ich , indem ich ängstlich ihre Hand ergriff - o Marie ! nur das einzige Wort ! - Wer weiß ob wir uns wieder sehn - Marie ! bereuen Sie es ? - Sie schwieg - aber noch eine Secunde und alles war verwandelt . - Dieser Blick ! dieser Händedruck ! - sie war fort , aber der Himmel blieb in meinem Herzen . Heinrich kam mir mit Vorwürfen entgegen . In einer andern Stimmung würden sie mich aufgebracht haben - Jetzt aber ließ ich ihn gelassen fort reden . Erst lange nachdem er mir mehrmals die wahrscheinlichen Folgen meiner Unvorsichtigkeit vorgestellt hatte ; fing ich an mein Unglück zu begreifen . Aber es wirkte nur auf meinen Verstand , mein Herz war noch immer voll Entzücken . » Sie liebt dich ! « war mein letzter Gedanke , an diesem traurig - schönen Tage - sie liebt dich ! war mein Erster am folgenden Morgen beym Erwachen . Zwölftes Kapitel Als ich mich den andern Morgen nach einer durchwachten Nacht , wieder auf den Weg zu meiner Eiche machte : kam mir Heinrich mit einem blassen und verstöhrten Gesicht entgegen . » Was ist dir ? « - fragte ich ; und zitterte vor der Antwort . Er . Marie ist krank . Ich . Woher weißt Du das ? Er . Die Mutter hat es mir gesagt . Auch ist der Reisewagen reparirt und eine Menge Briefe geschrieben worden . Ich . Wohin ? Er . Zwey nach England , einer nach Hamburg , die Andern ? ..... habe ich vergessen . Ich . O mein Gott ! Er . Sie sind zu rasch gewesen . - Ich . Konnte ich anders ! Er . Ja aber nun - - Ich . Ach Heinrich hilf mir ! Er . Gern ! gern ! aber wie ? - wer kann sie halten ? - sie sind frey , und man versprach ihnen einen ruhigen Aufenthalt . Ich . Heinrich ich muß sie sehen ! Er . Wen ? Ich . Wenigstens die Mutter . Er . Ich will mein Möglichstes thun : aber ich zweifle . Er ging , und kam mit der Antwort zurück : es sey heute unmöglich . » Aber morgen « - rief ich . - » Auf morgen - sagte er - habe man weder ab noch zusagen wollen . « Ich . Und Marie ? Er . Hat sich den ganzen Tag nicht sehen lassen . » Meine Flöte « ! - rief ich - meine verdammte Flöte ist an Allem Schuld ! und jetzt würde ich sie an einem Baume zerschmettert haben , wenn sie mir Heinrich nicht entrissen hätte . Gieb mir sie wieder - sagte ich wehmüthig ; indem ich mich unter meine Eiche warf - gieb mir sie wieder ! ich liebe sie doch noch : denn nur sie kann sagen was ich leide . Er gab sie mir ; aber ich vermochte keinen Ton heraus zu bringen . Ach ! kann der höchste Schmerz noch klagen ! - - Heinrich bezeigte mir sein Mitleid ; aber es rührte mich nicht . In Wehmuth versunken , saß ich an meine Eiche gelehnt , die Augen unverwandt auf Mariens Fenster gerichtet . » Es kann nicht schlimmer werden als es schon ist « ! - rief ich endlich ; indem ich mich aufrafte . Wenigstens will ich sie noch einmal sehen ! werde daraus was da wolle ! - Jetzt war ich an Mariens Fenster . Ich wußte daß es sich nach innen öffnete . Mit einer Art von Verzweiflung stieß ich dagegen . Es mußte nicht recht geschlossen gewesen seyn ; denn es sprang augenblicklich auf , und Marie fiel mit einer Ausrufung des Schreckens in ihren Sessel zurück . Sie hatte geschrieben , und ihre Augen waren roth von Weinen . » Ach Marie « ! - sagte ich ; und streckte meine Arme sehnsuchtsvoll nach ihr aus . - » Meine Mutter « ! - antwortete sie mit halb erstickter Stimme . Ich . Marie ! werden Sie reisen ? Sie . Ich fürchte es . Ich . Werden wir uns wiedersehen ? Sie . Ach Gott ! Ich . Marie haben Sie mir nichts zu geben ? - haben Sie kein Andenken für mich ? - Sie stand auf und schien sich dem Fenster nähern zu wollen ; aber plötzlich trat sie zurück , und eine hohe Röthe überzog ihre Wangen . » Marie ! « - sagte ich - warum gehen Sie zurück ? - wollen Sie mich noch unglücklicher machen ? - wollen Sie mich aufs Aeußerste brinaen ? - Blaß und erschrocken näherte sie sich jetzt dem Fenster . Ich bedeckte ihre Hand mit brennenden Küssen ; und beschwor sie : ihre Abreise wenigstens um einige Tage zu verzögern ; als plötzlich ein Geräusch an ihrer Thüre entstand . » Ein Andenken Marie ! « - rief ich ; und Liebe und Verzweiflung kämpften in meinem Herzen . » Ein Andenken « ! - wiederholte ich ; und versuchte einen goldnen Ring von ihrem Finger zu ziehen . Das Geräusch verstärkte sich , ihre Hand konnte nicht widerstehen - der Ring war mein ! - noch einen Blick in das Himmelauge , und ich war verschwunden . Ach ! am folgenden Morgen waren auch sie verschwunden , und keine Spur von ihnen zu entdecken . Da fällt eine Thräne auf meine Hand - sie gehört der ersten Liebe - wer darf sie tadeln ? Zweytes Buch Erstes Kapitel » Lassen Sie uns reisen ! - sagte Heinrich , als wir eines Abends sterbens müde und abermahls vergeblich von unsern Streifereyen zurückkehrten - » lassen Sie uns reisen ! hier finden wir sie doch nicht ! « » Du hast Recht ! « - rief ich - reisen wollen wir ! gleich über Hamburg nach England ; da müssen wir sie finden ! Heinrich . Da gewiß am wenigsten . Ich . Warum ? Er . Weil sie England mehr vermeiden als suchen werden . Mehrere Aeußerungen der Mutter verriethen das . Ich . Aber Engländerinnen waren sie ; das ist gewiß . Er . Nach ihrer Aussprache kam es mir selbst so vor . Das widerspricht aber meiner Vermuthung ganz und gar nicht . Glauben Sie mir , lassen Sie uns nach Berlin gehn . Ich . Sollten sie da seyn ? - Er . Wer weiß ! - überdem war es ja auch unser Plan über Berlin und Wien nach Italien zu reisen . Ich . Ach Berlin , Wien , Italien , die ganze Welt ist mir zuwider , finde ich sie nicht ; so ist mir das Leben eine Last . Er . Fassen Sie Muth ! es müßte ... Ich . Muth ! zu einem Leben ohne Liebe ? - Er . Wer sagt das ? Ich . Ihr , Ihr Alle ! mein steifer Herr Hofmeister dazu . - Gottlob daß ich ihn endlich einmal los bin ! - ginge es nach Eurem Willen , so säße ich den ganzen Tag und schwitzte über großen Quartanten . Ach das ekelhafte Gewäsch von Pflicht ! wie ist es mir doch in den Tod zuwider ! Pflicht ! Pflicht und nichts als Pflicht ! - der Henker hole Eure Pflicht ! - meine erste Pflicht ist mich glücklich zu machen ! - Er . Mögten Sie nur den rechten Weg dazu nicht verfehlen ; wenn Sie doch einmal nicht mehr als glücklich seyn wollen . » Nein bey Gott ! « rief ich , mit einem bittern Lächeln - » mehr will ich nicht seyn ! Und mein hochweiser Herr Professor , womit könnten Sie denn sonst noch dienen ? - was kann man denn mehr seyn als glücklich ? « - Er . Gut . » Höre ! « - sagte ich ärgerlich - » nur nicht wieder mit deinen Rasereyen ! - mach Anstalt zur Reise ! morgen will ich mit der Tante sprechen . « Zweytes Kapitel Meine Tante konnte und durfte nun freylich keinen andern Willen haben , als den Meinigen ; gleichwohl that ich dieses Mahl was sie wünschte , und nahm meinen Weg nach Berlin . Theils weil ich keine Hoffnung hatte , Marie in England zu finden , theils weil mich in Berlin ein angenehmer Zirkel von Freunden und Bekannten erwartete . Ich bekam Empfehlungsbriefe die Menge und noch vor Ende des Junius waren wir vollkommen einheimisch daselbst . Heinrich warf sich nun von Neuem auf seine Bücher , während ich auf den Spaziergängen herumstrich , und keinen Abend das Schauspiel verfehlte , um Marie wo möglich zu entdecken . Das Einzige , was mich noch etwa außerdem beschäftigte : war Musik und Geschichte . Musik , um für meinen Schmerz einen Ausdruck zu finden , und Geschichte , um Heinrich durch Thatsachen niederzuschlagen ; wenn er etwa für gut finden sollte , mir seine Puppe die Vervollkommung des Menschengeschlechts anzupreisen , Ach meine , durch die Liebe genährte und unterdrückte Sinnlichkeit , und die beständig getäuschte Hoffnung Marie zu finden - alles gab meinem Charakter jetzt eine Bitterkeit , welche bey dem gänzlichen Mangel an Selbstüberwindung oft in eine Art von Wuth überging . Mehrere meiner Empfehlungsschreiben waren schon abgegeben , aber noch hatte ich mich zu keinem Besuche entschließen können . Im Gegentheil war ein alter Freund meiner Tante wirklich durch mich beleidigt . Er begegnete mir auf einem Spaziergange , und erkundigte sich mit vieler Theilnahme nach meinem Befinden . Meine Tante hatte mich allenthalben als krank angekündigt ; und leider war es dem Herzen nah nur gar zu wahr . Aber in dem Augenblicke , da ich ihm meine Dankbarkeit bezeigen wollte ; ward ich ein Frauenzimmer gewahr , das mir eine auffallende Aehnlichkeit mit Marien zu haben schien . - Mehr bedurfte es nicht , um mich den guten alten Mann und alles was er mir sagte , vergessen zu machen . Ich eilte hinter dem Frauenzimmer her , und wurde erst spät meine große Unhöflichkeit gewahr . Aehnliche Züge , besonders das anscheinend zwecklose Verfolgen der Frauenzimmer , erwarben mir bald den Nahmen des schönen Verrückten , und es wurde für die Damen ein interessantes Geschäft , sich einander zu erzählen : wann , wo , und wie oft , sie den schönen Verrückten gesehen hatten . Jetzt drang man mit einer Menge Einladungen auf mich ein , und ich mußte mich , ohngeachtet meines großen Widerwillens , entschließen , wenigstens mit einem Hause den Anfang zu machen . Drittes Kapitel » Ein Ball ? - ja das lasse ich mir gefallen ! - Marie - wer weiß - o Gott wenn es möglich wäre ! - ja ! ja ich nehme es an ! überdem finde ich dort eine Menge Bekannte , und kann bey der Gelegenheit am besten eine Auswahl treffen . « Da war ich denn mitten unter einem Haufen geschminkter und ungeschminkter Schönen . - Ach , ich suchte ein Mariengesicht , aber es war nicht zu finden . Nackte Arme , zur Schau ausgestellte Busen , übermäßig zärtliche Augen . - Das alles wirkte freylich auf meine Sinne , aber mein Herz fühlte sich dennoch verwaist . Indem nun Sinnlichkeit und Schmerz sich meiner abwechselnd bemeisterten ; fiel es mir auf , daß Alt und Jung , sobald der Tanz geendigt war , nur immer nach einer Seite des Zimmers hinströmte . Neugierig drängte ich mich vor , die Ursache davon zu entdecken , und wurde zu meinem größesten Erstaunen , mitten in einem Zirkel von jungen Männern und blühenden Mädchen eine Person gewahr , welche weder schön noch jung und beynahe in ein sehr einfaches graues Kleid verhüllt war . » Unbegreiflich ! « - sagte ich zu meinem Nachbar - wegen dieser Person drängt sich alles dahin ! - Er . Sehr begreiflich ; wenn man sie kennt . Ich . Aber wer ist sie denn ? Er . Die Tochter des berühmten R. Ich . Mein Gott , die Freundinn meiner Tunte ! ich habe ein Empfehlungsschreiben an sie ; aus Furche habe ich es noch nicht abgegeben . Er . Wovor fürchten Sie sich denn ? Ich . Himmel , eine alte Jungfer ! - Er . Ja , aber was für Eine ! - Ich . Wahrhaftig , Sie könnten mich neugierig machen ! - Er . Das wünsche ich um Ihrentwillen . Ich . Wohl gar eine Gelehrte ? Er . Freylich , wenn Sie es so nennen wollen . Doch wenn Sie selbst kein Gelehrter sind ; so können Sie Jahre lang mit ihr umgehen , ohne etwas davon gewahr zu werden . Ich . Nun , das nenne ich mir ein Wunder ! Er . In der That , ein Wunder von Sanftmuth , Bescheidenheit und überschwenglicher Herzensgüte . Ich . Sie werden ja recht warm . Er . So wie jeder , der von ihr spricht . Ich . Aber wie konnte diese Person unverheurathet bleiben ? Er . Ihr Bräutigam starb ; und nachher hat sie sich zu keiner Verbindung wieder entschließen können . Aber was fehlt Ihnen ? Sie werden blas . » Wahrscheinlich die eingeschlossene Luft « - sagte ich stotternd und eilte nach Hause . » Ach Unglückliche ! « - rief ich - » so fandest du nie wieder , was du verlorst ! und doch hast du das Leben ertragen . Dich muß ich kennen lernen ! « Viertes Kapitel Den folgenden Tag ließ ich mich bey ihr melden und ward , zu meiner großen Freude , sogleich angenommen . Kaum hatten wir eine halbe Stunde mit einander gesprochen ; so war mir , als hätten wir uns Jahre lang gekannt , und als könne ich ihr die geheimsten Empfindungen meines Herzens entdecken . Ihr schönes offnes Auge schien lange gewöhnt , über den Kummer dieser Erde hinwegzublicken , und in ihrem Gesichte herrschte eine Ruhe , welche unmerklich in die Seele des Andern überging . In allem was sie sagte , lag ein so großer , schöner Sinn , den man aber erst lange nachher entdeckte , wenn sie wieder geschwiegen hatte . In dem Augenblicke wo sie sprach , schien sie bey ihrem äußerst einfachen Wesen , etwas ganz gewöhnliches zu sagen . Man kann denken , ob ich sie ungern verließ . - Ich hatte sie um die Erlaubniß gebeten , sie wieder zu sehen , und sie hatte sie mir in einem Tone gegeben , der sehr deutlich verrieth , wie weit sie sich über die Jahre hinausglaubte , wo Mangel an Zurückhaltung gefährlich werden kann . In der That nutzte ich jetzt diese Erlaubniß auf das Aeußerste ; es verging kein Tag , wo ich sie nicht wenigstens einmal sah , und bald ward es mir zum süßen Bedürfniß , ihr alle meine Gedanken und Empfindungen mitzutheilen . Stundenlang unterhielten wir uns von Marie , und von allem was ich gehoft und gelitten hatte . Ach , so wie sie mich verstand ; konnte mich Heinrich nimmermehr verstehen . - Nein ! dieses gänzliche Dahingeben in ein fremdes Interesse vermag kein Mann von sich zucrzwingen . Mein bitterer , verschlossener Gram sing endlich an , sich immermehr in zärtliche Wehmuth zu verwandeln ; aber die Leidenschaft hatte meinen Körper schon zu sehr erschüttert : und ich fühlte bestimmt , daß ich einer ernstlichen Krankheit nicht entgehen würde . » Wenn ich krank werde « - sagte ich zu Sophien - » so bleibe ich bey Ihnen . Nicht wahr ? Sie verstoßen mich nicht ? « - Sie antwortete mir mit einem gutherzigen Lächeln ; und dachte freylich nicht , daß dieser Fall jemals kommen würde . Aber als wir eines Abends im traulichen Gespräche neben einander saßen , überfiel mich plötzlich ein Schwindel , und als ich das Bewußtseyn wieder erhielt , fand ich mich auf einem Bette , in einem unbekannten Zimmer , Sophie und den Arzt an meiner Seite . Fünftes Kapitel » Wo bin ich ? « - rief ich aus - » was für ein Zimmer ist das ? « » Das Schlafzimmer von Mlle. R. « - sagte der Arzt - » was Sie auch sobald noch nicht verlassen werden . « » Glauben Sie wirklich ? « - fragte Sophie erröthend . - » Daß unter vierzehn Tagen an keine Veränderung zu denken ist « - antwortete der Arzt . » Ich müßte mich sehr irren oder die Masern sind im Anzuge , und Ihre Frau Tante hat mir Ihre Gesundheit zu dringend empfohlen , als daß ich Sie einer so guten Pflege entziehen sollte . « » Verhalten Sie sich nach meiner Vorschrift , « - fuhr er , zu Sophien sich wendend , fort - » morgen früh komme ich wieder . « Jetzt waren wir allein . Sophie stand am Fenster . » Warum so fern ? « - sagte ich , und streckte bittend meine Hand nach ihr aus - » Sie wünschen etwas , Herr von S. - vielleicht zu trinken ? « - antwortete sie , und ihre Miene war ein Gemisch von zärtlicher Wehmuth und lieblicher Verschämtheit . - » Ja , ich wünsche etwas , « - wiederholte ich , und indem sie mit besorgter Neugier näher trat , schlang ich meine beyden Arme um sie und drückte mein Gesicht fest an ihre schöne Brust - » ja , ich wünsche ewig an diesem großen Herzen zu ruhen ! dann sollte mich kein Unglück treffen , und alle kleinlichen Leidenschaften würden auf immer von mir entfernt bleiben . « » Mein lieber Sohn ! « - sagte sie , und ich fühlte ihre Lippen auf meiner Stirne - » ich bitte Sie , seyn Sie ruhig ! Sie haben jetzt etwas Fieber , und die Erschütterungen könnten Ihnen sehr nachtheilig werden . « » Sie haben jetzt etwas Fieber ! « - wiederholte ich empfindlich , und verbarg mein Gesicht in die Kissen . Lange spielte ich so den Beleidigten , hoffend , sie würde mich durch irgend etwas zu versöhnen suchen ; aber als ich endlich wieder aufblickte , sah ich das Zimmer leer , und bald darauf , statt ihrer , Heinrich hereintreten . Sechstes Kapitel » Was willst du ? « - rief ich ihm ärgerlich entgegen - » doch wohl nicht den Krankenwärter machen ? « » In der That , das war meine Absicht ! « - sagte er , indem er mich mit seinen großen redlichen Augen unbeschreiblich theilnehmend ansah . » Du begreifst aber , « - fuhr ich ungeduldig fort - » daß das nicht angeht . - Sollen wir der guten Person zwey Menschen statt Einem aufbürden ? « Er . Sie hat mich aber selbst darum gebeten . Ich . Wer ? Er . Mlle. R. » Ich will nach Hause ! ich will nach Hause ! « - rief ich , von Fieberhitze glühend - und in dem Augenblicke trat Sophie herein . » Mein Gott ! was ist denn vorgefallen ? « - fragte sie erschrocken . » Ich will nach Hause ! « - rief ich abermals - » Sie haben keine Zeit , mich zu warten ! jetzt ist es auch einerley , ob ich genese ! « - Das Fieber nahm zu , und von nun an wußte ich nicht mehr , was mit mir vorgieng . Einst dünkte mich , ich erwache von einem langen schmerzhaften Traume . Da sah ich Sophien schlummernd an meiner Seite sitzen . Ihr Kopf hatte keinen Ruhepunkt und wollte so eben auf eine scharfe Ecke des Bettes sinken , als ich ihn leise mit meinem Arme auffing . Aber in dem Augenblicke fühlte ich einen so lebhaften Schmerz , daß ich nur mit der äußersten Anstrengung einen lauten Schrey zurückhalten konnte . Ich bemerkte Binden an meinen Armen , sah eine Menge Flaschen und Schachteln auf dem Tische , und fing an zu muthmaßen : daß das Alles wohl mehr als ein Traum seyn könnte . Die Uhr schlug zwey , das Nachtlicht brannte sehr dunkel ; aber ich konnte demohngeachtet eine große Veränderung in Sophiens Gesichte wahrnehmen . Die schöne Ruhe war aus ihren Zügen verschwunden , und ein leidenschaftlicher Gram schien an die Stelle derselben getreten zu seyn . » Große , liebenswürdige Seele ! « - dachte ich - » bin ich es ? - hast du um mich getrauert ? - Ach so war deine Ruhe auch nur Täuschung , und so vermag der Gram über dich , was er über uns alle vermag ! - Was werde ich hören müssen ! - Wie viel magst du für mich gelitten haben ! « - Siebentes Kapitel » Ah ! bin ich doch eingeschlummert ! « - sagte sie , als sie von einem Zucken meines Armes erwachte , und suchte ihre Verwirrung zu verbergen . » Aber , meine theure Sophie ! « - fiel ich ein , indem ich auf die Flaschen zeigte - bin ich denn wirklich so krank gewesen ? « Sie . Leider mehr , als Sie wissen und glauben werden . Ich . Aber sagen Sie mir doch .... Sie . Ihr Freund Heinrich wird Ihnen alles erzählen . Er ist hier im Nebenzimmer . Erlauben Sie , daß ich ihn rufe . Ich werde den Augenblick wieder bey Ihnen seyn . Jetzt nun sagte mir Heinrich , daß ich nicht die Masern , aber ein sehr heftiges Brustfieber gehabt , fortwährend phanthasirt , und Marien mit lauter Stimme gerufen hätte . Daß Sophie die Einzige gewesen sey , die sich mir habe nahen dürfen , und daß ihre Gesundheit von den vielen Nachtwachen außerordentlich gelitten habe . » Demohngeachtet , « - setzte er hinzu - ist sie mild und thätig geblieben . Marie hatte die Gestalt , diese hat das Herz eines Engels ! » Welche würdest du vorziehen ? « - rief ich , indem ich schnell seine Hand ergriff . Er . Sonderbare Frage ! was meynen Sie damit . Ich . Nun welche würdest du zur Gattin wählen ? Er . Sophie auf keinen Fall ! Ich . Was ! Er . Und darüber wundern Sie sich ? - Ich . Mit Recht . Sagtest du nicht eben : sie habe das Herz eines Engels ? und was findest du Tadelhaftes an ihrer Gestalt ? Er . Nichts . Sie vergessen aber , daß sie wenigstens zehn Jahr älter ist , als ich . Ich . Was macht das ? Er . Sehr viel ! - Alles ! - nach wenigen Jahren würden wir beyde elend seyn . » Geh ! Geh ! « - rief ich , und riß meine Hand aus der seinigen . - Laß mich ruhn ! ich will schlafen . Er ging . Wehmüthig sah ich ihm nach . » Ach , daß er immer Recht haben muß ! « - dachte ich , und sank auf mein Kissen . Achtes Kapitel Jetzt kam Sophie . Ich hatte nicht den Muth die Augen aufzuschlagen . Mich dünkte , sie könne in meiner Seele lesen . - Ach , wie ich mit mir selbst kämpfte ! - eine unwiderstehliche Kraft zog mich hin zu ihr , eine Andere stieß mich zurück . Ihre Stimme hatte etwas unbeschreiblich Rührendes ; und ich fragte nach verschiedenen Kleinigkeiten , blos um sie sprechen zu hören . Sie schien nicht ruhiger , als ich , und vermied absichtlich die Gelegenheit , mir näher zu kommen . » Aber , meine theure Sophie ! « - hub ich endlich an - » Soll mit meiner Krankheit denn mein ganzes Glück verschwinden ? - wollen Sie sich mir nun gar nicht mehr nahn ? « - Sie wollte antworten ; aber die Empfindung schloß ihr den Mund . Mit einer unterdrückten Thräne im Auge reichte sie mir die Hand . War sie wirklich so schön ? oder war es Dankbarkeit , und von neuem erwachte Sinnlichkeit , die sie mir in diesem Augenblicke so reizend machte ? - Genug , die Zukunft verschwand vor meinen Augen ; und mit dem ganzen Wahnsinn der Leidenschaft that ich ihr das Bekenntniß meiner Liebe . Ach ich hatte keinen andern Namen für meine Empfindung ! - arme Weiber ! Wie oft ist dies der Fall bey uns Männern , und wie schrecklich müßt ihr für diesen Irrthum büßen ! - Erst lange nachher habe ich begriffen : in welch einen peinlichen Zustand dies unbesonnene Geständniß Sophien versetzen mußte . Ihr Verstand war im heftigsten Kampfe mit ihrem Herzen , und die Blässe , welche plötzlich ihr Gesicht überzog , bewieß nur gar zu sehr : wie viel sie von diesem Augenblicke für ihre Ruhe befürchtete . Neuntes Kapitel Lange noch vermochte ihre große Seele der Leidenschaft zu widerstehen ; aber eben dadurch wurde diese bey mir nur desto mehr gereitzt . Es blieb mir nicht verborgen , welchen Eindruck ich auf andere Frauenzimmer machte ; und meine Eitelkeit war auf das empfindlichste gekränkt . Schon ahnte ich , bey allem , was Sophie für mich that , wie theuer ich ihr seyn mußte . - Aber konnte das nicht Freundschaft , nicht Edelmuth seyn ? - Gegen wen handelte sie nicht schön , nicht groß ? Wie ! sollte ich mit dem zufrieden seyn , was sie für Alle empfand ? - » Nein ! « - rief ich - » Noch heute soll sie mir sagen , ob sie mich liebt ! bey Gott ! ich will wissen , woran ich bin ! « Sie sagte es endlich . Aber wie sagte sie es ! - Mir war , als dachte mit einem Male eine andere Seele in mir ; als schlüge ein anderes Herz in meiner Brust ; als könnte ich nie wieder etwas Schlechtes thun , oder wollen . Nein ! so uneigennützig , so wahrhaft himmlisch bin ich nie von einem Weibe geliebt worden ! Was hätte aus mir werden können , wenn dieser große Charakter nicht auch seine Schwächen , freilich seine schönen , menschlichen Schwächen gehabt hätte ! - Zehntes Kapitel So lange das Bekenntniß der Liebe noch nicht über Sophiens Lippen gekommen war , herrschte eine schöne Mäßigung in ihrem Betragen ; aber jetzt fing diese an immer mehr zu verschwinden . Sie hatte mir ihren guten Ruf , ja sogar ihre freundschaftlichen Verbindungen aufgeopfert ; jetzt wollte sie alles in mir wiederfinden . Ich ward ihr Abgott ; und alle ihre Gedanken und Empfindungen bezogen sich nur auf mich . Unser ganzes Verhältniß war mit einem Male verwandelt . Das Wesen , das vormals so weit über mich erhaben schien , lag jetzt zu meinen Füßen , verehrte meine Worte wie Orakelsprüche , und zitterte , wenn ich die Stirn runzelte . Welcher Mann hätte ein solches gänzliches Dahingeben ertragen , welcher Mann hätte es verdienen können ! - mich bethörte es so sehr , daß ich von dem achtungsvollsten Betragen zur beleidigendsten Unart überging . Aber gerade das stille , von aller Leidenschaft entfernte Wesen war es ja auch , was mein unruhiges Herz zu Sophien geneigt hatte . - Ich wähnte , sie sollte mich heilen , sie sollte über die Stürme des Lebens mich erheben - und ach ! jetzt ward sie selbst davon ergriffen . Was ich suchte , was ich liebte , war verschwunden - ich Grausamer hatte selbst nicht geruht , bis es zerstört war . Ihr unglücklichen Weiber ! wie könnt ihr so thöricht seyn , eure ganze Glückseligkeit den Händen eines Mannes , eines angebohrnen Feindes , zu vertrauen ! - Nein , wollt ihr euch nicht dem schrecklichsten Elende Preiß geben : sucht immerhin uns glücklich zu machen , aber hofft es nie durch uns zu werden . Eilftes Kapitel Die Periode , wo Sophie meinen Geist und mein Herz beschäftigt hatte , war also vorüber , und der Wahn von ihrer höheren , mir noch unbekannten Glückseligkeit verschwunden . Ach sie suchte diese Glückseligkeit ja bey mir , durch mich - Beweiß genug , daß es ihr daran fehlte . Mein Geist ahnte nichts Neues mehr ; und so war die ganze Scene verwandelt . Vormals schien mir aller Erdengenuß in ihre Nähe gebannt ; jetzt ward sie von einer Oede umgeben die mich elend machte . Nun hätte die Sinnlichkeit eintreten und mich , wenigstens für einige Zeit noch täuschen können ; aber Sophie war zu rein , und ich zu neu , als daß von dieser Seite für uns etwas zu hoffen gewesen wäre . Mein Unmuth nahm täglich zu . Ich konnte es Sophien nicht verzeihen , mich , oder vielmehr sich selbst , so schrecklich getäuscht zu haben , und der tollkühne Glaube : sie können nie aufhören mich zu lieben - trieb jetzt meine Unart auf das Aeußerste . Ach noch heute erröthe ich vor den Mißhandlungen , zu welchen ich mich verirrte ! - ich wollte - ohne es mir deutlich bewußt zu seyn - die Gelegenheit herbeyführen , mich von dem Anblicke einer Person zu befreyn , welche nur schmerzhafte Gefühle in mir erregte . Gleichwohl würde die Gewißheit : sie könne sich wirklich von mir losreißen - höchst wahrscheinlich eine plötzliche Verwandlung meiner ganzen Empfindungsart hervorgebracht haben . Doch woher sollte diese Gewißheit kommen ? - Sophiens Liebe schien nur mit ihrem Leben aufhören zu können , und eher würde ich an dem Meinigen , als an ihrer Dauer gezweifelt haben . Aber meiner Eitelkeit und meinem Glauben stand eine harte Prüfung bevor ; und ich selbst mußte sie herbeyführen . Zwölftes Kapitel Nimmermehr ! rief Heinrich ; - als ich mich meiner unumschränkten Herschaft über Sophien rühmte - nimmermehr kann diese geistvolle Person so ganz zum Kinde geworden seyn ! Gut ! - sagte ich - Du sollst einen Beweiß haben der keinen Zweifel übrig lassen wird .