» Sicher « , versetzte sie rasch mit einem energischen Aufblick ihrer braunen Augen . » Ich könnte ihm so wenig verzeihen , wie einem , der das Muttergottesbild vor meinen Augen zertreten wollte – « » Auch wenn es sich um einen falschen Heiligenschein handelte – « Sie ließ die Zügel fallen und streckte ihm flehend die Hände entgegen . » Ich weiß nicht , aus welchem Grund Sie einen solchen Zweifel aussprechen ! « sagte sie in bebenden Tönen . » Vielleicht haben Sie Schlimmes erfahren an den Menschen , und es wird Ihnen schwer , an den makellosen Heiligenschein einer Verstorbenen zu glauben ... Sie sind ja fremd und können von meiner Großmama nichts wissen – aber gehen Sie durch das ganze Land , Sie werden sich überzeugen , daß man nur mit Ehrfurcht von der Reichsgräfin Völdern spricht . « Sie deutete nach dem Himmel , während ihre Augen innig fragend und fest den seinigen begegneten . » Haben Sie kein Wesen da droben , das Ihnen heilig ist ? « fragte sie , das schöne Haupt leise schüttelnd . » Wissen Sie nicht , daß man über den Namen der Toten streng wachen soll , weil sie es selbst nicht mehr können ? « – Sie sah vor sich nieder , und in ihrer Stirne gruben sich Linien des Schmerzes . » Das Andenken an meine Großmama ist das einzige , was ich rette aus der Sphäre , in der ich geboren bin ... Wie vieles muß ich verachten ! ... Ich will auch etwas behalten , das ich verehren darf , und wer es mir zu rauben versucht , der macht sich einer schweren Sünde schuldig – er macht mich arm . « Sie ritt weiter . Daß der Portugiese hinter ihr verharrte , als seien die Hufe seines Pferdes an den Waldboden festgezaubert , bemerkte sie nicht ; sie sah auch nicht , wie er die Hand über die Augen legte und vergebens mit dem Ausdruck der bittersten Verzweiflung kämpfte , die um seinen Mund zuckte . Nach einigen Augenblicken war er wieder an ihrer Seite . Die verräterischen Linien des inneren Sturmes waren wie weggelöscht aus seinem Gesicht ... Wer hätte bei dem Gepräge eiserner Entschlossenheit und Energie , das die ganze gewaltige Erscheinung charakterisierte , annehmen mögen , daß der Mann innerlich für Momente auch zusammenbrechen könne ! Nun wurde nicht mehr gesprochen . Es ging weiter wie auf Sturmesflügeln . Der Wind trieb ihnen einen unerträglichen Brandgeruch entgegen , und oben durch die lichter werdenden Wipfel zogen die letzten Ausläufer der Rauchwolken . Oliveira hatte recht gehabt , die altersmorschen Hütten waren in unglaublicher Schnelligkeit niedergebrannt . Als die Reitenden aus dem Wald hervorkamen , da lagen bereits drei rauchende kleine Brandstätten vor ihnen – ein Haus stand noch in vollen Flammen , und auf dem fünften und letzten der Reihe begannen eben die grauen Schindeln luftig aufzulodern . Aber man hätte sich fast versucht fühlen mögen , den ungeheuren Wasserstrahl aufzufangen , der jetzt zum erstenmal emporschoß , um prasselnd und zischend in die Flamme niederzustürzen – die Feuerspritzen taten wacker ihre Schuldigkeit . Diese Anstrengung erschien geradezu wie ein Hohn gegenüber der Menschenhabe , die sie retten sollte ... Waren diese vier windschiefen Wände mit den papierverklebten Fensterlöchern in der Tat eine menschliche Wohnung ? Und sollten und mußten diese Wahrzeichen irdischer Ungerechtigkeit stehen bleiben , damit das Elend wieder unterkriechen und eine gott- und menschenverlassene Kaste ein ihrer » angeborenen Lebensstellung « entsprechendes Obdach behalten sollte ? Die fünf Hütten bedeckten kaum so viel Raum des Erdbodens , wie der große Saal im schönen , stolzen Greinsfelder Schlosse beanspruchte . Fünf Familien hausten eingepfercht zwischen den zerbröckelten Wänden , die jeder starke Sturmwind über den Haufen blasen konnte – sinkendes und aufblühendes Leben atmete zugleich durch Sommer und Winter hindurch in der Handvoll eingesperrter , ungesunder Luft ... Und im großen Saal des Schlosses , das in diesem Augenblick fern und nebelhaft durch den Qualm herüberschimmerte , standen die toten Bronzefiguren auf ihrem Marmorsockel , und die Kristalltropfen der mächtigen Kronleuchter schaukelten in der Luft , die sorgfältig erneuert wurde , ohne je verbraucht zu werden . Und wenn die Stürme draußen an den Wänden hinbrausten , da bewegten sich nicht einmal die Damastgardinen vor den Fensternischen – die aufgetürmten Steinquadern und die festen Fensterläden schützten Bronzefiguren , Kronleuchter und Damastgardinen vor jeder unsanften Berührung ... Ein entsetzlicher Lärm tobte um das sonst so stille Dorf . Der Portugiese begleitete Gisela , immer den rechten Arm emporgehoben , um im geeigneten Moment der scheuenden Miß Sara in die Zügel fallen zu können , bis an das Tor des Schloßgartens ; dann verabschiedete er sich schweigend mit einer tiefen Verbeugung . Da sprengte er hin nach dem Brandplatze ! ... Gisela preßte die Hand auf ihr zuckendes Herz – wie brach hatte diese Mädchenseele gelegen – zum erstenmal wieder seit ihren Kinderjahren verdunkelte eine Träne die braunen Augen ... Nun fiel sicher kein Wort mehr zwischen ihr und jenem Mann ! Hatte sie doch nicht einmal den Mut finden können , ihm für seinen Schutz zu danken : Sie war wie versteinert gewesen gegenüber dem höflich ritterlichen Gruß , der eine unverwischbar traurige Erinnerung für ihr ganzes Leben gleichsam besiegelte ... Wie mochte er aufatmen , daß er seiner Beschützerrolle ledig war ... Und wenn dort die Rauchwolken sich verzogen hatten , da kehrte er zu dem Hofkreis zurück ... Die schöne , braunlockige Hofdame hatte ja die Blumen nicht gepflückt , die jetzt welkend in den Steinbrüchen lagen – mit ihr sprach er gewiß heute noch ; sie wandelten am See hin , wo der Pirol flötete und kühle Lüfte in das Ufergebüsch quollen , und sie erfuhr im Laufe des Gesprächs nebenbei die Tatsache , daß er ein paar arme Habseligkeiten und ein tollkühnes , unvernünftiges Menschenkind vor dem Untergange bewahrt habe ... 23 Gisela ritt in den Schloßgarten , sprang von Miß Saras Rücken und band sie an die nächste Linde . Von der Dienerschaft mußte noch kein einziger vom Jahrmarkt in A. zurückgekehrt sein , es war totenstill im ganzen weiten Garten . Nur durch das ferne Gebüsch in der Nähe des Schlosses leuchteten , hier und da auftauchend , ein helles Frauenkleid und der Strohhut eines Herrn – es schien der jungen Dame , als ob Frau von Herbeck in Begleitung des Arztes eilig auf und ab gehe . Sie trat wieder vor das Tor und schritt die obere Dorfgasse hinab . Da standen zu beiden Seiten die neugebauten Häuser der Neuenfelder Hüttenarbeiter . Noch nie hatten die Füße der jungen Dame dieses Pflaster betreten – fremdartiger kann sich der Besucher von Pompeji nicht angemutet fühlen , als die Herrin des Dorfes inmitten dieser Wohnstätten und des Lebens , das sich vor ihren Augen entwickelte . Man hatte die Habseligkeiten aus den brennenden Häusern hierher gerettet ... Welch ein armseliger Haufe ! Und diesem wurmstichigen , verbrauchten Gerümpel , das sie nicht mit dem Fuß berühren mochte , gab man die hochtönende Bezeichnung : Eigentum ! Eine Gruppe wehklagender Frauen stand dabei . Sie rangen die Hände und erschöpften sich in Mutmaßungen , wie der Brand ausgekommen sein möge . Die Kinder dagegen hatten sichtlich große Freude an dem seltenen Ereignis und seinen Folgen . Es war doch zu wunderbar , daß Tische und Bänke auf einmal unter Gottes freiem Himmel standen , und das schmutzige Bettzeug erschien in der dumpfen Kammer sicher nicht so einladend , wie hier auf dem Pflaster ; die kleinen Köpfe guckten seelenvergnügt aus dem improvisierten » Häuschen « , das sie sich zurechtgewühlt hatten . Gisela schritt auf die Frauen zu . Sie verstummten erschrocken und stellten sich scheu und ehrerbietig zur Seite . Wäre der Mond vom Himmel heruntergestiegen und durch die Straße gewandelt , es hätte sie vielleicht weniger befremdet , als die weiße Gestalt , die so plötzlich an sie heranschwebte ; denn der Mond war ja ein so guter , alter Freund , dem sie von Kindesbeinen an ungescheut ins gemütliche Antlitz sehen durften – dieses vornehme Mädchengesicht jedoch kannten sie nur » bedeckt vom Schleier « und fern zu Roß oder Wagen an ihnen vorüberfliegend . » Ist jemand beim Brande verletzt worden ? « fragte die junge Dame gütig . » Nein , gnädige Gräfin , bis jetzt – Gott sei Dank – niemand ! « erscholl es von allen Lippen . » Nur dem Weber seine Ziege ist mitverbrannt « , sagte eine alte Frau . » Dort unten steht er – er weint sich fast die Augen aus dem Kopf . « » Und wir haben keine Unterkunft für die Nacht « , klagte eine andere . » Drei Familien können in den neuen Häusern untergebracht werden , mehr aber nicht – wir sind übrig und ich habe ein kleines Kind , das zahnt . « » So kommt mit mir « , sagte Gisela . » Ich kann euch alle unterbringen . « Die Frauen standen wie versteinert ; sie sahen sich scheu untereinander an . Damit war doch unmöglich das Schloß gemeint ! Denn dort konnten sie doch nirgends den Fuß hinsetzen , ohne vor » untertäniger « Angst zu vergehen ! Und gar darin schlafen mit dem Kind , das Zähne kriegte und Tag und Nacht schrie ! Bei jedem Tritt und Schritt hallte es ja in den vornehmen Hallen , Gängen und Sälen , daß man sich vor seiner eigenen unverschämten Stimme fürchtete ... Und das mochte alles noch sein – aber die böse , böse gnädige Frau ! Vor der versteckten sich selbst die Männer im Dorf ! Gisela ließ den Frauen nicht länger Zeit zum Überlegen . » Nehmen Sie nur Ihr Kind , liebe Frau « , ermutigte sie das Weib , das gesprochen hatte , » und gehen Sie mit . Und wer ist noch obdachlos ? « » Ich « , sagte ein junges Mädchen schüchtern . » Unser Häuschen steht zwar noch , und die Männer sagen , es würde nun auch nicht abbrennen – die Neuenfelder Spritzen sind gerade noch zur rechten Zeit gekommen ... ' neinziehen können wir freilich so bald nicht wieder , es wird zu sehr eingeweicht ... Gnädige Gräfin , ich bin aber nicht allein ; da ist der Großvater und die Eltern und Bruder und Schwester und die alte , blinde Muhme – « Gisela lächelte – wie ein tröstender , erquickender Strahl ging es von diesem jungen , holdseligen Gesicht aus . » Nun , die werden wir doch nicht draußen lassen « , sagte sie . » Holen Sie getrost Ihre ganze Familie – ich werde sogleich für eine Wohnung sorgen . « Das junge Mädchen sprang fort ; die Frau aber nahm ihr leidendes Kind auf den Arm , während zwei andere sich an ihren Rock hingen . Sie bat eine Nachbarin , ihrem Mann , der noch nicht von A. zurück war , zu sagen , wo sie sei , und folgte , wenn auch mit beklommenem Herzen , der jungen Gräfin nach dem Schloßgarten . Gisela band ihr Pferd los , nahm es beim Zügel und betrat den Hauptweg , der nach dem Schloß führte . Jetzt kam das helle Frauenkleid , wie vom Sturmwind getrieben , auf sie zugeflogen . Das junge Mädchen fühlte doch eine Art von Mitleiden für die kleine , fette Frau , die den Stempel des Entsetzens und der Angst auf dem erhitzten Gesicht trug . Zuerst kam sie mit ausgebreiteten Armen gelaufen , wobei sich ihr großer Umhang wie ein Segel aufblähte , dann schlug sie die Hände zusammen und ließ sie gerungen wieder sinken . » Nein , nein , liebe Gräfin – das war mehr als sich ertragen läßt ! « rief sie mit halb erstickter Stimme . » Das Dorf brennt , unserer gottverlassenen Dienerschaft fällt es nicht ein , wieder nach Hause zu kommen , und Sie verschwinden für eine volle Stunde ! ... Ich leide oft und schwer unter Ihren Launen , füge mich aber stets willig – Liebe und Anhänglichkeit helfen einem über vieles hinweg – , aber der Streich , den Sie mir heute gespielt haben , war denn doch zu stark . Verzeihen Sie , aber das muß heraus ! ... Mir fallen nur für einen Moment die Augen zu , und diese augenblickliche Schwäche benutzen Sie , um ohne meine Erlaubnis das Schloß zu verlassen – nein , nein , es ist zu unverantwortlich ! ... Und nun weckt mich der Feuerlärm ! Mein erster Gedanke gilt Ihnen – ich laufe durch Haus und Garten , laufe sogar hinunter in das brennende Dorf – , niemand hat Sie auch nur mit einem Auge gesehen – fragen Sie den Medizinalrat , was ich gelitten habe ! « Der Herr im Strohhut , der sie jetzt eingeholt hatte , bestätigte mit einem Kopfnicken , wobei er sich ehrfurchtsvoll vor der jungen Gräfin verbeugte . » Ganz außerordentlich , ganz außerordentlich hat sie gelitten , die arme Gnädige ! « schnarrte er in tiefbedauerndem Ton . » Und nun , ich bitte Sie , liebste Gräfin , wie kommen Sie auf die Idee , in der glühenden Nachmittagsonne auszureiten ? « examinierte die empörte Frau . » Wo ist der Hut ? ... Wie , ohne Handschuhe – « » Glauben Sie denn , ich sei zu meinem Vergnügen fortgeritten und hätte mir Zeit genommen zu überlegen , welche Handschuhfarbe am besten zu meiner Toilette passe ? « unterbrach sie das junge Mädchen ungeduldig . » Ich bin fort gewesen , um Löschmannschaft zu holen . « Frau von Herbeck fuhr zurück und schlug abermals die Hände zusammen . » Und wo waren Sie ? « fragte sie atemlos und bebend . » Ich wollte nach Neuenfeld , aber auf der Waldwiese traf ich Papa und Mama . « Diese Antwort traf die Gouvernante wie ein Blitzstrahl , dennoch behielt sie so viel Geistesgegenwart , zu stammeln : » Waren die Exzellenzen allein ? « » Es mag wohl die ganze Hofgesellschaft gewesen sein , die auf der Wiese stand – was weiß ich ! « entgegnete Gisela achselzuckend . » Den Fürsten erkannte ich – « » Allmächtiger Gott , der Fürst hat Sie gesehen ? « schrie die Gouvernante völlig fassungslos auf . » Das ist mein Tod , Medizinalrat ! « Sie war in der Tat blaß wie eine Leiche , aber auch der angerufene Medizinalrat hatte die Farbe gewechselt . » Gnädige Gräfin , « stotterte er , » was haben Sie getan ! ... Das wird Seine Exzellenz , den Papa , ganz außerordentlich – betrübt haben ! « Gisela schwieg und sah einen Augenblick aufmerksam und nachdenklich vor sich hin . » Wollen Sie mir nicht sagen , Frau von Herbeck , aus welchem Grunde der Fürst mich durchaus nicht sehen soll ? « fragte sie plötzlich mit einem raschen Aufblick ihrer Augen und fixierte fest das Gesicht der kleinen , entsetzten Frau . Diese direkte Frage gab der Gouvernante die Fassung zurück . » Wie – Sie fragen noch ? « rief sie . » Werden Sie sich denn gar nicht bewußt , in welchem Aufzuge Sie sind ? ... Ich kann mich in die Seele der Exzellenzen hineindenken – sie werden trostlos sein ! ... Ihr abenteuerliches Auftreten wird Ihnen bei Hofe sicher nie vergessen , Gräfin ! Man wird flüstern und spötteln , so oft der Name Sturm genannt wird ... Barmherziger Gott , und wie wird es mir armem Geschöpf ergehen ! « » Und mich schmerzt es ganz außerordentlich , gnädige Gräfin , mich immer wieder überzeugen zu müssen , daß meine treugemeinten ärztlichen Ratschläge in den Wind gesprochen sind ! « fiel der Medizinalrat ein . » Wie soll ich es nur anfangen , Ihnen klar zu machen , daß das Damoklesschwert stündlich über Ihnen schwebt ? ... Wie leicht , wie leicht « – er hob den Zeigefinger – » konnte Sie einer Ihrer ominösen Anfälle angesichts des Hofes überrumpeln ! Welch ein Skandal , gnädige Gräfin ! « Der Mann zitterte innerlich vor Ärger , das war nicht zu verkennen , wenn auch seine hervortretenden , verquollenen Augen mit einer gewissen Sanftmut und unterwürfigen Nachgiebigkeit am Boden hingen . » Daß Sie nach aufregendem Ritt ohne Nervenschock vor mir stehen , erscheint mir ein Wunder Gottes , « hob er wieder an . » Auch ich halte es für ein Wunder , für das ich dem lieben Gott inbrünstig danke « , unterbrach ihn die junge Dame , die bis dahin mit gerunzelter Stirn , allein sonst sehr gleichmütig die Vorwürfe über sich hatte ergehen lassen ; » indes so sehr befremden sollte Sie es doch nicht mehr , Herr Medizinalrat , denn Sie sehen es seit einem halben Jahre täglich vor sich . « Eine Kinderstimme wurde hinter den Sprechenden laut . Die Taglöhnerfrau hatte sich beim Erblicken der Gouvernante sofort hinter das nächste Boskett geflüchtet ; sie mochte viel Mühe gehabt haben , unterdes die Kinder zu beschwichtigen , damit sie die » böse , böse gnädige Frau « nicht bemerke . In diesem Augenblick aber war ihr doch ein kleiner Knabe entwischt . Er stand breitspurig im Weg und versuchte mit einem kräftigen » Hott ! « Miß Sara aus der Fassung zu bringen . » Was soll das ? Wie kommst du hierher , Junge ? « fuhr Frau von Herbeck auf . Jetzt trat die Mutter ängstlich hinter dem Gebüsch hervor . » Die Frau ist abgebrannt ! « erklärte Gisela . » So ? Das ist schlimm für Euch , Frau , « sagte die Gouvernante in etwas milderem Ton . » Es tut mit leid ... Die Hand des Herrn ruht schwer auf Euch , aber leider – das wißt Ihr am besten – nicht allein als Prüfung und unverdientermaßen ... Erinnert Euch nur , wie oft ich Euch gesagt habe , daß das Strafgericht Gottes nicht ausbleiben kann ; ihr alle lebt zu gottlos in den Tag hinein und habt zum Beten niemals Zeit ... Nun , ich will nichts weiter sagen , Ihr seid gestraft genug ... Da geht nur einstweilen wieder hin – wir wollen sehen , was sich tun läßt . « » Wohin soll sie den gehen , Frau von Herbeck ? « fragte Gisela sehr ruhig , wenn auch ihre Wangen anfingen sich leise zu röten . » Sie hören , daß das Haus der Frau niedergebrannt ist , daß sie mithin kein Obdach hat . « » Nun , mein Gott , wie soll ich denn wissen , wo sie unterkommt ? « fragte Frau von Herbeck ungeduldig zurück . » Es gibt Häuser genug im Dorfe – « » Aber nicht für fünf obdachlose Familien « , entgegnete die junge Dame – die schöne , schlanke Gestalt stand plötzlich in gebietender Hoheit der kleinen Frau gegenüber . » Die Frau bleibt vorläufig mit Mann und Kindern hier im Schlosse « , erklärte sie entschieden , » und sie nicht allein , es kommt auch noch eine zweite Familie ... komm her , mein Junge ! « Sie ergriff mit der Linken das Händchen des kleinen Knaben und machte sich bereit , ihren Weg fortzusetzen . » Gerechter Gott , welcher Wahnsinn ! ... Ich protestiere ! « schrie Frau von Herbeck auf und vertrat mit ausgebreiteten Armen der jungen Herrin des Schlosses den Weg . Bei dieser leidenschaftlichen Gebärde der Frau von Herbeck fuhr Miß Sara schnaubend zurück ; sie stellte sich auf die Hinterbeine , dann stürmte sie im blinden Schrecken ziellos durch den Garten . Während aber Frau von Herbeck schreiend im nächsten Seitenweg verschwand und auch der Medizinalrat entsetzt zurückwich , ließ sich Gisela ein Stück Weges fortschleifen . Sie hielt die Zügel mit kraftvollen Händen ; ihrer Geistesgegenwart und dem unausgesetzten schmeichelnden Zuruf ihrer weichen Stimme gelang es endlich , das erschreckte Tier zum Stehen zu bringen . Der alte Braun , der wahrscheinlich Frau von Herbecks Schreien gehört hatte , kam vom Schlosse hergelaufen . Gisela übergab ihm das Pferd , trug ihm auf , die Beschließerin zu schicken und kehrte schleunigst zu ihren Schutzbefohlenen zurück . Sie kam gerade rechtzeitig , um zu sehen , wie die rasch erholte Frau von Herbeck scheltend nach dem Torweg zeigte , während der Medizinalrat den widerstrebenden Knaben grimmig bei der Schulter packte und sein kleines trotziges Gesicht dem Ausgang des Gartens zuwendete . » Ihr bleibt ! « rief Gisela und ergriff den Arm des Weibes , das sich eben mit den Kindern entfernen wollte ... Sie war atemlos , nicht allein infolge des wilden Laufes , sondern auch vor Erbitterung . Nie hatte sie dieses Gefühl tiefer Entrüstung gekannt , das sich jetzt ihrer bemächtigte . » Frau von Herbeck , auf wessen Grund und Boden stehen wir ? « fragte sie , sichtlich nach äußerer Ruhe und Haltung ringend . » Oh , liebe Gräfin , das will ich Ihnen mit Freuden deutlich machen ! ... Wir stehen auf dem Grund und Boden der alten Reichsgräfin Völdern ... Dort unter dem Dach haben genug gekrönte Häupter als Gäste geschlafen ; nie aber hat es Raum gehabt für Leute von obskurem Namen ... Die Völdern haben sich niemals der Berührung mit dem Gemeinen schuldig gemacht – sie sind von jeher der Schrecken der Zudringlichen und Unverschämten gewesen ... Und nun sollte dieser geheiligte Boden entweiht werden ? Nie und nimmermehr ! So lange ich meine Zunge rühren kann , werde ich protestieren ! ... Liebste Gräfin , ich will nicht allein auf die Rücksicht hinweisen , die Sie ihren erleuchten Vorfahren unerläßlich schuldig sind – denken Sie doch auch an Ihr eigenes Interesse ! Wo bleibt der Respekt – « » Ich will keinen Respekt , wie Sie ihn meinen – ich will Liebe . « Die Gouvernante stieß ein höhnisches Gelächter aus . » Liebe , Liebe ? Von diesen da ? « rief sie in ein impertinentes Kichern übergehend , indem sie auf die Taglöhnerfamilie zeigte . – » Ein unbezahlbarer Einfall ! Den hätte die Großmama hören sollen ! « » Sie hat ihn gehört « , versetzte Gisela gelassen . » So lange ich denken kann , versichern Sie mir unausgesetzt , der Geist meiner Großmama sei mir nahe , sie richte mein Tun und Lassen – in diesem Augenblick wird sie zufrieden mit mir sein . « » Glauben Sie ? Da gilt es , einen schweren Irrtum aufzuklären . Für die majestätische Gräfin Völdern war diese Menschenklasse gar nicht auf der Welt , und kamen ihr je einmal dergleichen Zudringlichkeiten zu nahe , da war ich in der Lage zu hören , wie sie drohte , › das Gesindel ‹ mit Hunden forthetzen zu lassen . « » Ja , ja , die hochselige Frau Gräfin machte nicht viel Federlesens , « bestätigte der Medizinalrat . » Sie hatte ein ganz außergewöhnlich entwickeltes aristokratisches Gefühl ! « Gisela war totenbleich geworden . Diese zwei Menschen da zerpflückten erbarmungslos den Heiligenschein , den sie eben noch mit glühendem Eifer verteidigt hatte ... Wußte sie auch , daß die Großmama immer auf einsamer Höhe gestanden , von der es ihr liebeheischendes Kindesherz stets kalt angeweht hatte , so war sie doch nie im Zweifel gewesen , daß dieses zurückweisende Etwas einzig der Sittenstrenge und der Erhabenheit der stolzen Frauenseele entsprungen sei ... Und nun sollte die Vergötterte unmenschlich gewesen sein ! Frau von Herbeck irrte schwer , wenn sie glaubte , mit ihren Enthüllungen das altgewohnte Fahrwasser wieder erlangt zu haben ; sie hatte unvorsichtig genug den Zauber selbst gebrochen , dem die junge Seele bis dahin unterworfen gewesen war . Die braunen Augen des jungen Mädchens sahen wohl erloschen , aber mit tiefem Ernst in das Gesicht der Gouvernante . » Frau von Herbeck , Sie nannten vorhin den Brand im Dorfe ein Strafgericht Gottes « , sagte sie . » Das Haus dort aber steht noch « – sie zeigte nach dem Schlosse – , » in dem Jahrhunderte hindurch ein so grausames Unrecht geschehen ist . Der liebe Gott hat es anders gemeint , als Sie sagen – er hat nicht strafen , sondern segnen wollen . Die elenden Häuser mußten niederbrennen , damit es endlich besser werden konnte für die armen Unterdrückten ! « Die Beschließerin kam eilig vom Schlosse her . » Schließen Sie sogleich die Räume im Erdgeschoß des linken Flügels auf ! « befahl Gisela . » Mein Gott , gnädige Gräfin , wollen Sie trotz aller Vorstellungen Ernst machen ? « rief der Medizinalrat – der würdige Vermittler zwischen Leben und Tod zitterte innerlich vor Zorn , aber er beherrschte sich doch , während Frau von Herbeck , sprachlos vor Erbitterung , unverhohlen an ihrem Taschentuch riß und zerrte . » So hören Sie wenigstens auf einen vernünftigen Rat ! « beschwor er die junge Dame . » Bringen Sie die Leute nicht ins Schloß selbst – das geht ein für allemal nicht ! Ich schlage Ihnen den Pavillon dort drüben vor – er ist geräumig – « » Sie haben wohl vergessen « , fiel ihm Gisela empört ins Wort , » daß Sie sich gestern erst weigerten , auch nur für einige Augenblicke in diesen Pavillon einzutreten , weil die feuchte Luft äußerst nachteilig auf Ihr rheumatisches Leiden wirke ? Sie sagten , der Raum sei höchst ungesund . « » Ja , das Wasser läuft von den Wänden , « bestätigte die Beschließerin , unbekümmert um den Basiliskenblick des Doktors . » Auf den Möbeln sitzt der dicke Moder . « Ohne noch ein einziges Wort zu verlieren , wandte sich die junge Gräfin ab von den zwei Menschen , deren öde Seelen sich plötzlich in ihrer ganzen Nichtswürdigkeit enthüllten . » Kommen Sie , liebe Frau , Sie sollen für Ihr leidendes Kind ein sonniges Zimmer haben , « sagte sie zu dem armen Weibe , das an allen Gliedern bebend neben ihr stand . Sie ergriff die Hände der beiden größeren Kinder , die sich ängstlich an den Rock der Mutter gehangen hatten , und schritt mit ihnen nach dem Schlosse . Die Beschließerin lief voraus . » Frau Kurz , ich rate Ihnen wohlmeinend , erst den bestimmten Befehl Seiner Exzellenz abzuwarten ! « rief ihr die Gouvernante mit erstickter Stimme nach ; allein das wackere Weib ließ sich nicht irre machen – die » böse , böse gnädige Frau « hatte lange genug geherrscht und die Geißel geschwungen , es war hohe Zeit , daß die eigentliche Herrin von Greinsfeld die Zügel ergriff . » Gott , Gott , welche Szenen erwarten mich ! « stöhnte die Gouvernante und fuhr mit beiden Händen nach dem Kopfe . » Nun wird er wieder sagen : › Sie sind alt geworden , Frau von Herbeck ! ‹ ... Wenn ich nur an diese impertinente Stimme denke , da zittern mir alle Nerven – ich möchte mich am liebsten gleich im Erdboden verkriechen ! Und Sie werden auch nicht leer ausgehen , Medizinalrat , darauf verlassen Sie sich ! « Der Medizinalrat sagte keine Silbe . Er legte den prächtigen , ziselierten Stockknopf an die gespitzten Lippen und pfiff mechanisch , aber fast unhörbar : » Schier dreißig Jahre bist du alt ! « vor sich hin – das tat er immer , wenn er › ganz außerordentlich ‹ ergrimmt war . 24 » Alles unverändert , mein lieber Baron Fleury ! « sagte plötzlich eine Stimme hinter dem Boskett , das sich vor dem Haupteingang des Schloßgartens hinzog ... Das Pfeifen verstummte sofort , und der Stock mit dem ziselierten Knopf fiel zur Erde . » Alles unverändert « , fuhr die Stimme fort , » und wenn jetzt die junge Gräfin Sturm auf dem Balkon dort erschiene , dann würde ich meinen , die letzten fünfzehn Jahre seien nur ein Traum gewesen . « Der Medizinalrat hob geräuschlos seinen Stock wieder auf , fuhr eiligst abstaubend über seinen Rockkragen , tastete nach der Stirne , ob die blonden , künstlerisch verteilten Haarreste die gewohnte Linie beschrieben , und stellte sich neben Frau von Herbeck , die atemlos vor Überraschung und Aufregung zur Seite des Weges getreten war – hier mußte ja der Fürst vorüberkommen . Und nach wenigen Augenblicken stand die schmächtige Gestalt des durchlauchtigsten Herrn in der Tat vor den zwei bis zur Erde sich Verbeugenden . » Ah , sieh da – eine alte Bekannte ! « sagte der Fürst sehr gnädig und reichte der hocherglühenden Gouvernante die feinen Fingerspitzen . » Eine treu ausharrende Einsiedlerin ! ... Haben schwere Opfer bringen müssen , arme Frau ! Aber das ist nun überstanden – wir werden Sie von nun an oft in A. sehen . « Frau von Herbecks demütig gesenkte Wimpern hoben sich bei den letzten Worten Seiner Durchlaucht in einem seltsamen Gemisch von Freude , Angst und Schrecken – die schwimmenden Augen streiften verzagt über das Gesicht des Ministers – in welch eisiger Kälte waren diese Züge erstarrt ! Die kleine Frau empfand abermals den Wunsch , sich in den Erdboden verkriechen zu dürfen . » Sie haben einen heftigen Schrecken gehabt « , sagte der Fürst weiter ; » der Brand im Dorfe konnte recht bedenklich werden ; aber beruhigen Sie sich , es hat nichts mehr zu bedeuten . Ich komme eben vom Brandplatz . « » Ach , Durchlaucht , das hätte sich überstehen lassen ! ... Ich kann viel weniger die Erregung über den tollkühnen Ritt meiner kleinen Gräfin verwinden ! ... Exzellenz , ich bin unschuldig ! « wandte sie sich mit flehender Stimme an den Minister . » Lassen Sie das jetzt ! « sagte er mit einem ungeduldigen Handwinken . » Wo ist die Gräfin ? « » Hier , Papa ! « Das junge