seinen Händen , und sie wird als seine Erbin dereinst über ein beinahe fürstliches Vermögen verfügen . Dein Schwager hat Dir doch bestimmte Versprechungen in dieser Hinsicht gegeben ? “ „ Jawohl , “ versetzte die Baronin . „ Es geschah schon bei meiner Ankunft in seinem Hause , aber ich fürchte , dieser unglückselige Zwischenfall mit dem Assessor Winterfeld stellt das alles wieder in Frage . “ „ Der Assessor , “ meinte die Gräfin abbrechend , „ ist übrigens eine überaus gewinnende Erscheinung . Ich sagte Dir ja , daß ich ihn vor einigen Wochen auf einer Soirée kennen lernte , wo er , die Wahrheit zu sagen , den Mittelpunkt des allgemeinen Interesses bildete . “ „ Der Assessor Winterfeld ? “ fragte die Baronin , halb ungläubig , halb verächtlich . „ Allerdings . Er ist ja gewissermaßen eine Berühmtheit geworden und wird im Ministerium außerordentlich protegirt . Man zieht ihn in die besten Kreise und begegnet ihm überall mit Auszeichnung . “ „ Aber das ist ja unerhört , “ rief Frau von Harder . „ Man ist doch verpflichtet , die Beleidigung des Gouverneurs von R. zu strafen , und kann unmöglich den Beleidiger auszeichnen . “ „ Es geschieht aber dennoch – und wie ich fürchte , absichtlich , aus Opposition gegen den Freiherrn . – Ich sehe überhaupt nicht ein , Mathilde , weshalb Dir und Deinem Schwager der Antrag des Assessors so unerhört erschien . Statt ihn abzuweisen und ihn dadurch zu diesem verzweifelten Schritte zu treiben , hättet Ihr ihm Hoffnung geben sollen . “ „ Hoffnung geben ? “ wiederholte die Baronin . „ Ich bitte Dich , Therese – er ist ja bürgerlich . “ „ Das ist kein unübersteigliches Hinderniß , “ erklärte die Gräfin , die sich als weltkluge , praktische Frau sehr wenig von Standesvorurtheilen beeinflussen ließ und offenbar ganz von der Persönlichkeit Georg ’ s eingenommen war . „ Wozu giebt es denn Adelsdiplome ? Raven war auch bürgerlich , als Deine Schwester sich mit ihm verlobte . “ „ Das war ein Ausnahmefall , und Assessor Winterfeld – “ „ Wird eine ganz ähnliche Carrière machen . Sieh mich nicht so erstaunt an ! Ich spreche nur die allgemeine Annahme aus . Nach jenem allerdings sehr kühnen Schritte , der die Augen des ganzen Landes auf ihn gerichtet hat , darf er nicht mehr fürchten , übersehen zu werden . Hätte er sich nun vollends noch mit einer altaristokratischen Familie , wie es die Deinige ist , verbunden , so fehlte ihm nichts mehr auf dem Wege zu einer Höhe , wie Freiherr von Raven sie erreichte . “ Frau von Harder war sehr nachdenkend geworden . Sie war gewohnt , sich dem Urtheil der ihr geistig überlegenen Freundin unterzuordnen , und nach deren Schilderung erschien ihr Winterfeld in einem ganz anderen Lichte . Es fehlte nicht viel , so regte sich wieder die Vorliebe , die sie im Anfange der Bekanntschaft für Georg hegte . Der Eintritt des Grafen Selteneck machte dem Gespräch ein Ende . Er wollte die Damen nach der Oper begleiten , hatte aber noch einen Besuch gemacht , von dem er jetzt erst zurückkehrte . Man begrüßte sich und tauschte ewige gleichgültige Fragen und Erwiderungen aus . Die Gräfin meinte , daß es nun wohl Zeit sein dürfte , aufzubrechen , und wollte nach dem Wagen klingeln , aber ihr Gemahl hielt sie zurück . „ Einen Augenblick , Therese ! “ sagte er leichthin . „ Ich möchte vorher noch eine Kleinigkeit mit Dir besprechen . Die Frau Baronin entschuldigt uns wohl auf einige Minuten . “ Die Baronin bat , sich ihretwegen nicht stören zu lassen , und der Graf trat mit seiner Frau in das Nebenzimmer . „ Was ist denn vorgefallen ? “ fragte diese unruhig . „ Ich habe Nachrichten erhalten , “ entgegnete der Graf halblaut , [ 502 ] „ die Frau von Harder sehr peinlich berühren werden . Sie betreffen ihren Schwager , den Freiherrn von Raven . “ Er hatte die Thür nach dem Salon geschlossen , aber das Zimmer hatte noch einen zweiten Ausgang , der nur durch eine Portière verdeckt war . Die Sprechenden blieben in unmittelbarer Nähe desselben stehen , gerade in dem Augenblicke , wo Gabriele eintreten wollte , um sich nach dem Salon zu begeben . Sie vernahm die letzten Worte und den Namen des Freiherrn , und das war genug , sie unbeweglich an den Platz zu fesseln , wo sie stand . Hinter der Portière verborgen , lauschte sie athemlos . „ Der Gouverneur hat doch nicht etwa seine Entlassung genommen ? “ fragte die Gräfin . „ Davon ist jetzt nicht mehr die Rede , “ sagte Selteneck . „ Wäre dem so , nun , so theilte er das Schicksal mancher hohen Staatsbeamten , die nur zeitweise vom Schauplatz abtreten . Was ich soeben bei meinem Bruder hörte , ist so ernster Natur , daß , wenn es sich bestätigt – und es stammt direct aus dem Ministerium – der Freiherr ein für alle Mal unmöglich geworden ist . “ Die Gräfin sah ihren Gemahl erschrocken an ; er fuhr in gedämpftem , aber für Gabriele deutlich vernehmbaren Tone fort : „ Die erste Zeitung von R. hat einen Artikel gebracht , der eine geradezu vernichtende Anklage gegen den Gouverneur enthält . Man sprach wohl hin und wieder davon , daß auch Raven nicht ganz unbetheiligt an der früheren revolutionären Bewegung gewesen sei , aber wie Viele haben sich damals nicht fortreißen lassen ! Das sind Jugendextravaganzen , auf die man kein Gewicht legt , wenn sie bloße Ideen bleiben . In jenem Artikel wird aber behauptet , der Freiherr sei ein Mitglied , ja einer der Führer jener Verbindung gewesen , deren Haupt man in dem Doctor Brunnow – demselben , dessen Wiederverhaftung kürzlich so großes Aufsehen machte – verurtheilt zu haben glaubte . Es wird behauptet , Raven habe in der ehrlosesten Weise seine Freunde verrathen und die sämmtlichen Papiere und Beweismittel ausgeliefert ; seine Anstellung im Ministerium sei der Preis dieser Infamie gewesen . Die Beschuldigung ist mit einer Bestimmtheit und Rücksichtslosigkeit ausgesprochen worden , die kaum noch daran zweifeln läßt , und man beruft sich auf das Zeugniß Brunnow ’ s selbst . “ „ Und was hat Raven geantwortet ? “ fiel die Gräfin hastig ein . „ Er erklärte Alles für Lüge – das gebietet ihm einfach die Pflicht der Selbsterhaltung , von Gegenbeweisen aber verlautet noch nichts . Gelingt es ihm nicht , die Sache aufzuklären und sich von dem Verdachte zu reinigen , so ist seine Rolle ausgespielt . “ „ Die arme Mathilde ! “ rief die Gräfin . Der Graf zuckte die Achseln . „ Wollen wir ihr die Vorgänge einstweilen noch verschweigen ? “ „ Nein , “ erwiderte die Gräfin , sie erfährt sie morgen durch die Zeitungen . „ Man muß ihr Alles sagen . “ Beide kamen überein , die beabsichtigte Fahrt nach der Oper aufzugeben und kehrten in den Salon zurück . Gabrielens Antlitz war geisterbleich , als sie ihren Platz verließ und in ihr Zimmer zurückkehrte . Sie täuschte sich keinen Augenblick über die wahre Bedeutung des eben Gehörten . Der Instinct der Liebe lehrte sie den Charakter Raven ’ s besser beurtheilen , als es der erfahrenste Menschenkenner vermocht hätte . Sie wußte , daß der Freiherr jedem Kampfe , jedem Schicksalsschlage gewachsen war , nur dem Einen nicht , das sich Schande und Demüthigung nannte , und gerade dieses Eine hatte man jetzt über ihn heraufbeschworen . Während die Gräfin Selteneck der Baronin die peinliche Neuigkeit mittheilte , warf das junge Mädchen am Schreibtische mit fieberhafter Eile einige Zeilen auf das Papier . Es waren nur wenige Worte , und die Adresse lautete an den Assessor Winterfeld . Der Brief fand ihn sicher im Ministerium . Er enthielt nichts weiter , als die Nachricht von ihrem Hiersein , die Bitte , sie morgen im Selteneck ’ schen Hause aufzusuchen – kein Wort weiter . – – Am Nachmittage des nächsten Tages trat Georg Winterfeld in den Salon der Gräfin . Gabriele trat auch schon nach wenigen Minuten ein , und Georg eilte ihr mit stürmischer Freude entgegen . „ Gabriele , meine Gabriele , endlich sehen wir uns wieder . “ Er fühlte in seinem Entzücken gar nicht , daß ihre Hand regungslos in der seinigen lag , ohne deren Druck zu erwidern , und daß die ganze Antwort auf seine zärtliche Begrüßung nur in einem matten , traurigen Lächeln bestand . Er fuhr in derselben freudigen Erregung fort : „ Aber was bedeutet das Alles ? Ich glaubte Dich noch in R. und erfahre jetzt erst , daß Du hier in der Residenz , in meiner Nähe , weilst . Und wie soll ich mir den Brief erklären , der mich zu Dir ruft ? Weiß Deine Mutter von dieser Einladung ? “ „ Nein , “ sagte Gabriele mit ungewohnter Entschiedenheit . „ Sie ist mit der Gräfin Selteneck ausgefahren . Bei ihrer Rückkehr werde ich ihr aber mittheilen , daß und warum ich Dich hergerufen habe . Sie würde diese Unterredung nicht gestattet haben , und ich mußte Dich sprechen . “ Georg sah sie ein wenig erstaunt an . Ein solcher entschlossener Schritt war sonst Gabrielens Sache nicht . „ Auch ich sehnte mich unendlich , Dich zu sprechen , “ erwiderte er . „ Es war mir nicht möglich , Dir Nachricht zu geben . Ich kann und darf keine Beziehungen mit dem Hause des Gouverneurs unterhalten , am wenigsten gegen seinen Willen . Du weißt ja , wie ich ihm jetzt gegenüberstehe . “ „ Ich habe es von – Anderen hören müssen . Du gingst von mir mit dunklen Andeutungen , die ich kaum verstand . Du ließest die Wahrheit ganz unvorbereitet über mich hereinbrechen . “ Georg verstand den Vorwurf . „ Verzeih ! “ bat er innig . „ Es geschah einzig und allein um Deinetwillen . Ich durfte Dich nicht zur Mitwisserin eines Vorhabens machen , das gegen den Mann gerichtet war , in dessen Hause , unter dessen Schutze Du lebst . Zürnst Du mir deswegen ? Du ahnst nicht , wie viele Kämpfe ich mit mir selbst zu bestehen hatte , ehe ich mich zu diesem Schritte entschloß . “ „ Er hat Dir ja Glück gebracht – “ die Stimme des jungen Mädchens hatte einen seltsamen , beinahe hohnvollen Klang – er hob Dich mit einem Schlage aus der Verborgenheit empor : „ Dein Name wird jetzt überall genannt . “ Das schöne , ernste Antlitz Winterfeld ’ s verdüsterte sich . „ Es drückt mich schwer genug , daß es durch eine solche Veranlassung geschieht . Ich hatte auf diesen Erfolg am wenigsten gerechnet . Oder zweifelst Du an dem , was ich Dir bei unserer Trennung sagte ? Zweifelst Du daran , Gabriele , daß kein persönliches Rachegefühl gegen den Freiherrn mich antrieb und daß jene Schrift entstand , ehe wir uns kannten ? Ich war darauf gefaßt , daß sie mir verhängnißvoll werden würde , denn ich kannte den Gegner , den ich reizte . Meine Stellung , meine ganze Zukunft vielleicht standen auf dem Spiele , aber es galt , die tyrannische Macht eines Mannes zu brechen , an den sich Niemand wagte . Ich wagte es und war bereit , die Folgen zu tragen , doch wenn je eine Sache eine unerwartete Wendung nahm , so war es diese . Ich wurde von allen Seiten gedeckt und gestützt , und der Gouverneur wurde preisgegeben . Ich hatte keine Ahnung davon , welche mächtige Strömung gerade in den Kreisen , die ich am meisten fürchtete , mein Auftreten begünstigte . “ Er hatte klar und ruhig gesprochen , aber in seinem Auge lag eine unruhige und schmerzliche Frage , welche die Lippen verschwiegen . Er konnte sich in das Wesen der Geliebten nicht finden ; sie stand ihm so fremd , so kalt gegenüber , ohne ein Zeichen der Theilnahme . Kein Wort der Zärtlichkeit fiel bei diesem Wiedersehen nach wochenlanger Trennung ; statt dessen wurden Dinge erörtert , die Gabrielen einst unendlich fern lagen und jetzt ihr alleiniges Interesse zu fesseln schienen . Was war mit ihr vorgegangen ? „ Noch eine Frage , Georg ! “ nahm sie wieder das Wort . „ Jener letzte Angriff , jene schändliche Verleumdung , welche die Zeitungen brachten – hast Du irgend einen Antheil daran . “ „ Nein , die plötzliche Enthüllung überraschte mich nicht weniger als Andere , und ich weiß nicht , von wem sie stammt . Ich kämpfe nicht mit anonymen Beschuldigungen , die sich an eine längst entschwundene Vergangenheit heften . Wenn ich jene Thatsache für meine Schrift hätte verwerten wollen , so wäre der Sturz des Gouverneurs längst entschieden , denn ich kannte sie schon seit Monaten . “ „ Die Thatsache ? “ fuhr Gabriele auf . „ Es ist eine Lüge . Wie kannst Du nur einen Augenblick daran zweifeln ? “ „ Es ist eine Thatsache , “ sagte der junge Mann ernst . „ Ich weiß sie aus dem Munde eines Mannes , dem es schwer genug wurde , als Ankläger gegen seinen einstigen Freund aufzutreten . Es ist der Vater Max Brunnow ’ s. “ [ 502 ] „ Und ich sage Dir dennoch : es ist Verleumdung , “ rief Gabriele mit flammenden Augen . „ Arno kann keine Ehrlosigkeit begehen und hat sie nicht begangen . Er erklärt es für eine Lüge ; folglich ist es eine Lüge , und wenn die ganze Welt ihn anklagt , ich glaube ihm allein . “ „ Arno ? – Du glaubst ihm allein ? “ wiederholte Georg langsam . „ Was – was soll das heißen ? “ „ Alles verläßt ihn jetzt , “ fuhr Gabriele in ausbrechender Leidenschaft fort , „ Alles stürmt auf ihn ein . So lange er hoch und mächtig dastand , wagte es Niemand , ihn anzurühren , aber seit Du das Signal zum Angriff gegeben hast , wird er von allen Seiten verfolgt und zum Untergange gehetzt . Und wenn er trotz alledem Stand hält , so greift man zu dem letzten Mittel und verwundet ihn tödtlich an seiner Ehre . O , ich weiß nur zu gut , weshalb er mich fortsandte . Er ahnte , was bevorstand ; er wollte allein sein in seinem Sturze . “ Georg war todtenbleich gewordenen ; seine Augen hafteten starr und angstvoll auf dem Gesicht des glühend erregten Mädchens . Diese Heftigkeit verrieth zu viel , und das Herz des jungen Mannes zog sich krampfhaft zusammen . Er ahnte den Tod seines Glückes . „ Was ist zwischen Dir und dem Freiherrn vorgegangen ? “ fragte er . „ So vertheidigt man nicht einen Vormund , einen Verwandten ; so hättest Du von mir sprechen müssen , wenn mich eine Gefahr bedrohte . Was ist geschehen während unserer Trennung ? Gabriele – nein , es ist unmöglich – Du kannst diesen Raven nicht lieben . “ Sie gab keine Antwort , aber sie sank auf den Sessel und brach , das Gesicht in den Händen verbergend , in lautes Weinen aus . Einige Minuten lang herrschte ein banges Schweigen , das nur von dem Schluchzen Gabrielens unterbrochen wurde . Georg stand regungslos da ; er bedurfte keiner anderen Antwort , aber die Entdeckung kam zu jäh , zu unerwartet . „ Du liebst ihn also , “ sagte er endlich tonlos . „ Und er – jetzt begreife ich seinen Haß gegen mich , seine wilde Gereiztheit , als er meine Liebe entdeckte . Darum also riß er uns so unerbittlich von einander ; darum nahm er mir jede Hoffnung auf Deinen Besitz . Daß er mir auch Deine Liebe nehmen würde , das – habe ich nicht geglaubt . “ Gabriele trocknete ihre Thränen und richtete sich empor . „ Verzeih ’ mir , Georg ! Ich fühle die ganze Schwere meines Unrechtes gegen Dich , aber ich kann nicht anders . Ich habe die Liebe nicht gekannt , als ich Dir mein Wort gab ; ich lernte sie erst kennen , als Arno mir entgegentrat , und jetzt wäre es Verrath gegen Dich , wollte ich Dir noch länger die Wahrheit verschweigen . Ich habe gekämpft , so lange der Kampf überhaupt möglich war ; noch gestern schwankte und zweifelte ich , da kam jene Nachricht , und da war es vorbei mit jedem Zweifel . Ich weiß jetzt , wo allein mein Platz ist , und werde ihn behaupten , aber zuvor mußtest Du Alles wissen . Gieb mir mein Wort zurück ! Ich bitte Dich – ich kann es Dir nicht halten . “ Der junge Mann stand im heftigsten Kampfe da . „ Hast Du mich gerufen , um mir das zu sagen ? “ fragte er . „ Ja , “ war die kaum hörbare Antwort . „ Du bist frei in dem Augenblicke , wo Du frei sein willst , “ sagte Georg mit tiefster Bitterkeit . „ Ich gelobte Dir , daß nichts auf der Welt mich bewegen werde , auf Deine Hand zu verzichten , ich müßte denn aus Deinem eigenen Munde hören , daß Du mich aufgiebst . Ich habe es gehört – lebe wohl ! “ Er wandte sich ab und schritt nach der Thür . Gabriele eilte ihm nach und legte die Hand auf seinen Arm . „ Geh ’ nicht so von mir , Georg ! Sage , daß Du mir verzeihst ! Reiße Dich nicht in Haß und Bitterkeit von mir los ! Ich ertrage es nicht , wenn Du mir zürnst . “ Das war wieder der alte süße Ton , der so oft seine bestrickende Macht geübt hatte , er hemmte auch jetzt den Schritt des jungen Mannes , und als das holde thränenfeuchte Antlitz sich so angstvoll stehend zu ihm emporhob , da wollte auch sein tief verletzter Stolz nicht mehr Stand halten . Er umfing die noch immer so leidenschaftlich Geliebte . „ Muß ich Dich denn verlieren ? “ fragte er in bebendem Tone . „ Besinne Dich , Gabriele ! Opfere nicht so schnell unser Glück und unsere Liebe ! Die Leidenschaft Raven ’ s hat Dich berückt , geblendet ; er versteht es , mit dämonischer Gewalt die Herzen an sich zu ketten , aber er wird nie und nimmermehr ein Weib beglücken können . Du mit Deiner klaren , sonnigen Natur wirst vergehen an der Seite dieses Mannes . Du kennst ihn noch nicht ; er verdient Deine Liebe nicht . “ Gabriele machte sich sanft aus seinen Armen los . „ Suche ich denn Glück an Arno ’ s Seite ? Ich will ja nur bei ihm sein , wenn Alles ihn verläßt . Ich will sein Schicksal theilen , will mit ihm untergehen , wenn es sein muß . Das ist das einzige Glück , das ich erwarte , und dies eine wenigstens will ich mir nicht nehmen lassen . “ Es lag eine hingebende Zärtlichkeit in diesen Worten , und Georg ’ s Blick ruhte mit düsterem Schmerze auf dem jugendlichen Wesen , das so schnell die volle aufopfernde Hingebung des Weibes gelernt hatte . So , gerade so hatte er sich seine Gabriele geträumt , als er das frohe , übermüthige Kind zum Ideale seines Lebens erhob , freilich nur geträumt ; er hoffte ja nie , daß sie sich zu jener Höhe emporschwingen werde . Jetzt stand dieses Ideal verkörpert vor ihm , und in demselben Augenblicke erfuhr er , daß es ihm auf immer verloren sei . „ So laß uns scheiden ! “ sagte er , seine ganze Fassung zusammenraffend . „ Du hast Recht , mit dieser Alles überfluthenden Leidenschaft für einen Anderen im Herzen kannst Du nicht die Meine werden . Auch ohne Deine Bitte hätte ich Dich freigegeben nach diesem Geständniß . Weine nicht , Gabriele ! Ich habe ja keinen Haß , keinen Vorwurf gegen Dich , nur gegen ihn , der Dich mir raubte . Du warst das Glück , der Inhalt meines Lebens . Wie ich es tragen werde , wenn Du darin fehlst , weiß ich nicht . Leb ’ wohl ! “ Er zog sie noch einmal an sich , drückte noch einmal seine Lippen auf die ihrigen und eilte dann fort aus dem Hause , das er mit so frohen Hoffnungen betreten hatte und nun mit einem vernichteten Lebensglücke verließ . Gabriele blieb allein zurück , sie weinte nicht mehr , aber es war ein unnennbares Weh , das jetzt ihr Inneres durchzuckte . Sie fühlte , daß mit der Liebe Georg ’ s das Beste und Edelste aus ihrem Leben geschieden war . Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Um hohen Preis aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 31 , S. 512 – 514 Fortsetzungsroman – Teil 23 [ 512 ] „ Nun , Gott sei Dank , daß die unselige Geschichte ein so glückliches Ende genommen hat ! Es brachte mich fast zur Verzweiflung , daß ich die Veranlassung dazu sein mußte . Ich gratulire Dir von Herzen zu Deiner Befreiung , Papa . “ Mit diesen Worten umarmte Max Brunnow herzlich seinen Vater , der mit einem flüchtigen Lächeln erwiderte : „ Die Sache kam mir nicht ganz unerwartet . Ich hatte schon vor ewiger Zeit einen ziemlich deutliche Wink erhalten und zwar vom Polizeidirector selbst . “ „ Die Presse hat sich aber auch wacker Deiner angenommen . “ sagte Max . „ In allen Zeitungen wurde der Ruf nach Begnadigung laut und das Publicum hatte nun vollends vom ersten Tage an leidenschaftlich Partei für Dich genommen . “ Dieses Gespräch fand in der ehemaligen Wohnung des Assessor Winterfeld statt , die dieser bei der schnellen und unerwarteten Abreise von R. seinem Freunde überlassen hatte . Max war unmittelbar nach seiner Genesung wieder dorthin zurückgekehrt und hatte vor einigen Stunden den Vater bei dessen Entlassung aus der Haft abgeholt . Die von allen Seiten erwartete Begnadigung Brunnow ’ s war nun wirklich erfolgt und mit allgemeiner Genugthuung begrüßt worden . Man hatte schließlich über den Starrsinn des Doctors hinweggesehen , der sich zu keiner Bitte und keinem Schritte seinerseits verstehen wollte ; er war vollständig amnestirt worden . Trotzdem sah er düster und niedergeschlagen aus . Er war blaß und offenbar angegriffen . Max dagegen war völlig unverändert . Seine kräftige Natur hatte , wie er vorausgesehen , ungemein rasch die Folgen der Krankheit überwunden , nur die frische Narbe auf der Stirn erinnerte noch daran . Im Uebrigen aber war das sonst ziemlich rücksichtslose Benehmen des jungen Mannes der rücksichtsvollsten Herzlichkeit dem Vater gegenüber gewichen . Er empfand tief die Aufopferung desselben , und auch Brunnow fühlte jetzt erst , was der Sohn ihm werth war . Jene Stunde am Krankenbette hatte das einst so gespannte Verhältniß zwischen den Beiden in das innigste Einverständniß gewandelt . „ Nun aber zu andere Dingen ! “ sagte Max abbrechend . „ Ich habe Dir ein Geständniß zu machen . Sieh mich einmal an , Papa . Bemerkst Du gar nichts Außergewöhnliches an mir ? “ Brunnow musterte ihn etwas verwundert vom Kopfe bis zu den Füßen . „ Nein , Ich finde nur , daß Du Dich außerordentlich schnell erholt hast ; sonst bemerke ich nichts . “ Max richtete sich würdevoll empor , trat dicht vor seinen Vater hin und erklärte mit Selbstgefühl : „ Ich bin Bräutigam . “ „ Bräutigam – Du ? “ wiederholte der Doctor überrascht . „ Schon seit mehreren Wochen . Es stand in der letzten Zeit allzuviel für uns auf dem Spiele , als daß ich Dich mit meinen Herzensangelegenheiten hätte behelligen können . Jetzt aber , wo Du frei und gerettet bist , bitte ich um Deine Zustimmung . Du kennst meine Braut bereits ; es ist Hofrath Moser ’ s Tochter . “ „ Wie , doch nicht etwa das junge Mädchen , das mir Auskunft über Dem Befinden gab ? Unmöglich ! “ „ Weshalb unmöglich ? Mißfällt Dir Agnes ? “ „ Das nicht , aber diese zarte , blasse Erscheinung , mit den schwärmerisch duncklen Augen ist doch sicher nicht Dein Geschmack . Und dann diese seltsame nonnenhafte Kleidung ; ich glaubte eine barmherzige Schwester zu sehen , die man zu Deiner Pflege hergerufen hatte . “ „ Sie will auch in ’ s Kloster gehen , “ sagte Max . „ Ich werde mich wohl noch mit der Frau Aebtissin , dem Herrn Beichtvater und einem halben Dutzend Hochwürdigen herumschlagen müssen , ehe es zur Trauung kommt . “ „ Aber Max ! “ fiel der Vater ein . „ Agnes ist ausnehmend zart und auch kränklich , “ fuhr Max fort , „ aber es ist nichts Gefährliches , nur nervöse Ueberreizung . Ich werde sie schon gesund machen , wofür bin ich denn Arzt ? Vom Hauswesen versteht sie allerdings leider gar nichts . “ „ Da Du Dein Heirathsprogramm so ausgezeichnet inne hältst , “ spottete Brunnow , „ wie steht es denn mit dem ersten und Hauptparagraphen desselben , mit dem Vermögen , das Du für unerläßlich erklärtest ? “ Der junge Arzt machte ein ziemlich verlegenes Gesicht . „ Pah , ich habe eingesehen , daß es gar nicht darauf ankommt . Traust Du mir nicht die Fähigkeit zu , meine Frau und meinen Hausstand allein zu erhalten ? Auf Vermögen kann ich allerdings nicht rechnen . “ „ Nun , das muß man sagen , Du gehst consequent zu Werke , “ brach der Vater aus . „ Das läuft ja Alles auf das directe Gegentheil Deiner früheren Ansichten hinaus . Was ist denn eigentlich mit Dir vorgegangen ? “ Max seufzte tief auf . „ Ich weiß es nicht , aber ich glaube , der Idealismus ist jetzt auch bei mir zum Durchbruch gekommen . Du hast Dir Dein Lebenlang umsonst Mühe gegeben , ihn mir beizubringen . Agnes ist das in wenigen Woche gelungen , und da Du diese Eigenschaft stets bei mir vermißt hast , so hoffe ich , Du wirst darüber entzückt sein . “ Der Doctor sah nichts weniger als entzückt aus . Er betrachtete den so plötzlich ausgebrochenen Idealismus seines Sohnes mit offenbarem Mißtrauen . „ Aber Max , das geht nimmermehr , “ sagte er kopfschüttelnd . „ Ein junges Mädchen , in Klosterideen erzogen , zur religiösen Schwärmerei geneigt , die Tochter eines Bureaukraten vom reinsten Wasser , willst Du in unsere Lebenskreise und Lebensanschauungen verpflanzen ? So bedenke doch – “ „ Ich bedenke gar nichts , sondern ich heirathe , “ unterbrach ihn Max . „ Alles , was Du mir da einwirfst , habe ich mir hundertmal selbst vorgehalten , es hat aber nichts geholfen . Ich muß Agnes haben , und sollte ich alle Hindernisse , inclusive den Papa Hofrath und seine weiße Halsbinde , im Sturme nehmen . “ „ Ja , der Hofrath , “ fiel Brunnow ein . „ Was sagt er denn zu der Sache ? “ „ Vorläufig noch gar nichts , denn er weiß noch nichts davon . Ich konnte ihn begreiflicher Weise nicht um die Hand seiner Tochter bitten , während Du als ehemaliger Hochverräther im Gefängnisse saßest , jetzt aber werde ich mit meinem Antrage nicht länger zögern . Er wird mich zur Thür hinauswerfen , wenigstens wird er die freundliche Absicht äußern , es zu thun , aber ich bin nicht so leicht von einem Platze fortzubringen , den ich behaupten will . Ich halte Stand . – Sieh nicht so bedenklich aus , Papa . Ich versichere Dir , wenn Du Agnes erst kennst , so wirst Du zugeben , daß diese Verlobung der gescheiteste Streich meines ganzen Lebens war . “ „ Der Doctor mußte wider Willen lächeln . Wir wollen es abwarten . Wenn Du aber , wie vorauszusehen , einen längeren Widerstand bei dem Vater Deiner Braut zu überwinden hast , so werde ich sie für jetzt kaum sehen und sprechen können . Ich reise ja schon übermorgen nach Hause . “ „ So gieb doch endlich diese Idee auf ! “ bat Max . „ Weshalb willst Du nicht warten , bis ich Dich begleite ? Unsere Erbschaftsangelegenheit ist zwar glücklich beendigt , aber es ist noch so Manches zu erledigen . So hat sich zum Beispiel ein Käufer für das Gut des Vetters gefunden , und es wäre wohl am besten , wenn er persönlich mit Dir Rücksprache nehmen könnte . “ „ Nein , nein ! “ wehrte Brunnow ab . „ Du hast ja hinreichende Vollmacht und erledigst dergleichen praktische Dinge viel besser , als ich selber . Ich will fort , so bald wie möglich . “ „ Ich begreife Dich wirklich nicht , “ meinte Max , „ Du hast Dich so oft noch dem Vaterlande gesehnt , und jetzt , wo es Dir wieder offen steht , fliehest Du es förmlich . “ Brunnow hatte sich niedergesetzt und stützte den Kopf in die Hand ; der schmerzliche , gramvolle Zug in seinem Antlitz trat deutlicher als je hervor , als er entgegnete : „ Ich bin fremd geworden in meinem Vaterlande . Und glaubst Du , es macht mir Freude , wenn ich bei den Enthüllungen über die Vergangenheit Raven ’ s als Zeuge aufgerufen werde ? Ich muß antworten , wenn man mich fragt , und ich will nicht gefragt sein , wenigstens hier nicht . “ [ 513 ] „ Warum nicht ? “ warf Max ein , „ Du hast Dich stets mit der größten Erbitterung gegen das