. Weiter hinaus verschwammen all die Gipfel und Höhenzüge des Gebirges im schimmernden Duft , und dort , ganz in der Ferne , blaute das Meer – die nordischen Gäste , die an die ernsten Formen und Farben ihrer Heimat gewöhnt waren , konnten wohl geblendet sein von dieser Schönheitsfülle und diesem Sonnenglanz . Frau von Wilkow schien nur Sinn für ihre Skizze zu haben . Sie zeichnete , nur dann und wann flüchtig aufblickend , eifrig weiter . Adlau lehnte ihr gegenüber an einem der Pfeiler , aber sie mochte es wohl fühlen , daß sein Blick auf ihrem Antlitz ruhte , denn jetzt war sie es , die das wiederum eingetretene Schweigen brach . » Sie reisen also übermorgen , Herr Adlau ? « » Jawohl , gnädige Frau , wie es bestimmt war . « » Werden Sie es denn aushalten in den engen Verhältnissen zu Hause , nach dem bewegten Leben , das Sie geführt haben ? Ich fürchte , Sie werden dort – « » Versumpfen ! Die Gefahr liegt allerdings sehr nahe . « » Das Wort galt meinem Vater , « sagte Elfriede kühl . » Vielleicht auch ein wenig mir . Unsere Ansichten sind in diesem Punkte nun einmal verschieden , freilich hat die Welt uns beiden auch ein ganz verschiedenes Gesicht gezeigt ! Sie durchstreiften als vornehme Touristin die Länder und ließen sich tragen von den Wogen des Lebens bei voller Meeresstille . Ich habe im Sturm mit ihnen gerungen , da ist von Genuß nicht viel die Rede , man kommt überhaupt nicht zu Atem dabei . « » Aber man kommt doch zum Ziele , wie der Augenschein lehrt . « » Ich beklage mich ja auch nicht , « sagte Robert gelassen . » Eine harte Lehrzeit hat auch ihr Gutes , sie übt und stählt die Kraft . Aber nun sie überwunden ist , will ich mich auch nicht länger hin und her treiben lassen , nun steure ich ans Land . Ich muß endlich wieder festen Boden unter den Füßen haben , deutschen Boden ! Sie , gnädige Frau , sind darin glücklicher beanlagt , und Sie hatten ja stets das beneidenswerte Vorrecht , Herrin Ihres Schicksals zu sein . « Der Spott reizte Elfriede , sie nahm jenen vornehm nachlässigen Ton an , der unter Umständen recht verletzend sein konnte , und hier sollte er verletzen . » Ich habe es allerdings verlernt , auszuhalten in unserem kalten , grauen Norden , in der Enge der deutschen Verhältnisse . Ich bin verwöhnt durch die Schönheitsfülle des Südens , durch den großen , freien Verkehr des Reiselebens , der keine kleinlichen Vorurteile und Rücksichten kennt . Das ist für mich der Lebensquell geworden , aus dem ich getrunken habe jahrelang ; nun kann ich ihn nicht mehr entbehren . « » Sie können nicht ? Das heißt , Sie wollen nicht . « » Vielleicht auch das – ich will nicht ! « » Und hat er Ihnen denn wirklich Glück gegeben , dieser gerühmte Zaubertrank ? « fragte Adlau langsam , mit scharfer Betonung . Die Frage kam so jäh und unvermittelt , daß die junge Frau leicht zusammenzuckte ; aber schon in der nächsten Minute faßte sie sich und antwortete mit einem kurzen , entschiedenen Ja . Robert richtete das Auge fest und finster auf sie . » Das sagen Sie einem anderen , aber nicht mir ! Ich habe Sie ja einst gekannt , es ist freilich schon lange her , aber ich weiß es doch noch , wie das Glück aussieht in Ihrem Antlitz . Als ich Sie jetzt wiedersah , eine bleiche , müde Frau , ohne Lebensmut und Lebensfreude , da sah ich auch , daß Sie krank waren bis in die Seele hinein , und Sie sind es noch ! Sie mögen sich im Anfange berauscht haben an diesem › Lebensquell ‹ , aber das hat nicht standgehalten , jetzt betäuben Sie sich nur noch mit diesem Tranke . Sie haben mit der Heimat auch den Boden unter den Füßen verloren . « Er sprach nur zu wahr , das wußte niemand besser als Elfriede , aber die verwöhnte Frau war es nicht gewohnt , die Wahrheit zu hören , und der schroffe Ton verletzte sie . Das war noch der Robert von einst , der mit seiner rücksichtslosen Energie überall durchgriff , ohne danach zu fragen , ob er die Empfindungen anderer verletzte . Er war der alte geblieben . » Es steht doch wohl einzig bei mir , wie ich mein Leben gestalten will ! « erklärte sie mit aufflammendem Trotz . » Sie predigen mir und sind doch selbst eine Art Weltfahrer gewesen ! Es zwang Sie ja niemand , die Heimat aufzugeben ! « Das übereilte Wort war kaum heraus , als Elfriede es auch schon bereute . Vor dem Blick voll herben Vorwurfs , der sie traf , senkte sich ihr Auge , und rasch ablenkend , fügte sie hinzu : » Pastor Adlau war wenigstens nicht einverstanden damit . Er wollte seinen einzigen Sohn nicht verlieren . « » Und er hat ihn doch verlieren müssen ! « sagte Robert bitter . » Ja , es traf ihn hart , daß ich mich meiner Stellung und all den heimischen Verhältnissen entriß , und er hat mich schweren Herzens fortziehen lassen ! Aber ich hörte nicht auf ihn . Ich wollte mit aller Gewalt reich werden , und das in kürzester Frist . Warum – das wissen Sie vielleicht noch , Frau Baronin ? « Die junge Frau schwieg , sie hatte wieder den Stift zur Hand genommen und zog hastig Linie um Linie in ihrem Skizzenbuche . Adlau hatte seinen Platz verlassen und stand jetzt dicht vor ihr : aber es bebte ein verhaltener Groll in seiner Stimme , als er fortfuhr : » Ihre Frau Mutter machte es mir ja in so überzeugender Weise klar , daß ein junger Landwirt ohne Vermögen , wie ich es damals war , keine Aussichten für die Zukunft habe , daß er sich vielleicht erst in zehn oder zwölf Jahren eine bescheidene Häuslichkeit gründen könne , und daß ihre Tochter sich nicht auf so lange binden dürfe . Ein bescheidenes Heim war ja überhaupt nicht nach dem Geschmack der Frau Rätin . Da hieß es : entweder entsagen oder sich › Aussichten ‹ schaffen , und ich zog das letztere vor . Drüben in der Neuen Welt war ja so mancher schon zu Glück und Reichtum gekommen , warum sollte es mir denn nicht glücken ? Ich warf kurz entschlossen den Gutsinspektor über Bord und ging nach Amerika . Man ist bisweilen noch so unglaublich naiv mit fünfundzwanzig Jahren und meint , man könne ohne viel Mühe die halbe Welt erobern – ich meinte das damals auch ! « Er hielt inne , als wartete er auf eine Antwort , doch diese erfolgte nicht ; wohl aber bebte der Stift in der Hand der jungen Frau , die sich tief auf ihre Zeichnung herabbeugte , und sie merkte es nicht einmal , daß sie mit allerlei wirren Linien die ganze Skizze verdarb . Robert schien doch etwas anderes erwartet zu haben als dies hartnäckige Schweigen , allein er machte keinen Versuch , es zu brechen , sondern ließ das Thema plötzlich fallen . » Doch das sind alte , vergessene Geschichten , die uns beide nichts mehr angehen ! Wir haben ja beide Carriere gemacht im Leben , jeder auf seine Weise . Ich will nicht undankbar sein gegen die Fremde , mir hat sie viel gegeben . Was ich bin und habe , danke ich ihr , aber zum › Lebensquell ‹ ist sie mir nie geworden . Der war fern in der Heimat zurückgeblieben , und ich habe mich oft genug danach gesehnt , wie ein Wanderer in der Wüste . Jetzt will ich mich wieder satt trinken daran , will endlich wieder schaffen auf heimischem Boden ! Ich frage nicht danach , ob er im kalten , grauen Norden liegt , denn auf meiner Scholle bin ich der Herr und das Dach über meinem Haupte ist mein . Mehr brauche ich nicht – was sonst noch notthut , nehme ich auf mich ! « Er hatte sich emporgerichtet und seine Augen blitzten in stolzer Genugthuung . Es lag etwas wie Neid in dem Blick , mit dem Elfriede auf den Mann schaute , der wie die verkörperte Kraft und Energie vor ihr stand . Er war gesund geblieben im heißen Kampfe des Lebens , gesund an Leib und Seele , und sie , der dies Leben alles gegeben hatte , was es an Gütern nur schenken konnte , sie ? – Es stieg plötzlich bitter und verzweiflungsvoll in ihr empor , wie das Weh um etwas unwiederbringlich Verlorenes . » Sie sehen , ich habe doch kein rechtes Talent zum Weltfahrer , « hob Adlau wieder an . » Aber ein anderer scheint sich unter Ihrer Leitung dazu ausbilden zu wollen . Der getreue Ritter begleitet Sie ja auch nach Aegypten , wie ich höre . « Herr Wellborn hat allerdings gebeten , sich uns anschließen zu dürfen , « sagte Elfriede , ohne den Spott beachten zu wollen . » Wir haben nichts dagegen . Er ist ein angenehmer Reisegefährte , eine harmlos heitere Natur . « » Jawohl , sehr harmlos – wie alle Schwachköpfe ! « Die junge Frau schlug heftig ihr Skizzenbuch zu und erhob sich . » Herr Adlau , Sie sind sehr rücksichtslos in Ihren Urteilen . « » Aber nicht ungerecht , das werden Sie zugeben . Trotzdem steht Herr Wellborn in hoher Gunst bei Ihnen . – Bitte , gnädige Frau , nicht diese Miene der Entrüstung ! Ich thue Ihrem Geschmack wirklich nicht die Beleidigung an , da irgend ein Interesse vorauszusetzen . Der gute Narr ahnt es gar nicht , daß er diese Gunst im Grunde nur mir verdankt . « » Ihnen ? « wiederholte Elfriede mit scharfer Betonung . » Ich wüßte doch nicht – « » Aber ich weiß es ! « fiel Robert mit ausbrechender Gereiztheit ein . » Ich weiß , wem dies Spiel gilt , das ich oft genug habe mit ansehen müssen , wer damit gestachelt und gereizt werden soll . Sie kennen nur zu gut noch meine alte eifersüchtige Schwäche . Nun denn ja , es hat mich gereizt , trotz alledem , ich will ' s nicht leugnen ! Aber jetzt , wo wir uns trennen , werden Sie den albernen Menschen doch wohl endlich fortschicken . Auf Ihrer Reise nach Aegypten ist er doch überflüssig , sollte ich meinen ! « Dies Geständnis der Eifersucht brach grollend , fast wider Willen aus seinem Innern hervor , aber es war doch immer ein Geständnis und es verfehlte nicht seinen Eindruck auf die junge Frau , deren Antlitz sich plötzlich tief und glühend färbte . Ihre Stimme bebte , als sie unsicher und halblaut sagte : » Was kümmert Sie denn das , wenn Sie in Brankenberg sind ? Da liegen ja Länder und Meere zwischen uns . « » Müssen Sie denn nach Aegypten , Elfriede ? « Es klang ein alter , lang nicht gehörter Ton auf in der Frage , in dem Namen , den er zum erstenmal wieder aussprach . » Ihr Vater bringt Ihnen ein Opfer mit dieser Reise , er sehnt sich fortwährend nach seinem Lindenhof . Es steht ja nur bei Ihnen , die Orientfahrt aufzugeben – und heimzukehren . « Elfriede antwortete nicht , sie fühlte , welches Opfer hier verlangt wurde ; nicht das Opfer einer Reise , die ihr höchst gleichgültig war : der Stolz , der Starrsinn in ihr sollten sich beugen . Sie kämpfte augenscheinlich mit sich selber . Ein gutes Wort , eine Bitte hätte in diesem Augenblick alles entschieden , aber Robert Adlau verstand es nun einmal nicht , zu bitten , am wenigsten da , wo er sich im Rechte fühlte . Ihr Zögern reizte ihn aufs äußerste . » Werden Sie bleiben ? Werden Sie den zudringlichen Burschen ein für allemal verabschieden ? « fragte er , beinahe drohend , und der herrische Ton rief den ganzen Trotz der jungen Frau wach . Sie richtete sich beleidigt empor . » Ich weiche keinem Befehl ! « » Und ich verlange keinen Gnadenbeweis , sondern eine Entscheidung ! Gehen Sie nach Aegypten ? Ja oder nein ? « » Ja ! « kam es kurz und hart von Elfriedens Lippen . In den tief verfinsterten Zügen Adlaus zuckte es , ob vor Zorn oder Schmerz , das ließ sich nicht entscheiden , denn schon in der nächsten Minute verneigte er sich mit eisiger Kälte . » So wünsche ich Ihnen glückliche Reise , Frau Baronin – leben Sie wohl ! « Er ging , ohne sich noch einmal umzuwenden , sonst hätte er es vielleicht gesehen , wie die junge Frau eine Bewegung machte , als wollte sie ihm nacheilen – zu spät , denn er verschwand bereits hinter der Mauer . Sein Schritt war längst verhallt und Elfriede stand noch immer bleich und regungslos an dem weinumrankten Pfeiler und schaute hinaus in die Landschaft . Aber sie sah nichts von all der lachenden , sonnigen Schönheit da draußen . Endlich wandte sie sich langsam zum Gehen , ihr Blick glitt noch einmal mit dem alten müden Ausdruck durch das verlassene Gemäuer . Ringsum Verödung und Verfall – und dort der versiegende Quell ! Der Dampfer , der von Alexandrien kam und für einige Stunden in Korfu anlegte , war rechtzeitig eingelaufen und die Reisenden , die ihn zu der Fahrt nach Triest benutzen wollten , rüsteten sich , an Bord zu gehen . Die Träger schleppten von allen Seiten Gepäck herbei , während ein Teil der Boote bereits abstieß und nach dem Schiffe steuerte , das ziemlich weit draußen im Hafen lag . Geheimrat Rottenstein kam aus seinem Hotel und schlenderte langsam und anscheinend ganz absichtslos durch das Gewühl am Ufer . In Wirklichkeit war er auf dem Wege nach dem Rahnsdorfschen Hause , hatte das aber weislich seiner Tochter verschwiegen , sonst hätte es vermutlich wieder einen Sturm gegeben wie vorgestern . Der alte Herr befand sich in sehr niedergedrückter Stimmung , denn er konnte sich nicht verhehlen , daß sein » Eingreifen « auf das er so stolz gewesen , kläglich gescheitert war . Zwar wußte er nicht , was eigentlich zwischen Elfriede und Adlau geschehen war , und hatte auch nicht gewagt , danach zu fragen , aber die Sache war zu Ende , ganz zu Ende , das stand fest . Der arme Geheimrat war aus dem süßen Schlummer , dem er sich damals unter den Oliven so behaglich hingegeben hatte , jäh und unliebsam geweckt worden , zunächst durch den Sonnenschirm , der seinen Halt in den Zweigen verlor und ihm gerade auf die Nase fiel . Herr Wellborn , der ebenso jäh in seiner Vorlesung unterbrochen wurde , sprang erschrocken auf und warf dabei den Tisch mit Krug und Gläsern um , während er sein kostbares Wetterglas noch glücklich auffing und vor dem Fall bewahrte . Da erschien auf einmal Frau von Wilkow ganz allein , sehr bleich und in einer Aufregung , die sie sich vergebens zu verbergen bemühte . Sie hatte sich , ihrer Erklärung nach , beim Zeichnen da oben , in dem » abscheulichen Gemäuer « , einen heftigen Kopfschmerz zugezogen und wollte sofort aufbrechen , da sie ihre Migräne im Anzug fühlte . Die Frage ihres Vaters , wo denn Robert bleibe , wurde mit der kurzen Bemerkung abgefertigt , Herr Adlau mache noch eine Kletterpartie in die Berge hinauf und komme später nach , er werde die Gesellschaft wohl noch einholen . Wellborn eilte in das Haus , um die Maultiere zu bestellen , und zehn Minuten später brach man wirklich auf . Der Rückweg war freilich sehr ungemütlich . Elfriede sprach überhaupt gar nicht , der Geheimrat nur das Notwendigste , so mußte Ferdinand Wellborn denn allein die Kosten der Unterhaltung tragen , was er auch mit Vergnügen übernahm . Er hatte natürlich nichts bemerkt , glaubte an den Kopfschmerz und brachte sechs oder acht verschiedene Mittel dagegen in Vorschlag . Schließlich kam er wieder bei seinem Lieblingsthema an und erklärte , die Unheilsatmosphäre , die sein Wetterglas verkünde , sei allein schuld an dem Kopfschmerz der gnädigen Frau . Adlau hatte die Gesellschaft natürlich nicht eingeholt , überhaupt nichts weiter von sich hören lassen . Er hatte nur heute morgen dem Geheimrat seine Karte mit einigen Abschiedsworten gesandt , eine Empfehlung an Frau von Wilkow war nicht beigefügt . Der alte Herr wußte nun Bescheid , er hatte es vorausgesehen , aber so fremd und kalt wollte er doch nicht von dem Manne scheiden , den er am liebsten Sohn genannt hatte , er wollte ihm wenigstens persönlich lebewohl sagen und war jetzt gerade auf dem Wege zu ihm . Da stieß er natürlich wieder auf den unvermeidlichen Wellborn , der ein eigenes Talent besaß , gerade da aufzutauchen , wo er am unbequemsten war , und in solchen Fällen war er überhaupt nicht wieder loszuwerden . Er blieb auch heute dieser freundlichen Gewohnheit treu und hing sich sofort an den Geheimrat , dem er nicht von der Seite wich . Dieser machte zwar einige krampfhafte Versuche ihn abzuschütteln , vergebens , Ferdinand blieb und ließ vergnüglich das Mühlwerk seiner Rede klappern . Er erkundigte sich zunächst nach dem Befinden der gnädigen Frau , die gestern leider für ihn unsichtbar geblieben war . Er hatte auf seine Anfragen nur die betrübende Thatsache erfahren , daß die Migräne noch immer anhalte . Dann kam er ganz unvermittelt auf den Dampfer zu sprechen , der draußen im Hafen lag , und mit dem auch Herr Adlau abreisen wolle . Dieser Herr aus Amerika habe sich vorgestern doch ganz merkwürdig benommen . So ohne weiteres zurückzubleiben und die Gesellschaft im Stiche zu lassen ! Man merke es , daß ihm der Hinterwäldler noch im Blute stecke . Ob er denn wenigstens einen Abschiedsbesuch gemacht habe ? » Nein ! « rief der Geheimrat , der jetzt den letzten Rest seiner Geduld verlor . » Aber ich habe hier noch einige Einkäufe zu machen , und Sie sollten sich bei meiner Tochter melden lassen . Sie befindet sich heute besser , viel besser , ich glaube , sie nimmt Besuch an . « Dies Mittel that endlich die gewünschte Wirkung , der junge Mann machte schleunigst kehrt und wandte sich nach eiliger Verabschiedung zu dem Hotel zurück , während Rottenstein ebenso eilig nach dem Rahnsdorfschen Hause steuerte , das er denn auch ohne weiteren Zwischenfall erreichte . Er kam gerade zur rechten Zeit . Adlau war eben im Begriff , von den Seinigen Abschied zu nehmen , und über seine heute sehr düsteren Züge flog der Ausdruck einer freudigen Ueberraschung , als er den alten Herrn erblickte , er hatte ein Lebewohl von dieser Seite wohl nicht erwartet . Auch der Konsul schien verstimmt , er sagte nach der ersten Begrüßung etwas ärgerlich : » Das trifft sich heute sehr ungeschickt , jetzt können wir unserem Robert nicht einmal das Geleit bis zum Dampfer geben ! Sie wissen es vermutlich , daß Prinz Karl heute in Korfu erwartet wird . Seine Jacht ist bereits in Sicht und wird in einer halben Stunde landen , ich muß in meiner amtlichen Eigenschaft beim Empfange sein und Meta soll der Prinzessin einen Blumenstrauß überreichen . Es hilft nichts , Schwager , du mußt allein hinausfahren . « » Aber ich bitte dich , « wehrte Adlau ab . » Je kürzer wir den Abschied machen , um so besser ist es , und übrigens wird es jetzt Zeit zum Aufbruch . « » Ich werde Sie vertreten , Herr Rahnsdorf , « sagte der Geheimrat . » Keine Einwendung , Robert , ich gebe Ihnen das Geleit bei der Abfahrt . Die See ist ja heute spiegelglatt , und in spätestens einer Stunde bin ich wieder zurück . « Robert fügte sich , und man ging gemeinsam zu dem Boote , das mit dem Gepäck bereits am Ufer harrte . Der Abschied war in der That kurz , aber um so herzlicher . Adlau hob noch einmal die Kinder empor , um sie zu küssen , schüttelte dem Schwager die Hand und ließ der Schwester eine letzte Umarmung zu teil werden . » Also im Sommer in Brankenberg ! Ich rechne auf euer Versprechen , und die Kinder bringt ihr selbstverständlich mit . Weine nicht , Meta , es ist ja diesmal nur eine Trennung auf Monate . Behüt ' Gott , Schwager ! Auf frohes Wiedersehen ! « Er sprang in das Boot und Rottenstein folgte ihm , noch ein Grüßen und Winken hinüber und herüber , dann steuerte die Barke hinaus und dem Dampfer zu . Dort herrschte bereits reges Leben , die Boote legten an und stießen ab , die Reisenden kamen an Bord und auf dem Verdeck wurden die Vorbereitungen zur Abfahrt getroffen . Es war immer noch eine halbe Stunde bis dahin und die beiden Herren , die sich einen stilleren Platz auf dem Vorderdeck gesucht hatten , konnten ungestört plaudern . Aber das Gespräch stockte öfter , es lag doch ein gewisser Zwang darauf , obgleich der vorgestrige Tag und Adlaus Zurückbleiben von keiner Seite erwähnt wurde . Endlich sagte dieser , im Tone der Entschuldigung : » Ich habe im Drange der Abreise nicht einmal mehr Zeit gefunden , Ihnen einen Abschiedsbesuch zu machen . Ich konnte nur meine Karte senden , und es war sehr freundlich , daß Sie trotzdem gekommen sind . « » Die Karte war mir doch gar zu förmlich , « entgegnete der Geheimrat , mit einem leisen Vorwurf . » Ich wollte Sie wenigstens noch einmal sehen und Ihnen einen Gruß an die Heimat mitgeben . « » Herzlichen Dank ! Und Sie gehen also wirklich nach Aegypten ? « » Ich muß ja wohl , da Elfriede darauf besteht ! « Die Antwort wurde in sehr beweglichem Tone gegeben , und dabei ließ der Geheimrat einen sehnsüchtigen Blick über den Dampfer hingleiten . » Wenn Sie wüßten , Robert , wie ich Sie um die Heimkehr beneide ! « schloß er wehmütig , » Wie gern ginge ich mit Ihnen nach Haus ! « Adlau stäubte ruhig die Asche von seiner Cigarre und fragte ganz gelassen : » Nun , warum thun Sie es denn nicht ? « » Was – soll ich thun ? « » Mit mir nach Triest fahren und von da weiter nach dem Rhein . « » Jawohl , nach unserem Rhein ! Machen Sie mir doch das Herz nicht noch schwerer mit Ihrem Scherz ! « » Ich scherze durchaus nicht , es ist mir vollkommen Ernst mit dem Vorschlage . In meiner Kabine ist der zweite Platz noch frei , wie ich heute morgen zufällig erfuhr . Das Wetter verspricht uns eine ganz ruhige Seefahrt , es bedarf nur einer kurzen Rücksprache mit dem Kapitän , und an mir haben Sie einen bequemen Reisegefährten . Allerdings können Sie nicht mehr ans Land , aber das ist auch nicht nötig . Meine Reisekasse steht Ihnen zur Verfügung , meine Koffer gleichfalls . Für die paar Tage kann ich Ihnen mit dem Nötigen aushelfen , und in Triest ordnen wir telegraphisch die sofortige Nachsendung Ihres Gepäckes an , die Sache ist ganz einfach . « Der Geheimrat blickte ihn höchst verdutzt an , jetzt wußte er wirklich nicht mehr , ob das Scherz oder Ernst sei . » Aber Robert , was fällt Ihnen denn ein ? Meine Tochter ist ja doch hier in Korfu und will nach Aegypten . « » Nun , daran hindert Ihre Abreise sie doch nicht ? Natürlich muß Frau von Wilkow benachrichtigt werden , Sie senden einige Zeilen ans Land , um sie zu verständigen . – Da ist ja noch Ihr Hoteldiener ! soll ich ihn rufen ? « » Um Gottes willen , nein ! « wehrte der alte Herr entsetzt ab . » Ich glaube wahrhaftig , Sie wären zu einem solchen Streiche fähig ! « Statt aller Antwort zog Adlau die Uhr und warf einen Blick darauf . » Wir haben noch zehn Minuten bis zur Abfahrt . Entschließen Sie sich rasch ! Denken Sie an Ihr Lindenhof , an die gemütlichen Winterabende am Kamin . Warum wollen Sie durchaus in der Wüste schwitzen ? Und dann die Pyramiden , die Kamele – Sie müssen ja hinauf , wenn Sie erst in Aegypten sind ! « » Nein , nein ! « rief der Geheimrat verzweiflungsvoll . » Aber ich kann doch nicht – lassen Sie mich in Ruhe , Robert – ich kann doch meine Tochter nicht allein im fremden Lande sitzen lassen . « » Nun , was das betrifft – die Baronin ist selbständig , ist völlig vertraut mit dem Reiseleben und hat ihre erprobte Kammerjungfer bei sich . Wie viele Damen reisen nicht heutzutage allein ! – Sie haben natürlich Checks auf Kairo genommen , tragen Sie sie bei sich ? « » Nein , sie liegen noch in Korfu , bei unserem Bankier , aber – « » Um so besser , dann kann Frau von Wilkow sie ohne weiteres dort erheben . Sie sehen – da wird schon der Anker aufgewunden , es ist die höchste Zeit ! Hier ist mein Notizbuch , schreiben Sie nur ein paar Worte , das genügt für den Augenblick . « Rottenstein wußte nicht , wie ihm geschah , er hatte plötzlich Stift und Notizbuch in der Hand und Robert , der neben ihm stand , diktierte ihm kurz und bündig : » Ich fahre mit Adlau nach Triest , von da weiter nach Haus – alles Nähere brieflich – Checks auf Kairo findest Du bei unserem Bankier – viel Vergnügen in Aegypten ! – Dein Dich liebender Vater . « Bis hierher hatte der alte Herr mechanisch nachgeschrieben , er stand ganz willenlos unter dem Zwange dieses fremden energischen Willens , als er aber nun gar noch seine Vaterliebe bekräftigen sollte , da hörte er auf . » Aber Robert , ums Himmels willen , das geht ja nun und nimmermehr ! Elfriede wird außer sich sein , und mit vollem Rechte . Sie wird – « » Dein Dich liebender Vater , « wiederholte Adlau diktatorisch . » Haben Sie das ? Gut ! Die Adresse werde ich selbst schreiben . – Warten Sie noch eine Minute , Sie sollen eine Botschaft mit an das Land nehmen . « Die letzten Worte waren an den Hoteldiener gerichtet , den er inzwischen herbeigewinkt hatte , und der eben das Schiff verlassen wollte . Robert faltete rasch das Blatt , adressierte es und übergab es dem Manne . » An Frau Baronin von Wilkow , sofort zu übergeben , und mündlich bestellen Sie , der Herr Geheimrat sei soeben mit mir nach Triest abgefahren . – Hier ! « Das Geldstück , das in die Hand des Dieners glitt , machte diesen sehr bereitwillig . Er versprach pünktliche Besorgung und eilte dann nach der Schiffstreppe ; es war in der That die höchste Zeit , denn eben wurde das Zeichen zur Abfahrt gegeben . Der Geheimrat that einen Schritt , als wollte er nacheilen , aber Robert ergriff ihn ohne weiteres am Arme und hielt ihn fest . » Jetzt kein Schwanken mehr ! Sie haben einmal den Entschluß gefaßt – « » Nein , Sie haben ihn gefaßt ! « rief der alte Herr , völlig außer sich . » Ich habe gar nichts gethan , ich habe überhaupt nicht gewußt , wie mir geschah , und bin gar nicht zu Atem gekommen bei der Geschichte . Sie standen ja neben mir und kommandierten wie ein General – Sie sind ein schrecklicher Mensch ! « Der » schreckliche Mensch « hielt ihn noch immer fest und sah in aller Gemütsruhe zu , wie die Schiffstreppe emporgezogen wurde und das letzte Boot abstieß , dann erst ließ er sein Opfer los , dessen Entweichen jetzt nicht mehr zu befürchten war , denn gleichzeitig setzte sich der Dampfer in Bewegung und glitt langsam aus dem Hafen . » So , jetzt schwimmen wir ! « sagte Adlau , im Tone tiefster Befriedigung . » Nun will ich nach der Kajüte und Rücksprache wegen Ihres Platzes nehmen . Freuen Sie sich doch , Herr Geheimrat , jetzt geht es nach Hause ! « Damit ging er , aber der arme Geheimrat dachte nicht daran , sich zu freuen . Er war halb betäubt auf die Bank niedergesunken und überlegte sich jetzt erst die unerhörte Geschichte , Er konnte sich die Scene ausmalen , die dort im Hotel spielte , wenn Elfriede die Nachricht erhielt , mit der Adresse von Adlaus Hand . Das vergab sie ihm nie , er hatte ja auch selbst das vernichtende Bewußtsein , eine Art Rabenvater zu sein , der sein Kind allein im fremden Lande zurückließ ! Ja , dieser Robert war ein Gewaltmensch ! Je mehr der alte Herr zur Besinnung kam , desto heftiger grollte er mit seinem einstigen Liebling , der an allem schuld war . Aber mitten in diesem Groll schlug er auf einmal mit der Hand auf die Banklehne und sagte überzeugungsvoll : » Aber wahr ist ' s doch ! Gerade ein solcher Mann hat dir gefehlt , Friedel – und mir ein solcher Schwiegersohn ! « Am Rhein war der Frühling eingezogen . Die Rebenhügel standen überall im zarten frischen Grün , im Walde sang und klang es von tausend neuerwachten Stimmen und die Wellen des Stromes blitzten im Sonnenschein . Es war ein Maientag von jener zarten duftigen Schönheit ,