Aber ich kann leichter halten als versprechen . Denn ein Opus wirds ... O hochedler Stadtrat ! Exekutoren des Testaments ! sollt ' es mir einst vergönnet werden , in meinem Alter alle Bände der Flegeljahre ganz fertig abgedruckt in hohen , aus Tübingen abgeschickten Ballen um mich stehen zu sehen - - Bis dahin aber erharr ' ich mit sonderbarer Hochachtung Ew . Wohlgeb . etc. etc. etc. J. P. F. Richter Legaz . Koburg , den 6. Juni 1803 Die im Briefe an die Exekutoren versprochene Kopie desselben für den Leser ist wohl jetzt nicht mehr nötig , da er ihn eben gelesen . Auf ähnliche Weise setzen uneigennützige Advokaten in ihren Kostenzetteln nur das Macherlohn für die Zettel selber an , setzen aber nachher , wiewohl sie ins Unendliche fort könnten , nichts weiter für das Ansetzen des Ansetzens an . Ob aber der Verfasser der Flegeljahre nicht noch viel nähere historische Leithämmel und Leithunde zu einer so wichtigen Geschichte vorzutreiben und zu verwenden habe als bloß einen trefflichen Stadtrat ; und wer besonders sein herrlichster Hund und Hammel darunter sei - darüber würde man jetzt die Leser mit dem größten Vergnügen beruhigen , wenn man sich überzeugen könnte , es sei sachdienlich , es sei prudentis . Nr. 3. Terra Miraculosa Saxoniae Die Akzessit-Erben - der schwedische Pfarrer Nach Ablesung des Testaments verwunderten sich die sieben Erben unbeschreiblich auf sieben Weisen im Gesicht . Viele sagten gar nichts . Alle fragten , wer von ihnen den jungen Burschen kenne , ausgenommen der Hoffiskal Knoll , der selber gefragt wurde , weil er in Elterlein Gerichtshalter eines polnischen Generals war . Es sei nichts Besonderes am jungen Haeredipeta , versetzte Knoll , sein Vater aber wollte den Juristen spielen und sei ihm und der Welt schuldig . - Vergeblich umrangen die Erben den einsilbigen Fiskal , ebenso rats- als neubegierig . Er erbat sich vom Gerichte eine Kopie des Testaments und Inventars , andere vornehme Erben wandten gleichfalls die Kopialien auf . Der Bürgermeister erklärte den Erben , man werde den jungen Menschen und seinen Vater auf den Sonnabend vorbescheiden . Knoll erwiderte : da er übermorgen , das heißt den 13ten hujus , nämlich Donnerstags , in Gerichts-Geschäften nach seiner Gerichtshalterei Elterlein gehe , so sei er imstande , dem jungen Peter Gottwalt Harnisch die Zitation zu insinuieren . Es wurde bewilligt . Jetzt suchte der Kirchenrat Glanz nur auf eine kurze Leseminute um das Blättchen nach , worauf Harnisch den Wunsch einer schwedischen Pfarrei sollte ausgemalet haben . Er bekams . Drei Schritte hinter ihm stand der Buchhändler Paßvogel und las schnell die Seite zweimal herunter , eh ' sie der Kirchenrat umkehrte ; zuletzt stellten sich alle Erben hinter ihn , er sah sich um und sagte , es sei wohl besser , wenn ers gar vorlese : Das Glück eines schwedischen Pfarrers So will ich mir denn diese Wonne ohne allen Rückhalt recht groß hermalen und mich selber unter dem Pfarrer meinen , damit mich die Schilderung , wenn ich sie nach einem Jahre wieder überlese , ganz besonders auswärme . Schon ein Pfarrer an sich ist selig , geschweige in Schweden . Er genießet da Sommer und Winter rein , ohne lange verdrüßliche Unterbrechungen ; z.B. in seinen späten Frühling fällt statt des Nachwinters sogleich der ganze reife Vorsommer ein , weißrot und blütenschwer , so daß man in einer Sommernacht das halbe Italien , und in einer Winternacht die halbe zweite Welt haben kann . Ich will aber bei dem Winter anfangen und das Christfest nehmen . Der Pfarrer , der aus Deutschland , aus Haßlau in ein sehr nördlich-polarisches Dörflein voziert worden , steht heiter um 7 Uhr auf und brennt bis 9 1 / 2 Uhr sein dünnes Licht . Noch um 9 Uhr scheinen Sterne , der helle Mond noch länger . Aber dieses Hereinlangen des Sternen-Himmels in den Vormittag gibt ihm liebe Empfindungen , weil er ein Deutscher ist und über einen gestirnten Vormittag erstaunt . Ich sehe den Pfarrer und andere Kirchengänger mit Laternen in die Kirche gehen ; die vielen Lichterchen machen die Gemeinde zu einer Familie und setzen den Pfarrer in seine Kinderjahre , in die Winterstunden und Weihnachtsmetten zurück , wo jeder sein Lichtchen mithatte . Auf der Kanzel sagt er seinen lieben Zuhörern lauter Sachen vor , deren Worte geradeso in der Bibel stehen ; vor Gott bleibt doch keine Vernunft vernünftig , aber wohl ein redliches Gemüt . Darauf teilt er mit heimlicher Freude über die Gelegenheit , jeder Person so nahe ins Gesicht zu sehen und ihr wie einem Kind Trank und Speise einzugeben , das heil . Nachtmahl aus und genießet es jeden Sonntag selber mit , weil er sich nach dem nahen Liebesmahl in den Händen ja sehnen muß . Ich glaube , es müßt ' ihm erlaubt sein . ( Hier sah der Kirchenrat mit einem fragenden Rüge-Blick unter den Zuhörern umher , und Flachs nickte mit dem Kopfe ; er hatte aber wenig vernommen , sondern nur an sein Haus gedacht . ) Wenn er dann mit den Seinigen aus der Kirche tritt , geht gerade die helle Christ- und Morgensonne auf und leuchtet ihnen allen ins Gesicht entgegen . Die vielen schwedischen Greise werden ordentlich jung vom Sonnenrot gefärbt . Der Pfarrer könnte dann , wenn er auf die tote Mutter-Erde und den Gottesacker hinsähe , worin die Blumen wie die Menschen begraben liegen , wohl diesen Polymeter dichten : » Auf der toten Mutter ruhen die toten Kinder in dunkler Stille . Endlich erscheint die ewige Sonne , und die Mutter steht wieder blühend auf , aber später alle ihre Kinder . « Zu Hause letzt ihn ein warmes Museum samt einem langen Sonnenstreif an der Bücherwand . Den Nachmittag verbringt er schön , weil er vor einem ganzen Blumen-Gestelle von Freuden kaum weiß , wo er anhalten soll . Ists am heil . Christfest , so predigt er wieder , vom schönen Morgenlande oder von der Ewigkeit ; dabei wirds ganz dämmernd im Tempel ; nur zwei Altar-Kerzen werfen wunderbare lange Schatten umher durch die Kirche ; der oben herabhängende Taufengel belebt sich ordentlich und fliegt beinahe ; draußen scheinen die Sterne oder der Mond herein - der feurige Pfarrer oben im Finstern auf seiner Kanzel bekümmert sich nun um nichts , sondern donnert aus der Nacht herab , mit Tränen und Stürmen , von Welten und Himmeln und allem , was Brust und Herz gewaltig bewegt . Kommt er flammend herunter , so kann er um 4 Uhr vielleicht schon unter einem am Himmel wallenden Nordschein spazieren gehen , der für ihn gewiß eine aus dem ewigen Südmorgen herüberschlagende Aurora ist , oder ein Wald aus heiligen feurigen Mosis-Büschen um Gottes Thron . Ists ein anderer Nachmittag , so fahren Gäste mit erwachsenen Töchtern von Betragen an ; wie die große Welt diniert er mit ihnen bei Sonnenuntergang um 2 Uhr und trinkt den Kaffee bei Monschein ; das ganze Pfarrhaus ist ein dämmernder Zauberpalast . - Oder er geht auch hinüber zum Schulmeister in die Nachmittagsschule und hat alle Kinder seiner Pfarrkinder gleichsam als Enkel bei Licht um sein Großvater-Knie und ergötzet und belehret sie.- Ist aber das alles nicht : so kann er ja schon von 3 Uhr an in der warmen Dämmerung durch den starken Mondschein in der Stube auf und ab waten und etwas Orangenzucker dazu beißen , um das schöne Welschland mit seinen Gärten auf die Zunge und vor alle Sinne zu bekommen . Kann er nicht bei dem Monde denken , daß dieselbe Silberscheibe jetzt in Italien zwischen Lorbeerbäumen hange ? Kann er nicht erwägen , daß die Äolsharfe und die Lerche und die ganze Musik und die Sterne und die Kinder in heißen und kalten Ländern dieselben sind ? Wenn nun gar die reitende Post , die aus Italien kommt , durchs Dorf bläset und ihm auf wenigen Tönen blumige Länder an das gefrorne Museumsfenster hebt ; wenn er alte Rosen-und Lilienblätter aus dem vorigen Sommer in die Hand nimmt , wohl auch eine geschenkte Schwanzfeder von einem Paradiesvogel ; wenn dabei die prächtigen Klänge Salatzeit , Kirschenzeit , Trinitatissonntage , Rosenblüte , Marientage das Herz anrühren : so wird er kaum mehr wissen , daß er in Schweden ist , wenn Licht gebracht wird , und er verdutzt die fremde Stube ansieht . Will ers noch weiter treiben , so kann er sich daran ein Wachskerzen-Endchen anzünden , um den ganzen Abend in die große Welt hineinzusehen , aus der ers her hat . Denn ich sollte glauben , daß am Stockholmer Hofe , wie anderwärts , von den Hofbedienten Endchen von Wachskerzen , die auf Silber gebrannt hatten , für Geld zu haben wären . Aber nun nach Verlaufe eines halben Jahres klopft auf einmal etwas Schöners als Italien , wo die Sonne viel früher als in Haßlau untergeht , nämlich der herrlich beladne längste Tag an seine Brust an und hält die Morgenröte voll Lerchengesang schon um 1 Uhr nachts in der Hand . Ein wenig vor 2 Uhr oder Sonnenaufgang trifft die oben gedachte niedliche , bunte Reihe im Pfarrhause ein , weil sie mit dem Pfarrer eine kleine Lustreise vor hat . Sie ziehen nach 2 Uhr , wenn alle Blumen blitzen und die Wälder schimmern . Die warme Sonne droht kein Gewitter und keinen Platzregen , weil beide selten sind in Schweden . Der Pfarrer geht so gut in schwedischer Tracht einher wie jeder - er trägt sein kurzes Wams mit breiter Schärpe , sein kurzes Mäntelchen darüber , seinen Rundhut mit wehenden Federn und Schuhe mit hellen Bändern ; - natürlich sieht er , wie die andern auch , wie ein spanischer Ritter , wie ein Provenzale oder sonst ein südlicher Mensch aus , zumal da er und die muntere Gesellschaft durch die in wenigen Wochen aus Beeten und Ästen hervorgezogne hohe Blüten- und Blätterfülle fliegen . Daß ein solcher längster Tag noch kürzer als ein kürzester verfliege , ist leicht zu denken , bei soviel Sonne , Äther , Blüte und Muße . Schon nach 8 Uhr abends bricht die Gesellschaft auf - die Sonne brennt sanfter über den halbgeschlossenen schläfrigen Blumen - um 9 Uhr hat sie ihre Strahlen abgenommen und badet nackt im Blau - gegen 10 Uhr , wo die Gesellschaft im Pfarrdorfe wieder ankommt , wird der Pfarrer seltsam bewegt und weich gemacht , weil im Dorfe , obgleich die tiefe laue Sonne noch ein so müdes Rot um die Häuser und an die Scheiben legt , alles schon still und in tiefem Schlafe liegt , so wie auch die Vögel in den gelbdämmernden Gipfeln schlummern , bis zuletzt die Sonne selber , wie ein Mond , einsam untergeht in der Stille der Welt . Dem romantisch bekleideten Pfarrer ist , als sei jetzt ein rosenfarbnes Reich aufgetan , worin Feen und Geister herumgehen , und ihn würd ' es wenig wundern , wenn in dieser goldnen Geisterstunde auf einmal sein in der Kindheit entlaufner Bruder heranträte , wie vom blühenden Zauber-Himmel gefallen . Der Pfarrer lässet aber seine Reisegesellschaft nicht fort , er hält sie im Pfarrgarten fest , wo jeder , wer will , sagt er , in schönen Lauben die kurze laue Stunde bis zu Sonnen-Aufgang verschlummern kann . Es wird allgemein angenommen und der Garten besetzt ; manches schöne Paar tut vielleicht nur , als schlaf ' es , hält sich aber wirklich an der Hand . Der glückliche Pfarrer geht einsam in den Beeten auf und ab . Kühle und wenige Sterne kommen . Seine Nachtviolen und Levkoien tun sich auf und duften stark , so hell es auch ist . In Norden raucht vom ewigen Morgen des Pols eine goldhelle Dämmerung auf . Der Pfarrer denkt an sein fernes Kindheitsdörfchen und an das Leben und Sehnen der Menschen und wird still und voll genug . Da greift die frische Morgensonne wieder in die Welt . Mancher , der sie mit der Abendsonne vermengen will , tut die Augen wieder zu ; aber die Lerchen erklären alles und wecken die Lauben . Dann geht Lust und Morgen gewaltig wieder an ; - - und es fehlt wenig , so schilder ' ich mir diesen Tag ebenfalls , ob er gleich vom vorigen vielleicht um kein Blütenblatt verschieden ist . * Glanz , dessen Gesicht die günstigste Selbstrezension seiner geschriebenen Werke war , sah , mit einigem Triumphe über ein solches Werk , unter den Erben umher ; nur der Polizei-Inspektor Harprecht versetzte mit einem ganzen Swift auf dem Gesicht : » Dieser Nebenbuhler kann uns mit seinem Verstande noch zu schaffen machen . « Der Hoffiskal Knoll und der Hofagent Neupeter und Flitte waren längst aus Ekel vor der Lektüre weg und ans Fenster gegangen , um etwas Vernünftiges zu sprechen . Sie verließen die Gerichtsstuben . Unterwegs äußerte der Kaufmann Neupeter : » Das versteh ' ich noch nicht , wie ein so gesetzter Mann als unser sel . Vetter noch am Rande des Grabes solche Schnurren treiben kann . « - » Vielleicht aber « , sagte Flachs , der Hausbesitzer , um die andern zu trösten , » nimmt der junge Mensch die Erbschaft gar nicht an , wegen der schweren Bedingungen . « - Knoll fuhr den Hausbesitzer an : » Geradeso schwere wie heute eine . Sehr dumm wär ' s von ihm und für uns . Denn nach Clausul . IX. Schlägt aber Harnisch , fielen ja den corporibus piis drei Viertel zu . Wenn er sie aber antritt und lauter Böcke schießet « - » Das gebe doch Gott « , sagte Harprecht . » - schießet « , fuhr jener fort , » so haben wir doch die Klauseln : Spaßhaft sagt ' ich in der vorigen - und Ritte der Teufel - und den Hrn . Kirchenrat Glanz und alle für uns und können viel tun . « Sie erwählten ihn sämtlich zum Schirmherrn ihrer Rechte und rühmten sein Gedächtnis . - » Ich erinnere mich noch « , sagte der Kirchenrat , » daß er nach der Klausel der Erb-Ämter vorher zu einem geistlichen Amte gelangen soll , wiewohl er jetzt nur Jurist ist « - - - » Da wollt ihr nämlich « , versetzte Knoll geschwind , » ihr geistlichen Herren und Narren , dem Examinanden schon so einheizen , so zwicken wahrhaftig , das glaub ' ich « - und der Polizeiinspektor fügte bei , er hoffe das selber . Da aber der Kirchenrat , dem beide schon als alte Kanzel-Stürmer , als Baumschänder kanonischer Haine bekannt waren , noch vergnügt einen Rest von Eß-Lust verspürte , der ihm zu teuer war , um ihn wegzudisputieren : so suchte er sich nicht recht sonderlich zu ärgern , sondern sah nach . Man trennte sich . Der Hoffiskal begleitete den Hofagenten , dessen Gerichtsagent er war , nach Hause und eröffnete ihm , daß der junge Harnisch schon längst habe - als riech ' er etwas vom Testamente , das dergleichen auch fordere - Notarius werden und nachher in die Stadt ziehen wollen , und daß er am Donnerstag nach Elterlein gehe , um ihn dazu zu kreieren . ( Knoll war Pfalzgraf . ) So mög ' er doch machen , bat der Agent , daß der Mensch bei ihm logiere , da er eben ein schlechtes unbrauchbares Dachstübchen für ihn leer habe . - » Sehr leicht « , versetzte Knoll . Das erste , was dieser zu Hause und in der ganzen Sache machte , war ein Billett an den alten Schulz in Elterlein , worin er ihm bedeutete , » er werde übermorgen Donnerstags durch- und retourpassieren und unterwegs , gegen Abend , seinen Sohn zum Notarius kreieren ; auch hab ' er ein treffliches , aber wohlfeiles Quartier für solchen bei einem vornehmen Freunde bestanden . « - Vor dem regierenden Bürgermeister hatt ' er demnach eine Verabredung , die er jetzt erst traf , schon für eine getroffne ausgegeben , um , wie es scheint , das Macherlohn für einen Notar , das ihm der Testator auszahlte , vorher auch von den Eltern zu erheben . In allen Erzählungen und Äußerungen blieb er äußerst wahrhaft , solange sie nur nicht in die Praxis einschlugen ; denn alsdann trug er ( da Raubtiere nur in der Nacht ziehen ) sein nötiges Stückchen Nacht bei sich , das er entweder aus blauem Dunst verfertigte als Advokat oder aus arsenikalischen Dämpfen als Fiskal . Nr. 4. Mammutsknochen aus Astrachan Das Zauberprisma Der alte beerdigte Kabel war ein Erdbeben unter dem Meere von Haßlau , so unruhig liefen die Seelen wie Wellen untereinander , um etwas vom jungen Harnisch zu erfahren . Eine kleine Stadt ist ein großes Haus , die Gassen sind nur Treppen . Mancher junge Herr nahm sogar ein Pferd und stieg in Elterlein ab , um nur den Erben zu sehen ; er war aber immer auf die Berge und Felder gelaufen . Der General Zablocki , der ein Rittergut im Dorfe hatte , beschied seinen Verwalter in die Stadt , um zu fragen . Manche halfen sich damit , daß sie einen eben angekommenen Flöten-Virtuosen , van der Harnisch , für den gleichnamigen Erben nahmen und davon sprachen ; besonders tatens einhörige Leute , die , dabei taub auf dem zweiten Ohre , alles nur mit halbem hörten . Erst Mittwochs abends - am Dienstage war Testaments-Öffnung gewesen - bekam die Stadt Licht , in der Vorstadt bei dem Wirt zum weichen Krebs . Ansehnliche Glieder aus Kollegien gossen da gewöhnlich in die Dinte ihres Schreib-Tages einiges Abendbier , um die schwarze Farbe des Lebens zu verdünnen . Da bei dem weichen Krebswirte der alte Schultheiß Harnisch seit 20 Jahren einkehrte : so war er imstande , wenigstens vom Vater ihnen zu erzählen , daß er jede Woche Regierung und Kammer anlaufe mit leeren Fragen , und daß er jedesmal unter vielen Worten die alten Historien von seinem schweren Amte , seinen vielen juristischen Einsichten und Büchern und seiner » zweiherrigen « Wirtschaft und seinen Zwillingssöhnen Abende lang vorsinge , ohne doch je in seinem Leben mehr dabei zu verzehren als einen Hering und seinen Krug - Es führe zwar , fuhr der Wirt fort , der Schulz sehr starke hochtrabende Worte , sei aber ein Hase , der seine Frau schickte bei handfesten Vorfällen , oder er reiche eine lange Schreiberei ein ; hab ' auch ein zu nobles Naturell und könne sich über eine krumme Miene zu Tagen kränken und habe noch unverdauete Nasen , die er im Winter von der Regierung bekommen , im Magen . Nur von der Hauptsache , beschloß er , von den Söhnen , wiss ' er nichts , als daß der eine , der Spitzbube , der Flötenpfeifer Vult , im 14 1 / 2 Jahre mit einem solchen Herrn - er zeigte auf Hrn . van der Harnisch - durchgegangen ; und vom andern , der der Erbe sei , könne gewiß der Herr unten mit den schwarzen Knopflöchern die beste Auskunft geben , denn es sei der Hr . Kandidat und Schulmeister Schomaker aus Elterlein , sein gewesener Präzeptor . Der Kandidat Schomaker hatte eben in einem Makulaturbogen einen Druckfehler mit Bleistift korrigiert , eh ' er ihn dick um ein halbes Lot Arsenik wickelte . Er antwortete nicht , sondern wickelte wieder weißes Papier über das bedruckte , siegelte es ein und schrieb an alle Ecken : Gift ! - darauf überwickelte und überschrieb er wieder und ließ nicht nach , bis ers siebenmal getan und ein dickes Oktav-Paket vor sich hatte . Jetzt stand er auf , ein breiter , starker Mann , und sagte sehr furchtsam , indem er Kommata und andere Interpunktionen so deutlich im Sprechen absetzte als jeder im Schreiben : » Ganz wahr , daß er mein Schüler , und hinlänglich , erstlich , daß er so ädel ist , zweitens , daß er treffliche Gedichte , nach einem neuen Metrum , machet , so er den Streckvers nennet , ich einen Polymeter . « Bei diesen Worten fing der Flöten-Virtuose van der Harnisch , der bisher kalt die Runde um die Stube gemacht , plötzlich Feuer . Wie andere Virtuosen hatt ' er aus großen Städten die Verachtung kleiner mitgebracht - ein Dorf schätzen sie wieder - , weil in kleinen das Rathaus kein Odeum , die Privathäuser keine Bilderkabinette , die Kirchen keine Antiken-Tempel sind . Er bat verbindlich den Kandidaten um Ausführlichkeit . » Fodert meine Pflicht schon « , versetzte dieser , » daß ich morgen , bei der Heimkunft , dem Erben selber , die Eröffnung eines Vermächtnisses noch nicht eröffne , weil es erst die Obrigkeit , am Sonnabend , tuet , wieviel mehr , daß ich die ganze Geschichte eines lebenden Menschen , nie ohne seine Erlaubnis , kundtue , wieviel mehr Aber Gott , wer von uns wird die Leiche sein ! « setzt ' er dazu , da er die Stundenglocke ins Gebetläuten tönen hörte ; und griff sogleich zu einer darnebenliegenden Schlacht in der Zeitung , um dreist zu werden , weil wohl nichts den Menschen so sehr zum kalten Waghalse gegen sein Totenbette macht als eine oder ein paar Quadratmeilen , worauf unzählige rote Glieder und ein Tod nach dem andern liegt . Über diesen religiösen Skrupel-Luxus zog der Flötenist ein sehr verächtliches Gesicht und sagte - indem er ein Prisma aus der Tasche holte und vier Lichter verlangte - verdrüßlich : » Ich könnte es bald wissen , wer die Leiche sein wird ; aber ich will Ihnen , Hr . Kandidat , lieber alles erzählen aus diesem Zauberprisma , was Sie mir nicht erzählen wollen . « Er sagte , das Prisma verschließe die viererlei Wasser , welche man aus den vier Weltecken sammle , man reib ' es am Herzen warm , fordere leise , was man in der Vergangenheit oder Zukunft zu sehen wünsche , und wenn man vorher etwas vorgenommen , was er ohne Todesgefahr nicht sagen dürfte - daher das Geheimnis immer nur von Sterbenden mitgeteilet werde oder auch von Selbstmördern - , alsdann entstehe in den viererlei Wassern ein Nebel , dieser ringe und arbeite , bis er sich in helle Menschengestalten zusammengezogen , welche nun ihre Vergangenheit wiederholen oder in ihrer Zukunft oder auch Gegenwart spielen , wie man es eben gefordert . Der Schulmeister Schomaker erhielt sich noch ziemlich gleichgültig und fest gegen das Prisma , weil er wußte , ihm habe , wenn er bete , kein Teufel viel an . Van der Harnisch zog seine Taufdecke aus der Tasche und sie sich über den Kopf und war darunter rege und leise ; endlich hörte man das Wort : Schomakers Stube . Jetzt warf er sie zurück , starrete erschrocken in das Prisma hinein und beschrieb laut und eintönig jede Kleinigkeit , die in dessen stillem Zölibats-Zimmer war , von einer Druckerpresse an bis auf die Vögel hinter dem Ofen , ja sogar bis auf die Maus , die eben darin umherlief . Noch immer stiegen dem Kandidaten wenig oder keine Haare zu Berge ; als aber der Seher sagte : » Irgendein Geister-Schatte in der leeren Stube hat Ihren Schlafrock an und spielt Sie nach und legt sich in Ihr Bette « - so überlief es ihn sehr kalt . » Das war etwas Gegenwart von Ihnen « , sagte der Virtuose ; » nun einige wenige Vergangenheit , und dann soviel Zukunft , als man braucht , um zu sehen , ob Sie etwan die diesjährige Leiche werden . « Umsonst stellte ihm der Kandidat das Unmoralische der Rück- und Vor-Seherei entgegen ; er versetzte , er halte sich ganz an die Geister , die es ausbaden möchten , und fing schon an , im Prisma zu sehen , daß der Kandidat als junger Mensch eine Frühpredigers-Stelle und eine Ehe ausschlug , bloß aus 11000 Gewissensskrupeln . Der Wirt sagte dem gepeinigten Schulmann etwas ins Ohr , wovon das Wort Schlägerei vorklang . Schomaker , der noch mehr seine Zukunft als seine Vergangenheit zu hören mied , schlug auf moralische Unkosten der Geister den Ausweg vor , er wolle selber lieber die Geschichte der jetzt durch Vermächtnisse so interessanten Harnischischen Familie geben ; Hr . v. d. Harnisch möge dabei ins Prisma sehen und ihm einhelfen . Das hatte der quälende Virtuose gewollt . Beide arbeiteten nun miteinander eine kurze Vor-Geschichte des Testaments-Helden aus , welche man um so lieber im Vogtländischen Marmor mit mäusefahlen Adern - denn so heißet die folgende Nummer - finden wird , da sich nach so vielen Druckbogen wohl jeder sehnt , auf den Helden näher zu stoßen , wär ' s auch nur im Hintergrunde . Der Verfasser wird dabei die Pflicht beobachten , beide Eutrope zu verschmelzen zu einem Livius und diesen noch dadurch auszuglätten , daß er ihm Patavinitäten ausstreicht und etwas Glanzstil an . Nr. 5. Vogtländischer Marmor mit mäusefahlen Adern Vorgeschichte Der Schultheiß Harnisch - der Vater des Universalerben - hatte sich in seiner Jugend schon zum Maurergesellen aufgeschwungen und wäre bei seinen Anlagen zu Mathematik und Stubensitzen - denn er las Sonntage lang draußen im Reiche - weit gekommen , hätt ' er sich nicht an einem frohen Marientage in einem Wirtshause in das Fliegenglas der Werber zu tief verflogen , in die Flasche . Vergeblich wollt ' er am andern Morgen aus dem engen Hals wieder heraus ; sie hatten ihn fest und darin . Er war unschlüssig , sollt er hinausschleichen und sich in der Küche die Vorderzähne ausschlagen , um keine für die Patronen zum Regimente zu bringen , oder sollt ' er lieber - denn es konnt ' ihn doch die Artillerie als Stückknecht fassen - vor den Fenstern des Werb- und Wirtshauses einen Dachsschliefer niedermachen , um unehrlich zu werden und dadurch nach damaliger Sitte kantonfrei . Er zog die Unehrlichkeit und das Gebiß vor . Allein der erlegte Dachs machte ihn zwar aus den Werber-Händen los , aber er biß ihn wie ein Zerberus aus seiner Gewerkschaft aus . » Nu , nu « , sagte Lukas in seinen Land-Bildern , » lieber einen Schlitz in dem Sumpf aufgerissen als einen in der Wade zugenäht . « - So sehr floh er , wie ein Gelehrter , den Wehrstand . Damals starb sein Vater , auch Schultheiß ; er kam nach Hause und war der Erbe des Hauses wie der Kronerbe des Amts ; obwohl seine Krongüter in Kron-Schulden bestanden . In kurzem vermehrte er diese Krongüter beträchtlich . Er warf sich mit Leib und Seele auf das Jus - versaß seine kanonischen Stunden an angeborgten Akten und gekauften Büchern , teilte auf alle Seiten umsonst responsa aus , ganze Bogen und Tage lang - jeden Schulzen-Aktus berichtete er schriftlich und konzipierte und mundierte das Schreiben mit schöner gebrochener Fraktur und schiefer Kurrent , wobei ers noch für sich selber kopierte - schauete als Schulz überall nach , lief überall hin und regierte den ganzen Tag . Durch alles dieses blühte wenigstens das Dorf mehr als seine Äcker und Wiesen , und das Amt lebte von ihm , nicht er vom Amte . Er konnte gleich den besten Städtern , die ein gutes Haus machen , sich nun , wie die Sorbonne , als das ärmste unterschreiben ( pauperrima domus ) . Alle verständige Elterleiner traten darin einander bei , daß er ohne sein hantierendes Weib - eine gesunde Vernunft in corpore - , das an einem Morgen für Vieh und Menschen kochte , grasete , mähte , längst mit dem Schulzenzepter in der einen Hand und mit dem Bettelstabe in der andern hätte von seinem regierenden Haus und Hof ziehen müssen , wovon er eigentlich nur der Pächter seiner Gläubiger war . Nur eine Arzenei gabs für ihn , nämlich den Entschluß , das Haus und dadurch die Schultheißerei wegzugeben . Aber er ließ sich ebensogerne köpfen , als er diese Arzenei nur roch oder einnahm , einen Gifttrunk seiner ganzen Zukunft . Erstlich war die Dorfschulzenschaft seit undenklichen Zeiten bei seiner Familie gewesen , wie die Regentengeschichte derselben beweiset ; sein Jus und Herz hing daran , ja seine ewige Seligkeit , weil er wußte , daß im ganzen Dorfe kein so guter Jurist für diesen Posten zu finden war als er , wiewohl Sachverständige erklärten , es werde zu diesem Posten nicht mehr gefordert als zu einem römischen Kaiser nach der Goldnen Bulle1 , nämlich ein gerechter , guter und brauchbarer Mann . Sein Haus anlangend , so trat vollends folgender frappanter Jammer ein . Elterlein war zweiherrig : am rechten Bachufer lagen die Lehnmänner des Fürsten , am linken die Einsassen des Edelmanus ; wiewohl sie einander im gemeinen Leben nur schlecht die Rechten und die Linken hießen . Nun lief nach allen Flurbüchern und Grenzrezessen in alten Zeiten die Demarkationslinie , der Bach , dicht an des Schulzen Hause vorbei . Nachher veränderte der Bach sein Bette oder ein dürrer Sommer nahm ihn gen Himmel ; kurz Harnischens Wohnung wurde so weit hinübergebaut , daß nicht nur ein Dachstuhl auf zwei Territorien stand , sondern auch eine Stubendecke und , wenn man ihn hinsetzte , ein Krüpelstuhl . Aber so wurde dieses Haus des alten Schulzen juristischer Vorhimmel , so wie zugleich seine kameralistische Vorhölle . Mit unsäglichem Vergnügen sah er oft in seiner Wohnstube - die an der Wand ein fürstlicher Grenz- und Wappenpfahl abmarkte - sich um und warf publizistische Blicke bald auf landesherrliche , bald auf ritterschäftliche Stubenbretter und Gerechtsame und bedachte , daß er nachts ein Rechter wäre - weil er fürstlich schlief - und nur am Tage ein Linker , weil Tisch und Ofen geadelt waren . Es war seinen Söhnen nichts Seltenes , daß er sonntags vor dem Abendessen , wenn er viel gedacht hatte , mehrmals heiter und hastig den Kopf