; » wie oft hat die Himmlische die bösen Geister zur Ruhe gesungen , die mich drohend umgaben ! Und so bin ich , wenn Sie es so nennen wollen , musikalisch , soviel die Natur mich lehrte , bis zur Kunst habe ich es noch nicht gebracht . « Mit diesen Worten nahm er eine Gitarre , stimmte sie , machte einige Gänge , und sang Verse , die er aus dem Stegereif dazu erfand . Er besang den Strom , der dicht unter den Fenstern des Gartensaals vorbeifloß , das Tal , den Wald , das hohe , entfernte Gebirge , von dem die Gipfel noch von den Strahlen der untergehenden Sonne beleuchtet waren , da sie selbst schon lange aufgehört hatte , sichtbar zu sein . Dann sang er von seiner Sehnsucht , die ihn in die Ferne zog , von dem Unmut , der ihn rastlos umhertrieb , und endigte sein Lied mit dem Lobe der Schönheit , unter deren Schutz ihm die Morgenröte des Glücks schimmere , und bei deren Anblick jedes Leiden in seiner Brust in die Nacht der Vergessenheit zurücksinke . Hier hörte er auf und legte die Gitarre nieder . Seine Worte , die frei und ungebunden und doch sinnvoll und auserwählt , bald groß und ruhig wie der Strom , den sie besangen , dahin flossen , bald kühn mit dem Gebirge sich über die Wolken erhoben , bald wie Abendschein lieblich flimmerten , dann die Schmerzen und Freuden seiner Seele so wundersüß darstellten ; seine schöne , reine akzentvolle Tenorstimme , deren Töne bald von ihm gelenkt zu werden , bald ihn zu übermeistern schienen ; die ganz kunstlose Begleitung die immer mit seinen Worten genau übereinstimmte , und seine tiefsten Gefühle , das , was keine Worte auszusprechen vermögen , in die Brust der Zuhörer hinüberströmte - mit seinem kühnen , halb nachlässigen Anstande , mit der Begeisterung auf dem edlen Gesicht - , es war so wunderbar und ergriff die Zuhörer so seltsam , daß sie ganz hingerissen von der Erscheinung , noch immer in Staunen und Horchen verloren waren , wie er schon eine Weile die Gitarre niedergelegt hatte . Juliane unterbrach die augenblickliche Stille . » Jetzt ist es an uns , Eduard « , rief sie ; » Sie haben es vortrefflich gemacht , Florentin , aber nun sollen Sie auch uns loben müssen . « - Sie suchte unter den Musikalien . die Gräfin setzte sich zum Fortepiano , und begleitete Julianen und Eduard . Sie sangen ein komisches Duett mit vieler Laune und in echt italienischer Manier . Julianens Stimme war überaus süß und schmeichelnd , und sie wußte sie wie eine geübte Künstlerin zu gebrauchen ; auch Eduard hatte eine schöne sonore Baßstimme und sang sehr angenehm . Bei der Wiederholung des Duetts begleitete Florentin den Gesang , abwechselnd bald wie eine Flöte bald wie ein Waldhorn singend , es gefiel allen , und die Fröhlichkeit und das Lachen nahm kein Ende . Es wurden nun Erfrischungen gereicht , man scherzte und vergnügte sich bis tief in die Nacht . » Gute Nacht « , sagte die Gräfin ; » ich hoffe , Ihr Entschluß , einige Zeit bei uns zu verweilen , wird Sie nicht gereuen , wenn Sie erfahren , daß Sie es alle Tage ungefähr wie heute bei uns finden . Lassen Sie sich Ihr Schlafzimmer anweisen , und sein Sie morgen früh nicht der Späteste . « Zweites Kapitel Florentin war allein ; er lehnte sich in ein Fenster seines Schlafzimmers , aus dem er die Aussicht über das Dorf nach dem weit sich hindehnenden fruchtbaren Tale hatte , wodurch der Strom sich majestätisch und ruhig in großen Schwingungen hinwand . In grauer Ferne beschloß das hohe Gebirge den Horizont ; das Tal war vom Monde hell erleuchtet . Er sah nach den Schatten , die das Mondlicht bildete , und die in wunderlichen Gestalten bald hervortraten , dann verschwanden . So stand er lange wie gedankenvoll , und dachte doch nichts . Er hatte an diesem Tage so viel neue Eindrücke empfangen , daß er , wie berauscht , sich selbst aus den Augen verloren hatte . Allmählich verhallte es in seiner Seele , wie Töne in den Wellen der Luft immer in weiteren Kreisen verklingen , bis die Bebungen schwächer werden , und endlich alles ruhig ist . So ward es auch still in ihm , und das bekannte Bild seiner selbst trat wieder deutlich vor ihn . Doch konnte er lange keinen fröhlichen Gedanken fassen . Er war schwermütig , es war ihm traurig , daß er allein hier ein Fremdling sei , wo es ein Gesetz schien , einander anzugehören , daß er allein stehe , daß in der weiten Welt kein Wesen mit ihm verwandt , keines Menschen Existenz an die seinige geknüpft sei . Seine Traurigkeit führte ihn auf jede unangenehme Situation seines Lebens zurück ; der Gesang einer Nachtigall , der aus der Ferne zu ihm herüberklang , löste vollends seine Seele in Wehmut auf , er gab sich ihr hin und bald fühlte er seine Tränen fließen . » Es ist sonderbar ! höchst sonderbar ! « sagte er , als er ruhiger ward ; » wie ich noch die Gesellschaft suchte , lernte ich sie verachten , und nun ich sie floh , nun ich sie haßte , nun muß sie mir wieder liebenswürdig erscheinen ! Und hier in einem vornehmen Hause , wo ich sonst immer den Mittelpunkt aller Albernheit der menschlichen Einrichtungen sah : gerade hier muß ich mich wieder mit der Gesellschaft aussöhnen ! ... Es ist doch gut , daß mir noch diese schöne Erinnerung ward auf meine lange Wallfahrt ! So liegt doch die Zukunft nicht mehr so bodenlos vor mir , so zeigt sich mir doch in weiter Entfernung ein Punkt , an dem die Hoffnung sich erhält ! Und damit sei zufrieden , Florentin ! Suche nicht festzuhalten , was bestimmt ist , dir vorüberzugehen . In der Entfernung , als Hintergrund , als endliches Ziel alles menschlichen Sehnens und Strebens , lächelt mir die Ruhe süß entgegen : so will ich dich fest im Auge behalten , wenn der Strudel des Lebens mich wild ergreift , und ich in Not zu versinken drohe . Recht , guter Alter ! jetzt würde sie mir schlecht bekommen ; sie ist das Goldne Vließ , das mit Gefahren erkämpft werden muß . « Er dachte nun an alle insbesondre , die er an dem Tage so zufällig gefunden , und suchte ins klare zu kommen , welchen Eindruck sie auf ihn gemacht hätten . Eduard war ihm in den wenigen Worten , die er ihn hatte sprechen hören , doch lieber geworden ; das erkannte er besonders daran , weil er nicht mit dem Leichtsinn an Julianen denken konnte , der ihm sonst beim Anblick einer Schönen gewöhnlich war . Die Verhältnisse , in denen eine Frau stand , hielten ihn sonst nicht leicht von Entwürfen ab , wenn er nicht einen Freund dabei zu schonen hatte . - » Wie ein Frühlingsmorgen erschienst du mir , reizendes Geschöpf , und dein Anblick erfüllte meine Brust mit Ahndung und Freude . Nur Barbaren können gefühllos bleiben bei solcher Schönheit ! Eure Verabredungen sollten mich nicht hindern , ... auch nicht der unschuldige Bräutigam , ... und am Ende ? ... Betrüge dich nicht Florentin ! « - Wünsche und Erinnerungen an den schönen Leichtsinn von ehemals erwachten ihn ihm , und dann erschien ihm wieder die Geliebte seines künftigen Freundes , und alle ihre Verhältnisse in einer Würde , die ihn zurückschreckte . Er hatte die Gitarre mit auf sein Zimmer genommen , und während seiner Betrachtungen und kleinen Monologen einige Griffe darauf getan ; jetzt sang er folgende Worte dazu : » Unter Myrtenzweigen Beim Rieseln der Quelle , Und der Nachtigall Lied , Auf sanftem Rasen Durchwirkt mit Blumen , Im duftenden Hain , Gebogen die Äste Von goldener Frucht Und silberner Blüte , Wo ewig blau der Himmel , Ewig lau die Lüfte Dich umwehen - Das Mädchen im leichten Gewand Tanzet den bunten Reihen , Bricht die labende Frucht , Schöpfet vom Quell . Am Felsen ein Hüttchen Mit weniger Habe , Dort ruht es die Glieder Auf reinlichem Lager . Du blickst dein Verlangen Ihr tief in das Herz , Sie hat dich verstanden , Und teilet die Glut . Nichts wehrt dir die Küsse Auf Lippen und Wangen ; Lilien und Rosen , Blüten und Knospen , Alles ist dein . Leicht wie der Westwind , Scherzend wie er , Berührst du die Blumen , Und fliehest vorüber , Schonend der zarten . Wer fürchtet da Neid ? Wen lockt der Ruhm ? Zürnet die Mutter ? Das Lächeln kann sie Doch nicht verbergen ; Denn eigne süße Schuld Ruft die Tochter Zurück ihr ins Herz . Sei still , mein Sinn ! ein andres Land empfängt dich ; Es hebt sich das Gebirge zwischen dir Und jenen Spielen . - Ernst umgeben diese Mauern dich , Gesetze ernst und ernste Sitten ; Gelübde , Priester , Zeugen , Verein der Wappen , Zahllose Dinge , Auf ewig fremd dem Scherz ; Fremd auf ewig dir , Gehn der Liebe voran , Legen die Freie In ernste Bande . So gefesselt geht sie dir vorüber . Tröstend reicht sie dir die Hand , Blickt mit Sehnsucht in die Ferne . Hier kann ich niemals dein Gefährte sein , Ruft sie dir zu : Unter jenen Blumen Hast du gespielt mit mir , Auf und ab Wandert ' ich im Scherz mit dir . Du sollst auch ernst Mich wieder finden , Ernst und treu ; Und wieder mein sein : Nur laß mich frei ! « Drittes Kapitel Die Sonne schien hell und warm herein , als Florentin erwachte . Er schickte sich sogleich an , zur Gesellschaft zu gehen , die er im Garten vermutete . Vorher ging er durch einige Prachtzimmer des alten Schlosses , das ihn mit seinen Türmen , Gängen und hohen gewölbten Sälen lebhaft in die Zeiten des Rittertums versetzte , von denen er schon als Kind am liebsten erzählen hörte , und die noch jetzt seine Phantasie hinreißen konnten . Hier in diesen Sälen malte er sich nun die mannigfachen Szenen aus , die darin gespielt wurden ; wie sich alle die Mitspielenden für ihre Rolle interessierten , als sollte sie niemals endigen . - » Und nun « , sagte er , » wo sind sie hin ? Hier beweinte vielleicht eine Schöne ihren Geliebten , oder seine Untreue , oder ein hartes Schicksal , das sich ihrem Glück entgegenstellte ; tränenvoll schlug sie das fromme Auge aufwärts , und die Engelchen , die Heiligen , die so künstlich in der Stukkatur an der Decke geformt sind , waren Zeugen ihrer Leiden . Hier , an dieses hohe Fenster gelehnt , drückte der Jüngling , zärtlich und schüchtern , die errötende Jungfrau an sein Herz , und vernahm mit Entzücken das Geständnis ihrer Gegenliebe . Um diesen geräumigen Lehnstuhl hingen Kinder und Enkel , und horchten auf die schauerlichen Gespenstergeschichten , die der Großvater erzählte , und auf die weise Lehre . Mit dem begünstigten Jagdhund an dem Boden wurde dann die Belohnung für ihre Aufmerksamkeit friedfertig geteilt . An diesem künstlich verzierten Tisch saßen Eltern , gedachten mit freudiger Rührung der ersten Tage ihrer Liebe und der nie verletzten Treue ; hatten auch wohl manchen Kummer , manche sorgenvolle Stunden um den entfernten Sohn , der ausgezogen war , voll Kraft und mutiger Ehrbegierde sich zu versuchen , und die Fehde für seinen Vater zu fechten . Ob er sich gut halten wird ? ob die Knechte wacker sind ? ob kein feindliches Geschoß ihn getroffen ? Er wählte sich das größte Schwert ; war es seinem Arm nur nicht zu schwer ? Zwar ist er stark und rüstig , und Gott wird den Edlen schützen ! Und eh ' sie es ausdenken , öffnet sich jene Tür , der Jüngling tritt ein ! Er war allein vorangeeilt , um den Eltern diese Überraschung zu bereiten ; segnend empfangen sie ihn , er hat gesiegt , vertilgt ist der Feind , und neuer Ruhm und Glanz kommt von ihm über das Haus ! ... Sonne , Sterne , Luft und Erde , alles was sie umgab , schien ihnen mit ihrem Leben so innig verwebt ; aber Sonne und Sterne gehen auf , gehen unter , die Jahreszeiten wechseln ; doch ihr Glück und ihre Leiden , Schmerz und Fröhlichkeit sind vorbeigezogen , wie Schatten der Wolken , die vor der Sonne vorüberfliehen , keine Spur mehr auf der Erde davon . Was ihnen im Leben heilig war , hat mit dem Leben geendet ; der Ehre allein , unter allem dieser allein , verdanken die Helden das Andenken ihrer Nachkommen ; sie leben in den künftigen Zeitaltern fort , da Millionen neben ihnen untergehen ... Nun so ist es auch billig , daß sie dem selbstgeschaffenen Götzen vor allen Göttern Opfer bringen ; dieser macht sie unsterblich , da alles , was die Natur in ihre Brust gepflanzt , mit ihnen untergeht ! « Eduard trat zu ihm . » Sie sind schon auf , Florentin ! ich wollte Sie eben abholen , die andern sind wahrscheinlich schon im Gartensaal . « - » Ich habe mich etwas zu lange in den Zimmern und Gängen verweilt , um sie zu betrachten . Dieses Schloß ist ein vortreffliches Monument seines Jahrhunderts ; mich freut es , daß es so wohl erhalten ist , und so ganz ohne modernen Zusatz . Es wundert mich um so mehr , da die übrige Einrichtung im ganzen nach dem jetzigen Geschmack mehr elegant und zierlich , als nach jenem reich und kostbar ist ! « - » Weil diese mehr der Gräfin überlassen bleibt ; und da sie die Eigenheit des Grafen schont , der gerne , was das Altertum seiner Familie bezeugt , in der ursprünglichen Gestalt zu erhalten wünscht , auch nichts von der Stelle gerückt , und keiner Sache eine andere Gestalt gibt , die noch als Überrest der alten Zeit sich erhalten hat , so läßt sich der Graf mit eben der Gefälligkeit ihre übrigen Einrichtungen gefallen . Sie sehen selbst , wie klug und gewandt sie beides zu vereinigen weiß . Sie erhält das Alte mit Achtung , und fügt hinzu , was die neuern Erfindungen Angenehmes verschaffen . Die das Innere hier nicht zu kennen Gelegenheit haben , finden es sonderbar , und erlauben sich manchen Spott über das Gemisch von veraltetem und modernem Geschmack . Auch sieht es befremdend genug aus , wenn an den alten gewirkten Tapeten eine neue Flöten-Uhr , große Spiegel mit schweren künstlichen Verzierungen und neue kristallne Kronleuchter , schwerfällige Sessel und einladende Sofas friedlich nebeneinander bestehen ; ebenso werden Sie es im Garten , im Park , kurz überall finden . Wer aber die Menschen kennt , die hier wohnen , der wird bald das Übereinstimmende in diesen anscheinenden Ungleichheiten finden . Die Gräfin ist eine vortreffliche Frau ; mit wahrer Religiosität ehrt sie das Gemüt ihres Gemahls und alles , was ihm heilig ist . Darf man ihr wohl keinen Sinn für das Schöne zutrauen , weil sie nicht wie die Kinder alles gewohnte Spielzeug zerstört , immer nach Neuem greift , und das letzte jedesmal für das Schönste hält ? « - » Was ich sie über Werke der Kunst habe sprechen hören , verriet gewiß keinen gemeinen Sinn « , sagte Florentin . - » Sie hat große Reisen gemacht und viele der vorzüglichsten Kunstwerke selbst zu sehen Gelegenheit gehabt . Doch kommen Sie jetzt , man wird uns erwarten ; ich will vorher zusehen , ob der Graf nicht in seiner Bibliothek ist , ich habe ihn heute noch nicht gesehen , vielleicht geht er dann mit uns hinunter . « - » Ich begleite Sie . « - Sie traten in das Kabinett des Grafen , er war nicht mehr darin . Ein großes Gemälde zog Florentins Aufmerksamkeit auf sich . - » Einen Augenblick noch , Eduard ! Die heilige Anna , die das Kind Maria unterrichtet . « - » Wie finden Sie das Gemälde ? « - » Es scheinen Porträte zu sein ; in dem Kinde erkenne ich Julianen wieder . « - » Sie ist es auch in der Tat . « - » Es ist nicht übel gemalt ; ganz vorzüglich ist aber das Charakteristische in den Köpfen sowohl , wie in der ganzen Anordnung des Gemäldes . Die horchende Aufmerksamkeit , die Begierde nach dem Unterricht , und der Glaube in dem Kinde , wie der Hals , der Kopf , mit dem Blick zugleich , sich vorwärts und in die Höhe richtet , der halbgeöffnete Mund , als fürchtete sie etwas zu verhören , und als wollte sie die Lehren durch alle Sinne in sich auffassen . Dabei die Hingebung , das Vergessen ihrer selbst in der kleinen Figur , die halb liegend sich dem Schoß der Anna anschmiegt ; es ist schön , und zart gefühlt . Und diese Anna , gewiß eine Heilige ! Diese Hoheit , dieser milde Ernst in den verklärten Augen ! mit welcher Liebe sich ihr Haupt zu dem Liebling hinneigt , sich ihre Tugend lehrenden Lippen öffnen ! Ruhe und Würde in der ganzen Gestalt , und wie erhaben diese Hand , die gegen den Himmel zeigt ! Ist auch diese Anna ein Porträt ? « - » Es ist eine Schwester des Grafen , die er vorzüglich liebt ; Gräfin Clementina ; Sie haben uns schon von ihr sprechen hören , sie wird von uns gewöhnlich die Tante genannt . Juliane hat ihre erste Erziehung bei dieser Tante erhalten ; die Mutter hatte sie ihr , da sie ihre Jugendfreundin ist , und ihres ganzen Zutrauens genießt , bald nach ihrer Geburt überlassen , weil sie damals ihrem Gemahl nachreisen mußte , der gefährlich verwundet war , und den sie keiner fremden Pflege überlassen wollte . Sie verließ ihn nun nicht wieder , begleitete ihn sowohl auf seinen Feldzügen , als auf seinen Reisen , da er an verschiedenen Höfen als Gesandter stand . Unterdessen erreichte Juliane beinahe ihr vierzehntes Jahr bei der Tante , und verehrt sie als Mutter . « - » Doch muß die Gräfin Clementina dem Bilde nach noch sehr jung sein , obgleich der Idee und dem Kostüm zufolge , sie älter sein müßte . « - » Sie haben recht , doch ist sie in der Tat nicht mehr jung , sie ist älter als die Gräfin Eleonora , dieses Bild aber ist eigentlich die Kopie eines Gemäldes , das in ihrer Jugend ist gemacht worden . Sie ward damals als heilige Cäcilia gemalt ; sowohl dieses Bild , das sie dem Grafen auf sein Bitten malen zu lassen erlaubte , um ein Denkmal der Zeit zu stiften , in der sie Julianens Lehrerin war , als das , welches unter den andern Familiengemälden in der Galerie hängt , und auch das Miniaturbild , das Juliane an ihrer Brust trägt , sind Kopien nach dieser Cäcilia , welche von einem schon verstorbenen fremden Künstler gemalt ward ; seinen Namen weiß ich nicht . Die Tante war nie dazu zu bewegen noch einmal einem Maler zu sitzen . Merkwürdig ist es , wie diese Bilder alle noch der Gräfin Clementina ähnlich sind , obgleich es schon vielleicht dreißig Jahre her sein mag , daß sie gemalt ward , und ein tiefer Gram in ihren Gesichtszügen gewütet hat . « - » Gut , daß mich Ihre gütige Ausführlichkeit warnte « , rief Florentin lachend ; » war ich doch in Gefahr mich in diese heilige Anna , und das in meinem Leben zum ersten Male ernstlich zu verlieben . Bald wäre ich ausgezogen , nach echter Rittersitte , das Original zu meinem Gemälde zu finden , und hätte es dann auch wirklich gefunden ... in einer ehrwürdigen Matrone . « - » Haben Sie wirklich noch nie ernstlich geliebt , so verdienen Sie ein solches Schicksal . Ich werde Sie bei den Frauen für diesen Frevel hart anklagen . « - » Wagen Sie es nicht . Sie könnten sich selbst eine Strafe für Ihre Verräterei zuziehen . « - » Ich wage nichts , man wird es Ihnen nie verzeihen , sich von einem Gemälde haben hinreißen zu lassen , da Sie die Gegenwart der schönen Frauen selbst so ruhig läßt . « - » Nun auch dafür müssen Sie nicht gut sagen ; doch im Ernst , das Gemälde hat mich bewegt , und ich stehe mit wahrer Andacht davor . Guter Eduard ! ich hoffe Sie fühlen es , wie glücklich Sie sind , und wie wenigen es vergönnt wird , eine solche Jugend zu haben ! « - Eduard schien bewegt , und sie gingen beide schweigend hinunter zur Gesellschaft . Viertes Kapitel So verstrich ein Tag nach dem andern . Man kann sich keine angenehmere Lebensweise denken , als die auf dem Schlosse geführt ward . Ein Vergnügen reihte sich an das andere ; Tanz , Musik , Jagd und Spiel wechselte lustig ab , und in der Einsamkeit suchte jeder nur die Ruhe , um sich zu neuen Ergötzlichkeiten zu bereiten . Die Liebenden erwarteten beide den Tag ihrer Vermählung sorglos und fröhlich , es stellte sich ja nichts ihren Wünschen entgegen ; doch mit ganz verschiedenen Empfindungen . Eduard hatte eine peinigende Ungeduld Julianen ganz die Seinige zu nennen ; er liebte sie mit der ungestümen Heftigkeit des Jünglings ; er dachte , er träumte nichts als den Augenblick , sich im ungeteilten ungestörten Besitz der schönen Geliebten zu sehen ; seine Phantasie lebte nur in jenem so heiß ersehnten Moment , alles Leben bis dahin würdigte er nur als Annäherung zu jener Zeit , wie der Gefangne , der der bestimmten Befreiung entgegensieht . Von dieser Ungeduld begriff Juliane nichts . Mit aller Innigkeit ihres reinen Herzens liebte sie ihn ; niemand war ihr jemals liebenswürdiger erschienen ; sie gab sich ihm gern , sie war von jeher schon mit der Idee vertraut , und hatte es als ihr Schicksal ansehen gelernt ihm anzugehören . Aber den Tag erwartete sie mit großer Ruhe ; klopfte auch ihr Herz stärker bei dem Gedanken , so war es mehr eine bängliche Ahndung , die furchtsame Scheu des sittsamen Mädchens , als die Erwartung eines größern Glücks ; sie ahndete kein größeres Glück , als daß es immer so bliebe , wie es war , es fehlte ihr so gar nichts . Sie nahm an allem den gewöhnlichen Anteil , hatte die immer gleiche , besonnene Aufmerksamkeit auf die Gesellschaft , Eduard mochte zugegen sein , oder nicht . Sie war also nicht so beschäftigt , daß sie nicht hätte wahrnehmen sollen , welchen Eindruck ihre Schönheit auf Florentin gemacht hatte . Er hatte die allgemeine Aufmerksamkeit erregt . Es schmeichelte der Eitelkeit des Mädchens , die seinige auf sich zu ziehen ; es interessierte sie kindisch , den stolzen Mann zu beherrschen . Ohne es sich bewußt zu sein , und sich ganz der fröhlichen Stimmung hingebend , zog sie ihn mit einer feinen , ihr natürlichen Koketterie an . Florentin fand sie immer schön , reizend , liebenswürdig , es ergötzte ihn , sie so eifrig bemüht und beschäftigt um ihn zu sehen , und die kleinen Schelmereien des jungen Herzens zu belauschen ! Daß er aber gleich am ersten Abend so mit sich zu Rate gegangen war , schützte ihn gegen jeden tiefern Eindruck . Auch war es ihm nicht entgangen , daß sie willens war , ihn zum Spiel ihrer Eitelkeit zu machen , und nichts konnte so seine Phantasie zügeln , als wenn er irgendeine Absicht merkte . Er war leicht kindlich vertrauend : dann konnte er aber auch bis zur Ungerechtigkeit argwöhnend sein . Doch interessierte ihn Juliane sehr , die Tiefe ihres Gemüts war ihm nicht entgangen , trotz der Anlage zur Koketterie , und dem etwas künstlichen Wesen , welches ihre Erziehung und ihr Stand ihr gegeben hatte , und das ihn immer etwas entfernte , obgleich er es hier in so schöner Gestalt erblickte . Lange konnte er es doch nicht aushalten , sie unzufrieden zu sehen ; so oft er sie durch ein zu kühnes Wort , oder eine Anspielung , die ihre Eitelkeit strafte , erzürnt hatte , so wußte er sie gleich wieder durch irgendeine Überraschung oder eine kleine schmeichelhafte Aufmerksamkeit zu versöhnen . Er stimmte nie mit ein , wenn sie in Gesellschaft von den um sie her flatternden Herrn wegen ihres Gesangs oder Tanzes , oder ihrer Schönheit erhoben ward ; vielmehr suchte er sie dann durch einen kleinen Trotz , eine Art von Vernachlässigung zu demütigen . Wenn sie sich aber irgendeiner Regung ihres guten empfindlichen Herzens überließ , oder in ihrer natürlichen Anmut , kunstlos , ohne Anmaßung und ohne Absicht sich gar nicht bemerkt glaubte ; dann wußte er ihr etwas Angenehmes zu sagen , oder sie durch einen Blick seiner Teilnahme zu versichern . Dann ließ er sich auch gern ihre kleine Siegermiene gefallen , und ertrug gutmütig ihre mutwilligen Neckereien . Nach und nach war die Zufriedenheit ihres launenhaften Lehrers allein bedeutend für Julianen ; der laute Beifall der Menge ward ihr gleichgültiger , zuletzt beinah verhaßt . Eduard bemerkte mit Freude diese Veränderung . Er scherzte eines Tages darüber , daß Florentin mehr Einfluß auf ihre Bildung habe als er . - » Sie haben mir es niemals merken lassen « , sagte Juliane , » daß ich zu eitel sei . « - » Ich liebte Sie Juliane , so wie Sie sind . « - » Und jetzt merken Sie erst , daß ich besser sein könnte ! ich kann mich wenig auf Ihre Erziehungskunst verlassen . « - » Die Liebe weiß nur zu lieben ; wie sollte sie erziehen ? « - » Sie erzieht freilich « , sagte Florentin , » aber nicht den andern . « - » Machen Sie meiner Liebe einen Vorwurf , unartiger Florentin ? « erwiderte Juliane . » Nein , vielmehr spreche ich sie dadurch rein von einem Vorwurf , den man ihr allerdings machen könnte . « - » Nun ? « - » Nun , daß Sie Eduard nicht besser erzogen haben . Denn er wird es doch nicht leugnen , daß er die Huldigungen Ihrer Eitelkeit mit noch weit größerer und sträflicherer Eitelkeit sich hat gefallen lassen . Es ist in der Tat eine schwierige Untersuchung , wer von Ihnen beiden mehr Erziehung oder weniger Liebe hat . « - » Trauen Sie sich zu , uns in beiden zu übertreffen ? « - » Ich , ihr Guten , kann weder mein Leben , noch meine Liebe mit dem Kunstwerk der Erziehung vergleichen ! « - - » Man kann nicht anders als sich für ihn interessieren « , sagte Juliane , » aber er ist doch zu sehr verschlossen gegen seine Freunde , es ist ihm auf keine Weise beizukommen . « - » Doch hat vielleicht niemand mehr als er die Fähigkeit , Freund zu sein « , sagte Eduard . » Wissen wir doch nicht , wie oft er schon ist hintergangen worden ; reizbar wie er ist , muß jede üble Behandlung ihn wohl auf lange verstimmen . « Florentin vermied anfangs Eduards Annäherung mit eigensinnigem Stolz , ob er ihn gleich im Herzen wohl leiden mochte . Eduard ließ sich aber nicht dadurch abschrecken , er gewann immer mehr Anhänglichkeit für ihn , näherte sich ihm mit freundlicher , bescheidener Aufmerksamkeit , und suchte seinem etwas wilden , nach Freiheit strebenden Sinn mit dem feinen , gebildeten Geist , der ihm eigen war , zu begegnen ; es mußte ihm gelingen . Florentin fühlte endlich , daß er am unrechten Ort mißtrauend gewesen war . Mit der Überzeugung seines Unrechts erweichte sich auch sein absichtlich verhärtetes Gemüt gegen Eduard , er wurde bald offner und geselliger gegen ihn . Auf einem Morgenspaziergang öffneten sich ihre Seelen gegeneinander ; sie nannten sich seitdem Freunde . Florentin gewann Eduard so lieb , daß er ohne Wehmut bald nicht daran denken konnte ihn zu verlassen ; doch mußte und sollte es geschehen ! So waren Wochen verflossen ; mit einer jeden nahm er sich ' s fest vor , in der nächsten zu reisen ; immer hielt ihn aber das Bitten seiner neuen Freunde und seine eigne Neigung fest . Zum erstenmal empfand er die Bitterkeit der Trennung ; bis dahin hatte er alles , was er jemals verließ , gleichgültig verlassen . Fünftes Kapitel Gräfin Clementina hatte eine junge Anverwandte bei sich . Diese kam , und machte Julianen einen Besuch , indem sie zugleich einen mündlichen Auftrag der Gräfin Clementina an Julianens Eltern ausrichtete mit der Bitte , die Vermählung noch einige Wochen aufzuschieben , weil sie in diesen nächsten Tagen abgehalten würde , zugegen zu sein , wie sie es doch sehr wünschte . Sollte der Tag aber schon unwiderruflich festgesetzt sein , und es bei der ersten Verabredung bleiben müssen , so wäre sie genötigt diesen Wunsch aufzugeben . Doch ersuchte sie ihren Bruder und Eleonoren , wenigstens noch einen Brief von ihr abzuwarten ; sie hätte ihnen noch einiges zu sagen , wäre aber durchaus in diesem Augenblicke nicht imstande zu schreiben ; doch sollte es in den nächsten Tagen geschehen . Eduard war nicht leicht zum Aufschub zu bewegen , seine Ungeduld , die schöne Juliane ganz die Seinige zu nennen , wuchs mit jedem Tage , und seitdem er Florentin kannte , schien sie den höchsten Punkt erreicht zu haben . Doch mußte er es sich aus