sich ziehn ; und wenn ihr eurem Großvater folgt , so werdet ihr gewiß unsrer Vaterstadt eine ähnliche Zierde in einer holdseligen Frau mitbringen , wie euer Vater . Mit freundlichem Erröthen dankte Heinrichs Mutter für das schöne Lob ihres Vaterlandes , und die gute Meynung von ihren Landsmänninnen , und der gedankenvolle Heinrich hatte nicht umhin gekonnt , aufmerksam und mit innigem Wohlgefallen der Schilderung des Landes , dessen Anblick ihm bevorstand , zuzuhören . Wenn ihr auch , fuhren die Kaufleute fort , die Kunst eures Vaters nicht ergreifen , und lieber , wie wir gehört haben , euch mit gelehrten Dingen befassen wollt : so braucht ihr nicht Geistlicher zu werden , und Verzicht auf die schönsten Genüsse dieses Lebens zu leisten . Es ist eben schlimm genug , daß die Wissenschaften in den Händen eines so von dem weltlichen Leben abgesonderten Standes , und die Fürsten von so ungeselligen und wahrhaft unerfahrenen Männern berathen sind . In der Einsamkeit in welcher sie nicht selbst Theil an den Weltgeschäften nehmen , müssen ihre Gedanken eine unnütze Wendung erhalten , und können nicht auf die wirklichen Vorfälle passen . In Schwaben trefft ihr auch wahrhaft kluge und erfahrne Männer unter den Layen ; und ihr mögt nun wählen , welchen Zweig menschlicher Kenntnisse ihr wollt : so wird es euch nicht an den besten Lehrern und Ratgebern fehlen . Nach einer Weile sagte Heinrich , dem bey dieser Rede sein Freund der Hofkaplan in den Sinn gekommen war : Wenn ich bey meiner Unkunde von der Beschaffenheit der Welt euch auch eben nicht abfällig seyn kann , in dem was ihr von der Unfähigkeit der Geistlichen zu Führung und Beurtheilung weltlicher Angelegenheiten behauptet : so ist mirs doch wohl erlaubt , euch an unsern trefflichen Hofkaplan zu erinnern , der gewiß ein Muster eines weisen Mannes ist , und dessen Lehren und Rathschläge mir unvergessen seyn werden . Wir ehren , erwiederten die Kaufleute , diesen trefflichen Mann von ganzem Herzen ; aber dennoch können wir nur in sofern eurer Meinung Beyfall geben , daß er ein weiser Mann sey , wenn ihr von jener Weisheit sprecht , die einen Gott wohlgefälligen Lebenswandel angeht . Haltet ihr ihn für eben so weltklug , als er in den Sachen des Heils geübt und unterrichtet ist : so erlaubt uns , daß wir euch nicht beystimmen . Doch glauben wir , daß dadurch der heilige Mann nichts von seinem verdienten Lobe verliert ; da er viel zu vertieft in der Kunde der überirdischen Welt ist , als daß er nach Einsicht und Ansehn in irdischen Dingen streben sollte . Aber , sagte Heinrich , sollte nicht jene höhere Kunde ebenfalls geschickt machen , recht unpartheiisch den Zügel menschlicher Angelegenheiten zu führen ? sollte nicht jene kindliche unbefangene Einfalt sicherer den richtigen Weg durch das Labyrinth der hiesigen Begebenheiten treffen , als die durch Rücksicht auf eigenen Vortheil irregeleitete und gehemmte , von der unerschöpflichen Zahl neuer Zufälle und Verwickelungen geblendete Klugheit ? Ich weiß nicht , aber mich dünkt , ich sähe zwey Wege um zur Wissenschaft der menschlichen Geschichte zu gelangen . Der eine , mühsam und unabsehlich , mit unzähligen Krümmungen , der Weg der Erfahrung ; der andere , fast Ein Sprung nur , der Weg der innern Betrachtung . Der Wanderer des ersten muß eins aus dem andern in einer langwierigen Rechnung finden , wenn der andere die Natur jeder Begebenheit und jeder Sache gleich unmittelbar anschaut , und sie in ihrem lebendigen , mannichfaltigen Zusammenhange betrachten , und leicht mit allen übrigen , wie Figuren auf einer Tafel , vergleichen kann . Ihr müßt verzeihen , wenn ich wie aus kindischen Träumen vor euch rede : nur das Zutrauen zu eurer Güte und das Andenken meines Lehrers , der den zweyten Weg mir als seinen eignen von weitem gezeigt hat , machte mich so dreist . Wir gestehen Euch gern , sagten die gutmüthigen Kaufleute , daß wir eurem Gedankengange nicht zu folgen vermögen : doch freut es uns , daß ihr so warm euch des trefflichen Lehrers erinnert , und seinen Unterricht wohl gefaßt zu haben scheint . Es dünkt uns , ihr habt Anlage zum Dichter . Ihr sprecht so geläufig von den Erscheinungen eures Gemüths , und es fehlt Euch nicht an gewählten Ausdrücken und passenden Vergleichungen . Auch neigt Ihr Euch zum Wunderbaren , als dem Elemente der Dichter . Ich weiß nicht , sagte Heinrich , wie es kommt . Schon oft habe ich von Dichtern und Sängern sprechen gehört , und habe noch nie einen gesehn . Ja , ich kann mir nicht einmal einen Begriff von ihrer sonderbaren Kunst machen , und doch habe ich eine große Sehnsucht davon zu hören . Es ist mir , als würde ich manches besser verstehen , was jetzt nur dunkle Ahndung in mir ist . Von Gedichten ist oft erzählt worden , aber nie habe ich eins zu sehen bekommen , und mein Lehrer hat nie Gelegenheit gehabt Kenntnisse von dieser Kunst einzuziehn . Alles , was er mir davon gesagt , habe ich nicht deutlich begreifen können . Doch meynte er immer , es sey eine edle Kunst , der ich mich ganz ergeben würde , wenn ich sie einmal kennen lernte . In alten Zeiten sey sie weit gemeiner gewesen , und habe jedermann einige Wissenschaft davon gehabt , jedoch Einer vor dem Andern . Sie sey noch mit andern verlohrengegangenen herrlichen Künsten verschwistert gewesen . Die Sänger hätte göttliche Gunst hoch geehrt , so daß sie begeistert durch unsichtbaren Umgang , himmlische Weisheit auf Erden in lieblichen Tönen verkündigen können . Die Kaufleute sagten darauf : Wir haben uns freylich nie um die Geheimnisse der Dichter bekümmert , wenn wir gleich mit Vergnügen ihrem Gesange zugehört . Es mag wohl wahr seyn , daß eine besondere Gestirnung dazu gehört , wenn ein Dichter zur Welt kommen soll ; denn es ist gewiß eine recht wunderbare Sache mit dieser Kunst . Auch sind die andern Künste gar sehr davon unterschieden , und lassen sich weit eher begreifen . Bey den Mahlern und Tonkünstlern kann man leicht einsehn , wie es zugeht , und mit Fleiß und Geduld läßt sich beydes lernen . Die Töne liegen schon in den Saiten , und es gehört nur eine Fertigkeit dazu , diese zu bewegen um jene in einer reitzenden Folge aufzuwecken . Bey den Bildern ist die Natur die herrlichste Lehrmeisterin . Sie erzeugt unzählige schöne und wunderliche Figuren , giebt die Farben , das Licht und den Schatten , und so kann eine geübte Hand , ein richtiges Auge , und die Kenntniß von der Bereitung und Vermischung der Farben , die Natur auf das vollkommenste nachahmen . Wie natürlich ist daher auch die Wirkung dieser Künste , das Wohlgefallen an ihren Werken , zu begreifen . Der Gesang der Nachtigall , das Sausen des Windes , und die herrlichen Lichter , Farben und Gestalten gefallen uns , weil sie unsere Sinne angenehm beschäftigen ; und da unsere Sinne dazu von der Natur , die auch jenes hervorbringt , so eingerichtet sind , so muß uns auch die künstliche Nachahmung der Natur gefallen . Die Natur will selbst auch einen Genuß von ihrer großen Künstlichkeit haben , und darum hat sie sich in Menschen verwandelt , wo sie nun selber sich über ihre Herrlichkeit freut , das Angenehme und Liebliche von den Dingen absondert , und es auf solche Art allein hervorbringt , daß sie es auf mannichfaltigere Weise , und zu allen Zeiten und allen Orten haben und genießen kann . Dagegen ist von der Dichtkunst sonst nirgends äußerlich etwas anzutreffen . Auch schafft sie nichts mit Werkzeugen und Händen ; das Auge und das Ohr vernehmen nichts davon : denn das bloße Hören der Worte ist nicht die eigentliche Wirkung dieser geheimen Kunst . Es ist alles innerlich , und wie jene Künstler die äußern Sinne mit angenehmen Empfindungen erfüllen , so erfüllt der Dichter das inwendige Heiligthum des Gemüths mit neuen , wunderbaren und gefälligen Gedanken . Er weiß jene geheimen Kräfte in uns nach Belieben zu erregen , und giebt uns durch Worte eine unbekannte herrliche Welt zu vernehmen . Wie aus tiefen Höhlen steigen alte und künftige Zeiten , unzählige Menschen , wunderbare Gegenden , und die seltsamsten Begebenheiten in uns herauf , und entreißen uns der bekannten Gegenwart . Man hört fremde Worte und weiß doch , was sie bedeuten sollen . Eine magische Gewalt üben die Sprüche des Dichters aus ; auch die gewöhnlichen Worte kommen in reizenden Klängen vor , und berauschten die festgebannten Zuhörer . Ihr verwandelt meine Neugierde in heiße Ungeduld , sagte Heinrich . Ich bitte euch , erzählt mir von allen Sängern , die ihr gehört habt . Ich kann nicht genug von diesen besondern Menschen hören . Mir ist auf einmal , als hätte ich irgendwo schon davon in meiner tiefsten Jugend reden hören , doch kann ich mich schlechterdings nichts mehr davon entsinnen . Aber mir ist das , was ihr sagt , so klar , so bekannt , und ihr macht mir ein außerordentliches Vergnügen mit euren schönen Beschreibungen . Wir erinnern uns selbst gern , fuhren die Kaufleute fort , mancher frohen Stunden , die wir in Welschland , Frankreich und Schwaben in der Gesellschaft von Sängern zugebracht haben , und freuen uns , daß ihr so lebhaften Antheil an unsern Reden nehmet . Wenn man so in Gebirgen reist , spricht es sich mit doppelter Annehmlichkeit , und die Zeit vergeht spielend . Vielleicht ergötzt es euch einige artige Geschichten von Dichtern zu hören , die wir auf unsern Reisen erfuhren . Von den Gesängen selbst , die wir gehört haben , können wir wenig sagen , da die Freude und der Rausch des Augenblicks das Gedächtniß hindert viel zu behalten , und die unaufhörlichen Handelsgeschäfte manches Andenken auch wieder verwischt haben . In alten Zeiten muß die ganze Natur lebendiger und sinnvoller gewesen seyn , als heut zu Tage . Wirkungen , die jetzt kaum noch die Thiere zu bemerken scheinen , und die Menschen eigentlich allein noch empfinden und genießen , bewegten damals leblose Körper ; und so war es möglich , daß kunstreiche Menschen allein Dinge möglich machten und Erscheinungen hervorbrachten , die uns jetzt völlig unglaublich und fabelhaft dünken . So sollen vor uralten Zeiten in den Ländern des jetzigen Griechischen Kaiserthums , wie uns Reisende berichtet , die diese Sagen noch dort unter dem gemeinen Volke angetroffen haben , Dichter gewesen seyn , die durch den seltsamen Klang wunderbarer Werkzeuge das geheime Leben der Wälder , die in den Stämmen verborgenen Geister aufgeweckt , in wüsten , verödeten Gegenden den todten Pflanzensaamen erregt , und blühende Gärten hervorgerufen , grausame Thiere gezähmt und verwilderte Menschen zu Ordnung und Sitte gewöhnt , sanfte Neigungen und Künste des Friedens in ihnen rege gemacht , reißende Flüsse in milde Gewässer verwandelt , und selbst die todtesten Steine in regelmäßige tanzende Bewegungen hingerissen haben . Sie sollen zugleich Wahrsager und Priester , Gesetzgeber und Ärzte gewesen seyn , indem selbst die höhern Wesen durch ihre zauberische Kunst herabgezogen worden sind , und sie in den Geheimnissen der Zukunft unterrichtet , das Ebenmaß und die natürliche Einrichtung aller Dinge , auch die innern Tugenden und Heilkräfte der Zahlen , Gewächse und aller Kreaturen , ihnen offenbart . Seitdem sollen , wie die Sage lautet , erst die mannichfaltigen Töne und die sonderbaren Sympathien und Ordnungen in die Natur gekommen seyn , indem vorher alles wild , unordentlich und feindselig gewesen ist . Seltsam ist nur hiebey , daß zwar diese schönen Spuren , zum Andenken der Gegenwart jener wohlthätigen Menschen , geblieben sind , aber entweder ihre Kunst , oder jene zarte Gefühligkeit der Natur verlohren gegangen ist . In diesen Zeiten hat es sich unter andern einmal zugetragen , daß einer jener sonderbaren Dichter oder mehr Tonkünstler - wiewohl die Musik und Poesie wohl ziemlich eins seyn mögen und vielleicht eben so zusammen gehören , wie Mund und Ohr , da der erste nur ein bewegliches und antwortendes Ohr ist - daß also dieser Tonkünstler übers Meer in ein fremdes Land reisen wollte . Er war reich an schönen Kleinodien und köstlichen Dingen , die ihm aus Dankbarkeit verehrt worden waren . Er fand ein Schiff am Ufer , und die Leute darinn schienen bereitwillig , ihn für den verheißenen Lohn nach der verlangten Gegend zu fahren . Der Glanz und die Zierlichkeit seiner Schätze reizten aber bald ihre Habsucht so sehr , daß sie unter einander verabredeten , sich seiner zu bemächtigen , ihn ins Meer zu werfen , und nachher seine Habe unter einander zu vertheilen . Wie sie also mitten im Meere waren , fielen sie über ihn her , und sagten ihm , daß er sterben müsse , weil sie beschlossen hätten , ihn ins Meer zu werfen . Er bat sie auf die rührendste Weise um sein Leben , bot ihnen seine Schätze zum Lösegeld an , und prophezeyte ihnen großes Unglück , wenn sie ihren Vorsatz ausführen würden . Aber weder das eine , noch das andere konnte sie bewegen : denn sie fürchteten sich , daß er ihre bösliche That einmal verrathen möchte . Da er sie nun einmal so fest entschlossen sah , bat er sie ihm wenigstens zu erlauben , daß er noch vor seinem Ende seinen Schwanengesang spielen dürfe , dann wolle er mit seinem schlichten hölzernen Instrumente , vor ihren Augen freywillig ins Meer springen . Sie wußten recht wohl , daß wenn sie seinen Zaubergesang hörten , ihre Herzen erweicht , und sie von Reue ergriffen werden würden ; daher nahmen sie sich vor , ihm zwar diese letzte Bitte zu gewähren , während des Gesanges aber sich die Ohren fest zu verstopfen , daß sie nichts davon vernähmen , und so bey ihrem Vorhaben bleiben könnten . Dies geschah . Der Sänger stimmte einen herrlichen , unendlich rührenden Gesang an . Das ganze Schiff tönte mit , die Wellen klangen , die Sonne und die Gestirne erschienen zugleich am Himmel , und aus den grünen Fluten tauchten tanzende Schaaren von Fischen und Meerungeheuern hervor . Die Schiffer standen feindselig allein mit festverstopften Ohren , und warteten voll Ungeduld auf das Ende des Liedes . Bald war es vorüber . Da sprang der Sänger mit heitrer Stirn in den dunkeln Abgrund hin , sein wunderthätiges Werkzeug im Arm . Er hatte kaum die glänzenden Wogen berührt , so hob sich der breite Rücken eines dankbaren Unthiers unter ihm hervor , und es schwamm schnell mit dem erstaunten Sänger davon . Nach kurzer Zeit hatte es mit ihm die Küste erreicht , nach der er hingewollt hatte , und setzte ihn sanft im Schilfe nieder . Der Dichter sang seinem Retter ein frohes Lied , und ging dankbar von dannen . Nach einiger Zeit ging er einmal am Ufer des Meers allein , und klagte in süßen Tönen über seine verlohrenen Kleinode , die ihm , als Erinnerungen glücklicher Stunden und als Zeichen der Liebe und Dankbarkeit so werth gewesen waren . Indem er so sang , kam plözlich sein alter Freund im Meere fröhlich daher gerauscht , und ließ aus seinem Rachen die geraubten Schätze auf den Sand fallen . Die Schiffer hatten , nach des Sängers Sprunge , sich sogleich in seine Hinterlassenschaft zu theilen angefangen . Bey dieser Theilung war Streit unter ihnen entstanden , und hatte sich in einen mörderischen Kampf geendigt , der den Meisten das Leben gekostet ; die wenigen , die übrig geblieben , hatten allein das Schiff nicht regieren können , und es war bald auf den Strand gerathen , wo es scheiterte und unterging . Sie brachten mit genauer Noth das Leben davon , und kamen mit leeren Händen und zerrissenen Kleidern ans Land , und so kehrten durch die Hülfe des dankbaren Meerthiers , das die Schätze im Meere aufsuchte , dieselben in die Hände ihres alten Besitzers zurück . Drittes Kapitel Eine andere Geschichte , fuhren die Kaufleute nach einer Pause fort , die freylich nicht so wunderbar und auch aus späteren Zeiten ist , wird euch vielleicht doch gefallen , und euch mit den Wirkungen jener wunderbaren Kunst noch bekannter machen . Ein alter König hielt einen glänzenden Hof . Weit und breit strömten Menschen herzu , um Theil an der Herrlichkeit seines Lebens zu haben , und es gebrach weder den täglichen Festen an Überfluß köstlicher Waaren des Gaume [ n ] s , noch an Musik , prächtigen Verzierungen und Trachten , und tausend abwechselnden Schauspielen und Zeitvertreiben , noch endlich an sinnreicher Anordnung , an klugen , gefälligen , und unterrichteten Männern zur Unterhaltung und Beseelung der Gespräche , und an schöner , anmuthiger Jugend von beyden Geschlechtern , die die eigentliche Seele reitzender Feste ausmachen . Der alte König , der sonst ein strenger und ernster Mann war , hatte zwey Neigungen , die der wahre Anlaß dieser prächtigen Hofhaltung waren , und denen sie ihre schöne Einrichtung zu danken hatte . Eine war die Zärtlichkeit für seine Tochter , die ihm als Andenken seiner früh verstorbenen Gemahlin und als ein unaussprechlich liebenswürdiges Mädchen unendlich theuer war , und für die er gern alle Schätze der Natur und alle Macht des menschlichen Geistes aufgeboten hätte , um ihr einen Himmel auf Erden zu verschaffen . Die Andere war eine wahre Leidenschaft für die Dichtkunst und ihre Meister . Er hatte von Jugend auf die Werke der Dichter mit innigem Vergnügen gelesen ; an ihre Sammlung aus allen Sprachen großen Fleiß und große Summen gewendet , und von jeher den Umgang der Sänger über alles geschätzt . Von allen Enden zog er sie an seinen Hof und überhäufte sie mit Ehren . Er ward nicht müde ihren Gesängen zuzuhören , und vergaß oft die wichtigsten Angelegenheiten , ja die Bedürfnisse des Lebens über einem neuen , hinreißenden Gesange . Seine Tochter war unter Gesängen aufgewachsen , und ihre ganze Seele war ein zartes Lied geworden , ein einfacher Ausdruck der Wehmuth und Sehnsucht . Der wohlthätige Einfluß der beschützten und geehrten Dichter zeigte sich im ganzen Lande , besonders aber am Hofe . Man genoß das Leben mit langsamen , kleinen Zügen wie einen köstlichen Trank , und mit desto reinerem Wohlbehagen , da alle widrige gehässige Leidenschaften , wie Mißtöne von der sanften harmonischen Stimmung verscheucht wurden , die in allen Gemüthern herrschend war . Frieden der Seele und innres seeliges Anschauen einer selbst geschaffenen , glücklichen Welt war das Eigenthum dieser wunderbaren Zeit geworden , und die Zwietracht erschien nur in den alten Sagen der Dichter , als eine ehemalige Feindinn der Menschen . Es schien , als hätten die Geister des Gesanges ihrem Beschützer kein lieblicheres Zeichen der Dankbarkeit geben können , als seine Tochter , die alles besaß , was die süßeste Einbildungskraft nur in der zarten Gestalt eines Mädchens vereinigen konnte . Wenn man sie an den schönen Festen unter einer Schaar reitzender Gespielen , im weißen glänzenden Gewande erblickte , wie sie den Wettgesängen der begeisterten Sänger mit tiefem Lauschen zuhörte , und erröthend einen duftenden Kranz auf die Locken des Glücklichen drückte , dessen Lied den Preis gewonnen hatte : so hielt man sie für die sichtbare Seele jener herrlichen Kunst , die jene Zaubersprüche beschworen hätten , und hörte auf sich über die Entzückungen und Melodien der Dichter zu wundern . Mitten in diesem irdischen Paradiese schien jedoch ein geheimnißvolles Schicksal zu schweben . Die einzige Sorge der Bewohner dieser Gegenden betraf die Vermählung der aufblühenden Prinzessin , von der die Fortdauer dieser seligen Zeiten und das Verhängniß des ganzen Landes abhing . Der König ward immer älter . Ihm selbst schien diese Sorge lebhaft am Herzen zu liegen , und doch zeigte sich keine Aussicht zu einer Vermählung für sie , die allen Wünschen angemessen gewesen wäre . Die heilige Ehrfurcht für das königliche Haus erlaubte keinem Unterthan , an die Möglichkeit zu denken , die Prinzessin zu besitzen . Man betrachtete sie wie ein überirdisches Wesen , und alle Prinzen aus andern Ländern , die sich mit Ansprüchen auf sie am Hofe gezeigt hatten , schienen so tief unter ihr zu seyn , daß kein Mensch auf den Einfall kam , die Prinzessin oder der König werde die Augen auf einen unter ihnen richten . Das Gefühl des Abstandes hatte sie auch allmählich alle verscheucht , und das ausgesprengte Gerücht des ausschweifenden Stolzes dieser königlichen Familie schien Andern alle Lust zu benehmen , sich ebenfalls gedemüthigt zu sehn . Ganz ungegründet war auch dieses Gerücht nicht . Der König war bey aller Milde beynah unwillkührlich in ein Gefühl der Erhabenheit gerathen , was ihm jeden Gedanken an die Verbindung seiner Tochter mit einem Manne von niedrigerem Stande und dunklerer Herkunft unmöglich oder unerträglich machte . Ihr hoher , einziger Werth hatte jenes Gefühl in ihm immer mehr bestätigt . Er war aus einer uralten Morgenländischen Königsfamilie entsprossen . Seine Gemahlin war der letzte Zweig der Nachkommenschaft des berühmten Helden Rustan gewesen . Seine Dichter hatten ihm unaufhörlich von seiner Verwand [ t ] schaft mit den ehemaligen übermenschlichen Beherrschern der Welt vorgesungen , und in dem Zauberspiegel ihrer Kunst war ihm der Abstand seiner Herkunft von dem Ursprunge der andern Menschen , die Herrlichkeit seines Stammes noch heller erschienen , so daß es ihn dünkte , nur durch die edlere Klasse der Dichter mit dem übrigen Menschengeschlechte zusammenzuhängen . Vergebens sah er sich mit voller Sehnsucht nach einem zweyten Rustan um , indem er fühlte , daß das Herz seiner aufblühenden Tochter , der Zustand seines Reichs , und sein zunehmendes Alter ihre Vermählung in aller Absicht sehr wünschenswerth machten . Nicht weit von der Hauptstadt lebte auf einem abgelegenen Landgute ein alter Mann , der sich ausschließlich mit der Erziehung seines einzigen Sohnes beschäftigte , und nebenher den Landleuten in wichtigen Krankheiten Rath erteilte . Der junge Mensch war ernst und ergab sich einzig der Wissenschaft der Natur , in welcher ihn sein Vater von Kindheit auf unterrichtete . Aus fernen Gegenden war der Alte vor mehreren Jahren in dies friedliche und blühende Land gezogen , und begnügte sich den wohlthätigen Frieden , den der König um sich verbreitete , in der Stille zu genießen . Er benutzte sie , die Kräfte der Natur zu erforschen , und diese hinreißenden Kenntnisse seinem Sohne mitzutheilen , der viel Sinn dafür verrieth und dessen tiefem Gemüth die Natur bereitwillig ihre Geheimnisse anvertraute . Die Gestalt des jungen Menschen schien gewöhnlich und unbedeutend , wenn man nicht einen höhern Sinn für die geheimere Bildung seines edlen Gesichts und die ungewöhnliche Klarheit seiner Augen mitbrachte . Je länger man ihn ansah , desto anziehender ward er , und man konnte sich kaum wieder von ihm trennen , wenn man seine sanfte , eindringende Stimme und seine anmuthige Gabe zu sprechen hörte . Eines Tages hatte die Prinzessin , deren Lustgärten an den Wald stießen , der das Landgut des Alten in einem kleinen Thale verbarg , sich allein zu Pferde in den Wald begeben , um desto ungestörter ihren Fantasien nachhängen und einige schöne Gesänge sich wiederhohlen zu können . Die Frische des hohen Waldes lockte sie immer tiefer in seine Schatten , und so kam sie endlich an das Landgut , wo der Alte mit seinem Sohne lebte . Es kam ihr die Lust an , Milch zu trinken , sie stieg ab , band ihr Pferd an einen Baum , und trat in das Haus , um sich einen Trunk Milch auszubitten . Der Sohn war gegenwärtig , und erschrak beynah über diese zauberhafte Erscheinung eines majestätischen weiblichen Wesens , das mit allen Reizen der Jugend und Schönheit geschmückt , und von einer unbeschreiblich anziehenden Durchsichtigkeit der zartesten , unschuldigsten und edelsten Seele beynah vergöttlicht wurde . Während er eilte ihre wie Geistergesang tönende Bitte zu erfüllen , trat ihr der Alte mit bescheidner Ehrfurcht entgegen , und lud sie ein , an dem einfachen Herde , der mitten im Hause stand , und auf welchem eine leichte blaue Flamme ohne Geräusch emporspielte , Platz zu nehmen . Es fiel ihr , gleich beym Eintritt , der mit tausend seltenen Sachen gezierte Hausraum , die Ordnung und Reinlichkeit des Ganzen , und eine seltsame Heiligkeit des Ortes auf , deren Eindruck noch durch den schlicht gekleideten ehrwürdigen Greis und den bescheidenen Anstand des Sohnes erhöhet wurde . Der Alte hielt sie gleich für eine zum Hof gehörige Person , wozu ihre kostbare Tracht , und ihr edles Betragen ihm Anlaß genug gab . Während der Abwesenheit des Sohnes befragte sie ihn um einige Merkwürdigkeiten , die ihr vorzüglich in die Augen fielen , worunter besonders einige alte , sonderbare Bilder waren , die neben ihrem Sitze auf dem Heerde standen , und er war bereitwillig sie auf eine anmuthige Art damit bekannt zu machen . Der Sohn kam bald mit einem Kruge voll frischer Milch zurück , und reichte ihr denselben mit ungekünsteltem und ehrfurchtsvollem Wesen . Nach einigen anziehenden Gesprächen mit beyden , dankte sie auf die lieblichste Weise für die freundliche Bewirthung , bat erröthend den Alten um die Erlaubniß wieder kommen , und seine lehrreichen Gespräche über die vielen wunderbaren Sachen genießen zu dürfen , und ritt zurück , ohne ihren Stand verrathen zu haben , da sie merkte , daß Vater und Sohn sie nicht kannten . Ohnerachtet die Hauptstadt so nahe lag , hatten beyde , in ihre Forschungen vertieft , das Gewühl der Menschen zu vermeiden gesucht , und es war dem Jüngling nie eine Lust angekommen , den Festen des Hofes beyzuwohnen ; besonders da er seinen Vater höchstens auf eine Stunde zu verlassen pflegte , um zuweilen im Walde nach Schmetterlingen , Käfern und Pflanzen umher zu gehn , und die Eingebungen des stillen Naturgeistes durch den Einfluß seiner mannichfaltigen äußeren Lieblichkeiten zu vernehmen . Dem Alten , der Prinzessin und dem Jüngling war die einfache Begebenheit des Tages gleich wichtig . Der Alte hatte leicht den neuen tiefen Eindruck bemerkt , den die Unbekannte auf seinen Sohn machte . Er kannte diesen genug , um zu wissen , daß jeder tiefe Eindruck bey ihm ein lebenslänglicher seyn würde . Seine Jugend und die Natur seines Herzens mußten die erste Empfindung dieser Art zur unüberwindlichen Neigung machen . Der Alte hatte lange eine solche Begebenheit herannahen sehen . Die hohe Liebenswürdigkeit der Erscheinung flößte ihm unwillkührlich eine innige Theilnahme ein , und sein zuversichtliches Gemüth entfernte alle Besorgnisse über die Entwickelung dieses sonderbaren Zufalls . Die Prinzessin hatte sich nie in einem ähnlichen Zustande befunden , wie der war , in welchem sie langsam nach Hause ritt . Es konnte vor der einzigen , helldunklen wunderbar beweglichen Empfindung einer neuen Welt , kein eigentlicher Gedanke in ihr entstehen . Ein magischer Schleyer dehnte sich in weiten Falten um ihr klares Bewußtseyn . Es war ihr , als würde sie sich , wenn er aufgeschlagen würde , in einer überirdischen Welt befinden . Die Erinnerung an die Dichtkunst , die bisher ihre ganze Seele beschäftigt hatte , war zu einem fernen Gesange geworden , der ihren seltsam lieblichen Traum mit den ehemaligen Zeiten verband . Wie sie zurück in den Pallast kam , erschrak sie beynah über seine Pracht und sein buntes Leben , noch mehr aber bey der Bewillkommung ihres Vaters , dessen Gesicht zum erstenmale in ihrem Leben eine scheue Ehrfurcht in ihr erregte . Es schien ihr eine unabänderliche Nothwendigkeit , nichts von ihrem Abentheuer zu erwähnen . Man war ihre schwärmerische Ernsthaftigkeit , ihren in Fantasieen und tiefes Sinnen verlornen Blick schon zu gewohnt , um etwas Außerordentliches darin zu bemerken . Es war ihr jetzt nicht mehr so lieblich zu Muthe ; sie schien sich unter lauter Fremden , und eine sonderbare Bänglichkeit begleitete sie bis an den Abend , wo das frohe Lied eines Dichters , der die Hoffnung pries , und von den Wundern des Glaubens an die Erfüllung unsrer Wünsche mit hinreißender Begeisterung sang , sie mit süßem Trost erfüllte und in die angenehmsten Träume wiegte . Der Jüngling hatte sich gleich nach ihrem Abschiede in den Wald verlohren . An der Seite des Weges war er in Gebüschen bis an die Pforten des Gartens ihr gefolgt , und dann auf dem Wege zurückgegangen . Wie er so ging , sah er vor seinen Füßen einen hellen Glanz . Er bückte sich danach und hob einen dunkelrothen Stein auf , der auf einer Seite außerordentlich funkelte , und auf der Andern eingegrabene unverständliche Chiffern zeigte . Er erkannte ihn für einen kostbaren Karfunkel , und glaubte ihn in der Mitte des Halsbandes an der Unbekannten bemerkt zu haben . Er eilte mit beflügelten Schritten nach Hause , als wäre sie noch dort , und brachte den Stein seinem Vater . Sie wurden einig , daß der Sohn den andern Morgen auf den Weg zurückgehn und warten sollte , ob der Stein gesucht würde , wo er ihn dann zurückgeben könnte ; sonst wollten sie ihn bis zu einem zweyten Besuche der Unbekannten aufheben , um ihr selbst ihn zu überreichen . Der Jüngling betrachtete fast die ganze Nacht den Karfunkel und fühlte gegen Morgen ein unwiderstehliches Verlangen einige Worte auf den Zettel zu schreiben , in welchen er den Stein einwickelte . Er wußte selbst nicht genau , was er sich bey den Worten dachte , die er hinschrieb : Es ist dem Stein ein räthselhaftes Zeichen Tief eingegraben in sein glühend Blut , Er ist mit einem Herzen zu vergleichen , In dem das Bild der Unbekannten ruht . Man sieht um jenen tausend Funken streichen , Um dieses woget eine lichte Flut . In jenem liegt des Glanzes Licht begraben , Wird dieses auch das Herz des Herzens haben ? Kaum daß der Morgen anbrach , so begab er sich schon