und wie von selbst wird die Natur sich vor ihm öffnen . Sittliches Handeln ist jener große und einzige Versuch , in welchem alle Räthsel der mannichfaltigsten Erscheinungen sich lösen . Wer ihn versteht , und in strengen Gedankenfolgen ihn zu zerlegen weiß , ist ewiger Meister der Natur . Der Lehrling hört mit Bangigkeit die sich kreutzenden Stimmen . Es scheint ihm jede Recht zu haben , und eine sonderbare Verwirrung bemächtigt sich seines Gemüths . Allmählig legt sich der innre Aufruhr , und über die dunkeln sich an einander brechenden Wogen scheint ein Geist des Friedens heraufzuschweben , dessen Ankunft sich durch neuen Muth und überschauende Heiterkeit in der Seele des Jünglings ankündigt . Ein muntrer Gespiele , dem Rosen und Winden die Schläfe zierten , kam herbeigesprungen , und sah ihn in sich gesenkt sitzen . Du Grübler , rief er , bist auf ganz verkehrtem Wege . So wirst du keine großen Fortschritte machen . Das Beste ist überall die Stimmung . Ist das wohl eine Stimmung der Natur ? Du bist noch jung und fühlst du nicht das Gebot der Jugend in allen Adern ? nicht Liebe und Sehnsucht deine Brust erfüllen ? Wie kannst du nur in der Einsamkeit sitzen ? Sitzt die Natur einsam ? Den Einsamen flieht Freude und Verlangen : und ohne Verlangen , was nützt dir die Natur ? Nur unter Menschen wird er einheimisch , der Geist , der sich mit tausend bunten Farben in all deine Sinne drängt , der wie eine unsichtbare Geliebte dich umgiebt . Bey unsern Festen löst sich seine Zunge , er sitzt oben an und stimmt Lieder des fröhlichsten Lebens an . Du hast noch nicht geliebt , du Armer ; beim ersten Kuß wird eine neue Welt dir aufgethan , mit ihm fährt Leben in tausend Strahlen in dein entzücktes Herz . Ein Mährchen will ich dir erzählen , horche wohl . Vor langen Zeiten lebte weit gegen Abend ein blutjunger Mensch . Er war sehr gut , aber auch über die Maaßen wunderlich . Er grämte sich unaufhörlich um nichts und wieder nichts , ging immer still für sich hin , setzte sich einsam , wenn die Andern spielten und fröhlich waren , und hing seltsamen Dingen nach . Höhlen und Wälder waren sein liebster Aufenthalt , und dann sprach er immer fort mit Thieren und Vögeln , mit Bäumen und Felsen , natürlich kein vernünftiges Wort , lauter närrisches Zeug zum Todtlachen . Er blieb aber immer mürrisch und ernsthaft , ungeachtet sich das Eichhörnchen , die Meerkatze , der Papagay und der Gimpel alle Mühe gaben ihn zu zerstreuen , und ihn auf den richtigen Weg zu weisen . Die Gans erzählte Mährchen , der Bach klimperte eine Ballade dazwischen , ein großer dicker Stein machte lächerliche Bockssprünge , die Rose schlich sich freundlich hinter ihm herum , kroch durch seine Locken , und der Epheu streichelte ihm die sorgenvolle Stirn . Allein der Mißmuth und Ernst waren hartnäckig . Seine Eltern waren sehr betrübt , sie wußten nicht was sie anfangen sollten . Er war gesund und aß , nie hatten sie ihn beleidigt , er war auch bis vor wenig Jahren fröhlich und lustig gewesen , wie keiner ; bei allen Spielen voran , von allen Mädchen gern gesehn . Er war recht bildschön , sah aus wie gemahlt , tanzte wie ein Schatz . Unter den Mädchen war Eine , ein köstliches , bildschönes Kind , sah aus wie Wachs , Haare wie goldne Seide , kirschrothe Lippen , wie ein Püppchen gewachsen , brandrabenschwarze Augen . Wer sie sah , hätte mögen vergehn , so lieblich war sie . Damals war Rosenblüthe , so hieß sie , dem bildschönen Hyacinth , so hieß er , von Herzen gut , und er hatte sie lieb zum Sterben . Die andern Kinder wußtens nicht . Ein Veilchen hatte es ihnen zuerst gesagt , die Hauskätzchen hatten es wohl gemerkt , die Häuser ihrer Eltern lagen nahe beisammen . Wenn nun Hyacinth die Nacht an seinem Fenster stand und Rosenblüthe an ihrem , und die Kätzchen auf den Mäusefang da vorbeyliefen , da sahen sie die Beiden stehn , und lachten und kickerten oft so laut , daß sie es hörten und böse wurden . Das Veilchen hatte es der Erdbeere im Vertrauen gesagt , die sagte es ihrer Freundinn der Stachelbeere , die ließ nun das Sticheln nicht , wenn Hyacinth gegangen kam ; so erfuhrs denn bald der ganze Garten und der Wald , und wenn Hyacinth ausging , so riefs von allen Seiten : Rosenblüthchen ist mein Schätzchen ! Nun ärgerte sich Hyacinth , und mußte doch auch wieder aus Herzensgrunde lachen , wenn das Eidexchen gesplüpft kam , sich auf einen warmen Stein setzte , mit dem Schwänzchen wedelte und sang : Rosenblüthchen , das gute Kind , Ist geworden auf einmal blind , Denkt , die Mutter sey Hyacinth , Fällt ihm um den Hals geschwind ; Merkt sie aber das fremde Gesicht , Denkt nur an , da erschrickt sie nicht , Fährt , als merkte sie kein Wort , Immer nur mit Küssen fort . Ach ! wie bald war die Herrlichkeit vorbey . Es kam ein Mann aus fremden Landen gegangen , der war erstaunlich weit gereist , hatte einen langen Bart , tiefe Augen , entsetzliche Augenbrauen , ein wunderliches Kleid mit vielen Falten und seltsamen Figuren hineingewebt . Er setzte sich vor das Haus , das Hyacinths Eltern gehörte . Nun war Hyacinth sehr neugierig , und setzte sich zu ihm und hohlte ihm Brod und Wein . Da that er seinen weißen Bart von einander und erzählte bis tief in die Nacht , und Hyacinth wich und wankte nicht , und wurde auch nicht müde zuzuhören . So viel man nachher vernahm , so hat er viel von fremden Ländern , unbekannten Gegenden , von erstaunlich wunderbaren Sachen erzählt , und ist drey Tage dageblieben , und mit Hyacinth in tiefe Schachten hinuntergekrochen . Rosenblüthchen hat genug den alten Hexenmeister verwünscht , denn Hyacinth ist ganz versessen auf seine Gespräche gewesen , und hat sich um nichts bekümmert ; kaum daß er ein wenig Speise zu sich genommen . Endlich hat jener sich fortgemacht , doch dem Hyacinth ein Büchelchen dagelassen , das kein Mensch lesen konnte . Dieser hat ihm noch Früchte , Brod und Wein mitgegeben , und ihn weit weg begleitet . Und dann ist er tiefsinnig zurückgekommen , und hat einen ganz neuen Lebenswandel begonnen . Rosenblüthchen hat recht zum Erbarmen um ihn gethan , denn von der Zeit an hat er sich wenig aus ihr gemacht und ist immer für sich geblieben . Nun begab sichs , daß er einmal nach Hause kam und war wie neugeboren . Er fiel seinen Eltern um den Hals , und weinte . Ich muß fort in fremde Lande ; sagte er , die alte wunderliche Frau im Walde hat mir erzählt , wie ich gesund werden müßte , das Buch hat sie ins Feuer geworfen , und hat mich getrieben , zu euch zu gehn und euch um euren Segen zu bitten . Vielleicht komme ich bald , vielleicht nie wieder . Grüßt Rosenblüthchen . Ich hätte sie gern gesprochen , ich weiß nicht , wie mir ist , es drängt mich fort ; wenn ich an die alten Zeiten zurück denken will , so kommen gleich mächtigere Gedanken dazwischen , die Ruhe ist fort , Herz und Liebe mit , ich muß sie suchen gehn . Ich wollt ' euch gern sagen , wohin , ich weiß selbst nicht , dahin wo die Mutter der Dinge wohnt , die verschleyerte Jungfrau . Nach der ist mein Gemüth entzündet . Lebt wohl . Er riß sich los und ging fort . Seine Eltern wehklagten und vergossen Thränen , Rosenblüthchen blieb in ihrer Kammer und weinte bitterlich . Hyacinth lief nun was er konnte , durch Thäler und Wildnisse , über Berge und Ströme , dem geheimnißvollen Lande zu . Er fragte überall nach der heiligen Göttin ( Isis ) [ : ] Menschen und Thiere , Felsen und Bäume . Manche lachten [ , ] manche schwiegen , nirgends erhielt er Bescheid . Im Anfange kam er durch rauhes , wildes Land , Nebel und Wolken warfen sich ihm in den Weg , es stürmte immerfort ; dann fand er unabsehliche Sandwüsten , glühenden Staub , und wie er wandelte , so veränderte sich auch sein Gemüth , die Zeit wurde ihm lang und die innre Unruhe legte sich , er wurde sanfter und das gewaltige Treiben in ihm allgemach zu einem leisen , aber starken Zuge , in den sein ganzes Gemüth sich auflöste . Es lag wie viele Jahre hinter ihm . Nun wurde die Gegend auch wieder reicher und mannichfaltiger , die Luft lau und blau , der Weg ebener , grüne Büsche lockten ihn mit anmuthigem Schatten , aber er verstand ihre Sprache nicht , sie schienen auch nicht zu sprechen , und doch erfüllten sie auch sein Herz mit grünen Farben und kühlem , stillem Wesen . Immer höher wuchs jene süße Sehnsucht in ihm , und immer breiter und saftiger wurden die Blätter , immer lauter und lustiger die Vögel und Thiere , balsamischer die Früchte , dunkler der Himmel , wärmer die Luft , und heißer seine Liebe , die Zeit ging immer schneller , als sähe sie sich nahe am Ziele . Eines Tages begegnete er einem krystallnen Quell und einer Menge Blumen , die kamen in ein Thal herunter zwischen schwarzen himmelhohen Säulen . Sie grüßten ihn freundlich mit bekannten Worten . Liebe Landsleute , sagte er , wo find ' ich wohl den geheiligten Wohnsitz der Isis ? Hier herum muß er seyn , und ihr seid vielleicht hier bekannter , als ich . Wir gehn auch nur hier durch , antworteten die Blumen ; eine Geisterfamilie ist auf der Reise und wir bereiten ihr Weg und Quartier , indeß sind wir vor kurzem durch eine Gegend gekommen , da hörten wir ihren Namen nennen . Gehe nur aufwärts , wo wir herkommen , so wirst du schon mehr erfahren . Die Blumen und die Quelle lächelten , wie sie das sagten , boten ihm einen frischen Trunk und gingen weiter . Hyacinth folgte ihrem Rath , frug und frug und kam endlich zu jener längst gesuchten Wohnung , die unter Palmen und andern köstlichen Gewächsen versteckt lag . Sein Herz klopfte in unendlicher Sehnsucht , und die süßeste Bangigkeit durchdrang ihn in dieser Behausung der ewigen Jahreszeiten . Unter himmlischen Wohlgedüften entschlummerte er , weil ihn nur der Traum in das Allerheiligste führen durfte . Wunderlich führte ihn der Traum durch unendliche Gemächer voll seltsamer Sachen auf lauter reitzenden Klängen und in abwechselnden Accorden . Es dünkte ihm alles so bekannt und doch in niegesehener Herrlichkeit , da schwand auch der letzte irdische Anflug , wie in Luft verzehrt , und er stand vor der himmlischen Jungfrau , da hob er den leichten , glänzenden Schleyer , und Rosenblüthchen sank in seine Arme . Eine ferne Musik umgab die Geheimnisse des liebenden Wiedersehns , die Ergießungen der Sehnsucht , und schloß alles Fremde von diesem entzückenden Orte aus . Hyacinth lebte nachher noch lange mit Rosenblüthchen unter seinen frohen Eltern und Gespielen , und unzählige Enkel dankten der alten wunderlichen Frau für ihren Rath und ihr Feuer ; denn damals bekamen die Menschen so viel Kinder , als sie wollten . - Die Lehrlinge umarmten sich und gingen fort . Die weiten hallenden Säle standen leer und hell da , und das wunderbare Gespräch in zahllosen Sprachen unter den tausendfaltigen Naturen , die in diesen Sälen zusammengebracht und in mannichfaltigen Ordnungen aufgestellt waren , dauerte fort . Ihre innern Kräfte spielten gegen einander . Sie strebten in ihre Freiheit , in ihre alten Verhältnisse zurück . Wenige standen auf ihrem eigentlichen Platze , und sahen in Ruhe dem mannichfaltigen Treiben um sich her zu . Die Übrigen klagten über entsetzliche Qualen und Schmerzen , und bejammerten das alte , herrliche Leben im Schooße der Natur , wo sie eine gemeinschaftliche Freiheit vereinigte , und jedes von selbst erhielt , was es bedurfte . O ! daß der Mensch , sagten sie , die innre Musik der Natur verstände , und einen Sinn für äußere Harmonie hätte . Aber er weiß ja kaum , daß wir zusammen gehören , und keins ohne das andere bestehen kann . Er kann nichts liegen lassen , tyrannisch trennt er uns und greift in lauter Dissonanzen herum . Wie glücklich könnte er seyn , wenn er mit uns freundlich umginge , und auch in unsern großen Bund träte , wie ehemals in der goldnen Zeit , wie er sie mit Recht nennt . In jener Zeit verstand er uns , wie wir ihn verstanden . Seine Begierde , Gott zu werden , hat ihn von uns getrennt , er sucht , was wir nicht wissen und ahnden können , und seitdem ist er keine begleitende Stimme , keine Mitbewegung mehr . Er ahndet wohl die unendliche Wollust , den ewigen Genuß in uns , und darum hat er eine so wunderbare Liebe zu Einigen unter uns . Der Zauber des Goldes , die Geheimnisse der Farben , die Freuden des Wassers sind ihm nicht fremd , in den Antiken ahndet er die Wunderbarkeit der Steine , und dennoch fehlt ihm noch die süße Leidenschaft für das Weben der Natur , das Auge für unsre entzückenden Mysterien . Lernt er nur einmal fühlen ? Diesen himmlischen , diesen natürlichsten aller Sinne kennt er noch wenig : durch das Gefühl würde die alte , ersehnte Zeit zurückkommen ; das Element des Gefühls ist ein inneres Licht , was sich in schöner ' n , kräftiger ' n Farben bricht . Dann gingen die Gestirne in ihm auf , er lernte die ganze Welt fühlen , klärer und mannichfaltiger , als ihm das Auge jetzt Grenzen und Flächen zeigt . Er würde Meister eines unendlichen Spiels und vergäße alle thörichten Bestrebungen in einem ewigen , sich selbst nährenden und immer wachsenden Genusse . Das Denken ist nur ein Traum des Fühlens , ein erstorbenes Füh [ l ] en , ein blaßgraues , schwaches Leben . Wie sie so sprachen , strahlte die Sonne durch die hohen Fenster , und in ein sanftes Säuseln verlor sich der Lärm des Gesprächs ; eine unendliche Ahndung durchdrang alle Gestalten , die lieblichste Wärme verbreitete sich über alle , und der wunderbarste Naturgesang erhob sich aus der tiefsten Stille . Man hörte Menschenstimmen in der Nähe , die großen Flügelthüren nach dem Garten zu wurden geöffnet , und einige Reisende setzten sich auf die Stufen der breiten Treppe , in den Schatten des Gebäudes . Die reitzende Landschaft lag in schöner Erleuchtung vor ihnen , und im Hintergrunde verlor sich der Blick an blauen Gebirgen hinauf . Freundliche Kinder brachten mannichfaltige Speisen und Getränke , und bald begann ein lebhaftes Gespräch unter ihnen . Auf alles , was der Mensch vornimmt , muß er seine ungetheilte Aufmerksamkeit oder sein Ich richten , sagte endlich der Eine , und wenn er dieses gethan hat , so entstehn bald Gedanken , oder eine neue Art von Wahrnehmungen , die nichts als zarte Bewegungen eines färbenden oder klappernden Stifts , oder wunderliche Zusammenziehungen und Figurationen einer elastischen Flüssigkeit zu seyn scheinen , auf eine wunderbare Weise in ihm . Sie verbreiten sich von dem Punkte , wo er den Eindruck fest stach , nach allen Seiten mit lebendiger Beweglichkeit , und nehmen sein Ich mit fort . Er kann dieses Spiel oft gleich wieder vernichten , indem er seine Aufmerksamkeit wieder theilt oder nach Willkühr herumschweifen läßt , denn sie scheinen nichts als Strahlen und Wirkungen , die jenes Ich nach allen Seiten zu in jenem elastischen Medium erregt , oder seine Brechungen in demselben , oder überhaupt ein seltsames Spiel der Wellen dieses Meers mit der starren Aufmerksamkeit zu seyn . Höchst merkwürdig ist es , daß der Mensch erst in diesem Spiele seine Eigenthümlichkeit , seine specifische Freiheit recht gewahr wird , und daß es ihm vorkommt , als erwache er aus einem tiefen Schlafe , als sey er nun erst in der Welt zu Hause , und verbreite jetzt erst das Licht des Tages sich über seine innere Welt . Er glaubt es am höchsten gebracht zu haben , wenn er , ohne jenes Spiel zu stören , zugleich die gewöhnlichen Geschäfte der Sinne vornehmen , und empfinden und denken zugleich kann . Dadurch gewinnen beide Wahrnehmungen : die Außenwelt wird durchsichtig , und die Innenwelt mannichfaltig und bedeutungsvoll , und so befindet sich der Mensch in einem innig lebendigen Zustande zwischen zwey Welten in der vollkommensten Freiheit und dem freudigsten Machtgefühl . Es ist natürlich , daß der Mensch diesen Zustand zu verewigen und ihn über die ganze Summe seiner Eindrücke zu verbreiten sucht ; daß er nicht müde wird , diese Associationen beider Welten zu verfolgen , und ihren Gesetzen und ihren Sympathieen und Antipathieen nachzuspüren . Den Inbegriff dessen , was uns rührt , nennt man die Natur , und also steht die Natur in einer unmittelbaren Beziehung auf die Gliedmaßen unsers Körpers , die wir Sinne nennen . Unbekannte und geheimnißvolle Beziehungen unsers Körpers lassen unbekannte und geheimnißvolle Verhältnisse der Natur vermuthen , und so ist die Natur jene wunderbare Gemeinschaft , in die unser Körper uns einführt , und die wir nach dem Maaße seiner Einrichtungen und Fähigkeiten kennen lernen . Es frägt sich , ob wir die Natur der Naturen durch diese specielle Natur wahrhaft begreifen lernen können , und in wiefern unsre Gedanken und die Intensität unsrer Aufmerksamkeit durch dieselbe bestimmt werden , oder sie bestimmen , und dadurch von der Natur losreißen und vielleicht ihre zarte Nachgiebigkeit verderben . Man sieht wohl , daß diese innern Verhältnisse und Einrichtungen unsers Körpers vor allen Dingen erforscht werden müssen , ehe wir diese Frage zu beantworten und in die Natur der Dinge zu dringen hoffen können . Es ließe sich jedoch auch denken , daß wir überhaupt erst uns mannichfach im Denken müßten geübt haben , ehe wir uns an dem innern Zusammenhang unsers Körpers versuchen und seinen Verstand zum Verständniß der Natur gebrauchen könnten , und da wäre freylich nichts natürlicher , als alle mögliche Bewegungen des Denkens hervorzubringen und eine Fertigkeit in diesem Geschäft , so wie eine Leichtigkeit zu erwerben , von Einer zur Andern überzugehen und sie mannichfach zu verbinden und zu zerlegen . Zu dem Ende müßte man alle Eindrücke aufmerksam betrachten , das dadurch entstehende Gedankenspiel ebenfalls genau bemerken , und sollten dadurch abermals neue Gedanken entstehn , auch diesen zusehn , um so allmählich ihren Mechanismus zu erfahren und durch eine oftmalige Wiederholung die mit jedem Eindruck beständig verbundnen Bewegungen von den übrigen unterscheiden und behalten zu lernen . Hätte man dann nur erst einige Bewegungen , als Buchstaben der Natur , herausgebracht , so würde das Dechiffriren immer leichter von statten gehn , und die Macht über die Gedankenerzeugung und Bewegung den Beobachter in Stand setzen , auch ohne vorhergegangenen wirklichen Eindruck , Naturgedanken hervorzubringen und Naturcompositionen zu entwerfen , und dann wäre der Endzweck erreicht . Es ist wohl viel gewagt , sagte ein Anderer , so aus den äußerlichen Kräften und Erscheinungen der Natur sie zusammen setzen zu wollen , und sie bald für ein ungeheures Feuer , bald für einen wunderbar gestalteten [ B ] all , bald für eine Zweyheit oder Dreyheit , oder für irgend eine andere seltsamliche Kraft auszugeben . Es wäre denkbarer , daß sie das Erzeugniß eines unbegreiflichen Einverständnisses unendlich verschiedner Wesen wäre , das wunderbare Band der Geisterwelt , der Vereinigungs- und Berührungspunkt unzähliger Welten . Laß es gewagt seyn , sprach ein Dritter ; je willkührlicher das Netz gewebt ist , das der kühne Fischer auswirft , desto glücklicher ist der Fang . Man ermuntre nur jeden , seinen Gang so weit als möglich fortzusetzen , und jeder sey willkommen , der mit einer neuen Fantasie die Dinge überspinnt . Glaubst du nicht , daß es gerade die gut ausgeführten Systeme seyn werden , aus denen der künftige Geograph der Natur die Data zu seiner großen Naturkarte nimmt ? Sie wird er vergleichen , und diese Vergleichung wird uns das sonderbare Land erst kennen lehren . Die Erkenntniß der Natur wird aber noch himmelweit von ihrer Auslegung verschieden seyn . Der eigentliche Chiffrirer wird vielleicht dahin kommen , mehrere Naturkräfte zugleich zu Hervorbringung herrlicher und nützlicher Erscheinungen in Bewegung zu setzen , er wird auf der Natur , wie auf einem großen Instrument fantasiren können , und doch wird er die Natur nicht verstehn . Dies ist die Gabe des Naturhistorikers , des Zeitensehers , der vertraut mit der Geschichte der Natur , und bekannt mit der Welt , diesem höheren Schauplatz der Naturgeschichte , ihre Bedeutungen wahrnimmt und weißagend verkündigt . Noch ist dieses Gebiet ein unbekanntes , ein heiliges Feld . Nur göttliche Gesandte haben einzelne Worte dieser höchsten Wissenschaft fallen lassen , und es ist nur zu verwundern , daß die ahndungsvollen Geister sich diese Ahndung haben entgehn lassen und die Natur zur einförmigen Maschine , ohne Vorzeit und Zukunft , erniedrigt haben . Alles Göttliche hat eine Geschichte und die Natur , dieses einzige Ganze , womit der Mensch sich vergleichen kann , sollte nicht so gut wie der Mensch in einer Geschichte begriffen seyn oder welches eins ist , einen Geist haben ? die Natur wäre nicht die Natur , wenn sie keinen Geist hätte , nicht jenes einzige Gegenbild der Menschheit , nicht die unentbehrliche Antwort dieser geheimnißvollen Frage , oder die Frage zu dieser unendlichen Antwort . Nur die Dichter haben es gefühlt , was die Natur den Menschen seyn kann , begann ein schöner Jüngling , und man kann auch hier von ihnen sagen , daß sich die Menschheit in ihnen in der vollkommensten Auflösung befindet , und daher jeder Eindruck durch ihre Spiegelhelle und Beweglichkeit rein in allen seinen unendlichen Veränderungen nach allen Seiten fortgepflanzt wird . Alles finden sie in der Natur . Ihnen allein bleibt die Seele derselben nicht fremd , und sie suchen in ihrem Umgang alle Seligkeiten der goldnen Zeit nicht umsonst . Für sie hat die Natur alle Abwechselungen eines unendlichen Gemüths , und mehr als der geistvollste , lebendigste Mensch überrascht sie durch sinnreiche Wendungen und Einfälle , Begegnungen und Abweichungen , große Ideen und Bizarrerieen . Der unerschöpfliche Reichtum ihrer Fantasie läßt keinen vergebens ihren Umgang aufsuchen . Alles weiß sie zu verschönern , zu beleben , zu bestätigen , und wenn auch im Einzelnen ein bewußtloser , nichtsbedeutender Mechanismus allein zu herrschen scheint , so sieht doch das tiefer sehende Auge eine wunderbare Sympathie mit dem menschlichen Herzen im Zusammentreffen und in der Folge der einzelnen Zufälligkeiten . Der Wind ist eine Luftbewegung , die manche äußere Ursachen haben kann , aber ist er dem einsamen , sehnsuchtsvollen Herzen nicht mehr , wenn er vorübersaust , von geliebten Gegenden herweht und mit tausend dunkeln , wehmüthigen Lauten den stillen Schmerz in einen tiefen melodischen Seufzer der ganzen Natur aufzulösen scheint ? Fühlt nicht so auch im jungen , bescheidnen Grün der Frühlingswiesen der junge Liebende seine ganze blumenschwangre Seele mit entzückender Wahrheit ausgesprochen , und ist je die Üppigkeit einer nach süßer Auflösung in goldnen Wein lüsternen Seele köstlicher und erwecklicher erschienen , als in einer vollen , glänzenden Traube , die sich unter den breiten Blättern halb versteckt ? Man beschuldigt die Dichter der Übertreibung , und hält ihnen ihre bildliche uneigentliche Sprache gleichsam nur zu gute , ja man begnügt sich ohne tiefere Untersuchung , ihrer Fantasie jene wunderliche Natur zuzuschreiben , die manches sieht und hört , was andere nicht hören und sehen , und die in einem lieblichen Wahnsinn mit der wirklichen Welt nach ihrem Belieben schaltet und waltet ; aber mir scheinen die Dichter noch bei weitem nicht genug zu übertreiben , nur dunkel den Zauber jener Sprache zu ahnden und mit der Fantasie nur so zu spielen , wie ein Kind mit dem Zauberstabe seines Vaters spielt . Sie wissen nicht , welche Kräfte ihnen unterthan sind , welche Welten ihnen gehorchen müssen . Ist es denn nicht wahr , daß Steine und Wälder der Musik gehorchen und , von ihr gezähmt , sich jedem Willen wie Hausthiere fügen ? - Blühen nicht wirklich die schönsten Blumen um die Geliebte und freuen sich sie zu schmücken ? Wird für sie der Himmel nicht heiter und das Meer nicht eben ? - Drückt nicht die ganze Natur so gut , wie das Gesicht , und die Geberden , der Puls und die Farben , den Zustand eines jeden der höheren , wunderbaren Wesen aus , die wir Menschen nennen ? Wird nicht der Fels ein eigenthümliches Du , eben wenn ich ihn anrede ? Und was bin ich anders , als der Strom , wenn ich wehmüthig in seine Wellen hinabschaue , und die Gedanken in seinem Gleiten verliere ? Nur ein ruhiges , genußvolles Gemüth wird die Pflanzenwelt , nur ein lustiges Kind oder ein Wilder die Thiere verstehn . - Ob jemand die Steine und Gestirne schon verstand , weiß ich nicht , aber gewiß muß dieser ein erhabnes Wesen gewesen seyn . In jenen Statuen , die aus einer untergegangenen Zeit der Herrlichkeit des Menschengeschlechts übrig geblieben sind , leuchtet allein so ein tiefer Geist , so ein seltsames Verständniß der Steinwelt hervor , und überzieht den sinnvollen Betrachter mit einer Steinrinde , die nach innen zu wachsen scheint . Das Erhabne wirkt versteinernd , und so dürften wir uns nicht über das Erhabne der Natur und seine Wirkungen wundern , oder nicht wissen , wo es zu suchen sey . Könnte die Natur nicht über den Anblick Gottes zu Stein geworden seyn ? Oder vor Schrecken über die Ankunft des Menschen ? Über diese Rede war der , welcher zuerst gesprochen hatte , in tiefe Betrachtung gesunken , die fernen Berge wurden buntgefärbt , und der Abend legte sich mit süßer Vertraulichkeit über die Gegend . Nach einer langen Stille hörte man ihn sagen : Um die Natur zu begreifen , muß man die Natur innerlich in ihrer ganzen Folge entstehen lassen . Bey dieser Unternehmung muß man sich bloß von der göttlichen Sehnsucht nach Wesen , die uns gleich sind , und den nothwendigen Bedingungen dieselben zu vernehmen , bestimmen lassen , denn wahrhaftig die ganze Natur ist nur als Werkzeug und Medium des Einverständnisses vernünftiger Wesen begreiflich . Der denkende Mensch kehrt zur ursprünglichen Function seines Daseyns , zur schaffenden Betrachtung , zu jenem Punkte zurück , wo Hervorbringen und Wissen in der wundervollsten Wechselverbindung standen , zu jenem schöpferischen Moment des eigentlichen Genusses , des innern Selbstempfängnisses . Wenn er nun ganz in die Beschauung dieser Urerscheinung versinkt , so entfaltet sich vor ihm in neu entstehenden Zeiten und Räumen , wie ein unermeßliches Schauspiel , die Erzeugungsgeschichte der Natur , und jeder feste Punkt , der sich in der unendlichen Flüssigkeit ansetzt , wird ihm eine neue Offenbarung des Genius der Liebe , ein neues Band des Du und des Ich . Die sorgfältige Beschreibung dieser innern Weltgeschichte ist die wahre Theorie der Natur ; durch den Zusammenhang seiner Gedankenwelt in sich , und ihre Harmonie mit dem Universum , bildet sich von selbst ein Gedankensystem zur getreuen Abbildung und Formel des Universums . Aber die Kunst des ruhigen Beschauens , der der schöpferischen Weltbetrachtung ist schwer , unaufhörliches ernstes Nachdenken und strenge Nüchternheit fordert die Ausführung , und die Belohnung wird kein Beifall der mühescheuenden Zeitgenossen , sondern nur eine Freude des Wissens und [ Machens ] , eine innigere Berührung des Universums seyn . Ja , sagte der Zweite , nichts ist so bemerkenswerth , als das große Zugleich in der Natur . Ueberall scheint die Natur ganz gegenwärtig . In der Flamme eines Lichts sind alle Naturkräfte thätig , und so repräsentirt und verwandelt sie sich überall und unaufhörlich , treibt Blätter , Blüthen und Früchte zusammen , und ist mitten in der Zeit gegenwärtig , vergangen und zukünftig zugleich ; und wer weiß , in welche eigne Art von Ferne sie ebenfalls wirkt und ob nicht dieses Natursystem nur eine Sonne ist im Universo , die durch Bande an dasselbe geknüpft ist , durch ein Licht und einen Zug und Einflüsse , die zunächst in unserm Geiste sich deutlicher vernehmen lassen , und aus ihm heraus den Geist des Universums über diese Natur ausgießen , und den Geist dieser Natur an andere Natursysteme vertheilen . Wenn der Denker , sprach der Dritte , mit Recht als Künstler den thätigen Weg betritt , und durch eine geschickte Anwendung seiner geistigen Bewegungen das Weltall auf eine einfache , räthselhaft scheinende Figur zu reduciren sucht , ja man möchte sagen die Natur tanzt , und mit Worten die Linien der Bewegungen nachschreibt , so muß der Liebhaber der Natur dieses kühne Unternehmen bewundern , und sich auch über das Gedeihen dieser menschlichen Anlage freuen . Billig stellt der Künstler die Thätigkeit oben an , denn sein Wesen ist Thun und Hervorbringen mit Wissen und Willen , und seine Kunst ist , sein Werkzeug zu allem gebrauchen , die Welt auf seine Art nachbilden zu können , und darum wird das Princip seiner Welt Thätigkeit , und seine Welt seine Kunst . Auch hier wird die Natur in neuer Herrlichkeit sichtbar , und nur der gedankenlose Mensch wirft die unleserlichen , wunderlich gemischten Worte mit Verachtung weg . Dankbar legt der Priester diese neue , erhabene Meßkunst auf den Altar zu der magnetischen Nadel , die sich nie verirrt , und zahllose Schiffe auf dem pfadlosen Ozean zu bewohnten Küsten und den Häfen des Vaterlandes zurück führte . Außer dem Denker