sie und wir alle diesem Deutschen gehorchen müssen , weil sein Vater sich vor zwanzig Jahren hier eingedrängt hat und mit den Morynskischen Gütern auch gleich eine Gräfin Morynska an sich riß . Es war schon Elend genug , daß sie jahrelang mit diesem Nordeck aushalten mußte , und der Sohn gibt ihr jetzt noch Schlimmeres zu kosten , wir wissen ' s ja hinreichend , wie sie mit ihm steht . Wenn sie den auch noch verlöre , sie würde sich wahrhaftig nicht mehr um ihn grämen , als um seinen Vater , und das wäre überhaupt das beste für die ganze Herrschaft . Dann brauchten die Befehle vom Schloß nicht mehr heimlich zu kommen , dann regierte die Fürstin , und unser junger Fürst wäre der Erbe und Herr von Wilicza , wie es sich von Rechts wegen gehört . « Wanda erbleichte ; also so weit hatte es das unglückselige Verhältnis zwischen Mutter und Sohn schon gebracht , daß die Untergebenen kaltblütig erwogen , welche Vorteile der Tod Waldemars seinen nächsten Anverwandten bringen würde , daß sie für den äußersten Fall auf die Verzeihung der Fürstin rechneten . Hier galt es mehr zu verhindern , als nur einen Ausbruch augenblicklicher Wut und Gereiztheit . Wanda sah ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt , aber sie wußte , daß kein Wort , keine Miene ihre innere Angst verraten durfte . Man respektierte sie hier nur als die Tochter des Grafen Morynski , als Nichte der Fürstin , und glaubte unbedingt , daß sie im Namen der letzteren spreche ; erriet man , was sie hierher geführt , so war es zu Ende mit ihrer Macht und der Möglichkeit , Waldemar zu schützen . » Wagt es nicht , Euren Herrn anzugreifen ! « sagte sie gebietend , aber so ruhig , als vollziehe sie wirklich nur einen ihr gewordenen Auftrag . » Was auch geschehen mag , die Fürstin will ihren Sohn geschont und gesichert wissen um jeden Preis . Wehe dem , der sich an ihm vergreift ! Er hat das Schlimmste zu gewärtigen . Ihr werdet gehorchen , Osiecki , unbedingt gehorchen ; die Herrin erwartet es von Euch . Ihr habt sie schon einmal erzürnt mit Eurem Ungehorsam – versucht es nicht zum zweitenmal ! « Der Förster stieß widerwillig sein Gewehr auf den Boden , und unter den übrigen , die bisher schweigend der Unterredung zugehört hatten , gab sich eine unruhige Bewegung kund . Dennoch wagte keiner zu widersprechen oder auch nur zu murren , es galt ja dem Befehl der Fürstin , die man hier als alleinige Autorität anerkannte , und Wanda hätte jedenfalls ihren Zweck erreicht , wäre es ihr nur vergönnt gewesen , länger auf die Leute einzuwirken . Aber in welcher Eile sie auch gekommen war , sie hatte nur einen Vorsprung von Minuten vor Waldemar gehabt . Soeben fuhr sein Schlitten draußen vor . Aller Blicke richteten sich nach dem Fenster – die junge Gräfin schreckte auf : » Schon jetzt ? Oeffnet mir schnell die Seitenthür , Osiecki ! Ihr verratet mit keiner Silbe meine Anwesenheit ! Ich gehe , sobald Herr Nordeck sich entfernt hat . « Der Förster gehorchte in möglichster Eile . Er wußte , daß die Gräfin Morynska auf keinen Fall hier von dem Gutsherrn gesehen werden durfte , sollte nicht alles verraten werden . Wanda trat rasch in einen kleinen halbdunkeln Nebenraum , und unmittelbar hinter ihr schloß sich die Thür wieder . Es war die höchste Zeit gewesen – zwei Minuten später erschien Waldemar im Zimmer . Er blieb auf der Schwelle stehen und überflog mit einem langen , festen Blick den Kreis der Forstleute , die sich um ihren Förster geschart und die Büchsen in die Hand genommen hatten . Der Anblick war nicht sehr ermutigend für den jungen Gutsherrn , der allein kam , ohne jede Begleitung , um seine widerspenstigen Untergebenen zum Gehorsam zu bringen , aber seine Miene blieb völlig unbewegt , und genau ebenso klang seine Stimme , als er sich an den Förster wandte : » Ich habe Euch meine Ankunft nicht ansagen lassen , Osiecki . Ihr scheint trotzdem darauf vorbereitet zu sein . « » Jawohl , Herr Nordeck , « lautete die lakonische Antwort . » Wir warten auf Sie . « » Bewaffnet ? Und in dieser Haltung ? Was sollen die Büchsen in Euren Händen ? Setzt sie nieder ! « Die Mahnung der Gräfin Morynska mußte doch wohl gefruchtet haben , denn man gehorchte . Der Förster war der erste , der seine Büchse beiseite stellte , allerdings nicht weiter , als daß er sie mit der Hand erreichen konnte , und die übrigen folgten seinem Beispiel . Waldemar trat jetzt in die Mitte des Zimmers . » Ich komme , Osiecki , um von Euch Aufschluß über einen Irrtum zu verlangen , der gestern vorgefallen ist , « begann er wieder . » Mein Befehl konnte nicht mißverstanden werden . Ich sandte ihn Euch schriftlich , der Bote dagegen muß Eure Antwort nicht verstanden haben . Was habt Ihr ihm eigentlich aufgetragen , mir zu melden ? « Das hieß nun freilich gerade auf das Ziel losgehen . Die kurze bestimmte Frage ließ kein Ausweichen zu ; sie forderte eine ebenso bestimmte Antwort . Dennoch zögerte der Förster damit – er hatte doch wohl nicht den Mut , das , was er gestern dem Boten aufgetragen , seinem Herrn ins Antlitz zu wiederholen . » Ich bin der Grenzförster , « sagte er endlich , » und meine , daß ich das bleiben werde , solange ich überhaupt in Ihren Diensten bin , Herr Nordeck . Ich habe einzustehen für meine Försterei , und also muß ich auch allein das Regiment hier führen und kein andrer . « » Ihr habt aber gezeigt , daß Ihr nicht mehr fähig seid , das Regiment zu führen , « entgegnete Waldemar ernst . » Entweder Ihr könnt oder Ihr wollt Eure Leute nicht im Zaume halten . Ich habe Euch wiederholt gewarnt , als die beiden ersten Excesse vorfielen ; der vorgestrige war der dritte , und es wird auch der letzte sein . « » Ich kann meine Leute nicht halten , wenn sie in einer Zeit wie die jetzige mit den Patrouillen zusammen geraten , « erklärte der Förster mit aufflammendem Trotz . » Ich habe da auch keine Macht mehr . « » Ebendeshalb sollt Ihr nach Wilicza – da werde ich die nötige Macht herleihen , wenn sie etwa fehlen sollte . « » Und meine Försterei ? « » Bleibt vorläufig unter der Aufsicht des Inspektors Fellner , bis der neue Förster eintrifft , der ursprünglich für Wilicza bestimmt war . Er wird es sich gefallen lassen müssen , fürs erste Euren Posten hier einzunehmen . Ihr selbst bleibt in der Schloßförsterei , bis drüben im Lande wieder Ruhe ist . « Osiecki lachte höhnisch auf , » Das kann lange dauern . « » Vielleicht nicht so lange , wie Ihr glaubt . In jedem Fall habt Ihr die Försterei morgen zu räumen . « Unter den Forstleuten zeigte sich eine einigermaßen bedenkliche Bewegung bei diesem mit voller Entschiedenheit wiederholten Befehl , und der Förster fuhr zornig auf : » Herr Nordeck . « » Nun ? « » Ich habe schon gestern erklärt – « » Ich hoffe , Ihr werdet Euch inzwischen besonnen haben , « unterbrach ihn Waldemar , » und mir heute erklären , daß der Bote Euch nicht verstanden hat , als er mir eine ganz unmögliche Antwort zurückbrachte . Nehmt Euch in acht , Osiecki ! Ich dachte , Ihr kennt mich doch jetzt hinreichend . « » Ja wahrhaftig ! « stieß der Förster zwischen den zusammengebissenen Zähnen hervor . » Sie haben dafür gesorgt , daß man Sie kennt in ganz Wilicza . « » Dann wißt Ihr also , daß ich mir den Gehorsam nicht verweigern lasse und daß ich einen einmal gegebenen Befehl nicht zurücknehme . Das Forsthaus von Wilicza ist augenblicklich leer – entweder Ihr seid morgen mittag mit Eurem ganzen Personal dort , oder Ihr seid entlassen . « Jetzt wurde ein drohendes Murren laut . Die Leute drängten sich dichter zusammen ; ihre Mienen und ihre Haltung verrieten , daß sie nur noch mit Mühe an sich hielten . Osiecki trat dicht vor seinen Gutsherrn hin . » Oho , das geht nicht so ohne weiteres , « rief er . » Ich bin kein Lohnarbeiter , den man heute annimmt und morgen entläßt . Sie können mir meine Stellung kündigen , wenn es Ihnen beliebt , bis zum Herbste aber habe ich das Recht , hier zu bleiben , und meine Leute , die ich in Dienst genommen habe , gleichfalls . Mein Revier ist die Grenzförsterei – ein andres will ich nicht , und ein andres nehme ich nicht , und wer mich daraus vertreiben will , dem wird es übel bekommen . « » Ihr irrt , « versetzte Waldemar . » Die Försterei ist mein Eigentum , und der Förster hat sich meinen Anordnungen zu fügen . Pocht nicht auf ein Recht , dessen Ihr Euch selbst verlustig gemacht habt ! Was Eure Leute da vorgestern unter Eurer Anführung anstifteten , verdient von Rechts wegen eine strengere Ahndung , als die bloße Versetzung . Ihr habt die Patrouillen insultiert und zuletzt angegriffen – es ist sogar zu Schüssen gekommen . Wenn man Euch nicht sofort verhaftete , so dankt Ihr das nur meiner Geltung in L. Man weiß dort , daß ich den Willen und nötigenfalls auch die Macht habe , mir hier auf meinen Gütern selbst Ruhe zu schaffen , daß ich nicht gern Fremde zwischen mich und meine Untergebenen treten lasse , man erwartet nun aber auch ein ernstliches Einschreiten von mir , und dieser Erwartung werde ich unverzüglich nachkommen . Ihr fügt Euch sofort dem , was ich beschlossen habe , oder ich biete noch heute dem Kommandanten der Truppen die Försterei als Beobachtungsposten für die Grenze an , und morgen hat das Haus Besatzung . « Osiecki machte eine heftige Bewegung nach seiner Büchse hin , besann sich aber . » Das werden Sie nicht thun , Herr Nordeck , « sagte er dumpf . » Das werde ich thun , sobald noch einmal von Ungehorsam oder Widerstand die Rede ist . Entscheidet Euch , Ihr habt die Wahl ! Werdet Ihr morgen in Wilicza sein oder nicht ? « » Nein und zehnmal nein ! « schrie Osiecki in furchtbarster Gereiztheit . » Ich habe Befehl , nicht von der Försterei zu weichen – also weiche ich nur der Gewalt . « Waldemar stutzte . » Befehl ? Von wem ? « Der Förster biß sich auf die Lippen , aber das unbedachte Wort war einmal heraus ; er konnte es nicht zurücknehmen . » Von wem erhieltet Ihr den Befehl , der dem meinigen so direkt entgegensteht ? « wiederholte der junge Gutsherr . » Von der Fürstin Baratowska vielleicht ? « » Nun , und wenn das wäre ? « fragte Osiecki trotzig . » Die Frau Fürstin hat jahrelang uns allen befohlen , warum soll sie es denn jetzt auf einmal nicht thun ? « » Weil der Herr jetzt selbst zur Stelle ist , und es nicht taugt , wenn zwei zugleich das Regiment führen , « sagte Waldemar kalt . » Meine Mutter lebt als Gast in meinem Schlosse , über die Angelegenheiten von Wilicza aber entscheide ich allein . – Also Ihr habt Befehl , die Försterei um jeden Preis zu behaupten und nur der Gewalt zu weichen ? Dann scheint es sich doch um mehr zu handeln , als nur um einen Exceß Eurer Leute . « Der Förster verharrte in finsterm Schweigen . Seine eigene Unbesonnenheit hatte jetzt verschuldet , was die Fürstin ihrer Nichte gegenüber so drohend » Verrat « genannt , was Wanda verhindern wollte , als sie selbst hierher eilte . Das eine übereilte Wort verriet dem Gutsherrn , daß der Widerstand , dem er bisher gar keine besondere Wichtigkeit beigemessen , ein planmäßiger und befohlener war , und er kannte seine Mutter zu gut , um nicht zu wissen , daß , wenn sie Befehl gegeben hatte , die Försterei auf alle Gefahr hin zu halten und es sogar auf die Gewalt ankommen zu lassen , dort all die Fäden zusammenliefen , die sie nach wie vor in der Hand hielt . » Gleichviel ! « nahm er wieder das Wort . » Ueber das Vergangene wollen wir nicht rechten , und von morgen an steht die Grenzförsterei unter andrer Aufsicht . Was wir sonst noch miteinander abzumachen haben , kann in Wilicza geschehen . Auf morgen also ! « Er machte eine Bewegung , als wollte er gehen , aber Osiecki vertrat ihm den Weg . Er hatte sich mit einem raschen Griff wieder seiner Büchse bemächtigt , die er jetzt anscheinend nachlässig , und doch bedeutungsvoll genug , in der Hand hielt . » Ich denke , wir machen das lieber gleich ab , Herr Nordeck ! Ein für allemal : ich gehe nicht von meiner Försterei , weder nach Wilicza noch sonst wohin , aber Sie gehen auch nicht von hier , bis Sie die Versetzung widerrufen haben , nicht einen Schritt . « Er wollte seinen Leuten einen Wink geben , aber es bedurfte dessen nicht mehr . Wie auf Kommando hatte ein jeder seine Büchse wieder ergriffen , und in einer Minute war der Gutsherr umringt . Es waren lauter finstere , drohende Gesichter , die ihn anstarrten , Gesichter , denen man es ansah , daß diese Menschen nicht vor dem Aeußersten zurückschreckten , und das ganze Manöver wurde so rasch , so planmäßig ausgeführt , daß es notgedrungen vorbereitet sein mußte . Vielleicht bereute es Waldemar in diesem Augenblick doch , allein gekommen zu sein , aber er bewahrte seine volle Kaltblütigkeit . » Was soll das heißen ? « fragte er . » Soll ich das etwa für eine Drohung nehmen ? « » Nehmen Sie es , wofür Sie wollen ! « rief der Förster wild , » aber Sie kommen nicht von der Stelle ohne den Widerruf . Jetzt sagen wir › Entweder – oder ‹ . Hüten Sie sich ! Sie sind auch nicht kugelfest . « » Habt Ihr das vielleicht schon zu erproben versucht ? « Der Blick des jungen Gutsherrn richtete sich durchbohrend auf den Sprechenden . » Aus wessen Büchse kam die Kugel , die mir nachgesandt wurde , als ich das letzte Mal von hier nach Hause ritt ? « Ein Blitz tödlichen Hasses , der aus dem Auge Osieckis sprühte , war die ganze Antwort . » Ich habe noch eine Kugel hier im Laufe und jeder meiner Leute hat eine – « Er faßte die Waffe fester . » Wenn Sie es probieren wollen – uns ist ' s recht . Also kurz und gut , Sie geben uns Ihr Wort darauf , daß mir allesamt unbehelligt auf der Försterei bleiben und kein Soldat den Fuß hierher setzt – Ihr Ehrenwort , das pflegt bei Ihresgleichen besser zu halten als alles Schriftliche , oder – « » Oder ? « » Sie kommen nicht lebendig vom Platze , « schloß der Förster , bebend vor Wut und Aufregung . Die Drohung fand laute , fast tumultuarische Zustimmung bei den übrigen . Sie drängten näher heran ; sechs Flintenläufe , die sich bedeutungsvoll emporhoben , unterstützten die Worte Osieckis , aber umsonst . In dem Gesichte Waldemars zuckte keine Muskel , während er sich langsam im Kreise umsah . Er stand so gelassen in der Mitte seiner rebellischen Untergebenen , als führe er die friedfertigste Unterhaltung mit ihnen , nur seine Stirn zog sich finster zusammen , während er doch in unerschütterlicher und überlegener Ruhe die Arme kreuzte . » Ihr seid Thoren , « entgegnete er in halb verächtlichem Tone , » und vergeßt vollständig , welche Folgen das auf euch selbst herabziehen würde . Ihr seid verloren , wenn ihr mich anrührt . Die Entdeckung kann nicht ausbleiben . « » Wenn wir ' s abwarten , « höhnte der Förster . » Wofür ist die Grenze denn so nahe ? In einer halben Stunde sind wir drüben – da ist jetzt Krieg , und da fragt niemand danach , was unsre Kugeln hier angerichtet haben . Wir haben es ohnedies satt , hier ewig still zu liegen und niemals dreinschlagen zu dürfen . Also zum letztenmal – wollen Sie uns Ihr Ehrenwort geben ? « » Nein ! « sagte der junge Gutsherr , ohne sich zu rühren oder das Auge von dem Sprechenden abzuwenden . » Besinnen Sie sich , Herr Nordeck ! « – der Grimm erstickte fast die Stimme Osieckis – » besinnen Sie sich schnell , ehe es zu spät ist ! « Mit einigen raschen Schritten trat Waldemar zurück an die Wand , wo er wenigstens im Rücken gedeckt war . » Nein , sage ich . Und da wir denn doch einmal so weit sind , « – er riß einen Revolver aus der Brusttasche und hielt ihn seinen Angreifern entgegen – » besinnt ihr euch , ehe ihr mir den Kampf bietet . Ein paar von euch mindestens bezahlen den Mordanfall mit dem Leben . Ich treffe so gut wie ihr . « Das entfesselte nun freilich den so lange zurückgehaltenen Sturm . Es erhob sich ein wilder Tumult – zornige Ausrufe , Flüche und Drohungen wurden laut ; mehr als einer legte die Hand an den Drücker , und Osiecki wollte soeben das Signal zum allgemeinen Angriff geben , als die Seitenthür hastig aufgestoßen wurde – in der nächsten Sekunde stand Wanda neben dem Bedrohten . Ihr Erscheinen verhütete nun freilich das Schlimmste , wenigstens für den Augenblick . Die Leute hielten doch inne , als sie die Gräfin Morynska an der Seite ihres Gutsherrn sahen , so nahe , daß ein Angriff , der ihm galt , sie mittreffen mußte . Waldemar dagegen stand einen Moment lang völlig verständnislos da ; er vermochte sich dieses plötzliche Erscheinen nicht zu erklären , auf einmal aber blitzte die Wahrheit in ihm auf . Wandas Totenblässe , der Ausdruck verzweiflungsvoller Energie , mit dem sie sich an seine Seite stellte , sagten ihm , daß sie um seine Gefahr gewußt hatte , daß sie um seinetwillen hier war . Die Lage war zu bedrohlich , als daß sie den beiden Zeit gelassen hätte , eine Erklärung oder auch nur ein Wort miteinander auszutauschen . Wanda hatte sich sofort zu den Angreifern gewandt und sprach zu ihnen , leidenschaftlich und gebieterisch . Waldemar , der des Polnischen nicht mächtig war und erst in der letzten Zeit angefangen hatte , sich einigermaßen damit vertraut zu machen , verstand nur so viel , daß es Befehle und Drohungen waren , die sie seinen Gegnern zuschleuderte , aber ohne Erfolg – sie stand hier an der Grenze ihrer Macht . Die Antworten klangen wild und drohend zurück , und der Förster stampfte mit dem Fuße auf den Boden ; er verweigerte augenscheinlich den Gehorsam . Die kurze und hastig geführte Unterredung dauerte kaum einige Minuten , aber niemand wich einen Schritt zurück , niemand senkte die Waffe . Die aufs äußerste gereizte Wut der Leute erkannte keine Autorität und keine Rücksicht mehr an . » Zurück , Wanda ! « sagte Waldemar leise , indem er sie seitwärts zu drängen versuchte . » Es kommt zum Kampfe . Sie können ihn nicht mehr verhindern . Geben Sie mir Raum zur Verteidigung ! « Wanda gehorchte der Mahnung nicht , im Gegenteil , sie behauptete nur fester ihren Platz . Sie wußte , daß er der Uebermacht erliegen mußte , daß die einzige Rettung für ihn in ihrer unmittelbaren Nähe lag . Noch scheute man sich , sie zu berühren , noch wagte es keiner , sie von seiner Seite wegzureißen , aber der Moment nahte , wo auch diese letzte Schonung ein Ende nahm . » Gehen Sie zur Seite , Gräfin Morynska ! « tönte die Stimme des Försters rauh und unheilverkündend mitten durch den Tumult . » Zur Seite – oder ich treffe Sie mit ! « Er hob die Büchse . Wanda sah , wie er den Finger an den Drücker legte ; sie sah das von Wut und Haß entstellte Antlitz des Mannes , und bei diesem Anblick schwanden ihr Besinnung und Ueberlegung . Vor ihrer Seele stand nur noch ein einziger klarer Gedanke , die Todesgefahr Waldemars , und zum letzten Mittel greifend , warf sie sich an seine Brust und deckte ihn mit ihrem eigenen Körper . Zum letzten Mittel greifend , warf sich Wanda an seine Brust und deckte ihn mit ihrem Körper . Es war zu spät – der Schuß krachte , und schon in der nächsten Sekunde antwortete die Waffe Nordecks . Mit einem dumpfen Schrei stürzte der Förster zusammen und blieb regungslos auf dem Boden liegen . Die Kugel Waldemars hatte mit furchtbarer Sicherheit ihr Ziel getroffen , er selbst stand aufrecht und Wanda mit ihm . Die Bewegung , mit der sie ihn zu schützen versuchte , hatte ihn aus der Bahn des tödlichen Geschosses gezogen , und ihn und sie gerettet . Das alles geschah so blitzschnell , daß keiner von den übrigen Zeit hatte , sich an dem Kampf zu beteiligen . In ein und derselben Minute sahen sie die Gräfin Morynska sich dazwischen werfen , den Förster am Boden liegen und den Gutsherrn mit hochgehobener Waffe sich gegenüberstehen , zum zweiten Schuß bereit . Es folgte eine sekundenlange totenstille Pause – niemand regte sich . Waldemar hatte unmittelbar nach dem Schuß Wanda in seine eigene einigermaßen gedeckte Stellung gedrängt und sich vor sie gestellt . Mit einem einzigen Blick überschaute er die ganze Lage . Er war umringt , der Ausgang ihm verwehrt ; sechs geladene Büchsen standen gegen seine einzige Waffe . Wenn es überhaupt zum Kampf kam , so war er auch verloren und Wanda mit ihm , sobald sie es versuchte , ihn noch einmal zu schützen . An eine wirkliche Verteidigung war nicht zu denken . Hier konnte nur die Kühnheit retten , die Tollkühnheit vielleicht , aber gleichviel , sie mußte versucht werden . Er richtete sich zu seiner vollen Höhe empor , warf mit einer energischen Bewegung das Haar zurück , das ihm über die Stirn gefallen war , und die nächsten beiden Flintenläufe mit der Hand zur Seite schlagend , trat er mitten unter die Angreifer . Seine riesige Gestalt überragte sie allesamt , und sein Blick flammte nieder auf die rebellischen Untergebenen , als könne er mit diesem Auge allein sie vernichten . » Die Waffen nieder ! « donnerte er mit der ganzen Kraft seiner mächtigen Stimme . » Ich dulde keine Rebellion auf meinem Gebiet . Da liegt der erste , der es versucht hat . Wer es ihm nachthut , teilt sein Schicksal . Nieder die Büchsen , sage ich . « Die Leute standen wie gelähmt vor Ueberraschung und starrten sprachlos ihren Herrn an . Sie haßten ihn , sie waren in vollem Aufstand gegen ihn begriffen , und er hatte ihnen soeben den Führer erschossen ; das nächste und natürlichste wäre nur gewesen , daß sie Rache dafür übten , hier , wo die Rache in ihre Hand gelegt war . Sie hatten auch zweifellos die Absicht , sich auf Waldemar zu stürzen , aber als er nun mitten unter sie trat und ihre Waffen mit der bloßen Hand zur Seite schlug , als sei er wirklich gefeit gegen die Kugeln , als er Unterwerfung forderte mit der Miene und dem Tone des unumschränkten Gebieters : da regte sich die alte Gewohnheit des blinden Gehorsams , der , ohne nach dem Warum zu fragen , sich dem beugt , der überhaupt befiehlt , da siegte die instinktmäßige Fügsamkeit untergeordneter Naturen gegen eine überlegene Kraft . Sie bebten scheu zurück vor diesen flammenden Augen , die sie längst fürchten gelernt hatten , vor dieser drohenden Stirn mit der hochaufgeschwollenen blauen Ader . Und Waldemar stand ihnen unversehrt gegenüber . Die nie fehlende Kugel Osieckis war machtlos an ihm abgeglitten , aber der Förster lag tot am Boden , mitten ins Herz getroffen – es lag etwas von abergläubischem Grauen in der Bewegung , mit der die Nächststehenden zurückwichen . Langsam senkten sich die drohenden Läufe . Der Kreis um den Gutsherrn wurde weiter und weiter ; das Wagnis , mit dem er , der einzelne , einer sechsfachen Uebermacht die Spitze bot , war geglückt . Waldemar wandte sich um , und den Arm Wandas ergreifend , zog er sie an sich . » Und nun gebt den Weg frei ! « befahl er in dem gleichen gebieterischen Ton , » schafft Raum ! « Einige der Leute rührten sich nicht von der Stelle , die beiden vordersten aber wichen zögernd zurück und gaben dadurch in der That die Thür frei . Keiner von den übrigen widersetzte sich . Kein Wort des Widerspruchs wurde laut ; schweigend ließen sie ihren Herrn und die Gräfin Morynska durch . Waldemar beschleunigte seine Schritte nicht im mindesten . Er wußte , daß er die Gefahr nur für den Augenblick bewältigt hatte , daß sie verdoppelt zurückkehrte , sobald die Leute zur Besinnung kamen und sich ihrer Ueberlegenheit bewußt wurden , aber er fühlte auch , daß das geringste Zeichen von Furcht verhängnisvoll werden mußte . Noch beherrschte die Macht seines Auges und seiner Stimme die ganze sonst so zügellose Bande – es galt , sie hinter sich zu lassen , noch ehe der Bann gebrochen war , und das konnte schon in der nächsten Minute geschehen . Er trat mit Wanda ins Freie . Draußen harrte der Schlitten , und der Kutscher mit schreckensbleichem Gesicht eilte ihnen entgegen . Die Schüsse hatten ihn an das Fenster gelockt ; er mußte den Vorgang teilweise mit angesehen haben . Waldemar hob rasch seine Begleiterin in den Schlitten und stieg selbst nach . » Fort ! « sagte er kurz und hastig . » Bis zu den Bäumen dort im Schritt , dann aber gib den Pferden die Zügel , und so schnell wie möglich in den Wald hinein ! « Der Kutscher gehorchte . Er mochte wohl um sein eigenes Leben besorgt sein . In wenigen Minuten hatten sie die schützenden Bäume erreicht , und nun ging es in rasender Eile vorwärts . Waldemar hielt noch immer die Waffe mit dem gespannten Hahn in der Rechten , seine Linke aber , umschloß die Hand Wandas so fest , als wolle er sie nicht wieder loslassen . Erst als eine ganze Strecke zwischen ihnen und der Försterei lag und jede Furcht vor nachgesandten Kugeln beseitigt war , gab er seine Verteidigungsstellung auf und wandte sich zu seiner Begleiterin . Er sah es erst jetzt , daß die Hand , welche er in der seinigen hielt , mit Blut bedeckt war – es rieselte noch in einzelnen schweren Tropfen unter dem Aermel des Kleides hervor , und der Mann , der eben noch mit so eiserner Ruhe der Gefahr die Stirn geboten hatte , wurde bleich bis an die Lippen . » Es ist nichts , « sagte Wanda , hastig seiner Frage zuvorkommend . » Die Kugel Osieckis muß mich gestreift haben . Ich fühle die Wunde erst in diesem Augenblick . « Waldemar riß sein Taschentuch hervor und war ihr behilflich , es um den verwundeten Arm zu legen . Er wollte reden – da hob die junge Gräfin das totenblasse Antlitz empor . Sie bat nicht , aber es stand ein Ausdruck so angstvollen Flehens darin , daß Nordeck verstummte ; er begriff , daß er sie für den Moment wenigstens schonen mußte . Nur ihren Namen sprach er aus , aber es lag mehr in dem einen Wort , als eine ganze stürmische Erklärung faßte : » Wanda ! « Sein Blick suchte den ihrigen , aber umsonst – sie hob das Auge nicht wieder empor , und ihre Hand lag schwer und kalt in der seinigen . » Hoffen Sie nichts ! « sagte sie tonlos und so leise , daß es nur wie ein ersterbender Hauch sein Ohr berührte . » Sie sind der Feind meines Volkes – und ich bin die Braut Leo Baratowskis . « – Das Ereignis auf der Grenzförsterei , das nicht verschwiegen bleiben konnte , da es mit dem Tode des Försters einen so ernsten Ausgang genommen hatte , rief begreiflicherweise eine große Aufregung in Wilicza hervor . Der Fürstin konnte nichts unerwünschter sein , als dieser offene und blutige Konflikt . Doktor Fabian und der Administrator gerieten in Bestürzung , und die Untergebenen , je nachdem sie nun zu dem Gutsherrn oder der Fürstin hielten , teilten sich in zwei Lager , die leidenschaftlich für oder gegen die Sache Partei nahmen . Nur einen einzigen Menschen gab es , den sie trotz ihres tragischen Ausgangs glücklich machte – den Assessor Hubert . Er befand sich , wie schon erwähnt , gerade im Hause des Administrators ; jener Vorfall hob ihn sofort auf die Höhe der Situation , führte ihn in amtlicher Eigenschaft nach dem Schlosse , zwang Herrn Nordeck , in unmittelbaren Verkehr mit ihm zu treten – alles Dinge , die Hubert längst ersehnt hatte , ohne sie bisher erreichen zu können . Waldemar hatte ihm in aller Kürze angezeigt , daß er , zur äußersten Notwehr gedrängt , den Förster Osiecki erschossen habe , nachdem dieser einen Mordversuch auf ihn gemacht . Er hatte gleichzeitig den Beamten ersucht , die nötigen Schritte zur Klarstellung der Sache in L. zu veranlassen , und sich zu jeder Vernehmung bereit erklärt , und der Vertreter des Polizeidepartements von L. war