eine Art unzerstörbarer titanischer Naturen vor mir zu sehen , die nur spielweise so grimmig auf einander losgingen , und an welchen die Wunden , die sie einander schlugen , sich ohne Zweifel eben so schnell und narbenlos wieder schließen würden , als die Luft , die durch ihre gewaltigen Streiche zerrissen wurde . Aber die Täuschung war von kurzer Dauer ; und als ich , nach einem kaum viertelstündigen Kampf , einen der Athleten , der kurz zuvor die Schönheit eines Paris oder Nireus24 mit der Stärke eines Milanion25 vereinigt darstellte , und einer Bildsäule des Apollo selbst zum Modell hätte dienen können , für todt aus den Schranken hinaus tragen sah , so übel zugerichtet , daß keine Spur seiner vorigen Bildung in seinem zertrümmerten Gesicht und an seinem ganzen , zu einem unförmlichen Klumpen zusammengeschlagenen Leibe zu erkennen war , überwältigte mich der gräßliche Anblick dermaßen , daß ich mich nicht zurückhalten konnte , meinem Abscheu durch einen lauten Ausruf Luft zu machen , der zu meinem Glücke , über dem Getümmel und Jubelgeschrei der Zuschauer , von niemand als dem besagten Fremden gehört wurde . Ich entfernte mich unverzüglich von dem Schauplatz der gräßlichen Scene , und zog mich in die einsamsten Gänge des geheiligten Hains zurück , der den Tempel des Olympischen Jupiter umgibt . Nicht lange so sah ich den Fremden mit dem Ziegenbart auf mich zukommen , von einem stattlichen Manne begleitet , der ( wie ich in der Folge vernahm ) eine ansehnliche Würde zu Elea bekleidet . Sie erlaubten mir , mich zu ihnen zu gesellen , und an dem Gespräche , worin sie begriffen waren , Theil zu nehmen . Es betraf , wie natürlich , die Spiele , von deren Anschauen beide , dem Ansehen nach sehr gesättiget , zurückkamen . Mein Fremder machte sich kein Bedenken , aus Gelegenheit derselben ein strenges Urtheil über die Weisheit seiner Landsleute zu fällen . Wenn , sagte er , die Absicht dieses alle vier Jahre wiederkehrenden Nationalfestes ist , durch die Wettkämpfe , die man den Zuschauern zum Besten gibt , und die dazu vorbereitenden Leibesübungen , die Griechische Jugend zu tüchtigen Vertheidigern des Vaterlandes zu bilden , so kann nichts zweckwidriger seyn als diese Spiele . Die Art der Waffen , womit der Krieg heutzutage geführt wird , und die ganze Kriegskunst überhaupt , ist von dem , was in den Zeiten des Trojanischen Krieges üblich und nützlich war , so verschieden , daß dem Staate mit ganzen Heerschaaren zu Olympia und Delphi gekrönter Läufer und Ringer wenig gedient wäre . Wenn sie noch schwerbewaffnet in die Wette liefen , möchte eine solche Fertigkeit allenfalls bei einem Eilmarsch oder plötzlichen Rückzug von einigem Nutzen seyn : aber so leicht bekleidet wie unsre schnellfüßigen Achillen sind , können sie , wo es Ernst gilt , höchstens als Eilboten gebraucht werden , oder möchten , wenn man sie auch nur bei den leichten Truppen anstellen wollte , der Versuchung selten widerstehen , in gefährlichen Fällen vor allen Dingen ihre eigene Person in Sicherheit zu bringen . Was im Kriege mit nackten Ringern anzufangen wäre , ist schwer zu sehen ; und wofern auch die Faustkämpfer durch ihr gigantisches Ansehen und den raschgeschwungenen Cestus26 dem Feinde Schrecken einjagen könnten , so sind ihrer doch in der ganzen Hellas viel zu wenige , als daß man sich eine große Wirkung von ihrem Gebrauch versprechen dürfte . Und doch , wär ' es nur der geringe Nutzen , den das Griechische Gemeinwesen von diesen Spielen zieht , so möchten sie immer ihrem vergötterten Stifter zu Ehren beibehalten werden : aber der positive Schaden , den sie thun , scheint mir wichtig genug , um von den Vorstehern unsrer Republiken ernstlich beherzigt zu werden . Nichts davon zu sagen , daß der leidenschaftliche und bis zur Tollheit getriebene Wetteifer unsrer Jünglinge , wer die meisten , schönsten und behendesten Rennpferde zu halten vermöge , schon viele angesehene wohlbegüterte Häuser zu Grunde gerichtet hat , was für Fortschritte in der Cultur kann man von einem Volke erwarten , das sich aus so wilden und lebensgefährlichen Leibesübungen ein Spiel macht , das die Wuth , womit Gegen kämpfer , die sich zuvor nie gesehen , geschweige beleidigt haben , auf einander losgehen , durch die Lebhaftigkeit seiner Theilnehmung noch mehr anfeuert , und an einem so barbarischen Schauspiel , wie wir so eben sahen , die angenehmste Augenweide findet ? Mit welcher Stirne können wir auf unsre wirklichen und vermeinten Vorzüge so stolzen Griechen alle übrigen Erdebewohner Barbaren27 nennen , so lange es eine unsrer größten Glückseligkeiten ist , alle vier Jahre zusammenzukommen , um uns , zu gemeinschaftlicher Belustigung , in die Zeiten zurückzusetzen , da unsre eigenen Vorfahren wenig besser als rohe Waldmenschen , Räuber und Abenteurer waren , und an Humanität und Sittigkeit weit hinter den meisten Asiatischen Völkern zurückstanden ? Wie übel ziemt es uns , die an eine edlere Denkart und Geschmack am Schönen und Erhabenen Anspruch machen , auf die Kunst einander die Glieder zu verrenken , oder uns mit geballten Fäusten so lange herumzuschlagen , bis den Kämpfern kaum noch eine Spur der menschlichen Gestalt übrig bleibt , einen so hohen Werth zu setzen , und rohe Athleten28 ihrer herkulischen Schultern und eisernen Knochen wegen mit Ehrenbezeugungen zu überschütten , welche die reinste und vollkommenste Tugend selbst nicht von uns erhalten kann ? - Ich gestehe unverhohlen ( setzte mein Unbekannter mit einem Feuer hinzu , das ich seiner kalten Miene nicht zugetraut hatte ) , diese Betrachtung hat mich gegen die allgemeine Freude der zahllosen Menge , die mich diesen Morgen umgab , unempfindlich gemacht , und bei Schauspielen , die so laut gegen das sittliche Gefühl und die Humanität meiner Landesleute zeugen , sogar mit Unmuth und Traurigkeit erfüllt . Du bist ein Philosoph , wie ich sehe , sagte der Mann von Elea mit einem Lächeln , dessen leisen Spott er durch den sanften Ton seiner Worte mildern zu wollen schien . Wenn ich es auch wäre , versetzte jener , die Wahrheit dessen , was ich gesagt habe , würde dadurch weder gewinnen noch verlieren . Du magst in der Hauptsache Recht haben , erwiederte der andere . Wir Eleer sehen die Sache freilich von einer gefälligern Seite ; denn wir machen kein Geheimniß daraus , daß wir den Wohlstand unsrer Republik dem Institut , gegen welches du dich so streng erklärst , größten Theils zu danken haben . Du hast gesehen , was für eine glänzende Panegyris aus allen Griechischen und benachbarten Ländern durch diese Spiele nach Pisa gezogen wird . Glaubst du , das Gedränge von unzählbaren Menschen aus allen Ständen und Classen würde eben so groß seyn , wenn an die Stelle dieser Kampfspiele ein Wettstreit um den Vorzug an Weisheit und Tugend angeordnet , und die Kronen , die wir jetzt den besten Rennern , Ringern und Pankratiasten29 zuerkennen , denen aufgesetzt würden , die sich etwa durch die schönste Handlung der Menschlichkeit , Großmuth und Selbstüberwindung ausgezeichnet hätten ? Desto schlimmer , sagte mein Unbekannter ; das ist es eben was ich beklage ! So lange dieses , den Eleern auf Kosten der übrigen Griechen so vortheilhafte Institut dauern wird , sehe ich nicht , wie eine richtigere Schätzung des Werthes der Menschen unter uns Platz greifen , und der Vorzug der geistigen und sittlichen Vollkommenheiten vor den körperlichen und mechanischen allgemeiner gefühlt und anerkannt werden könnte . Laß uns die Welt nehmen wie sie ist , erwiederte der Eleer , denn sie ist doch wohl - wie sie seyn kann . Weisheit und Tugend belohnen sich selbst so reichlich , daß sie des Beifalls der Menge und der Kronen , die zu Olympia ausgetheilt werden , leicht entbehren . Wer weiß , ob sie durch eine so öffentliche und geräuschvolle Auszeichnung nicht an innerm Werthe verlieren würden ? Wenigstens zweifle ich sehr , daß die stillen unscheinbaren Tugenden , welche gewöhnlich die reinsten sind , sich gern aus ihrer Verborgenheit herausziehen und einer so großen vermischten Menge zur Schau ausstellen lassen würden . Uebrigens scheint mir die lebhafte Theilnehmung , womit unsre Panegyrischen Spiele angesehen werden , so wenig gegen das sittliche Gefühl unsrer Nation zu beweisen , daß ich mir eher das Gegentheil zu behaupten getraue . Die Kampfspiele zu Olympia , Delphi , 30 Nemea und Korinth haben eben darum ein so lebhaftes und eigenes Interesse für unsre Nation , weil sie uns , gleichsam durch den Augenschein , so wie durch die Siegesgesänge Pindars und seiner Nacheiferer , in die fabelhaften Zeiten jener Heroen versetzen , deren Andenken uns aus so vielen Ursachen heilig ist , die unsre meisten Städte gegründet haben , und von welchen unsre edelsten Geschlechter ihren Ursprung herleiten . Aber auch ohne diese Beziehung haben wir noch Ursache genug , sie als eines unsrer schönsten und wohlthätigsten Nationalinstitute anzusehen . Kein anderes vereiniget eine so große Menge Griechen aus allen Städten und Landschaften der ganzen Hellas an Einem Orte zu gemeinschaftlichen Feierlichkeiten , Opfern , Gastmählern und Ergötzungen . Während ihrer Feier hören alle Feindseligkeiten auf , in welche die uralte Antipathie der Dorier und Ionier31 nur zu oft ausbricht . Wir vergessen in diesen halcyonischen Tagen aller Beleidigungen , aller Eifersucht und Rache , um uns bloß unsers gemeinsamen Ursprungs zu erinnern , und die Bande von neuem zusammenzuziehen , womit gemeinschaftliche Götter und Tempel , eine gemeinschaftliche Sprache und das große Interesse unsre Unabhängigkeit gegen auswärtige Mächte zu behaupten , die in so viele Stämme und Zweige verbreitete Nachkommenschaft Deukalions32 zu einem einzigen Volke verbunden haben , das durch seine Cultur das erste in der Welt ist , und durch Eintracht unüberwindlich und unvergänglich dem ganzen Erdboden Gesetze geben würde . Ich verschone dich , lieber Demokles , mit einer Menge anderer schöner Sprüche , welche der begeisterte Eleer mit einem großen Erguß von Redseligkeit hervorströmte , um dem kopfschüttelnden Philosophen eine höhere Meinung von den Olympischen Spielen abzunöthigen . Es versteht sich , daß jeder auf seiner eigenen beharrte ; so wie ohne Zweifel diese Spiele selbst , allen Veränderungen der Zeiten und allen Einsprüchen der Philosophie zum Trotz , ihre ursprüngliche Form und Einrichtung so lange Jupiter im Besitze seines Tempels zu Olympia bleibt , behalten werden , wie leicht es auch wäre , ihnen eine gemeinnützlichere und einem gebildeten Volk anständigere zu geben . Wir kamen indessen , da der Eleer ein sehr höflicher Mann war , noch ganz friedlich aus einander ; denn die Höflichkeit hat dieß Eigene , daß sie es dem andern unvermerkt unmöglich macht , so grob zu seyn als er wohl Lust hätte . Doch muß ich es auch meinem bocksbärtigen Freunde nachrühmen , daß er sich beim Abschied mit mehr Urbanität betrug , als ich von seiner Freimüthigkeit erwartet hatte . Dieser Umstand und seine Mundart bestärkten mich in der Vermuthung daß er ein Athener sey ; und so fand sich ' s auch bei näherer Erkundigung . Man sagte mir , er nenne sich Antisthenes , und sey einer der vertrautesten Freunde des berühmten Sokrates Sophroniskus Sohn , den der Delphische Gott33 , oder ( wenn du lieber willst ) der eifrigste seiner Anhänger , Chärephon , durch den gelehrigen Mund der Pythia , für den weisesten aller Menschen erklärt haben soll . Da mein Verlangen diesen merkwürdigen Mann persönlich zu kennen und durch seinen Umgang , wo möglich , selbst ein wenig weise zu werden , einer der ersten Zwecke meiner freiwilligen Verbannung aus dem schönen und wollüstigen Cyrene war , so kannst du leicht urtheilen , daß ich mich auf diese Nachricht um so eifriger um die Gunst einer Person bewarb , die mir zu Beförderung meiner Absicht gute Dienste thun konnte . Ohne mir diese Bewerbung durch ein zuvorkommendes Wesen zu erleichtern , schien er doch eben so wenig gesonnen , sie gänzlich abzuweisen . Von Sokrates sprach er mit seiner gewöhnlichen Kälte , als von einem Manne , mit dem er seit vielen Jahren täglich umgegangen , und den er als seinen ersten , wo nicht einzigen Freund betrachte . » Wenn ich einen bessern als er gekannt hätte , sagte er , würde ich mich zu diesem gehalten haben ; aber ich kenne keinen bessern , und , insofern diese Benennung einem Menschen zukommen kann , keinen weisern Mann als Sokrates . Er hat Eigenheiten , die man ihm lassen muß , und die , weil sie ihm wohl anstehen , darum nicht einen jeden kleiden würden : aber wenige Menschen sind so gut , daß sie nicht noch besser werden könnten , wofern sie ihn immer und in allen Verhältnissen und Vorfällen des Lebens zum Muster nähmen . « Da ich von Antisthenes vernahm , daß er geraden Weges nach Athen zurückzukehren gedenke , bat ich ihn um Erlaubniß ihn begleiten zu dürfen , und äußerte den Wunsch , daß er mich bei Sokrates einführen möchte . » Ein guter Reisegefährte ist der halbe Weg , sagte er : ich nehme dein Anerbieten willig an ; aber bei Sokrates bedarfst du keines Einführers . Er liebt junge Leute deiner Art , und du wirst den alten Glatzkopf gewöhnlich von einigen unsrer schönsten Jünglinge umgeben finden . Seine Absicht ist ihm mit Xenophon , Kritobulus34 , Plato und einigen andern so gut gelungen , daß ein Alcibiades und Kritias35 , die ihm verunglückten , ihn nicht abschrecken konnten , es immer wieder mit andern zu versuchen . Ein Jüngling guter Art bedarf bei ihm weder einer Empfehlung noch einer besondern Aufmerksamkeit sich ihm angenehm zu machen ; es wird also bloß auf dich selbst ankommen , wie viel oder wenig du dir seinen Umgang zu Nutze machen willst . Die Sonne strahlt gleich warm auf ein Stück Gold und auf ein Stück Blei ; nur faßt das eine mehr Wärme , und behält sie länger als das andere . « Wir werden unsre Reise über Orchomenos , Korinth , Megara und Eleusis machen ; weil Antisthenes zu seinem ehrwürdigen alten Freund zurückeilt , welchen er in der trübseligen und verzweifelten Lage , worin seine Vaterstadt sich seit einiger Zeit befindet , nicht länger verlassen will . Denn es sind schon mehr als acht Monate verstrichen , seit er von Athen abgegangen ist , um die Angelegenheiten eines zu Megalopolis verstorbenen Anverwandten zum Besten seiner Hinterlassenen in Ordnung zu bringen . Die Nachrichten von den abwechselnden Erfolgen der seit einigen Jahren zwischen den beiden Hauptstädten Griechenlands wieder ausgebrochnen Befehdungen kommen gewöhnlich so spät zu euch , daß du vielleicht erst aus diesem Briefe ( dessen Abgang noch sehr ungewiß ist ) erfährst , daß der Spartanische Feldherr Lysander , nach einem bei Aigos Potamos am Eingang des Hellesponts erhaltnen entscheidenden Sieg , die stolze Minervenstadt selbst eingeschlossen , und durch Hunger und Verzweiflung endlich gezwungen hat , sich auf Bedingungen , denen ihre Väter den Tod in jeder Gestalt vorgezogen haben würden , von dem schrecklichen Schicksal , welches sie vor eilf Jahren über die unglücklichen Melier36 verhängt hatten , loszukaufen . Die übermüthige Beherrscherin der Meere ist nun auf zwölf Schiffe , die ihr noch erlaubt sind , herabgebracht ; die Stadt und die Vorstadt Piräum mit ihrem Hafen sind des herrlichsten Denkmals der Siege des großen Themistokles , ihrer prächtigen Mauern beraubt , die Spartaner haben eine Besatzung in der Akropolis37 ; und eine von Lysandern beschützte , neuerrichtete Regierung von dreißig unter seinen Winken willkürlich herrschenden Gewalthabern macht das Elend der beklagenswürdigen , ihre eigene Thorheit zu theuer büßenden Athener vollständig . Dieß sind die neuesten Nachrichten , die uns aus jenen Gegenden zugekommen sind . Was sagst du , Demokles , zu einer so unerwarteten Katastrophe ? - Du wirst mich vielleicht unklug und verwegen nennen , daß ich mich gerade in einem so verwirrten und gefährlichen Zeitpunkt nach Athen wage . Aber ich kann dem Verlangen nicht länger Einhalt thun , diesen Sokrates , von dem ich schon in Cyrene so viel Wunderbares hörte , und jetzt von Leuten , die ihn sehr gut zu kennen glauben , oder vorgeben , die seltsamsten und widersprechendsten Dinge höre , durch mich selbst kennen zu lernen . Auf alle Fälle sind meine Einrichtungen so getroffen , daß ich mich vielmehr in den Credit eines vorsichtigen und besonnenen Mannes bei dir zu setzen hoffe . Ich habe meine Cyrenische Kleidung bereits mit einem äußerst einfachen Costume im Geschmack meines neuen Freundes Antisthenes vertauscht ; meine Baarschaft bleibt in Korinth niedergelegt , und ich werde nur gerade so viel Geld nach Athen tragen , als ein Mensch , der täglich drei bis vier Obolen zu verzehren hat , in sechs Monaten nöthig haben mag . Du solltest mich wirklich in meinem neuen Sokratischen Schülermantel sehen ! Er ist zwar etwas grob von Wolle , und reicht nicht sehr weit unter die Knie ; aber Antisthenes versichert mich , daß er mir trefflich stehe . In diesem Aufzuge werde ich wahrscheinlich zu Athen nicht so viel Eindruck machen , daß die Dreißig sich viel um mich bekümmern werden . 5. An Kleonidas . Wie sehenswürdig auch die weltberühmten Olympischen Spiele sind , so zweifle ich doch nicht , daß die Einbildungskraft eines Dichters mit bloßer Hülfe des Hippodroms38 und der Gymnasien39 und Fechtschulen in Cyrene sich eine noch größere und den alten Heldenzeiten angemess ' nere Vorstellung von ihnen machen könnte als diejenige ist , die wir andern gewöhnlichen Menschen mittelst unsrer Leibesaugen erhalten haben . Aber den Jupiter des Phidias muß man sehen , Freund Kleonidas , wenn man sich einen Begriff von ihm machen will . Also komm und sieh , und bete an . Nach diesem Eingang erwartest du , natürlicher Weise , keine Beschreibung40 von mir , die am Ende doch nur auf ein Verzeichniß der unzähligen einzelnen Stücke und Theile hinauslaufen würde , aus welchen dieses über allen Ausdruck große und reiche Kunstwerk , dem kein anderes in der Welt vergleichbar ist , mit hohem Sinne zusammengesetzt , wie eine himmlische Erscheinung vor unsern Augen da steht . Jeder dieser Theile ist , für sich selbst betrachtet , schön , groß gedacht , mit reiner sicherer Bestimmtheit der Verhältnisse und Formen ausgeführt , und so zierlich vollendet , daß dem Liebhaber der Kunst nichts zu wünschen , dem Kenner wenig oder nichts zu erinnern übrig bleibt . Aber alle diese besondern Schönheiten verlieren sich , oder vereinigen sich vielmehr in dem Haupteindruck , den das herrliche Ganze - Jupiter auf seinem Thron , von seinem ganzen Göttergeschlecht umgeben - auf die Seele des Anschauers macht , indem er sich beim ersten Anblick von einem wunderbaren Schauder ergriffen fühlt , den der große und glaubige Haufe für ein unmittelbares Zeichen der Gegenwart des Gottes hält . Dir , mein Freund , brauche ich nicht zu sagen , daß weder dumpfes Anstaunen noch Ueberfluß an Glauben unter die Gebrechen meiner Natur gehören . Ich betrat den Tempel mit der kaltblütigsten Gewißheit , einen Gott von Elfenbein und Gold von der Hand eines großen Bildners zu sehen , und konnte mich doch des besagten Schauders so wenig erwehren als ein andrer . Mit Blitzesschnelligkeit vermengte sich der Homerische Nephelegereta41 Zeus mit dem huldreichen Phidiassischen Göttervater , und ich wähnte einen Augenblick den König des Himmels wirklich auf seinem Throne zu sehen , wie er der flehenden Thetis die Gewährung ihrer Bitte zunickt , und das Winken der schwarzen Augenbraunen die ambrosischen Locken auf seinem unsterblichen Haupte schüttelnd den ganzen Olympus erbeben macht.42 Du wirst mir indessen gerne zutrauen , daß ich bei dieser schnell vorüber gehenden Verzückung noch Besonnenheit genug behielt , dem Grunde des Zaubers nachzuforschen , wodurch dieses göttliche Machwerk eines sterblichen Meisters auf alle die es erblicken , ohne Ausnahme , eben dieselbe Wirkung thut . Glücklicherweise brauchte ich nicht tief zu graben ; denn er fällt so stark in die Augen , daß die meisten , denen ich mein Räthsel aufzurathen gab , eher auf alles andre als das Wahre riethen . Ich gebe willig zu , daß der erhabene Charakter , womit der Künstler diese Göttergestalt , und alles was sie umgibt , zu bekleiden gewußt hat , sehr viel dabei thut ; aber weder in ihm allein , noch in der majestätischen Form des dichtgelockten Hauptes , noch in der unerschütterlichen Festigkeit und Kraft , der ruhig ernsten Weisheit , und der von aller menschlichen Schwäche gereinigten Huld und Gnade , die , wie man sagt , in den Formrn und dem Blicke des Angesichts unnachahmlich ausgedruckt sind , kann der besagte Zauber liegen ; oder , wenn Phidias diese nämliche Gestalt , mit allen diesen Vollkommenheiten , die man an ihr bewundert , nach verjüngtem Maßstabe , nur zehn oder zwölf Zoll hoch ausgearbeitet hätte , müßte das kleine Bild eben dieselbe Wirkung thun , - welches , denke ich , niemand behaupten wird . Und was ist denn die wahre Ursache , warum uns der Olympische Jupiter so gewaltig ergreift ? Es ist , mit Erlaubniß zu sagen , nicht mehr und nicht weniger als - warum uns ein Elephant mehr Respect gebietet als ein Stier - seine kolossalische oder vielmehr titanische Statur ; denn bekanntermaßen war die ganze Familie des Uranos und der Gea , von welchen Jupiter wie alle übrigen Titanen abstammte , ein Riesengeschlecht von der ersten Größe . Alle Majestät , die der erhabene Künstler dem Angesicht des Gottes zu geben vermochte , würde an einem Bilde von sechs oder sieben Fuß schwerlich viel mehr gewesen seyn , als ein Minos oder Agamemnon hätte tragen können , ohne darunter einzusinken . An einem Pygmäenkönige würde diese Majestät - in unsern , nicht in der Pygmäen , Augen - sogar etwas zum Lächeln Reizendes haben ; aber an einem Jupiter von sechsundzwanzig Ellen erregt sie in uns Pygmäen das Gefühl des Uebermenschlichen und Göttlichen . Ich hörte einen ehrwürdigen Pythagoräer , den ich eines Tages im Tempel antraf , sagen : er halte sich überzeugt , daß Phidias der Religion einen größern Dienst erwiesen habe , als alle Priester , Hierophanten , Dichter und Philosophen der ganzen Welt zusammengenommen nicht zu thun vermocht hätten . Der Mensch , sagte er , ist nun einmal , er wolle oder wolle nicht , durch seine Natur genöthigt , sich die Gottheit unter einer menschlichen Gestalt vorzubilden . Was Homer und seine Nachfolger leisten konnten , erregt nur schwankende unbestimmte Phantomen ; die Kunst des Bildners muß ihnen zu Hülfe kommen und die Einbildungskraft auf einer bestimmten Gestalt festhalten . Große Menschen waren das Höchste , was die Vorgänger und Zeitgenossen des Phidias in dieser Art zuwege brachten : er allein hat uns den König der Götter dargestellt . Wer den Olympischen Jupiter gesehen hat , trägt einen Eindruck in seiner Seele davon , dem keine Zeit etwas anhaben kann . Die priesterliche Miene und der prächtige Bart des Pythagoräers , der selbst das Ansehen eines Göttersohns hatte , hielt mich zurück , etwas , das mir gegen seine Behauptung auf die Zunge kam , laut werden zu lassen ; zumal da ich das Wahre in derselben an mir selbst erfuhr . Denn wie richtig es auch seyn mag , daß klein und groß , für Eigenschaften gewisser Dinge genommen , nur täuschende Begriffe sind , so gestehe ich doch ohne Bedenken , daß ich mich so gern von ihnen hintergehen lasse als irgend einer . Von den zehn Tagen , die ich zu Olympia verweilte , ging keiner vorbei , ohne daß ich den Jupiterstempel zweimal wenigstens besucht hätte ; und ich schwöre dir beim goldnen Barte des Gottes , daß ich das Bild , das sich durch dieß so oft wiederholte Anschauen meiner Phantasie eingesenkt hat , nicht um die ganze Cyrenaika missen wollte . Mehrere Leute haben mit einer bedenklichen Miene angemerkt , der Olympische Jupiter könnte nicht von seinem Thron aufstehen , ohne das Dach des Tempels einzustoßen . Ganz gewiß machte Phidias diese scharfsinnige Bemerkung auch , und tröstete sich und den Baumeister damit , daß sein Jupiter wahrscheinlich wohl immer sitzen bleiben werde . Nicht Wenige habe ich beklagen gehört , daß ein prächtig gearbeitetes Brustgeländer nicht erlaube so nahe zum Thron hinzukommen als man wohl wünschen möchte . Auch dieß ist ein Streich , den der lose Phidias den Leuten gespielt hat . Er machte es ihnen dadurch unmöglich , so nahe hinzuzutreten , daß sie , anstatt den Götterkönig auf seinem Thon zu sehen , nur einen Haufen geschnittenes Elfenbein und gegossenes Gold zu sehen bekommen hätten . Denn damit das Ganze seine gehörige Wirkung thue , muß es aus einem gewissen Standpunkt betrachtet werden . Vielleicht wollte auch der kluge Künstler nicht , daß eine Menge Nebendinge und Verzierungen von allerlei farbichten Edelsteinen , Ebenholz , Perlenmutter und dergleichen , auf deren geschickte Zusammensetzung er zu Verstärkung des Haupteffects gerechnet hatte , zum Nachtheil desselben stückweise und in der Nähe besehen werden könnten . Denn bei einem Kunstwerke , wo am Ende doch alles auf eine gewisse Magie , und also auf Täuschung hinausläuft , muß man die Zuschauer nicht gar zu nahe kommen und zu gelehrt werden lassen . Indem ich überlese , was ich dir von dem größten und schönsten aller Menschenwerke geschrieben habe , dünkt mich ich habe nichts gesagt . Aber wenn ich einen Stachel in dein Gemüthe geworfen habe , der dir keine Ruhe läßt bis du selbst kommst und siehest , so hab ' ich genug gethan ; denn das ist alles was ich wollte . 6. An Kleonidas . Ich lebe bereits einige Wochen in dieser weltberühmten und in ihrer Art einzigen Minervenstadt , welche zu sehen mich schon so lange verlangte . Hat sie meine Erwartung übertroffen ? oder ist sie unter ihr geblieben ? Beides , lieber Kleonidas , und ich werde täglich mehr in der Meinung bestärkt , daß es mir immer und allenthalben mit allen menschlichen Dingen eben so gehen werde . Im Ganzen genommen kenne ich noch keinen Ort , wo ich lieber leben möchte als zu Athen , und , meinem Geschmack nach , hat die Stadt durch das Abtragen ihrer Mauern mehr gewonnen als verloren . Ob sie , vor dieser den Athenern so schmerzlichen Demüthigung , wirklich , wie sie sich schmeichelten , die schönste Stadt in der Welt war , ließe sich vielleicht noch fragen : aber daß sie jetzt das größte , schönste , prächtigste und volkreichste Dorf in allen drei Welttheilen ist , wird niemand zu läugnen begehren . Auch ohne Mauern bleibt sie immer der erste Tempel der Musen , der Sitz des Geschmacks , und die Werkstatt aller das Leben unterstützenden und verschönernden Künste , mit Einem Wort , Alles wozu Perikles sie machte , dessen Andenken aber , wie ich sehe , bei diesen leichtsinnigen und undankbaren Republikanern schon lange vergessen ist . Kannst du glauben , daß sie es sogar ungern hören , wenn ein Fremder mit Ehrerbietung von diesem großen Manne spricht , oder ihm die herrlichen Gebäude und Kunstwerke , womit er die Stadt und die Akropolis geziert hat , zum Verdienst anrechnet ? Im Athenischen Styl zu reden hat das Volk alles gethan ; ja sie sprechen nicht anders davon , als ob das alles so hätte seyn müssen , und mit ihnen zugleich aus dem Attischen Boden hervorgewachsen wäre . Selbst die Namen eines Miltiades , Themistokles , Aristides , Cimon ( der Männer , denen Griechenland zu danken hat , daß es nicht zu einer Persischen Satrapie zusammenschrumpfte ) werden selten oder nie gehört ; aber dafür sind die Männer von Marathon und Salamin immer auf ihren Lippen , und der erste Schuster oder Kleiderwalker , dem du begegnest , ist so stolz darauf , der Enkel eines Mannes von Marathon zu seyn , als ob er selbst dadurch zu einem Manne von Marathon würde , und schwatzt mit der unbeschreiblichsten Geläufigkeit der Zunge stundenlang von den Großthaten seiner Vorfahrer , ohne das mindeste Bewußtseyn , wie viele Ursache diese hätten , sich ihrer ausgearteten Nachkommenschaft zu schämen . In der That kannst du dir nichts Komischeres vorstellen , als den namenlosen Schmerz , womit sie von dem Verlust ihrer Mauern sprechen , wenn du zugleich bedenkst , daß es bloß auf sie ankam , durch einen den Spartanern zu rechter Zeit entgegen gesetzten kräftigen Widerstand , ihre so zärtlich geliebten Mauern zu erhalten . » Ach ! daß wir leben mußten den Athenischen Namen so geschändet zu sehen ! « rufen sie mit einem langen kläglichen Seufzer aus , und es kommt ihnen alles andere eher in den Sinn , als sich selbst die Schuld beizumessen , oder zu bedenken , daß sie ja , so gut wie die dreihundert Spartaner bei Thermopylä , mit den Waffen in der Hand sterben konnten , wenn sie eine solche Schmach nicht erleben wollten , und daß dieß in der That die einzige Entschließung war , die den Söhnen der Männer von Marathon geziemte . Doch für jetzt nichts weiter von diesen der Geißel ihres Aristophanes so würdigen Kechenäern43 , weil ich dir nicht bald genug von dem Manne sprechen kann , um dessentwillen ich hauptsächlich hierher gekommen bin , und der dadurch , daß auch er ein geborner Athener ist , für alle andern Schonung und beinahe Achtung fordert . Du zweifelst nicht , daß eine meiner ersten Sorgen war , mich von Antisthenes bei seinem ehrwürdigen Freund einführen zu lassen . Es wäre schwer , dir den Eindruck zu beschreiben , womit mich der erste Anblick dieses außerordentlichen Mannes überraschte . Meine Einbildungskraft ( welcher ich überhaupt wenig Gehör zu geben pflege , weil sie mich fast immer irre führt ) hatte sich ohne Zuthun meines Willens eine Vorstellung gemacht , wie jemand aussehen müsse um Sokrates zu seyn : und nun fand sich ' s , daß diese Vorstellung unter allen Sterblichen keinem weniger anpaßte , als dem wirklichen Sokrates .