darf , und eben deswegen nicht will . Nur von Maria soll unter uns die Rede seyn , nicht von mir selbst . Sie reichte mir zutrauungsvoll die Hand , und wir schieden als nähere Freunde . Der schöne R ... , von einer Menge Orden fast erdrückt , verläßt nicht mehr seine große Beschützerin . Meine Freunde beschuldigen mich eines gewissen Lächelns bey seinem Annähern . Er komme zu mir , wie ein asiatischer Despot , und gehe wie ein gezüchtigter Schulknabe . Ich bin mir dessen nicht bewußt , und werde von nun an über mich wachen . Meinen Weg ruhig fortzugehen , das ist mein Wunsch , nicht jemand zu reizen . Iwanovens Betragen setzt Alles in Erstaunen ; aber mein Erwarten hat es nicht übertroffen . Ich wußte , sie werde die Pflicht niemals der Leidenschaft opfern , hier mehr , als jemals ihre Größe behaupten . Freylich scheint ihr der Eindruck , den die Erhebung des schönen R ... auf mich macht , nicht gleichgültig . Ein paar Orden hat er offenbar diesem Umstande zu danken . Um so mehr liegt mir daran , meiner Freunde Ansicht möge nicht die wahre seyn , wenigstens nicht bleiben . Fast wäre der Jubel des Volks über mein unverhofftes Erhalten zu laut geworden , fast hätte Iwanova ihrer Größe dabey vergessen können . Menschlich wäre es gewesen , der Versuchung zu unterliegen ; groß und wahrhaft bewundernswürdig war es , ihr zu widerstehen . Wie könnten , nach solchem Beyspiele , noch kleinliche Empfindungen bey mir herrschen ? - Sie besitzt alle männlichen Tugenden , daß ihr die weiblichen fehlen , ziemt mir nicht , weder zu bespötteln , noch , wenn ich es auch könnte , zu bestrafen . Wohl dem Manne , der dich , du Reine ! Holdselige ! für das Leben gewinnt ! Werd ' ich es seyn ? - Aber bin ich es nicht schon ? - Nein ! Nein ! noch bin ich es nicht ! noch hat sie keine Ahnung von mehr als kindlicher Liebe . Von einer Leidenschaft wird sie dennoch beherrscht . Sonderbar genug ! von der Leidenschaft des Wissens . Alles möchte sie lernen . Ergreift das , wozu sie Gelegenheit bekommt , mit einer Liebe , mit einer Treue , die mich , wie ihre Pflegemutter , in Erstaunen setzt . Manches hielten wir für Laune ; besonders war dieß der Fall bey der Musik . Sie wollte fast alle für sie schickliche Instrumente lernen , spielt jetzt wirklich das Clavier , die Harfe , die Laute mit seltner Fertigkeit und mit unbeschreiblichem Ausdruck . Ihre seelenvolle , himmelreine Stimme übertrift das Alles . Seh ' ich sie am Clavier , in der tiefen Trauer um ihren Vater , die sie , trotz allen Bitten nicht ablegt , den blendenden Hals von schweren , blonden Locken umflossen , himmlische Unschuld in den kindlichen Zügen ; aber das Feuer der Begeisterung im Auge . - O was sagt dieses Auge ! - Wenn ich sie so sehe - ja dann wend ' ich mich ab ; denn meiner Ruhe droht Gefahr . Meiner , nicht der ihrigen , die ist mir heilig und wird es bleiben . Allwina , ihre Pflegemutter , sprach noch heute von der Unschicklichkeit dieser beständigen Trauer , wie sie weder ihrem Alter , noch den Umständen angemessen sey . » Endlich « - setzte sie hinzu - » werden Sie sie doch ablegen müssen . « » Ich zweifle . « - antwortete Maria . - » Wie so ? « - fragt ' ich anscheinend befremdet ; aber im Innersten ergriffen ; denn ich glaubte diese Worte von düstrer Ahnung begleitet . » Bin ich nicht eine Vater- und Mutterlose Waise ? « - sagte sie mit schmerzhaftem Lächeln . - » Muß ich nicht mein ganzes Leben hindurch trauern ? Verzeihung ! mein theurer , geliebter Vater ! Ich weiß wohl , wie reichlich mir das Schicksal ersetzt hat ; aber seh ' ich nicht auch meinen geliebten Vater immerfort trauern ? « - Mich ! Sie haben mich niemals in Trauerkleidern gesehen . » Mein Vater trauert im Herzen ! « - sagte sie schnell , mühsam das Weinen unterdrückend . - Ich verstummte . » Sehen Sie , daß ich Recht habe ! « - rief sie nun zu Allwina sich wendend - » Lassen Sie mir immer meine Trauer ! Sie paßt besser als Sie glauben . « Sie behielt Recht ; denn wir schwiegen beyde sehr betroffen . Brennende Liebe für das Gute , Kraft , Gelegenheit es auszuüben , es weit zu verbreiten - ach ich wähnte , das könne des Mannes Brust ganz erfüllen . - Ich irrte . - O Iwanova ! Iwanova ! wie vieles von dem , was ich dir einwandte , könntest du jetzt mir zurückgeben , und es träfe mich mehr als es dich traf . Unglückliche ! auf deinem einsamen Throne flehtest du um Liebe , und sie wurde dir versagt . Der ungeheure Schmerz drohte dich zu vernichten , und du fliehest in die Arme der Wollust . Ach ! das scheinbare Leben hast du gerettet , das wahre geopfert . Warnend ist mir dein Beyspiel ! und eben darin liegt mein Unglück . - Du wolltest mit dem Muthe der Verzweiflung Liebe erzwingen . Wer kann mehr als ich wissen , daß auch der Verzweiflung Muth an diesem Unmöglichsten scheitert ? - Nein , Maria ! ich schütze dich ! schütze dich vor mir selbst ! Und wolltest du Dankbarkeit Liebe nennen , und wolltest du dich betrügen , um die schönsten Freuden des Lebens ; ich stehe dir zur Seite , und wehre der Täuschung . Zurück dann ! in die innersten Tiefen meines Herzens ! Du Ahnung des göttlichen Lebens der Liebe ! daß kein Hauch , kein Blick dich verrathe ! Frey soll sie wählen und sich keiner Wahl unterwerfen . Ich danke Euch , Ihr reicht Balsam für die Wunde . Ich danke Euch ! auch dann , wenn sie unheilbar wäre . Maria ist funfzehn Jahr , Maria weiß nichts von allem , was Ihr mir mit bestochnem Herzen und Auge so hoch anrechnet . Und wüßte sie es , soll sie rechnen wie Ihr ? Soll sie rechnen ? Ist von ihrer Achtung die Rede ? - Seht , wie schnell Ihr verwechselt ! Wie Ihr vielleicht wähnt , es sey bey diesem Verwechseln wenig oder gar nichts zu wagen . Wohl dir , Maria , daß sie fern sind , diese grausam Liebenden ! Sie würden dich ihrem Götzen opfern . Hab ' ich geläugnet , hab ' ich vergessen , daß Ihr mich liebt ? O glaubt es nicht ! Wie könnte der Liebende Liebe vergessen , verkennen ? Aber Ihr habt mich vergessen , mich mit meiner ganzen Art zu empfinden und zu wollen . Könntet Ihr beobachten wie ich , Ihr würdet weniger hoffen . Wie soll Liebe Platz finden in diesem Herzen , das einem unersättlichen Geiste nur dienet ? Von den Künsten zu den Wissenschaften rastlos hin und her eilend , wann bliebe ihr Zeit für die Liebe ? Im Triumphe kommt sie mir jedes Mal entgegen . Weswegen ? - Oft sagt mein thörigtes Herz : um dich schneller zu sehen ! - Wohl ist es ein thörigtes Herz ! - Ein schönes Lied , ein anziehendes Gemählde , eine große in der Geschichte aufgefundene Handlung , die sie mit leuchtendem Auge , mit glühender Wange erzählt : das ist es , weswegen sie meine Ankunft mit Sehnsucht erwartet . Ich weiß es , fühl ' es tief in meinem blutenden Herzen , und täusche mich dennoch von neuem . Aber nun wird eine Menge Sachen herbeygeholt . Da muß ich hören , prüfen , wählen . Dann werde ich um diesen , um jenen Lehrer so dringend , so angelegentlich gebeten , als wäre kein Augenblick zu verlieren . Dann muß ich erzählen von römischen , griechischen Kunstwerken , Künstlern , wie , wann sie den Künsten sich widmeten ? Ob sie später anfingen als sie ? Ob sie sich Vorbilder wählten , oder nur ihrem Genius folgten ? Ob es möglich sey , ohne die Muster der Alten es zu irgend etwas Vorzüglichem zu bringen ? Wie einem Unglücklichen , aus seliger Heimath in fremde Lande Umhergetriebenen , so wird mir dann . Sie sieht es ! sie fühlt es ! Nur schneller reißt sie mich fort , bis sie mich endlich in ihren Zauberkreis gebannt hat . Endlich gesättigt , entläßt sie mich . Entläßt mich , wie einen Bettler , nachdem sie mich wie einen König empfangen hat . Noch zög ' re ich , noch hoff ' ich auf einen einzigen Blick - Vergebens ! ich bin schon für sie nicht mehr da . Tief mit sich selbst beschäftigt , das lockige Haupt auf den Busen gesenkt , so steht sie der äußern Welt gänzlich verschlossen und , o Schmerz ! nie ist sie schöner . » Leben Sie wohl , Maria ! « sag ' ich dann - » Leben Sie wohl , mein geliebter Vater ! « - ruft sie schnell , wie aus einem Traume erwachend - » Werden Sie Mariens Bitte vergessen ? « Schweigend eil ' ich fort , damit mich der Schmerz nicht verrathe . Und was war ihre Bitte ? Wie gewöhnlich irgend ein Lehrer für diese oder jene Kunst , für diese oder jene Sprache , ein Kupferstich nach irgend einem berühmten Meister , die Lebensbeschreibung irgend eines großen Mannes . - So muß ich Alles herbeyführen , was ihren Blick von mir abziehen kann , und ich thue es mit der gewissenhaftesten Treue . Schon gleichen ihre Zimmer wirklichen Kunstsälen , und das ist nicht etwa spielende Liebhaberey , oder gar Eitelkeit . Ach nein ! Sie könnte von der ganzen Welt vergessen , die ganze Welt vergessend , hier anstaunen , vergleichen , wählen , dann selbst begeistert erfinden . Hier , unter diesem zusammengedrängten Großen und Schönen , hier ist ihr Schatz ! hier ist auch ihr Herz ! Allwina sagt nein . Alles , was ich bey Maria für Zweck halte , sey nur Mittel . Frage ich dann nach diesem verborgenen Zwecke ; so schweigt sie bedenklich . Dringe ich weiter in sie , so bittet sie mich eben so dringend : die Zeit antworten zu lassen . Dann will ein thörigter Eigendünkel mich irre führen , dann glaub ' ich hie , da einen Lichtstrahl zu erblicken . Voll Lebenshoffnung eil ' ich zu Maria - Sie ! sie ist es , die mit grausamer Unbefangenheit alles zerstört . Es soll nicht seyn ! Ich bin der Pflicht und dem Schmerze gewidmet . Allwina hat Recht ! Neben , oder vielmehr über dem Großen und Schönen , was ihre Seele erfüllt , thront dennoch ein Mann . Aber wer ist dieser Mann ? Ein vor mehreren Jahrhunderten verstorbener Raphael ! - Sein Bild wurde mit unbegrenzter Freude unter ihre Schätze aufgehangen , bald mit Rosen , bald mit Lorbeern gekrönt . Damit es nie daran fehle , bin ich , als gälte es das Wohl der ganzen Welt , gebeten worden : ein Paar lebendige Lorbeerbäume zu besorgen . Rosen werden schon jetzt für den Winter mit ängstlicher Sorgfalt gezogen . Fast jedes Mal , wenn ich komme , ist eine Veränderung mit dem Bilde vorgenommen , und schnell werd ' ich hingeführt , um darüber zu entscheiden . Ich heiße dann alles gut ; aber damit genügt ihr noch nicht . Es werden Zeichnungen nach seinen Gemählden herbeygeholt . Jetzt muß ich die Idee , die Gruppirung , die ganze mahlerische Anordnung bewundern , muß gestehen , das Alles liege schon in diesen Engelzügen , in diesen Himmelaugen ! - Ja ich gestehe das Alles , lobe , bewundere ; aber schon hab ' ich mich im Hintergrunde des Zimmers auf einen Stuhl geworfen , ohne von ihr , die immer noch im Anschauen versunken ist , weiter bemerkt zu werden . Endlich blickt sie zurück , eilt nun , mich in den Garten zu ziehen , hoffend die so eben für Raphael aufgeblühten Rosen werden mich zerstreuen . Allwina lächelt und lächelt , ohne sich weiter zu erklären . Und wenn ich glauben wollte , was Allwinens Lächeln verräth , und wenn ich taub seyn wollte gegen die lauten Klagen meines Herzens , dennoch bleibt ihre Liebe das zweifelhafte Guth . Iwanova ist beschäftigt , und so fehlt mir ein Grund , Maria der Welt länger zu entziehen . Kann sie in der Einsamkeit wählen ? - So soll ich das Kostbarste dann Preis geben ? dem Leichtsinn ? der Verführung ? - Doch muß der Kampf einmal gewagt seyn , bald gewagt , damit mir die Kräfte nicht fehlen . Das weiß ich , das fühl ' ich , und warte dennoch auf ein bestimmendes Zeichen . Von wem ? - von Maria ! Nur das unaussprechlich süße Gefühl von dieser herrlichen Natur alle gewaltsamen Eindrücke entfernt aus ihrem eigenen reinen Herzen ihr ganzes Schicksal entsponnen zu haben - nur dieses Gefühl , ich ahn ' es , wird mir Kraft geben , Alles zu überwinden , darum will ich es ehren , und ihm gerne vertrauen . So spielt das Schicksal mit dem blindgebornen Menschen ; der gleichwohl wähnt , alles zu überschauen . War ich nicht entschlossen sie niemals in ihrem Gange zu irren ? nun werd ' ich dennoch gezwungen , mich ihr gerade in den Weg zu stellen . Sie will ins Kloster . Konnt ' ich das ahnen ? Eine halbe Stunde von dem Gute wurde eins der schönsten Mädchen eingekleidet , die Zeremonie machte Aufsehen , und Maria bezeigte Lust ihr beyzuwohnen . Die Orgel , der Nonnengesang , der Anblick des schönen Mädchens , das Alles in einem tief erschütternden Bilde vereinigt , weicht nicht mehr aus dem jungen , sich alles mit Liebe und Heftigkeit aneignenden Gemüthe . Mit leuchtendem Auge , mit glühender Wange schildert sie mir die Seligkeit dieser Gottgeweihten Mädchen . Auch die Gefahren der Welt , die sie vor der Einkleidung weder gekannt , noch geahnet , jetzt aber aus der Rede des Abtes treulich gemerkt hat , werden nicht vergessen . Daß die Orgel , die schöne Kirche , der vereinigte Nonnengesang wesentliche Bestandtheile der geschilderten Seligkeit ausmachen , daß eben deswegen die Gefahren der Welt sehr fürchterlich dargestellt werden - bemerkt man dieß auch mit unwillkührlichem Lächeln ; so fühlt man sich dennoch für den Augenblick hingerissen . Das merkt sie schnell , und glaubt nun Alles gewonnen . » Sehen Sie , Allwina ! « - ruft sie triumphirend - » mein geliebter Vater wendet nichts ein ! Er versagt mir nicht seine Erlaubniß . « Wozu , Maria ? Ins Kloster zu gehen ! Diesen Winter werden wir in der Hauptstadt zubringen . Sind Sie dann im Frühlinge entschlossen , so muß man die Sache überlegen . Sehen Sie , Allwina ! » Recht wohl ! « - sagt diese , und schweigt mit ihrem gewöhnlichen Lächeln . Es ist ein sonderbar schmerzhafter Genuß , sie so nahe zu wissen , und sie doch nur zu einer bestimmten Zeit sehen zu können . Ach ! nur jetzt , da Maria hier athmet , ist mir diese Stadt werth , ja sie ist mir plötzlich eine Heimath geworden . Morgens fliegt mein erster Blick vom hohen , drückenden Pallaste nach dem einfachen Hause , das sie verbirgt . Oft dünkt mich , die liebe Gestalt wandle auf dem Altane . Unaussprechliche Sehnsucht will mich dann fortreißen ; aber es klirren die goldenen Ketten , und ich bleibe . Schnell stürz ' ich mich in das Gewühl der Geschäfte , die Sehnsucht entflieht ; aber beym Sinken des Tages kehrt sie mächtiger wieder . Wie eil ' ich , das widrige Prachtkleid mit dem schlichten Gewande zu vertauschen ! dem spähenden Höfling , der starrenden Wache zu entfliehn ! Jetzt hab ' ich die Letzte , habe die Brücke , das jenseitige Ufer erreicht , und mit weit geöffneter Brust athme ich die kühlende Nachtluft . Himmlische Ahnung der Freyheit , der Liebe strömt mit ihr in mein Herz , mein Gang wird Flug , und in wenig Minuten ist das geliebte Haus schon erreicht . Jetzt hör ' ich den Hund , höre die Tritte des Dieners - die Pforte wird geöffnet und ich stehe auf heimischem Boden . Wie lieb ' ich das Licht auf der bräunlichen , von keinem Marmor belasteten Treppe ! Sie führet zu Ihr ! zu Ihr ! - Das ist ihr liebliches Geflister ! Das ist Harfengetön ! Der Diener will mir zuvoreilen ; aber ich stehe schon ihr zur Seite , in Mantel gehüllt , den Hut tief in die Augen gedrückt . Sie erschrickt , kennt mich nicht - sinkt dann mit lautem Freudengeschrey mir in die Arme . Die Oper mit ihren Wundern hat , wie ich es erwartete , alle Klostergedanken verdrängt . Maria umarmte bald mich , bald Allwina unter Thränen des Entzückens . Es schien , als könne die jugendliche Brust so viel Seligkeit nicht umschließen . Noch mehr , als das , was Maria hörte und sah , wirkte die mächtig geweckte Ahnung eines höheren Lebens . Sie glaubte nicht verstanden zu werden und bestrebte sich , das Unaussprechliche in Worte zu kleiden . Wir konnten nichts , als sie trösten ; denn ihre Freude wurde Klage . So sehe ich sie allen schönen Täuschungen der Jugend hingegeben . Noch steht ihr die größeste bevor . Werde ich dann noch ihr Führer seyn ? oder mit ihr unterliegen ? - Einen bedeutenden Schritt hat sie ohne Leitung gethan , die Mahlerey verlassen , und sich für immer zur Musik hingewandt . Ich glaube , sie hat den Wink ihres Genius richtig gedeutet , und wird dieß immer noch mehr inne werden . Auch Allwina ist darüber erfreut . Sie behauptet , das leidenschaftliche Eingreifen beyder Künste würde Marien verderblich geworden seyn , und man müsse nun Alles thun , ihren Entschluß zu befestigen . Ich habe ihr deswegen uneingeschränkte Vollmacht gegeben , überzeugt , sie werde die besten Mittel erwählen . Ob ich stark genug gewesen seyn würde , Allwina ' s Wahl zu treffen - weiß ich nicht , wenigstens habe ich es über mich erhalten , sie zu billigen . Der erste Opersänger hat , auf ihr Bitten , Maria ' s Unterricht übernommen . Er ist einer der schönsten , anziehendsten und gewandtesten Männer . Maria hat ihn zuerst in einer Heldenrolle gesehen , und scheint es jetzt noch für unmöglich zu halten , daß dieser Halbgott ihr nahen werde . Ich lächle über den Helden , den mir das Schicksal entgegenstellt , lächle über meinen Schmerz , möchte lächeln über die Täuschung , der Maria wahrscheinlich unterliegen wird , und vermag es nicht . Ich war nicht bey Thibaldy ' s Ankunft , sondern fand ihn schon am Clavier , Maria , dicht ihm zur Seite , beyde im Wechselgesange begriffen . Allwina verstand meinen Wink und ließ mich unbemerkt in dem Hintergrund des Zimmers . Alles Licht fiel auf die Sänger , und ich war wider Erwarten unbefangen genug , beobachten zu können . Maria - dieß war sichtbar - hatte schon den Helden über der Musik vergessen , war mit schönem Ernst und himmlischer Einfalt bemüht , die Kunstaufgabe zu lösen . Jeder Ton kam rein aus dem unentweihten Munde , während die Stimme des Meisters wankte . Er sang die Worte der Liebe mit Bedeutung , sie mit kindlicher Unschuld . Gerade das schien den Mann im Innersten zu ergreifen . Der Gesang war geendigt ; noch horchte Thibaldy den verklingenden Tönen , suchte dann sich zu fassen , um einige Regeln mittheilen zu können . Jetzt horchte Maria mit gespannter Aufmerksamkeit . Jedes Wort schien ihr Götterbotschaft . Aber die Regel wirkte , was sie Anfangs immer wirkt . Mariens Unbefangenheit ging verloren . Sie zitterte , wankte und fehlte . Dieß brachte den Sänger zum ganzen Gefühl seiner Ueberlegenheit , der nun die Arie , statt ihrer , meisterhaft ausführte . Ich glaubte ihm in keiner vortheilhafteren Stimmung nahen zu können , und sagte ihm so viel Wahres und Schmeichelhaftes , wie ich nur konnte . Er empfing es , wie ein Mann , der des Beyfalls gewohnt ist , und gab mir dafür die Versicherung : Mariens Stimme sey der höchsten Ausbildung fähig , und er werde alle seine Kräfte daran wagen . Maria war in Bewunderung und Beschämung versunken . So dankt ' ich ihm dann in ihrem Namen . Er ging , das Auge langsam und schmerzhaft von ihr entfernend . Kaum war er fort , so stürzte sie mir weinend in die Arme . Was ist Ihnen , Maria ? Ach , mein geliebter Vater ! was wird der Mann von mir denken ? ich habe nie schlechter gesungen . Liegt Ihnen so viel an der Meinung dieses Mannes ? - Sie verstummte im höchsten Erstaunen - Wie Maria ? Können Sie zweifeln ! Wie meinen Sie das , Maria ? Ein so großer , außerordentlicher Mann ! Kennen Sie ihn so genau ? Ich , lieber Vater ? Allerdings ! Sie sind es , die von seiner Größe jetzt spricht . Aber Sie waren ja mit in der Oper ! Ist Ihnen da etwas Großes von ihm bekannt geworden ? Theuerster Vater ! Alles , was er sagte und that , war ja groß , rührend und schön . Sie selbst gaben Ihren Beyfall laut zu erkennen . Er spielte mit außerordentlicher Kunst . Ja ! und wie könnt ' er so spielen , wenn er nicht wirklich so empfände ? wenn er nicht fähig wäre , unter ähnlichen Umständen eben so zu handeln ? Liebe Maria ! man kann vieles darstellen , was man nicht nachzuahmen vermöchte . Ja ! aber so darstellen . - Sie mögen in einem gewissen Sinne Recht haben , und darum will ich Ihren Glauben nicht wankend machen . Halten Sie den Mann immer für so gut und so groß , wie Sie es bedürfen . Allwina lächelte . Das schmerzte mich ; denn Maria wandte sich mit Bitterkeit von ihr weg und versank in düsteres Nachdenken . Während die Blicke der Männer auf das schöne Mädchen in tiefer Trauer gerichtet sind , wendet sie kein Auge von dem Helden des Stückes , der oft , seiner Rolle vergessend , Rede und Gesang an sie richtet . Sie scheint das gar nicht außerordentlich zu finden , und hört ihn mit sichtbarem Entzücken . Schon besitzt sie die Partituren aller gegebenen Opern und studiert sie mit leidenschaftlichem Fleiße . Thibaldy ' s Arien werden jedes Mal , wenn sie gehört sind , bis tief in die Nacht wiederholt . Allwina will ihr Einhalt thun ; aber ich bitte sie dringend , Maria gewähren zu lassen . » Ich begreife Sie nicht . « - sagt die besorgliche Frau . Ich aber versichere sie , daß sie mich nach einiger Prüfung sehr wohl begreifen werde . Sie kann sich nicht überzeugen ; thut aber doch , warum ich sie bitte . Liebt sie ihn ? Nein ! noch glaub ' ich es nicht . Er stellt ihr die göttliche Kunst dar , in der sie lebet und webet ; das ist es . Aber er liebt sie ; dieß ist keinem Zweifel unterworfen . Graf Perçy , ein Schüler von ihm , wünschte bey Maria eingeführt zu werden , und bat ihn darum . Er verschob es unter mancherley Vorwand . Aber der junge Mann wurde dringender . Nun glaubte Thibaldy zu einem nicht edeln , aber nothwendigen Mittel greifen zu müssen , und schilderte mich wie einen der eifersüchtigsten Tyrannen . Perçy beobachtete den Italiener , ahnete Betrug , und faßte sich ein Herz , mir alles zu entdecken . Ich versprach ihm die Erfüllung seines Wunsches , und trat mit ihm in Mariens Zimmer , gerade als Thibaldy in einer leidenschaftlichen Arie begriffen war . Ich bat ihn fortzufahren ; aber vergeblich . Führte dann Perçy zu Maria , die uns voll heiterer Unschuld entgegen kam . Die beyden jungen Leute freuten sich nun ihrer gegenseitigen Neigung zur Musik , während Thibaldy voll Grimm und Beschämung sich zu entfernen bemüht war . Aber ich nöthigte ihn , Perçy ' s und Maria ' s Gesang zu begleiten . Die einzige Rache , die ich an ihm zu nehmen gedachte . Er fühlte das , schützte plötzlich ein Uebelbefinden vor , und verschwand . Schwerlich wird er den Unterricht fortsetzen . In Ansehung der Kunst ein großer Verlust für Maria ; doch hoffentlich kein unersetzlicher . Perçy , ein liebenswürdiger Engländer , von untadelhaften Sitten , ist nun durch meine Erlaubniß zu einem fortgesetzten Umgange mit Maria berechtigt . Für Allwina schwer zu begreifen . - Weiß der Himmel , welch ein Bild sich die gute Frau sowohl von mir , wie von der Liebe entworfen hat ! - Es scheint ihr alles gezwungen und erzwungen werden zu müssen . Perçy hat alles verrathen . Maria empfing mich mit einer Rührung , die ich mir Anfangs nicht zu erklären wußte . Sie hielt mich mit beyden Armen umschlungen , drückte das liebe Gesicht an meine Brust , und konnte auf mein dringendes Bitten , sich zu erklären , nur mit Thränen antworten . Endlich sank sie mir zu Füßen , umfaßte meine Knie , und rief , im Ausdruck des höchsten Schmerzens : O mein geliebter Vater ! war es möglich ! - Ich erstarrte ; denn ein Gedanke , vor dem ich jetzt noch erröthe , flog mir wie ein zerstörender Blitz durch die Seele . » Maria ! « - sagte ich - » ich beschwöre Sie , meiner zu schonen ! Was Sie mir auch zu vertrauen haben , verlassen Sie diese für mich so peinigende Stellung ! « » Vertrauen ? « - rief Allwina - » Sie hat Ihnen nichts zu vertrauen , als daß sie durch Thibaldy ' s niedrige Ränke auf das innigste gekränkt ist . « » Ist es nur das ! « - sagt ' ich mit frohem Erstaunen . - » O seyn Sie ruhig , Maria ! ich habe ihm längst vergeben . « » Ich nicht ! « - rief sie , und ihre Thränen hörten plötzlich auf zu fließen . - » Er hat das Höchste , was ich auf der Welt kenne , gelästert . « Es lag zu viel in den Worten . Von einer namenlosen Empfindung betäubt , fast gedankenlos , fragt ' ich : Wen ? » Wen ? « rief sie mit leuchtendem Auge , mit brennender Wange , und lag , ehe ich es hindern konnte , wieder zu meinen Füßen . - » Wen ? « rief sie abermals , und drückte den Engelmund auf meine zitternde Hand . » O Gott , Maria ! « - sagt ' ich - » hören Sie auf ! Ihre Dankbarkeit geht zu weit . « Aber nur mit vieler Mühe gelang es mir , ihrem Schmerze Einhalt zu thun . Thibaldy wieder zu sehen , dagegen äußerte sie fortwährend den lebhaftesten Abscheu . Perçy , der sehr viele gründliche Kenntnisse mit vielem Geschmacke verbindet , ist nun an seine Stelle getreten . Ich sah sie diese Nacht wieder zu meinen Füßen , hob sie voll Entzücken in meine Arme und - o Gott ! mein Mund berührte den ihrigen . Wie von einem Heiligthume habe ich mich wachend von diesem Engelmunde entfernt , und nun ! - Vergebens ! ich tilge diesen Traum nicht aus meinem Gedächtnisse . O Iwanova ; du wirst gerächt ! - Darf ich sie heute sehen ? Mich ihr nahen ? Ich zittre vor mir selbst . Aber in welche Unruhe wird sie gerathen . - Wird Entfernung nicht die Lebhaftigkeit ihrer Empfindung erhöhn ? Will , und kann ich dann diese Täuschung benutzen ? - Fort ! Nichts Außerordentliches ! Nichts Reizendes ! Alles gehe seinen ruhigen Gang . Das wollt ' ich , da ich noch frey war ; das muß ich auch jetzt noch wollen . Perçy war bey ihr . Sie sangen . Warum erschütterte mich seine Stimme noch mehr als die ihrige ? - Allwina bat mich , einige Augenblicke in ihr Zimmer zu treten . Ich folgte in schmerzhafter Betäubung . Sie schwieg und schien sich zu sammeln . Ach lange hätte sie schweigen können , ohne von mir unterbrochen zu werden . » Ich bin es « - sagte sie endlich - » Ihnen und Maria schuldig , eine Bitte zu wagen . « Ich sah sie fragend an ; vermochte aber nicht etwas zu erwiedern . » Vielleicht bin ich unbescheiden . « Ich gab ein verneinendes Zeichen . Graf Perçy ist ein sehr liebenswürdiger , junger Mann . Gewiß ! Sollte es möglich seyn , daß sich die beyden jungen Leute täglich sähen , ohne sich für einander zu interessiren ? - Ich schwieg . Und wenn aus diesem Interesse Liebe würde ? - Könnten wir es hindern ? Sollten wir es zulassen ? Liebe ! ich begreife sie nicht . Ich begreife Fürst Alexander noch weniger . Ist mein Betragen so räthselhaft ? Vielleicht scheint es nur so , und eben weil ich dieß ahne , wollt ' ich die Bitte wagen : er möge sich darüber erklären . Gern ! sobald Sie mir einen Widerspruch zeigen . Fürst Alexander ist gegen Maria verändert . Er liebt sie nicht mehr mit väterlicher Empfindung . Sie liebt ihn ebenfalls nicht mehr so kindlich wie vormals . Und doch fürchten Sie Graf Perçy ?