decoriren , die jugendliche Hoffnung leiht ihr glänzendes Grün dazu und ungern giebt die angeregte Phantasie solche Gebilde auf . Und hat nicht selbst das Helldunkel einer ungewissen Zukunft oft mehr Reiz und Interesse , als die gefälligste Gegenwart ? Albertine liebte , wie gesagt , den Bruder aus Herzensfülle . Seine Traurigkeit ging ihr nahe . Ihr Plan war ihr doch aber auch schon gar zu lieb geworden . » Ich möchte bei Dir , aber auch in der Stadt seyn , « wiederholte sie einige Male aus beklemmter Brust . » Wäre es nur nicht eben bei Onkel Dämmrig , liebe Albertine ! « - » O der Onkel ist , bei mancher Schwäche , doch gut und bieder und hat mich recht lieb . « - » Auch die Madame Rosamunde Wintergrün ? « » Sieh nur , lieber Ferdinand , an die habe ich freilich auch schon gedacht , « fiel Albertine rasch ein , wobei sie recht weise aus ihren lieben Äugelchen blickte . » Sie ist freilich nicht die Beste und begegnet dem armen Onkel nicht aufs Beste , ist obendrein des Onkels - was man nicht gern sagt , aber dafür ist die Seelengute Tante Elise da - Und die Cousine Laurette . Laurette ? Hm , mit der will ich mich schon vertragen . Zankt sie , so scherze ich und bringe ihre Sarkasmen in Liederchen . « » Möchtest du meiner Louise eine solche Nachgiebigkeit widerfahren lassen . Doch ich will dich nicht in Verlegenheit setzen ; dein leichter Sinn mahlt dir jene Lage nur zu reitzend , deren bedenkliche und ernste Seite dir zu zeigen mir Pflicht ist . « Ernst und bedenklich ! Das war es nun eben , wobei unsre junge Freundin gar nicht gern zu verweilen pflegte . » Ich bitte , lieber Ferdinand , erkläre dich ; aber - fügte sie leise hinzu - schone ... « » Louis ! und der Respect für dich selbst , kann meiner Albertine beides je gleichgültig werden ? Jene Weiber , welchen du dich zugesellen willst , machen von Seiten der Achtung wenig Ansprüche an die Gesellschaft ; sie geben und empfangen wenig . Ihre Losung ist , sich zu amüsiren ; das erreichen sie ohne großen Aufwand von Kräften ; zu den momentanen Unterhaltungen reichen sie mit ein Paar bon mots , einem Paar gut erzählter Neuigkeiten des Tages aus , die sie hundertmal anbringen können . Sie haschen nach allem , was ihrem dunklen Triebe , sich selber zu entfliehen , entspricht . Es ist ihnen alles , zu diesem Ziele zu gelangen , gut genug . Deine jugendliche Unerfahrenheit werden sie mit hochtönenden Worten von gesellschaftlicher Toleranz , Humanität , Selbstständigkeit , Verachtung der öffentlichen Meinung , einwiegen ; deine Achtung für Zucht und Sitte werden sie eine pedantische veralterte Ansicht der Welt , blinde Anhänglichkeit an conventionelle Formen nennen ; sie werden dir von der reinen Menschheit der Alten vorreden , zu deren jugendlichem Weltzeitalter wir weder zurückkehren können noch dürfen . « Albertinen ging es , wie es mancher meiner Leserinnen bei Ferdinands Tirade gehen wird ; ihr wurde sie zu lang und sie sagte ganz rasch : » ach du siehst auch alles gar zu schwarz , lieber Ferdinand ; ich habe noch wenig von der Welt gesehen ; aber ich denke sie mir weder wie ein Elysium , noch wie eine Hölle . Ich möchte gern Menschen sehen , möchte meiner Jugend mich freuen , möchte frei wählen können , da meine Lage mir es gewährt . « - » O Albertine , und das alles kannst du bei mir nicht ! Ich fühle , du hast Recht ; aber Louis , der dich mir übergab , hat sein vielleicht unglückliches Loos , ihn um alle Rechte auf seine Zustimmung zu deinen Planen gebracht ? oder meinst du , daß er sie billigen würde ? « - Albertine brach in helle Thränen aus . Sie warf sich ihrem Bruder um den Hals und weinte laut . Sie liebte ihren Louis treu und herzlich ; aber er war doch nun . einmal nicht da ; Albertine war noch nicht ganz neunzehn Jahr , und man sage was man will , Gegenwart und lange Abwesenheit ist so gänzlich zweierlei , auch für den , der mehr als achtzehn Sommer sahe . - Ferdinand mochte die nemliche Reflexion gemacht haben ; er ertrug überdem nicht leicht eine trübe Miene im lieblichen Gesicht der Schwester . » So wollte ich dein zartes Herz nicht brechen . Du hast meine Einwilligung und meinen Seegen , und dann so tröstet mich auch die Nähe deiner redlichen Freundin Euler , die dir alles ersetzen wird , was du in uns aufgiebst . « Im Herzen hoffte Ferdinand , der Drang im jungen Gemüthe sollte sich wohl legen , wenn seine Frau nur erst mit darein spräche . Louise that ' s bei Tische , aber ganz nach ihrer bittern Weise , bei der es recht merkbar wurde , daß sie ihre Schwägerin je eher je lieber los zu werden wünsche . Ferdinand sah leicht , daß er einen zwiefachen Kampf gegen geliebte Personen immer von neuem werde beginnen müssen ; er resignirte sich also , da er sah , daß Widerstand nur mehr reitzen werde . Bei dem nächsten Spatziergange flossen die Geschwister in herzlicher Wehmuth über . Die Anstalten der Reise waren , wie man denken kann , emsig betrieben worden , und in wenig Tagen sollte sie vor sich gehen . Ferdinand sprach mit eindringender Innigkeit über Albertinens künftige Lage und Verhältnisse . Seine Ansicht des großstädtischen Lebens , in dem auch er sich wacker umhergetrieben hatte , war freilich grell , aber zum Theil richtig . Die Häuser der Großen und Reichen , nannte er Treibhäuser , worin die Jugend zur Frühreife gezogen wird und meist vor der Reife abwelkt und verschrumpft ; ihm waren sie das Grab zärterer Weiblichkeit , die Zerstörer jugendlicher Tugend . Er bat Albertinen , sich nicht so zu einer permanenten öffentlichen Erscheinung herabzuwürdigen , daß sie in ihrem zwanzigsten Jahre nicht etwa schon so ein Alltagsvögelchen sei , auf das jeder , bei jeglichem öffentlichen Anlasse sicher rechne , zu dessen Ansicht man Fremde einladen könne , weil es gewiß nirgends fehle . Im Heiligthum des Hauses wirkt , lebt und liebt das Weib , und wo es zu erscheinen würdigt , muß es Ehrfurcht einflößen . So denk ' ich , denkt und fühlt dein Louis , so wünschen wir , daß unsre Albertine fühlen möge . Albertine verhies alles mit Kuß und Handschlag , noch als sie , in Wehmuth aufgelößt , in den Wagen stieg und Ferdinand ihr nur noch die Worte zuzurufen vermochte : » bleib gesund an Leib und Seele , meine Theure ! « Die Abwechselungen der Reise besänftigten ihren Schmerz , so daß sie in leidlich heiterer Stimmung bei Onkel Dämmrig ankam . Viertes Kapitel Der Neugier aller , die an Frau Rosamunds Theetisch zu radotiren pflegten , in Ansehung der kleinen Dorf Cousine auf einmal zu gnügen , waren sie zu einer ausserordentlichen Session eingeladen worden , bei welcher Herrn und Damen in ihrem besten geistigen und leiblichen Putz erschienen . In ihrer Einfachheit geschmückter als sie alle , die After-Griechinnen , trat Albertine mit dem Anstand einer Grazie aus dem Zeitalter des Praxiteles in ihren Kreis ein . Bescheiden erröthend nahm sie ihren Platz unter dieser drolligen ästhetischen Genossenschaft , durch deren hochtönendes Wortgeklingel bei dem ersten Anklange dieses vielbesaiteten verstimmten Instruments , sie sich sogleich auf immer zurück gestoßen fühlte Herrn und Damen ließen es sich angelegen seyn , Albertinens Sinn für ' s Große und Schöne durch allerlei verfängliche Fragen und naseweise Zudringlichkeiten zu mustern und zu prüfen . Nebenher ließen sich Herrn und Frauen , jedes in seinem Sinne , auch ganz menschlicher Weise herab , ihre körperliche Bildung , sammt Kleidung emsig , nach gemeiner Weiber Weise , zu mustern . Aber zu ihrem Leidwesen entdeckten sie , besonders an ersterer , durchaus keinen Fehl an ihr . Tante Elise , die jetzt eben fünf und vierzig Sommer sahe , schloß sich freundlich an das junge Mümchen , fragte um ihre Herzensangelegenheiten , sprach viel von ihrem eigenen Herzen , das zu ihrem eigenen Unglück zu weich und hingebend sei ; sie werde nie in der Liebe glücklich seyn . Sie wimmerte , daß der Wurm der Zeit die Lust der Seele stäche ; es sei ein Elend , daß die Freude das Menschenherz so mit Schmerz bestreuen könne . Wenn sie so im Ton der Zeit sprach , sah Albertine die Tante mit großen Augen an ; besser verstand sie es , wenn die gute Verbildete , mit dem jungen Gemüthe , ihr eignes Jugendleben noch einmal durchempfinden wollte , und ihr aus ihrer Werther-Periode das Schnupftuch zeigte , das , noch ungewaschen , welke Rosen einhüllend , da lag , worein sie Werthers und Lottens Leiden so heiße Thränen geweint hatte . Auch war sie so glücklich , unter ihren heiligsten Besitzthümern einen Zahnstocher aufzubewahren , welchen der Dichter bei einer Gasterei auf der Tafel hatte liegen lassen und den sie mit schwerem Gelde von einem Marquer erstanden hatte . Die gute Elise sprach den Namen Göthe stets mit heiligem Schauer , wie den , einer ersten Liebe , aus . Dies war beinahe der einzige Berührungspunct zwischen ihr und ihrer Nichte , die den großen Dichter innig kannte und verehrte , obschon sie eine sehr verschiedene Ansicht damit verband . Laurette , die dem Onkel Dämmrig als ein Vermächtniß eines im Handel verunglückten Bruders zugefallen war , fuhr über alles , insbesondere aber über diese Grillen ihrer Tante , die ihrer rauhen Natur gar nicht eingingen , mit der Schneide ihrer bittersten Kritik her . Albertine fand sie ihrer Bemerkung , wie sie sagte , ganz unwerth ; indeß ergrimmte sie doch ganz unphilosophisch im Geiste , als ihr Verehrer Wassermann , dem sie auch das Leben gallenbitter machte , Albertine eine ganz artige kleine Erscheinung hieß . Onkel Dämmrig , das Oberhaupt dieser curiosen Sippschaft , amüsirte sich vortrefflich mit dem verschrobenen Zeuge , wie er diese allerneuste Cultur zu nennen pflegte . Er selbst war auf der Stufe der Bildung , die er in seinen jüngern Jahren erreicht hatte , stehen geblieben , und hielt steif und fest sowohl an dem wirklich Schönen jener Periode , an dem jungen Tage , der zu der Zeit über Deutschland aufgegangen war , als auch an der unglücklichen Mischung deutscher Kunst und gallischen Witzes . Wenn er darüber sprach , sagte er oft , zum großen Skandal seiner Gesellschaft , den Anfang eines alten Kirchenlieds : » Der Tag der ist vergangen , die Nacht ist vor der Thür . Die Sonne ist untergegangen in den Wasserfluthen der neuern Poesie . Kinder ! jenes erste war der ächte Wein , dieses ist der Coffent . « » Das verstehen Sie nicht , mon cher , « sagte dann Frau Rosamund , » Sie sollten sich doch endlich resigniren , daß es Dinge giebt , welche Sie nicht begreifen ; « und so ließ er sich gewöhnlich bedeuten und lenkte wieder ein . Onkel Dämmrig war im Ganzen kein schlimmer Mann , und bei weitem besser , als er scheinen wollte ; denn es kam ihm vornehm und über alle Maßen galant vor , so , als die wahre verknöcherte Sinnlichkeit , zum Beispiel für andere dazustehen Er war ein Reichgeborener . Als ein solcher hatte er seine Kindheit und Jugend verlebt ; als ein solcher war er auf Reisen gegangen , Empfehlungsschreiben nach London , Paris und Wien benutzend ; als ein solcher hatte er sich endlich in seiner Vaterstadt niedergelassen , einen Theil seiner besten Jahre durchgeschwärmt , bis ihn die Welt frühe auf ihre große Invalidenliste eintrug . Jetzt glaubte er eine gewisse Höhe des Lebens erreicht zu haben , von welcher er , erfahrungsreich , mit großer Beruhigung in die verlebten Jahre zurücksehen könnte , denn er hatte ja wirklich nicht alles das Böse gethan , wozu ihn sein Reichthum und großer Wirkungskreis aufzufodern geschienen hatte . Nie hatte er den goldenen Regen bei den Danaen gespart , und waren durch seine Sorglosigkeit die lebendigen Folgen seiner Unordnungen , der Dürftigkeit und Schande Preis gegeben ; so gab er ja doch auch viele Thaler an die öffentlichen Armenanstalten , wovon auch sie ihre Spende erhalten konnten ; überdem beschenkte er ja seiner Schwester und Brüder Kinder mit allerlei entbehrlichen Kleinigkeiten . Als ihn die Welt nun allmählig verließ , und die Tage eintraten , von welchen es heiß : » sie gefallen uns nicht ! « als Gicht und Podagra den raschen Lauf seiner Füße hemmten , wurde es ihm erinnerlich , daß er in seiner Jugend die Religion als ein Spezifikum in Leiden hatte anpreisen hören ; er machte also einige schwache Versuche , sie aus der Rüstkammer seines Gedächtnisses hervorzusuchen . Er nahm eine Bibel zur Hand , freute sich , daß der fromme David beinahe eben so tolle Streiche gemacht hatte , als er selbst ; las von der keuschen Susanna und der schönen Königin Esther , und vertiefte sich endlich so in das hohe Lied , daß er sich gar weltlich dabei gesinnt fühlte , und vor der Hand das Bekehrungswerk noch einmal wieder zur Seite legte . Waren dergleichen Anfälle überstanden , so existirte der 48jährige Greis ganz heiter , in der Erinnerung abgeschiedener Freuden . Besonders hatte er sein eignes Vergnügen , wenn Wassermann den Damen seines Hauses über die Hetären der Griechen demonstrirte , und was das für ein herrliches Leben gewesen sei , als noch nicht die kleinlichen Gesetze eines kleinlichen Anstandes eingeführt waren , die , leider Gottes ! auch bei den gebildetsten Frauen nur noch zu viel gälten . Da erinnerte sich dann unser Dämmrig recht lebendig an Phillis und Doris , und Lalage und Chloe , die er in seinem goldnen Frühling recht elegisch bewundert hatte ; seine alten Frequenzen machten ihm jetzt noch recht herzliche Freude . Stärker , als alles andere , mahnte ihn an seine Jugendsünden Madame Rosamund Wintergrün . In einer seiner bußfertigen Perioden hatte sich ihm die Vorstellung häuslicher Freuden und weiblicher Umgebung aufgedrungen Heirathen ? Alles , nur das nicht ; eine so kalte , langweilige Episode in sein Freudenleben schieben : nein ; das ging nicht ! Aber eine Herzensfreundin , die es mit der Ehre und dem ganzen weiblichen Plunder von gutem Namen und Wohlstand nicht gar zu genau nimmt , so eine besaß er schon in Rosamund , einer der gewandtesten und leichtfüßigsten Schülerinnen Terpsychorens bei der großen Oper . Auch sie hatte so reinen Moment der Zerknirschung zu überstehen , indem eine ihrer bedeutendsten Freundschaften in der Auflösung war . Zwar verachtete sie , die in Absicht des Ranges sehr verwöhnt war , von ganzem Herzen den bürgerlichen Amanten ; doch waren ihre Aussichten in diesen Herbsttagen ihres Lebens zu trübe , als daß sie nicht ein freudiges Ja ! gesagt hätte , als er das Anerbieten that , sie zur unumschränkten Besitzerin seines üppigsten Wohlstandes zu machen . Weil sie es aber Ehren halber für ihren guten Namen bedenklich fand , bei ihm zu wohnen , entschloß er sich , ihr seine Schwestern Elise und Laurette als Ehrenretterinnen zur Seite leben zu lassen . Rosamund war des Herrschens über eine Schaar demüthiger Verehrer allzu gewohnt , als daß sie nicht sogleich versucht haben sollte , sich ihrer weiblichen Umgebung ganz zu bemächtigen . Mit Elisen , diesem süßen , geschmeidigen Wesen , gelang es ihr sehr leicht ; schwerer machte Laurette ihr den Sieg . Doch erlag auch diese endlich dem feinen Gifte der Schmeichelei und dem steten Lobpreisen ihrer erhabenen Geistesqualitäten , so daß endlich dieses Kleeblatt so ungleichartiger Naturen , gleichsam in einander verwuchs und ein seltsames Ganzes darstellte , das mit vereintem Treiben , jedoch jedes sein besonderes Interesse der Eitelkeit durchsetzte . Das Wohlleben und die Eleganz , worin sie einen guten Geschmack zu legen verstanden , zog bald ein leichtes Völkchen um sie zusammen , das so eben gut genug war , sie zu amüsiren , und auch wieder nicht gut genug , sich an dem etwas schwankenden Rufe seiner Gönnerinnen zu stoßen ; wie es denn überhaupt zum Amüsements-System der schönen Welt gehört in Absicht der Sittlichkeit alles fünf gerade seyn zu lassen . Die trefflichsten Weiber werden dann nur erst bemerkt und vorgezogen , wenn sie einen notablen dummen Streich gemacht haben . Diese Cotterie wurde bald ein Cirkel , und zwar anmaßlich ein ästhetischer , weil einige junge , Schöngeisterei treibende Herren hier ihre Schwungkraft übten , ehe sie sich in höhere Regionen wagten . Wir haben unsre junge Freundin in diesen Kreis eingeführt gesehen , und müssen sie uns nun betroffen und mit gesenktem Blicke da sitzend denken . Ihr reines , ihr frommes Herz , ihr wahrhaft jungfräulicher Sinn , dem hier nichts zusagte , fand gleich bei ihrem Eintritte nur zu viel Anlaß , den raschen , kecken Schritt zu bereuen , den sie gethan hatte Von allen Seiten wurde sie mit Fragen bestürmt , für welche sie keine Antworten hatte ; oder sie zu geben , zu bescheiden war . Tante Elise , die überall dem Drange ihrer Göthe ' s-Existenz nicht widerstehen konnte , fragte ganz zart und liebend , ob die liebe Nieçe diesen Gott unter den Dichtern wohl kenne ? » Sie sind seltsam , Tante ! « rief Laurette dazwischen , » Ansprüche der Art an unsere Verwandtin zu machen ; sie hat auf ihrem Dorfe wohl schwerlich andere Poesie , als aus dem Gesangbuche der lieben Gemeine kennen gelernt . - Diese Menschen - ach Gott ! sie dauern mich ! - sie müssen sich an die trivialsten Trivialitäten halten ! Diese rohen Naturkinder ! und was giebt ' s gemeineres , als die rohe Natur , mit der sie sich ganz umgeben , um in ihrer Plattheit unterzugehen . Manches ließe man in der Natur freilich so hingehen , in so fern nemlich ihre Kenntniß die Grundlage höherer Geisteskultur wird ; aber gestehen Sie , Tante ! giebt es zum Beispiel etwas Gemeineres , als dieses ewig einförmige Zirkeltreiben der Jahreszeiten ! Was ist in diesen gemeiner , als der Winter ? Wo ist ein krasserer Begriff , als ein Gewitter ? - Sieht man nicht hier schon offenbar , daß die Welt nur ein erster Versuch von einem Etwas ist , das es nicht besser zu machen verstand ? « » Ganz anders wäre sie gerathen , hätten wir sie zusammengeknetet ! « rief ein junger Herr , Lauretten persiflirend . - » Freilich ! « entgegnete sie ganz feierlich ; » denn es ist weder Philosophie , noch Geschmack in dem Dinge . « » Gott sei mir gnädig ! « seufzte Albertine ; » Sie rezensiren den Schöpfer ! « - Indeß wurde sie bald durch Rosamunden in ihren stillen Betrachtungen gestört , die zu viel Lebensart hatte , um in Gesellschaft zu beleidigen ; daher nahm sie den Faden des Gesprächs wieder auf , und fragte Albertinen sehr freundlich , ob sie wohl etwas von dem Dichter , von welchem eben die Rede gewesen sei , gelesen habe ? - » Ich weiß nicht , ob ich sagen darf , alles ; aber sehr viel las ich von ihm , ehe ich zu meinem Bruder auf ' s Land ging . Meine liebe Cousine scheint nicht zu wissen , daß ich nur den kleinsten Theil meines Lebens auf dem Dorfe lebte , und daß auch da mein Bruder und viele der Nachbarn schätzbare Bibliotheken besitzen , aus welchen zu schöpfen , mir erlaubt war . « » Liebes Kind ! das Lesen allein thut ' s nicht ! « sagte hier Laurette boshaft . » Verstandest du auch , was du lasest ? möchte ich hier , wie Paulus den Kämmerer , fragen . « Wassermann schlug eine helle Lacht auf und rief : » O pfui ! pfui ! wie kann Jemand , der Anspruch auf Geschmack macht , aus der Bibel citiren ! Pfui , Mademoiselle , wie können Sie uns das thun ? « - » Persiflirend ist ' s erlaubt , « entgegnete Laurette . - » Ach Gott ! ach Gott ! « seufzte Albertine . Ihr liebes Herz erlag in Wehmuth . Tante Elise fühlte fein genug , sich in Albertinens Verlegenheit versetzen zu können . Sie machte sich also an sie , und indem sie das arme Kind vom allgemeinen Gespräch abzog , drang sie in sie , sich zu erklären , welches von Göthe ' s göttlichen Erzeugnissen sie vorziehe , in welcher seiner herrlichen Schöpfungen sie sich ganz heimisch fühle . - Aus Albertinens Antworten fand sich ' s bald , daß sie mehr als einheimisch in diesen Schöpfungen war , daß ihr Sinn sie mit Geschmack und Geist durchdringe , ob sie gleich den großen und liebenswürdigen Dichter nie zum Aushängeschilde ihrer Kultur mißbrauchte . Fünftes Kapitel Albertinens leichter Sinn und trefliches Herz ließen freilich ihre Mißbilligung nie in Bitterkeit übergehen . War aber die Verstimmung zu unleidlich , so flüchtete sie zu ihrer Freundin Euler . Neben so vielen verzerrten Physiognomien wird es uns wohl thun , die Bekanntschaft dieser angenehmen Frau zu machen . Henriette war die einzige Tochter einer angesehenen bürgerlichen Familie . Mit ihres Vaters Tode sank sie von ihrem Wohlstande , der sich nur auf ein hohes Gehalt gegründet hatte , so merklich herab , und der ganze Mückenschwarm der Tischfreunde , die der Sonnenschein des Glücks herbeigezogen hatte , verschwand plötzlich Henriettens Mutter überlebte ihren Unfall nicht lange , und die liebenswürdige Waise wurde zu einer alten , abgelebten Verwandtin gegeben , die sich um ihre Pflegebefohlne gar nicht bekümmerte , wenn diese sich ihre elende Kost durch den angestrengtesten Fleiß wohl verdient hatte . Zur Zeit des Wohlstandes war die im elterlichen Hause schön aufblühende Henriette der Gegenstand mancher flüchtigen Verehrung gewesen . Wenn diese Schmetterlinge aber inne wurden , daß sich ihnen die keusch geschlossene Blüthe nicht üppig hinneigte , so flatterten sie von dannen ; denn nie wird eine sittsame Schönheit , welche die laute Bemerkung vermeidet , zur unglücklichen Ehre , die Schönheit des Tages zu werden , gelangen . Sie hatte aber zu wenig Vermögen , als daß ihr heller , gebildeter Verstand und ihre erworbenen Talente ihr einen beständigen Verehrer hätten gewinnen können . Indem dieses nicht geschah , wurden Henriettens heißeste Wünsche erfüllt . Sie hatte die Liebe ihres schönen Herzens einem Jünglinge zugewendet , der in der That auch so , wie wir ihn gekannt haben , ihre innigste Zuneigung zu verdienen schien . Seine Armuth hatte ihn zu einer Schreiberstelle bei Henriettens Vater herabgewürdigt . Man sagt , körperliche Vorzüge pflegten junge Männer eben so eitel zu machen , wie junge Mädchen . Wenigstens war dies der Fall mit unserm Karl Euler , der seiner Schönheit mit aller Sorgsamkeit einer vollendeten Kokette pflegte . Diese Frivolität entging Henrietten um so mehr , da sie Karln nur immer in dem Verhältnisse eines Untergeordneten sahe , da denn das Mitleiden dieser schönen Seele den Weg zur Liebe bahnte . Nicht so entging Henriette dem gefährlichen Spiele seiner brennenden , schwarzen Augen , worin er vor seinem Spiegel ein Meister geworden war . Henriette beging den für ihr ganzes Leben entscheidenden Fehler , dieser unwürdigen Koketterie des Jünglings nicht jene kalte Würde entgegen zu setzen , womit sie so glücklich alle Geckerei aus ihrer Nähe verscheucht hatte . Der arme junge Mensch könnte es für Verachtung halten , dachte sie . Aber kein anderer war ' s , als der Bube Amor , der ihr diese kleine Heuchelei eingab . - Karl spürte jedem Schlage ihres Herzens , jedem ihrer unterdrückten Seufzer nach ; und wenn er seine unwiderstehlichen Reize mit in Anschlag brachte , schien ihm Widerstand selbst bei einer Henriette unmöglich . Leider hatte er nur zu richtig geschlossen ! Henriette gestand nach einigem jungfräulichen Weigern , daß sie ihn allen Männern vorziehe , und verhieß , was auch sein oder ihr Loos seyn möge , die Seinige zu werden . Als nach ihrer Eltern Tode sie , so zu sagen , sich selbst überlassen war , würde sie gern den feierlichen Bund geschlossen haben ; denn obschon Karl nur vom Abschreiben lebte , wandte sie doch jetzt ihr Talent , die Malerei , zum Broderwerb an ; und da sie durch den Meister , dem sie seine Kunst ablernte , viel Bestellungen nach Rußland und Polen hatte und in der Landschafts- und Blumen Malerei immer bedeutendere Fortschritte machte , so glaubte sie einen genügsamen Haushalt versorgen zu können . So rechnete die 18jährige Henriette . Der 22jährige Karl hingegen so : » Henriette ist die Gutmüthigkeit selbst ; sie wird sich nicht weigern , das , was sie zu einer Haushaltung zureichend hält , zu anderm Endzwecke herzugeben . Ich will , ehe ich eine so ernsthafte Verbindung eingehe , meiner Jugend genießen . « Und so genoß der unwürdige Jüngling , und verschwendete auf eine Weise , worüber sein guter Engel weinte , das mühsam erworbene Geld der Geliebten , die es als nöthigen Aufwand bei Bewerbung um irgend eine Stelle angewendet , glaubte , indeß er sie unter dem Vorwande hinhielt , keine Stelle sei ihrer werth . Es verging ein Jahr nach dem andern unter diesen schwankenden Aussichten auf künftige Versorgung für Henrietten ; und immer noch verlor sie den Glauben an Karln nicht so bedeutende Winke sie von vielen Seiten her erhielt . Daß er , ihrer Hand auszuweichen , nicht versorgt seyn wollte , fiel der treusten Seele auf Gottes Erde nicht ein . Und hatte sie irgend eine bekümmernde Nachricht über sein geheimes Verhalten gehört , so glaubte ihr zartes Gemüth ihm für den momentanen Eindruck , den es auf sie gemacht hatte , Ersatz schuldig zu seyn ; sie entzog sich irgend ein nothwendiges Bedürfraß ( denn andere befriedigte sie nicht ) , ihm eine Freude durch irgend ein kleines Geschenk zu machen , welches er gewöhnlich kalt annahm und oft noch an demselben Abend , irgend einer Unwürdigen einen freundlichen Blick abzugewinnen , zum Opfer darbrachte . Karl hatte von Henriettens Fleiß so geschwelgt und seiner Jugend so reichlich genossen , daß er endlich auf die Hefen gekommen war . Er erkrankte und fühlte jetzt mit Schrecken , daß er einer treuen Pflege bedürfe , die er nicht verdiente . Henriette weigerte sich keinen Augenblick ihm zu gewähren , was sie für ihre heiligste Pflicht hielt . Sie betrat die Schwelle des Krankenzimmers mit dem Geistlichen zugleich , der ihre Hand in die brennende Hand des Schwindsüchtig-Kranken legte , und sie für die wenigen Tage seines Lebens mit ihm verband . Wenige Tage vor seinem Hinscheiden beging er die , wie er es dafür hielt , pflichtmäßige Grausamkeit an der Armen , ihr ein vollständiges Bekenntniß aller seiner Treulosigkeiten gegen sie abzulegen . Sie gab die Zusage ihrer herzlichen Verzeihung unter Strömen von Thränen . Nach einigen Tagen starb er , und ihr Gram war gemäßigter , als er vielleicht ohne dies unglückliche Bekenntniß gewesen seyn würde . Aber jetzt erst wurde die unerträglichste Bürde des Kummers über ihr Herz hingewälzt . Zu ehrlich , um irgend Einem Unrecht zu thun , übernahm sie das Schuldenregister des Verstorbenen mit Aufopferung ihrer ganzen Haabe zu tilgen . Bei diesem Anlasse sahe sie Briefschaften und Rechnungen durch , die ihr ein schreckliches Licht über die Verirrungen des Verstorbenen gaben . Sie war das Spiel des Mannes gewesen , dem sie so viel hingegeben hatte , und nie hatte er es erfahren , daß sie zwei sehr annehmliche Parthien , nach ihrer Eltern Tode , seinetwegen ausgeschlagen hatte . Aber ihr wahrhaft religiöser Sinn entbrannte nicht über die Vergehen des Einzelnen ; doch härmte sie sich über die allgemeine Gebrechlichkeit , der sogar eine Natur , wie die ihres Karls , unterliegen mußte . Allem zu genügen und allen Recht widerfahren zu lassen , arbeitete sie jetzt strenger , als je . Ihre Arbeiten erhielten durch ihre individuelle Lage einen sehr anziehenden Karakter , der die zarteren Saiten menschlichen Gefühls höchst lieblich berührte . Um diese Zeit wurde Albertine ihre Schülerin und ihre Freundin . Der Unterschied der Jahre hinderte nicht den Einklang dieser gleichartigen Naturen . Die ältere Freundin bewunderte neidlos die sich schön entfaltenden Geistesblüthen der jüngern : und die jüngere erndtete freudig die reiferen Geistesfrüchte der ältern ein . Dies war das Herz , zu dem Albertine sich flüchtete , wenn das Mißfallen an ihrer Umgebung ihrem Frohsinn gefährlich zu werden drohete . » Ach , Henriette ! « seufzte dann Albertine . » Diese Menschen sind erbärmlich verschroben ! « fiel ihr Madame Euler in ' s Wort ; » und halten sich obenein für eminente Naturen , die uns armen Menschen Pöbel unbegreiflich sind . - Aber - wir wollen sie schon begreifen , und dann sollen sie uns eine lustige Stunde machen ! « Sechstes Kapitel Die schönen Sommertage waren dahin , und schon erinnerte die frühere Dämmerung und der nebelartige Thau , der sich Abends auf die Fluren senkte , daß der Herbst nahe sei , und die Familie zur Stadt zurück kehren werde . Albert war indessen um kein Haar breit weiter mit Albertinen gekommen . Sie war sich immer gleich : offen , ehrlich , ohne Kunst ; und eben dies war die Ursache , daß es ihm schien , als sei ihr mit Liebe , die gern kleine Schleifwege einschlägt , und in mysteriösen Lauben weilt , gar nicht beizukommen . Ihr Thun und Treiben war so kindlich offen , und doch so klug , daß Albert sich in ihrer Nähe wie durch tiefe Ehrfurcht gebunden fühlte ;