Rom kennen gelernt habe , würde mir Sectus Sulpicius , ein Römer aus einem altadeligen Geschlechte , gefallen , wenn nicht ein Zug von Härte , und ich fürchte zu sagen , Eigennutz , diesen Charakter befleckte . Eine liebenswürdige Tochter hat er , ohne auf ihr Glück Rücksicht zu nehmen , seinen Planen geopfert . Sulpicia soll schön , tugendhaft , und in der Verbindung mit einem armseligen Weichling aus dem Anicischen Hause sehr unglücklich seyn . Ich freue mich , sie bald kennen zu lernen . Unser Freund Tiridates ist auch der ihrige . - Ob er ihr noch mehr ist , mag ich nicht erforschen , weil ich mir die Achtung für sie gern rein erhalten möchte . Meinem Vater habe ich bereits zweimal - einmal aus Corinth mit einem zurückgehenden Schiffe , und vor mehreren Tagen aus Rom geschrieben . Die Ehrfurcht , die ich ihm als Sohn schuldig bin , will ich wissentlich nie verletzen . Uebrigens kann ich leider von dem , was er wünscht , nichts thun . Ich kann nicht leben und handeln wie er ; denn ich kann nicht denken und fühlen wie er , und eines festen Gemüthes gänzliche Umstimmung ist nicht das Werk der Ueberredung oder des Zwanges . Umstände , Zeit , Verlockung könnten etwas thun ; aber wo die Ueberzeugung des Rechts so unerschütterlich gegründet ist , wie in mir , ist auch von dieser nichts für mich zu fürchten , für ihn nichts zu hoffen . Er hat mich aus Nikomedien fortgeschickt , um in andern Ländern durch Erfahrung zu lernen , daß meine Denkart abenteuerlich , meine Forderungen an die Menschheit überspannt , meine Begriffe von öffentlichem Wohl thöricht seyen . Ich habe ihm gehorcht . Laß mich gestehn , daß mich dieser Gehorsam nichts kostete ; denn in meinem Innern war eine Stimme , die mir sagte , daß Vater und Sohn nicht so von einander denken , und wenn sie so denken , nicht beisammen leben sollten . Meine Ansicht aber wird ewig dieselbe bleiben . Rom wenigstens wird nichts daran ändern . Wie widerlich mir diese Stadt mit ihren Einwohnern ist , kann ich dir nicht sagen . Auch glaube ich gern , was schon Tiridates ( mit dem ich allein hier in diesem Sammelplatze von Lastern und Thorheiten leben und reden mag ) gegen mich behauptete , daß gerade der scharfe Gegensatz des Einst und Jetzt , der in diesen verächtlichen Nachkommen würdiger Väter so grell in die Augen springt , meine Abneigung gegen sie noch vergrößert . Nein , wahrlich , Phocion ! mein Vater hätte mich nicht nach Rom schicken sollen ! Indeß bin ich , im Ganzen genommen , doch nicht ungern hier . Ich lerne viel , sammle Erfahrungen , sehe manches Denkmal der Kunst und bessern Zeit , und gehe mit vielen unterrichteten Männern um . Meine Stunden sind regelmäßig unter Geistes- und Körperübungen , Genuß und Anstrengung getheilt . Du weißt , ich brauche nur Muße , und Freiheit , um zufrieden zu seyn . Zufrieden ! Mehr kann und soll ja der Mensch nicht verlangen . Und ist nicht jeder nur so glücklich , als er sich selbst dafür hält ? Wenn auch manchmal trübe Gedanken in meiner Seele aufsteigen , so ist es Uebung der innern Kraft , sie zu bekämpfen . Der Mensch ist nicht zum Glück geboren , seine Bestimmung ist , gut zu seyn . Zur Güte führt die Weisheit , zur Weisheit Freiheit von Bedürfnissen . Das laß uns nie vergessen , daran laß uns festhalten , und was dann über uns ergehen mag , mit muthigem Sinn und heiterer Stirn erwarten . Fußnoten 1 Atrium war eine Art Vorhaus oder Vorsaal , in welchem bei den adeligen Familien die Bildnisse der Vorfahren aufgestellt waren . 2 Hetäre , ein griechisches Wort , das so viel als Freundin oder Gefährtin bedeutet , und eine anständige Benennung für eine unanständige Lebensart war . 5. Derselbe an Denselben . Rom , im Februar 301 . Mein Vater war krank , schreibst du mir , aber er ist wieder auf dem Wege der Besserung . Dank den himmlischen Mächten , die unser Schicksal leiten ! Es würde Mich sehr geschmerzt haben , ihn in den letzten Augenblicken nicht gesehen , und seinen Segen , seine volle Verzeihung nicht erhalten zu haben . Er ist doch mein Vater , und was auch zwischen uns obwaltet , so behauptet die Natur in ernsten Momenten ihre vollen Rechte , und ich fühle an der Freude , welche mir seine Genesung verursacht , was für Bitterkeit sein entfernter einsamer Tod durch mein Leben gegossen haben würde . Sein Betragen während der Krankheit ist dir so sehr aufgefallen ? Mir nicht . Seine Philosophie ist , wie bei vielen Menschen unsrer Zeit , nie Wirkung von Grundsätzen , sondern Folge der Bequemlichkeit gewesen . Er hat dem Tempel zu Delphi einen Dreifuß gelobt , und dem Aesculap einen Hahn geopfert1 , er , der sonst Götter und Götterdienst als leere Schattenbilder verachtete , hingestellt , um einen blinden Pöbel in Hoffnung und Furcht zu erhalten ? Was er gethan hat , werden Tausende thun . Das ist das Verderben der Zeit , daß sie in den Staub tritt , was der Vorwelt heilig war , und nichts hat , den ungeheuren Verlust zu ersetzen . Was auch die Meinung des Pöbels von seinen Göttern ist - laß sie ihm , wenn du ihm nichts Besseres zu geben hast . Und wer hat das ? Das Licht , das uns in den eleusinischen Geheimnissen leuchtete , ist Etwas ; aber immer wenig für den dürstenden Geist , der hier an der Quelle zu trinken sich sehnt und ängstet . Es ist kein kleiner Theil des Kummers , der oft meine einsamen Stunden verdunkelt , hier so ganz in Nacht zu tappen . Ich sinne und strebe und kämpfe meinen Geist müde ; und versinke ich in eine Art von Betäubung , dann ist der Gedanke , daß so viele große Männer der Vorzeit nicht mehr wußten , dem ermatteten Sinn Beruhigung , bis eine neue Anregung meine Zweifel auf ' s Neue stürmisch emportreibt , und die Stille meiner Seele stört . Wenn nur irgend eine Leidenschaft , ein würdiger Gegenstand des Ehrgeizes , der Liebe oder Freundschaft meinem unstäten Willen eine bestimmte Richtung , meinen Kräften einen angemessenen Zweck darböte ! Du bist entfernt , du , der allein mich versteht . Hier bin ich ganz einsam . Tiridates ist unstreitig liebenswürdig , und ich glaube - hätten wir uns jünger gekannt - wir wären vielleicht Freunde geworden . Das , was uns jetzt trennt , und unsre vollkommene Vereinigung hindert , liegt nicht sowohl in unserm Innern , als es von Außen angebildet worden ist . Denn über Alles , was dem Menschen , als solchem werth , unschätzbar , heilig ist , denken wir ganz gleich . Aber der frohmüthige Königssohn , am orientalisch-prächtigen Hof Diocletians , in der Gunst des Cäsar Galerius , in Hoffnungen auf den Thron seiner Väter erzogen , kann niemals mit dem unberühmten Sohn des Privatmannes , den Erziehung und Umstände auf einen ganz andern Standpunkt gestellt haben , die Dinge der Welt in einem gleichen Lichte sehen . Wir lieben uns , das ist viel , aber nicht genug für mein Herz , nicht genug für seines , das außer mir noch Manches bedarf , und auch gesucht und gefunden hat . Er liebt Sulpicien , das unglückliche - aber bis dahin tugendhafte Weib eines Andern . Calpurnien lerne ich täglich näher kennen , und täglich entfaltet sich ihr Charakter mehr der ersten Ansicht gemäß , unter der er mir sogleich erschienen war . Sie ist nicht ohne Verdienst , aber sie ist unbeschreiblich leichtsinnig , und das Größte und Würdigste muß , wenn sie die Laune anwandelt , ihrem Witze eben sowohl zum Spielwerk dienen , als das Gemeine und Lächerliche . Wir sind in ewigem Streite mit einander , wir scheinen uns zu hassen , doch weiß ich wohl , daß wir uns im Grunde Beide achten , aber nie - nie nähern werden . Ehrenstellen zu suchen , bei dieser Entartung des Gemeinwesens , bei dieser Auflösung aller heiligen Bande , kann nur Eigennutz oder Ruhmsucht anreizen . Vaterlandsliebe ist ein leerer Schall , und Wirken zum Besten des Ganzen , ein kindischer Traum geworden , seit ein Einziger mit unausweichbarer Gewalt alle Macht in Händen hat , und Senat , Patricier und Volk eine folgsame Heerde Sclaven ist , dieser Senat , der mit derselben Bereitwilligkeit die Mörder des Caligula belohnt , und die Vergötterung eines Caracalla2 unterzeichnet ! - O Tiber hat ihn wohl gekannt und verachtet ! Und wie tief unter jenem steht noch der jetzige , dieses willenlose Spielwerk der Laune eines Einzigen , oder des rohen Uebermuths der Prätorianer ! Ich hasse die Tyrannei , ich fühle mit Schmerz , daß mich das Schicksal um vier oder fünf Jahrhunderte zu spät geboren werden ließ . Dennoch muß ich Diocletian bewundern , dessen Riesengeist und vorzügliche Herrschergaben nicht allein den ganzen Erdkreis , so weit ihn gebildete Nationen bewohnen , sondern , was noch mehr ist , die Leidenschaften derjenigen im Zaum hält , denen Nähe des Throns und oft wiederholtes Beispiel eine ewige Anreizung zu kühnen Versuchen seyn könnte . Doch scheint mir , die Würde der römischen Macht , die der außerordentliche Geist dieses Mannes aus zerfallenden Trümmern herrschend hervorrief , wird wohl mit diesem Geiste stehen und sinken . Nicht Maximians rohe Kraft , nicht Galerius düsteres Gemüth , nicht der weiche Constantius sind der ungeheuren Last gewachsen . Jetzt behauptet Jeder , von des Herrschers Klugheit wohl gewählt , den angewiesenen Platz mit Ehre , und benagt sich leicht und kräftig in seinem Kreis . Doch das ist Täuschung . Es sind nicht sowohl zwei Auguste und zwei Cäsaren , die die römische Welt theilend regieren : es ist ein gewaltiges Genie , das durch die Andern , wie die Seele durch Organe , wirkt . Was entstehen wird , wenn einst diese Seele entweicht , liegt im Dunkel der Zukunft verborgen . Erfreulich kann es auf keinen Fall seyn . Sieh , das ist unser Unglück , daß wir - Bewohner eines Freistaates - so weit gekommen sind , den Tod eines Alleinherrschers fürchten zu müssen ; daß an Einem Geiste das Schicksal der Welt hängt , und in dem von Grund aus verderbten Volke , das einst den ganzen Erdkreis durch seine Helden eroberte , durch seine Staatsmänner regierte , ein solcher Verlust unersetzlich ist . Sein Tod wird das künstliche Band zerreißen , womit er die zerfallenden Glieder des Riesenkörpers wider den Geist der Zeit und der Umstände gewaltsam zusammenhielt , und den Barbaren , die neidisch und gierig unsere Grenzen umlauern , scheue Ehrfurcht gebot . Trüb und düster liegt die Zukunft vor mir , die Gegenwart ist schaal , die Vergangenheit ohne Freuden ; denn meine Kindheit und erste Jugend schwand unter feindlichen Umgebungen hin . Wo soll mein Geist sich hinwenden ? Phocion ! Ich bin nicht glücklich , und mit unendlichem Schmerze fühle ich , daß die Quelle meines Unglücks nicht sowohl in der Welt um mich , sondern in nur selbst liegt . Tausende an meinem Platze würden vergnügt seyn , sind es wirklich . Ich trage Begriffe , Forderungen , Gestalten in meiner Brust , die nimmermehr zu dem passen , was um mich vorgeht . Ich bin in ewigem Kampfe mit der Wirklichkeit , und sie rächt sich nur zu bitter an dem , der ihre Freuden verschmäht . Und wie soll ich ' s ändern ? Kann ich mich umgestalten ? O warum ward mir nicht ein kleiner Theil des holden Leichtsinns zum Loose , der die reizende Calpurnia so sanft über alle Unannehmlichkeiten des Lebens hinwegführt ? Dem trüben Geist , in quälenden Gedanken versunken , erscheint nur zuweilen ein einziges Bild aus der Nacht der Vergangenheit , das ihn sanft und freundlich anlächelt , dann schnell verschwindet , und den brennenden Schmerz in süße Wehmuth löset . Als ich ein Kind war - lange ehe mein Vater mich deiner Leitung übergab - wohnte dicht an unserm Hause Timantias , ein edler Nikomedier , der eine der ersten Würden im Staate bekleidete . Mein Vater und er waren Freunde , wenigstens was man gewöhnlich so nennt , seine Kinder unsre Spielgefährten . Mich hielt ein schwächlicher Körperbau , das Erbtheil einer früh verblichenen Mutter , und meine Gemüthsstimmung von wildern Spielen ab , in denen meine früh verstorbenen Brüder mit Timantias Söhnen die Jugendkräfte freudig übten . Larissa , Timantias Tochter , blieb dann bei mir , ihr sanftes Gemüth fand Vergnügen darin , mich nicht zu verlassen . Wir spielten zusammen , oder sie beredete mit der unwiderstehlichen Macht der Güte die Uebrigen , ein Spiel ruhigerer Art zu wählen . So sorgte sie für mich , liebte mich , und erfüllte mein Herz mit süßen Empfindungen . Wir wuchsen heran , unsere Neigungen wuchsen mit uns . Da trat das Schicksal kalt und feindlich zwischen uns . Timantias wurde eines Verbrechens wegen angeklagt . Ob wirkliches Vergehen , oder feine großen Reichthümer ( eine mächtige Versuchung für den habsüchtigen Proconsul Sisenna Statilius ) daran Ursache waren , ist nie bekannt worden . Er wurde in ' s Gefängniß geworfen . Mein Vater brach allen Umgang mit der geächteten Familie ab . Ich und Larissa sahen uns nur verstohlen , und mit desto größerer Sehnsucht an den Hecken , die unsre Gärten schieden . Endlich nach vierzehn Monden gefänglicher Haft wurde Timantias - aus Schonung , wie es hieß , indem er des Todes schuldig befunden worden - mit seiner Familie verbannt , seine großen Güter eingezogen . Sisenna Statilius brachte sein Haus , das neben dem unsern lag , um einen geringen Preis an sich , und mein Vater unterhielt dieselbe Freundlichen mit ihm , die er mit Timantias gepflogen hatte . Ich war nicht zu bereden , das Haus wieder zu betreten , wo mir die Geister der Vertriebenen Rache fordernd zu schweben schienen . Dieser Eigensinn des achtzehnjährigen Jünglings war eine von den Hauptquellen des ewigen Zwistes zwischen meinem Vater und mir . Acht Jahre sind verstrichen , keine Spur von Timantias Schicksal ist mehr zu erforschen gewesen . Ob Larissa glücklich , ob sie vermählt , ob sie überhaupt noch am Leben sey - so wichtig mir diese Fragen oft erscheinen , - Niemand weiß sie zu beantworten . Alle Nachforschungen , die ich anstellte , waren fruchtlos . Doch lebt ihr Andenken in meiner Brust , als der einzige helle Punkt in meinem Schicksale . Und auch der mußte verschwinden ? - Leb ' wohl . Fußnoten 1 In Delphi war der berühmteste Tempel des Apoll , und ein Orakel . Die Dreifüße waren eine Art von Gefäß oder Schaale , welche auf drei Füßen stand , und dazu diente , um Rauchwerk darin anzuzünden . Es war eines der gewöhnlichsten Opfer , das die Frömmigkeit , die Furcht oder die Prachtliebe den Göttern brachte . Dem Aesculap , dem Gott der Aerzte , pflegte man bei der Genesung einen Hahn zu opfern . 2 Valerius Asiaticus , dessen Werk vorzüglich der Tod des Caligula war , rühmte sich seiner That im Senat , und forderte eine Belohnung dafür Caracalla wurde von Macrin getödtet , und die Soldaten , welche unter seiner grausamen Regierung sich alle Ausschweifungen erlauben durften , und seinen Verlust betrauerten , trotzten dem Senat seine Vergötterung ab Ueberhaupt war die Macht des Reiches in jenen Zeiten in der Hand der Armee , oder vielmehr der Prätorianer , der k. Leibwache , welche von dem Zelte des Imperators , Prätorium genannt , das sie zu bewachen bestimmt waren , ihren Namen hatten . Wer ihre ungeheuren Forderungen an Ausgelassenheit und Geld zu stillen versprach , oder ihnen geneigt schien , wurde von ihnen auf den römischen Thron gesetzt , und durch sie ermordet oder herabgestoßen , wenn er jene Versprechungen nicht erfüllen konnte oder wollte . Der Senat , diese einst so ehrwürdige und mächtige Versammlung , war zu einem bloßen Schattenbild und Werkzeug der Tyrannei und Anmaßung herabgesunken . Der Präfekt Prätorianer , ihr Anführer oder Kapitän , war die wichtigste Person im Staate , und sehr oft der Cand dar zur Kaiserwürde , wie denn auch Diocletian von diesem Posten auf den Thron stieg . 6. Calpurnia an Sulpicien . Rom , im Februar 301 . Nach gerade wird mir dein Aufenthalt in Bajä und deine lange Abwesenheit unerträglich . Ich hätte dir so viel zu sagen , so viel zu erzählen , und muß mich mit Schreiben , diesem armseligen Behelf für ein volles Herz , begnügen . Auch Serranus fängt an , über dein Außenbleiben unmuthig zu werden . Zwar weiß er wohl , daß du weit mehr Geschäfte gefunden hast , und der Zustand eurer Villa weit zerrütteter ist , als ihr anfänglich glaubtet : dennoch , meint er , könntest du jetzt fertig seyn , oder was allenfalls noch zu thun übrig ist , auf ein andermal lassen . Es ist doch ein gutes Wesen , dieser Serranus , und dir von Herzen zugethan . Er weiß , daß du den Prinzen oft in Bajä gesehen hast , und - es scheint , er freuet sich darüber , daß du doch in deiner Einsamkeit nicht ohne Umgang warst . Auch schätzt er dich viel zu sehr , um nicht den Gedanken , dein Verhältniß zu Tiridates könnte etwas mehr als Freundschaft seyn , für Hochverrath an dir zu halten . Wir haben gestern , als er zu mir kam um sich mit mir über deine Abwesenheit zu berathen und zu beklagen , recht viel mit einander von dir gesprochen . Er wird dir nächstens schreiben , und dich recht dringend bitten , nach Hause zu kommen ; denn seine Sulpiciola , wie er dich nennt , mangelt ihm überall . Auch mir mangelst du recht sehr . In mir ist eine Art von Veränderung vorgegangen , über die ich gern mit dir sprechen möchte . Es ist nicht mehr Alles , wie es war . Ich ärgere mich darüber , und kann doch nicht wünschen , daß es nicht geschehen seyn möchte . Ich bin jetzt manchmal sehr ernst , ich kann stundenlang über tiefsinnige Dinge recht tiefsinnig sprechen . Ich lache seltener , und finde sogar Vergnügen an manchen Ideen , die ich sonst , als ich noch ganz Calpurnia war , als excentrisch und überspannt verspottete . Das macht blos der Umgang . Man achte ja diese leise und langsame Gewalt , eben weil sie unbemerkt wirkt , nicht für gering ; man glaube nur ja nicht , sich vor ihrem stillen Einflusse bewahren zu können . Wie der Bewohner der einen Provinz , in eine andere verpflanzt , nach und nach , ohne es selbst zu wissen , seine Sitte , seine Tracht , sogar seine Sprache nach dem Gebrauche und Dialect dieses Landes modelt , und so unvermerkt mit den Eingebornen sich verschmelzt , so nehmen wir auch leicht und unmerklich die Gedankenreihe , die Ansichten , ja bis auf die Redensarten unserer Freunde an , und sehen erst nach einiger Zeit mit Erstaunen die Aenderung , die mit uns vorgegangen ist . Agathokles - wie komme ich eben jetzt auf ihn ? - ist recht viel bei mir . Wir plaudern recht oft - recht lange - recht anziehend mit einander , und meine Eitelkeit müßte mich ganz schrecklich irre führen , wenn ich nicht glauben sollte , er finde wenigstens eben so viel Vergnügen an meinem Umgang , als ich an dem seinen . Vielleicht eben des grellen Abstandes wegen , der im Anfange zwischen unsern Charakteren zu seyn schien ? Schien ! sage ich mit Vorbedacht ; denn es zeigt sich immer deutlicher , daß wir im Grunde über die meisten und wichtigsten Dinge , ziemlich gleich denken . Zuweilen entsteht wohl ein kleiner Streit , aber das dient nur , den Umtausch der Gedanken zu befördern , und die Unterhaltung zu beleben . Uebrigens schadet es unserer Einigkeit nicht . Agathokles ist , wenn er bei genauerer Bekanntschaft die spröde Außenseite ablegt , ein sehr angenehmer Gesellschafter . Unter andern lieset und declamirt er vortrefflich , und es ist einer meiner köstlichsten Genüsse , mir von ihm die besten Stellen , aus unsern Dichtern , die er fast alle auswendig weiß , vorsagen zu lassen . Zuweilen löse ich ihn auch wohl ab . Du weißt , es war von jeher eine Lieblingsübung von mir . Und dann , liebe Sulpicia , unter uns gesagt , geht meine Eitelkeit nicht leer aus . Ich sehe , oder eigentlich , ich fühle wohl , daß die Leserin ihn weit mehr anzieht , als der Dichter selbst : und je strenger der Mann gewöhnlich ist , je süßer , schmeichelt es , dieses . Eis am Strahle der Freundschaft schmelzen zu sehen . Freundschaft ! Merke das Wort wohl , liebe Sulpicia ! keine Liebe ; denn ich bin seine Vertraute , und weiß , daß sein Herz , wie es einem ächten Schwärmer geziemt , theils der ganzen Menschheit angehört , theils mit seinen , feineren Neigungen einem schönen Schattenbilds zugewandt ist , das noch aus den rosigen Tagen der Kindheit in himmlischem Lichte vor seiner Seele schwebt , und ihn für alle irdischen Reize unempfindlich macht . Du siehst , ich weiß schon Manches , und habe damit nicht auf deine Ankunft warten dürfen . Nein , ich habe ihm einen Theil seiner Geheimnisse mit freundlicher Herzlichkeit abgefragt , ich habe den Kummer bemerkt , der dies edle Herz drückt , und ihn zu erforschen gesucht , und er hat sich der ungeheuchelten Theilnahme wahrer Freundschaft nicht verschlossen . Seine Unzufriedenheit mit dem Zeitalter , seine Besorgnisse für die Zukunft , seine Trauer um die bessere Vergangenheit - ist jetzt nicht mehr Gegenstand unsers Streites , und die Zielscheibe meines Scherzes . Seit ich weiß , wie tiefen Antheil mein Freund an ihnen nimmt , wird über diese Materien ernst und würdig gesprochen , und mit Vergnügen sehe ich denn am Ende eines solchen Gesprächs die Gewitterwolken , die im Anfange seine Stirn umzogen , verschwunden , und seinen Blick mir freundlich und dankbar strahlen . Sogar sein gespanntes Verhältniß zu seinem Vater hat er - freilich nur leise - berührt , und ich achte seine Zurückhaltung in diesem Punkte , und dringe nicht weiter in ihn . Scheint es doch , er hätte willig Alles , worüber er Herr war , der Freundin mitgetheilt , und halte nur mit dem zurück , was er nicht ganz sein nennen kann ! Gekannt möchte ich das Mädchen wohl haben , das seine Kindheit und erste Jugend verschönerte . Schön ist sie nicht gewesen , das sagt er selbst , aber gut und höchst liebenswürdig . Nun das versteht sich von selbst , wenn ein Liebhaber , sie schildert . Bis in sein achtzehntes Jahr ist er mit ihr umgegangen , seitdem hat er sie nicht wieder gesehen . Ob nun gleich die folgenden acht Jahre für seine Entwickelung sicher die bedeutendsten waren , so ist doch ein Jüngling , wie Agathokles , mit achtzehn Jahren reif genug , um einen solchen Eindruck auf Zeitlebens fest zu halten . Das kann ihm bei der Wahl seiner künftigen Gattin immer schaden , oder auch nützen - wie du willst ; denn es wird ihn behutsam und ekel machen . Ich finde es nicht übel , wenn ein Jüngling ein idealisches Bild von Würde , Größe , Tugend in seiner Brust trägt , und die Welt um ihn her an diesem großen Maaßstabe mißt . Er und sie gewinnen dabei , denn er wird nichts Gemeines und nichts gemein thun . Mag das Ideal nun die Gestalt irgend eines berühmten Mannes , eines großen Helden , wie Miltiades dem Themistokles1 war , oder eines holden Weibes tragen ; das ist in Rücksicht der Wirkung einerlei . Du siehst , Liebe , wie gelassen , wie wahrhaft philosophisch ich die Sache betrachte . Hörst du wohl ? Philosophisch ! Du mußt mir das Wort gelten lassen . Es bezeichnet ganz eigentlich das , was ich andeuten will . Philosophie ist Liebe zur Weisheit . Und ist der nicht weise zu nennen , der sich bemüht , mit klarer ruhiger Ueberlegung alle Dinge auf der Welt in den gehörigen Beziehungen und Abständen von sich zu stellen - und zu erhalten ? Das allein führt zur Gemuthsruhe , und nur bei Gemüthsruhe kann Weisheit wohnen . Nach dieser Definition , die mir ziemlich richtig scheint , käme es nun darauf an , zu bestimmen , wer eher Anspruch auf den Titel eines Philosophen machen kann - Ihr leidenschaftlichen Seelen , die ihr Alles mit düsterem Ernst betrachtet , die Welt als einen ewigen Kampfplatz der Tugend mit dem Unglück oder Laster anseht , und Alles schwer ertraget , weil ihr eben Alles recht schwer nehmt - oder wir andern frohmüthigen Geschöpfe , die wir uns von keiner Sache tiefer bewegen lassen , als sie es verdient , vor allen Dingen den Erscheinungen in dieser Welt die trügerische Maske abziehn , die ihnen Vorurtheil , Leidenschaft , Phantasie anlegen , und dann , wenn wir den schrecklichen Riesen auf seine wahre Zwerggestalt herabgebracht haben , zusehen , wie wir mit ihm fertig werden wollen . Jetzt will ich dir auch eine Stelle aus deinem ersten Briefe , die mich damals fast ein wenig verdroß , parodirend zurückgeben . » Laß uns den eiteln Stolz auf Systeme aufgeben , « schreibst du . » Wir sind nicht , was wir wollen , sondern was wir können . « Laß uns , sage ich dir , nicht hinter Entschuldigungen des Unvermögens flüchten , wo wir thätig seyn , und handeln sollen ! Wie oft - ich gebrauche mich der Waffen deines großen stoischen Lehrers - wie oft ist Nichtwollen die Ursache , Nichtkönnen der Vorwand ! 2 Sieh , Sulpicia , ich fühle , daß Agathokles mehr Bedeutung für mich bekommen könnte , als nach der Kenntniß , die ich von seinem Herzen und unsern gegenseitigen Verhältnissen habe , mit meiner Ruhe bestehen kann . Ich sage es aufrichtig ; denn warum sollte ich mich der Neigung zu einem der edelsten Sterblichen schämen ? Aber eben darum werde ich mich und ihn strenge bewachen - und nie soll Leidenschaft und ausschließende Liebe die schöne Stille stören , in der allein mir so wohl ist . Freundschaft , Achtung , zwangloser gebildeter Umgang , das ist Alles , wessen ich bedarf , um glücklich zu . bleiben . Das wollte ich suchen , das habe ich gefunden , und will es mir erhalten . Leb ' wohl ! Fußnoten 1 Themistokles hat bei der Statue des Miltiades , der die Perser überwand , als Jüngling Thränen des Ehrgeizes geweint , und dann später die Perser , wie jener , geschlagen . 2 Seneca in seinen Episteln : Nolle in causa est , non posse praetenditur . 7. Sulpicia an Calpurnien . Bajä , im Februar 301 . Was soll ich sagen , Calpurnia ? Soll ich mehr das Glück deines frohen Sinnes bewundern , oder deine ungeheure Anmaßung bedauernd anstaunen ? Du fängst an zu lieben , ja du liebst bereits , du bleibst in der Gegenwart des geliebten Gegenstandes , und darfst es wagen , deinen Gefühlen so nahe , oder überhaupt nur einige Grenzen setzen wollen ? Entweder du irrest schrecklich , und wirst nur zu früh aus deinem sorglosen Schlummer erwachen , oder - du bist die glücklichste Sterbliche , die jemals gelebt hat , und leben wird . Aber du , die du unsre Tragiker auswendig weißt , kennst du die Stelle nicht : Ich fürchte die Götter , wenn sie allzugünstig sind ? 1 Daß du und Agathokles einander näher kommen , daß ihr euch , trotz des Contrastes , oder eben um des Contrastes eurer Gemüther wegen , wechselseitig anziehen würdet , das habe ich vorgesehen , als Tiridates mir nebst der Schilderung seines Freundes , die Nachricht brachte , daß er als Gastfreund in eurem Hause lebe . Daß du aber auch mit dieser Empfindung , mit der Neigung zu einem Agathokles , wie bisher mit allen übrigen , nach Gefallen zu spielen , sie zu ' lenken und zu drehen hoffen kannst - das hatte ich nicht erwartet . Was denkst du denn von der Liebe ? Welche Begriffe machst du dir von ihr ? O daß die Stimme einer unglücklichen Freundin die Kraft hätte , dich zu warnen , da es noch Zeit ist ! Ja , die Liebe ist die schönste , die seligste Empfindung , deren das menschliche Herz fähig ist ; sie ist es , die den armen Sterblichen auf Augenblicke seiner dürftigen Existenz vergessen läßt , und ihn in den Aufenthalt der seligen Götter zu ihren Freuden entzückt . Aber - diese Freuden sind nicht für den Sohn der harten Erde , für das zu Mühe und Sorgen bestimmte Geschlecht des Deucalion2 gemacht ! Die Götter strafen den Eingriff in ihre Rechte , und stoßen den Frevler , der in dieser sterblichen Hülle sich an ihren Tisch drängen wollte , in den Tartarus hinab . Sieh hier den wahren Sinn der Fabel des Tantalus , oder Prometheus , der den himmlischen Funken stahl , um die Gebilde seiner Hand damit zu beleben ! Nicht das stolze , kalte Vorrecht der Vernunft , die Seligkeit der Liebe , die ganz eigentlich das Glück des denkenden Wesens ausmacht , war es , womit er seine Geschöpfe weit glücklicher zu machen dachte ; aber die Himmlischen straften den Raub , und Prometheus büßte durch