eine freie Aussicht in das Feld eröffnete , aus welchem uns die Luft rein und erfrischend entgegen wehete . Hier erholte sich die Gräfin bald genug , um über einen Zufall zu lächeln , der , wie sie sagte , leicht hätte glauben lassen , jene mährchenhafte Sage könne solche Gewalt über sie ausüben . Ich war nicht einen Augenblick im Irrthum hierüber , erwiederte der Graf ; allein unsre Freundin , die alles zu ernst und wichtig für das wirkliche Leben nimmt , sah Dich schon von den feindlichen Geistern der Falkensteine gefangen . Wir scherzten bald alle über die Begebenheit , und als wir bei unsrer Rückkehr Besuch aus der Nachbarschaft antrafen , überließ sich Viola der allerheitersten Laune , die sich immer mehr steigernd , zuletzt alles wie im Rausche fortriß . Ich war daher sehr überrascht , als sie in der Nacht ernst und mit sichtlicher Anstrengung vor mein Bett trat . Erschrick nicht , liebe Mathilde , sagte sie leise , ich habe mit Dir zu reden , und Du mußt besonnen sein , um mich anhören zu können . Sie zündete darauf mehrere Lichte an , und vertheilte sie so , daß das ganze Zimmer hell erleuchtet war , dann setzte sie sich zu mir , und , indem sie den Kopf fest in meine Kissen verbarg , sagte sie : ich bin thörigt genug gewesen , eine Unruhe übertäuben zu wollen , die schon längst an mir nagt und gestern stechend hervorgerufen ward . Es ist vergebens , ich bin erschöpft und kann den peinlichsten Vorstellungen nicht länger widerstehn , die nun mit doppelter Gewalt über mich herfallen . Sie schwieg einen Augenblick und überließ mich einer unbestimmten , fast scheuen Begier , mehr zu erfahren . Schon vor mehrern Monaten , hub sie nach einer Weile an , während ich , über sie gebeugt , mit gespannten Mienen meine Blicke auf sie heftete , schon vor mehrern Monaten träumte mir , ich höre in der Klosterkirche die Messe , und wolle nun den Rückweg antreten . Es war , als sei der Graf mit mir , denn ich sah mich wiederholt nach jemand um , der zu mir gehörte und in der Kirche zurückblieb , weshalb ich auch den rechten Ausgang verfehlte . Ich stieg mehrere Stufen hinunter und lief lange in den dunklen Gängen umher , wobei ich eine entsetzliche Angst vor dem Fallen hatte . Endlich kam ich wieder in die Kirche zurück . Es war Niemand mehr darin , die Kerzen waren ausgelöscht und alle Zugänge verschlossen . In der bittren Noth schrie ich laut um Hülfe ; da bewegte sich das große steinerne Bild der Ahnfrau und schritt auf mich zu . Ich wollte fliehen ; allein sie faßte mich , und als ich recht hinsehen mußte , erblickte ich zwei wunderschöne Knaben an ihrer Hand , wovon der eine , wie eben geschoßnes Wild , stark an der rechten Seite blutete . In dem Augenblick öffnete sich die Pforte , mir war , als hörte ich eine bekannte Stimme , und ich stürzte mit dem blutenden Knaben heraus . Der Traum ließ einen Eindruck zurück , den die Gewißheit , aufs neue Mutter zu werden , mit jedem Tage schärfte . Du kannst nun begreifen , wie mich die Erzählung des Grafen , die mir erst den rechten Aufschluß gab , erschüttern mußte . Liebe Viola , sagte ich fast so bewegt als sie , Dein Zustand führt ganz naturlich schwere Träume und düstre Vorstellungen mit sich . Das darf Dich weiter nicht befremden , laß sie nur nicht so unbeschränkt über Dich herrschen , Du wirst das alles sicher in Kurzem leichter ansehn , und die Erste sein , die darüber lacht . Viola blieb indeß still und sinnend . Von da an konnte sie nichts zerstreuen , und ich weiß nicht , ob es ein Glück zu nennen ist , daß sie , durch innre Qualen zerstört und aufgerieben , vor ihrer Niederkunft an einem Nervenfieber starb . O gewiß , gewiß , fiel Luise schnell ein , denn so etwas , das unaufhörlich im Innern drückt und nagt , ist zehnfacher Tod . Das kennst Du doch wohl schwerlich aus Erfahrung , sagte die Mutter . Nein , erwiederte Luise ; allein schon der bloße Gedanke daran hat so etwas Peinliches für mich , daß ich ihn nicht lange festhalten mag . Mathilde bemerkte , daß es kühl werde , und ließ sich nach Hause führen . Hier begrüßte sie der alte Georg mit der herzlichen Theilnahme , die er für alles empfand , was seinem Herrn theuer war . Luise freuete sich , jemand zu sehen , der Viola gekannt und lange Zeit auf dem Falkenstein gelebt hatte , da ihre Phantasie kein andres Bild festhalten konnte und unaufhörlich in jenen Kreisen umherschweifte . Allein Georg blieb hierüber sehr einsilbig . Die Gräfin hatte nie in seine einfache Art und Weise gepaßt und er fand an manchem Aergerniß , was den Sitten seines Landes fremd war . Luise schalt den guten Alten herzlos , und rief sich selbst jeden interessanten Moment aus Mathildens Erzählung herauf . Sie starb also , sagte sie am Abend zu ihrer Mutter , ohne Eduard wiederzusehn ? Erfüllte er denn nicht noch in den letzten Augenblicken ihre ganze Seele ? Ich habe Dir gesagt , erwiederte Mathilde , daß die Gräfin zuletzt nur einen Gedanken festhielt , der alle Erinnerungen erstickte . Mein Bruder war längst für sie , wie für mich , verloren , da wir wohl Beide nicht länger an seinen Tod zweifeln konnten , seit der Graf einst unaufgefordert von ihm sprach , und versicherte , keine Nachforschungen gespart zu haben , ohne gleichwohl etwas Beruhigendes zu erfahren . Ihn hatten wohl früher die Wellen begraben und alle Gluth seines kranken Herzens gestillt ! Mathilde öffnete , während sie sprach , ein elfenbeinernes Kästchen , das sonst immer verschlossen auf ihrem Schreibtisch stand und von jeher Luisens Aufmerksamkeit erregte . Wohl tausendmal hatte diese mit einer Nadel an dem feinen Schlößchen gedreht , und erwartet , es solle aufspringen und ihr die verdeckte Herrlichkeit zeigen . Heute geschah nun ganz von selbst , was sie so lange wünschte : der Deckel sprang auf und Mathilde zog unter einem Packet Papieren eine goldne Kapsel hervor , die Eduards und Violas Bildniß enthielt . Luise betrachtete wehmüthig die edlen Züge , die in Glück und Freude erblüht , in eine Zukunft voll Schmerz und unerfüllten Hoffnungen hinaussahen . Viola war einfach , dennoch der herrschenden Mode zuwider , phantastisch gekleidet ; farbiger Stoff wand sich vielfach , wie ein Turban , um ihr dunkles Haar und ein hellblauer Mantel hing nachlässig über der rechten Schulter . Beides gab ihr ein fremdes Ansehn , das Luisen besonders wohlgefiel . Die großen , wunderbaren Augen und das feine Lächeln um den schön geschweiften Mund , wurden ohnehin durch den orientalischen Kopfputz noch mehr herausgehoben . Eduard trug eine rothe Uniform , die unmittelbar in die heutige Zeit versetzte . Schöne Züge im reinsten Verhältniß , ein frisches , festes Ansehen und blondes Haar zeigten den Norddeutschen unverkennbar an . Als Luise die Kapsel wieder zu den Papieren legte , bemerkte sie , daß diese von einer breiten Flechte der schönsten schwarzen Haare zusammengehalten wurden , während ein kleines Siegel , gleichsam zum Wahrzeichen , darüber hing . Dies Packet , sagte Mathilde , ihren Blicken folgend , fand ich nach dem Tode der Gräfin in einem verborgenen Fach ihres Schreibetisches . Da es versiegelt war , durfte ich es nicht eröffnen , und aus andren Rücksichten mochte ich es nicht verbrennen . Viola hatte eine Freundin in Neapel zurückgelassen , die früher ihre Vertraute war und von der sie öfters Briefe empfing , die sie jedesmal sehr bewegten . Wahrscheinlich sind dies jene Briefe , deren sorgfältiges Aufbewahren von einer innren Wichtigkeit zeugt . Ich erwartete lange , daß man sie zurückfodern würde , da ich ohne hinlängliche Gewißheit sie unmöglich fremden Händen zuschicken konnte . So sind sie denn bis hieher unversehrt in dem Kästchen geblieben ; jetzt möge Julius darüber entscheiden , dem ich sie nächstens zu übergeben gedenke . Könnten es nicht Briefe von Eduard sein ? fragte Luise . Nein , erwiederte Mathilde , das Kästchen verschließend ; ein flüchtiger Blick auf die Handschrift hat mich vom Gegentheil überzeugt . Beide schwiegen eine Zeitlang , in eignen Gedanken verloren . Liebes Kind , hub Mathilde nach einer Weile an , ich sah noch einmal in die Vergangenheit zurück und ließ jene Begebenheiten an Dir vorübergehn , um Dich von dem Glück zu überzeugen , das Deiner in einer Verbindung erwartet , die stille Anhänglichkeit in ungestörtem Fortschreiten gründete . Glaube mir , jene leidenschaftliche Wallungen , die den Sinn aus der Ferne durch ein scheinbar regsames Leben bestechen , welken die eigentliche Frische des Gemüths und geben ihm eine bloß kränkliche Heftigkeit , die aus Mangel an Kraft entspringt . So verwirrt sich der Mensch im Innren und findet niemals wieder das rechte Gleichgewicht . Deine Liebe zu Julius ist mit Dir aufgewachsen und hat sich mit allen andren Kräften Deiner Seele zugleich entwickelt . Ich ließ Dich den Weg ungehindert fortgehn , der Dich einer ruhigen Bestimmung zuführt . Nichts widersprach Deiner Neigung , und reizte sie , ihre Schranken zu überfliegen . Kein ungewöhnliches Ereigniß unterbrach den einfachen Gang Deines Lebens . Die Welt , mit allem was sie Täuschendes enthält , blieb Dir fremd . Du trittst jetzt an der Hand des edelsten Mannes in einem Augenblick hinein , wo sehr ernste Pflichten Deine Aufmerksamkeit fodern . Wie sollte ich an Deinem Glück zweifeln , wie solltest Du je etwas Wünschenswertheres begehren können ? Ich weiß nicht , warum mich dennoch Deine regsame Phantasie , die jedes neue Bild begierig auffaßt , warum mich Dein heftiges Gemüth , selbst in seinen edelsten Aufwallungen , ängstet . Du bist jetzt so oft gedankenvoll ; ich sah Dich wohl früher die Hand nach Kleinigkeiten ausstrecken , um sie bald darauf gleichgültig zurückzuziehen . Dein Sinn schweift umher , auch jetzt - Du hörst mich nicht - Luise ! - Liebe Mutter , erwiederte jene , ich denke an Julius , und wie es möglich ist , daß er seinen beiden Eltern so unähnlich ward . Möchtest Du ihn anders ? fragte Mathilde ernst . Auch ist er ihnen , fuhr sie fort , nicht so unähnlich als Du denkst ; ihre gänzlich widersprechende Naturen haben sich sehr glücklich in ihm verschmolzen , und was äußerlich schwer und trübe an ihm haftet , das hat ihm des Grafen absichtsvolle Erziehung gegeben , der , allen natürlichen Anlagen zuwider , einen schlauen Weltmann aus ihm bilden wollte , und eben dadurch den freimüthigen Knaben mißmüthig und unsicher machte . Wie es wohl auf dem Falkenstein aussehen mag ? fragte Luise , durch neue Vorstellungen abgezogen : hat die Zeit nicht allmählig alle Spuren von Violas Glanz verwischt ? Ich weiß es nicht , erwiederte Mathilde , seit dem Tode Deines Vaters , der der Gräfin bald folgte , bin ich nicht dort gewesen . Allein sowohl der Graf , als neuerlich der Baron Veltheim , Julius Vormund , sollen alles wohl erhalten haben . Sie schwieg hier , durch Luisens stetes Abspringen verletzt , und beide trennten sich bald darauf , beklommen , und im Gefühl eines innern Mißverstehens , geängstet . Als Luise am folgenden Morgen die Augen aufschlug , stand Mariane , die Kammerfrau ihrer Mutter , mit bekümmerten Mienen vor ihrem Bette , und schien den Augenblick ihres Erwachens erwartet zu haben . Ach , liebes Fräulein , hub sie sogleich an , die gnädige Frau hat die ganze Nacht hindurch gelitten und ist jetzt kränker als zuvor ; Sie werden am besten bestimmen können , ob man den Arzt holen soll ? Luise war an das stete Uebelbefinden ihrer Mutter gewöhnt , und wußte , daß es nie gefährlich ward ; allein jetzt traf diese Nachricht ihre vom Schlaf befangnen Sinne so unerwartet , daß sie lange wie betäubt vor sich hinsah , und nicht den Muth hatte , ihr dumpfes Gefühl zu befragen . Gleich , gleich , rief sie , halb träumend , Marianen zu , und schlich sich , von innrer Angst gelähmt , an Mathildens Thür . Hier war alles still ; sie trat leise hinein an das Bett der Kranken , die grünseidnen Vorhänge waren zugezogen , sie konnte nichts sehen , hörte indeß schnell und hohl athmen . Mit zitternder Hand theilte sie ein wenig die Gardine , und sah die geliebte Mutter mit zurückgebognem Kopf und halboffnen Augen im ängstigendsten Fieberschlaf daliegen . Luise beugte sich über sie hin und bemerkte mit Entsetzen ein innres Zucken der Nerven , das wie ein Blitz über das Gesicht hinfuhr . Zum erstenmal in ihrem Leben traten die Schrecken des Todes vor sie hin , zum erstenmal fühlte sie deutlich , daß das treueste , liebevollste Herz sich von dem ihren losreißen werde . Sie stürzte , halb bewußtlos , aus dem Zimmer und rief wiederholt : den Arzt , um Gotteswillen den Arzt . Man traf alle Anstalten ; allein die nächste Stadt war über zwei Meilen . Der Doktor , oft verreist , kam erst am andern Morgen , nachdem Luise die Nacht unter den heftigsten Qualen an Mathildens Bett zugebracht hatte . Es war ein kleiner , wohlbeleibter Mann ; voller Kenntniß , allein unaufhörlich mit sich selbst beschäftigt , so lange die dringendste Noth nicht seine ungetheilte Aufmerksamkeit forderte . Daher unterhielt er Luisen zuerst mit vielen Worten von seinem eignen Uebelbefinden in den letztern Tagen , und trat ganz sorglos zu der Kranken , die , sich etwas ermunternd , voll Theilnahme auf seine Klagen hörte . Luise hatte indeß die Vorhänge aufgezogen und bemühte sich , in des Doktors Zügen irgend ein entscheidendes Urtheil zu lesen . Dieser hielt Mathildens brennende Hand in der seinen , ward immer ernster , und sagte endlich , durch die ungeahndete Gefahr hingerissen : Mein Gott , der Puls intermittirt ! Was heißt das ? fragte die Kranke ruhig . Unregelmäßigkeit in der Cirkulation des Blutes , erwiederte er , sich fassend ; ich hoffe , es hat nichts zu bedeuten . Er trat in ein Nebenzimmer , wohin ihm Luise sogleich folgte . Was heißt es , lieber Doktor , rief sie mit bebender Stimme , um Gottes willen , was heißt es ? Gefahr , liebes Kind , erwiederte er bewegt , große Gefahr . Ach retten Sie ! schluchzte sie , ihn mit beiden Armen umschlingend . Das vermag Gott allein , erwiederte er ; thun will ich , was ich kann , das Uebrige muß man erwarten . Erwarten - dachte Luise ; wer hat hier Muth und Besonnenheit , auf eine langsame Wirkung der angewandten Mittel zu hoffen ! Das Schrecklichste sieht mir ganz nahe , ich muß es weggeräumt wissen , oder erliegen ! Sie konnte von da an nur Augenblicke an Mathildens Bett zubringen . Ihr ganzes Innre war zu gewaltig aufgereizt , um irgend eine Fassung zu gewinnen . Still weinend kniete sie hinter einem Schirm , der ihr indeß nicht die leiseste Bewegung im Zimmer entzog . Oft konnte sie es auch da nicht aushalten ; sie schlich leise zu der Kranken und harrte mit zurückgehaltnem Athem auf jede ihrer Bewegungen . Mathilde reichte ihr dann , wehmüthig lächelnd , die Hand , und Beide wandten das Gesicht ab , um die hervorbrechende Thränen zu verbergen . So schlichen die Stunden langsam hin ; niemand wagte seine innre Angst auszusprechen . Jeder ahndete und schob dennoch die Gewißheit des nahen Unglücks schaudernd zurück . Gegen Abend bemerkte Luise , daß ihre Mutter ganz still werde . Mariane glaubte , sie schlafe , und saß ruhig zu ihren Füßen . Nach einer Weile öffnete sie dennoch die Gardinen , und da sie Mathilden wachend fand , fragte sie , ob sie leide und ob nichts zu ihrer Erleichterung geschehen könne ? Nein , gutes Kind , antwortete diese mit ihrer gewohnten Milde , mir fehlt nichts , ich wünsche auch nichts mehr - aber die lange , lange Trennung ! - Hier schlug eine Uhr , die Viola einst , ihres künstlichen Glockenspiels wegen , Luisen schenkte , sieben . Sieben , wiederholte die Kranke langsam zählend , ach nun muß ich noch siebenmal sterben . - Hier hielt sich Luise nicht länger ; sie eilte hinaus in den Garten und warf sich laut weinend auf den Boden . Ihre Arme streckten sich betend empor ; aber Worte und Gedanken verwirrten sich in abgerißnen Tönen , die schreiend aus ihrer Brust heraufdrangen . Der Himmel blickte im stillen Abendglanz auf sie nieder , Blumen und Sterne begrüßten sich wie lang getrennte Freunde , und zwischen ihnen hin glänzte der klare Strom in leichten , kreisenden Wellen . Da hörte Luise jemand schnell den Lindengang heraufgehen , sie wandte sich und erkannte Julius , der auf sie zu eilte . Meine arme , arme Luise ! rief er , sie an seine Brust drückend . Du weißt ? fragte sie . Alles , alles , erwiederte er ; Georg hat nicht gesäumt - O Julius , sagte sie , die schönen Hände dankbar faltend , Dich hat Gott gesandt . Komm nur - komm . Sie gingen stumm neben einander hin . In Julius Zügen malte sich der tiefe Schmerz einer starken Seele , die , Klagen verschmähend , still im Innern ringt . Luise wagte nicht , an ihm hinauf zu sehen . Seine Blicke , die zwischen eigner Verzweiflung und anscheinender Ruhe kämpften , drückten sie doppelt nieder . Langsam , den Augenblick der Entscheidung vor sich hindrängend , kamen sie zu Mathilden zurück . Sie saß , von Marianen unterstützt , aufgerichtet im Bett , und schien ihre Blicke auf die Uhr zu heften . Bei ihrem Eintreten bellte der kleine Hund , der während diesen Tagen nicht von der Kranken wich , und als diese Julius erkannte , rief sie neu belebt : Gott Lob , mein Sohn , mein lieber Sohn ! Julius Festigkeit erlag bei dem ernsten Ton dieser gebrochnen Stimme . Seine Thränen rannen unaufhaltsam , er konnte kein Wort hervorbringen , und als er beim unsichren Schein der Lampe nach und nach die verfallnen Züge des geliebten Gesichtes wahrnahm , barg er seinen Kopf in die Kissen und gab sich ohne Widerstand dem heftigsten Schmerze hin . In diesem Augenblick war Mathilde für ihn todt , und was nachher wirklich erfolgte , erregte nur den Wiederschein jenes ersten heftigen Gefühls in ihm . Der Doktor näherte sich jetzt und wünschte , man möge jede Erschütterung vermeiden . Wozu das ? fragte Mathilde . Lassen Sie doch die letzten , freien Ergießungen durch keine Rücksicht hemmen . Man erwägt ja das Leben hindurch Vortheil und Schaden ; in dieser Stunde darf uns dergleichen wohl nicht stören . Ihre Augen belebten sich , während sie sprach und fachten in Luisen neue Hoffnung an . Allein sie selbst fühlte wohl , daß dieser rückkehrende Lebensblitz nur ein Wiederschein des schwindenden Geistes sei , der noch einmal der lieben , befreundeten Welt Lebewohl sagte ; daher eilte sie , die gegönnte Frist zu benutzen und wandte sich zu ihren Kindern , die , von tausend Gefühlen zerrissen , sich fest umschlungen hielten . Lieber Julius , sagte sie , Deine unerwartete Ankunft ist mir ein erfreuliches Zeichen . Luise wird nie allein siehn , im Augenblick der Gefahr bist Du ihr zur Seite ; schütze sie , mein lieber Sohn , vergiß nicht , daß sie nun niemand mehr auf der Welt hat als Dich . - Laß jetzt - fuhr sie nach einer Weile fort , den Prediger rufen , ich will zu des Himmels Segen noch den meinigen fügen . Julius schwankte betäubt zur Thür hinaus . Jetzt , dachte er , jetzt ! mit diesem blutenden Herzen ! Luise fühlte nichts als die unbeschreiblichste Angst , mit der sie unaufhörlich ihrer Mutter Hand küßte und drückte und durch tausend Liebkosungen den nahenden Tod zu besänftigen meinte . Mariane allein dachte an die Trauung : sie pflückte einige Zweige von einem schönen Myrtenbaum und wand sie zwischen Luisens Haar . - Der Geistliche trat bald mit Julius herein . Herr Prediger , sagte Mathilde , sie sollen drei Menschen mit Gott vereinen , durch Liebe und Tod . - Niemand konnte in dem Augenblick sprechen . Julius sah umher in der düstren Krankenstube , auf Luisen , die der bräutliche Kranz wie ein Todtenopfer schmückte . Das also , sagte er in sich selbst , ist die lang gewünschte , von Kindheit an ersehnte , Feier ! Er reichte dem bleichen Mädchen die Hand , die sich nicht von der Mutter losmachen wollte , und , indem sie Beide an ihrem Bett knieten , ihre drei Hände ineinander verschlang . Der Prediger stand gegenüber , sprach mit bebender Stimme den Seegen , und endete in folgenden Worten : Der Tod ist verschlungen in den Sieg , und der Sieg leuchtet uns in der Liebe , die das Band ist aller Vollkommenheit . - Hier schlug die Uhr Eins . - Mathilde dehnte sich mit leisem Wimmern , und ihre kalte Hand hielt die ihrer Kinder krampfhaft zusammen . Eilen Sie , rief der Doktor , wenn der Schreck ihre Braut nicht tödten soll ! Mathilde schloß die Augen , und Julius trug die ohnmächtige Luise aus dem Zimmer . Zweites Buch Der Wagen hielt vor der Thür , alles war bereit , Luise warf noch einen wehmüthigen Blick hinter sich und stieg an Julius Hand hinein . Als Georg den Schlag zumachte , war ihr , als sei sie nun auf ewig von allen lieben Erinnerungen der Vergangenheit geschieden . Der enge Raum , der sie umfing , ängstete sie . Sie lehnte sich weit heraus , und grüßte im Vorübereilen , mit doppelter Herzlichkeit , alle Bekannte des Dorfes , die vor den Thüren standen und ihr laut Heil und Glück wünschten . Auch der Geistliche bog sein weißes Haupt zwischen grünen Weinranken hervor und blickte segnend auf das junge Paar , das bis jetzt nur Dornen auf dem neuen Lebenswege fand . Bei einer Beugung der Straße wurden Mathildens Fenster noch einmal sichtbar . Sie glänzten hell in der aufgehenden Sonne und ließen die herabgelassenen Vorhänge sehen , die sich dicht an das Glas anschmiegten . O Gott ! O Gott ! rief Luise , seit vier Wochen sind sie geschlossen und ihre Hand wird sie nie mehr öffnen ! Sie drückte sich fest in die Ecke des Wagens und weinte , von erwachenden Schmerzen ergriffen . Julius bemühete sich , ihr etwas Tröstliches zu sagen ; allein er fürchtete jetzt , wie so oft , das Rechte zu verfehlen und ihr Gefühl durch irgend ein gewagtes Wort zu verletzen , daher schwieg er ganz und überließ sie ihren eignen Vorstellungen . Sie fuhren lange Zeit über weiten Ebnen zwischen vollen Kornfeldern hin , die , außer dem behaglichen Gefuhl des reichen Gewinnes , die Sinne unbeschäftigt lassen . Da trabte ein junger , blonder Mann auf einem schönen Pferde vorbei ; ihm folgte in einiger Entfernung ein Knabe in grüner Livree , der einen kleinen türkischen Schimmel ritt . Luise blickte unwillkürlich auf ; das feine kindliche Figürchen auf dem weißen Pferde sah fast weiblich aus und erweckte in ihr die Lust zu reiten , die sie schon längst hegte , ohne sie in ihrer abgeschloßnen Lage befriedigen zu können . Julius bemerkte nicht so bald das flüchtige Wohlgefallen auf ihrem Gesicht , als er , die Veranlassung errathend , sogleich ein erheiterndes Gespräch anstimmte , und ihr selbst Gelegenheit gab , ihre kleinen Wünsche laut werden zu lassen . Der Knabe , sagte er , erinnert mich , im Vorübereilen , an eine junge Italienerin , die ihren Geliebten , in ähnlicher Tracht , auf seinen Streifereien begleitete , und mit vieler Gewandheit ein kleines Pferdchen nach den wilden Launen ihres Freundes lenkte . Luise fand das sehr reizend , es paßte in ihre phantastische Welt und schmeichelte dem ihr eignen Wohlgefallen an jeder ungewöhnlichen Erscheinung . Sie hörte daher aufmerksam zu , als Julius fortfuhr . Ich lernte Beide in Rom kennen , wo wir in einem Hause wohnten , ohne einander zu Anfang eine große Aufmerksamkeit zu schenken . Der junge Mann schloß sich indeß aus angebornem Widerspruch des Gemüthes an mich an und sagte oft lachend , er liebe mich der Natur zum Trotz , die uns in allen Richtungen unsres Innern von einander geschieden habe . Wirklich war nichts Unähnlicheres zu finden und dennoch widerstand ich seiner Liebenswürdigkeit nicht , die im steten Wechsel immer einen originellen Charakter behielt . Ich habe es oft versucht , ein festes Bild in der Erinnerung von ihm aufzufassen ; allein das ist durchaus unmöglich , da in diesem Augenblick die sittigste Gewandheit , schmeichelnde Worte und Mienen , ja inniges Gefühl , von den allerwildesten Ausbrüchen toller Laune verdrängt werden und , mitten aus diesem Tumult , der Verstand wieder klar und besonnen hervortritt und über die wechselnden Eindrücke lächelt , die solch täuschendes Spiel erzeugt . Ich weiß nicht , ob ihn diese Besonnenheit immer leitet , ob er stets absichtlich handelt , oder ob seine brennende Phantasie ihn fortreißt , die er aus eigner Kraft dann selbst wieder zügelt und vielleicht sich wie die Welt glauben läßt , ruhige Ueberlegung leite seine Schritte . Ich mag bei dem Letztern gern stehen bleiben , weil ich einmal ein bestechliches Wohlwollen für ihn empfinde , und auch nicht denken kann , daß der Mensch , bei so großen Anlagen , ein bloß mechanisches Kunststück aus sich machen werde . Allein , er hat mir öfter gesagt : es sei die Schuld aller nicht Blindgebornen , wenn sie schwarz für weiß ansehen . Die Phantasie der Meisten sei so arm , ihr Gefühl so nüchtern , daß sie es immer dankbar annehmen , wenn man ihnen von außen etwas aufdringe , was sie beschäftigen könne . Es sei eine Lust , wie sie sich hin und her werfen ließen , ohne nur einmal den Wunsch in sich aufkommen zu lassen , durch innre Haltung solchem Spiel zu widerstehen . Dieser Zustand halben Denkens , diese augenblickliche Anregung des Verstandes , der sich sogleich voll Eitelkeit über sich selbst erhebe und der Sache auf den Grund zu schauen meine , dies vornehme Verachten jeder ungewöhnlichen Handlung , alles dies thue den Menschen so wohl , daß sie zu Dutzenden in sein Netz liefen und , selbst nach erkannter Täuschung , willig bei ihm aushielten . Luise faßte einen lebhaften Widerwillen gegen solch Gemüth und erklärte es geradezu für boshaft . Julius bestritt das und versicherte , daß es ihm mit der Verachtung der Menschen sicher nicht Ernst sei , da er ihn nicht selten mit gänzlicher Selbstverläugnung für Andre thätig gesehen und , ohnerachtet eigner Zügellosigkeit , dennoch eine richtige Würdigung des Guten in ihm gefunden habe . Die Frauen , setzte er lächelnd hinzu , haben freilich Fernando nicht zu loben , denn ob er gleich ihren Reizen huldigt , so sieht er dennoch in ihnen nur ein liebliches Spielwerk , das man ohne sonderliche Reue zerbrechen und nach Gefallen wegwerfen kann . Die kleine Francesca mußte das erfahren ; - ob sie ihn gleich mit einer Ergebenheit liebte , die sie oft zur Vertrauten , ja Helferin , neuer Abentheuer machte , so verließ er sie dennoch , um mich nach Paris zu begleiten , wo er einen Theil seines Lebens zubrachte und alte Verbindungen wieder anknüpfen wollte . Sie gerieth ganz außer sich , als er sie am Abend vor unsrer Abreise auf die ruhigsie Weise mit seinen Plänen bekannt machte . Sie überhäufte ihn mit Schmähungen und zerschlug sich mit den kleinen Händen die Brust , um sein trügerisches Bild darin zu vernichten . Er begegnete allen ihren Ausfällen sehr sanft , lachte aber überlaut , als sie ihm auch Vorstellungen über seinen Wankelmuth machte . Du Neuling in der Welt ! rief er , solche Thränen sind morgen getrocknet . Du bist unwiederbringlich verloren , wenn Du Dich von Ihnen berücken läßst . Sage mir , was sollte aus uns werden , wenn dies verführerische Geschlecht alle Macht über uns ausübte , die es gern über den ganzen Erdkreis verbreiten möchte ! Sei kein Kind , Francesca , sagte er , die Kleine küssend , Du weißt wohl , wie kalt mich Auftritte dieser Art lassen und wie sie immer ihren Zweck verfehlen . Verweine Deine schönen Augen nicht , Du kannst sie besser gebrauchen . Ich war ganz empört über diesen Nachsatz ; allein Francesca lachte mitten unter ihren Thränen , und sagte : geh nur ! Du kommst doch wieder zu mir zurück , denn Dich versteht Niemand so gut als ich , und Du bist nirgend so recht eigentlich zu Hause , als in dem Umgang mit mir . Fernando gab ihr gern Recht , und wir brachten den Abend sehr vergnügt zu . Sie waren während dieser Unterredung , die Luisen einigermaßen von sich selbst abzog , nach Quedlinburg gekommen , wo sie die Mittagstunden zubringen wollten . Die kleine schmutzige Stadt , das ungleiche Steinpflaster , das den Wagen hin und her warf und sie zwang , langsam an den niedren Fenstern der Einwohner vorüber zu fahren , wobei sie unwillkürlich einen Blick in das Innre bedürftiger Haushaltungen warfen , alle diese unerfreulichen Eindrücke wurden bei dem Anblick des kleinen , grünen Jokeis , den Luise aus der Ferne vor der Thür des Gasthofes wahrnahm , vergessen . Allein bei näherer Betrachtung zeigte sich ' s , daß das türkische