gesehen , aus dem ihres Vaters erste Frau stammte , hatte sich jener Empfindung auch der Abscheu vor gemeiner Berührung beigemischt . Diese Vorstellung war jetzt versunken vor der herrlichen , stolzen Matronenerscheinung , die sie eben gesehen . Sie begriff vollkommen , daß diese Frau Major Lucians Jugendliebe gewesen ; sie verstand jetzt den letzten heißen Wunsch ihres Bruders , die Mutter zu versöhnen und in ihrem Herzen Liebe für seine Waisen zu erwecken ... Mochte sie auch zeitlebens durch Starrsinn und unbeugsam durchgeführte harte Prinzipien die Eisluft der Unzugänglichkeit um ihre schöne Gestalt verbreitet haben – tief in ihrer Seele lag doch verborgene Glut , der schlimmste Feind , mit dem sie zu kämpfen hatte , eine wahre Geißel , welche die Natur der Tochter der Wolframs mitgegeben ; gerade diese Gabe hatte sie zu dem gemacht , als was sie erschien , zu dem » Eiszapfen « , zu der Unerbittlichen , die ihrem Herzen als schlechtem Ratgeber mißtraute und standhaft seine Einflüsterungen verwarf ... Donna Mercedes fühlte einen geheimnisvollen Zug – in dieser Natur lag eine gewisse Verwandtschaft mit der ihrigen ... Aber seltsames Rätsel ! Dieselbe Frau , die gewalttätig in das Schicksal der Ihren eingegriffen , die ein Zurückweichen nie gekannt , sie war eben vor einer boshaften kindischen Drohung geflohen , und Donna Mercedes mußte , peinlich berührt , der Tatsache gedenken , daß oft die gewaltigsten Kreaturen der Schöpfung vor einem winzigen , aber bösartigen Insekt flüchten . Die Schritte drüben gingen auf das Hinterhaus zu und mochten wohl der Tür nahe sein , als diese aufgestoßen wurde . Eine starke , tiefe Männerstimme sagte einige heftige Worte , die nicht zu verstehen waren ; dann aber folgte ein kurzes , hartes Auflachen , so hämisch , so verletzend , daß es selbst die unbeteiligte Zuhörerin reizte . Die Majorin aber schien ihre Haltung wieder gewonnen zu haben . » Bin ich deine Gefangene , Franz ? « hörte Donna Mercedes sie mit ihrem klangvollen Organ eisig kalt sagen . » Oder wollen wir in unseren alten Tagen noch Vormund und Mündel spielen ? – Lasse mich ! – Was fällt dir ein , mich so ungebührlich anzuschnauzen , wenn ich einfach tue , was sich schickt , wenn ich nach dem fremden Kind frage , das durch unsere Schuld krank geworden ist ? « Damit ging sie in das Haus . Die Tür wurde zugeschlagen – in Nachbars Garten rührte und regte sich nichts mehr . Donna Mercedes verließ ihren Posten . Wie traumbefangen , von völlig neuen Gedanken und Empfindungen bestürmt , wanderte sie noch einigemal in der Allee auf und ab und schlug dann den Weg nach dem Säulenhause ein . Es dunkelte stark . Aus den weißen Lampenkugeln der Flurhalle strömte blendendes Licht und fiel auch aus der weit offenen Tür wie ein breiter , glänzender Teppich streifen über die Stufen der Freitreppe draußen . – Donna Mercedes wollte eben den Fuß auf die unterste Stufe setzen , als sie durch die entgegengesetzte , gleichfalls offene Haustür eine Dame in den Flurraum treten sah , der alsbald eine zweite folgte . Angesichts der zuerst eintretenden Gestalt schrak Donna Mercedes unwillkürlich zusammen – schattenhaft lang , schmal und grau , geräuschlos wie auf nackten Sohlen hereingleitend , und ein gespenstisch fahles Gesicht forschend nach allen Seiten hinwendend , war es , als schwebe der Hausgeist des alten Schillingshofes inspizierend durch die Halle . Aber diese geisterhafte Erscheinung hatte eine sehr menschliche Stimme , eine Stimme voll nervöser Gereiztheit und gleichsam getränkt in Arger und Entrüstung , in bitterer Galle . » Mein Gott , wie bettelhaft ist der Eingang ! « sagte sie in jenen weinerlich hauchenden Tönen , wie sie aus einer grollgepreßten , vornehmen Damenkehle zu kommen pflegen . » Die Türen weit offen wie in einer Schenke , und kein Diener zu hören und zu sehen ! ... Ich bitte dich , Adelheid , « wandte sie sich zurück nach der anderen Dame , die eben mit sichtlichem Unwillen einige Strohhalme von ihrer schwarzen Schleppe schüttelte – » ziehe die Türglocke , aber so stark du kannst . « Die Dame im schwarzen Kleide trat wieder hinaus in die Säulenhalle und tat , wie ihr geheißen – selbstverständlich gab die Glocke keinen Laut , da sie abgenommen war . Dieser Tatsache gegenüber stand die graue Dame wie versteinert , die andere aber rauschte an ihr vorbei und bog in den nach Süden laufenden Korridor ein . » Robert , wo stecken Sie ? « rief sie mit gebieterischer Stimme in das Erdgeschoß hinab . Die vollklingenden Laute schienen eine wahrhaft elektrisierende Kraft zu besitzen . Polternde Füße stürzten sofort die Treppe vom Erdgeschoß herauf , und der Bediente Robert , gefolgt vom Gärtner , dem Hausknecht und dem Stallburschen , erschien aufgeregt und atemlos in der Flurhalle . » Verzeihung , gnädiges Fräulein , « stammelte er ; » ich war nur für einen Augenblick in die Küche gegangen , um einen Schluck Wasser zu trinken . « Er schritt vor und verbeugte sich tief vor der grauen Dame , die unbeweglich inmitten der Flurhalle stehen geblieben war . » Gnädige Frau Baronin kommen völlig unerwartet ; wir – « Sie unterbrach ihn mit einer ungeduldigen Handbewegung . » In welchem verwahrlosten Zustande finde ich mein Haus ! « sagte sie , in ihre vorhin so aufgeregte Stimme nunmehr die strafende eisige Kälte der Gebieterin legend . » Ist der Schillingshof ein Gasthaus , daß die Türflügel angelweit offen stehen ? – Die Türglocke ist eingerostet , im Vorgarten brennt kein Gas – und was soll das Stroh auf den Wegen , durch das man buchstäblich waten muß ? « wandte sie sich an den Gärtner und hob als Beweismittel , unter Zeichen ihrer inneren Empörung , den mit Strohresten behangenen Kleidersaum leicht von der Fußspitze . – » Seit wann wird die Streu für die Stallungen durch Vorgarten und Flurhalle geschafft ? « Die graue Schattengestalt mußte den erstarrenden Blick der Klapperschlange haben ; denn der angeredete Mann stand da wie gelähmt – er brachte kein Wort zu seiner Verteidigung über die Lippen . Der Bediente Robert war entschlossener . » Dafür können wir Dienstleute nicht , gnädige Frau Baronin , « sagte er achselzuckend . » Mit Erlaubnis zu sagen , wir machen selbst die Faust in der Tasche über die polnische Wirtschaft , die wir nun seit so und so viel Wochen im Schillingshof mit ansehen müssen ... Die Haustür hat der einfältige Bäckerjunge , der die Abendsemmeln gebracht hat , wieder einmal offen gelassen – zuschließen darf man ja nicht , weil die Zugglocke – nicht verrostet , wie gnädige Frau Baronin denken – sondern einfach abgenommen ist . Das Gas draußen brennt nicht , die Brunnenröhren sind zugeschraubt , und das Stroh liegt auf den Wegen – kurzum , die ganze heillose Wirtschaft ist nur um deswegen , weil der fremde kleine Junge den Typhus , oder so was Ähnliches gehabt hat . « In Donna Mercedes wallte das Verlangen auf , hervorzutreten und der Dame zu sagen , daß die Krankheit des Kindes nicht der Typhus , überhaupt keine ansteckende gewesen sei ; trotzdem blieb ihr Fuß wie festgewurzelt stehen , und instinktmäßig bog sie ihre Gestalt aus dem herausfallenden Licht , das sie streifte ... Nein , die erste Begegnung mit der Herrin vom Schillingshofe durfte nicht in Gegenwart der gehässigen Dienstboten stattfinden ! ... Ob sie es überhaupt je über sich gewinnen würde , dieser Frau mit Worten der gebührenden Höflichkeit , des Dankes für die gewährte Gastfreundschaft zu nahen ? – Etwas Abstoßenderes an Gestalt und Wesen , an Linien und Ausdruck , wie diese Heimkehrende mit dem unkleidsamen , grauumschleierten Glockenhut über dem langen Gesicht , ließ sich nicht denken . Und die Stimme , dieses Gemisch von weinerlicher Bosheit und schneidender Impertinenz , berührte sie , als werde ihr eine kalte , scharfe Messerklinge über bloßgelegte Nerven gestrichen . » Typhus ? ! « wiederholte die Baronin und fuhr mit dem Taschentuch durch die Luft – Donna Mercedes sah eine starke Röte wie infolge eines heftigen Erschreckens über ihr Gesicht hinfliegen . – » Ich will doch nicht hoffen , daß der Baron während dieser Zeit hier im Hause geblieben ist ? « Die Leute sahen sich scheu an . » Der gnädige Herr kennt keine Furcht ; er ist Tag und Nacht in der Krankenstube geblieben und hat das Kind gepflegt , als wenn ' s ein – eigenes wäre , « versetzte der Bediente mit dem Gesicht und der Haltung eines echten Duckmäusers . Ein zornmütiges Lächeln entblößte flüchtig die langen weißen Zähne der Dame – sie sah ihre Reisebegleiterin an , die den Blick mit einem gleichgültigen Achselzucken erwiderte . » Wundert dich das , Clementine ? « sagte sie kalt . Die Baronin antwortete nicht . Sie schob mit der Spitze ihres Sonnenschirmes einen Strohhalm von ihrem Rockbehang . » Ist das Kind noch krank ? « fragte sie mit einem halben Aufblick nach dem Bedienten . » Jawohl , gnädige Frau – an ein Aufstehen ist noch lange nicht zu denken . « » Mein Gott , wie verdrießlich ! – Ich habe entschieden keine Lust , die verpestete Krankenluft zu atmen – sorgen Sie dafür , daß sofort Kohlenbecken mit Räucherung hier in der Flurhalle aufgestellt werden ! ... Wo ist der Baron ? « » Der gnädige Herr ist heute nachmittag mit dem Fünfuhrzug nach Berlin gereist , « berichtete er so prompt und eilig , als habe er schon längst auf diese Frage gewartet – er rieb sich vor innerer Genugtuung die Hände . Hatte er gehofft , seine Herrin werde vor Überraschung die Fassung verlieren , dann war er im Irrtum gewesen . Sie hatte seine Bewegung sehr wohl bemerkt und verzog keine Miene , wenn sie auch abermals die Farbe wechselte . Wieder richtete sie den Blick auf die schwarze Dame ... Lucile hatte stets behauptet , die Frau dort habe glanzlose , tote Augen ; das war falsch – es glomm im Gegenteil ein intensives Feuer in den grauen Sternen ; sie flackerten unruhig wie Irrlichter unter den halbzugesunkenen dünnen Augendeckeln . » Erinnerst du dich , im letzten Brief etwas über diese Abreise gelesen zu haben , Adelheid ? « fragte sie ihre Reisebegleiterin anscheinend gelassen . Die Dame schüttelte den Kopf . » Ach , gnädige Frau Baronin , das ist wohl auch nicht gut möglich ! « wagte der Bediente einzuwerfen . – » Heute morgen hatte noch niemand im Hause auch nur die blasse Ahnung von der Berliner Reise – die Sache hat sich ganz schnell gemacht . Das ist jetzt immer so bei uns , gnädige Frau . Vor ein paar Tagen ist auch die eine fremde Dame so schnell und heimlich nach Berlin abgereist , als ob – ja wirklich und wahrhaftig so ist ' s gewesen – als war ' sie durchgebrannt . « Die letzten Worte sprach er im halben Flüsterton , wobei er scheu nach dem hinter der nördlichen Zimmerflucht hinlaufenden Gang schielte . Jetzt hatte er doch einen empfindlichen Nerv getroffen . Die Baronin fuhr empor . – Die zusammengesunkene Haltung verwandelte sich im Nu in eine hochaufgereckte ; mit nervöser Hast griffen die langen , schlanken Finger prüfend nach der Hutschleife unter dem Kinn , oh sie noch festsitze , die Strohhalme wurden von der Schleppe geschüttelt , der Schleier über das Gesicht gezogen . » Wir fahren mit dem Neunuhrzug nach Berlin , « sagte sie kurz , aber mit fieberischer Aufregung in jedem Ton zu ihrer Reisebegleiterin . » Mit Nichten , Clementine – du bist erschöpft und bedarfst dringend der Erquickung , der Ruhe – wir bleiben hier , « versetzte die Dame vollkommen gelassen , mit jener ernsten , unerschütterlichen Würde , die ein tüchtiger Mentor gegen seinen widerspenstigen Zögling herauskehrt . » Ruhe ? « lachte die Baronin leise auf – Donna Mercedes schrak in sich zusammen vor diesem Lachen , vor dem Blick , der es begleitete , es schien , als brächen Spuren des Irrsinns aus beiden hervor . – » Ich brauche keinen Schlaf ! Ich habe weder Hunger , noch Schlaf ! Ich will reisen , und zwar sofort ! « Die schwarze Dame antwortete nicht . Sie trat der Baronin nur näher und griff nach einem großen , spannenlangen goldenen Kreuz , das auf ihrer flachen Brust funkelte . » Sieh da , Clementine ! « sagte sie . » Um ein Haar konntest du dein Kreuz unterwegs verlieren – es hängt nur noch lose in der Schleife . Was würde unsere liebe Frau Äbtissin zu diesem Verlust gesagt haben ? – Sie hat dir das Erinnerungszeichen mit eigenen Händen umgehangen . « Wie ein Erlöschen ging es über das aufgeregte Gesicht der Baronin ; sie senkte den Kopf und zog maschinenmäßig das Kreuz an die Lippen , dessen Band ihr die andere Dame im Nacken fester knüpfte . » Gehen Sie rasch hinauf und legen Sie einen bequemen Schlafrock für die Frau Baronin zurecht ! « befahl die letztere , sich nach der Kammerjungfer umwendend , die währenddessen , mit Reisesachen beladen , auch in die Flurhalle getreten war . – » Die Birkner soll sogleich die Zimmer droben aufschließen – wo ist sie ? « » Hier , gnädiges Fräulein ! « rief die Wirtschaftsmamsell , um die Ecke des Ganges biegend , mit einem tiefen Knicks . » Ich komme eben von oben – es ist alles in Ordnung . – Ach , was für ein Glück ! – Gerade heute habe ich die Zimmer der gnädigen Frau Baronin reinigen und tüchtig lüften lassen ! « » Wie – so « werden meine Befehle befolgt ? « fuhr die Baronin auf – ein entschiedener Abscheu sprach aus ihren Augen beim Erscheinen der guten , dicken Person , die unter diesem Blick sichtlich die Fassung verlor . – » Habe ich nicht ausdrücklich befohlen , daß während meiner Abwesenheit niemand , ich sage niemand , meine Gemächer betrete ? ... Nun wird man sich breit gemacht haben in meinem Eigentum – ich konnte mir das denken ! « » Aber , wer sollte denn so dreist sein , gnädige Frau ? « stotterte die Wirtschaftsmamsell . » Keine Menschenseele hat hinauf gedurft – ich hab ' die Schlüssel gehütet wie meinen Augapfel . Aber der Sturm hatte neulich die Terrassentür aufgerissen – sie muß in der Eile bei der Abreise nicht ordentlich eingeklinkt worden sein – und da mußte ich nachsehen , denn das Auf- und Zuschlagen hörte gar nicht auf , und der Glaser hat auch neue Scheiben einsetzen müssen ... Der Staub lag fingerhoch , und die Luft war dick zum Ersticken , und das war mir schrecklich ! « Sie war bei dieser von lebhaften Gesten begleiteten Auseinandersetzung näher herzugetreten . Die Baronin wich zurück . » Kommen Sie mir nicht zu nahe , Birkner ! « wehrte sie mit ausgestrecktem Arm in kindisch weinerlicher Heftigkeit ab . » Sie haben überhaupt von nun an in meinen Zimmern nichts mehr zu suchen – durchaus nichts ! Ich werde meinen Willen in ganz anderer Weise geltend machen als bisher – meine Langmut ist erschöpft ! Mein Haus soll und muß rein werden von diesen verpestenden Elementen – « » Rege dich nicht auf , Klementine ! « schnitt die schwarze Dame ohne weiteres die Rede ab , die sich bei den letzten Sätzen in das Maßlose zu steigern drohte , und der Baronin den Arm bietend , befahl sie dem Bedienten , sogleich für das Ordnen des Teetisches zu sorgen . Damit führte sie die Herrin des Schillingshofes wie eine Pflegebefohlene durch den Gang und die Treppe hinauf . Die Druntenstehenden stoben auseinander , Mamsell Birkner verbarg ihr verstörtes Gesicht und die in Tränen schwimmenden Augen im Taschentuch , während der Bediente Robert mit einem hämischen Lächeln an ihr vorüber in die Küche hinabrannte , um seiner Pflicht nachzukommen ... Der Gärtner und der Stallbursche traten heraus auf die Freitreppe , um nach dem Stallgebäude zu gehen , wo sie ihre Wohnung hatten . Sie gingen an Donna Mercedes vorüber , ohne die an die Wand geschmiegte Dame zu bemerken . » Die muß springen ! « sagte halblaut der Gärtner , mit dem Daumen über die Schulter zurück nach der Wirtschaftsmamsell zeigend , die auf die Kinderstube zuging , jedenfalls , um Hannchen ihr Herz auszuschütten . – » Die muß springen , da hilft kein Gott ! ... Sie ist die einzige Protestantische im Schillingshofe – sie und das Hannchen ... Die beiden sind der Gnädigen immer ein Dorn im Auge gewesen ; aber sie hat sich doch nicht getraut , die Leute , die der Herr beschützt , so mir nichts dir nichts aus dem Hause zu jagen ... Nun ist sie aber wieder in Rom und gar im Kloster gewesen – Herrgott , das sieht ihr ein jeder auf hundert Schritt an ! Sie müssen die Frau dort ganz rebellisch gemacht haben , und Fräulein von Riedt sieht auch aus wie ein Bild ohne Gnade – da gibt ' s keine Rettung mehr für die arme Birkner ! « Sie gingen die Stufen hinab , und Donna Mercedes trat in das Haus ... Ein starker Moschusduft hauchte sie an – er mochte das Lieblingsparfüm einer der heimgekehrten Damen sein . Es kam ihr vor , als sei plötzlich ein grauer Schleier über alles Licht , über den ganzen Schillingshof gesunken , als müßten die heidnischen Karyatiden von der Decke und die Statuen eiligst aus ihren Nischen herabsteigen , um sich zu verstecken . Wie war es überhaupt möglich , daß sie bis heute ihren Platz behaupten konnten , daß die bigotte Frau sie nicht längst im fanatischen Eifer herabgestürzt hatte ? – In dieser Nacht schloß Donna Mercedes die Augen nicht – sie suchte ihr Bett nicht einmal auf . Es bedurfte ihrer ganzen Geistesschärfe , ihrer vollen inneren Kraft , um sich über alles das , was auf sie einstürmte , emporzuarbeiten und den klaren Überblick zu gewinnen . Gerade jetzt galt es , auszuharren und fest auf dem Posten zu bleiben – gerade jetzt , wo vom Klostergut eine Hand – wenn auch noch scheu und widerstrebend – herübergriff und Fühlung suchte mit den Kindern des Verstoßenen . So hatte sich die junge Dame , bald lautlos im Salon auf und ab wandelnd , bald in die Fensternische geschmiegt und den Blick auf das Bild des toten Bruders geheftet , gestählt und gefestet ; vor allem gegen das Heer von Anfechtungen , das sie unausbleiblich erwartete , seit sie in das Gesicht der heimgekehrten Frau vom Hause gesehen ... Und als die Hängelampe am Deckengebälk des Salons knisternd erlosch , und ein blaßrosiger Schein den dämmernden Morgenhimmel überflog , da lag auf dem schönen Frauenantlitz der erkämpfte frühere Ausdruck rücksichtsloser Entschlossenheit . 26. Mit Tagesanbruch wurde es lebendig im Schillingshof . Die Dienerschaft , die noch gestern auf den Zehen gegangen war , polterte treppauf , treppab und trabte mit gewichtigen Absätzen geräuschvoll über die Marmorfliesen der Flurhalle . Im Vorgarten rasselten eiserne Rechen über die Kieswege – einige Taglöhner rafften unter Anführung des Gärtners das Stroh weg , ängstlich sorgsam , auf daß auch nicht ein Halm an dem blanken Geröll hängen bleibe . Die Röhren des Zierbrunnens wurden auch aufgeschraubt , und brausend fuhren die so lange gefangengehaltenen Wasserstrahlen in die sonnendurchleuchtete , blaue Morgenluft hinein . Donna Mercedes sah vom Fenster aus ruhig und gelassen der Wiederherstellung der früheren Ordnung zu . – José hatte in der Nacht prächtig geschlafen ; er war frisch und sichtlich gestärkt erwacht , und das Geräusch in und außer dem Hause schien ihn nicht weiter zu behelligen . Die kleine Paula aber jubelte über die springenden Wasserstrahlen , wie über ein neues Spielzeug . Sie war nach dem Frühstück auf Tantes Lehnstuhl in der Fensternische geklettert und ergötzte sich unermüdlich an den plätschernden und zerstäubenden Wassern , denen das Sonnenlicht ein köstliches Regenbogengeflimmer entlockte . Die Kleine sah aus in dem mächtigen Bogenfenster wie ein winziges Blumenelfchen . Mit den nackten Schultern aus dem losen , blauen Kleidchen schlüpfend , das an seinem Ausschnitt das Spitzengekräusel des Batisthemdchens sehen ließ , stützte sie die kleinen Arme auf den Fenstersims , und das Blondhaar fiel ihr volllockig in die Stirn und an den Schläfen hinab über Schultern und Rücken . Donna Mercedes stand neben ihr im frischen weißen Morgenkleide ; ihre Hand glitt mechanisch über das Lockengewoge des Kindes , während die dunklen Augen ziellos in den weiten Himmel hineinschweiften . Da trat die Herrin des Schillingshofes , in Fräulein von Riedts Begleitung , hinter dem nächsten Buschwerk hervor . Sie war in derselben Kleidung wie gestern abend . Das goldene Kreuz funkelte ihr auf der Brust , und in den graubekleideten Händen hielt sie ein Buch in violettem Samteinband . Die Damen kamen jedenfalls schon aus der nahen Benediktinerkirche , wo sie ihr Morgengebet verrichtet hatten . In der klaren , scharfen Morgenbeleuchtung erschien die Baronin fast noch abstoßender als gestern beim Lampenlicht . – Kränklichkeit , vor allem aber wohl eine leidenschaftliche , wenn auch mit großer Kunst verheimlichte Natur – wie Felix stets behauptet – hatten an diesem Gesicht verhäßlichend gearbeitet – die Züge waren schlaff und verwüstet wie die einer Greisin . Fräulein von Riedt sah abgewendet und aufmerksam über den Rasen hin , auf dem die Arbeiter noch beschäftigt waren ; die Augen der Baronin aber überflogen verstohlen die Fensterreihe der nördlichen Erdgeschoßwohnung ... Einen Augenblick blieben diese glanzlosen Augen an dem Bogenfenster hängen , hinter dessen Scheiben die Dame mit dem Kinde stand – sie wurden weit und starr wie in plötzlicher Überraschung ; aber fast ebenso schnell zuckte ein feindseliger Strahl herüber . Es lag etwas Duckmäuserisches in der Art , wie diese Frau den Kopf senkte und beschleunigten Schrittes weiterging , als habe sie nichts gesehen . Später kam der behandelnde Arzt ; aber nicht direkt von der Straße , sondern aus dem ersten Stock – die Gnädige hatte ihn schon in aller Frühe in ihre Gemächer gerufen , wie er sagte . Er war der Hausarzt im Schillingshofe – ein braver , gerader Mann , auf dessen Gesicht heute ein kaum zu unterdrückender Ärger lag . Er riet denn auch Donna Mercedes im Laufe des Gespräches , vorläufig jede Begegnung mit der Baronin zu vermeiden ; sie lasse es sich nicht ausreden , daß der Typhus in ihrem Hause sei , und zeige eine geradezu wahnwitzige Furcht vor der Ansteckung . In der Flurhalle sähe es aus , als würden den griechischen Götterbildern Weiheopfer dargebracht , so dampfe es in dicken , blauen Wollen aus rings aufgestellten Kohlenbecken . – Mit welchem spöttischen Lächeln er das sagte ! Seinen kleinen Patienten fand er in der Genesung auffallend vorgeschritten ; » aber , « sagte er mit aufgehobenem Drohfinger und bedeutungsvollem Nachdruck zu Donna Mercedes – » ich muß dringend bitten , daß Sie sich durch nichts , durch gar nichts bestimmen lassen , das Kind in seiner Ruhe zu stören ! Ich mache Sie , gnädige Frau , für jede nachteilige Veränderung im Befinden des Genesenden verantwortlich ! « – Was alles mußte der Mann soeben im ersten Stockwerk gehört und erlebt haben ! – Das schien ihn jedoch nicht im geringsten zu beeinflussen . Er hatte den kleinen Knaben sehr lieb gewonnen , und für Donna Mercedes zeigte er große Verehrung – er war liebenswürdiger als je und gestattete heute auch auf Josés Bitten endlich , daß die Tante zum erstenmal wieder auf dem Flügel spiele . Donna Mercedes setzte sich an das Instrument und schlug einige gedämpfte Akkorde an . Sie war keine Meisterin ; eine brillante Technik besaß sie nicht . Ihre feurige Natur sträubte sich gegen den Zwang des geduldigen Übens , wie das Steppenroß gegen den Zügel – aber eine Art wilder Genialität durchglühte ihren Vortrag ; sie fühlte unter den Tönen die Seelenfesseln springen , wie wenn sie draußen mit tiefatmender Brust in das Weite hineinstürmte ... Und deshalb hatte sie ihren Flügel mitgenommen – auf einem anderen Instrument spielte sie niemals . Ein Freudenschimmer überflog ihr schönes Gesicht , als sie die Finger zum erstenmal nach so langer Entbehrung wieder auf die Tasten legte . Sie spielte » Adelaide « von Beethoven mit vorsichtigem Anschlag , in Berücksichtigung des kleinen Kranken – aber welche tiefe Innigkeit beseelte diese Klänge ! » Einsam wandelt dein Freund im Frühlingsgarten « – wie gefangen irrte ihre Seele um das exotische Gesträuch im Glashause , die Springbrunnen plätscherten , auf der zitternden Wasserfläche schwankte der Gloxinienkelch , und hinter der halbverhangenen Glaswand dämmerten ergreifend lebendig die Gestalten , die der eckigen Stirn des häßlichen Kopfes entstammten ... Zornig schüttelte die Spielerin das wogende Haar in den Nacken zurück und griff energischer in die Tasten , als sollten und müßten andere Melodien übertönt werden – das herrliche Instrument erbrauste in majestätischer Pracht und Tonfülle – José lauschte atemlos in seinem Bettchen , und der Arzt lehnte wie festgebannt am Fensterpfeiler ... Da wurde plötzlich die Salontür geöffnet , rücksichtslos rasch und laut , als werde dringende Botschaft gebracht . Der Bediente Robert trat herein , aber nicht mit der gewohnten Unterwürfigkeit ; er kehrte eine sehr dreiste Miene heraus – man sah sofort , daß dieser Mann in blanker Livree , mit dem tadellosen Mittelscheitel und den zwinkernden Augen als Abgesandter auf ausgedehnten Vollmachten fuße . » Meine gnädige Herrschaft läßt recht sehr bitten , nicht weiter zu spielen , « sagte er ziemlich kurz mit einer leichten Verbeugung . – » Im Schillingshofe darf nie Musik gemacht werden ; auch die Drehorgelmänner dürfen wir nicht hereinlassen . Die gnädige Frau Baronin kann durchaus keine Musik vertragen . « » Ei , ist ' s denn die Möglichkeit ! Selbst die Drehorgelmänner nicht ? « lachte der Arzt spöttisch auf . – » Übrigens begreife ich nicht – die Gnädige wohnt ja doch auf der entgegengesetzten Seite – « » Die Damen frühstücken auf der Terrasse , und da hört man das Spielen , « unterbrach ihn der Bediente mit hochgezogenen Brauen wichtig und überlegen . » Die Hexen ! « murmelte der Doktor grimmig in den Bart. Er griff nach seinem Hut und empfahl sich mit einem vielsagenden spöttischen Lächeln , während Donna Mercedes sich schweigend erhob und den Flügel schloß . Sie ging nach ihrem Schreibtisch und schien es nicht zu bemerken , daß der Diener an der Tür stehen geblieben war . In dem Menschen , der sich plötzlich auf dem Standpunkt des Gebietenden der Dame gegenüber fühlte , kochte die Wut . Er trat ziemlich geräuschvoll tiefer in das Zimmer und zeigte auf einen Papierbogen , den er in der Hand hielt . » Ich möchte bitten – « hob er unter einem vernehmlichen Räuspern an . Die Dame wandte ihm langsam und majestätisch das Gesicht zu , und er bückte sich unwillkürlich vor dem stolz verwunderten Blick , der ihn von Kopf bis zu Füßen maß . » Ich habe da verschiedene Auslagen notiert , « sagte er , ihr das Papier hinhaltend , das sie jedoch nicht ergriff . – » Die Dame , die abgereist ist , hat nie die Droschken bezahlt , mit denen sie nach Hause kam – die Kutscher schimpften und hielten sich an mich . Auch den Leuten , die die gekauften und bestellten Sachen brachten , hab ' ich das Trinkgeld zahlen müssen . Ich hab ' mich auch nicht geweigert , denn ich dachte immer , das gehöre mit zu der Gastfreundschaft . – Nun hab ' ich vorhin der Gnädigen den Zettel vorgelegt , aber sie sagt , das gehe sie gar nichts an . « » Das ist richtig . In derartigen Dingen haben Sie sich an meinen Diener Jack zu wenden . « Er kraute sich mit einem impertinenten Lächeln hinter dem Ohr . » In dem Schwarzen seiner Hand hab ' ich noch keinen Pfennig gesehen , « sagte er stockend in gemachter Verlegenheit ; » und mein Grundsatz ist immer , lieber gleich vor die rechte Schmiede zu gehen . « Donna Mercedes preßte die blaß gewordenen Lippen aufeinander , und ein tiefer , schwerer Atemzug , als kämpfe sie mit Erstickungsnot , hob ihre Brust . Sie schloß schweigend einen Kasten im Aufsatz des Schreibtisches auf und zog ihn heraus – er war bis an den Rand mit Goldstücken gefüllt . » Nehmen Sie , was Ihnen zukommt ! « sagte sie kurz und zeigte auf das Gold – um keinen Preis hätte sie diesem Menschen Geld hinzählen mögen . Er prallte bestürzt zurück , als fahre ihm eine Flamme aus dem märchenhaft reichen Kasten entgegen . Er hatte eben noch boshaft angedeutet , daß er keinen Pfennig in der Erdgeschoßwohnung vermute , und nun blinkte ihm da eine nie gesehene Goldmasse entgegen , so sorglos und nachlässig verwahrt , daß er sich selbst eingestand , die Dame müsse von Jugend auf in Nabobsgewohnheiten erzogen sein . » Aber , gnädigste Frau , das kann ich doch unmöglich ! « stotterte er fassungslos – seine Bedienten-Aufgeblasenheit sank kläglich zusammen . » Nehmen Sie ! « wiederholte sie , und ihre stolzen Brauen falteten sich finster . Er trat scheu auf den Zehen heran und nahm mit so spitzen Fingern , als fürchte er sich zu verbrennen , ein Goldstück heraus . Dann zog er schleunigst sein Portemonnaie aus der Tasche . » Meine Auslagen betragen nicht so viel – gnädigste Frau bekommen über die Hälfte zurück , « sagte er und schickte sich an , schmutziges Kleingeld auf die Tischplatte , nahe vor dem Bilde des » armen Valmaseda « , des ehemaligen Krösus von Südkarolina , hinzuzählen . Donna Mercedes hob den Arm und