Empfindlichkeit zu bemerken . Es schien als sey gar nicht die Rede von ihr gewesen . Mit ihrem königlichen Anstande - in der That , ich kann ihn nicht anders nennen - näherte sie sich dem Fenster , bereitete der Mutter ein Glas Selterwasser , und reichte es ihr weder mit Demuth noch mit Stolz ; nein , mit einem gutmüthigen , beschützenden Lächeln , als wollte sie sagen : sey ruhig , du weißt , daß ich dich liebe . Habe ich auch gehört was er sagte ; es bleibt darum alles wie es war . Die Mutter blickte dankbar zu ihr auf , und der Vater rückte ihr mit einer wahren Kammerdienerphysionomie , in komischer Verwirrung den Stuhl zurecht . Wollte sich dann ermannen , und bekam nun , da er vor sie hintrat , das Ansehn eines gezüchtigten Schulknabens . Gewiß wider ihren Willen ; denn sie litt unter seiner Verwirrung , und schlug ganz sicher nur deswegen einen Spaziergang in den Garten vor . Hier leitete ich unvermerkt das Gespräch auf Julie , und nun öfnete sie ohne Rückhalt ihr liebendes Herz . » Ja ich gestehe es - sagte sie im schönen Enthusiasmus - alle meine Wünsche beziehen sich nur auf sie , sie ist die Hofnung meines Lebens . Ich weiß es wohl , man glaubt nicht an Weiberfreundschaften . Aber wüßten Sie , wie wir von Kindheit auf mit einander gelebt haben - Sie würden es begreifen . - Sehen Sie ! ich hatte einen wilden eigensüchtigen Charakter . Kein Wunder ! Ich war das einzige Kind . Man hatte alles , und leider nichts umsonst gethan , mich zu verderben . Gewiß , es würde ein sehr böses Geschöpf aus mir geworden seyn ; hätte dieser Engel mir nicht zur Seite gestanden . Konnte meine sogenannte Erzieherin mich nicht mehr bändigen ; so schickte sie zu Julien . Bey ihr vergaß ich meinen Eigensinn und alle meine Launen . Wie ein Friedensengel wurde sie vom ganzen Hause empfangen . Alles was ich gelernt habe , weiß ich durch sie . Kein Lehrer konnte bey mir aushalten . Da gerieth man auf den Einfall , Julie mit mir unterrichten zu lassen , und dieser Einfall that Wunder ; eine Thräne , ein Lächeln von ihr beherrschte mich , mich , die alles um sich her unterdrückte . Aber auch das veränderte sich gar bald . Zu ihrer himmlischen Liebe , womit sie Gute und Böse umfaßte , konnte sie mich freilich nicht erheben ; aber Gerechtigkeit hat sie mich wenigstens gelehrt . Gelehrt , sage ich ? - Ach in ihrer stillen Demuth wußte sie nichts davon . Tausende würden es nicht geahnet haben . Nur allein meine heftige , ungestüme Liebe zu ihr wurde sichtbar . Für Julie ! - sagte ich bey der ersten Blume , bey dem schönsten Apfel , bey der geschmackvollsten Kleidung . - Stoßt sie nicht an ! das rathe ich Euch - rief ich , wenn man im Gedränge ihr zu nahe kam . - Ein Bedienter der das Unglück hatte ein wenig heiße Brühe auf ihre Hand zu schütten , mußte seinen Abschied fodern ; weil ich jedesmal laut aufschrie , wenn ich ihn erblickte . Mit einem Worte ! sie ist mein Alles und wenn ich sie verliere , wenn sie unglücklich wird , mag ich das ekelhafte Leben nicht mehr tragen . « Jetzt hielt sie plötzlich inne . Ich sah es , sie bereuete die letzten Worte . » Theuerstes Fräulein ! - sagte ich - mich dünkt , Sie fürchten zu sehr für ihre Julie . « - » Nein ! nein ! rief sie - ach , Sie wissen nicht ! « - » Ich weiß alles « - fiel ich ein , und ward erst durch ihr Erstaunen meine Unbedachtsamkeit gewahr . Sie hatte - aber dieser Brief wird ja ein Buch . Ein andermal davon . Zwey und zwanzigster Brief Olivier an Reinhold Es wäre doch sonderbar , wenn Du mich besser kenntest als ich selbst . - Verändert bin ich , das ist gewiß . Solltest Du es glauben ? Alle meine kleinen Liebschaften sind aufgegeben , ohne alle sinnliche Schadloshaltung aufgegeben . Was ist das nun ? Ist es Schwärmerey oder Natur ? - Denn sage was Du willst ! Ein Weib ist doch ein Weib , und wenn sie schön ist und ich gesund bin ; so muß ich als Mann ihrer begehren . Gleichwohl - Dank meiner Enthaltsamkeit - bin ich gesünder als jemals , und doch scheint mir jede Berührung Entheiligung . Vormals ließ es sich erklären , aber jetzt , da ich keinem andern Weibe mich nähere . - Wirklich ! ich bin mir ein Räthsel . - Wenn die Engelgestalt mich umschwebt , beugen sich unwillkührlich meine Knie , und hätte ich den verdammten Hofmeister-Ton nicht angenommen , wer wüßte was ich thäte . Sonderbar ! schon seit ihrem zwölften Jahre hat die Mutter sie gewöhnt , mich als ihren künftigen Mann zu betrachten . Gleichwohl habe ich sie noch immer wie ein Kind behandelt ! und weiß mich der Zeit zu erinnern , wo ich fest entschlossen war , sie - trotz der Mutter Heyrathsprojecten - als ein bloßes Amüsement zu gebrauchen . Wodurch ist dieser stillsiegende Geist in das Mädchen gekommen ? Von ihrer Mutter hat sie ihn nicht , von ihrer Freundin Wilhelmine eben so wenig . - Sollte es denn wirklich höhere Naturen geben , die unabhängig von Beispiel und Erziehung , sich schwebend über allem Irdischen erhielten ? Ach nimm es nur hin das Bekenntniß , ich bin uneins mit mir selbst - ich weiß nicht mehr was ich glaube . Drey und zwanzigster Brief Reinhold an Olivier Ob es Schwärmerey oder Natur ist ? - Warum soll Schwärmerey der Natur entgegengesetzt werden ; da sie in der Natur gegründet ist ? - Man denkt sich darunter ein Losreißen von allem Sinnlichen , ein Umherschweifen in höhern Regionen , wo keine Erfahrung uns folgt . Aber diesem Losreißen verdanken wir das Edelste was wir haben . Ohne Schwärmerey hätten wir keine Philosophen und keine Dichter , keine Religion , keine Kunst und keine Wissenschaft . Vor der Entdeckung Amerika ' s war Kolumbus ein Schwärmer , und den ersten Schiffer hat man vielleicht einen Wahnwitzigen genannt . Gewiß kann man über einen Menschen keinen schrecklichern Fluch aussprechen als den : erhebe dich nie über die Erfahrung . - Ich weiß nicht mehr was ich glaube - sagst Du - aber Du fühlst es ; und das ist genug , Gott , das Schicksal , die Natur , oder wie Du es nach Deiner Vorstellungsart nennen willst - liebt Dich und führt Dich weise . Dieses himmlische Mädchen allein konnte Dein Herz retten . Mögte es auf lange Zeit , mögte es für immer seyn ! - Freilich , ich gestehe es , kann man sich bey aller Freundschaft einer Art Unwillens nicht erwehren , daß dieses herrliche Geschöpf Dir aufgeopfert werden soll . Aber ich bin nun einmal Dein Freund ; wie kann ich aufhören es zu seyn ? - Mag es das Schicksal verantworten ! - Ich darf nichts als Dir treu bleiben . Vier und zwanzigster Brief Olivier an Reinhold Was war das ? - Du darfst nichts als mir treu bleiben - Darfst nicht ? - Also wenn Du nun dürftest ? - - Mein Herr ! das gilt einen Gang ! - Von hier bis ... sind nur dreißig Meilen . Fünf und zwanzigster Brief Reinhold an Olivier Gänge so viel Du willst . Ich habe zwar mit dem berühmten Sieger bey M ... zu thun ; aber mein Fechtmeister war doch auch mit mir zufrieden , und für eine solche Sache kämpft es sich vortreflich . Sechs und zwanzigster Brief Olivier an Reinhold So trotzig ? - Du weißt , daß ich Dich liebe ; aber baue nicht zu viel darauf . Mögtest Dich irren . - Nun Du hast sie nicht gesehen ! das ist mein Trost . Am Ende kommt auch wohl alles von der Amazone . Sie mag schöne Gemählde von mir entwerfen . - So gar arg ist es nicht , Mademoiselle ! Machen Sie immer den Pferdefuß etwas kleiner ! - Mit aller Weisheit haben Sie doch wohl auch Ihre bösen Augenblicke ! so wie unser Einer seine guten , und hätten Sie meine Julie nicht gehabt , wer wüßte . - Wahrlich ! wenn ich es recht bedenke , bin ich nicht ein Thor , diese Korrespondenz noch zu dulden ? - Als Juliens Vormund , wie leicht konnte ich sie verbieten . - Darum warne die Donna . - Ich fasse mir sonst ein Herz . Mag es mich dann auch schmerzen . Sieben und zwanzigster Brief Reinhold an Olivier Sey ruhig ! Du wirst nichts thun , was Dich schmerzt . Im Nothfalle verhindere ich Dich daran ; so wie ich es vormals gethan habe . - Du bist Juliens Vormund ; nicht ihr Tyrann . Mäßige Dich ! es giebt Mittel sie Deiner Gewalt zu entziehen , Acht und zwanzigster Brief Olivier an Reinhold Tod und Teufel ! was untersteht Ihr Euch ! Mich zwingen ! das wäre das erste Mal in meinem Leben ! - Und wenn sie nun meine Verlobte , wenn sie nun meine Frau ist ? Was wollt Ihr dann ? - Ah ha ! daran habt Ihr nicht gedacht ! - Wartet ! ich werde Euch lehren , mir Regeln vorzuschreiben . Noch in dieser Woche ist die Verlobung , und dann kommt einmal und mischt Euch in meine Angelegenheiten . Neun und zwanzigster Brief Wilhelmine an ihre Mutter Es war die höchste Zeit , beste Mutter ! Einen Tag später , und meine Julie war verloren . Ich fand die Alte noch im Bette , und Julie schöner und duldender als jemals . Man sah es , sie hatte geweint , gewacht , unbeschreiblich gelitten ; aber es ist und bleibt das Gesicht eines Seraphs . Noch etwas größer ist sie geworden , und ihre blonden Haare schattiren jetzt in das Braune . Ihre Haut ist blendender , und der Blick ihres großen Himmelauges dringt bis in das Innerste der Seele . Der schreckliche Mensch war auch da , und zitterte vor Wuth , da ich mich Julien näherte . » Die Mutter könne sie nicht entbehren , es sey vor dem Winter unmöglich , « und was dergleichen Ausflüchte mehr waren . - Aber jetzt übergab ich Ihren Brief . Herr Olivier fand nun für gut die Maske abzuziehen , erklärte gerade heraus , er werde es nicht dulden , und erhitzte sich während seiner Protestation so sehr , daß er wirklich schäumte , als der Arzt - Juliens zweiter Vormund - herein trat . Ich wandte mich sogleich an ihn , und bat um seine Entscheidung . Er war ganz für die Reise und behauptete , Julie werde ohne diese Zerstreuung einer ernsthaften Krankheit nicht entgehen . Um den Herrn Obristen völlig zu schlagen , bot er seine Schwester zur Wartung der Mutter an , und so konnte man denn vernünftiger Weise nichts mehr einwenden . Noch ehe der Obriste sich von seiner Betäubung erholte , war der Reiseplan fertig , und Julie fiel mir , wie eine erlöste Gefangne , mit einem Thränenstrome um den Hals . Der Obriste , und sogar die Mutter wurden heftig dadurch erschüttert . Juliens Lächeln hatte die Peiniger getäuscht , und jetzt erst schien das ganze Bewußtseyn ihrer Schuld zu erwachen . Die Mutter sah starr auf den Boden , und der Obriste , nachdem er wie ein Rasender umhergelaufen war , stürzte mit einem Male vor Julien nieder , und rief mit seiner fürchterlichen Stimme , halb bittend , halb drohend : » Julie ! Sie wollen mich verlassen ! « Das unterdrückte Mädchen schloß sich jetzt noch ängstlicher an meine Brust . Auch bekenne ich , wie ich da den Mann , durch dessen Hand so viele Menschen starben , wie ich den Koloß da vor uns liegen sah , fühlte ich selbst eine Art Schauder . Doch ermannte ich mich wieder . » Lieben Sie Julie , Herr Obrister - sagte ich , indem ich das zitternde Mädchen zu einem Stuhle führte - so können Sie sich dieser Reise nicht widersetzen . « - Er antwortete mir nur mit einem wüthenden Blicke , rafte sich auf , und verfinsterte , indem er mit seinen klirrenden Sporen an das Fenster trat , das ganze unter seinem Fußtritte bebende Zimmer . » Wann werden Sie reisen ? « - fragte die Mutter . » Morgen - antwortete ich - die Wege möchten sich verschlimmern . « - » Morgen ! - rief der Obriste - das geht nicht ! Morgen ist die Verlobung . « - » Und davon sagtest Du mir nichts ? « - redete ich Julien an.- » Weil ich es nicht wußte « - antwortete sie mit ihrer Flötenstimme . - » Du wüßtest es nicht ! - rief ich - und so wird es Dir angekündigt ! - Julie ! - fuhr ich fort , indem ich ihre beiden Hände ergriff und sie fest gegen meine Brust drückte - Julie ? wirst Du Dich morgen verloben ? « Ich glaube sie sah die Verzweiflung auf meinem Gesichte . - » Nein - antwortete sie - ich werde reisen . « - In diesem Augenblicke schrie die Mutter laut auf : » dem Obristen wird nicht wohl ! « - Wir sahen uns um und er hieng bleich wie eine Leiche über der Lehne des Sopha ' s. Julie wollte sich zu ihm hinneigen ; aber noch ehe sie sich losmachen konnte , rief ich unsern Bedienten : » Friedrich ! dem Herrn Obristen ist nicht wohl ! geschwinde seine Leute ! « » Er wird krank werden « - sagte Julie wehmüthig , als wir in ihre Kammer traten . » Und Du - antwortete ich - würdest auf Dein ganzes Leben elend werden . Was ist schlimmer ? « » O meine Wilhelmine - rief sie , indem sie das Engelgesicht an meine Brust legte - Gott weiß es wie sehr ich Dich liebe , und wie gern ich Dir folge ! aber hätten wir ihn nicht etwas mehr schonen können ? - Sein Kummer ist mir fürchterlich . - Ich bin nicht daran gewöhnt . « - » Liebst Du ihn « - sagte ich , indem ich sie von meiner Brust zurückdrängte und ihr starr in die Augen sah . - » Wilhelmine ! - antwortete sie - Ach Gott ! ich kenne die Liebe nicht ! Aber wenn ich ihn liebe ; so ist die Liebe kein süßes Gefühl . « - » O es ist gut ! es ist alles gut ! - rief ich , und drückte sie wieder fest an mein Herz - Du fürchtest ihn nur , bist an ihn gewöhnt , kannst ihn nicht leiden sehen - das ist es , und weiter nichts . Fort ! fort von hier ! damit Du begreifst , wer Du bist , und von wem Du Dich trennest . « » Aber morgen schon ? « - sagte sie - » Heute , wenn es möglich ist « - wollte ich antworten ; aber ich besann mich geschwinde , und als hätte ich nichts gehört , fing mit ihr an , Kleider und Wäsche zum Einpacken hervorzusuchen . » Spute Dich - rief ich - Du hast so lange keine Bewegung in freyer Luft gehabt . Wir müssen bey dem herrlichen Wetter schlechterdings noch eine Spazierfahrt machen . Meine Leute holen Vormittags den Koffer , und so ist auf morgen alles besorgt . « Die Schlüssel fielen ihr aus den zitternden Händen ; aber ich hob sie wieder auf , schloß zu , und steckte sie zu mir . Nun giengen wir zur Mutter , die wir glücklicher Weise allein fanden . Der Herr Obriste war nach langem Warten endlich davon gegangen ; freilich aber mit der Drohung , gleich nach Tische wiederzukommen . Die sogenannte Spazierfahrt mußte also beschleunigt werden . Friedrich wußte Bescheid und noch vor drey Uhr trabte er neben unserm Wagen auf dem Wege nach P ... » Hier wird uns der Obriste nicht suchen , « - sagte ich , als wir in das Wäldchen kamen - » Aber fahren wir auch zu weit ? « - fragte Julie . » Nicht weiter als nöthig ist - antwortete ich - diesen Abend sind wir in P ... « » O mein Gott ! - rief sie - ohne Abschied von meiner Mutter ! « » Mit dem Abschiede wärest Du nie davon gekommen . « » Was wird der Obriste sagen ? « » Alles was ihm beliebt , - die Hauptsache ist , daß er uns nicht findet . « » Wilhelmine ! Du bist zu rasch gewesen . Man wird es tadeln . « » Immerhin ! bist Du doch frey . - Auch habe ich einen Brief an Deine Mutter hinterlassen . Der Doctor will das Übrige auf sich nehmen . « Und so gieng es nun rasch nach P .... Gestern kamen wir an , und heute sind wir schon eingerichtet . Die Zahl der Brunnengäste ist ansehnlicher als jemals , und die mannichfaltigen Zerstreuungen werden auf Julien vortheilhaft wirken . Lassen Sie bald etwas von sich hören , beste Mutter , und schonen Sie Ihre Augen , aber nicht Ihren Secretair . In der That , ich glaube Reinhold hat das Amt gerne übernommen , und Sie können sich ganz auf ihn verlassen . Julie umarmt Sie tausendmal und Ihre Wilhelmine küßt die liebe mütterliche Hand . Dreißigster Brief Reinhold an Wilhelmine Ihre Frau Mutter ist wohl , und hat seit gestern merkliche Besserung an ihren Augen verspürt . Demohngeachtet wird meine theure Freundin - ich habe ja die Erlaubniß , Ihnen diesen Nahmen geben zu dürfen - mit einer Secretairsnachricht vorlieb nehmen müssen . Der Herr Vater kann sich , wie gewöhnlich , zu keinem Briefe entschließen , und ist tiefer als jemals in seinen Acten vergraben . Kaum war es ihm möglich , mir einen Gruß für seine Julie zurufen zu können . Olivier ist seit drey Tagen bey mir . Fast mögte ich sagen , er dauert mich . Ich finde ihn nicht sowohl äußerlich als innerlich bis zum Unkenntlichen verändert , und gestehe , unter allen Zaubereyen der Liebe ist mir diese eine der merkwürdigsten . Gleichwohl droht sein oft mit Würde verhaltener , oft wie ein reißender Strom hervorbrechender Schmerz alle Vernunft zu überwinden . Anfangs wollte er mich zwingen , ihm Juliens Aufenthalt zu entdecken , und nur lange nach einer sehr ernsthaften Scene , war er im Stande meine Verbindlichkeit zu begreifen . Nun will er fort , Sie aufzusuchen . Ich werde ihn reisen lassen , und hoffe auf diese Weise seine Genesung am sichersten zu bewirken . Empfehlen Sie mich Ihrer theuern Freundin , und bitten Sie ihre Frau Mutter , mich meines Amtes nicht zu entsetzen . Ein und dreißigster Brief Olivier an Reinhold Warum bin ich abgereist ? warum habe ich Dich nicht gezwungen , mir ihren Aufenthalt zu entdecken ? - Und hätte ich Dir den Degen auf die Brust setzen sollen - nicht wahr ? endlich mußtest Du nachgeben ? - Gestehe es ! Du wanktest schon ? - O ich knirsche vor Wuth , daß ich Dich so entwischen ließ ! Wie ich hier ankam , wie ich das alles überlegte , wollte ich gleich wieder umkehren . Aber da verwirrten mich die dummen Nachrichten meiner Bedienten . Der Eine wollte dies , der Andere das gehört haben . Am Ende bist Du auch wohl so tückisch , Julien eine Veränderung des Aufenthalts vorzuschlagen , um Dich nachher mit Deiner Unwissenheit brüsten , und mich dann völlig rasend machen zu können . Siehe ! ich schwöre es ! Wo ich es Dir , wo ich es Euch allen vergebe ; so möge Gott mir keine meiner Sünden vergeben . Mich diesem entsetzlichen Schmerze , diesen Höllenquaalen Preis zu geben ! - Und was wird nun die Frucht Eurer Weisheit seyn ? - Unglück ! schreckliches Unglück ! denn wenn ich sie nicht finde - o ich mag es nicht ausdenken , was ich dann thue . Dummköpfe ! Ihr grausamen Dummköpfe ! Wolltet Ihr mich in Euer moralisches Joch spannen ; nur mit Ihrer Hülfe war es möglich . Ach ! ich fühlte wie es Tag ward in meiner Seele , wie mein beßres Selbst anfieng zu erwachen , wie Glaube und Hofnung zu lebendigen Gestalten sich entwickelten . Das habt Ihr nun alles zerstört . Es ist wieder Nacht , tiefe Nacht um mich her , und ein lebenzerstöhrender Schmerz nagt in meinem Innern . - Was soll ich nun thun ? - Thun ? - Hier ist nicht von einem Thun , von einem Leiden ist die Rede . Olivier leiden ? - Nimmermehr ! Ehe zerfleischt er sein eigenes Herz . Muth ! Muth ! ich werde sie finden ! und dann sollt Ihr alle dafür büßen . Zwey und dreißigster Brief Wilhelmine an ihre Mutter Ich werde also meine theure Mutter mit ein paar recht klaren gesunden Augen wieder finden ? und diese lieben Augen werden segnend auf mir ruhn . - Ach wie hat sie mich geliebt und getragen ! das begreife ich erst jetzt an der Seite meiner Julie , wo alle gute Empfindungen die herrschenden werden . Sie streitet nicht , sie widerspricht mir nicht ; und doch habe ich schon wer weiß wie viele Male meine Meinung aufgegeben . Machte ich irgend eine kleine boshafte Anmerkung , konnte ich mich eines bittern Urtheils über die Männer und was dahin gehört , nicht enthalten ; so erwartete ich wenigstens eine mißbilligende Miene von Julien ; aber ich sah nichts als das Lächeln , was unser Zeichenmeister schon in ihrer Kindheit das unnachahmliche nannte . Zärtliches Mitleiden , holde Schaam , daß ihr reines Herz sie über den Andern erhebt , Angst , Vorgefühl der Reue , die es sich bereitet - das alles liegt in diesem wunderbaren Lächeln . Wahrscheinlich hält sie jeden Fehler , jedes Laster für eine Krankheit . Wenigstens kann man ihr Betragen nicht anders erklären . Gerade zu den boshaftesten Menschen fühlt sie sich am meisten hingezogen . So wie die Ärzte sich bey den gefährlichsten Kranken am längsten verweilen . Seit acht Tagen ist hier ein Weib , dessen Zunge nur aus Gift und Galle zusammengesetzt scheint . Nur , sobald ich Julie vermisse , finde ich sie gewiß an der Seite dieses Weibes . Jeden Ausbruch der Bosheit scheint sie für einen Ausbruch des Schmerzes und sich für berufen zu halten , ihn zu lindern . Ein Kind , eine schöne Blume , eine heitere Aussicht , müssen ihr wechselsweise dienen , die scheußliche Phantasie des Weibes zu beschäftigen . Oft wenn die blauen Lippen sich zu einer neuen Lästerung öfnen , schließen sie sich wieder bey Juliens Lächeln und das Gift bleibt in dem Drachen zurück . Donnerstags Abends . Ich hatte Recht , beste Mutter ! Wahrhaftig ! sie hält das scheußliche Weib für krank . Heute war mein Sinn darauf gesetzt , sie zu einem ordentlichen Widerspruche zu zwingen . Aber , sage mir - redete ich sie an - wie kannst Du es nur zwey Minuten bey dem Weibe aushalten ? » Ach sie leidet sehr viel ! « Worüber klagt sie denn ? » Sie klagt nicht ; aber ihr Betragen klagt für sie . « Gegen sie ! willst Du sagen . Das Weib ist ja aus lauter Gift und Galle zusammengesetzt . » Beste Wilhelmine ! wenn das ist , was kann sie denn für ihr Betragen ? « Nun ! was jeder dafür kann , der einen freien Willen hat . » Ach Gott ! Kannst Du einem Wahnsinnigen freien Willen zuschreiben ? « Wie ? Du hältst sie für wahnsinnig ? » Nicht in dem gewöhnlichen Sinne . Aber glaube mir , jeder lasterhafte Mensch ist es minder oder mehr . Nanntest Du nicht selbst einmal Oliviers Denkungsart lasterhaften Wahnsinn ? « Ja , wenn ich ihn nicht sehe , wenn ich nicht unmittelbar unter seiner Bosheit leide . Aber in dem Augenblicke , wo ich beleidigt werde , muß ich die Beleidigung instinktartig zurückwerfen , muß voraussetzen , der Beleidiger sey ein freier Mensch , fähig , sich nach vernünftigen Gründen zu bestimmen . Hat er es bis dahin nicht gekonnt ; so verhelfen ihm sehr oft meine Vorwürfe dazu . Er begreift , daß er anders handeln muß , um mir nicht hassenswürdig zu werden . » Liebste Wilhelmine ! dies glauben viele Menschen , und doch - was bringt dieser Glaube hervor ? Nach meiner kleinen Erfahrung gerade das Gegentheil von dem , was man hoft : daß ich in dem Beleidiger - schuldiger oder unschuldiger Weise - eine unangenehme Empfindung erregt habe , ist ja schon durch die Beleidigung erwiesen . Sie selbst , obgleich sie ihm eine täuschende Erleichterung verschaft , bringt wieder eine unangenehme Empfindung hervor . Nun füge ich - um das Unglück vollkommen zu machen - eine drey doppelt so unangenehme hinzu . Wie natürlich , daß er durch eine gerechte oder ungerechte Kraftäußerung diese Menge unangenehmer Empfindungen auf mich , den widrigen Gegenstand zurückwirft . Und so ist denn der Anfang zu einer , wer weiß wie viele Jahre dauernden Feindschaft gemacht . « Also muß man alles dulden , alles über sich ergehen lassen ? » Was die Männer sollen , das weiß ich ich nicht . Sie haben ihren Degen und mit dem läßt sich vielerley ausmachen . Aber Güte und Sanftmuth sind ja unsere einzigen Waffen ? Mir wenigstens , kommt eine Frau die sich auf irgend eine Weise zu rächen sucht , wie eine ekelhafte Mißgeburt vor . « Aber Madame R .... ist nicht ekelhaft - - » Liebste ! viele Kranke sind ekelhaft ; muß man sie darum verlassen ? « Wenigstens folgt Jedermann , der Madame R .... kennt , dieser sehr natürlichen Empfindung . » Gerade dadurch wird sie noch mehr erbittert . « So ? mich dünkt sie könnte sich aber auch dadurch bewogen fühlen etwas weniger giftig zu werden . Denn , sage was Du willst , man muß sich doch , wegen ihrer Bosheit , an sie selbst halten . » O ja ! wenn man abgerechnet hat , was Erziehung , Umstände und Temperament dazu beigetragen haben . Wenn man versucht hat , was die äußerste Liebe über sie vermag . « Und dazu bist nun gerade Du berufen ? Mußt Dich um dieses Weibes willen von einer Freundin trennen ? Ich will es noch erleben ! in das Polterkämmerchen wird man mich stecken . » Meine Wilhelmine ! « - rief sie - schloß mich in ihre Arme , und erstickte alle übrige Vorwürfe mit ihren Küssen . Da kommt sie ! Ich muß schließen und habe Ihnen noch gar nicht geschrieben , was ich eigentlich schreiben wollte . Nun , das nächste mal . Viele Grüße an meinen lieben Vater und an Reinhold . Drey und dreißigster Brief Olivier an Reinhold Noch habe ich keine Zeile von Dir gesehen . Freilich ! wohin kannst Du mir schreiben ! - Ich irre herum wie ein Verbannter , suche Ruhe und finde sie nicht . Reinhold ! sey menschlich ! entdecke mir ihren Aufenthalt . Sieh ! ich gebe Dir mein Ehrenwort : ich will sie nicht zwingen . Nein ! sie soll frey bleiben . Mag sie dann auch ihre Freiheit zu meinem Nachtheil gebrauchen . Wenn ich sie nur sehe , wenn ich nur in ihrer Nähe wieder athme . O Reinhold ! gieb mir sie wieder ! damit ich diesen entsetzlichen Schmerz in meiner Brust nicht mehr fühle . Ach wie ist alles so wüste seitdem ich sie nicht mehr habe ! - Nur die Hofnung sie zu finden , konnte mir das Leben erhalten . In G .... haben sie das Äußerste versucht mich zu erheitern . Vergebens ! Weiber , Wein , Vergnügungen , alles ist mir zum Ekel . Sprechen sie nun gar von meinen stachlichten Lorbeeren ; so möchte ich davon laufen . Ach was sind meine Metzeleyen gegen ihre stille , himmlische Größe ? - Was sind die gepriesensten Weiber gegen diese Unvergleichliche ! - Wahre Zieraffen ! die nicht einmal die Hälfte von dem , was sie ist , scheinen können . Sieh ! ich bin unglücklich ! auf mein ganzes Leben bin ich unglücklich , wenn ich sie nicht finde . Ich ließ mir aus Verzweiflung den Zügel wieder schießen , wollte mich betäuben . - Aber es geht nicht ! es geht nicht ! - Ach ich fühle mich dann noch trostloser , noch weiter von ihr entfernt . Aber kann ich ihr nicht schreiben ? Reinhold ! ich will ihr schreiben . Dir selbst schicke ich den Brief . Du mußt , ja Du wirst ihn besorgen ! - Nein , das kannst Du nicht ! nein , Du behältst ihn nicht zurück . - Du liebst mich noch , Du willst nicht , daß ich verzweifle . O Reinhold ! Du schickst ihr den Brief . - Ich schreibe ! ich schreibe . Vier und dreißigster Brief Olivier an Julie Julie ! haben Sie mich vergessen ? O Julie ! hassen Sie mich ? - Ich bin unglücklich , unbeschreiblich unglücklich . Ich sehe , ich höre Sie nicht mehr . - Nein , aus Sich selbst haben Sie das nicht gethan . Man hat Sie gezwungen , Sie gewaltsam mir entrissen . Aber dieser Brief wird in Ihre Hände kommen . Sie werden ihn