für die erste Zeit unsern Aufenthalt dort zu nehmen , konnte ich um Reinhold ’ s willen nicht erfüllen . Wir haben der dortigen Gesellschaft schon einmal Anlaß gegeben , sich eingehend mit uns zu beschäftigen ; wenn wir jetzt zurückkehren , wäre der peinigenden Neugier und Theilnahme kein Ende , und Reinhold bedarf noch so sehr der Schonung . Er erträgt noch nicht die leiseste Hindeutung auf das Vergangene , ohne sich gefährlich aufzureizen . Wir müssen durchaus einen andern , ruhigern Aufenthalt suchen . “ „ Jedenfalls ist es ein Glück , daß Sie ihn bestimmt haben , überhaupt nach Deutschland zurückzukehren , “ sagte Hugo . „ Er ist der Heimath lange genug entfremdet gewesen , in seinem Leben wie in seinem künstlerischen Schaffen . Es ist Zeit , daß er endlich einmal wieder im Vaterlande Wurzel faßt . “ Ella lächelte . „ Das predigen Sie ihm und mir täglich , und Sie selber sehnen sich doch wieder ruhelos in ’ s Weite ? Gestehen Sie es nur , Hugo , Sie können den Tag Ihrer Abreise kaum erwarten , und es wird Ihnen schwer genug , die wenigen Wochen noch hier bei uns auszuhalten . “ „ Die Schwierigkeit ist bereits gehoben , “ warf Hugo mit erkünstelter Unbefangenheit hin . „ Ich reise schon morgen . “ „ Morgen ? “ rief Ella halb verwundert , halb erschreckt . „ Aber Sie versprachen ja doch bis zu unserer eigenen Abreise hier zu bleiben . “ Der Capitain beugte sich tief über die auf dem Tische liegenden Papiere und Briefschaften , als suche er etwas darin . „ Das – hat sich inzwischen geändert . Ich habe Nachrichten von der ‚ Ellida ‘ erhalten , die mich sofort abrufen . Sie wissen ja , bei uns Seeleuten pflegt dergleichen schnell und unerwartet zu kommen . Ich wollte es Ihnen und Reinhold soeben mittheilen und Ihnen zugleich Lebewohl sagen , denn ich muß bereits in aller Frühe fort . “ Er hatte das Alles hastig hervorgestoßen , ohne aufzublicken . Die Augen der jungen Frau hafteten ernst und forschend auf seinem Antlitze . „ Hugo , das ist ein Vorwand , “ sagte sie bestimmt . „ Sie haben keine Nachrichten erhalten , wenigstens keine so dringenden . Was ist geschehen ? Warum wollen Sie fort ? “ „ Sie inquiriren mich ja wie ein Criminalrichter , “ scherzte Hugo mit einem Versuche , den Ton des alten Uebermuthes wiederzufinden . „ Seien Sie vorsichtig , Ella ! Sie haben es mit einem verstockten Sünder zu thun , der durchaus nichts eingestehen will . “ „ Ich sehe aber doch , daß irgend etwas vorgefallen ist , das [ 622 ] Sie forttreibt , “ sagte Ella unruhig . „ Und ich habe längst schon bemerkt , daß etwas zwischen uns getreten ist , das Sie Reinhold und mir mit jedem Tage mehr entfremdet . Seien Sie aufrichtig , Hugo ! Was haben Sie gegen uns ? Weshalb wollen Sie uns jetzt verlassen ? “ Sie war ihm näher getreten und hatte bittend , aber in vollster Unbefangenheit ihre Hand auf seinen Arm gelegt . Auf dem Antlitze des Capitains lag eine tiefe Blässe , während er stumm zu Boden blickte ; jetzt endlich hob er langsam das Auge . „ Weil ich es nicht länger aushalte , “ brach er plötzlich mit vollster Heftigkeit aus . „ Ich habe Ihrer Versöhnung mit Reinhold so lange das Wort geredet , und nun sie da ist und ich das täglich und stündlich mit ansehen muß , nun fühle ich erst , wie wenig Talent zum Heiligen oder zum platonischen Schwärmer eigentlich in mir ist . Ich muß fort , wenn ich nicht zu Grunde gehen will . – Mein Gott , Ella , so sehen Sie mich doch nicht so an , als ob sich auf einmal ein Abgrund vor Ihnen aufthäte ! Haben Sie denn wirklich keine Ahnung davon gehabt , wie es in mir aussieht , und was mich diese letzten Wochen an Ihrer Seite gekostet haben ? “ Ella war schon bei den letzten Worten zurückgewichen , und ihr Erbleichen , der Ausdruck tödtlichen Schreckens in ihrem Gesichte gaben bereits die Antwort , noch ehe sie die Lippen zur Erwiderung öffnete . „ Nein , Hugo , davon hatte ich keine Ahnung , “ entgegnete sie mit bebender Stimme . „ Ich glaubte im Anfange unseres Wiedersehens eine flüchtige Tändelei zurückweisen zu müssen . Daß es jemals Ernst bei Ihnen werden könnte , das habe ich nie für möglich gehalten . “ „ Ich auch nicht , “ sagte Hugo dumpf , „ Ich habe im Anfange auch geglaubt , ich könnte dieses Gefühl weglachen und wegspotten wie alles Andere , und nun ist es doch Ernst geworden , so bitterer Ernst , daß ich auf dem Wege war , den Bruder hassen zu lernen , der ganzen Welt zu grollen , daß mir die letzte Zeit hier zu einer Hölle wurde – vielleicht wird es da draußen auf der See besser , vielleicht auch nicht . Aber fort muß ich , je eher , je lieber . “ Es lag etwas so Wildes , Leidenschaftliches in den letzten Worten , und das ganze Wesen Hugo ’ s verrieth so deutlich die mühsam niedergehaltene innere Qual , daß die junge Frau nicht den Muth fand zu einer herben Erwiderung ; sie wandte sich schweigend ab . – Nach einigen Minuten trat der Capitain wieder an ihre Seite . „ Wenden Sie sich nicht von mir , Ella , wie von einem Verbrecher ! “ sagte er mit aufquellender Weichheit . „ Ich gehe ja , vielleicht auf Nimmerwiederkehr , und die Stunde meines Geständnisses ist auch zugleich die des Abschiedes . Ich hätte es Ihnen freilich ersparen , Ihnen nicht auch noch das Herz mit dem schwer machen sollen , was mir das meinige abdrückt . Weiß Gott , ich hatte den redlichen Willen , zu schweigen und bis zum Abschiede Stand zu halten ; aber man ist doch am Ende auch nur ein Mensch , und als Sie mich baten zu bleiben und mich so freundlich ansahen , da war es vorbei mit der Selbstbeherrschung . Reinhold hat es mir ja selbst prophezeit , daß ich noch einmal den Augen begegnen würde , die allem Spotte und allem Leichtsinne ein Ende machen würden . Das Unglück war nur , daß ich sie gerade in dem Antlitze seines Weibes finden mußte . Wäre das nicht gewesen , ich hätte um dieser Augen willen der ganzen Freiheit und Unabhängigkeit Lebewohl sagen , hätte zum ruhigen , gesetzten Ehemanne werden , hätte meine ganze Natur verleugnen können , und da wäre es doch am Ende schade gewesen um den alten Hugo Almbach – deshalb hat der Himmel wohl ein Einsehen gehabt und ‚ Nein ‘ gesprochen . “ [ 640 ] Der Capitain versuchte es vergebens mit der alten Spottsucht ; sie wollte ihm heute nicht zu Hülfe kommen . Seine Lippen zuckten , und seine Worte klangen wie die bitterste Ironie . Ella sah , wie tief die Wunde bei dem Manne ging , den sie in dieser Beziehung für unverwundbar gehalten hatte . „ Sie hätten längst gehen sollen , Hugo , “ sagte sie mit leisem Vorwurfe . „ Jetzt ist es zu spät , Ihnen den Schmerz zu ersparen , aber wenn die Liebe einer Schwester – “ „ Um Gotteswillen , nur das nicht ! “ unterbrach er sie ungestüm . „ Nur nichts von Achtung , Freundschaft und all den schönen Dingen , mit denen sich die Idealisten in solchem Falle trösten , und die einen gewöhnlichen Menschen umbringen , wenn sich sein heißes Herz damit zufrieden geben soll . Ich weiß es ja , daß Sie in mir von jeher nur den Bruder gesehen haben , daß Ihr Herz immer und ewig an Reinhold gehangen hat , selbst da noch , als er Sie verrieth und verließ , aber ich ertrage es nicht , das jetzt aus Ihrem Munde zu hören . Freilich , es geschieht mir schon recht . Warum bin ich ihr auch untreu geworden , meiner schönen blauen Wellenbraut da draußen , der ich doch nun einmal allein angehöre ! Sie läßt es mich jetzt büßen , daß ich daran denken konnte , sie zu verlassen um einer Anderen willen , und doch war es mir immer , als blickte ich in ihre blauen Tiefen , wenn ich in Ella ’ s Augen sah . “ Er warf mit einer halb trotzigen Bewegung den Kopf zurück . „ Und mir haben sich diese Augen doch zuerst entschleiert , damals , als mein Bruder noch nicht ahnte , welchen Reichthum er sein nannte . Ich wußte besser als er , was an der Frau war , die er um einer Biancona willen aufgab , und trotzdem trägt er jetzt den Preis davon , für den ich Alles hingegeben hätte . Solche dämonische Künstlernaturen siegen ja immer gegen Unsereinen , der nichts einzusetzen hat , als sein warmes Herz und sein heißes , volles Lieben . Reinhold nimmt zurück , was nie auch nur einen Augenblick lang aufgehört hatte , sein Eigenthum zu sein , und ich – gehe . So ist uns Allen geholfen . “ Es lag eine grenzenlose Bitterkeit in den letzten Worten , die nur zu sehr verriethen , daß selbst die Liebe zu dem Bruder nicht mehr vor einer Leidenschaft Stand halten wollte , welche die ganze Natur Hugo ’ s verändert zu haben schien . Er machte Miene , das Zimmer zu verlassen . Ella hielt ihn zurück . „ Nein , Hugo , so dürfen Sie nicht gehen , “ sagte sie fest . „ Nicht mit dieser Bitterkeit gegen Reinhold und mich im Herzen . Unser Glück hat sich schon auf den Trümmern eines fremden Lebens aufbauen müssen ; es wäre zu theuer bezahlt , sollte es uns nun auch noch den Bruder kosten . Wir würden es nie , nie überwinden , Sie in der Ferne unglücklich zu wissen , unglücklich durch uns . “ Sie hatte bittend und traurig das Auge zu ihm emporgehoben ; der Capitain blickte mit einem seltsamen Gemisch von Groll und Zärtlichkeit nieder auf die junge Frau . „ Sorgen Sie nicht um mich ! “ entgegnete er gepreßt . „ Ich gehöre nicht zu den Männern , die sich gleich der Verzweiflung ergeben , weil sie sich von dem losreißen müssen , woran doch nun einmal ihr ganzes Herz hängt . Und wenn bei dem Losreißen auch ein Stück von dem Herzen mitgeht , nun , so lebt es sich auch so weiter . Ertragen werde ich ’ s ; ob ich es überwinde , ist eine andere Frage . – Wenn Reinhold völlig wieder hergestellt ist , so sagen Sie ihm , was mich fortgetrieben hat aus seiner und Ihrer Nähe ! Ich mag vor dem Bruder nicht als Heuchler dastehen , und ich hätte es ihm längst selbst gebeichtet , fürchtete ich nicht jetzt noch die Aufregung eines solchen Geständnisses für ihn ; er ist nur allzu reizbar in jedem Punkte geworden , der Sie betrifft . Sagen Sie ihm , Hugo hätte nicht bleiben können , nicht eine Stunde länger , und er hätte Ihnen sein Wort darauf gegeben , nicht eher wiederzukommen , bis er der Gattin seines Bruders so unter die Augen treten kann , wie er muß . “ [ 641 ] Seine Hand , die er ihr zum Lebewohl entgegenstreckte , umschloß mit krampfhaftem Druck die ihrige , als die Thür sich öffnete und der kleine Reinhold hereinstürmte , der sich mit kindlichem Ungestüm an den Oheim hing . „ Onkel Hugo , Du willst fort ? “ rief er athemlos . „ Jonas hat Deine Koffer gepackt und sagt , Du wolltest morgen abreisen . Onkel Hugo , das darfst Du nicht ; Du mußt bei uns bleiben . “ Der Capitain hob den Knaben empor und drückte mit leidenschaftlicher Heftigkeit seine Lippen auf die des Kindes . „ Bringe Deiner Mutter diesen Kuß ! “ flüsterte er mit halb erstickter Stimme . „ Von Deinen Lippen wird sie ihn ja wohl nehmen dürfen . Lebe wohl , mein Kind – Leben Sie wohl , Ella ! “ – „ Mama , “ sagte der kleine Reinhold , indem er verwundert dem Oheim nachblickte , der ihn so stürmisch niedergesetzt und dann das Zimmer verlassen hatte , „ Mama , was hat denn Onkel Hugo ? Er weinte ja , als er mich küßte . “ Die junge Frau zog das Kind an sich und jetzt berührten auch ihre Lippen die Stirn desselben , die noch feucht war , wie von zwei darauf niedergefallenen Thränen . „ Es wird dem Onkel schwer , uns zu verlassen , “ erwiderte sie leise . „ Aber er muß fort – Gott gebe , daß er einst zu uns zurückkehrt ! “ In der alten Hafen- und Handelsstadt H. hatte sich im Laufe der Zeit nur wenig verändert . Sie sah noch ebenso aus , wie vor zehn Jahren , als die italienische Operngesellschaft hier ihre ersten Vorstellungen gab . Das ältere Stadtviertel lag noch ebenso düster und winklig , das neuere noch ebenso vornehm und ruhig da , wie zu jener Zeit ; auf den Straßen und am Hafen herrschte noch das alte rege Leben und Treiben , und heute , an einem Frühlingsabende , lag auch wieder die alte feuchte Nebelatmosphäre über der Stadt und ihrer Umgebung . Im Erlau ’ schen Hause herrschte eine ungewöhnliche Aufregung . Der große , sonst mit vornehmer Ruhe und Pünktlichkeit geführte Haushalt schien heute ganz aus den Fugen gegangen zu sein . Es war ein Rennen und Laufen ohne Ende ; die ganze Flucht der Zimmer war geöffnet und erleuchtet ; die Dienerschaft befand sich in vollster Gala und wurde mit Befehlen bald hierhin , bald dorthin gerufen . Die Equipage war bereits vor einer Stunde nach dem Bahnhofe abgefahren , und soeben trat die Verwandte , welche jetzt dem Haushalte des Consuls vorstand , eine schon ältere Dame , in Begleitung des Doctor Welding in den großen Salon . „ Ich versichere es Ihnen , Herr Doctor , mit meinem Cousin ist heute nicht auszukommen , “ klagte sie , während sie sich mit der Miene der Erschöpfung auf einen Fauteuil niederließ . „ Er bringt das ganze Haus in Aufruhr und jagt die gesammte Dienerschaft mit Befehlen und Anordnungen durcheinander . Nichts ist ihm festlich und glänzend genug . Ich freue mich gewiß auch , meine liebe Eleonore wiederzusehen , und ihren berühmten Gatten persönlich kennen zu lernen , aber der Consul hat mich mit seiner Aufregung bereits so nervös gemacht , daß ich wünsche , die Empfangsfeierlichkeiten wären erst überstanden . “ „ Es ist ja aber auch das erste Mal , daß er seine Pflegetochter wieder im eigenen Hause empfängt , “ sagte Welding . Der Doctor hatte sich in dem langen Zeitraume kaum verändert ; er sah nur wenig älter aus . Es war noch immer das scharf und geistreich gezeichnete Gesicht , der durchdringende Blick und der ihm eigene ironische Klang der Stimme , mit dem er jetzt fortfuhr : „ Herr Reinhold Almbach scheint dem Consul gegenüber seine Oberhoheit über seine Frau ganz entschieden zu behaupten . Er hat es , wie Sie wissen , richtig durchgesetzt , daß Erlau jedesmal zu ihnen nach der Residenz kommen mußte , und wir bekamen trotz aller Versprechungen Frau Eleonore nicht eher zu sehen , als bis der Herr Gemahl sich entschloß , sie hierher zu begleiten . Es scheint , er kann sie nicht eine einzige Woche lang entbehren . “ „ Nein , gewiß nicht , “ rief die Dame gerührt . „ Sie sollten nur den Cousin davon erzählen hören , der erst so sehr gegen Reinhold eingenommen war , und nun mit ihm und dem Glücke Eleonorens völlig ausgesöhnt ist . Es ist eine Liebe zwischen den Beiden , so rein und klar , so fest und stark , und dabei von einem so märchenhaft poetischen Hauche umwoben , daß sie fast wie eine Sage herüberklingt in unsere glückes- und liebesarme Zeit . “ Der Doctor verbeugte sich ironisch . „ Vollkommen richtig , meine Gnädige . Ich sehe mit Vergnügen , welche eingehende Aufmerksamkeit Sie meinen Artikeln widmen . Genau dasselbe stand in Nr. 12 des ‚ Morgenblattes ‘ , gelegentlich einer Besprechung des Textes zu Rinaldo ’ s neuester Oper . “ „ So ? Steht es im ‚ Morgenblatt ‘ ? “ fragte die Dame in einiger Verlegenheit ; es schien ihr lieb zu sein , daß in diesem Momente der Consul eintrat , der , ohne in seiner freudigen Aufregung den Doctor zu bemerken sofort auf sie zueilte . „ Aber beste Cousine , ich suche Sie überall . Der Wagen kann jede Minute vom Bahnhofe zurückkehren , und wir hatten ja ausgemacht , daß wir zusammen unsere lieben Gäste empfangen wollen . Ist das rothe Cabinet noch nachträglich erleuchtet worden , wie ich befahl ? Ist der Heinrich drunten im Vestibül bei der übrigen Dienerschaft ? Haben Sie – “ „ Cousin , Sie machen mich nervös mit Ihren unaufhörlichen Fragen , “ rief die Dame in etwas gereiztem Tone . „ Ist es denn das erste Mal , daß Sie mir die Anordnung einer Festlichkeit übertragen ? Ich habe Ihnen bereits zwei Mal versichert , daß Alles nach Ihren Wünschen geregelt ist . “ „ Das ist für heute nicht genug , “ mischte sich jetzt Welding in das Gespräch . „ Diesmal übernimmt der Herr Consul selbst die Rolle des Hausmeisters und inspicirt das ganze Haus vom Boden bis zum Keller . Wehe Dem , der sich heute nicht im Festgewande vor ihm blicken läßt ! “ „ Spotten Sie nur ! “ lachte der Consul . „ Ich werde mir die Freude des Wiedersehens dadurch nicht stören lassen , und mit Ihnen , Doctor , bin ich überhaupt ausgesöhnt , seit Sie in Ihrem , Morgenblatte ‘ eine solche Jubelhymne über Reinhold ’ s neuestes Werk anstimmten . “ „ Bitte , ich schreibe keine Jubelhymnen , “ sagte der Doctor etwas pikirt . „ Ich habe im Gegentheil nur zu oft die Erfahrung machen müssen , daß meine Kritiken von den Herren Künstlern mit weniger schmeichelhaften Namen belegt werden . Unser großer Mime und Heldentenor , der , wie Sie wissen , sein hochtragisches Bühnenpathos stets auch im wirklichen Lehen beibehält , nannte neulich erst mein Urtheil über eine seiner Hauptrollen , den Ausfluß der schwärzesten Bosheit , die je eine schwarze Menschenseele ausgebrütet ‘ . Wie finden Sie das ? “ „ Nun , Reinhold hatte auch genug von Ihrer Feder auszustehen , “ meinte Erlau . „ Ein Glück , daß er damals in Italien unser ‚ Morgenblatt ‘ nicht zu Gesichte bekam ; er hätte sonst sehr unliebsame Dinge lesen müssen , ‚ von der beklagenswerthen Richtung eines unleugbar großen Talentes , von unverzeihlicher Verschleuderung der kostbarsten Gaben , von der Verwirrung eines Genius , der zum Höchsten befähigt und dennoch auf dem Wege sei , sich und die Kunst zu ruiniren ‘ – und was dergleichen Artigkeiten mehr waren . “ „ Mit denen Sie damals doch völlig einverstanden waren , “ ergänzte Welding . „ Gewiß , ich bin ein offener Gegner Rinaldo ’ s gewesen . So unbedingt ich von jeher sein großes Talent anerkannte , so sehr ich ihn bei seinen ersten künstlerischen Versuchen ermuthigte , so entschieden verwarf ich jene Richtung , der er sich später in Italien zuwandte . Jetzt ist das anders geworden . Sein neuestes Werk zeugt von einer Umkehr , zu der man ihm und der Kunst nur Glück wünschen kann . Er hat sich durchgerungen durch die wilde Gährung zur vollsten Freiheit und Klarheit des künstlerischen Schaffens . Sein Genius scheint endlich die rechte Bahn gefunden zu haben – dieses Werk steht durchaus auf der Höhe seines Talentes . “ „ Natürlich – und das ist einzig Eleonorens Verdienst , “ sagte Erlau mit unerschütterlicher Zuversicht , während seine Cousine sehr andächtig den Worten des Doctors lauschte . „ Hilft Frau Almbach ihrem Gemahl bei seinen Compositionen ? “ fragte Welding boshaft . „ Lassen Sie die Malice , Doctor ! Sie wissen doch am besten , wie ich es meine , “ rief der Consul ärgerlich . „ Nun , Heinrich , was giebt es ? “ wandte er sich an den rasch eintretenden Diener , der berichtete , daß der Wagen soeben vorfahre . „ Cousin ! Um Gottes willen , langsamer ! Die ganze Dienerschaft steht ja draußen im Vestibül , “ rief die alte Dame , die sich bereit gemacht hatte , die Ankommenden feierlich und würdevoll zu empfangen , und die jetzt von dem Consul , der ihren Arm ergriff , so stürmisch fortgezogen wurde , daß die Majestät ihrer [ 642 ] Schleppe gar nicht zur Geltung kam . Erlau hörte nicht auf ihre Vorstellungen ; sie mußte im Sturmschritte mit ihm bis zur Treppe . Doctor Welding , der zufällig gekommen war , ohne die Stunde der Ankunft zu kennen , hielt sich als Hausfreund berechtigt , der Familienscene beizuwohnen . Er blieb deshalb im Salon , während draußen die ersten Empfangs- und Bewillkommnungsreden laut wurden . Der Consul begrüßte mit voller Zärtlichkeit seine Pflegetochter und den kleinen Reinhold , der in hellem Jubel an seinem Halse hing . Die Cousine dagegen schien sich des großen Reinhold bemächtigt zu haben , den sie mit einem Strome von Complimenten in den Saal geleitete , während die Uebrigen noch in dem vorderen Zimmer weilten . „ Ich freue mich unendlich , in dem Gatten meiner theuren Eleonore , den ich ja auch wohl als Verwandten begrüßen darf , zugleich den gefeierten Rinaldo kennen zu lernen , “ versicherte sie noch auf der Schwelle . „ Und unser H. wird stolz darauf sein , seinen berühmtem Sohn endlich einmal wieder in seinen Mauern zu sehen . Herr Almbach , man kann Ihnen und der Kunst nur Glück wünschen zu Ihrem neuen Werke ; es steht durchaus auf der Höhe Ihres Talentes . Ihr Genius hat endlich – ja endlich – “ „ Die rechte Bahn , “ half Doctor Welding , der in der Nähe stand , mit größter Artigkeit ein . „ Die rechte Bahn gefunden , “ fuhr die Dame begeistert fort . „ Sie haben sich durchgerungen durch die wilde Gährung zur vollsten Freiheit und zu höheren Sphären . “ „ Nicht ganz wortgetreu , aber es geht auch so , “ murmelte Welding vor sich hin , während Reinhold , etwas betreten über dieses Sturzbad von ästhetischen Redensarten , sich vor der Dame verneigte . Zum Glück sah diese jetzt Ella am Arme des Consuls eintreten und eilte , sie und ihren Knaben zu umarmen , während der Doctor zu Reinhold trat . „ Darf ein alter Bekannter sich Ihnen in das Gedächtniß zurückrufen , Herr Almbach ? Ich bin zwar nicht so kühn , Sie gleich mit kritischen Lobsprüchen zu empfangen , wie Ihnen eben geschah , aber ich heiße Sie deswegen nicht minder herzlich in der Heimath willkommen . “ „ Die Tante meint es gewiß sehr freundlich , “ sagte Reinhold halb entschuldigend . „ Es war mir nur im Augenblicke etwas befremdlich – “ er hielt inne . „ Mit einer meiner Recensionen empfangen zu werden , “ ergänzte der Doctor . „ O , Ihre Frau Tante erweist mir öfter die Ehre , meine Artikel zu reproduciren , wenn auch freilich bisweilen an etwas ungeeigneter Stelle und mit eigenen Variationen , für die ich die Verantwortung nicht übernehme . Mit den ‚ höheren Sphären ‘ zum Beispiel habe ich für gewöhnlich nichts zu thun . “ Reinhold lächelte . „ An Ihnen ist die Zeit spurlos vorübergegangen , Herr Doctor . Sie bewahren noch immer Ihren alten Ruf . Das dritte Wort , das Sie sprechen , ist eine Malice . “ „ Je nachdem , “ meinte Welding achselzuckend und wandte sich an Ella , die dem alten Freunde des Hauses herzlich die Hand entgegenstreckte . „ Nun , wie finden Sie unsere Eleonore ? “ rief der Consul triumphirend . „ Blüht sie nicht wie eine Rose ? Und der ‚ Kleine ‘ ist so groß geworden , daß wir bald eine andere Bezeichnung für ihn werden suchen müssen . “ Doctor Welding lächelte und diesmal ausnahmsweise ohne jede Malice , als er erwiderte : „ Frau Eleonore ist sich gleich geblieben . Das ist das beste Compliment , das man ihr sagen kann . Gewiß , gnädige Frau , ich bin nicht der Letzte , der sich über dieses Wiedersehen freut und nebenbei auch darüber , daß die Erlau ’ schen Salons , für die nächsten Wochen wenigstens , wieder unter Ihrem Scepter stehen . Unter uns gesagt – “ er senkte die Stimme – „ es sieht bisweilen etwas bedenklich darin aus , wenn die Frau Tante bei den Kunstgesprächen den Vorsitz führt . “ – Die Aufregung und die Freude des Wiedersehens hatte die Ankömmlinge erst spät zur Ruhe gelangen lassen . Die Morgensonne schien schon klar und hell in die Fenster , als Ella in das Gemach trat , das während ihres Aufenthaltes in dem Erlau ’ schen Hause ihr Wohn- und Arbeitszimmer gewesen war . Es zeigte noch ganz die frühere kostbare Einrichtung , mit welcher der Consul seinen Liebling umgeben hatte . Auch Reinhold war bereits dort ; er stand am Fenster und blickte auf die Straßen seiner Vaterstadt herab , die er nach mehr als zehnjähriger Abwesenheit zum ersten Male wieder betrat . Es war nicht der junge Künstler mehr , der im trotzigen Kampfe mit seiner Umgebung und seiner Familie die Fesseln wie die Pflichten zerriß , um sich in eine Laufbahn zu werfen , die ihm Ruhm und Liebe verhieß , und der beides im Sturme errang , aber auch der Rinaldo war es nicht mehr , dessen wild geniales Leben in Italien so oft das Urtheil der Welt herausgefordert hatte , der keinen anderen Zügel und kein anderes Gesetz zu kennen schien als seinen eigenen Willen , und dem die Vergötterung von Seiten des Publicums und seiner Umgebung so verderblich zu werden drohte . In seinem Wesen lag nichts mehr von hochmüthiger Ueberhebung oder verletzender Schroffheit ; es zeigte jetzt einzig das ruhige feste Selbstbewußtsein , das dem Manne wie dem Künstler nur zum Vortheile gereichte . In seinem Auge blitzte noch immer etwas von der alten Leidenschaftlichkeit , die im Leben wie in seinen Werken doch nun einmal Rinaldo ’ s eigentliches Element bildete , aber die wilde unstäte Flamme , die einst in diesem Blicke loderte , war erloschen , und was jetzt dort leuchtete , paßte besser zu dem ruhigen , etwas düsteren Ausdrucke seiner Züge . Was auch ein wildes , überschäumendes Leben in dieses Antlitz gegraben haben mochte , es redete jetzt nur noch von Ueberwundenem , und der träumerisch nachdenkliche Blick , der in diesem Augenblicke den Giebel des alten Hauses in der Canalstraße suchte , der deutlich aus dem Häusergewirr emportauchte – es war ganz der Blick des ehemaligen Reinhold , jenes Reinhold , der in dem engen kleinen Gartenhause vor seinem Flügel so oft gesessen und jene Töne wachgerufen , die damals nur in der Nacht laut werden durften , wollte er nicht wegen der „ unnützen Phantasterei “ gescholten werden , welche die Welt jetzt die Offenbarung seines Genius nannte . Ella näherte sich ihrem Manne . Ihr Aussehen rechtfertigte in der That den Ausspruch des Consuls ; sie blühte wie eine Rose . Die drei letzten Jahre hatten dieser reizenden Gestalt nichts von ihrer Anmuth genommen , aber sie hatten ihr den Ausdruck des Glückes gegeben , der ihr einst fehlte . „ Hast Du so früh schon Briefe erhalten ? “ fragte sie auf zwei geöffnete Schreiben deutend , die auf dem Tische lagen . Reinhold lächelte . „ Gewiß ! Sie wurden uns aus der Residenz nachgesendet , und den Absender dieses Briefes , “ – er nahm den einen empor , – „ erräthst Du sicher nicht . Eins wenigstens hat mir mein neuestes Werk eingetragen , das mir mehr werth ist , als all die Ovationen , mit denen man uns überschüttete – einen Brief von Cesario . Du weißt ja , wie tiefverletzt er sich damals von uns zurückzog , und mir jeden Annäherungs- und Versöhnungsversuch unmöglich machte . Er konnte es Dir nicht vergeben , daß Du so lange gegen ihn geschwiegen hattest , und mir nicht , daß ich seinem Glücke im Wege stand ; seit drei Jahren habe ich , wie Du weißt , kein Lebenszeichen von ihm erhalten . Die erste Aufführung meiner Oper in Italien hat endlich das Eis gebrochen ; er schreibt wieder ganz mit der alten Herzlichkeit und Begeisterung , beglückwünscht mich wegen des neuen Werkes , das er weit über sein Verdienst erhebt , und – zeigt mir zugleich seine bevorstehende Vermählung mit der Tochter des Principe Orvieto an . Sie wird in wenigen Wochen seine Gemahlin . “ Ella war an die Seite ihres Mannes getreten und las über seine Schulter hinweg den Brief , den er geöffnet in der Hand hielt und in dem ihrer auch nicht mit einem einzigen Worte Erwähnung geschah . „ Kennst Du die Braut ? “ fragte sie endlich . „ Nur wenig ! Ich sah sie ein einziges Mal im Hause ihres Vaters und erinnere mich ihrer nur als eines schönen , lebhaften Kindes . Sie wurde im Kloster erzogen und stattete damals einen flüchtigen Besuch bei den Eltern ab . Aber ich weiß , daß diese Verbindung schon in jenen Tagen ein