sich meine Brust . Das Wasser rauschte und quoll so lebendig neben mir hin , ich athmete zum erstenmal frisches Leben , und der Gedanke zu entfliehen ward mir nun erst deutlich . Die erwachte Kraft beflügelte meine Schritte . Ich hatte bald die hohe Mauer im Rücken , und kam auf eine Wiese , die sich wie ein bunter Teppich neben dem klaren Wasserspiegel ausbreitete . Jenseit sahe ich hohe Bäume , alles keimte und blühete nach einem kurzen Winterschlaf . Es ist unbeschreiblich , wie mich das erste Wehen des Frühlings in der reinen freien Natur ergriff . Wie berauscht brach ich Wasserlilien und lange zitternde Grashalme , und sie in der Luft schwenkend , lief ich unter Jauchzen und Schreien den bunten Vögeln nach , die sich auf den Blumenkelchen wiegten , und mich durch Feld und Wald nach sich zogen . Alle Lieder , die ich kannte , alle Gebete , die ich je von Eusebio hörte , alles rief ich den Lüften , den Bäumen , den Blumen entgegen . Ich wünschte , ich wollte nichts , als ewig so leben . Mehrere Stunden mochte mich mein Entzücken so fortgetrieben haben , und ich weiß nicht , welchen Raum ich durchlief , als ich endlich bemerkte , daß mein Weg mich an einem steilen Gebirge hinaufführte . Ich ging dennoch lustig weiter , und ergötzte mich an den farbigen Steinchen und hellen Krystallen , die auf den hervorragenden Spitzen glänzten . So erreichte ich den Gipfel des Berges , der mir alle Pracht einer lange verschloßnen Welt aufdeckte . In einem weiten unermeßlichen Thal sah ich Wälder , Triften , hohe Thürme , Häuser . Alles leuchtete und wogte im hellen Abendglanz . Die untergehende Sonne vergoldete die rothen Dächer , am Himmel glüheten Purpurwolken , um und über mir war ein Flimmern und Glänzen . Da gedachte ich Eusebio ' s , und sank betend nieder . Ich hatte keine Worte , aber in einen Laut hätte ich alle Seligkeit der klopfenden Brust aushauchen mögen . Nie ist mir wieder so zu Sinne gewesen ! Nach einer Weile , als die trunknen Blicke sich wieder auf einzelne Gegenstände richteten , bemerkte ich am jenseitigen Abhange des Berges kleine zerstreut liegende Hütten . Ich lenkte meine Schritte dorthin , und stand bald vor einer derselben , aus deren Innerm die anmuthigsten Flötentöne erschollen . Ich trat in die geöffnete Thür und begrüßte eine schöne junge Frau , die mich erstaunt ansah , und nicht zu wissen schien , was sie aus mir machen solle . Die gute Sara hat mir nachdem oft gesagt : wie mein Anblick sie erschreckt , und sie mich für ein gespenstisch unnatürliches Wesen gehalten habe . Ich hatte nehmlich gleich Anfangs , um schneller laufen zu können , meine Kleider abgeworfen , und trat nun so halb nackt , mit langen Blüthenzweigen um Haupt und Arme , vor die verwunderte Frau , die in meinen seltsam glühenden Augen ein überirdisches Feuer zu sehen meinte . Ganz scheu fragte sie mich , woher ich käm ? Die Frage erschreckte mich , ich hatte das Kloster bis dahin ganz vergessen , jetzt fürchtete ich mehr als jemals dahin zurückgebracht zu werden . In der Angst sagte ich halb Wahrheit , halb Lüge : wie mich die Flammen weit jenseit des Berges vertrieben , und ich schon längst als ein hülfloses Kind , unter Fremden lebend , hier einen Zufluchtsort suchen wolle . Die Frau sah mich noch immer mißtrauisch an , und hieß mich in der Laube vor der Hütte ruhen , während sie gutmüthig einige Erfrischungen herbei holte . Indem kam ein lieblicher Knabe , mit der Flöte in der Hand , zu mir heraus . Wie ich ihn erblickte , fiel ich ihm , außer mir vor Entzücken , in die Arme , und rief unter lautem Schluchzen : ein Kind , ein süßes Kind , so lieb und schön , wie der heilige Johannes zu der Mutter Gottes Füßen . Sara , die sich während dem genahet hatte , sagte mit erheitertem Gesicht : siehst Du , Florio , sagte ich Dir ' s nicht immer , daß Du dem Heiligen auf ein Haar gleichest , jetzt bekräftigt ' s der Knabe dort auch . Sie strich ihm die blonden Locken von der Stirn und küßte ihn mit innerm Wohlbehagen . Mir ward bei dem Anblick unbeschreiblich wehmüthig , ich ergriff ihre Hand und blickte flehend zu ihr auf . Armer Junge , sagte sie gerührt , willst gern bei uns bleiben ? Nun , es trifft just daß wir einen Treiber bei der Heerde brauchen ; warte nur bis der Vater zurück kommt , er wird dich wohl behalten , wenn du fein ordentlich bist . Der Vater kam und gestattete mein Dortbleiben . Ich lernte mich bald in alles fügen , und trieb die Schäfchen sorgsam im Thale . Florio begleitete mich überall . Wir saugen und spielten . Ich schien mir selbst oft wie neu geboren , so verdrängte die lustige Gegenwart jede Erinnerung des Vergangenen , und wenn ich zuweilen des Klosters gedachte , so schloß dennoch die innere Angst meine Lippen , daß ich nie mein voriges Leben verrieth . Des Abends , wenn wir zurückkehrten und die Mutter am hellen Kamin trafen , erzählte sie uns wohl manche seltsame Geschichte . Am liebsten sprach sie von einer wunderschönen Dame , die im Thale in einem großen glänzenden Hause gewohnt habe , und von den Hirten wie eine Heilige verehrt worden sey . Wie ein Engelsbild wäre sie oft plötzlich dem Hülfsbedürftigen erschienen , und hätte jedem Trost und reiche Gaben gespendet . Zu ihr durfte indeß Niemand , und man glaubte , der Garten , dessen Gitter stets verschlossen blieb , sey bezaubert . Doch sey sie wie allgegenwärtig im Thale gewesen , und Niemand habe je vergebens ihren Beistand gewünscht . Nach und nach wäre sie indeß selbst wie ein Schatten vergangen , und endlich mit ihrem Gemahle , von dem man wunderliche Dinge erzählte , verschwunden . Zwar wollten die Hirten diesen noch lange nachher , des Nachts , die Harfe im Arme , wie einen Geist zwischen den Bergen herumstreifend gesehen haben , und , setzte sie leiser hinzu , oft ist mir auch im Schlafe , als höre ich die Harfentöne von fern herüber schallen . Das große Haus , sagte sie dann klagend , steht nun verödet und leer . Einst hat man viel Fahrens und Reitens dort in der Nacht vernommen , nachdem ward aber alles still , und Niemand geht hinein . Ich hatte ein großes Verlangen nach dem Hause und lag der Mutter beständig an , mir den Weg dahin zu zeigen ; allein sie kannte ihn selbst nicht , und der alte Martin , der bei diesen Erzählungen immer nachdenkend vor sich hin sah , verwies mir meine Neugier sehr ernst . Wir blieben dann Alle einige Augenblicke still und betrübt , bis Florio ein Lied von einer lustigen Schifffahrt anstimmte , das die Herzen mit einem eignen Zauber belebte . Ich trug indeß das Bild der schönen Dame immer mit mir herum , und hoffte um so eher , sie solle mir einmal erscheinen , da Florio behauptete : sie komme oft im Traume zu ihm , und bringe ihm dann eine goldne Harfe und so wundervolle Blumen , wie er nie wachend gesehen habe . Voll von diesen Vorstellungen hatte ich mich einst im Gebirge verspätet und trieb meine Heerde ängstlich die Klippen hinunter , als ich ein Klingen aus dem Innern des Berges vernahm . Der Laut drang recht sehnsüchtig zu mir herauf ; allein was ich zuvor ungeduldig wünschte , erfüllte mich jetzt mit Bangigkeit . Mir grauete vor dem eignen Schatten , und die abgestorbnen hohlen Bäume schienen mir , wie gewaltige Riesen , lange dürre Arme entgegen zu breiten . So stürzte ich athemlos in die Hütte , und erzählte : daß der Berggeist mich gerufen , und wie ein Nebel über mich hingegangen sey , als ich einen stattlichen Fremden am Kamin erblickte , der mir neugierig zuhörte , und Martin nach der Bewandniß jener Erscheinungen fragte . Weiber- und Kindergeschwätz , sagte dieser gleichgültig , was wird ' s sonst seyn ! Er zog Florio an sich , und fragte halb lachend , halb besorgt : hast du nicht auch was gesehen ? Doch ohne seine Antwort abzuwarten , wandte er sich von ihm , und ging geschäftig in der Hütte umher . Der Fremde blickte gedankenvoll in die Flamme , während ich mit Kohle allerlei Gestalten an die Wand zeichnete und eben einen stattlichen Ritter vollendet hatte , als das Feuer einen so seltsamen Schein auf das Bild warf , daß des Ritters fliegender Mantel von lauter Gold zu seyn schien . Ich gedachte jener Nacht , und rief plötzlich : da steht er leibhaftig vor mir ! Sara dachte an den Berggeist und verhüllte schreiend das Gesicht ; allein Martin rief mit fester Stimme : wer ? Mein Vater , sagte ich ganz betäubt . Er trat hinzu , betrachtete mich einige Augenblicke , und sagte dann , sich still abwendend : heiliger Gott , was ist es mit dem Kinde ! Der Fremde , der dies wohl alles überhört oder anders ausgelegt hatte , war ganz im Anschauen der Zeichnungen verloren , und wollte durchaus nicht glauben , daß Niemand dies Talent in mir geweckt und ausgebildet habe . Er ließ sich bald in ein Gespräch mit mir ein , und ich erfuhr , daß er ein Mahler und auf einer weiten Reise nach seiner Heimat begriffen sey , hier im Gebirge sein Fahrzeug zerbrochen habe und für diese Nacht ein Obdach in unserer Hütte suche . Ich war damals , nach Sara ' s Schätzung , ohngefähr funfzehn Jahre alt , voll der lebendigsten Sehnsucht nach der weiten , regsamen Welt ; und wenn ich die Erscheinung jener wundervollen Frau mit jedem Tage inniger wünschte , so geschah es nur durch ihre Macht dahin zu gelangen . Ich ergriff daher des Mahlers Anerbieten , ihn nach seiner Vaterstadt zu begleiten , und dort unter seiner Leitung ein angesehener Künstler zu werden , mit der lebhaftesten Freude . Meine Pflegeeltern gaben ihre Einwilligung , und Sara , in der sich wohl die alten Zweifel wieder regen mochten , sah mich gern von ihrem Herde weichen . Nur Florio hing weinend an meinem Halse , und bat und flehete , ich möchte nur noch einige Jahre warten , bis er groß genug sey , mir überall folgen zu können . Ich habe lange das süße Stimmchen und das liebe bittende Auge nicht vergessen können ! Ach , und niemals wird die Seligkeit jener Frühlingstage wiederkehren , die wir mit einander verlebten ! Sein frommer Sinn strömte so mild über mich hin , wie der stille Abendglanz über die wilden Gluthen des Tages ! Wohl hattest du recht , mein Florio , wir durften nicht getrennt leben ; du bist der feste Stern , der meine unruhige Fahrt lenken sollte ! - Rodrich schwieg hier einige Augenblicke . Der Ritter faßte gerührt seine Hand , indem er sagte : wie liebe ich Sie dieser wehmüthigen zärtlichen Aufwallung wegen ! Vielleicht haben Sie in der ganzen Zeit Florio ' s Andenken nicht so lebendig gefühlt , als eben jetzt , da Ihnen sein Verlust unersetzlich erscheint . Das ist das Eigenthümliche jener früheren kindlichen Verbindungen , daß sie mit tausend andern Erinnerungen verschwinden , und dann plötzlich , ungeahnet , in dem frischen Glanz der Jugend vor uns hintreten , und das erschöpfte Herz mit trüber Sehnsucht erfüllen . Doch dahin sind Sie noch nicht . Der Himmelsfunke in ihrer Brust wird Florio ' s Bild noch lange beleben , und Sie werden ihn unter wechselnden Erscheinungen aufsuchen und finden . - Finden ? wiederholte der Offizier , man findet in der Regel nie , was man sucht . Darum rathe ich Ihnen , nicht zu ängstlich an einem Wunsche zu hangen . Der Mensch büßt nicht selten seine Freiheit darüber ein , indem der klare Blick verloren geht , mit dem man die Welt um sich her betrachten soll . - Wen nicht irgend ein lebendiger Wunsch durch ' s Leben begleitet , fiel der Ritter schnell ein , ihn drängt , fortreißt , bis er das hohe Ziel errungen hat , dessen Kraft wird sich in tausend zwecklosen Anstrengungen zersplittern , und er wird nichts vollbringen , weil er alles umfassen wollte . - Eine Idee soll den Menschen erleuchten , erwiederte der Offizier , ein Wunsch darf ihn nicht fortreißen . Oft glauben wir durch die Erfüllung des Ersteren die Letztere realisirt zu sehen ; aber wer hintergeht sich nicht in Augenblicken , wo das Gefühl allein herrscht , und wer darf sagen , der menschlichen Thätigkeit sey ein Ziel gesteckt ? Was sich absolut widersetzt , das lasse man fahren , und ergreife das Nächste mit neuer Kraft . Darin besteht eben die Consequenz der Allseitigkeit , daß man das Eine in Vielem reflektirt . Doch wir gerathen in unsern alten Streit , und gleichwohl , sagte er , sich zu Rodrich wendend , erwartet uns das Ende einer interessanten Geschichte . Was mir noch zu sagen übrig bleibt , erwiederte jener , läßt sich in wenig Worten zusammen fassen . Ich reiste viele Tage und Nächte mit meinem freundlichen Meister durch das fortgehende Gebirge , bis wir am Fuße desselben in einem kleinen Städtchen anlangten , das mir damals von großem Umfang , doch weniger glänzend , als ich mir überall eine Stadt dachte , erschien . Hier lebten wir in dem Hause einer sehr bejahrten Frau , der Mutter des Mahlers , die den letzten Sonnenblick des Lebens von der Liebe und dem Ruhme eines angebeteten Sohnes empfing . Fünf Jahre verflossen mir unter dem eifrigsten Bemühn - und einer Anstrengung , die durch die Liebe meines Lehrers und die Aussicht auf ein ruhmvolles Leben immer wach erhalten ward . Ich lernte alte Sprachen , und durch sie die Geschichte der Vorzeit kennen . Welch eine Welt sich mir nun eröffnete , wie mein Gemüth bewegt , wie die innere Gluth in mir angefacht wurde , das ist unmöglich zu beschreiben . Der Wunsch etwas Großes , ja Unerhörtes zu vollbringen , ließ mir nun keine Ruhe mehr , er trieb mich hieher , wo alle Plane , alle Erwartungen , alles vor einer ganz fremden Wirklichkeit verschwindet , und ich im Strudel widerstrebender Gefühle nur durch Sie Haltung und Sicherheit gewinne . - Vor allem müssen Sie die Welt in ihrer mannichfachen Gestaltung kennen lernen , sagte der Offizier . Was Sie bis jetzt davon sahen , war gerade hinreichend , Ihre Erwartungen auf eine Weise zu spannen , daß Ihnen Vieles schaal und nüchtern erscheinen wird , was dennoch eine innere Bedeutung hat , die Niemand übersehen darf . Die Kunst , die eigentlich nichts anders ist , als was das Leben überall seyn sollte , Wiederschein einer innern erleuchteten Welt , Schöpfung eines freien , kräftigen Geistes , würde für Sie immer nur die eine Seite des Lebens ausmachen , und zwar die ideale . Sie müßten daher sehr bald in Widerstreit mit der wirklichen Welt gerathen , und in der quälenden Verwirrung sich selbst und ihr hohes Ziel verlieren . Wir finden nur zu oft den Künstler vom Menschen getrennt , ein Widerspruch , der sich , wenn die erste Frische des Gemüthes verloren ging , sicher auch in der Kunst selbst offenbart . Statt daß ein wahrhaft künstlerisches Gemüth sich entweder freiwillig beschränkend in der eignen abgeschloßnen Welt still fortwirkt , oder mit einem Götterblick die ganze Natur durchdringt , überall denselben Geist ein- und aushaucht , das Einzelne und Getrennte in dem Brennpunkt einer gotterfüllten Seele auffaßt , und wie die Kunst zum Leben , so das Leben zur Kunst erhebt . - Es ist sonst nicht Ihre Art , unterbrach ihn der Ritter , zu hohe Anfoderung an die Menschen zu machen , und das Vollendete als Norm Ihres Urtheils anzunehmen . Indeß , wenn ich auch im Ganzen Ihrer Meinung bin , so sind Sie doch sicher im Einzelnen hier unbillig , eine völlig durchgeführte Einheit als einzige Beglaubigung eines ächten Künstlergenies aufzustellen . Sie müssen mir zugeben , daß ein Blitz oft das vortreffliche erzeugte , und wenn sich mehrere solche Momente an einander reihen , sie einen schönen Kreis bilden , aus welchem jede Lücke verschwindet . - Wenn von dem Streben eines ganzen Lebens die Rede ist , erwiederte der Offizier , so kann das Ziel wohl nicht hoch genug stehen . Und wenn ich Ihnen auch eingestehe , daß oft das Vortreffliche aus einem gestörten Leben hervorging , so ist dieser Weg dennoch sicher nicht der wünschenswerthe , am wenigsten wird ihn jemand mit Besonnenheit wählen . Es ist dafür gesorgt , daß keiner dem andern etwas absolut nehmen oder geben könne , und wenn Sie wirklich einen regen Kunsttrieb in sich fühlen , so werden meine Worte ihn nicht erlöschen , allein Sie ahneten es bei weitem früher , wie Sie auf eine Sphäre der Thätigkeit angewiesen sind , die unmittelbar in die äußern Verhältnisse des Lebens eingreift , darum fassen Sie nur getrost das Schwerdt , und ziehen Sie nach allen Himmelsstrichen Radien , die ihr kühner Geist durchfliegen möge ! Was Sie vergebens in der Künstler-und Gelehrtenwelt suchen , Gemeingeist , Verbrüderung , das finden Sie hier allein . Der Flachste unter uns ahnet ein inneres Band , das Alle zusammenhält , und Niemand wagt es zu zerreißen , ohne selbst unterzugehen . Er war bei diesen Worten aufgesprungen , und die Hand an den Degen gelegt , stand er mit flammenden Blicken wie ein Heros vor Rodrich , der im Begriff war , vor ihm niederzusinken , und sich ihm wie einem Gottgesandten hinzugeben , als er ruhig seinen Platz wieder einnahm , und gelassen sagte : doch müssen Sie selbst sehen und urtheilen . Es ist nur gut , setzte er lächelnd hinzu , daß hier der Egoismus einen ganzen Stand umfaßt , sonst könnten Ihnen meine Worte leicht verdächtig erscheinen . Was braucht es da viel langsamen Erwägens , fiel Rodrich ungeduldig ein , ich bin entschlossen , sagen Sie nur , wie es anzufangen sey , da mir jedes Mittel , wie überall jede äußere Bedingung fremd ist . Das wird sich alles ganz leicht fügen , erwiederte der Ritter , wenn Sie mir erlauben , meinen Oheim , bei dessen Regiment hier unser Freund Stephano dient , einigermaßen mit ihrer Geschichte bekannt zu machen , und Sie bei ihm einzuführen . Sie trauen mir zu , daß das Erstere auf eine Weise geschehen wird , die Sie vor jedem unbescheidenen Eindringen sichert , und daß ich überall den Mann als geprüft und erkannt ehre , dem ich Ihr Geheimniß übergebe . Ob ich gleich den Degen scheinbar zu einem anderen Zwecke trage , so gehöre ich dennoch zu dem edlen Stande , dem ich Sie mit recht brüderlichen Gesinnungen zuführe . Rodrich umarmte den liebenswürdigen Jüngling , und nahm dankbar einen Vorschlag an , der ihm so unerwartet die Kreise eines freien beweglichen Lebens eröffnete . Nach kurzen Verabredungen und dem Versprechen , den folgenden Mittag hier wieder zusammenzutreffen , trennten sich die neuen Freunde . Rodrich verweilte noch einige Augenblicke , während er die seltsamen Bilder seines Lebens überflog , als ihn der Wirth höflich erinnerte , einige Stunden dem Schlafe zu geben . Er blickte um sich , und sah wie die niedergebrannte Kerze dem hereinbrechenden Tage wich . Die geleerten Flaschen , der Wein in den halbgefüllten Gläsern , alle Gegenstände im Zimmer erschienen in dem Doppellichte so bleich und verstört , ihn selbst überfiel ein leichter Frost , der ihn unangenehm aus seinem Traume weckte . Mein Gott , sagte er verdrießlich , muß mich denn der junge Morgen so kalt , so widrig anfassen , da ihm doch so warme Herzen entgegenschlagen ! Er ging verstimmt auf sein Zimmer , und eröffnete sein Gepäck , um Florio ' s Bild , daß ihm in einer Stunde wehmüthiger Erinnerungen wohl gelungen war , unter andern Zeichnungen hervorzusuchen , als ihm die wenigen Goldstücke entgegenleuchteten , die er als Früchte seines Fleißes mit hieher brachte . Er übersah den kleinen Reichthum , und fühlte schmerzlich , daß er nicht zureichen werde , die ersten nothwendigsten Bedürfnisse seiner neuen Lage zu befriedigen . Daran hatte er bis jetzt nicht einen Augenblick gedacht , und nun zog es ihn plötzlich wie mit tausend Armen in die Dunkelheit zurück . Sollte er wie ein Bettler vor seinen Freunden erscheinen , oder alle freudige Erwartungen hingebend aus dem eröffneten Paradiese fliehen ? - Er saß , die starren Blicke auf das Geld gerichtet , da , und ließ es nachläßig durch die Finger gleiten , als müsse es sich unter seinen Händen vermehren . Plötzlich rief er aus : die Schlacken gehören der niedern Erde an , dein Feuer leuchtendes Metall erhebt mich zum Himmel ! ich will nicht betteln , ich will fordern , was ich einst mit Wucher zurück zugeben denke . Er beschloß , sich Stephano ohne Rückhalt zu entdecken und warf sich getröstet und von neuen Hoffnungen belebt auf sein Lager . Die innere Bewegung ließ ihn indeß hier keine Ruhe finden . Zukunft und Vergangenheit verwirrte sich in seltsamen Erscheinungen , die ihn halb wachend halb schlafend peinlich fortrissen . Zuweilen glaubte er wieder als Hirtenknabe unter einem großen schattigen Baume zu ruhen , und mit einem langen Stabe die kleine Heerde zu überzählen , dann waren es wieder die Goldstücke , die er zählte , und in kleine Säulen vor sich hinstellte , während der Berggeist zwischen den Klippen vorüberging ; Florio wollte ihn zu ihm führen , und wie sie gingen , öffnete sich der Berg zu einem langen , dunkeln Gange . Rodrich hatte das Gold noch immer in Händen , und zählte sehr ängstlich , doch unversehens fiel ein Stück auf den Boden , und in demselben Augenblick ergoß sich ein heller Glanz an den Wänden . Er warf nun alles Gold von sich , und die Hallen wurden immer weiter und strahlender , bis er in einen reich verzierten Saal trat , in dessen Mitte ihm Eusebio den glänzenden Mantel umhing , während der Ritter und Stephano ein goldenes Schwerdt zu seinen Füßen legten . Er wollte sie umarmen , da fühlte er sich ängstlich gehalten , und als er um sich sah , lag er mit Florio in einem engen Sarge ; der Mantel bedeckte beide , das Schwerdt war ein friedlicher Hirtenstab geworden , von welchem eine schöne bleiche Frau mit heißen Thränen einen Blutstropfen abzuwaschen bemühet war . Rodrich strebte vergebens sich frei zu machen . Florio ' s kalte Wange lag an seinem Herzen , und er konnte sich mit aller Gewalt nicht von ihm losreißen . In der entsetzlichsten Anstrengung fuhr er aus dem krankhaften Schlafe empor , und erkannte Stephano , der sich theilnehmend über ihn hinbeugte , und seine Hand auf die fliegende Brust legte , um ihn zu erwecken . Ums Himmels willen ermuntern Sie sich , rief er besorgt , solch ein Schlaf ist verzehrend , streifen Sie nur schnell die schweren Wolken ab , es ist schon hoch am Tage , Ihrer erwartet heut noch mancherlei , wozu Sie Besonnenheit und Klarheit bedürfen , ihre Angelegenheiten sind eingeleitet , und alles wird gut gehen . Ins Grab , sagte Rodrich ganz verstört , dahin also - - Mein Gott , was haben Sie denn , rief Stephano ungeduldig ! Kann ein Traum Sie so erschüttern ? wie werden des Lebens Wogen Sie dann hin und herwerfen . Des Lebens Wogen ? wiederholte Rodrich , ach ich lebte ja auch , wer kann hier eine Gränzlinie zwischen Traum und Wahrheit ziehen ! Nun , nun , sagte Stephano lächelnd , kommen Sie nur , ein Sonnenblick , denk ich , soll die freudige Wirklichkeit aufdecken , und die matten Sinne aufs neue erfrischen . Junger Freund , fuhr er ernsthaft fort , als Rodrich noch immer im stummen Nachdenken verharrte , hüten Sie sich vor jener schlaffen Beweglichkeit , die dem Manne alle Kraft zu ernstern Kämpfen raubt . Es giebt weiche , kindliche Gemüther , die in Freud und Schmerz gleich hingebend sich selbst verlieren . Die Natur formt nicht Alle auf gleiche Weise . Aber der Mensch kann viel gegen die Schwäche eigener Natur ; und wer sich nach der ersten Erschütterung nicht wiederzufinden , nicht in der eigenen Freiheit wieder herzustellen vermag , für den werde ich nie sonderliche Achtung hegen . Er reichte ihm hierbei die Hand , um die Strenge seiner Worte zu mildern , Rodrich ging beschämt neben ihm her , bis sie ins Freie kamen , und die Schönheit und Regelmäßigkeit der Gebäude , die am vorigen Abend in dem gemeinsamen Eindruck des Ganzen für ihn verloren ging , jetzt seine Aufmerksamkeit erregte . Sie sprachen viel über alte Architektur . Rodrich stimmte für die Klarheit und in sich bedingte Größe griechischer Formen . Hier ist überall Harmonie , fuhr er fort , weil der Zweck nicht außerhalb zu suchen ist . Dem Griechen erschließt sich der Himmel unmittelbar in der Anschauung , für ihn ist alles an sich ganz und ungetheilt da . Bei den Römern war das schon anders . Die Kunst ward ihm Mittel , er wollte das Ungeheure und stellte sich selbst auf die Spitze . - Wie gut Sie die Römernaturen verstehen ! sagte Stephano lächelnd , fast glaube ich , Sie haben ihr eignes Bild in dem Römischen Künstler aufgestellt . Gewiß ist es , daß Corinthus Blüthen sehr bald in den Riesenmassen versteinten , doch auch so sind sie schön in ihrer Eigenthümlichkeit . - Nur daß sie sich in dieser Hinsicht mehr der Gothischen als der Griechischen Kunst nähern , erwiederte Rodrich . Legen Sie doch nicht den Maaßstab des Einen an , um das Andere zu würdigen , entgegnete jener . Durch solche Vergleiche verrückt man nur zu oft den Standpunkt , von dem jedes Einzelne betrachtet seyn will . In ihrer Erscheinung sind alle drei höchst ehrenwerth , weil sie einen bestimmten Charakter aussprechen , wodurch sie sich allein schon von den heutigen Kunstwerken unterscheiden , die uns nicht selten zeigen , wie man drei in einem vereinigt . Glücklich genug , wenn wir ein gothisches Häuschen neben einem griechischen Tempel eng und zierlich nach dem Gesichtskreis des Beschauers zugeschnitten erblicken , oft ist es noch schlimmer , modische Pracht und antike Verzierung schmücken eine neu erbaute Rinne , und so umgekehrt . Doch auch dies ist nicht charakterlos , es spricht die allgemeine Verwirrung des Zeitmoments aus , und wer will behaupten , daß nicht das Herrlichste daraus hervorgehen könne . Sie standen bei diesen Worten vor demselben Gitter , das Rodrich gestern offen fand . Er fragte begierig nach dem Besitzer des Gartens , und erfuhr , daß er zu dem Schlosse der Prinzessin Therese , Schwester des Herzogs gehöre , die seit dem Tode ihres Gemahls den kalten Norden verlassend , mit ihren beiden Töchtern zu dem kinderlosen Bruder zurückgekehret sey , und neues Leben über das verwaisete Land verbreite . Stephano sprach noch viel von der hohen Natur dieser Frau , die aus einem freudeleeren Bund eine seltene Heiterkeit gerettet habe , und sie auch den verschlossensten Gemüthern mittheile . Rodrich fühlte bald den Einfluß jenes stillen Geistes , der überall in den freudigen Umgebungen athmete . Die beruhigten Sinne verweilten gern auf den hellen Wasserspiegeln , dem frischen Rasen , der reichen Fülle der schattigen Bäume . Alles stand so anspruchslos da , daß der dumpfe Mensch leicht daran vorübergehen konnte , ohne die ordnende Hand zu ahnden , die so unscheinbar alle einzelne Blüthen zu einem vollen Kranze sammelte . Nirgend war etwas Hervorstechendes , allein nirgend sah man auch der widerstrebenden Natur fremde Stoffe aufgedrungen . Umgebungen - Erde und Himmel , alles berührte sich in ungestörtem Einklang . Was ihm gestern im nächtlichen Schein so feierlich begegnete , trat jetzt leicht und erfreulich hervor . Den Laokoon sah er nicht , wohl aber den Pavillon mit seinen hohen Fenstern , deren lichtblaue Vorhänge glauben ließen , der Himmel spiegle sich in dem chrystallenen Pallast der Nereiden . Hier , sagte Stephano , verlebt Prinzessin Miranda die schönsten Stunden in der Erinnerung früherer Kindheit , die ihr die Lage des Platzes , das ferne Gebirge , die Beugung des Stromes , alles wie sie sagt , auf eine eigene Weise zurückruft . Miranda ? wiederholte Rodrich - der Name dringt seltsam aus der Ferne herauf , mir ist , als habe ich ihn einst wo gehört . Wie sollten Sie nicht , fiel Stephano schnell ein . Seit dieser Himmel unsre Erde erleuchtet , ist jedes Herz davon erfüllt . Schon als Künstler , setzte er hinzu , kann Ihnen der Name nicht fremd seyn . Die herrliche Gestalt ist von tausend alten Mahlern und Bildhauern vergebens nach geformt ; indeß Niemand das eigentliche Wesen , das , was ihrem Gesicht den unwiderstehlichen Zauber giebt , darzustellen weiß . Die Heftigkeit , mit welcher Stephano dies alles sagte , war Rodrich nicht entgangen . Er gedachte seiner gestrigen Erscheinung , des Liedes , das ihn so unwillkührlich fortriß , und beide gingen eine Zeitlang schweigend neben einander hin , als der Ritter schnell auf sie zukam und Rodrich bat , ihn sogleich zu seinem Oheim zu begleiten , der von allem unterrichtet , ihn ungeduldig erwarte . Er selbst , fuhr er fort , war früher durch Familienverhältnisse gezwungen , fast auf ähnliche Weise in fremde Dienste zu gehen . Alle Widerwärtigkeiten seines reichen Lebens haben die jugendliche