vorderen Terrasse standen die beiden Diener Franz und Anton , mit ängstlichen und doch zugleich neugierigen Gesichtern nach den Werken hinüber schauend , aber sie fuhren nicht weniger erschreckt zurück , wie vorhin der Schichtmeister , als ihre gnädige Frau , die doch in der Residenz sein mußte , urplötzlich vor ihnen stand , ohne daß sie auch nur einen Wagen gehört hatten , oder das Kammermädchen oder sonst Jemand in ihrer Begleitung sahen . Durch die Werke konnte die junge Herrin doch unmöglich gekommen sein , noch weniger durch den Park , denn dort hinten auf den Wiesen ging es ja fast noch ärger zu , und doch war sie jetzt hier . Die beiden Leute waren so bestürzt , daß sie kaum auf die ihnen hastig vorgelegte Frage antworten konnten , indeß erfuhr Eugenie doch , daß Herr Berkow sich augenblicklich noch im Hause befand , und nun eilte sie rasch die Treppe hinauf . Franz , der ihr gefolgt war , fand noch mehr Gelegenheit , sich über die gnädige Frau zu wundern , denn diese duldete es kaum , daß er ihr oben im Vorzimmer Hut und Mantel abnahm , befahl ihm zu bleiben , als er mit der Meldung ihrer Ankunft nach dem Flügel hinüber eilen wollte , den der Herr bewohnte , und erklärte , sie werde selbst sofort ihren Gemahl aufsuchen . Der Diener stand da , den Mantel noch in den Händen , und sah ihr mit offenem Munde nach . Das ging ja Alles wie im Sturmwinde , was konnte es denn nur in der Residenz gegeben haben ? Eugenie hatte rasch den Saal und die beiden vorderen Gemächer durchschritten , als sie plötzlich inne hielt ; denn aus dem nebenan liegenden Arbeitszimmer Arthur ’ s tönten ihr Stimmen entgegen . Die junge Frau hatte so sicher darauf gerechnet , ihren Gatten allein zu finden ; unerwartet und unangemeldet hatte sie zu ihm eintreten wollen , und nun traf sie ihn in Gesellschaft eines Anderen . Nur nicht dieses Wiedersehen in Gegenwart Fremder ! Eugenie zögerte unentschlossen , ob sie umkehren oder bleiben solle . Endlich trat sie lautlos zurück hinter die Portière , deren Falten sie zum größten Theil verbargen . „ Es ist unmöglich , Herr Berkow ! “ sagte die klare scharfe Stimme des Oberingenieurs . „ Wenn Sie noch länger die Schonung walten lassen , so wendet es sich gegen Die , die da anfangen , zur Ordnung zurückzukehren . Sie haben diesmal noch das Feld geräumt , weil sie die Schwächeren waren , aber die Scenen werden sich schlimmer , blutiger wiederholen als heute Morgen , wo es mit einem bloßen Handgemenge abging . Hartmann hat gezeigt , daß er die eigenen Cameraden nicht schont , wenn sie sich gegen seinen Terrorismus auflehnen . Er läßt Feind und Freund bluten , sobald es sich um sein starres Princip handelt . Die offene Thür ließ Eugenie den Einblick in das Zimmer frei . Arthur stand ihr gerade gegenüber am offenen Fenster , und das volle Licht fiel auf sein Antlitz , das um so Vieles düsterer geworden war , seit sie es nicht gesehen . Der Schatten der Sorge , der freilich damals schon auf der Stirn lag , die noch so wenig gewohnt war , ihn zu tragen , hatte sich jetzt in zwei tiefen Falten dort eingegraben , die vielleicht nichts mehr verwischen konnte . Jede einzelne Linie des Gesichts war schärfer , strenger geworden ; der Zug von Energie , der damals erst aufdämmerte und nur in Momenten der Erregung zur vollsten Geltung kam , herrschte jetzt auch in der Ruhe unbedingt vor und hatte den ehemaligen träumenden Ausdruck völlig zurückgedrängt ; auch die Haltung und Stimme verrieth eine gleiche Festigkeit und Bestimmtheit – man sah es , der junge Chef hatte in wenigen Wochen Das gelernt , wozu Andere Jahre brauchen . „ Ich bin gewiß der Letzte , der einer fremden Hülfe das Wort redet , „ fuhr der Oberingenieur fort , „ aber ich dächte , wir Alle , unser Chef voran , hätten nun genug gethan , sie abzuhalten . Man kann und wird uns wahrhaftig keinen Vorwurf machen , wenn wir endlich auch zu Dem greifen , was die Nachbarwerke längst gethan haben , und zwar ohne solche dringende Nothwendigkeit wie die unsrige . “ Arthur schüttelte düster das Haupt . „ Die anderen Werke können für uns keinen Maßstab geben ; dort ist es mit einigen Verhaftungen und Verwundungen abgegangen , dort genügten fünfzig Mann und ein paar Schüsse in die Luft , um die ganze Revolte zu unterdrücken . Hier steht Hartmann an der Spitze , und wir wissen Alle , was das heißen will . Der weicht selbst einem Bajonnetangriff nicht , und mit ihm steht und fällt auch sein ganzer Anhang . Sie würden das Aeußerste herausfordern – bei uns geht der Friede nur über Leichen . “ Der Beamte schwieg , aber sein bedeutsames Achselzucken zeigte , daß er die Befürchtung seines Chefs theilte . „ Wenn aber der Friede nicht anders zu erreichen ist – “ begann er wieder . „ Wenn er zu erreichen ist ! Er ist es aber nicht , und die Opfer fallen umsonst . Ich zwinge die Empörung für den Augenblick nieder , damit sie sich im nächsten Jahr , in den nächsten Monaten vielleicht schon von Neuem erhebt , und Sie wissen so gut wie ich , daß mir das die letzte Möglichkeit nimmt , die Werke zu behaupten . Anderswo geben sich doch wenigstens noch Regungen der Gerechtigkeit , des Vertrauens kund , anderswo fangen die Leute doch endlich an , zur Besinnung zurückzukehren ; bei uns ist das nicht zu hoffen ; das Jahre lang gesäete Mißtrauen läßt sich nicht überwinden . Haß und Feindschaft war die Parole , die gegen mich ausgegeben wurde , als ich hier eintrat ; sie ist es noch heute , und wenn ich nun noch das Blut zwischen sie und mich stelle , dann ist es vollends aus . Hartmann freilich darf es wagen , die Seinen im offenen Kampfe zum Gehorsam zu treiben , ihnen gewaltsam , vielleicht blutig seinen Willen aufzuzwingen ; er bleibt ihnen doch der Messias , von dem sie allein ihr Heil erwarten . Wenn ich nur einen Schuß thun lasse , wenn ich mich nur zur eigenen Nothwehr bewaffne , so bin ich der Tyrann , der sie kaltblütig morden läßt , der Unterdrücker , der [ 288 ] seine Freude hat an ihrem Verderben . Der alte Schichtmeister hat es mir damals nicht umsonst gesagt : ‚ Wenn es einmal bei uns losbricht , dann gnade uns ‚ Gott ! ‘ “ Es lag keine Klage , nicht einmal eine Muthlosigkeit in diesen Worten , nur die tiefe Bitterkeit eines Mannes , der sich endlich doch an den Rand des Abgrundes gerissen sieht , dem fern zu bleiben , er vergebens alle Kräfte aufgeboten . Vielleicht hätte der junge Chef auch zu keinem Anderen so gesprochen , aber der Oberingenieur war der Einzige , der ihm in der letzten Zeit näher getreten war , weil er bei allen Gefahren und Maßregeln fest und unverrückbar an seiner Seite gestanden ; er war auch der Einzige , der bisweilen etwas anderes aus seinem Munde hörte , als die Befehle oder Ermuthigungen , die er allein für die übrigen Beamten hatte . „ Ein Theil der Leute hat aber doch bereits die Arbeit wieder aufnehmen wollen , “ meinte er . Arthur richtete sich hastig empor . „ Und gerade das wird mich zwingen , den Uebrigen den Krieg zu erklären ! Mit Hartmann ist keine Versöhnung zu hoffen – ich habe es vergebens noch einmal versucht ! “ „ Mit wem ? Was haben Sie versucht , Herr Berkow ? “ fragte der Beamte mit einem solchen Ausdruck des Erschreckens , daß der junge Chef ihn befremdet ansah . „ Eine Verständigung mit Hartmann . Es geschah allerdings nicht officiell . Das hätte man als Schwäche auslegen können ; es war bei einer zufälligen Begegnung zwischen uns Beiden allein , wo ich ihm noch einmal die Hand bot . “ „ Das durften Sie nicht ! “ fiel Jener fast leidenschaftlich ein . „ Ihre Hand diesem Manne ! Mein Gott – freilich , Sie wissen ja noch nichts . “ „ Ich durfte nicht ? “ wiederholte Arthur etwas scharf . „ Wie meinen Sie das , Herr Oberingenieur ? Sein Sie überzeugt , daß ich meine Stellung hinreichend zu wahren weiß , selbst bei solchen Gelegenheiten . “ Der Beamte hatte sich bereits wieder gefaßt . „ Verzeihen Sie , Herr Berkow ! Der Ausdruck sollte keine Maßregel meines Chefs kritisiren ; es galt einzig dem Sohne , der freilich keine Ahnung hat von den Gerüchten , die sich an die Todesstunde seines Vaters knüpfen . Wir hatten einander das Wort gegeben , darüber gegen Sie zu schweigen ; es geschah in der besten Absicht . Jetzt aber sehe ich doch ein , daß wir Unrecht thaten , daß Sie es wissen müssen . Sie wollten dem Hartmann Ihre Hand bieten , und das , ich wiederhole es , durfte nicht sein . “ Arthur sah ihn starr an . Sein Gesicht war auf einmal farblos geworden , und die Lippen bebten . „ Sie sprechen von Hartmann und von der Todesstunde meines Vaters ! Es existirt also ein Zusammenhang zwischen beiden ? “ „ Ich fürchte es ; wir fürchten es Alle . Der allgemeine Verdacht klagt den Steiger an und nicht bei uns allein , auch bei seinen Cameraden . “ „ Damals im Fahrschacht ? “ stieß Arthur in furchtbarer Bewegung hervor . „ Ein meuchlerischer Ueberfall gegen einen Wehrlosen ? Das glaube ich von Hartmann nicht ! “ „ Er haßte den Verstorbenen , “ sagte der Oberingenieur bedeutsam , „ und er hat diesen Haß nie geleugnet . Herr Berkow mag ihn durch ein Wort , durch einen Befehl gereizt haben . Ob die Seile wirklich durch bloßen Zufall gerissen sind und er den Moment der Gefahr benutzte , um sich zu retten und den Anderen in die Tiefe zu schleudern , ob das Ganze ein vorbedachter Plan war , darüber freilich liegt ein räthselhaftes Dunkel , aber schuldlos ist er nicht , dafür möchte ich bürgen . “ Man sah es dem jungen Chef an , wie diese Enthüllung ihn erregte ; er stützte sich schwer auf den Tisch . „ Die Untersuchung hat ein Unglück ergeben , “ entgegnete er mit schwankender Stimme . „ Die Untersuchung ergab nichts ! Deshalb nahm man ein Unglück an und ließ es als ein solches gelten . Eine laute Anklage wagte Niemand ; es fehlte jeder Beweis , und es hätte zu unabsehbaren Conflicten mit unseren Leuten geführt , hätte man den Verdacht benutzt , um ihnen den Führer zu nehmen , der aller Wahrscheinlichkeit nach doch frei ausgegangen wäre . Wir wußten , Herr Berkow , daß , wie die Verhältnisse nun einmal lagen , Sie den Kampf mit diesem Gegner nicht vermeiden konnten ; wir wollten Ihnen wenigstens die Bitterkeit ersparen , zu wissen , mit wem Sie kämpften . Das war der Grund unseres Schweigens . “ Arthur fuhr sich mit der Hand über die feuchte Stirn . „ Das ahnte ich nicht ! Das nicht ! Und wenn es auch nur ein Verdacht ist – Sie haben Recht , dem Manne durfte ich meine Hand nicht bieten . “ „ Und dieser Mann , “ fiel der Beamte energisch ein , „ hat an der Spitze seiner Cameraden das ganze Unglück über Sie und uns gebracht ; dieser Mann hat den Streit endlos geschürt und verlängert und versucht es jetzt , wo seine Macht im Sinken ist , den Riß unheilbar , die Versöhnung unmöglich zu machen . Können und wollen Sie ihn jetzt noch schonen ? “ „ Ihn ? Nein ! Mit ihm war ich bereits zu Ende , als er mein Entgegenkommen so schroff zurückwies , aber auch die Anderen kann ich nicht mehr schonen nach den heutigen Scenen , sie treiben mich zum Aeußersten . Die Zweihundert von heute Morgen wollten arbeiten und sie haben am Ende das Recht , Schutz für ihre Arbeit zu verlangen . Die Schachte müssen gesichert werden um jeden Preis ; ich allein kann es nicht mehr , also – “ „ Also – wir erwarten Ihre Befehle , Herr Berkow . “ Es trat eine secundenlange Pause ein , aber der sichtbare Kampf in Arthur ’ s Zügen wich allmählich dem Ausdruck einer finsteren Entschlossenheit . „ Ich werden nach M. schreiben ! Der Brief soll noch heute dorthin – es muß sein ! “ „ Endlich ! “ sagte der Oberingenieur halblaut und wie mit halbem Vorwurf . „ Es war auch hohe Zeit . “ Arthur wandte sich zu seinem Schreibtische . „ Gehen Sie jetzt und sorgen Sie dafür , daß der Director und die übrigen Herren auf den Posten bleiben , die ich ihnen angewiesen habe , als ich vorhin auf den Werken war . Sie sollen sich nicht rühren , bis ich selbst komme . Heute Morgen wäre es nutzlos gewesen , in das Toben dort einzugreifen ; vielleicht ist das jetzt möglich . In einer halben Stunde bin ich bei Ihnen . Fällt inzwischen etwas Besonderes vor , so senden Sie mir sofort Nachricht herüber ! “ Der Beamte , im Begriff sich zu entfernen , trat noch einmal an die Seite seines Chefs . „ Ich weiß , was der Entschluß Sie kostet , Herr Berkow , “ sagte er ernst , „ und leicht nimmt gewiß Keiner von uns die Sache , aber man braucht doch nicht immer das Aergste zu fürchten . Vielleicht geht es dennoch ab ohne Blutvergießen . “ Der Oberingenieur war , als er mit kurzem Gruße das Zimmer verließ , viel zu eilig und hatte den Kopf zu voll von anderen Dingen , als daß er die junge Frau hätte bemerken sollen , die sich bei seinem Nahen noch tiefer in den Schutz der Portière flüchtete . Ohne auch nur einen Blick seitwärts zu werfen , durchschritt er das anstoßende Gemach und schloß die Thür hinter sich . Die beiden Gatten waren allein . Arthur hatte nur ein bitteres Lächeln gehabt für die letzten Worte seines Beamten . „ Es ist zu spät ! “ sagte er jetzt dumpf vor sich hin . „ Sie werden nicht weichen ohne Blut – ich werde ernten müssen , was mein Vater gesäet hat ! “ Er warf sich auf den Sessel nieder und stützte den Kopf in die Hand . Jetzt , wo er nicht mehr den fremden Augen Rede zu stehen , wo er nicht mehr den Chef zu vertreten hatte , von dessen Entschlossenheit die aller Uebrigen abhing , jetzt wich die Energie aus seinen Zügen , um dem Ausdruck jener tödtlichen Erschöpfung Platz zu machen , der auch der Stärkste unterliegt , wenn er wochenlang all seine Geistes- und Körperkräfte bis an die äußerste Grenze des Möglichen hin angespannt und überreizt hat . Es war ein Augenblick tiefer verzweifelter Muthlosigkeit , wie sie wohl einem Manne nahen konnte , der immer und immer wieder vergebens ankämpft gegen den Fluch einer Vergangenheit , gegen die er nichts verschuldet , als ein gleichgültiges Fernhalten von ihren Aufgaben , und deren verhängnißvolles Erbe doch mit seiner ganzen erdrückenden Last auf ihn allein fällt . Die schwere Anklage gegen den Vater , die sich unwillkürlich seinen Lippen entwand , verstummte zwar in dem gleichen Augenblick vor den furchtbaren Andeutungen , die er soeben über die Todesstunde dieses Vaters erhalten hatte , und doch hatte der allein es verschuldet , wenn der Sohn jetzt nach all dem verzweifelten Ringen doch endlich der letzten schrecklichen Nothwendigkeit gegenüberstand , [ 290 ] wenn er , seinen Ruin vor Augen , verlassen von seinem Weibe , aufgegeben von all seinen ehemaligen Freunden , zum letzten Mittel griff , um sich und das , was er für den Augenblick noch sein nannte , vor einem Hasse zu sichern , der , jahrelang gesäet und genährt , ihm jetzt seine volle bittere Frucht zu kosten gab . Arthur schloß wie todtmüde die Augen und lehnte den Kopf an die Lehne des Armsessels – er konnte nicht mehr . Eugenie hatte leise ihr Versteck verlassen und war auf die Schwelle getreten . Vergessen war die vorhin überstandene Gefahr , vergessen die Anklage des Beamten , die sie eben noch mit solchem Entsetzen durchschauert , vergessen auch Der , dem sie galt , und Alles , was sich an ihn knüpfte ; jetzt , wo sie ihrem Gatten nahte , sah und dachte sie nichts weiter , als nur ihn allein . Der Schleier , der so lang und dicht zwischen ihnen Beiden gelegen , sollte jetzt endlich zerreißen . Es mußte klar werden , und doch bebte sie vor der Entscheidung , als solle ihr Todesurtheil damit gesprochen werden . Wenn sie sich täuschte , wenn sie nicht so empfangen wurde , wie sie empfangen werden wollte und mußte nach diesem Opfer , das sie ihrem Stolze abgerungen – das Blut drängte mit stürmischer Gewalt zum Herzen der jungen Frau , und dieses Herz pochte in namenloser Angst – an der nächsten Minute hing für sie Alles . „ Arthur ! “ sagte sie leise . [ 301 ] Arthur fuhr auf , als habe eine Geisterstimme sein Ohr berührt , und blickte um sich . Dort auf der Schwelle , wo sie ihm Lebewohl gesagt für immer , stand sein Weib und in dem Moment , wo er sie erkannte , schwand Besinnung und Ueberlegung . Er machte eine Bewegung , ihr entgegen zu stürzen , und der Aufschrei des Glückes , der sich seinen Lippen entrang , das Aufleuchten seiner Augen verrieth alles , was eine mondenlange Selbstbeherrschung ihr bis auf diese Stunde abgeleugnet . „ Eugenie ! “ Die junge Frau athmete auf , als sei eine Bergeslast von ihrer Brust gesunken . Der Blick , der Ton , mit dem er ihren Namen rief , gaben ihr endlich die so lang bezweifelte Gewißheit , und wenn er auch mitten in seiner stürmischen Bewegung inne hielt , wenn er wie zum Schutze gegen sich selbst die alte Maske wieder vorzunehmen strebte und den verrätherischen Blick verschleierte , es war zu spät , sie hatte zu viel gesehen ! „ Wo kommst Du her ? “ fragte er endlich , sich mühsam fassend , „ so plötzlich – so unerwartet – und wie gelangtest Du in ’ s Haus ? Die Werke sind noch in vollem Aufruhr . Du kannst sie unmöglich passirt haben . “ Eugenie näherte sich langsam . „ Ich bin erst vor wenigen Minuten angekommen . Den Zugang habe ich mir freilich erst erzwingen müssen ; frage mich jetzt nicht wie – genug daß ich ihn erzwang . Ich wollte zu Dir , ehe die Gefahr Dich erreichte . “ Arthur machte einen Versuch , sich abzuwenden . „ Was soll das , Eugenie ? Was willst Du mit diesem Tone ? Curt wird Dich geängstigt haben mit seinen Berichten , trotz meiner Bitte , trotz meines ausdrücklichen Verbotes . Ich will kein Opfer der Pflicht und Großmuth . Du weißt es . “ „ Ja , ich weiß es ! “ entgegnete die junge Frau fest . „ Du hast mich ja schon einmal damit von Dir gewiesen . Du konntest es mir nicht verzeihen , daß ich Dir einmal Unrecht gethan , und der Rache dafür hättest Du beinahe mich und Dich geopfert . Arthur , wer war der Schroffste , der Härteste von uns beiden ? “ „ Es war keine Rache , “ sagte er leise . „ Ich gab Dich frei – Du hast es selbst gewollt . “ Eugenie stand jetzt dicht vor ihm ; das Wort , das einst um keinen Preis der Welt seinen Weg über ihre Lippen gefunden hätte , es wurde ihr jetzt so leicht , seit sie sich geliebt wußte . Sie hob das dunkle thränenfeuchte Auge voll zu ihm empor . „ Und wenn ich nun meinem Manne sage , daß ich die Freiheit nicht will ohne ihn , daß ich zurückgekommen bin , um alles mit ihm zu theilen , was uns auch treffen mag , daß ich ihn – lieben gelernt habe : wird er mich dann zum zweiten Male gehen heißen ? “ Sie erhielt keine Antwort , wenigstens in Worten nicht , aber sie lag bereits in seinen Armen , und in diesen Armen , die sie so heiß und fest umschlossen , als wollten sie das endlich Errungene nie wieder von sich lassen , unter den leidenschaftlichen Liebkosungen , mit denen er sie überströmte , fühlte Eugenie , wie tief ihn einst ihr Verlust getroffen und was ihre Rückkehr ihm war in solchem Augenblick . Sie sah das Aufstrahlen der großen braunen Augen in einem Glanze , wie sie ihn trotz alles blitzähnlichen Leuchtens darin doch noch nie gesehen . Die gebannte , versunkene Welt war herauf gestiegen aus ihrer Tiefe zum hellsten Sonnenlicht , und die junge Frau mußte doch wohl eine Ahnung haben von all den Schätzen , die sie ihr verhieß , denn sie legte mit dem Ausdruck des hingebendsten Vertrauens ihr Haupt an die Brust des Gatten , als er sich zu ihr herabbeugend leise sagte : „ Mein Weib ! Mein Alles . “ Durch das offene Fenster wehte es herein wie ein Rauschen und Grüßen von den grünen Waldbergen drüben . Die Stimme mußte doch auch mitflüstern in dem neu erstandenen Glück ; sie hatte es ja mit erbauen helfen . Sie hatte die Beiden längst erkannt , als sie sich selbst noch nicht kannten , als sie noch im herben Trotz und Kampf gegen einander standen und das Trennungswort aussprachen , gerade da , wo ihre Herzen sich fanden . Aber es nützt nichts , dieses Kämpfen und Trotzen der Menschenkinder , wenn sie mit ihrem Lieben und Hoffen in den Bann gerathen , den der Berggeist über sein Reich legt im wallenden Nebel der ersten Frühlingsstunde – und was sich da findet , das gehört zusammen für immer ! Der Tag , der für die Berkow ’ sche Colonie so stürmisch begonnen hatte , ging verhältnißmäßig ruhiger zu Ende , als man es nach den Scenen vom Morgen hätte erwarten sollen . Ein mit den Verhältnissen Unbekannter hätte vielleicht die Ruhe , die gegen Abend über den Werken lag , für den tiefsten Frieden halten können , und doch war es nur die Ruhe des Sturmes , der einen Augenblick inne hält , um dann mit erneuter Wuth wieder loszubrechen . Auch in der Wohnung des Schichtmeisters herrschte jene [ 302 ] dumpfe , drückende Stille , die so viel Unheil in ihrem Schoße barg . Der Schichtmeister saß stumm in seinem Lehnstuhl am Ofen ; Martha machte sich hier und da in der Stube zu schaffen und warf von Zeit zu Zeit einen Blick auf Ulrich , der mit verschränkten Armen schweigend , aber unaufhörlich in dem kleinen Raume auf und nieder ging . Niemand sprach zu ihm und er zu Niemand ; das ehemalige Vertrautsein , das bei dem unbändigen Charakter des jungen Steigers zwar oft genug zu heftigen Scenen und Auftritten , aber ebenso oft auch wieder zur Versöhnung geführt hatte , war längst geschwunden . Ulrich herrschte jetzt im Hause so unbedingt , wie draußen bei seinen Cameraden ; selbst der Vater wagte es nicht mehr , sich gegen seine Beschlüsse und Unternehmungen aufzulehnen ; aber hier wie dort war es nur die Furcht noch , die ihm das erzwang ; von Liebe und Vertrauen war nicht die Rede mehr . Das Schweigen dauerte bereits eine geraume Zeit und hätte vielleicht noch länger gewährt , wäre nicht Lorenz eingetreten ; Martha , die durch ’ s Fenster ihn kommen sah , ging ihm entgegen und öffnete die Thür . Es war doch ein eigenthümlich kaltes Verhältniß zwischen den Brautleuten ; trotz des Ernstes dieser Tage , die wenig zu Zärtlichkeiten herausforderten , hätte der Gruß des Mädchens wärmer sein können , hätte vielleicht grade deswegen wärmer sein müssen , und der junge Bergmann schien das zu fühlen , denn seine Miene nahm den Ausdruck der Kränkung an , und er hielt mitten in seiner herzlichen Begrüßung inne , aber Martha bemerke beides nicht einmal , und mit einer raschen Bewegung wandte er sich zu Ulrich . „ Nun ? “ fragte dieser , in seinem Gange innehaltend . Lorenz zuckte die Achseln . „ Wie ich ’ s Dir vorher gesagt habe ! Morgen werden sich vierhundert zur Arbeit melden , ebenso viele zögern und schwanken noch . Du bist kaum mehr der Hälfte sicher . “ Diesmal fuhr Ulrich nicht auf , wie wohl sonst bei einer ähnlichen Gelegenheit ; die wilde Gereiztheit , die er heute Morgen gezeigt , wo es sich doch um einen verhältnißmäßig viel geringeren Abfall seiner Cameraden gehandelt , stach seltsam ab gegen die fast unnatürliche Ruhe , mit der er jetzt wiederholte : „ Kaum mehr die Hälfte ! Und wie lange wird die noch aushalten ? “ Lorenz umging die Antwort . „ Es ist die ganze jüngere Knappschaft ! Die hat von Anfang an zu Dir gestanden und die hält auch bei Dir aus , selbst wenn es morgen wieder etwas an den Schachten geben sollte . Ulrich , willst Du es denn wirklich dahin treiben ? “ „ Er wird es so lange treiben , “ sagte der Schichtmeister aufstehend , „ bis sie alle von ihm abfallen , einer nach dem anderen , bis er zuletzt ganz allein bleibt . Ich hab ’ s Euch gesagt , Ihr kommt nicht durch mit Euren unsinnigen Forderungen und Eurem unsinnigen Hasse , der bei dem Vater am Platze gewesen wäre , den aber der Sohn wahrhaftig nicht verdient hat . Es war genug , was er Euch bot , das weiß ich , der ich doch am Ende auch in den Schachten gearbeitet habe , und auch ein Herz habe für meines Gleichen , und die Meisten hätten es gern genommen , was ihnen geboten wurde , aber sie wurden ja niedergeschrieen und niedergedroht , bis sich Keiner mehr zu rühren wagte , weil sich der Ulrich in den Kopf gesetzt hatte , Unmögliches zu verlangen . Jetzt ist ’ s wochenlang gegangen , all das Elend , all die Sorge und die Noth , und ist doch , umsonst gewesen . Es kommt doch endlich auch einmal der Tag , wo Weib und Kinder mit ihrem Hunger allem vorangehen , und so weit sind wir jetzt . Du hast ’ s dahin gebracht , Ulrich , Du allein ; jetzt mach ’ auch ein Ende damit ! “ Der alte Mann war aufgestanden und blickte seinen Sohn beinahe drohend an , aber Ulrich blieb selbst diesem stummen Vorwurf gegenüber , der zu einer anderen Zeit wohl seinen ganzen Trotz herausgefordert hätte , in seiner düsteren Gelassenheit . „ Mit Dir ist nicht zu streiten , Vater , “ entgegnete er kalt , „ das weiß ich längst ! Du bist zufrieden , wenn Du Dein hartes Brod in Ruhe essen kannst , und was darüber hinausliegt , heißt Dir Thorheit oder Verbrechen . Ich habe Alles an Alles gesetzt ! Ich dachte es durchzuführen und hätte es auch gethan , wäre dieser Berkow nicht auf einmal aufgestanden und hätte uns eine Stirn gezeigt wie von Eisen . Wenn ’ s jetzt mißglückt – nun , ich bin ja noch der Hälfte meiner Cameraden sicher , wie Karl sagt , und mit der werde ich es ihm zeigen , was es heißt , wenn wir unterliegen . Er soll den Sieg theuer genug bezahlen ! “ Der Schichtmeister sah auf Lorenz , der mit gesenktem Kopfe dastand , ohne sich an dem Gespräche zu betheiligen , und dann wieder auf seinen Sohn . „ Sieh erst zu , ob die Hälfte Dir treu bleibt , wenn der Herr wieder so dazwischen tritt , wie heut Mittag ! Das hat Dir die andere Hälfte gekostet , Ulrich . Meinst Du , es hat nicht gewirkt , wie er sich benahm , vom ersten Tage an , als Ihr anfinget , ihm zu drohen ? Meinst Du , sie fühlten nicht Alle , daß er Dir und ihnen gewachsen ist und sie jetzt zur Noth allein zügeln kann , wenn Du einmal aufhörst , ihr Herr zu sein ? Heut Morgen haben die Ersten die Arbeit wieder aufgenommen ; schon vor drei Wochen hätten sie es gethan , wenn sie es nur gewagt hätten . Jetzt ist einmal der Anfang gemacht , jetzt ist auch kein Haltens mehr ! “ „ Da magst Recht haben , Vater , “ sagte Ulrich tonlos ; „ es ist kein Haltens mehr ! Ich habe auf sie gebaut wie auf Felsen , und nun ist ’ s elender Sand , der mir unter den Händen zerrinnt . Berkow hat es gelernt , wie er die Feiglinge an sich zieht , mit seinen Reden , mit seiner verdammten Manier , mitten unter sie zu treten , als ob es gar keine Steine gäbe , die ihm an die Stirn fliegen könnten , gar keine Schlägel , die zur Noth auch einmal den hochgeehrten Herrn Chef treffen , und darum eben wagt sich Keiner an ihn . Ich weiß es , warum er heut auf einmal den Kopf so hoch trug , warum er mitten in das Toben hineinfuhr mit einer Miene , als könnte ihm der Sieg und das Glück jetzt gar nicht mehr fehlen , und ich weiß auch , daß es ihm jetzt zurückkommt – habe ich ’ s ihm doch