchen sahen einander an , und Klelia sagte ganz ruhig : » Das bist du gewiß ! « - » Nein , Schwester « , antwortete Dolores , » dich hat er gemeint , du hattest heute das schöne rote Halstuch umgebunden « ; heimlich aber dachte sie : Gewiß bin ich ' s , die er aufsucht ; ich hielt die Vögel viel öfter an meinen Mund , ich bin voller , meine Züge größer und meine Wangen röter , und meine Augen so viel beredter , als meine Locken krauser sind , obgleich unsre Haare von gleicher Farbe ; auch nennen mich alle Leute schöner . Ihr wurde doch dabei so eifersüchtig , als stände der junge Mann zweifelnd zwischen ihnen , wie zwischen Tugend und Laster . Der alte Bediente fuhr darauf fort , wie der schlaue Wirt , der auch noch einige Anforderungen an das Haus hätte , gleich zu ihm geschickt , er möchte doch dem jungen Herrn , der sich Graf Karl nannte , unter dem Vorwande das schöne Haus zu besehen , zu den schönen Gräfinnen bringen , es könne immer was daraus werden , der Mensch denke , Gott lenke , und dann sei ihnen allen geholfen . - Klelia setzte diesem Vorschlag viele ernste Bedenklichkeiten entgegen ; es sei ihren Gewohnheiten ganz unangemessen , einem jungen Manne , der allen unbekannt , mitwissend seiner Absicht also entgegen zu kommen , sie wolle ihn nicht sehen . Dolores erklärte sich heftig gegen diese Hindernisse ihrer angeregten Eitelkeit , sie hätten so viele Männer gesehen , was ihnen die Bekanntschaft dieses einen schaden könnte ; wenn er ihnen auch nur etwas Neues erzählte , so wäre das schon genug ; dann fuhr sie auf : » Hör , Klelia , wenn du nicht heiraten wolltest , warum zeigtest du mir wohl neulich den Rand deiner Hand am kleinen Finger , daß du eine Falte dort trägest , wenn die Hand gebogen , also einen Mann bekämest , und sahst nach meiner Hand , und ich hatte anderthalb Falten ; sieh , du hast gerade recht viele Lust zum Heiraten , darum willst du es nicht eingestehen . « - Klelia stand , erzürnt über diese Mißdeutung eines kleinen spielenden Aberglaubens , von ihrem Stuhle auf und verließ das Zimmer ; nichts kränkt tiefer als absichtliche Mißdeutung mit dummer Listigkeit vermischt . Der alte Bediente stand dabei wie ein einfältiger Beichtvater neben einem höher gebildeten Beichtkinde , das sich Sünden anrechnet , die ihm ganz gleichgültig sind ; doch gab er der Klelia , weil sie so trotzig weggegangen , unrecht und eilte dann den Bitten der Dolores zu folgen , den Besuch nach einer Stunde herbei zu führen . Während sich nun Klelia auf ihre Kammer zum Gebetbuche gesetzt hatte , des Streites ganz zu vergessen , ging Dolores rechts und links in großer Eile , aus ihren beiderseitigen Kleidern einen guten Anzug sich zusammen zu stoppeln , der glänzend weiß und reinlich , aber freilich von mancher überflüssigen Naht durchkreuzt war , als diene er gegen Behexung . Als sie damit fertig war , lauerte sie ungeduldig durch die angelegten Laden auf jeden , der die Straße herunter schritt , zwischen durch sah sie sich im Spiegel und sann auf guten Ausdruck des Gesichts und der Rede , und dann gedachte sie lachend , wie sie oft Fürsten und Herzöge , die ihr als Kind geschmeichelt , kaum eines Blicks gewürdigt . Endlich erblickte sie die grüne polnische Mütze auf den dunklen Haaren , die grüne leichte Husarenkleidung mit Gamaschen und Reiseschuhen , die nach dem Vorberichte des Bedienten , den bedeutenden Mann bezeichnen sollte , der Bediente begleitete ihn ; sie wollte ihm wie durch Zufall auf der Treppe begegnen , damit er ihr elendes Stübchen nicht bemerke . Sechstes Kapitel Die Studenten Wir wollen dieses junge Blut , das da so fröhlich die Straße herunterschreitet , ungeachtet vorbedeutend eine schwere dunkle Wolke in den zusammengewachsenen Augenbraunen seiner stark gehügelten Stirne lastet , uns im allgemeinen bekannt machen , ehe wir es näher kennen lernen . Daß Graf Karl Student sei , haben wir schon von dem Bedienten erfahren ; aber woran erkennen solche Leute gleich den Musensohn , die nichts von den Musen wissen ? Das läßt sich schwer erklären . Die Tracht ist es nicht immer ; viele andre Leute machen sie nach , auch ist sie verschieden in verschiedenen Zeiten ; es ist mehr die Art , wie ihnen die Tracht steht , wie sie um sich schauen und singend ihre Straße wandern . Wer nicht selbst die fröhlichen Züge der Studenten aus dem nördlichen nach dem südlichen Deutschland bis in die Schweiz und weiter zu den schönen Inseln der italienischen Seen mitgemacht hat , wird doch sicher einmal einer solchen Schar begegnet sein , die mit der frischen Röte ihrer Wangen und der vollen Hoffnung ihres Herzens schon da ein seliges Land zu entdecken glauben , wo die Einwohner sich gleich gut oder gleich schlecht , wie auf der übrigen deutschen Erdfläche befinden . Es tut einem so wohl , von andern glücklich gepriesen zu werden um Güter , die im täglichen Gebrauche ihre Beachtung verloren haben , jeder macht gern seine beste Laune zum Gegengeschenke , daß der unschuldige Bewunderer selten ahndet , daß jedermann überall der Schuh irgendwo drückt , die Grillen irgendwann ansingen , ja daß die luftigste Aussicht von den Bergen den Rauch nicht wegführen kann , der immerdar aus der engen Behausung der Menschen sich mühsam zu erheben sucht und oft ganz auf sie hinuntergedrückt wird . Wie lieb ist die vielwissende Unwissenheit der lernenden Jahre ; auch diese Betrachtung könnte ein Student über die Dinge machen , aber im nächsten Augenblicke hätte er sie wieder vergessen , und der Staub auf seinen Schuhen und der Staub der Früchte in ihrer Frische , sie sind einer Art und bezeichnen , wie neu sie noch in der Welt sind - sie werden schon lernen in Kutschen zu fahren , viele Meilen an einem Tage , aber die Freude , wenige Meilen ganz durch eigene Kraft fußwandernd zurückgelegt zu haben , die kommt ihnen nicht wieder . Wegen dieser Fröhlichkeit haben auch die Gastwirte sie gern , warten auf sie wie auf die Schwalben . Die Studenten finden ihren schlechtesten Wein noch immer köstlich genug , um bei der Gelegenheit ihrer Begeisterung , ihren Liedchen , ihren Späßen freien Lauf zu gönnen , während sie ihre von allen beschauten Naturschönheiten wunden Füße an dem Tische ermüßigen . Selbst die alten Herren , die alle andern Tage mit ihrem bestimmten Schoppen sich stillschweigend begnügten , werden diesmal begehrlicher und fahren mit dem glatten Weine einmal wieder in das mondbeschienene Unterland , wo auch sie sich sehnten nach Unerreichtem , jubelten über ein Nichts und ihre Hüte durchlöcherten , als hätten sie den Erbfeind vor sich . Wahrlich , soll Deutschland Soldaten bekommen , so müssen sie unter einander leben wie die Studenten , wenn sie auch nicht lernen wie sie ; frei von allem Zwange , nur der Ehre untertan , gleich unter einander ; sicher wird dann der Geschickteste und Mutigste , wie zum Senior , so zum Feldherrn sich durchdrängen . - Eine der ersten Welterfahrungen , die solche wandernden Scharen zu machen Gelegenheit haben , betrifft das allgemeine Mißverhältnis des Geldes zu dem Bedürfnisse ; so bleibt mancher lustige Bruder seine Zeche schuldig , verspricht zu senden , was er doch nicht hat , die kleine Not ist recht gut , er lernt entbehren ; welcher Wirt könnte aber so hart sein , die Jagdtasche , worin nichts als etwas Wäsche , ein Lieblingsbuch und einige Tagebücher zur angehenden Schriftstellerei , im Ernste zurückzubehalten ; ein kleiner Schreck kann nicht schaden . Gar mancher macht aber auch andere Erfahrungen auf solchen Zügen und kehrt nicht so fröhlich heim , wie er ausgegangen , er sieht heimschleichend nicht mehr weit vor sich hin , die Wälder rauschen ihm nicht mehr fröhlich , die Singvögel scheinen verschwunden und die Spitzen der Bäume hängen voll Krähen , die sich durch die Nebelwolken aufschwingen ; alles tropft , Bäume und Kleider und seine Augen , die immerdar suchen , wovon er sich immer weiter entfernt . Sein Leid vergrößert sich mit jeder Meile , wie der Strom , an dessen Ufer er herunter schreitet ; jetzt trägt er schon manches schwarze Schiff , manchen Gedanken , den er schwarz auf weiß der verlaßnen Liebe mitteilen muß . Und dann geht ' s an die Arbeit für Amt und Brot , die sonst nur leichte Gewohnheit gewesen , er mag nicht warten und sie will auch gern unter die Haube , die er auf der Reise kennen lernte , wie die Leute sich ausdrücken . Mit Lust erzählen wir diesen möglichen Fall , wie es mit unserm Grafen Karl einmal gehen könnte , der auch mit einer Schar Studenten fußreisend ausgezogen war ; aber ganz paßt es schon darum nicht , weil dem Grafen nicht notwendig war , wenn er heiraten wollte , sich dem Joche fremder Dienste zu unterziehen . Er besaß ein artiges Vermögen , ungeachtet ihm die vormundschaftliche Verwaltung aus Klugheit nur sehr wenig für seine Studienzeit auswarf , die ihn nach ihren Absichten allein zum wissenschaftlichen Landwirte vorbilden sollte , da die Verwaltung seiner Landgüter seinem Vermögen und seiner Natur angemessener schien , als Dienste eines Fürsten . Er war mit einem Dutzend seiner Landsleute von der Universität ausgewandert , aber die Liebhaberei jedes einzelnen hatte sie zerstreut ; einer sammelte Kräuter , der andre Steine ; sein Vergnügen Anhöhen zu besteigen , führte ihn durch den beschwerlichen Bergweg an die Höhe des Gartens , wo er mit der seligen Empfindung