Geschöpfe sich so unähnlich zu sein , wie diese , und der Gedanke daß sie wol auf irgend eine Art zusammen gehören möchten , machte mich beynah traurig . Aber der holde Eindruck des Schönen beherrschte mich bald wieder rein und ungetheilt . - Schönheit gleicht dem Genie ; sie ist freie Gabe der Götter , und als solche hat der Wille der Menschen keinen Theil daran . Was selbst erworbner Reiz des Betragens langsam hervorbringt , ist bei ihr das Werk eines Augenblicks : die angenehme Rührung , welche mein Herz bewegte , goß einen höhern Reiz über die ganze Natur um mich her . Der Glanz der Abendsonne schien mit überirdischer Klarheit auf den Baumwipfeln zu ruhen - der Rheinstrom und die romantische Ferne , die einsamen Höhen und der frische duftige Wiesengrund mit dem lebendigen Gewühl von Menschen und Thieren - das zarte Laub , das , kaum entfaltet , freudig im Abendwind flüsterte.-Alles schien verklärt , harmonisch , ahnungsvoll . - O ! ich bin so glücklich , mein Freund ! - Mein einziger Wunsch ist , daß ich tausend Leben haben , tausend Formen beleben , alle Verhältnisse durchirren , alle mögliche frohe Empfindungen fühlen könnte , und meine einzige Sorge , daß irgend eine Fähigkeit ungeweckt in meiner Seele schlummern , irgend eine Freude ungefühlt vor mir vorüber rauschen möchte ! Vierter Brief Amanda an Julien Dein Brief hat mich angenehm gerührt . Du schilderst mir Deine Lage so gefühlvoll , Du bist so harmonisch mit Dir und Deiner Welt , Deine folgsame Phantasie führt Dich nicht über Deinen Kreis hinaus , und haucht nur ein blühenderes Kolorit über die Bilder des gewöhnlichen Lebens . Wie glücklich bist Du , meine Julie ! - komm zu mir und lehre mich in meiner Lage zu sein , was Du in der Deinigen bist . Dein Anblick wird die stillen Bilder unserer frühen Jugend an Blumenketten der Erinnerung vor meine Seele führen , und meine gespannte Stimmung wohlthätig mildern . - Wenn wir uns allein fühlen , mag sich dann der lieblichste Sonnenschein in goldnen Wellen über die Gegend ergießen ; ein gleichgültiger Tag nach dem andern vergeht , und die Freude wird Wehmuth für den , der sie nicht theilen kann . Und ich bin allein ! allein in der lebendigsten Natur , über deren fröhlichste Bilder dies Gefühl einen schwermüthigen Schleier zieht . Diese duftenden Lauben wollen ein liebendes Gespräch , diese reizenden Irrgänge wollen eine Bedeutung . - Ach ! vielleicht trennt nur ein blühendes Gebüsch , ein leichter Pfad den Gegenstand von mir , der es würdig wäre , meine Gefühle zu theilen ! vielleicht wandelt auch er allein , mit dem schönen , unbefriedigten Herzen , erstaunt , die todte Natur so lebendig , und die lebendige Welt so todt zu finden ! Er weiß es nicht , daß die , welche einzig ihn verstehen kann , so nahe bei ihm ist ; er flieht das Glück , das er sucht - ein schadenfroher Dämon führt ihn ewig bei mir vorbei ! Du lächelst über meine Schwärmereien , Julie , aber laß mir sie , die allein mir Bürge sind , daß ich noch glücklich sein kann . Glücklich ist der Mensch nur in seinem Gefühl . Er kann zufrieden sein , mit sich , mit der Welt , durch Vernunft , durch reine Würdigung der Dinge - aber jene göttlichen Momente , wo der schöne Eindruck nur Bilder und keine Begriffe in uns erweckt , jene Augenblicke voll Unendlichkeit die wir undeutlich nennen , weil die Sprache für sie zu arm ist - diese liegen nur in unserm Gefühl . Zu lange , o ! zu lange hat mein Sinn an den Reizen einer zufälligen Umgebung gehangen , zu lange habe ich unter den Freuden des Lebens mit kalter Ueberlegung gewählt , ich möchte nicht mehr wählen , ich möchte hingerissen sein . Die Seligkeit , die in dem Tausch der Seelen , in dem Gedanken liegt , die Welt in einem fremden Herzen schöner zu genießen , diese süße Trunkenheit der Gefühle , warum versagt sie mir das Schicksal , nur mir allein ? - In früher Jugend stand das Bild eines solchen Glücks lebhaft vor meiner Seele ; Jahre lang schien es verschwunden zu sein , aber jetzt stellen Einsamkeit und Phantasie es mir mit neuen Reizen dar . Soll ich sterben , ohne je geliebt zu haben ? und habe ich dies Glück nicht durch eigene Schuld verscherzt ? - Wenn dies so ist , Julie , so werde ich ewig über mein Geschick trauern müssen , ohne deshalb unzufrieden mit mir selbst sein zu können , denn die Gründe meiner Handlungen konnten irrig sein , aber unrecht waren sie nicht . - Damals als ich mit Albret bekannt wurde , warst Du nicht bei mir , und ich glaube daß ich jene Tage mit Recht für den Zeitpunkt halten kann , wo Du in Deinem ganzen Leben den wenigsten Antheil an mir genommen hast . Es war unsre erste Trennung . Du reis ' test mit Deinem jungen , kaum zum Gatten gewordnen , Liebhaber nach Deinem neuen Wohnorte , und natürlich daß Dir da im ersten süßen Rausch einer ganz aus Liebe geschloßnen Verbindung , wohl wenig Zeit , an Deine Freundin zu denken , übrig blieb . Es hat mir , die gerade in diesen Momenten fester an Dir hing , als je , manche Thräne gekostet ; desto erfreulicher ist mir jetzt der Gedanke , daß eine Zuneigung , welche dieser Klippe , der gefährlichsten , die weiblicher Freundschaft drohet , zu trotzen wußte , auf der ganzen Reise des Lebens keinen Schiffbruch mehr zu besorgen hat . Ich blieb allein , und bemerkte zum erstenmal , nicht ohne Befremdung , daß unsre Denkungsart nichts weniger als gleichförmig sei . Ich dachte mir Dich als unaussprechlich glücklich , und grämte mich recht sehr , daß ich es auf Deinem Wege nicht sein und nie werden zu können glaubte . Ich hielt Dich für besser , weil Du glücklicher warest , und glaubte fast , ich verdiene von Dir vergessen zu sein . Unser gemeinschaftlicher Freund , der redliche Brenda , besuchte mich oft , und suchte mir Deine Abwesenheit vergessen zu machen , aber es wollte ihm nie recht gelingen . Er schien sich immer fester an mich zu ketten , und auch ich glaubte Neigung für ihn zu fühlen , - vielleicht nur , weil Du mir gesagt hattest , daß Du es wünschtest . Aber diese Neigung erfüllte mein Herz nicht so sehr , daß darinnen nicht tausend Phantasieen noch Raum gefunden hätten . Es war mir süß , wenn ich an die Zukunft dachte , wie Kinder bei halbgeschloßnen Augen , eine Menge rosiger , goldner , verworrner Gestalten vor mir hinschweben zu sehen . Ich konnte mir das Leben unmöglich wie einen geraden , offnen Weg denken , wo man schon beim Eintritt das Ende übersehen kann ; vielmehr liebte ich mir einen , verschlungenen seltsamen Pfad voll romantischer Stellen und wechselnden Lichts zu träumen . Unser Freund , das wußte ich , war für diese Ideen nicht gestimmt , sie betrübten ihn sogar und verursachten manches Mißverständniß zwischen uns ; demohngeachtet blieb er der einzige Gegenstand meiner jugendlichen Anhänglichkeit . - Jetzt kam Albret in unsre Stadt . Sein erster Anblick machte einen tiefen aber unangenehmen Eindruck auf mich . Zwar konnte er , obgleich nicht mehr jung , mit allem Recht auf den Namen eines schönen Mannes Anspruch machen , aber in seinen Zügen war etwas so zerstörtes , gewaltsames , willkührliches , das allen den sanften fröhlichen Bildern , die ich mir von Liebe und Lebensgenuß gezeichnet hatte , grausam Hohn zu sprechen schien . Mein Vater hatte viel Geschäfte für ihn zu besorgen , er sagte mir , daß er ihn schon ehedem , auf Reisen an verschiednen Orten kennen gelernt hätte , und hegte von seinem Charakter eine eben so hohe Meinung , wie von seinen Reichthümern . Ich sah ihn oft , und lernte ihn nie kennen ; denn er hatte in seinem Wesen etwas so entfernendes , willkührliches und planmäßiges , daß es mir nicht möglich war , etwas anders , als daß er unergründlich sei , von ihm zu wissen . Indessen übte die Reife seiner Urtheile , und die Sicherheit , der Gleichmuth seines Betragens über meinen Verstand eine stille Gewalt aus , ohne daß die Kluft , welche die Verschiedenheit unserer Gefühle zwischen uns legte , dadurch ausgefüllt worden wäre . - In jener Zeit sah ich meinen Vater von einer , mir unbekannten Unruhe gequält ; sein Betragen gegen mich ward weicher und zärtlicher als je , und wenn er mich betrachtete , traten ihm oft die Thränen in die Augen . Einst kam er zu mir - ich sehe es noch , wie er vor mir stand - die ganze ehrwürdige , alternde Gestalt , Ausdruck des Kummers , und der schöne Zug reiner Güte in seinem Gesicht , mit Rührung und Unruhe vermischt . - » Mein Kind , sagte er , Unglücksfälle haben unser kleines Glück vernichtet ; mein Vermögen ist verlohren , und auch selbst dies kleine Eigenthum , worinnen wir bis jetzt frei und zufrieden lebten , müssen wir verlassen . Ich zittre nicht für die wenigen Tage , die ich noch zu durchleben habe , aber dein Schicksal bricht mir das Herz . Die Umstände vergönnten mir nicht , dir eine Erziehung zu geben , welche die , in dir vielleicht schlummernden Talente hätte gehörig entwickeln können , damit du jetzt in ihrer Ausbildung Mittel zu einem leichten und anständigen Unterhalt finden möchtest . Aber du lebtest bis jetzt in freien , sorgenlosen Verhältnissen , und dein eignes Wesen ist mehr für Freiheit als Dienstschaft gemacht ; du giebst lieber als du empfängst , und du kannst nur glücklich sein , wenn es in deiner Macht steht , glücklich zu machen . Was sollen dir diese Eigenschaften , die dein Schmuck sein würden , wenn du reich wärest , in deiner nunmehrigen Lage ? wie wirst du , armes Kind , nun die Dienstbarkeit , das Eingeschränkte , Kümmerliche ertragen können ? « - Ich war betroffen , denn ich hatte , leichtgesinnt wie eine freie , unverkümmerte Jugend immer ist , nie an die Quellen meines sorgenfreien Lebens und also auch nie an ihre Versiechung gedacht , und fühlte jetzt mit Erröthen , daß ich wirklich sogleich kein Mittel wußte , die Sorge für meine Erhaltung selbst zu übernehmen . Indessen kam mir das alles nicht so grausend vor , wie meinem Vater , und tröstend sagte ich ihm : Nein ! bester Vater , wir werden nicht ganz unglücklich sein ! es werden mir Mittel einfallen , ich werde Aussichten finden - - Es hat sich eine gefunden , sprach er wieder , und wenn es dir möglich ist , dieser zu folgen , so bittet dich dein Vater , thue es ! Albret verlangt deine Hand ; er wird dir ein heitres , genußvolles Leben , deinem Vater ein sichres , sorgenfreies Auskommen verschaffen . Du wirst von Einem Menschen abhängen , aber in übrigen frei sein . Bedenke , wie selten Liebe allein eine ehliche Verbindung schließt , wie selten vorzüglich ein Weib in ihrer abhängigen Lage darauf Anspruch machen kann ! bedenke , daß du Bedürfnisse und Wünsche hast , welche ein freies , nicht von ängstlichen Sorgen bekümmertes Leben verlangen , und daß jene Freiheit , welche uns in den Stand setzt , den äussern Verhältnissen , mehr und mehr eine selbstbeliebige Form zu geben , am leichtesten durch Reichthum erreicht wird . Ich verlasse dich jetzt ; aber Albret verlangt schnelle und entscheidende Antwort ; bedenke daß die Ruhe deines Vaters davon abhängt . Und so , Julie - denn mein Herz wiederstand dem bittenden Vater nicht , und ich hielt es für verdienstlich das dunkle , traurige Gesicht zu überwinden , welches mich von dieser Verbindung zurückzuziehen schien - ward ich in wenig Tagen Albrets Gattin , denn er verlangte die schnelle Vollziehung unsrer Verbindung mit einem Eifer , den ich für wahre herzliche Liebe zu mir nahm . - Ach ! dies war es nicht ! ganz andre Wünsche , andre Zwecke fesselten ihn an ferne , mir unbekannte Gegenstände und zogen ihn in andre Gegenden , und unsre Verheirathung ward nur darum so beschleunigt , damit er sogleich nach seinen , bei Florenz gelegnen Gütern reisen konnte , wohin ihn ein heftiges Verlangen trieb . Die allen meinen Wünschen zuvorkommende Artigkeit meines Gatten , tröstete mich anfangs über den Mangel an Vertrauen und Herzlichkeit , welchen ich nur allzubald fühlte , und ich schmeichelte mir mit der Hoffnung , ihm durch mein Betragen sein Zutrauen abzugewinnen und selbst an seinem Wesen , vielleicht manches umändern zu können - und erst dann , als ich wahrgenommen , daß er mich zu wenig achtete , um mir seine Geheimnisse mitzutheilen , ja , daß er mich oft als Mittel zu mir unbekannter Absichten brauchte , ist diese Hofnung gänzlich von mir gewichen . Bald nach unsrer Trauung ward mein Vater gefährlich krank , und ich bemerkte mit tiefem Schmerz , daß Albrets Bekümmerniß , mehr dem Verdruß , unsre Reise verzögert zu sehn , als dem Antheil an dem geliebten Alten zuzuschreiben war . Er starb , der zärtlichste der Väter , dem in der liebenden Brust seines Kindes , ein stilles aber unvergängliches Denkmal seiner Herzensgüte und seiner Liebe zurückgeblieben ist . - Mit aller Mühe konnte ich Albrets Einwilligung zu einer Reise zu Dir nicht erlangen , und nur daß er selbst sich gezwungen sah , noch einige nothwendige Geschäfte abzuthun , bestimmten ihn endlich dazu . Da kam ich zu Dir , meine Julie , mit allen meinen Leiden , meinen Sorgen , meinem Wahn und meinen Hoffnungen . Unsre Herzen fanden sich bald wieder ; Deine heitre Stimmung theilte sich mir unvermerkt wieder mit , und Deine ruhige Vorstellungsweise half mir an meiner Lage manche neue , angenehme Seite entdecken . Doch gestehe ich Dir auch , Julie , daß ich Dich oft beneidete , wenn ich Dich traulich an der Seite eines Mannes sah , mit dem Dich nur Neigung verbunden hatte . Eure Thorheiten kamen mir zuweilen belachenswerth vor , ich schalt Dich damals oft , wegen Deiner gänzlichen Hingebung , der sorglosen Nachlässigkeit Deines Betragens , aber ich fand Dich glücklich . In euren kleinen Zänkereien selbst , die oft entstanden , weil ihr euch einander ganz ohne allen Schein , alle Verstellung zeigtet , lag etwas , das mit gefiel . Die Erinnerung an eure Liebe vereinigte euch bald von neuem , und die stille Harmonie eurer Herzen hielt das Band fest , das Leichtsinn und Laune umsonst zu zerreissen drohten . Vielleicht verschönerte sich Dein Glück in meiner Phantasie , aber ich gestehe dies , so oft ich daran dachte , ward ich traurig , und fühlte es mit schmerzlicher Lebhaftigkeit , daß Harmonie sich nicht erkünsteln läßt . Diese bei Dir verlebte Zeit hatte mir jedoch dazu verholfen , daß ich die Reise nach Florenz nun mit neuem Muth und neuer Lebenslust antreten konnte . Der Schmerz über den Verlust meines Vaters war gemildert ; vorige Träume und Wünsche kehrten zurück , und die Phantasie stellte meinem neu auflebenden , ahnungsvollen Herzen in die Ferne manches reizende Gemälde hin . Mit Vergnügen erinnere ich mich noch jetzt der ersten Tage unsrer Reise . Der volle Farbenschimmer des Herbstes war über die Gegend verbreitet , kleine Büsche wallten goldnen Locken ähnlich , die Hügel hinab ; weisse Gewebe flogen über den Boden , und der Himmel war in zarte silberne Dünste gehüllt . Nie bin ich heitrer gewesen , als da , habe nie freier , jugendlicher gefühlt , nie der Tage , die mich erwarteten , mit froherer Zuversicht entgegen gesehn . An den Gedanken , die Welt zu sehen , knüpfte sich alles , was Phantasie , Hang zum Vergnügen und Verlangen nach reiferen Begriffen sich nur wunderbares , liebliches und belehrendes zu denken vermögen . Doch so blieb es nicht lange . Ich dachte oft an Dich , meine gute Julie , und nie hab ' ich Dich schmerzlicher vermißt , nie hat mir ein theilnehmendes Herz so sehr gefehlt , als wenn wir durch neue bezaubernde Gegenden kamen - Gegenden , bei denen ich , obgleich an die liebliche Hoheit meiner vaterländischen Ansichten gewöhnt , in ein tiefes , wonnevolles Staunen gerieth - und Albret bei allem ganz kalt blieb , und meine Entzückungen beinah verächtlich belächelte . Immer schien sein Sinn mit Ungeduld in die Zukunft zu streben ; die meiste Zeit war er still und in sich gekehrt , und nie gieng ihm die Reise schnell genug . Ich suchte alles hervor , was mich über sein Betragen trösten konnte , und gewiß habe ich viele frohe , sehr frohe Momente gehabt . Viel jugendliche Träume , viel Wünsche sind mir erfüllt worden , ich war oft glücklich , nur mein Herz war nie hingerissen , nie befriedigt ! Und Julie ! sollte ich vielleicht diesen Träumen nicht einmal nachhängen ? - aber warum erinnert mich denn Alles daran , daß Liebe das höchste Glück des Lebens ist , warum muß ich allenthalben sehn , wie sie die niedrigste Lage veredeln , und der Dürftigkeit und Abgeschiedenheit selbst ein zauberisches , beneidenswerthes Ansehen leiht ? - Meine Fenster gehen auf der einen Seite in einen benachbarten Garten , den ein Gärtner mit ein paar jungen Töchtern bewohnt . Die Welt wird wohl nie ihren Namen nennen , niemand als die nächsten Nachbarn kennen sie , ihr Anzug , ihre Beschäftigungen verrathen ihren Mangel an allen Gütern des Glücks , aber die Liebe hat sich ihrer angenommen . Bei frühem Morgen , wenn noch alles schläft , schleicht die eine von ihnen an die Planke , und öfnet leise die Thüre . Unruhig erwartend geht sie auf und ab , und fährt bei jedem Geräusch zusammen , das der Morgenwind an der halbofnen Thüre macht . Bald erscheint ein junger wohlgebildeter Mann , sie hüpft ihm entgegen - sie sind so jugendlich , so froh , und sie genießt in diesen Augenblicken die reichste Entschädigung für alles , was ihr die Laune des Glücks versagte ! ich gestehe Dir , daß ich ihre frohen Unterhaltungen schon öfter mit dem höchsten Interesse belauscht habe - doch hinter der Jalousie , damit mein Anblick ihre Freude nicht störte . Fünfter Brief Amanda an Julien Dies kleine , niedliche Städtchen gefällt mir mit jedem Tage mehr . Das ruhige Leben welches ich hier führe , läßt mich meinen Träumen ungestört nachhängen , und mildert manches traurige Bild , das sich mir , als ich im Geräusch lebte , sehr oft , mit schreienden Farben und bitterm Contrast unerwartet darstellte . Hier ist alles was mich umgiebt , Luft , Gegend , Frühling , in ein weiches Colorit getaucht , und unvermerkt verschmelzen hier auch die Bilder meiner Gedanken , traurige und fröhliche , in ein mildes , übereinstimmendes Ganze . Könnte ich nur diese Sehnsucht nach einem verwandten Wesen , nach jener , vielleicht nur erträumten Seelenharmonie , die mich jetzt oft lebhafter als je ergreift , könnte ich nur diese vergessen , so würde ich ganz glücklich sein . Ich seh ' es ein , daß mir so vieles ward von dem , was die Wünsche des Menschen reizt . In der Blüthe der Jahre , in der vollen Kraft der Gesundheit gewährte mir ein günstiges Schicksal so manche fröhliche Genüsse , schöne Beziehungen des Lebens , die Andre unter ewigen Wünschen , unter Sorgen und Gram erst spät , viele nie erreichen . Frei und ohne mein Sorgen bieten sich mir alle Mittel dar , das Leben zu genießen , warum fehlt mir doch oft der Sinn dafür ? Warum fliegen alle meine Wünsche unauf-haltbar dem Einen nach , was mir fehlt , da mich das Mannigfaltige , was ich besitze , genug beschäftigen könnte ? - Ja , ich will allein sein , meine Julie ! - ist es denn so unmöglich , daß ein Weib sich selbst genug sein kann ? - sind unsre Herzen durchaus dazu geschaffen , in einem einzigen Gefühl die ganze Welt zu genießen , und warum sollten wir dies Gefühl nicht über die ganze Welt verbreiten können ? - Wenn ich die Liebe , die ich ungetheilt im Herzen verschließe , auf viele Gegenstände übertrage , wenn ich einzeln und zerstreut die schönen Blumen breche , die das Schicksal nun einmal nicht für mich in einen Straus zusammenband , werde ich da nicht glücklich sein ? Ich habe , seitdem ich mich in dieser Stimmung zu erhalten suche , schon viele frohe Augenblicke gehabt . Kaum sind es einige Wochen , seit ich hier bin , und dennoch seh ' ich mich bereits mit einer Innigkeit geliebt , die mir nichts mehr zu wünschen übrig läßt . Mein Liebhaber ist ein wunderliches Geschöpf , das jede Stimmung willig von mir annimmt und sich ganz davon beherrschen läßt , ohne sich im geringsten darum zu bekümmern , ob er mich dagegen auch beherrscht , und ohne deshalb von seiner Originalität zu verlieren , der , ob er gleich das sinnlichste Wesen von der Welt ist , bei stundenlangem Alleinsein , auch die Eifersucht selbst nicht zum leisesten Mißvergnügen reizen würde , der mich ungestört meinen Launen nachhängen läßt und mich nie um meine Geheimnisse fragt . - Willst Du diesen seltnen Liebhaber , ohne Herrschsucht , voll Unschuld und Bescheidenheit näher kennen lernen , so sage ich Dir , daß es ein kleiner , sieben oder achtjähriger Knabe ist , der meiner Wirthin angehört . Das Kind hat etwas edles , bedeutendes in seinem Wesen , das ich unbeschreiblich anziehend finde . In den ersten Tagen meines Hierseins traf ich ihn meist auf der Hausflur , wo er mit einem zahmen Vogel spielte , den er immer mit sich herum trug , und ausserordentlich zu lieben schien . Lange konnte ich ihm keine Rede abgewinnen , und nur dadurch , daß ich seinem kleinen Liebling alle Tage eine Handvoll Körner brachte , und auf ihn gar nicht zu achten schien , erwarb ich mir sein Zutrauen . Seitdem bringt er den größten Theil des Tages bei mir zu , und die Aussicht etwas zur Verschönerung seines innern und äussern Lebens beitragen zu können , ist mir unbeschreiblich angenehm . - Ach ! warum kann Albret dies Vergnügen nicht theilen ! wie unglücklich ist das Herz , das sich so unschuldigen Gefühlen nicht hin zu geben wagt ! Albret traf den Kleinen auf meinem Zimmer , und sein liebenswürdiges Wesen schien auch seine Aufmerksamkeit zu erregen . Er betrachtete ihn - beinah wohlwollend , spielte mit ihm - ja er war , wie ich ihn noch nie gesehen . Aber unerwartet schien ein schneller Unwille gegen das Kind in ihm rege zu werden ; er bat mich , ihn zu entfernen , wunderte sich über meine Gedult mit dem unartigen Knaben , und sagte so viel Hartes und unfreundliches über ihn , daß Wilhelm - so heißt der Kleine - scheu aus dem Zimmer sprang . Ist diese , so oft hervorbrechende Bitterkeit Werk der Natur , oder ist sie das Symptom eines vom Schicksal oder Menschen tief gekränkten Herzens ? -O ! daß ich das letzte glauben dürfte , wie gern wollte ich theilen , was auf diesem Herzen lastete ! - Aber umsonst suche ich mir sein Vertrauen zu erwerben ; er verschmäht den Antheil , den ihm jetzt freilich nur mein Blick noch zu zeigen wagt ! Aber wie mild doch jede Naturscene die Seele zu stimmen , und über das harte Gemälde des Menschenlebens ein weiches , geistiges Colorit zu hauchen vermag ! - ich stand am Fenster , und meine Blicke tauchten sich träumend in die nächtliche Gegend hin . Ueber den Bergen erhob sich ein wankender Schein , der sich immer weiter und weiter verbreitete . Das Schweigen der Lüfte , die feierliche Erwartung der Natur , des Himmels wachsender Glanz , verkündete die nahende Erscheinung einer Gottheit . - Und nun stieg sie herauf , im Glanz gehüllt , die Beherrscherin der Nacht , und ein silbernes Licht strömte aus ihren Augen über die dunkle Erde hin . In Träume aufgelößt , und von dem langen Wiegenlied der Grillen in tiefe Selbstvergessenheit gesungen , sah ich dem leichten Tanz der Wolken um unsern Erdkreis zu , und überließ mich ganz dem Genuß einer unbestimmten , ahnungsvollen , freundlichen Schwärmerei , die eigentlich nur das Eigenthum der frühen Jugend ist . O ! wer sollte nicht wünschen , daß es möglich wäre , in diesem Blüthenraum der Jugend , wo die Zukunft wie ein Feenland vor uns liegt , und ein ewiges Morgenroth der Hoffnung unsre Aussicht bekränzt , das ganze flüchtige Leben wegträumen zu können ? Warum treibt der scharfe Hauch der Zeit uns so schnell aus diesen Blumenthälern hinweg , wohin kein Weg zurückführt ? - Die Fähigkeit zu allen süßen , allen traurigen Empfindungen ruht in der Kindheit noch unentwickelt in dem kleinen Herzen , und es empfindet da bei der einfachsten Veranlassung noch ungetheilt , alles , was es jemals , vertheilt , bei den mannigfaltigsten Eindrücken zu fühlen vermag . Jedes Bild tritt neu und ungetrübt vor die jugendliche Phantasie , und der lebendige Eindruck ergießt sich mit sanfter Gewalt durch alle Saiten des erwachenden Gefühls . Deshalb umfaßt es die kleine Welt , die es umgibt , mit einer Innigkeit , die sich nicht durch Worte ausdrücken kann . Die liebliche Magie der Unerfahrenheit überwebt Ursprung und Ende jeder schönen Empfindung wie mit einer Wolke , daß sie auf einmal in ihrer ganzen Fülle dasteht , unbegreiflich und mächtig wie das Erscheinen einer Gottheit . Dies alles verschwindet , wenn der reifer gewordne Verstand , nun heller um sich schaut , und den leisen Gang der Eindrücke die das Saitenspiel des Herzens bewegen , zu verfolgen vermag . - Aber , Julie , giebt es keine Zeit im Leben , wo diese jugendliche Begeisterung in ihrer ganzen Stärke und Einheit , nur noch inniger , schöner , heiliger zurückkehrt ? und welche Zeit kann dies anders sein , als die , wo wir lieben ? - O ! Julie , dies Bild wird ewig , wie ein verlornes Paradies , vor meiner Seele schweben ! Ich habe bis jetzt wenig gelesen ; in frühen Jahren lernte ich nur wenige , meist unterrichtende Bücher kennen , und Bücher zärtlichen Inhalts blieben mir fast ganz fremd . - Jetzt lese ich , unter andern , für mich neue Schriften , auch zum erstenmal Rouseau ' s Briefe zweier Liebenden . Was ich empfinde bei manchem von Juliens Briefen - denn nur sie , sie nur liebt , nicht St. Preux - vermag ich nicht , Dir zu beschreiben . So , denke ich , könnte ich auch lieben , und seufze über das Geschick , das mir Alles gab , ausser dem Einen und in dem Einen mir alles versagte . Sechster Brief Eduard an Barton Nicht immer , mein Freund , fühle ich mich so glücklich als an dem Tage wo ich Dir zuletzt schrieb . Unruhe überfällt mich zuweilen , und treibt mich rastlos umher . Vergebens rauschen die muntern Freuden des Lebens dann an mir vorüber ; ihr schmeichelnder Fittig weckt die Sehnsucht meines Herzes nicht . Und doch ist die jugendliche Glut des Geistes nicht im mindesten erloschen ; vielmehr umfasse ich die Gegenstände stärker , inniger , obgleich seltner . Oft dünkt es mich , als fehlte mir ein hellerer Aufblick in die eigentliche Oeconomie des Lebens , und das Gemälde menschlicher Wünsche und Handlungen wirkt in gewissen Augenblicken verworren und drückend auf meinen Geist . Es ist mir , als stünde ich noch unter den Uneingeweihten , als fehlte mir noch das Wort , der Aufschluß , die mir das Räthsel des Lebens und der Welt erklären sollten . Sehe ich dann einen Mann , mit verständigem , bestimmten Gesicht , wo Leidenschaften geherrscht , aber nicht verwüstet haben , der das freie Spiel der Unterhaltung nicht mit seinen Ideen gewaltsam beherrschen will , sondern es geschickt , und wie wir gern es mögen , zu lenken weis ; so fühl ' ich mich sanft zu ihm hingezogen , und möcht ' ihn bitten : » o Du ! der Du die geheimen Irrgänge des Herzens beobachtetest und selbst durchwandeltest , ihre Erscheinungen auf dem großen Schauplatz des thätigen Lebens zu erkennen und zu würdigen weißt , o schließe den Reichthum Deiner Erfahrungen vor mir auf , und befriedige meine ungeduldige Sehnsucht ! « - denn was kann wohl schöner sein , Barton , als in dem vorüberrauschenden Strom des Lebens , wo so viele nur ein wildes Spiel der Wogen sehen , eine hohe Harmonie zu vernehmen , und mit geläuterten Sinnen die schönen Töne des Gefühls zu unterscheiden , die aus dem todten Stoff der Umstände lebendig hervorquellen ? Wer dies vermag , dem kann es dann auch gelingen , die bunten Gaukeleien des Zufalls nach seinem Gefallen zu ordnen , und dem verwornen Stoff eine bestimmte Form zu geben . Mit schöpferrischer Hand drückt er selbst der todten Natur Spuren eines freien , denkenden Wesens ein , und in Stunden ernster Begeisterung gehen die ewigen Zwecke des Lebens faßlich und rein seiner Seele vorüber . Meine Hoffnung ist auf die Zeit gerichtet , wo mein Vater seine , mir zum Theil noch unbekannte Pläne mit mir , ausführen will , auf die Zeit , wo mich vielleicht eine andere Hemisphäre aufnehmen und mit ihren Wundern erfreuen wird . Diese Idee , die ich freilich nur ahne ,