immer tiefer in den Verdruss hinein ; und endigte zuletzt mit dem Entschluss , seine Lage auf einmal und so ganz zu verändern , dass er schlechterdings ausser aller Verbindung mit dem Vater hinausträte , nicht bloss das väterliche Haus , sondern auch die väterliche Stadt verliesse , und an einem ganz fremden Orte mit dem Wenigen , was er vor sich gebracht hatte , ein eigenes Haus errichtete . Die Vernunft selbst , glaubte er , billigte nicht nur , sondern beföhle diesen Entschluss ; denn seine vollen dreissig Jahre hatt ' er bereits verlebt , und zwar in so herznagendem Kummer , in so tödtenden Ärgernissen und Sorgen , dass die zweiten dreissig zu hoffen Thorheit war : und warum er , eines wunderlichen , grillenhaften , unverbesserlichen Vaters wegen , mehr als die erste , schönste Hälfte seines Lebens aufopfern sollte , das konnt ' er nicht einsehn . Sein Herz sprach dagegen zu laut , und im Gesetz fand er ' s nirgend geschrieben . In der That war diese Trennung vom Vater kein neuer , sondern ein schon oft gehegter , und selbst bis zum vollständigsten Entwurf durchdachter Einfall , bei welchem das Wie ? und Wohin ? und durch was für Mittel ? schon längst beantwortet , und nur das Wann ? noch unentschieden geblieben war . Immer war indess dieser Einfall mit dem Zorne , der ihn erzeugt , und mit dem Grolle , der ihn genährt hatte , wieder verschwunden . Wenn er sich jetzt in dem höchsterbitterten Gemüthe des jungen Mannes fester setzte als je , und im kurzen zum entschiednen , unwiederruflichen Vorsatze ward ; so hatte das einen noch ganz andern Grund , als die Launen des Vaters : aber einen Grund , womit Herr Stark sich so äusserst geheim hielt , dass er ihn kaum sich selbst zu gestehen wagte . Von jeher war es sein Lieblingsentwurf gewesen , sich mit einer der reichsten und glänzendsten Partieen der Stadt zu verbinden : jetzt auf einmal spielte die Liebe ihm den muthwilligen , hämischen Streich , dass sie ihn mit allen seinen Neigungen zu einer Person hinriss , die von den Vorzügen , welche sonst Liebe entschuldigen , auch nicht einen befass . Weder war sie von besonderer Schönheit des Gesichts oder des Wuchses , noch stand sie in der ersten Blüthe der Jugend , noch zeichnete sie sich durch grosse , schimmernde Geistestalente aus , die auch ohnehin , an Herrn Stark keinen gar eifrigen Bewunderer mögten gefunden haben . Güter hatte diese Person vollends nur wenig , ausser solchen , die es eigentlich bloss für den ersten Besitzer sind , und die auf Andre als Güter nie so recht übergehen können : ein Paar liebenswürdige Kinder . Kurz , es war eben die Madam Lyk , wegen deren Herr Specht so verhasst war , und über die wir den Vater so strenge haben kunstrichtern hören . Es ist bekannt , dass man in lebhaften Träumen zuweilen sich selbst fragt : ob man denn wache oder nur träume ? und dass die Antwort immer das Gegentheil des wirklichen Zustandes auszusagen pflegt : man wache . Herr Stark hatte mehrmalen , wenn er der Madam Lyk in sehr zärtlichen Empfindungen gegenüber sass , sich ganz ernstlich befragt : ob er noch frei oder verliebt sei ? und immer war noch die Antwort gefallen : frei . Gleichwohl war ihm bei dieser Freiheit nicht so ganz wohl zu Muthe ; denn auf den zwar undenkbaren , aber doch an sich nicht unmöglichen , und nur zum Scherz , so angenommenen Fall , dass er irre , konnte er alle die bittrern Höhnereien vorausdenken , womit ihn zu Hause der Vater , und ausser dem Hause die vielen Familien verfolgen würden , die mit der beschwerlichen Waare ihrer erwachsenen Töchter auf einen so reichen Erben und zugleich so schönen , blühenden Mann , als Herr Stark , trotz allen vom Vater erlittenen Drangsalen , noch immer war , etwa ein Auge haben mögten . Das Beste wäre auf diesen Fall gewesen , Madam Lyk nicht weiter zu sehen ; aber dieses ging , solange man mit ihr an Einem Orte lebte , aus hundert Gründen nicht an : und so ward denn jenes erkannte , oder vielmehr nur ganz undeutlich empfundene Beste dahin näher bestimmt , dass man sich von diesem Orte , je eher je lieber , müsste loszureissen suchen . - Doch , wie gesagt , mit diesem stärkern , eigentlich entscheidenden Bewegungsgrunde kam es zu keinem rechten Bewusstseyn ; Herr Stark hätte Leib und Leben darauf verschworen , dass es bloss der wunderliche , unausstehliche Alte sei , der seinen verdienstvollen , einzigen Sohn , welcher so lange Jahre für ihn und die Familie gearbeitet hatte , in die weite Welt jagte . Wie gut sein Herz seyn müsse , erkannt ' er hiebei aus dem Kummer , womit er an den üblen Ruf und an die ausserordentliche Verlegenheit dachte , in die der Alte unausbleiblich gerathen müsste ; aber einmal wollt ' es dieser nicht anders haben , und der Sohn konnte nicht helfen . VI. Der Einzige in der Familie , der von dem Herzenszustande des jungen Herrn Stark zwar nicht völlige Kenntniss , aber doch ziemlich wahrscheinliche Spuren hatte , war der Schwager , Herr Doctor Herbst . Er hatte dem seligen Lyk , als Hausarzt , in seiner letzten Krankheit gedient ; er wusste , dass wegen Handlungsverdriesslichkeiten grosse Feindschaft zwischen ihm und Herrn Stark dem Sohne geherrscht hatte , und er selbst war Vermittler bei der sehr rührenden Aussöhnung gewesen , die vor dem Tode des erstern vorhergegangen war . Bei dieser Aussöhnung , hatte Herr Stark dem Sterbenden in die Hand versprochen , dass er , auf den Fall seines Hintritts , die Witwe mit Rath und That unterstützen , und besonders die Handlungsangelegenheiten , von denen Herr Lyk gestand dass sie in nicht geringer Unordnung wären , möglichst aufs Reine bringen wollte . Dieses edelmüthige Versprechen hatte Herr Stark mit dem grössten Eifer erfüllt : er hatte ganze Monate hindurch jeden Augenblick , den er eigenen Arbeiten hatte absparen können , den Angelegenheiten der Witwe gewidmet ; und schon mehrmalen hatte der Doctor , wenn er der sehr kränklich gewordenen Frau noch spät Abends einen Besuch gab , ihn in voller , eifriger Arbeit über ihren Büchern getroffen . Er hatte bei dieser Gelegenheit bemerkt , dass die wirklich grossen und liebenswürdigen Tugenden , welche Madam Lyk in ihrer jetzigen traurigen Lage so viel Anlässe zu entwickeln fand , und welchen er selbst volle Gerechtigkeit wiederfahren liess , das Herz des Schwagers nicht ungerührt mögten gelassen haben . Besonders war ihm die Verwirrung und der rasche Unwille aufgefallen , womit einst Herr Stark eine ganz unschuldige , mehr im Scherz so hingeworfene Warnung , sich nicht zu verlieben , aufgenommen hatte ; auch hatte er viel Licht aus der gleich darauf folgenden dringenden Bitte geschöpft , dass er doch , um ' s Himmels willen , von dem ganzen Umgange mit Madam Lyk , in den er ja selbst ihn hineingezogen , der Familie , und besonders dem Vater , kein Wort verrathen mögte . Indessen , so gewiss , nach der Semiotik des Doctors , dieses Zusammentreffen von Diensteifer , Blödigkeit , und Geheimthun auf Liebe hindeutete ; so glaubte er ' s mit dieser Liebe doch keinesweges so weit gediehen , dass er sie in irgend einiger Verbindung mit dem Entschluss hätte denken sollen , den ihm jetzt der junge Mann zu seinem grössten Missfallen kund that . Herr Stark verlangte auch über diesen Entschluss das Geheimniss ; aber dieses schlug der Doctor ihm förmlich ab : er versicherte sich vielmehr sogleich des lebhaftesten Beistandes der Frau mit der Schwiegermutter , um den jungen Mann von einem so raschen und für die ganze Familie so höchst nachtheiligen Schritte zurückzuhalten . Dass es mit diesem Schritte voller Ernst sei : daran konnt ' er nach Allem was er sah und hörte , und besonders nach den Briefen , die man ihm vorgezeigt hatte , nicht zweifeln . Alle Mühe , die man nunmehro vereinigt anwandte , um Herrn Stark zu besänftigen und ihn von seinem Vorsatze abzuziehen , war rein verloren . Den Gründen des Schwagers setzte er andere Gründe , den Bitten und Thränen der Mutter die feurigsten Betheurungen der Liebe und des Gehorsams , mit Ausnahme dieses einzigen Puncts , und den abwechselnden Liebkosungen und Spöttereien der Schwester Unempfindlichkeit und Unart entgegen . Man bemerkte , dass , je mehr man ihn zu beugen und zu erweichen suchte , desto steifer und hartnäckiger er auf seiner Meinung bestand ; und so ward denn , in einer geheimen Familiensitzung zwischen Mutter Schwiegersohn und Tochter beschlossen , dass man einen ganz andern Weg einschlagen , und da mit dem Sohne nichts auszurichten sei , sein Heil mit dem Vater versuchen wolle . Man hielt sich versichert , dass auf das erste freundliche Zureden des Vaters , der Sohn mit Freuden einen Entschluss würde fahren lassen , wobei er selbst am ersten und am meisten verlieren müsste ; auch war man ganz darin einig , dass der hofmeisternde Ton und die spöttelnde Laune des Alten zuweilen ins Unerträgliche fielen ; dass ein Sohn in männlichen Jahren anders , als im Knaben- und Jünglingsalter müsste behandelt werden ; und dass jeder Mensch seine ihm eigene Sinnesart habe , die man wohl in gewissen zufälligen Äusserungen leiten , aber nie im Ganzen und im Wesentlichen umschaffen könne . Der Alte selbst , hoffte man , würde , nach seiner sonstigen Billigkeit und Vernunft , sich hievon leicht überzeugen lassen . Doch , was die Leichtigkeit des Überzeugens betraf , so gerieth man bald wieder in Zweifel . Herr Stark hatte der Proben von Steifheit und Unbiegsamkeit des Charakters zu viele gegeben ; und man ward daher einig , den Angriff auf ihn ja nicht übereilt und tumultuarisch , sondern behutsam und methodisch zu machen . Die Beobachtungen , nach welchen man den Plan verabredete , waren folgende . Der Alte hegte von dem Verstande und der gesunden Beurtheilung des Doctors sehr vortheilhafte Begriffe ; der Doctor demnach sollte zuerst erscheinen , ihm die Entschliessung des Sohns eröffnen , und ihn von der Nothwendigkeit sowohl als Billigkeit , sein Betragen zu ändern , mit Ehrerbietung , aber auch mit Nachdruck , belehren . - Das Wort der Mutter war in Familienangelegenheiten immer von grösstem Gewicht gewesen , und schon oft , obzwar nie in einem so kitzlichen Falle , war ihren dringenden Vorstellungen , wenn auch mit einigem Kopfschütteln , nachgegeben worden ; die Mutter also sollte nach dem Doctor hereintreten , und wenn die Vernunft des Alten schon wankte , den Widerstand seines Herzens durch Bitten , und allenfalls auch durch Thränen , zu brechen suchen . - Von der Tochter wusste man , dass sie mit ihren Schmeicheleien und Einfällen eine wunderbare Gewalt über den Vater hatte , und dass sie , wegen grosser Ubereinstimmung ihrer eigenen Gemüthsart mit der seinigen , sich in allen Krümmungen und Wendungen seiner Laune geschickt ihm nachzuschmiegen , und ihn fast immer zu ihrer Absicht herumzuholen wusste ; die Tochter also sollte zuletzt erscheinen , und dem durch Mann und Mutter schon ganz erschöpften und abgematteten Eigensinne des Alten den letzten Gnadenstreich geben . Bei diesem ganzen schönen Entwurfe , äusserte bloss die Mutter noch etwas Furcht ; der Doctor hielt sich , unter göttlichem Beistande , guten Erfolgs versichert ; und die Tochter vollends vermass sich mit grosser Freudigkeit , dass keine - wenn nur erlaubte und ehrliche - Sache in der Welt seyn müsste , wozu sie ihren lieben , alten , seelenguten Vater nicht hinschmeicheln oder hinbitten wollte . Doch säumen , meinte sie , müsse man nicht mit dem Angriff : denn der Bruder mache schon allerlei bedenkliche Anstalten , die auf eine nahe Abreise zielten ; auch sei nur eben der jährliche Abschluss der Handlungsbücher geendigt , und dieser Zeitpunct müsse dem Sohn zur Trennung vom Vater nothwendig der schicklichste dünken . Das Scharfsinnige dieser Bemerkung , die den beiden andern entwischt war , wurde erkannt und gelobt : ihr zufolge ward nun einmüthig festgesetzt , dass man gleich den andern Morgen sich frisch an das Werk machen wollte . VII. Es war ein Capital zahlbar , und Herr Stark sass vor einem Tische voll Sächsischer , Brandenburgischer , Hannöverischer und Braunschweigischer Neuer Zweidrittelstücke . Er zählte , da der Doctor hereintrat , das angefangene Häufchen von funfzehn Stück geschwind zu Ende , und hiess ihn dann mit frohem Herzen willkommen . Seine erste Frage war nach ihm selbst , und gleich die zweite war nach den Kleinen . Die sitzen zu Hause über den Büchern , sagte der Doctor . Bravo ! bravo ! die fangen früh an ; die werden schon vorwärts kommen . - Und ist denn wirklich Trieb da ? ist Kopf da ? So viel ich jetzt noch beurtheilen kann : beides . Ich bin zufrieden mit meinen Kindern . Ich auch . Ich auch . - Ha , wenn ich die guten Kleinen nicht hätte ! Wär ' ich nicht da ein armer Mann mit alle dem Bettel ? - indem er die Hand verächtlich gegen den Tisch warf . - Für wen in der Welt hätt ' ich gesammelt ? gearbeitet ? Denn mein Sohn da , der Freigeist - - Eben von dem , bester Vater , mögt ' ich mit Ihnen reden . Sehr gerne . Nun ? Nur müssen Sie auch Geduld haben , mich anzuhören . Ich habe . - Zeit und Geduld ; alles beides . Sie sind so eingenommen gegen den Sohn . Sie werfen die Schuld seiner Fehler immer auf ihn allein . - Sollt ' es nicht vielleicht einen Andern geben , der mit ihm theilte ? Einen Andern ? Der mögte mir schwer zu errathen werden . Der ist - ? Ein sonst guter , billiger , vortrefflicher Mann . - Denn um nur Eins zu erwähnen , und eben das was Sie doch am meisten auf ihn verdreusst : Ist ' s so ganz seine eigene Schuld , wenn er noch ledig blieb ? Nun ? ist es denn meine ? Ein wenig , dächt ' ich . O ja ! Oder wenn ' s um und um kömmt , wohl ganz . - Freilich , so ein Weib , wie man sie jetzt täglich zu seinem Ärger herumflattern sieht ; - ein Weib mit Tausenden , das ihm Tausende durchgebracht hätte , das keinen Ball , keine Redoute versäumt , Triset und Liebesintriguen gespielt , weder Mann noch Kinder geachtet hätte ; kurz , Herr Sohn - so ein Weib , wie sie die neueste Modeerziehung ausbrütet , und womit er am Ende wohl gar - mir wird übel und wehe - zu Schimpf und Spott der ganzen Familie , vor ' s Geistliche Gericht hätte laufen müssen : so eins hätt ' er wohl gerne gehabt , von Herzen gerne ! Und konnt ' ich das zugeben ? konnt ' ichs recht sprechen , dass er mit sichtlichen Augen in sein Verderben rennte ? - Wenn ich zu ihm sagte : Sieh , Sohn ! da ist ein hübsches , stilles , sittsames Mädchen , braver , ehrlicher Eltern Kind ; - das wird zwar nur wenig haben , wird vielleicht nichts haben ; aber es ist in Gottesfurcht und in Einfalt erzogen : - nimm ' s ! und es wird dankbar gegen dich seyn ; es wird dich lieben , wird deine Kinder lieben , wird sie erziehen , dass Gott und Menschen an ihnen Freude haben ; wird dir mehr Tausende ersparen , als dir jenes zubringt : konnt ' ich da durchdringen ? - Stand er da nicht vor mir- mit einem Gesichte , mit einer Unterlippe - so hangend ! so albern ! Sie haben freilich Recht - völlig Recht - Nun dann ! Aber wenn Sie ' s auch sonst in Allem , wenn Sie ' s in jeder erdenklichen Absicht hätten : - in einer einzigen , weiss ich doch nicht , ob Sie ' s haben ? - Er sagte dies mit einem sehr bescheidnen , beinahe furchtsamen Tone . Die mögt ' ich doch näher kennen . Die ist - ? Ihre ganze Art , wie Sie Sich mit ihm nehmen . Ihr Ton , worin Sie von früh bis in die Nacht mit ihm reden . Hm ! Aber ich bin nicht unbedeutsam ; ich nehme Lehre an . - Wie soll er gestimmt seyn , mein Ton ? Liebreicher , freundlicher , - väterlicher , wenn ich das sagen darf . Und ist er denn rauh ? Ist er stürmisch ? Wenn er das lieber wäre ! - Dann und wann ein wenig Jähzorn , Unfreundlichkeit , Eigenwillen : wer verzeiht das nicht gern einem Vater , und einem so guten Vater ? Verzeiht das ! - Drollicht ! Nur dann wieder Güte , Offenheit , Liebe , Vertrauen ! - Aber Ihr schneidender , Ihr empfindlicher Ton - - Hier rückte der Alte am Stutz ; und der Doctor fand für gut , etwas lindernde Mittel hinzuzusetzen - - Sie müssen mir das nicht ungütig nehmen ; es geziemt mir freilich nicht , so zu reden ; ich sag ' es nur im Vertrauen auf Ihre Nachsicht - - Ihre ewig fortgesetzten Spöttereien und Anspielungen , die , gleich kleinen Schlägen , jeder an sich nur sanft sind , aber , zu schnell hinter einander und immer denselben Fleck treffend , zuletzt unerträglich werden ; - kurz , Ihr Necken ; Ihre witzigen Ausfälle - - Genug ! sagte der Alte : genug ! Dagegen lässt sich nichts aufbringen . Sie haben Recht . Und dürft ' ich denn also hoffen - ? Was ? - was ? - indem er ihn mit ein Paar grossen und stieren Augen ansah , die den Doctor ganz irre machten : dass ich in meinen Jahren mich ändern ; dass ein alter , verwachsener , knotiger Stamm sich nun noch biegen und ziehen sollte ? - Das ist unmöglich , Herr Doctor , unmöglich ! Nun ward der Doctor , der es so gut gemeint hatte , auch an seiner Seite verdriesslich . - Sie verfallen schon wieder in Ihren Ton . - Schon wieder ? Und das mit Ihnen , mit dem ich doch sonst eben nicht witzle ? - Er sagte das Wörtchen : witzeln , mit einem ganz eigenen Nachdruck . - Nun , Sie sehn dann wohl Selbst : es ist unmöglich , unmöglich ! - Gleichwohl - habe ich Mitleiden mit meinem Sohn ; und ich komme da eben auf einen Gedanken - auf einen , glaub ' ich , guten Gedanken - den aber nur Sie würden ausführen können . Nur ich ? - Sie haben mir so eben Ihre grosse Gabe dazu bewiesen . Wie versteh ' ich das ? Welche Gabe ? Je , die glückliche Gabe , Fehler zu sehn und zu sagen . Wie , wenn Sie nun gingen , und meinem Sohn auch die seinigen sagten ? - denn dass er ihrer hat , dafür steh ' ich . Recht derbe Fehler ! - Wenn Sie zu ihm sprächen : » Sie müssen mir das nicht ungütig nehmen ; es geziemt mir freilich nicht so zu reden ; ich sag ' es nur im Vertrauen auf Ihre Nachsicht « - oder wie Sie es sonst herumbringen ; wie Sie sonst Ihre Pille versilbern wollten : - Sie werden ja das wissen , Herr Doctor - Gut ! gut ! sagte dieser , und biss voll Unmuths die Lippen . Kurz , wenn Sie sprächen : » Die bewusste Unterredung mit unserm Alten hab ' ich gehabt . Es ist doch ein wunderlicher , eigenwilliger , hartnäckiger , alter Mann . Steif ist sein Rücken , und steif ist sein Kopf . Beide würden eher brechen , als biegen . - Wie , wenn lieber Sie , der jüngere Mann , die Fehler ablegten , die den grämlichen Alten auf Sie verdriessen ? wenn Sie , zum Beispiel , ein gesetzterer Mensch , ein sparsamerer Wirth , ein aufmerksamerer Kaufmann würden ? Ich stünde Ihnen dann mit meiner Ehre dafür « - und hier meine Hand , dass Sie Ihr Wort nicht bereuen sollten ! - » ich stünd Ihnen mit meiner Ehre dafür : der Alte sollte uns anders werden ; er sollte seinen Sohn lieber haben , als seinen Witz ; er sollte keine grössere Sorge auf dem Herzen tragen , als wie er den einzigen Erben seines Hauses und seines Namens glücklich machte . « - Hier drehte sich Herr Stark wieder gegen den Tisch , und griff nach den Beuteln - Denken Sie der Sache gelegentlich nach ! Es ist ein Vorschlag zur Güte . Ich sehe wohl , sagte der Doctor , der seinen Verdruss kaum mehr bergen konnte - es ist nichts mit Ihnen zu machen . Finden Sie das ? - Das hat schon Mancher gefunden . Das ist fast immer so mit Leuten , die nach Grundsätzen handeln . Und so muss ich ' s Ihnen denn nur gerade heraussagen . Sie werden erschrecken ; aber - - Ihr Sohn - - Mein Sohn ? Er will von Ihnen - will fort ! Dem Alten war jetzt eben ein Zweidrittelstück in die Hände gefallen , das ihm nicht so recht echt schien . Er besah es von vorn und von hinten , warf es auf den Tisch , um den Klang zu hören , und musterte es endlich aus . - Dreizehn , vierzehn , funfzehn - Will von mir ? Wohin ? So gelassen dabei ? - Aber Sie denken vielleicht : es sei nur Vorwand , nur Kunstgriff . - Ich schwör ' es Ihnen dann auf Ehre : er will fort , will nach Br ... , auf nimmer Wiedersehen . Will er ? - Hahahaha ! Sie lachen ? Über etwas sehr Lächerliches . Nun beim Himmel ! So finde ichs nicht . Aber ich ! - Lieber , lieber Herr Sohn ! So etwas für Ernst zu nehmen ! Und wofür sonst ? Für nichtigen , leidigen , elenden Trotz . Ich fürchte , Sie werden bald anders denken . - Ja , wenn es das erste mal wäre , dass er den Einfall hätte ! Aber er hatt ' ihn schon öfter . - Und so leicht es mir Anfangs ward ihn zurückzuhalten , so schwer ward mir ' s nachher . Natürlich ! Weil Sie Sich gleich Anfangs zu viele Mühe gaben . Er geht aber . Denken Sie an mich , lieber Vater ! Er geht ! - Und nun - was wird die Welt davon urtheilen ? Ihr Sohn ist für keinen üblen Mann bekannt , und Sie Selbst werden ihn so nicht bekannt machen wollen . - Ihre Handlung werden Sie fremden Händen vertrauen müssen . Sie sind zu alt und mit andern Geschäften zu überhäuft , um diese Hände genug zu beobachten . - Ihre Frau wird ihren einzigen Sohn - denken Sie Selbst , wie ungern ! verlieren ; wir Alle - Ach Thorheit ! Thorheit ! sagte der Alte , und zählte fort . Wenn Sie ' s so ansehen - - Wie anders ? Ich habe dann das Meinige gethan , und muss schweigen . Lieber , lieber Herr Sohn ! - und er drehte sich zu einem ernsthaften Gespräch herum , mit bei Seite gelegter Brille . - Ihre Gründe sind gut , sind vortrefflich ; aber für wen ? Für meinen Sohn , oder für mich ? - Wenn ihn die Welt als keinen üblen Mann kennt ; so hoff ' ich sagen zu dürfen : mich kennt sie als einen guten . Auf wen wird also der meiste Vorwurf , der meiste Tadel fallen ? - Wenn die Handlung zu Grunde geht ; wer ist ' s , der den Schaden trägt ? der verliert ? Ich , der Greis , der sein Gutes genossen hat und nun auf die Grube geht ? oder Er , der Jüngling , der erst geniessen soll , und - so gerne geniessen mag ? - Mit dieser einzigen , ihm ganz zufällig entfahrenen Spötterei , war der Alte auf einmal wieder in voller Laune , - Was ? was ? fuhr er mit einer Art von komischem Unwillen fort : ein Mensch , der nicht das Herz hat , bei einer Frau zu schlafen ; der hätte Herz , dass er davon ginge ? dass er sich auf seine eigene Hand setzte ? dass er hier Alles im Stiche liesse ? - Ach Thorheit ! Thorheit ! VIII. Madam Stark , die schon einige Zeit auf ihrem Posten gestanden hatte , glaubte jetzt eine unglückliche Wendung des Gesprächs zu bemerken , und kam herein . Das Mutterherz war ihr übergetreten , und sie hielt das Tuch vor die Augen . Bist du da , lieber Vater ? Auch die ? sagte der Alte in sich , und sah nun im Geist , mit voller Überzeugung auch schon die Tochter kommen . - Ja , wie du siehst , liebe Mutter . - Er stand auf , und ging ihr freundlich entgegen . Diese Freundlichkeit beunruhigte Madam Stark ; sie hätte , nach dem Antrage des Doctors , ihn weit lieber mürrisch und verdriesslich gefunden . - O ich sehe schon , sagte sie , ich werde wieder einmal vergeblich bitten . Warum ? Weil ich freundlich bin , meinst du ? - Ich fürcht ' es beinahe auch , weil du weinst . - So ein vierzig Jahre mit einander leben , macht doch sehr mit einander bekannt . - Wenn du dein Recht fühlst , weiss ich , da kömmst du so zuversichtlich , so freudig , und ich bleibe dann in meiner gleichmüthigen Ruhe ; aber wenn du dein Unrecht fühlst , da beweinst du den schlechten Erfolg den du voraussiehst , und ich bin dann fein freundlich , um dich zu trösten . - Nur gleich die Probe zu machen : Was giebts ? Dein Sohn will von dir - fuhr sie mit grosser Wehmuth heraus . Wenn er will ; - - du weisst , er ist kein Jüngling mehr ; er ist Mann . Freilich ! Freilich ! Und eben darum - - Richtig ! - Eben darum muss er wissen , was er zu thun hat . Aber ihn verlieren zu sollen ! - Das ist nicht anders . Söhne gehn in die Welt . Wenn du nur mit ihm reden , nur ein einziges mal mit ihm freundlich seyn , ihm dein Wort geben wolltest - - Wie ? - wie ? - Nun da sieh einmal , Mutter ! Sieh , wie Recht du hast , dass du weinst ! - Ich mein Wort geben ? ihm ? Und worüber ? - Der junge Mensch , seh ' ich , wird mir fein aufsätzig , fein trotzig ; es verdreusst ihn , einen so wachsamen Beobachter , einen so beschwerlichen Erinn ' rer zu haben ; er mögte gar zu gern den Mund gestopft wissen , aus dem er so unangenehme Wahrheiten hört ; er macht da Plänchen , mich in Furcht zu setzen , in Respect zu erhalten ; er mögte mir - wie heisst doch die Redensart ? - er mögte mir Brillen verkaufen . Eben jetzt hat er da eine fertig , wovon er glaubt , dass sie mir unvergleichlich stehen müsste ; und da kömmst du nun , und bittest mit heissen Thränen , dass ich die Nase hinhalten soll , um sie mir aufsetzen zu lassen . - Sage : ist das recht , Mutter ? Ist das vernünftig ? Sie hören ! sagte die Alte , und streckte die Hand mit dem Tuche gegen den Doctor . - So hat er es immer mit mir getrieben ! Das gelt ich bei ihm ! Das bin ich ihm werth ! - So hab ' ich mich von jeher müssen verächtlich machen und misshandeln lassen . Herr Stark bat , dass sie schweigen mögte : denn das Jammern sei ihm in der Seele zuwider , und Unvernunft hör ' er nicht gerne ; aber er bat umsonst , und er hätte selbst können schweigen . Endlich besann er sich , dass er ja auf dem einen Ohre taub sei , und dass er über das andre nur den Stutz ziehen dürfe : was er denn unverzüglich that , und sich gemächlich wieder an seine Arbeit setzte . IX. Wo sind sie denn ? rief die Doctorinn , indem sie den Kopf zwischen die Thürflügel steckte . - Ei sieh ! Alle hier bei dem Vater ? - Guten Morgen ! guten Morgen ! Schon so frühe ? sagte der Alte . Vor Tische ? Ich hatte einzukaufen , musste vorbei . Husch flog ich herein , um meinem Väterchen einen guten Morgen zu sagen . Denn ich weiss , er sieht mich so gerne . Nicht wahr ? Als ob das noch Fragens brauchte ! Wenn ich nicht so ganz zufällig käme , so hätte mich eins von den Kleinen begleitet ; das , was am artigsten oder am fleissigsten gewesen wäre . - Ich küsse Ihnen in Aller Namen die Hand . Danke . Danke . - Er sah sie bedenklich , aber nicht ungütig an . - Du thust ja heut ausserordentlich freundlich ? Ich thäte nur so ? Ich bin ' s. Und hast hier noch niemand gesehen ? - Deinen Mann nicht ? Den wohl . Am Theetisch . Deine Mutter noch nicht ? - Sie log mit einem Kopfschütteln , um nicht mit einem