haben könne , so gestehe ich doch ohne Bedenken , daß die Stärke Corneille ' s mir wenigstens eben so zusagte , als die Sentimentalität Racine ' s ; ja daß ich dem ersteren um des kräftigen Gemüthes willen , das aus ihm spricht , im Ganzen den Vorzug gab , wie eifrig auch die Männer darauf bestehen mochten , daß ich nur den letzteren lieben könnte und dürfte . Ich müßte mich sehr irren , oder ein Schriftsteller interessirt immer nur in so fern , als seine Gedanken Abgründe enthalten , in welche man nur schwindelnd blickt . Mit der natürlichen Vorliebe , welche der Mensch für das Große und Starke hat , hab ' ich in der Folge versucht , mir auch Shakspears Geist anzueignen ; allein dies hat mir nie gelingen wollen , und hab ' ich mich anders gehörig beobachtet , so ist es der Mangel an Züchtigkeit in den Werken des Engländers , was mich beständig von ihm zurückgeschreckt hat . Shakspear hat nur für Männer geschrieben , und Weiber , welche seine Trauerspiele und Lustspiele mit Vergnügen lesen , verderben nichts mehr an sich selbst , wenn sie Pferde zureiten , Armeen kommandiren , und jedes andere Geschäft verrichten , das die Natur dem Manne zugetheilt hat . Sie haben ihren Lohn dahin , indem sie der Weiblichkeit entsagt haben . So lange ich auf dem Lande gelebt hatte , waren mir gewisse Empfindungen ganz unbekannt geblieben . Dahin gehörten die des Mitleids und Erbarmens , für welche es auf dem Dorfe , das ich in der Gesellschaft meiner Pflegeeltern bewohnte , keine Gegenstände gab , weil der Überfluß an Naturgütern wohl zur Gefälligkeit , aber nicht zur Großmuth führen kann . In die Hauptstadt versetzt , fand ich nur allzubald Gelegenheit , aus mir selbst heraus zu treten , um mich mit der zahllosen Menge derjenigen zu identifiziren , welche , ausgeschlossen von den Vortheilen der gesellschaftlichen Arbeit , ihre Zuflucht zu der menschlichen Milde nehmen müssen . Je weniger ich auf den Anblick des Kummers und der Ohnmacht vorbereitet war , desto heftiger wirkte er auf mich ein . Ich gab , was ich nur einigermaßen entbehren konnte , und that mir nicht eher genug , als bis ich die Entdeckung gemacht hatte , daß man für Hülfsbedürftige nichts thut , so lange man ihnen nicht gerade das giebt , was ihnen nothwendig ist . Von jetzt an gewann mein Mitgefühl den Charakter der Thätigkeit ; und ob es gleich dadurch an innerer Stärke verlor , so war doch jeder Akt der Milde mit desto mehr Vergnügen für mich verbunden , je bestimmter ich mir sagen konnte , wodurch ich ihn zu Stande gebracht hatte . Jenes müssige Wohlthun , wodurch man sich zuletzt entweder von einem unangenehmen Gefühl loskauft , oder sich die eigene Unbedürftigkeit klar macht , ist mir seitdem immer fremd geblieben ; und was die Vertheidiger der Selbstheit auch immer zur Rechtfertigung ihres Systemes sagen mögen , so hab ' ich immer an mir selbst zu bemerken geglaubt , daß außer der Selbstheit noch etwas anderes im Menschen ist , das , mag man es doch nennen wie man wolle , allein zu Aufopferungen und Anstrengungen für die Gesellschaft führen kann . Es war , wenn ich nicht irre , eine Französin , welche über ihre Thüre schrieb : Sparsamkeit ist die beste Quelle der Großmuth ; aber diese Frau empfand bei weitem richtiger , als Helvetius dachte , der in seinen Werken etwas Bewundernswürdiges geleistet haben würde , wenn er das Problem seiner eigenen herrlichen Natur gelöset hätte . Der Zeitpunkt war gekommen , wo ich in die Gemeinschaft der Christen durch einen förmlichen Akt aufgenommen werden mußte . Mein Pflegevater selbst wollte diesen Akt verrichten , und bereitete mich daher auf das sorgfältigste dazu vor . So viel ich mich seines Unterrichts noch jetzt erinnern kann , unterschied er Christenthum von christlicher Religion . Das erstere setzte er in eine gewissenhafte Anwendung des Moralprincips auf alle die gesellschaftlichen Verhältnisse , in welchen sich das Individuum befindet ; in der letzteren erblickte er eine Sammlung von Anschauungen des Inneren der menschlichen Natur , welche die Dumpfheit des Mittelalters in Mysterien verwandelt hatte . Nach ihm war z.B. die Lehre von der Dreieinigkeit mit einer Art von Nothwendigkeit aus dem Innern des Menschen hervorgegangen . » Von jeher , « sagte er , » war das Bestreben des menschlichen Geistes darauf gerichtet , das Unbegreifliche zu begreifen . Hierbei konnte es nicht fehlen , daß der Mensch sich zuletzt selbst an die Stelle der ersten Ursache aller Erscheinungen setzte . Da eine Kraft in ihm vorhanden war , aus welcher alle seine Schöpfungen hervorgingen , so stellte er diese Kraft ( den Geist ) symbolisch als den Vater dar . Eine andere Kraft in ihm ( das Gemüth ) enthielt die ewigen Aufforderungen zu neuen Schöpfungen ; und wie hätte diese Kraft schicklicher personifizirt werden können , als unter dem Bilde des Sohnes , der den Vater liebt und von ihm geliebt wird ? Die dritte Kraft ging aus dem Verhältnisse der beiden ersteren hervor , und war in sich selbst das Bewußtseyn der größeren oder geringeren Harmonie der beiden ersteren Kräfte ( Gewissen ) ; daher die symbolische Bezeichnung derselben durch den heiligen Geist , der von Vater und Sohn ausgeht . Die Lehre von der Dreieinigkeit lag also wesentlich im Menschen , und ist im Grunde genommen die umfassendste Reflection , die der Mensch jemals über sich selbst gemacht hat . Ein Gegenstand des blinden Glaubens und des spottenden Zweifels , so lange das Innere noch nicht erwacht ist , wird sie ein Gegenstand der unmittelbaren Anschauung und der innigsten Überzeugung , so bald man anfängt , sein eigenes Wesen zu zergliedern . Wie viele Spötter unserer Zeit würden plötzlich verstummen , wenn es möglich wäre , ihnen den wahren Sinn des neuen Testaments und der ersten Kirchenväter einzuimpfen ! Man findet es gegenwärtig ehrenvoll ein Atheist zu seyn ; aber nur weil man nicht weiß , was ein Atheist ist . Sey man es immerhin in Beziehung auf den Gott der Priester , und so bald von einer furchtbaren Weltursache die Rede ist ; aber ist die Weltursache von beiden nicht wesentlich verschieden ? In Beziehung auf diese ist es an und für sich unmöglich ein Atheist zu seyn , und versteht man das neue Testament auch nur einigermaßen , so entdeckt man eine auffallende Harmonie zwischen Schrift und Vernunft . Was kann das Christenthum besser charakterisiren , als der Ausspruch : Furcht ist nicht in der Liebe , sondern die Liebe treibet die Furcht aus ? Und was ist zugleich erhabener und umfassender , als der Satz : Gott ist die Liebe , und wer in der Liebe bleibet , der bleibet in Gott und Gott in ihm ? Wir müssen nur nicht außer uns suchen , was nur in uns seyn kann ; und wir sind alles , was wir werden können , wenn unser Geist mit unserem Gemüthe in einer solchen Harmonie stehet , daß die Verletzung desselben uns als eine Vernichtung unsers ganzen Wesens erscheinen muß . « Auf diese Weise erklärte mir mein Pflegevater jedes andere Dogma der christlichen Religion , mir das Geheimniß meines Inneren entschleiernd und mir Achtung vor mir selbst einflößend . Ein Ausspruch , der für ihn einen tiefen Sinn enthielt , und den er mir oft wiederholte , um ein bleibendes Ideal in mich niederzulegen , war der Ausspruch , wodurch der Stifter des Christenthums seine Schüler aufforderte : Klug zu seyn , wie die Schlangen , und ohne Falsch , wie die Tauben . Auch ist mir dieser immer gegenwärtig geblieben . Der Sitte jener Zeiten gemäß , durfte ein junges Mädchen nicht eher öffentlich erscheinen , als bis sie durch die Confirmation dazu berechtigt war ; durch diese erhielt man gleichsam ein Beglaubigungsschreiben der Zulässigkeit und Würdigkeit , und ich gestehe , daß ich diese Einrichtung ungern habe zu Grunde gehen gesehen , weil doch einmal eine gewisse Reife erfordert wird , um das sociale Interesse zu theilen . Mein erster Eintritt in die gesellschaftlichen Kreise der Hauptstadt war ohne allen Eclat . Nach den Vorbereitungen , die ich erhalten hatte , war ich nichts weniger , als verlegen ; aber von allen den gesellschaftlichen Eigenschaften , wodurch man in die allgemeine Stimmung eingreift , war auch keine einzige in mir . Mein Äußeres schien in dieser Hinsicht bei weitem mehr zu versprechen , als mein Inneres zu halten im Stande war . Man brachte mich auf allerlei Witz- und Kitzelproben ; ich bestand keine einzige derselben , weil mein Geist dazu durchaus nicht abgerichtet war . Dagegen trat mein Inneres bei jeder Gelegenheit so ungeschminkt , gesund und kräftig hervor , daß ich denjenigen , die mich durchaus nach sich modeln wollten , alle Lust benahm , ein hartes Urtheil über mich zu fällen . Ich hatte sehr bald das Vergnügen , zu bemerken , daß man sich in allen ernsthaften Dingen vorzugsweise an mich wandte , und mir also den Mangel an Witz um der höheren Verständigkeit willen verzieh , die mir beiwohnte . Wie viel meine gute Miene dazu beitrug , die Gemüther mit meiner Eigenthümlichkeit zu versöhnen , will ich nicht berechnen ; so ausgemacht es auch ist , daß die Anspruchslosigkeit eines sonst klaren und regelmäßig gebildeten Gesichtes immer damit endigen muß , die Herzen zu gewinnen . Mehr als alles Übrige pronirte mich der Beifall bejahrter Frauen in der Meinung des Publikums . Es konnte nicht fehlen , daß ich mit den soliden Eigenschaften , die ich von meiner ersten Jugend an zu erwerben Gelegenheit gehabt hatte , ihnen unendlich mehr Berührungspunkte darbot , als andere junge Mädchen oder Frauen ; und indem sie die schwer erworbene Solidität des Alters in mir wiederfanden , und sich also in mir verjüngt erblickten , blieb ihnen schwerlich etwas anderes übrig , als mir das Wort zu reden , wofern sie sich nicht selbst herabsetzen wollten . Es kam auf diesem Wege nur allzubald dahin , daß ich von Allen gesucht wurde . Man möchte nun glauben , daß ich ein Gegenstand des Neides für andere Mädchen meines Alters geworden sey ; dies war aber durchaus nicht der Fall . Da ich keiner in den Weg trat , so wurde ich mit meiner Gutmüthigkeit ein Stützpunkt für alle , so daß selbst diejenigen von ihnen , welche die meisten Ansprüche auf Werthschätzung machten , mir gegenüber diese Ansprüche fahren ließen , und sich , wenn sie uneins mit sich selbst geworden waren , auf mein Urtheil und meine Entscheidung bezogen . In Wahrheit , es mochte keine alltägliche Erscheinung seyn , ein junges Mädchen von siebzehn bis achtzehn Jahren , das , wo nicht schön , doch wenigstens nichts weniger als häßlich war , in physischer und moralischer Kraft den Ausschlag über ihres gleichen geben , und sich doch niemals überheben zu sehen . Das Räthselhafte dieser Erscheinung wurde durch meine Erziehung gelöset ; allein diese Erziehung wurde wiederum dadurch zum Räthsel , daß die wenigsten Menschen - weil es einmal das Eigenthümliche der menschlichen Natur mit sich bringt , sich vor allen Dingen mit sich selbst zu beschäftigen - die Fähigkeit haben , solche Charaktere , als meine Pflegeeltern , zur Anschauung zu bringen . Ich blieb also immerdar ein Räthsel , das man nicht anders lösen zu können glaubte , als durch Voraussetzung einer höheren Natur , welche die Morgengabe meiner Geburt gewesen . Ich selbst fing an , mir unbegreiflich zu werden , so wie ich in der Meinung Anderer höher emporstieg . Dem Abstich , den ich durch meine Individualität bildete , die Deferenz , welche man mir von allen Seiten her bewies , zuzuschreiben , dazu war ich mit aller Verständigkeit doch noch zu unschuldig . Da ich nun in Zeiten lebte , wo man noch gar keine Ahnung davon hatte , daß eine vornehme Geburt nichts geben , wohl aber sehr viel nehmen kann , wenn nicht von staatsbürgerlichem , sondern von rein-menschlichem Werth die Rede ist ; so gerieth ich auf die natürlichste Weise von der Welt auf den Gedanken , daß ich über mich selbst unfehlbar ins Reine gekommen seyn würde , so bald ich mir die nöthigen Aufschlüsse über meine Abkunft verschafft hätte . Ich wunderte mich , daß ich einen so gesunden Gedanken nicht längst gehabt hätte . » Man nennt dich , « sagte ich zu mir selbst , » allenthalben Fräulein Mirabella ; dies setzt voraus , daß deine Eltern von Adel gewesen sind . Warum ist aber nie von deinen Eltern die Rede ? Du kannst doch kein isolirter Strahl seyn . Die ganze Welt um dich her giebt zu , daß du es nicht bist , und doch wirst du wiederum durch die ganze Welt gezwungen , dich dafür zu halten . « Mit solchen Ideen wandte ich mich an meinen Pflegevater , zum voraus überzeugt , daß er mir kein Geheimniß aus meiner Geburt machen würde , wofern er nur selbst davon unterrichtet wäre . » Sie wissen , mein theuerster Vater , « redete ich ihn an , » wie grenzenlos meine Liebe und Achtung für Sie ist . Hatte je ein menschliches Geschöpf Ursach , mit seinem Geschick zufrieden zu seyn , so hab ' ich alle möglichen Bewegungsgründe , das meinige zu segnen ; der Zufall , der mich Ihrer Pflege übergab , war in jedem Betracht ein beglückender . Allein , da ich nur Ihre geistliche Tochter bin , und von der ganzen Welt , Sie selbst nicht ausgenommen , als solche behandelt werde : so sagen Sie mir doch endlich , wer die eigentlichen Urheber meines Daseyns sind . Ich weiß nicht , ob ich irgend etwas für sie werde empfinden können ; denn alles , was von Dankbarkeit und Liebe in mir ist , haben Sie und meine theure Pflegemutter unstreitig für immer in Beschlag genommen . Aber mich drückt das Geheimnißvolle meiner Geburt ; und der Wunsch , den Schleier , der auf ihr ruht , gelüpft zu sehen , wird um so lebhafter , je öfter ich bemerke , welchen hohen Werth man auf die Abkunft legt , und wie man auch mich , um meiner vorausgesetzten guten Abkunft willen , auszeichnet . Es ist mir , als wenn mein Inneres gewinnen würde , so bald die Ungewißheit , worin ich über diesen Punkt bisher gelebt habe , beendigt seyn wird . « Mein Pflegevater hörte mich , seinem Charakter gemäß , sehr ruhig an , und nachdem er mich auf einen Sessel hingezogen hatte , der neben seinem Lehnstuhl stand , antwortete er mir folgendes : » Dein Ursprung , meine geliebte Tochter , ist mir selbst immer ein Geheimniß geblieben . Es war der geheime Rath von K ... , der mir deine Erziehung antrug . Von ihm hab ' ich sehr regelmäßig die Gelder erhalten , welche bei der ersten schriftlichen Verhandlung stipulirt wurden . Ob er aber im Stande ist , Auskunft über deine Geburt zu geben , weiß ich nicht ; ich habe es aber immer vermuthet , weil er dich in seinen Schreiben immer Fräulein Mirabella nannte . Wenn du von mir verlangst , daß ich ihn um Erörterungen bitten soll , so kann ich nicht umhin , dir eine abschlägige Antwort zu geben . Meiner Einsicht nach , wirst du wohl thun , wenn du die ganze Sache fürs erste auf sich beruhen läßt . Ich gebe zu , daß diese Ungewißheit dich drückt ; ich gebe sogar zu , daß es gut seyn würde , wenn diese Ungewißheit gehoben werden könnte . Allein so lange deine Eltern nicht von selbst zum Vorschein treten , wirst du dich vergeblich bemühen , sie kennen zu lernen und dich nur unglücklich machen . Zu deiner Beruhigung kann ich dir noch das sagen , daß ( der Schleier , der auf deiner Geburt ruht , mag gelüpft werden , oder nicht ) dein Schicksal wenigstens in sofern gesichert ist , als du Vermögen genug hast , mit Freiheit in der Gesellschaft dazustehen . Diese Notiz verdanke ich den Erklärungen des geheimen Raths . Ich füge nur noch hinzu : daß die Welt dich immer nach deinem Werthe nehmen wird , und daß es also nur von dir abhängt , das Allerhöchste zu seyn . « Die Bemerkung , womit mein Pflegevater seine Antwort beschloß , sprach mich ungemein wohlthätig an ; sie machte auf mich ungefähr eben den Eindruck , den ein kühlendes Lüftchen auf den erhitzten Wanderer macht . Ich faßte ihre Wahrheit sogleich , wiewohl ich in keine geringe Verlegenheit gerathen seyn würde , wenn ich sie auf der Stelle hätte zergliedern sollen . Da mein Pflegevater mir unmittelbar vorhergesagt hatte , daß mein Schicksal vollkommen gesichert wäre ; so würde ich mich , seinem Wunsch gemäß , beruhigt haben , hätte er mir nicht zu verstehen gegeben , daß der geheime Rath von K ... allein im Stande sey , das Dunkel aufzuhellen , das auf meiner Geburt ruhete . Auf eine sehr natürliche Weise erhielt meine Neugierde eine Bundesgenossin an der Eitelkeit . Was meinem Pflegevater nicht gelungen war , das könnte , dachte ich , mir gelingen ; und da mir die besondere Aufmerksamkeit , womit der geheime Rath mich beehrte , so oft wir an irgend einem dritten Orte zusammentrafen , nicht entgangen war , so nahm ich mir vor , ihn , der mir , unter anderen Umständen , ewig gleichgültig bleiben mußte , so für mich zu interessiren , daß er von selbst mit dem Geheimniß hervorträte . Mir schlug das Herz , indem ich diesen Vorsatz faßte ; allein wie bestimmt ich auch fühlen mochte , daß er meiner unwürdig sey , so hatte ich doch nicht den Muth , ihm zu entsagen , oder ihn nicht in Ausübung zu bringen . Wie wenig kannte ich die Welt ! Derselbe Mann , der mir vorher in allen Dingen zuvorgekommen war , und , um mich liebkosen zu können , seinen Ernst beseitigt hatte , nahm die allerabschreckendste Amtsmiene an , so bald er bemerkt hatte , daß ich ihm näher trat . Was blieb mir nun noch anderes übrig , als dem Rathe meines Pflegevaters zu folgen ? Die Lektion , die mir für meine Eitelkeit geworden war , tief empfindend , faßte ich den Entschluß , gar nicht weiter an meine Geburt zu denken . Dies gelang mir auch so gut , daß ich nur durch den Tod des geheimen Raths ( der ungefähr ein halbes Jahr darauf erfolgte ) an die Neugierde zurück erinnert wurde , die mich einen Monat hindurch so eigenthümlich gequält hatte . Als ich die Nachricht von diesem Tode erhielt , war mir zu Muthe , wie einem , der nicht in den Besitz des versprochenen Schatzes gelangt ist , weil seine Wünschelruthe nichts taugte . Ich war um so gelassener , weil um diese Zeit mein Kopf in eben den Wirbel gezogen wurde , worin sich die Köpfe aller jungen Mädchen von meiner Bekanntschaft dreheten . Nichts ergreift eine weibliche Einbildungskraft so heftig und sicher , als die lebendige Vorstellung des schönen Zukünftigen . Die ganze Gegenwart versinkt , wenn von etwas Schönen die Rede ist , das mit Gewißheit erwartet werden kann ; ist dies Schöne aber vollends ein Mann , so dürfte in der Zusammensetzung des Weibes schwerlich etwas enthalten seyn , das verlorne Gleichgewicht sogleich wieder herzustellen . Wie fest ich auch war , und wie noch weit fester ich mich auch glaubte , so verlor ich doch die Tramontane , so bald ich nicht umhin konnte , die Freude zu theilen , welche das Fräulein Z ... über die Zurückkunft ihres Bruders aus Italien empfand . Dies hing auf folgende Weise zusammen : Ungefähr um eben die Zeit , wo meine Pflegeeltern mit mir in die Hauptstadt gezogen waren , hatte sich die Frau von Z ... mit ihrer Tochter daselbst niedergelassen . Das Fräulein war von meinem Alter , und ihre nächste Bestimmung fiel mit der meinigen zusammen , in sofern wir unsere letzte Ausbildung in der Nähe eines Hofes erhalten sollten , der in dem Rufe stand , der allergesittetste in Deutschland zu seyn . Unsere Bekanntschaft war bald gemacht , und die Verschiedenheit unserer Charaktere brachte es mit sich , daß wir Freundinnen wurden . Unruhig , heftig , witzig , in ihrem Witze nicht selten beleidigend , und aus allen diesen Gründen zusammengenommen eben so oft von sich selbst , als von der Welt verlassen , bedurfte Adelaide ( so hieß meine junge Freundin ) einer Stütze , die sie nur in einem so sanften , stetigen und verständigen Wesen finden konnte , als ich nun einmal war . Ich meiner Seits bedurfte eines starken Reizes , um mir , bei dem gänzlichen Mangel glänzender Eigenschaften , der inneren Güte meiner Natur bewußt zu werden ; und da ich diesen Reiz vorzüglich in Adelaiden fand , so suchte ich sie wenigstens eben so sehr , als ich von ihr gesucht wurde . Unsere Freundschaft war weit davon entfernt , eine leidenschaftliche zu seyn ; aber gerade weil ihr dieser Charakter fehlte , war sie nur um so zuverlässiger und traulicher . Bisweilen mußte es das Ansehn gewinnen , als ob ich für Adelaiden alles dasjenige wäre , was der Mann , als Intelligenz und moralische Kraft genommen , dem Weibe ist ; allein da das Weib , seinem geistigen Wesen nach , nie ein Mann werden kann , so geschah es nicht selten , daß sich unser Verhältniß umkehrte . Es waren zwei Talente in Adelaiden , welche dies bewirkten : nämlich das musikalische und das poetische . Ich fühle , daß ich mich hier sehr unvollkommen ausdrücke ; aber ich will versuchen , die Sache selbst ohne Kunstausdrücke zu fixiren . Adelaide hatte eine ungemeine Fertigkeit auf dem Claviere , und liebte es , Proben ihrer Geschicklichkeit abzulegen . In dieser Hinsicht paßten wir vortreflich zusammen ; denn da ein solches Talent nicht in mir war , und meine Liebe für Musik darunter gar nicht litt , so halfen wir uns vortreflich aus , Adelaide mir , indem sie mir etwas vorspielte , ich Adelaiden , indem ich mich ihrer Kunst hingab , und diese von Zeit zu Zeit durch meine Stimme verschönerte . Außerdem fand meine Freundin sehr viel Vergnügen am Versemachen . Dies war , genau genommen , ihre schwache Seite ; allein da das , was unsere schwache Seite ausmacht , uns immer am meisten am Herzen liegt , so suchte Adelaide für diesen Theil ihrer Beschäftigung - soll ich sagen Bewunderung und Lob , oder Entschuldigung und Nachsicht ? und ein sehr richtiger Instinkt sagte ihr , daß sie eins wie das andere nie erhalten könnte , wenn sie einen Mann zu ihrem Vertrauten machte . Es mochten Verse seyn , was sie meiner Beurtheilung vorlegte ; Poesie aber war es gewiß nicht . Adelaidens ganze Zusammensetzung verhinderte sie , eine Dichterin zu werden ; es fehlte ihr vor allen Dingen an dem Phlegma , das dazu , wie zur Ausübung jeder anderen schönen Kunst , erforderlich ist ; mit allen poetischen Ideen , die ihr beiwohnten , konnte sie nie dahin gelangen , auch nur ein erträgliches lyrisches Ganze zu schaffen . Indessen paßten wir auch in dieser Hinsicht herrlich zusammen . War in ihr die Erhebung , welche zu freien Schöpfungen führt , so war in mir die Ruhe , welche diese Schöpfungen vollendet ; und nachdem ich das Mechanische des Versbaues weg hatte , fehlte es mir nicht an Kraft , meiner Freundin da nachzuhelfen , wo sie von ihrer Unvollkommenheit in Stich gelassen wurde . Auf diese Weise lebten wir ohne alle Eifersucht , mehr als Schwestern , denn als Freundinnen , bis die Ankunft ihres Bruders unseren gegenseitigen Gefühlen eine andere Wendung zu geben versprach . Von diesem Bruder war dann und wann die Rede gewesen ; aber ohne bemerkbare Wärme und ohne Enthusiasmus , ungefähr so , wie man von Personen spricht , die man zwar liebt , mit denen man aber zufälligerweise in solchen Verhältnissen lebt , daß es eine Thorheit seyn würde , den Empfindungen nachzugeben , welche man für sie unterhält . Gegenwärtig , wo Moritz ( so hieß dieser Bruder ) seine baldige Zurückkunft angemeldet hatte , veränderte sich die Sprache . Seine Mutter , deren Liebling er immer gewesen war , brannte vor Ungeduld , ihn wieder zu sehen ; allein sie sprach nicht davon , unstreitig weil die jungen Mädchen , welche ihre Tochter besuchten , sehr wenig geeignet waren , ihre Gefühle zu theilen . Adelaide hingegen , wie wenig sie auch in Beziehung auf ihren Bruder empfinden mochte , sprach unaufhörlich von ihm ; und hätte ich damals die Erfahrungen haben können , welche mir ein fortgesetztes Studium der menschlichen Natur gegeben hat , so hätte mir einleuchten müssen , daß meine Freundin jenes Ideal , das jedes junge Mädchen in seinem Kopfe trägt , treuherzig auf ihren Bruder anwandte ; voll von der Voraussetzung , daß ein dreijähriger Aufenthalt in Italien ihm alle die Eigenschaften werde gegeben haben , welche den Mann vollenden . Da ich diese Erfahrungen nicht hatte , so konnte es schwerlich fehlen , daß Adelaide , zum erstenmale seit unserer Bekanntschaft , mit mir durchging . Wie alle übrigen jungen Mädchen , welche in das Familieninteresse eingeweiht waren , glaubte ich an die Wirklichkeit dessen , was Adelaide von ihrem Bruder sagte , und unter uns allen war gewiß keine Einzige , die nicht mit klopfendem Herzen den Augenblick herbeigewünscht hätte , in welchem entschieden werden mußte , welcher der schönste und liebenswürdigste der Männer - denn in diesem Lichte erschien uns der Herr von Z ... - den Vorzug geben würde . Für einen ruhigen Zuschauer würde es unstreitig ein großes Vergnügen gewesen seyn , zu sehen , wie Adelaide durch die Art und Weise , wie sie über ihren Bruder sprach , zur Königin des ganzen Mädchenkreises erhoben wurde . Da war auch keine ihrer Launen , der man nicht nachgegeben hätte ; ja , selbst ihre Sarkasmen verloren die scharfe Spitze , wodurch sie sonst verletzt hatten ; und hätte sie den Vortheil des Augenblicks benutzen wollen , mit Tyranney über uns alle zu walten , so würde sie es ungestraft gekonnt haben . Ich selbst , obgleich von allen am wenigsten von Schwärmerei ergriffen , war in dieser Periode die Nachgiebigkeit selbst , und würde eine ganze Nacht durchwacht haben , um in einen ihrer poetischen Versuche einen erträglichen Sinn zu bringen . Die Täuschung , worein uns Adelaidens Phantasie gesetzt hatte , hörte nicht auf , als der von Z ... wirklich angelangt war . Zwar sagte uns der Augenschein , daß er dem Bilde nicht entsprach , welches wir uns von seinen körperlichen Vorzügen entworfen hatten ; allein körperliche Vorzüge sind etwas , das in der Phantasie des Weibes unter allen Umständen der Liebenswürdigkeit weichen muß , und diese blieb unbestritten , so lange keine Beweise vom Gegentheil vorhanden waren . Aus dem Adonis , der Adelaidens Bruder seyn sollte , war ein Mann von mittler Größe , festem Baue und einem Gesicht geworden , das , obgleich nicht ohne interessante Züge , sehr wesentlich von den Blattern verunstaltet war , und sich zuletzt nur durch eine sehr feine Nase und ein Paar großer schwarzer Augen auszeichnete . Auch seine Liebenswürdigkeit war ganz anderer Art , als wir sie uns gedacht hatten . Artig gegen alle , schien er keine einzige zu bemerken ; und wiewohl wir alle Ursache hatten , mit einem so klugen Benehmen zufrieden zu seyn , so war doch jede gleich sehr davon empört , weil jede sich einbildete , daß er , ohne ungerecht zu seyn , ihr den Vorzug nicht versagen könnte . Indessen wurden wir alle in Athem erhalten ; und diejenigen von uns , bei welchen das Temperament den Ausschlag über den Verstand gab , legten es recht augenscheinlich darauf an , Entscheidung herbei zu führen . Einen solchen Wettstreit zu theilen , hielt ich nicht für rathsam , nicht weil ich mein persönliches Verdienst in einen allzu geringen Anschlag gebracht hätte , sondern weil ich das Unweibliche einer Bewerbung fühlte . Mich zurückziehend , überließ ich den sämmtlichen Freundinnen Adelaidens das Vergnügen , sich um einen Mann zu zanken , von welchem ich aufs bestimmteste ahnete , daß etwas in ihm seyn müsse , wodurch er gegen die Aufmerksamkeit , die ihm von dem schönsten Theile meiner Bekanntschaft bewiesen wurde , gleichgültiger war , als seine Jahre es mit sich brachten . Wenn Alles um uns her Politik treibt , so giebt es unstreitig kein sicherers Mittel , unseren Concurrenten den Rang abzulaufen , als stilles Zurückbleiben und ruhiges Abwarten des vortheilhaften Augenblicks , wo die Übrigen verzweifeln . Ich sage damit nicht , daß ich dieser Maxime gemäß handelte , als ich mich aus dem Kreise zurückzog , der Adelaiden umgab ; ich folgte dabei keiner Idee , sondern nur einem Gefühl . Allein die Idee hätte mich nicht sicherer leiten können , als das Gefühl mich leitete . Kaum war Herr von Z ... der Bewerbungen überdrüßig geworden , deren Gegenstand er war , so zog er sich in die Einsamkeit zurück ; und kaum war er den Augen seiner Bewerberinnen entschwunden , so stürzte der Thron zusammen , auf welchem Adelaide bis dahin die Huldigung aller ihrer Gespielen erhalten hatte . Verlassen und auf sich selbst zurückgebracht , konnte diese meiner nicht länger entbehren ; und als sie zu mir zurückkehrte , fand sie alles , was sie ehemals an mir besessen hatte , um so eher wieder , weil kein förmlicher Bruch uns getrennt hatte . Ich wollte , als sie mich aufforderte , ihren Besuch